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Donnerstag, 25. August 2016

Haldern, 2 Festivaltag, 12.08.16

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Konzert: Haldern Pop Festival 2016, 2. Festivaltag mit dem Stargaze Orchestra, Money, Gogo Penguin, Drangsal, Arthur Beatrice, Glen Hansard, Lapsley, Loney Dear und vielen anderen
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 12.08.2016 




Am 2. Festivaltag kam ich nur schwer aus den Federn, aber ich hatte noch ein ganz anderes Problem. Mein Bed and Breakfast lag in Borghees bei Emmerich und somit fast 25 km von Haldern entfernt. Weil ich extrem spät gebucht hatte, bekam ich nichts mehr in Festivalnähe und muste deshalb eine weite Anreise zum Gelände in Kauf nehmen. Hinzu kam, dass der Zugverkehr zwischen Emmerich und Haldern pünktlich zum Festival eingestellt worden war (machten die das extra ?) und man auf Busse ausweichen musste. Ein äusserst pampiger Busfahrer (wo war die legendäre niederrheinische Freundlichkeit geblieben ?) kutschierte mich erst nach Rees und dann 15 Minuten mit einem anderen Bus nach Haldern. Bis ich endlich gegen 14 Uhr 30 ankam, waren die Stargazer mit ihrem David Bowie Special fast durch aber ich hatte das Glück noch zwei wirklich wunderbare Coverversionen zu hören, erst von Let's Dance, dann von Starman.  Den Gastauftritt von Lokalgrösse Stefan Honig hatte ich aber verpasst, der spielte nämlich am Anfang einen Song (Ashes To Ashes) mit dem Ensemble. 


Nach dem Ende des Bowie Specials hatte ich geplant, in der Kirche mit dem Programm weiterzumachen, aber die nun angesetzte Belgierin Melanie De Biasio liess wirklich sehr lange auf sich warten. Insgesamt eine Stunde harrte ich zusammen mit vielen anderen Leuten vergeblich vor der Tür aus, dann gab ich es auf und begab mich zu Fuss zum Spiegeltent, indem nun der Brite Money mit seiner wehklangenden Stimme verzweifelt-schöne Songs performte. Er spielte in kurzen Hosen, hatte unter anderem eine charmante Cellistin und eine Violonistin in seiner Band dabei und liess ein wenig den versoffenen Künstler raushängen. Gleich mehrfach sprach er leicht lallend über Alkohol und Alkoholismus, prostete den Leuten grinsend mit seinem Bierbecher zu und stellte sich desöfteren demonstrativ vorne an den Bühnenrand. Passend dazu schmetterte er den Song A Cocaine Christmas and an Alcoholic's New Year.



Money war (und ist) stimmlich durchaus mit Villagers vergleichbar (das Verletzliche, Sehnsüchtige, Weinerliche), aber während bei Villagers vor genau einem Jahr an gleicher Stelle volle Hütte (bzw. volles Zelt) war, hatte man hier und heute überraschend viel Bewegungsfreiheit. Möglicherweise zogen es einige Festivalgäste vor, draussen die endlich strahlende Sonne zu geniessen, um das Regendesaster des Vortages weitgehend vergessen zu lassen. Melancholiker wie ich aber weilten im Zelt und liessen sich von fragilen Stücken wie You Look Like A Sad Painting On Both Sides Of The Sky, welches die berühmte Pariser Blogothèque erst kürzlich live gefilmt hatte, "deprimieren".


Etwa 40 Minuten spielte Money getragenes und fast klassisch instrumentiertes Songmaterial, dann war Schluss und auch ich stürmte raus in die Sonne.


Auf der Hauptbühne spielten jetzt GoGo Penguin, eine rein instrumentale Jazztruppe mit Piano , Kontrabass und Schlagzeug. Bandleader schien der gut im Futter stehende  Kontrabasser zu sein. Zumindest war er es, der die Ansagen machte und auch durchklingen liess, dass ihr Album bei dem legendaren Blue Note Label erschienen sei. Neben Jazz gab es aber auch Anklänge von Trip Hop und klassischer Musik und selbst wenn ich aus Manchester Formationen wie Joy Division, I am Kloot oder The Chameleons bevorzuge, liess mich das Konzert der drei Briten dennoch neugierig werden. Eine gute Abwechslung.

Ich lief nun rüber zum Spiegelzelt wo der Deutsche Max Gruber alias Drangsal spielte. Endlich mal ein New Waver dachte ich mir erwartunsgfroh, aber nachdem ich ein paar Stücke (auf englisch) von ihm gehört hatte, war die Euphorie auch schon verpufft. Er sang mit Robert Smith-Gedächtsstimme und klang mehr wie ein Plagiat alter britischer Post Punk Helden der frïhen 1980er als etwas Neues. Brachialpop kann man auf seiner Facebook Seite lesen, auf der er fast 10 000 Fans hat. Mich konnte der am Ende mit nacktem Oberkörper auftretende tätowierte Blondschopf nicht als Neufan hinzugewinnen und warum erzählte er überhaupt, dass ihm seine Freudin neue Birkenstock geschenkt hatte ? So was Uncooles verschweigt man doch eher.



18 Uhr 30, Zeit mal wieder auf der Hauptbühne vorbeizuschauen. Dort traten nämlich nun die Amerikaner Algiers auf. Die jungen Kerle aus Atlanta hatte ich bereits einmal in Paris in einem Clubkonzert gesehen. Ihre Mischung aus Gospel, Bluesrock und Post Punk hatte mir unter dem Strich durchaus gefallen, aber genau wie nun in Haldern ging mir die kratzige Stimme des völlig überdrehten Sängers und Gitarristen Franklin James Fisher irgendwann ziemlich auf die Nerven. Man hatte das Gefühl er würde um sein Leben kämfen, so zornig und aufgepeitscht wie der war. Dem Publikum schien es mehrheitlich zu gefallen, was der Bandleader mit dem Satz "Germany you have always been good to us" honorierte.


