Montag, 20. Januar 2014

Dear Reader, Frankfurt, 19.01.14


Konzert: Dear Reader (& Lost Lander)
Ort: Brotfabrik, Frankfurt
Datum: 19.01.2014
Dauer: Dear Reader 90 min, Lost Lander 35 min
Zuschauer: 250 bis 300 vielleicht



Schon wieder Dear Reader? Die hast Du doch schon zigmal gesehen! Warum denn schon wieder hin? Kommt doch auch ein Tatort!

Also das ist nun wirklich einfach zu beantworten:

1. Dear Reader sind lustiger!


"Wie nennt man einen Labrador, der Zaubertricks kann?" fragte Trompeterin Emma in der Pause vor Great white bear, nachdem Sängerin Cherilyn erklärt hatte, daß sie die Hintergrundgeschichte des Songs nicht mehr erzählen werde. Und wie nennt man den zaubernden Hund? "Einen Labrakadabrador!" Geiger Sam wollte sich da nicht lumpen lassen. "Und wie nennt man einen Labrador, der keine Zaubertricks kann?" - "Labrador!"

2. Dear Reader haben das bessere Vorprogramm (Tagesschau vs. Lost Lander)!


Lost Lander aus Portland sind zum ersten Mal in Deutschland. Die Band, deren Debüt DRRT wie das erste Dear Reader Album von Brent Knopf (Ex-Menomena; Ramona Falls*) produziert wurde, trat heute nur als Duo auf. Die anderen beiden Musiker (Bassist Dave Lowensohn und Schlagzeuger Patrick Hughes) wurden von Keyboarderin Sarah Fennell ersetzt. Mit der rechten Hand spielte Sarah Keyboard, mit der linken trommelte sie - und Bass spielte sie vermutlich auch noch. Und weil das eine Musikerin aus der Heimatstadt so vieler großartigen Bands noch nicht auslastet, begleitete Sarah Sänger und Gitarrist Matt Sheehy auch immer wieder beim Gesang. 


Lost Lander spielten Songs von ihrem Album, drei neue Stücke (die Band arbeitet an der zweiten Platte) und ein Solostück von Matt (bzw. von dessen Projekt Tigerphobia). Es dauerte keine Minute, um mich restlos in Lost Lander zu verlieben. Schon Trough your bones war phänomenal schön - vermutlich das tollste Lied des Sets. Aber auch der Rest, die Single Cold feet, die drei neuen Stücke vom kommenden Album, das fabelhafte Afraid of summer ("I'm afraid of summer cause you know I can't swim") und das Duett Go missing am Ende waren so extrem hörenswert, daß ich mich jetzt schon ärgere, daß Lost Lander vermutlich eine Weile brauchen werden, um wieder nach Deutschland zu kommen.


"Besseres Vorprogramm?" Quatsch! Sensationelles Vorprogramm!

Setlist Lost Lander, Brotfabrik, Frankfurt:

01: Through your bones
02: Walking on a wire (neu)
03: Thunder Clap (neu)
04: Never go easy (neu)
05: Cold feet
06: Afraid of summer
07: Go missing (Tigerphobia Lied)

3. Dear Reader sind abwechslungsreicher als jeder Tatort!


Was kann an einer Band, die ich bereits zehnmal (ich hatte noch Schlimmeres befürchtet!) gesehen habe, noch abwechslungsreich sein? Ein paar neuere Lieder, aber sonst?


Nun, Dear Reader machen es einem leicht, viele Konzerte zu sehen. ohne ein Sättigungsgefühl zu bekommen. Nach dem Auftritt von Cherilyn MacNeil und Sam Vance-Law beim tollen Phonopop-Festival im vergangenen Sommer in Rüsselsheim, habe ich einmal eine Chronik erstellt, in welchen unterschiedlichen Band-Konstellationen ich Dear Reader schon gesehen habe. Von der (fast) Urbesetzung mit ihren Landsmännern Darryl und Michael (der kam später dazu) über die Aufstellung mit den schwedischen Musikern der Band Marching Band als Partnern bis zum Duo in Rüsselsheim. Als Gastmusiker hatte ich u.a. Martin Wenk von Calexico, mehrere Mitglieder von Get Well Soon oder Brent Knopf erlebt. Die Gefahr, zwei ähnliche Dear Reader Konzerte zu sehen, läuft nur der, der mehrere auf einer Tour guckt. Ansonsten gilt bei jedem Auftitt, daß man nicht weiß, was man bekommt. Nein, falsch. Man weiß, daß man ein vorzügliches Konzert bekommt, man weiß nur nicht wie!


Heute war das Line-Up wieder komplett neu. Cherilyn und Sam wurden von Thomas Fietz am Schlagzeug, Alexander Vinne am Bass und der wundervollen Emma Greenfield an Trompete und Gitarre begleitet. Natürlich bedeuten solche Änderungen in der Band auch immer anders arrangierte Stücke (es sei denn, einer spielt alle anderen Instrumente selbst, so wie Sarah bei Lost Lander). Da ich die Rivonia Tour bisher nur halb (beim Phonopop) erlebt hatte, waren mir die meisten Versionen der Stücke von der dritten Dear Reader Platte neu. Auch wenn mir die abgespeckten Duo-Varianten in Rüsselsheim schon sehr gefallen haben, entfalteten einige Stücke mit Trompete, Bass und Schlagzeug erst ihre volle Wirkung! Am meisten profitierte aber das nach Chumbawamba klingende A capella Lied Victory von der großen Band. Auf Platte ist Victory schön, live von fünf Stimmen gesungen sensationell! 