Zurück zum Zelt, wo nun Walking on Cars aus dem malerischen Dingle in Irland aufspielten. Sehr catchy und eingängig ihre oft von einer Fiddel begleiteten Songs, aber ihr ein wenig an Bands wie die Waterboys oder Dexy's Midnight Runners erinnernder Sound war mir etwas zu simpel und gefällig gestrickt um mich wirklich zu begeistern. 



Ich ging ziemlich bald rüber zur Hauptbühne wo nun Michael Kiwanuka mit seiner Band bereit stand. Die ersten zwei Songs klangen sehr atmosphärisch und spannend und liessen mich etwas an Pink Floyd denken, dann aber verflachte das Set und wurde mir zu beliebig. Stimmlich und handwerklich konnte man schwerlich über Kiwanuka lästern, aber mir war das Meiste doch zu radiotauglich und die Mitsingnummern die gegen Ende kamen brauchte ich auch nicht.


Schnell rüber ins Zel also zum Set von Arthur Beatrice, die ich vor gut 4 Jahren für mich beim südfranzösischen Midifestival entdeckt hatte. Damals glaubte ich beim Lesen des Namens an einen französischen Chansonier und nicht etwa an eine junge britische Band. Als ich sie aber gesehen hatte, war ich beeindruckt und einige Zeit danach sah ich sie erneut und zwar im Spiegelzelt zu Haldern. 3 Jahre später nun also erneut Arthur Beatrice im Tent, aber dieses Mal sang nur die charmante Sängerin Ela Girardot und nicht wie damals auch noch ein Herr mit tiefer Stimme. Dies entzog dem Set ein wenig die Abwechslung, denn es war gerade das wechselseitige Spiel der wunderbar kontrastierenden Stimmen, die dem Ganzen noch mehr Würze und Abwechslung verabreicht hatten. Und nicht nur das, zudem klang heuer auch der Sound weniger wavig und stattdessen mehr soulig-jazzig. Aber natürlich war da immer noch die phantastische Stimme von Ela Girardot (bitte keine Vergleiche zur grässlichen Florence Welch anstellen!), die zudem durch Bühnenpräsenz und Eleganz (das stilvolle weisse Kostüm!) glänzte. 


Man sollte die vier Londoner weiterhin im Auge behalten, auch wenn mir das zweite Album Keaping The Peace, auf dem inzwischen der Schwerpunkt liegt, etwas weniger zusagt als das erste.

Ich musste nun aber schnell zu Glen Hansard rüber, der zusammen mit den Stargazern die Hauptbühne eingenommen hatte.


Viele kannten und liebten Hansard, aber ich selbst war hinsichtlich seine Oeuvres eher unbeleckt. Vor einer ganzen Weile hatte ich mir mal ein Album des Iren zugelegt, es aber nicht oft gehört, weil es mir zu schmusig und gefühlsduselig war. Letztlich bestätigte sich auch dieser Eindruck bei der Liveshow in Haldern, die aber objektiv betrachtet herausragend war. Denn es wurde so ziemlich alles geboten, was sich das Publikum von einem feierlichen Auftritt auf der Hautptbühne erhoffte, als da wären: ein charismatischer Sänger, Streicher, Frauenchöre, Gastduette und viel Herz- Schmerz. Das volle Programm!

Dirk Langen hatte ja bereits ausführlich hierzu berichtet, so dass ich an dieser Stelle abkürze und sofort zu Lapsley komme.

Genau wie Arthur Beatrice zuvor hatte auch Lapsley bereits schon einmal in Haldern gespielt und dennoch ist sie gerade einmal 20 Jahre alt. Gut möglich, dasss die blonde Soulsängerin hier in den nächsten Jahren das halbe Dutzend voll macht und zum Liebling avanciert. Mein Fall war die Musik von Holly Fletcher trotz technisch brillanter Stimme aber nicht. Elektronischer Nu- Soul wie er zur Zeit im Vereinigten Königreich ist nämlich nichts, was mein Herz höher schlagen lässt und so eilte ich schon nach etwa 3 gehörten Liedern zur Hauptbühne um Loney Dear zu bewundern.


Loney Dear die Zweite also! Nach seinem Auftritt am Vortage in der Kirche nun also die Krönung zum König auf der Hauptbühne. 


Zweifel ob ich mich erneut begeistern lassen könnte, waren schnell weggewischt. Die Sets waren nicht identisch, die Akustik war ganz anders (die Stargazer waren heute nicht dabei) und es wurden auch mehr Stücke auf der Main Stage als zuvor in der Church gespielt. Man sah also keineswegs zwei Tage hintereinander genau das gleiche Konzert und wer richtiger Fan war, durfte eh keinen der Auftritte verpassen. Zumal diesmal neben einem Bassisten, einem Drummer, einem Keyboarder auch nun die Percussionistin, Akkordeonistin und Keyboarderin Susanna Odell mit dabei war und für noch grösseren (schliesslich gab es auch die vielen Mädels vom Cantus Domus) weiblichen Charme sorgte. Ich hatte das Glück bei den ersten drei Songs im Fotograben knipsen zu dürfen und kosteste diese schöne Gefühl voll aus. Das hatte schon was, da ganz vorne zu stehen und fast von den Kameras des WDR umgeremplet zu werden! Wie feierlich das Ganze schon wieder klang! Wie glücklich und erfüllt die Musiker aussahen! Wieviel Sensibilität da rüber kam! Es war irre!