Auch Bend mit zwei Gitarren war außergewöhnlich schön. Das Lied ist schon immer mein Liebling, und nicht nur meiner, sonst spielte Cherilyn es nicht als letzte Zugabe, mit zwei Gitarren (Cherilyn und Emma) hatte es noch eine Portion Extra-Pfiff! Bei einem anderen alten Liebling war die Trompete wunderbar (Dearheart / wieder Emma). Aber es waren nicht die alten Stücke, die mir so viel Freude gemacht haben, es waren vor allem die von Rivonia! 

Und die Frontfrau!


Cherilyn hat neben all ihren musikalischen Talenten auch bei der Verteilung des Charmes ziemlich oft die Hand gehoben. Sie lächelt und lacht viel und ihre Erklärungen der Songs machen fast gleich viel Spaß wie die Lieder selbst. Heute war sie in außerordentlicher Erzähllaune. Nachdem sie gerade den Hintergrung zu Good hope erklärt hatte, fragt ein Zuschauer, wovon denn das erste Lied 27.04.1994 handele. "Das habe ich noch nie erzählt, da muß ich etwas ausholen." Im April 1994 fand die erste allgemeine, freie Wahl in Südafrika statt. Cherilyn beschrieb, daß es in dem Stück darum ging, wie sich weiße Südafrikaner und ihre Bediensteten, die erstmals wählen durften, nah und gleichzeitig fern waren. Sie waren fast Teil der Familie, allerdings nicht Teil der Gesellschaft, was erst die Wahl änderte.

Einmal in Erzähllaune war sie nicht zu stoppen. "Das habe ich auch noch nicht erzählt. Es ist aber eine längere Geschichte!" - "Wir haben Zeit!" - "Na gut!" oder "Normalerweise sage ich bei dem Lied, guckt bitte bei google nach, wovon es handelt." So erfuhren wir, daß Took them away von der Enttarnung der Liliesleaf Farm des Arthur Goldreich handelt, auf der sich Funktionäre des ANC als Landarbeiter getarnt trafen und ihre Untergrundaktivitäten planten. George, der Nachbarjunge, beobachtete, daß sich dort Menschen unterschiedlicher Hautfarbe trafen und besprachen und meldete dies seinen Eltern. Dies führte zu Verhaftungen der Führung des militärischen Arms des ANC. They took them away erzählt dies aus Georges Perspektive.


Auch die Geschichte von ihrem Ur-Ur-Großvater Albert, der Anwalt war und gemeinsam mit dem ebenfalls in Südafrika als Anwalt tätigen Mahatma Gandhi arbeitete und Ende des 19. Jhd. auf eine Reise ging, während der Gandhi eine Übernachtung in einer Unterkunft ufgrund seiner Hautfarbe verweigert wurde. Cherilyns Ahne bot Gandhi an, mit in seinem Bett zu übernachten. "Ich weiß nicht, wie ein Ur-Ur-Großvater war, ob er ein Rassist war, aber diese Episode lässt mich hoffen, daß er ein guter Mensch war." Und dann habe sie sich vorgestellt, ob die beiden am rechten und linken Rand des Bettes geschlafen oder ob sie sogar gekuschelt hätten. "'Löffelchen gemacht', sagt man" half die Engländerin Emma vollkommen akzentfrei aus.

Es war durch und durch wundervoll mit Dear Reader und Lost Lander. Und obwohl mir so vieles schon neu war, kam auch noch ein Lied, das ich gar nicht kannte. Die erste Zugabe war nämlich Left the ground, ein Bonustitel bei iTunes, den Emma und Cherilyn gemeinsam sangen. "Wir sind die Spice Girls. Can I be Sporty Spice?" fragte die englische Trompeterin. "Ich will keine von denen sein." - "Doch, du bist Cherry Spice!"

Setlist Dear Reader, Brotfabrik, Frankfurt:

01: 27.04.1994
02: Down under, mining
03: Dearheart
04: Mole (Mole)
05: Good hope
06: Man of the book
07: Whale (BooHoo)
08: Took them away
09: Cruelty on beauty
10: Victory
11: Already are
12: Great white bear
13: Monkey (You can go home)

14: Left the ground (Z)
15: What we wanted (Z)
16: Bend (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Dear Reader, Berlin, 01.01.14
-
Dear Reader, Rüsselsheim, 13.07.13
- Dear Reader, Freiburg, 21.05.13
- Dear Reader, Stuttgart, 13.05.13
- Dear Reader, Freiburg, 13.11.12
- Dear Reader, Düsseldorf, 04.10.12
- Dear Reader, Düsseldorf, 04.10.12
- Dear Reader, Mannheim, 19.05.12
- Dear Reader, Wiesbaden, 24.01.12
- Dear Reader, Paris, 18.01.12
- Dear Reader, Weinheim, 15.09.11
- Dear Reader, Frankfurt, 11.09.11
- Dear Reader, Wien, 08.10.09
- Dear Reader, Marburg, 06.10.09
- Dear Reader, Düsseldorf, 28.09.09
- Dear Reader, Haldern, 15.08.09
- Dear Reader, Berlin, 07.08.09
- Dear Reader, Paris, 06.05.09
- Dear Reader, Nijmegen, 25.04.09
- Dear Reader, Köln, 18.04.09
- Dear Reader, Paris, 19.02.09
- Dear Reader, Köln, 12.02.09



* Ramona Falls waren auch bereits Dear Reader Support



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