Gespielt wurden erneut nagelneue unveröffentlichte Stücke und ein paar Klassiker. Saturday Waits kam ziemlich weit vorne und bezauberte wie eh und je und auch Violent stach hervor, der Titel klang sehr intim. Ein paar Pannen gab es auch, ein Tambourin ging zu Bruch, aber mit seiner nonchalanten und sympatischen Arrt meisterte Emil auch dieses kleine Problemchen souverän.

Von den neune Sachen waren von gestern noch Dark Lights und besonders Hulls präsent. Wenn die Studioaufnahmen so gut werden wie die Livedarbietung dürfte dieses Album eines der stärksten in einem ohnhein schon exquisiten Katalog werden!

Setlist Loney dear, Mainstage Haldern:

01: There Are Several Alberts Here
02: Pun
03: Saturday Waits
04: My Heart
05: Lilies
06: Airport Surroundings
07: Violent
08: Dark Light
09: Young Hearts
10: Ignorant Boy, Beuatiful Girl
11: Hulls

Loney Dear war gegen 24 Uhr durch aber eigentlich ging es musikalisch in Haldern noch ein wenig weiter. Da ich aber öffentliche Verkehrsmittel benutzen wollte (musste), hetzte ich wie ein verfolgtes Tier Richtung Bahnhof, nur um festzustellen, dass ich den letzten Zug (der ohnehin nur bis Empel-Rees gefahren wäre) verpasst hatte. Mir blieb nichts anderes übrig als erneut ein teures Taxi zu nehmen. Verflucht! Aus Knauserigkeit bat ich aber den Taxifahrer mich früher rauszulassen, was ich später bitter bereuen sollte. Ich sparte zwar ein paar Euros, verlief mich aber auf dem Weg zu meinem Bed and Beakfast in stockfinsterer Nacht und irrte wie ein Narr durch die schwarzen Wälder an der holländischen Grenze. Nur duch Zufall und erst gegen 4 Uhr morgens fand ich schliesslich meine Unterkunft in Borghees...

Was für ein Tag!



Mittwoch, 24. August 2016

Haldern Pop Festival, 1. Festivaltag, 11.08.16

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Konzert: Haldern Pop Festival, 1. Festivaltag mit Loney Dear, This Is The Kit, Damien Rice, Gloves, Elias, Amber Arcades, The Besnard Lakes, Lea und vielen anderen
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 11.08.2016


Fotos: alle Oliver Peel  bis auf Loney Dear: Michael Graef


Mit dem Bus zum Haldern Pop! Und zwar von Paris (!!) aus! Ich fragte mich während der 7stündigen Fahrt (nach Leverkusen) schon ab und zu, wie ich auf eine solch verrückte Idee gekommen war. Aber wenn man die Anreise so spät plant wie ich in diesem Jahr, muss man schon ein wenig erfinderisch sein, um Geld zu sparen und notgedrungen Strapazen in Kauf nehmen. Züge waren viel zu teuer, Fliegen kam kurzfristig auch nicht in Frage, also blieb der Flixbus. Und die Reise lief letztlich erstaunlich entspannt, denn ich sass glücklicherweise neben einem netten Kölner Mädel mit dem ich mich angenehm unterhielt. So verging die Zeit  letztlich wie im Fluge und ich kam guter Laune spätabends in Leverkusen an, wo mich freundlicherweise mein Mitblogger Dirk abholte und mich anschliessend auch bei ihm in Mönchengladbach  beherbergte. 


Zusammen mit seinem Kumpel Michael machten wir uns dann am Donnerstag morgen auf den Weg nach Haldern. In Mönchengladbach sah das Wetter am Vormittag noch sonnig und freudlich aus, aber je mehr wir uns dem Niederrhein und Haldern näherten, umso schwärzer wurde der Himmel. Zu Beginn des Festivals gegen 15h regnete es dann bereits leicht und in der Folge sogar stark. Anfänglich machte mir das nicht viel aus, da ich zwischen Konzerten in der Kirche und der Bar hin und her pendelte, aber als es später über die wundervolle Alleenstrasse an Maisfeldern vorbei zum Spiegelzelt und der Hauptbühne ging, störte der Regen doch irgendwann massiv. Als dann gegen 21 Uhr 30 Uhr Elias spielte, war meine Laune ob der dargebotenen cheesigen Musik, meiner extremen Müdigkeit und des Dauerregens auf dem Nullpunkt. Weil ich Kräfte für die nächsten 2 Tage sparen wollte, entschied ich mich aus dem Bauch heraus auf die interessanten Kanadier Besnard Lakes und sogar den Headliner Damien Rice zu verzichten. Bei mir lief einfach nichts mehr zusammen und ohne Gummistiefel im Morast des Haldener Waldgeländes zu stehen und bis 1 Uhr 30 auszuharren, schien mir abschreckend. Hinzu kam, dass meine Pension "jwd" war, genauer gesagt 25 Kilometer entfernt und in einer Nachbargemeinde von Emmerich ("wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", oder so, gell ?).


Im Lauf des Nachmittages hatte ich aber ein paar sehr schöne Konzerte gesehen, die mich mit Glück und Dankbarkeit erfüllten. This Is The Kit möchte ich hier mal an erster Stelle nennen! Die in meiner Wahlheimat Paris lebende Britin Kate Stables, die hinter dem Pseudonym steckt, hatte ich bereits ein paar Stunden vor ihrem Auftritt in der Nähe der Maisfelder zufällig getroffen. Sie war gerade zusammen mit ihrer Mitmusikerin Rozi Plain auf dem Weg zum Hotel Doppeladler wo die beiden untergebracht waren. Kate erzählte mir, sie habe seit Montag bereits mit den Stargazern intensiv geprobt, um ein paar  ihren Lieder in einem neuen, klassisch-orchestralen Gewande zu präsentieren. 


Das Konzert fing um 18 Uhr 40 an und hielt vollkommen meine hohen Versprechungen. Das vorbildlich leise Haldener Publikum sah in der Kirche ein feierliches, charmantes und naturbelassenes Konzert, welches perfekt zu dem wundervollen Rahmen passte. Die Lieblichkeit der Stimme von Kate gepaart mit dem Damenchor liess einen wirklich oft an Engel denken. Miss Stables hat bereits 3 Alben auf ihrer Habenseite (das letzte wurde von einem der Dessner Brüder von The National produziert), aber das in Haldern gespielte Material war neu und unveröffentlicht. So kam auch ich, der This Is The Kit schon etwa 15 Mal live gesehen hatte, in den Genuss neuer Töne, die einmal mehr die Exzellenz der Dame aus Winchester unter Beweis stellten. Die Stücke hat sie dieses Jahr schon ein wenig auf Festivals und in Clubkonzerten getest und sie hiessen unter anderem Ticks oder Moonshine Freeze und reihten sich nahtlos ein in das wundervolle Repertoir der Folkeuse, das vor intimen und berührenden Liedern nur so strotzt. Kate Stables hatte mit Rozi Plain und ihrem kahlköpfigen Gitarristen nur 2 Bandmitglieder dabei, aber durch die Truppe von Stargaze ergänzt, standen so viele Musiker wie nie zuvor mit ihr gemeinsam auf der Bühne.



Gespielt wurden schliesslich nur 6 Lieder, aber die hatten es in sich und ich bin sicher, dass Kate wieder neue Fans hinzugewonnen hat, Guy Garvey von Elbow ist bereits glühender Anhanger und Matt Berninger von The National auch. Wenn das keine Referenzen sind!

Setlist:

2 Pence
Thieves
Moonshine Freeze
Ticks
Numbers 
Hotter colder 


Nach This Is The Kit war es erste Bürgerpflicht, in der Kirche zu bleiben. Schliesslich spielte nun Halderns liebstes Kind auf, der Schwede Emil Svanängen alias Loney Dear. Der feinfühlige Singer Songwriter kommt nun schon seit etlichen Jahren an den Niederrhein aber zuletzt war es bedrohlich still um den Sänger mit der Kopfstimme geworden. Bisweilen dachte ich gar an ein Karrierende. Zum Glück erwiesen sich solche negativen Gedanken aber als abwegig und als ich Emil bereits mittags mit dem Fahrrad vor der Haldern Pop Bar sah, war ich erleichternd und erfreut festzustellen, dass es ihn noch gab. Bart und Bauchumfang sind bei ihm im Vergleich zu früher etwas gewachsen, aber sein neuer Look verleiht im Würde und Eleganz, er erinnerte mich auch an John Grant von den Czars. 

Und Emil zitierte im Laufe seiner Show noch mehr Musiker auf die Bühne als zuvor This Is The Kit, denn bei dem abschliessenden absolut wundervollen Beautiful Girl Ignorant Boy hatte er nicht nur das Stargaze Orchester sondern auch den Cantus Domus Chor als Verstärkung mit dabei. Emil selbst spielte Klavier, sang mit perfekter Falsettstimme, während ein Dirigent den "Namanamana-Chor" dirigierte und die klassischen Musiker den Raum mit himmelhochjauchzenden Klängen erfüllten.

Das war nicht lediglich das Abspulen eines alten Albumtitels, sondern eine komplette Neuinterpretation mit völlig neuem Arrangement, langen Instrumentalpassagen und traumhaften klassischen Tönen, äusserst subtil und geschmackvoll interpretiert.

Aber auch die Stücke die zuvor performt worden waren hatten es in sich. Berührende Klassiker wie My Heart oder Violent wurden zum Besten gegeben, aber auch meiner all time Favoriten I love you (in with the arms). Die Schmonzette klang noch genauso atemberaubend intim und nahegehend wie eh und je und ich fragte mich, wie ich es so lange ohne ein Livekonzert von Loney Dear ausgehalten hatte.

Schliesslich kamen auch Neulinge nicht zu kurz, denn es sollte ja auch einen Vorgeschmack auf das neue, bald erscheinende Album geben.

Erwähnt werden soll hier (neben Dark Light) stellvertretend das geniale abschliessende Hulls, das wahnsinnig melancolisch war, von dem Piano, dem Frauenchor und der anrührenden Stimme von Emil getragen wurde. Es war dramatisch, aber nie bombastisch, berauschte durch eine sensationelle Melodie, einen bewegenden Text und eine Feinfühligkeit, die seines Gleichen suchte. Kate Stables bezeichnete Loney Dear hinterher glatt als Genie. Sie hatte ihn ja bei den Proben mit den Stargazern mehrfach getroffen. Svanängen selbst sagte während des Konzertes mehrfach voller Dankbarkeit: "this is so much fun, this is so fantastic".




 


Mit This Is The Kit Und Loney Dear habe ich also die zwei besten Konzerte des ersten Tages (innerhalb derjenigen die ich gesehen habe natürlich) erörtert, bleibt noch der Auftritt der Holländer Amber Arcades zu besprechen, der ebenfalls hervorstach. Die 5 Musiker aus Utrecht spielten bereits um 15 Uhr 30 in der Haldern Pop Bar auf und waren mein erstes Konzert und gleichzeitig mein erstes Festivalhighlight. Begeisternd ihre Melodien, entwaffnend der Charme der kessen blonden Sängerin Annelotte de Graaf, Laune machend ihre Frische und Unverbrauchtheit. Die junge Dame und die vier Herren sorgten  für ordentlich Schwung und eine brechend volle Bar, in die längst nicht jeder reinkam der gerne wollte. Aber man hörte ja auch draussen vor dem offenen Fenster ein wenig von der tollen Musik die drinnen gespielt wurde, wenngleich dies freilich nicht einem echten Konzertgenuss gleich kam. Ich persönlich war gut positioniert, hatte ein Plätzchen weit vorne ergattert und war mittendrin im Geschehen. Hier muste man wirklich dabei sein, denn mit Amber Arcades hatten die Haldern Macher wirklich einen wohlschmeckenden Fisch an Land gezogen und zwar kein banales holländisches Matjesfilet, sondern etwa viel Edleres aus dem Hause Heavenly Records! Shoegaze, Dreampop, Indierock so die Zutaten und selbst wenn diese nicht nagelneu waren, klang doch das Ergebnis nicht wie Wiedergekautes, sondern frisch, sonnig, spritzig und herrlich lässig. Die Spielfreude war den Niederländern anzumerken und besonders Sängerin Annelotte schwärmte von dem Gefühl endlich mal in dieser legendären Pop Bar auftreten zu können in der sie in den Vorjahren schon so viele andere Musiker und Bands live als Festivalbesucher erleben durfte. Besonders in Erinnerung geblieben war ihr der Gig von Josh Pearson vor 4 Jahren, bei dem Josh ihr in seiner etwas bizarren (aber gutmütigen) Art irgendwas Wirres zugeraunt und sie ziemlich durcheinander gebracht hatte.


Neben eigenen Songs des Albums Fading Lines (u.a das herrlich luftig leichte Right Now) spielten Amber Arcades auch ein Nick Drake Cover, Which Will, aber folkig klang hier trotzdem nichts, die Holländer hatten dem alten Stück ihren eigenen popigen Stempel aufgedrückt.

Etwa 40 Minuten Konzert, keine Sekunde Langeweile und etliche gute Songs, mein erstes Konzert beim diesjährigen Haldern Festival hätte kaum besser laufen können!


Ebenfalls in der Bar hatte die deutsche Sängerin Lea (Lea Marie Becker) irgendwann zwischen 17 und 18 Uhr gespielt. Im Jahre 2016 sind Musiker die auf deutsch singen inzwischen eher rar gesät und ausser auf der Hauptbühne erinnere ich mich eigentlich an gar keinen Auftritt in den kleinen Venues in Haldern. Insofern fast ungewohnt mit der Muttersprache bei einem Konzert konfrontiert zu werden. Wie immer kam sofort der Reflex die Texte viel genauer und kritischer unter die Lupe zu nhemen, als dies bei englischen Parolen der Fall wäre. "Nach der Ebbe kommt die Flut, mit der Zeit wird alles gut" (die Segel sind gesetzt), ich bin dein Festland, dein leuchtender Turm, ich bring dich gut aus diesem Sturm". War das jetzt feine Dichtkunst, oder das Aneinanderreihen abgedroschener, hohler Phrasen ?


Stimmlich war das Ganze schon ziemlich hübsch, die junge Blondine mit dem kessen Pagenschnitt hatte ein hauchendes, wehmütiges Organ, das manchmal auch ein wenig energischer wurde und sich in höhere Tonlagen aufschwang. Dennoch hatte ich gemischte Gefühle, denn ihre Art zu singen flirtete auch mit dem Mainstream (bzw dem Schlager?) und drückte bisweilen arg seicht auf die Tränendrüse. Man fühlte sich fast ein wenig genötigt, das jetzt bewegend und berührend finden zu müssen, ähnlich wie in den englischen Vorweihnachtskomödien, die einen förmlich anschreien: "Habe ein Herz, Oliver! Weine jetzt! Das ist doch so romantisch! Spiel nicht den Harten!"

Bei Kennst Du Das? (ein Lied das man in Akustikversionen schon vor 4 Jahren auf youtube finden konnte) hatte Lea mich fast um den Finger gewickelt ("gib mir deine Hand, lass sie mich halten solang ich kann"), die lustige Nummer mit ihrer Tante und dem vergessenen Hund (17 Stunden lang) fand ich hingegen musikalisch etwas flach, obwohl die Story dazu auf tragische Weise amüsant war. Armer Labrador Lilly! 17 (!!) Stunden vor einem Supermarkt vergessen, unfassbar!


Am Ende wusste ich nicht so recht, was ich denken sollte. War das jetzt auf berührende Weise schön, intim und gefühlsecht oder eher seicht, gekünstelt und übertrieben sentimental?


In der Haldern Pop Bar hatte ich an jenem ersten Tag aber auch noch ein paar Schnipsel von einem anderen Konzert gesehen: den Soulsänger Samm Henshaw hatte man mitsamt seiner Band von der Kirche dorthin verlegt, in der er gegen 19 Uhr loslegte. Ein gutaussehender Bursche mit Hut, lässig, ausgestatt mit einer rauchigen Stimme und von so einigen als Geheimtipp gehandelt. Ein talentierter Kerl in der Tat, dessen Konzert ich aber dennoch nach 10 Minuten verliess, weil ich zu Loney Dear in die Kirche rüberwollte.


Und in genau jener Kirche hatte gegen 16 Uhr 30 auch noch ein paar Lieder der Britin Cloves gehört. Stimmlich eine Kreuzung aus Adele, Laura Marling und Lana Del Rey, war sie mir zu soulig-bluesig (eine Folge der Castingshows wie The Voice oder The X -Factor, in denen solche Stimmen immer der Renner sind??), obwohl man ihr ebenfalls Talent attestieren konnte. Sie spielte zusammen mit einem Gitarristen.

Wie oben erwähnt endete mein erster Tag in Haldern im Spiegelzelt nach dem Konzert von Elias. Müdigkeit und die Regenfälle hatten mir den Rest gegeben. Aber es standen ja noch zwei verheissungsvolle Tage bevor...





Dienstag, 14. August 2012

Haldern Pop Festival erster Tag, Rees-Haldern, 09.08.12

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Konzert: Haldern Pop Festival erster Tag, mit Loney, Dear, The War on Drugs, Emanuel & The Fear und vielen anderen
Ort: Kirche, Haldern Pop Bar, Spiegel Tent, Biergarten, Haldern am Niederrhein
Datum: 09.08.2012
Zuschauer: etliche


Auaaaaaahhhhhhhh!! Mein Wadenmuskel ist gerissen! Und dies einen Tag vor meinem geliebten Haldern Pop Festival am Niederrhein. Verflixt und zugenäht!

Die Tragödie ereignete sich am Mittwoch vor dem heißersehnten Großereignis beim Federballspiel in unserem Garten ("Sport ist Mord", Curchill hatte recht!) Zum Glück erwies sich meine Selbstdiagnose als zu pessimistisch und es war lediglich eine wahnsinnig schmerzhafte Wadenzerrung zu beklagen. Die Reise an den Niederrhein konnte ich also antreten, obwohl ich das Autofahren lieber meiner Frau überließ. Wäre aber auch zu bitter gewesen, wenn ich das Haldern Pop dieses Jahr verpasst hätte. Seit nunmehr sieben Jahren komme ich nun Jahr für Jahr nach Rees-Haldern und habe stets ausgezeichnete Festivals in angenehmer und äußerst entspannter Atmosphäre genossen. Da wollte ich doch nicht ausgerechnet die Edition 2012 ausfallen lassen, bei der mit Wilco eine meiner Leiblingsbands als Headliner verflichtet worden war.

Schließlich stand ich am Donnerstag, den 9. August aber auf der Matte bzw. in der Kirche, um mit dem beliebten (und etwas beleibten) Schweden Loney Dear mein persönliches erstes Konzert auf diesem fabelhaften Festival mitzuerleben. Staus und zäher Verkehr auf der Autobahn hatten verhindert, daß wir schon früher ankamen, um noch den feingliedrigen amerikanischen Pianisten Chris Garneau, der vorher aufgetreten war, im prachtvollen Gotteshaus zu Haldern in Aktion zu sehen. Aber so ist das irgendwie jedes Jahr, ständig macht mir der viele Verkehr auf der A 3 einen Strich durch meine Rechnung, quasi jede einzelne Band mitzuverfolgen. Wobei dieser Ehrgeiz ohnehin überzogen ist, denn kein ungedopter Mensch kann alle Gruppen sehen. Neben vereinzelten Parallelansetzungen ist vor allem die eigene Müdigkeit und der umständliche Zugang ins herrliche Spiegeltent dafür verantwortlich. Also alles sehen geht definitiv nicht, da kann man sich anstrengen wie man will und selbst ein Roboter würde an dieser Aufgabe verzweifeln. Es gilt Schwerpunkte zu setzen, die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Wobei schlecht relativ ist, da die ausgezeichneten Programmveranstalter in Haldern jedes Jahr nur ganz wenige Nieten ans Land ziehen. Und Niete ist natürlich relativ und subjektiv zu verstehen, schließlich hat jeder Künstler so seine Meriten.

Das Konzert des farbigen Amerikaners Willis Earl Beal war allerdings definitiv nichts für mich. Mit dunkler Sonnenbrille und wahnsinnig verrauchter und brüchiger Stimme im Stile von Tom Waits rockte der Heißsporn ab 19 Uhr 30 das Spiegeltent, spielte sich damit aber nicht in mein Herz, sondern ließ mich ein wenig ratlos zurück. War ich nicht aufgeschlossen genug für seinen experimentellen und ungewöhnlichen Lofisound, der in New Mexico enstanden sein soll? Und vor allem: hatte ich die richtige Wahl getroffen, nicht zu versuchen, in die völlig überfüllte Haldern Pop Bar reinzukommen, wo zwischen 19 Uhr 15 die senkrechtstartenden Esten Ewert and The Two Dragons ihren melancholischen Baltikum- Folk zelebrierten? Schwer zu sagen. Die Esten hatte ich erst kürzlich bei einem Konzert in Paris kennen- und liebengelernt, mich aber von der Menschenschlange vor der Haldern Pop Bar abschrecken lassen. Zwar kommt man als Pressemensch wie ich in der Regel schneller rein, mit meiner lädierten Wade dicht an dicht neben schwitzenden Menschen zu stehen und kaum die Protagonisten auf der Bühne zu erkennen, erschien mir aber als wenig sexy. Darum also die Flucht ins Spiegeltent zu Willis Earl Beal. Vor lauter Aufregung hatte ich aber dummerweise vergessen, daß ich eigentlich um Punkt acht Uhr A Winged Victory for The Sullen in der Kirche sehen wollte. Verflucht gerne hätte ich nämlich das Erlebnis, ein Popkonzert in einer Kirche zu genießen, vertieft. Der vorher erlebte Auftritt von Loney Dear, der zusammen mit seiner Akkordeonspielerin und Backgroundsängerin Malin geglänzt hatte, war wirklich sehr schön, manchmal geradezu göttlich. Seine umwerfende Falsettstimme war noch in den letzten Winkel des Gotteshauses gedrungen und gerade die hohen Töne schienen die steilen Säulen emporzuschweben. Allein der alte Klassiker Saturday Waits, der mit seiner melancholischen Grundstimmung ein paar Zuschauer zu Tränen rührte, kam in der Kirche perfekt zur Geltung. Aber auch das abschließende Schmuckstück My Heart vom neuen Album Hall Music (von dem auch am Ende das exzellente Calm Down gespielt wurde) ließ wohlige Erinnerungen zurück. Ein ganz zarter intimer Song, der komplex und filigran konstruiert war, fulminante 10 Minuten dauerte und die Songwriterqualitäten des knuffigen Schweden eindrucksvoll unterstrich. Nicht von ungefähr ist der etwas fülliger gewordene Emil Svanängen ein Publikumsliebling in Haldern und hat hier bereits das vierte Mal brilliert.

Aber zurück zu Willis Earl Beal. Der war mit seiner energiegeladenen Show um 20 Uhr 30 fertig und nun konnten die Zuschauer zum erstenmal ein Konzert im neu eröffneten Biergarten mitverfolgen. Eine Freilichtbühne vor dem Spiegelzelt, die sich als idealer Ort fur diejenigen herauskristallisierte, die es leid sind, stundenlang in der Schlange vor dem Spiegeltent zu warten. Hier konnte man sich den sanften Wind um die Nase blasen lassen, die rötlich-gelbe Sonne am Firmament untergehen sehen und ein Königs-Pils (zu bitter wie meine französische Frau urteilte) die Kehle herunterlaufen lassen. Wir hatten sogar einen neuen Cateringstand ausprobiert, an dem es nicht ums Trinken sondern ums Essen ging. Spanferkel wurden hier auf spektakuläre Weise am offenen Spieß gegrillt (Vegetariern verschlug es bei diesem Anblick gewaltig den Appetit!), aber auch Lammfleisch mit Rucola-Salat und weißen Bohnen angeboten. Wir bestellten letztgenanntes Gericht und wurden ob dieser für ein Festival anscheinend außergewöhnlichen Speise ständig angeglotzt (hatten diese indiskreten und saunervigen Glotzer etwa noch nie Lammfleisch gesehen? Kennen die nur gemischten und keinen Rucola- Salat?? Sie guckten wirklich wie Idioten!).

Sei es drum, nach dem Essen (das ingesamt leider nicht so gut schmeckte, wie es aussah), sahen wir uns in Ruhe Emanuel & The Fear aus Brooklyn an und erlebten eine stimmunsgvolle, vielköpfige Band mit Cello, Geige und knarzigen Gitarren. Eine Gruppe mit kulturkritischen und politisch angehauchten Texten, die einen orchestral arrangierten Rock mit Proganklängen zelebrierten und mit dem lockenköpfigen Sänger Emanuel Ayvas einen charismatischen und stimmlich an Nick Cave erinnernden Frontmann zu bieten hatte. Die Arrangements waren ungewöhnlich und oft opulent, ließen sich musikalisch aber schwerlich in nur eine Schublade stecken. Das war Rock, Folk, Progrock, Kammerpop, wobei sich die stilistischen Schwerpunkte je nach Song verschoben. Songs, die im Übrigen überwiegend von dem zweiten Album The Janus Mirror stammten, das am 14. September auf Haldern Pop erscheinen wird und die neugierig machten auf diese spannende Truppe, die bereits zu Beginn dieses Jahres viele Fans in der Haldern Pop Bar begeistert hatte.

Um 22 Uhr 30 stand mein persönliches Highlight des ersten Festivaltages an. Die Rede ist von der au Philadelphia stammenden Band The War On Drugs, die mir vor ein paar Jahren bereits schon einmal live in Paris über den Weg gelaufen war. Damals hatte ich mich an dem freiheitsliebenden, Americana getränkten Gitarrensound und der nasalen, an Bob Dylan erinnerden Stimme von Sänger Adam Granduciel berauscht und das Konzert in bester Erinnerung behalten. Inzwischen sind ein paar Jahre ins Land gegangen und The War on Drugs haben 2011 mit Slave Ambient ein vielbeachtetes zweites Album auf den Markt gebracht, von dem neben dem Debüt Wagonwheel Blues (2008) so mancher Song hier und heute stammte. Sachen wie Brothers, Comin' Trough und Missiles kamen aber auch wirklich klasse rüber und zeigten die ganze Nonchalance und Lässigkeit des lockenköpfigen Sängers, der mit einer rotglänzenden College Jacke und einer prima aufspielenden Begleitband (natürlich ohne das inzwischen solo startende Gründungsmitglied Kurt Vile) aufgelaufen war. Kaum einmal schaute Granduciel nach oben, fast ständig blickte er auf den Boden und seine Augen waren hinter seiner Mähne fast nie zu sehen. Eine typische Shogeazing-Attitüde also, bei der Kontakt mit dem Publikum weitestgehend vermieden wird. Und Spurenelemente des Shoegazing fanden sich auch in der ansonsten folkrockigen Musik von The War On Drugs. Gerade diese Mischung, gepaart mit psychedelischen, mitunter ausufernden Gitarrenparts, machen und machten den Reiz dieser coolen Band aus, die in Haldern leider ziemlich kurz spielte und lediglich in etwa 8 Lieder abfeuerte (Setlist wird nachgereicht).

Damit war der erste Tag für uns beeendet, denn mit meiner übel schmerzenden Wade und den müden Augen wäre es kein Vergnügen mehr gewesen, noch länger hierzubleiben. Verpasst haben wir somit Charles Bradley und die Apparat Band (Beginn: 0:20 h), von der von Nachteulen hinterher Gutes berichtet wurde.

Fotos folgen!



Mittwoch, 29. Februar 2012

Loney Dear, Wien, 23.02.12

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Konzert: Loney Dear & Bird People
Ort: rhiz, Wien
Datum: 23. 02. 2012
Zuschauer: ganz ok, etwa 70
Dauer: 70 Minuten Loney Dear

Wieso heißt Loney Dear eigentlich nicht Lonely Dear? Und wieso war er bis jetzt noch nie in Wien gewesen? Alles Fragen, auf die man auch bei einem Konzert des Schweden keine Antwort erwarten darf, dafür um einiges Relevanteres: ausgezeichnete Musik etwa oder eine angenehme Atmosphäre.
Am Haldern 2009 hatte ich den Herrn, der ja absoluter Stammgast am gemütlichsten Wochenende des Sommers ist, bereits einmal gesehen - Loney Dear with friends hieß das damals und sinnigerweise verstärkte eine Hand voll Instrumentalisten (darunter auch Patrick Watson) den Schweden und hinterließ einen höchst formidablen Eindruck.

Als ich gegen zehn ins rhiz kam, spielten aber noch Bird People und eigentlich wäre hier der Singular angebracht, denn grundsätzlich ein Kollektiv, war heute nur ein Bird anwesend, der es sich
auf einem Stuhl vor der Bühne mit seiner Gitarre gemütlich gemacht hatte. Seine Darbietung löste ihn mir eher ambivalente Gefühle aus. So gut ich das Material der Band finde, so einschläfernd fand ich heute die gespielten Songs. Der Begriff "psychedelisch" wurde hier wirklich bis zum Anschlag ausgereizt, ein anderer ("dramaturgisch") dagegen völlig außen vor gelassen. Kurzes Fazit: der Single Bird spielte reduzierte Musik auf einer Wellenlänge, auf der ich einfach nicht war an diesem Abend. Vielleicht beim nächsten Mal, eigentlich gefallen mir die veröffentlichten Sachen ganz gut.

Die Umbauphase war sehr kurz, es gab auch nicht besonders viel aufzubauen und so stand Emil Svanängen sehr bald auf der Bühne, ihm zur Seite war eine junge Frau gestellt, Susanna, wie sich noch herausstellen sollte. Der Platz vor der Bühne war gut gefüllt, wenngleich längst nicht voll - gerade so, dass man angenehm stehen konnte und überall gute Sicht hatte.
"I want your name/I want your name next to mine", erklang es dann auch schon in der charakteristischen hohen Stimme Emils, die mich immer wieder nett an die eines Kinderliedes oder einer Zeichentrickserie erinnert.
Dann folgte I was only going out, fast schon ein Klassiker im Repertoire des Skandinaviers, Loney Blues war dann wieder ein neuer Song.

Dann stellte Emil Susanna vor und kündigte an, dass der nächste Song erstmals duetthaft werden würde, Violent nämlich. Gelang auch großartig, einzig die Belüftungsanlage schien Emil zu stören, er versuchte auf mehrere Art, den Techniker zum Abschalten der Anlage zu bringen. In der Tat war diese heute ziemlich laut zu hören, was nicht zuletzt auch an der bewusst geringen Lautstärke Loney Dears lag. Das gelang auch irgendwann, just in dem Augenblick als die U6 über das rhiz ratterte. Emil schmunzelte und verlieh der Linie das Prädikat ("indie"). Nach dem nächsten Song teilte er dann seine Beobachtung mit dem Publikum, wie ähnlich das sanfte Schlagzeugspiel mit Paukensticks und das Geräusch einer 100-Tonnen-Garnitur über den Köpfen sei.

Dann spielte er sich als Multiinstrumentalist und Loop-Künstler weiter durch sein Set aus Klassikern, neuen Songs und (zumindest von mir) zuvor weniger beachteten Perlen, erntete große Zustimmung und Zuneigungsbekundungen aus dem Publikum und gab die eine oder andere Geschichte zum Besten. Von denen ich zwar viele schon wieder vergessen habe, aber der Gesamteindruck ist unverändert: Loney Dear ist kein Entertainer, sondern ein hervorragender Gastgeber, der einfach (und das ist gar nicht so einfach) will, dass sich seine Gäste rundherum wohl fühlen.

Aber irgendwann musste auch Schluss sein, die beiden verabschiedeten sich und verließen die Bühne. Zurück kam nach durchaus heftigem Applaus erstmal nur Emil, der mit Dear John die Glut am Lodern hielt. Wie gut es ihm Wien gefalle, sagt er dann und irgendwie kam er dann auf die Verschiedenheit des europäischen Publikums zu sprechen und vom Hundertsten aufs Tausendste gekommen, fragte er in die Runde, ob denn Franzosen anwesend seien, ansonsten würde er sich mal über diese auslassen (Oliver, du hast das nicht gelesen). Ein frankophoner Jüngling ganz hinten bejahte das und setzte eine ausführlichere Replik dran, die ich nicht verstand. Emil lachte und meinte, dass ihm Franzosen jedenfalls immer noch lieber seien, als Engländer. Woraufhin sich jemand aus England zu Wort meldete, aus Brighton genau, wie sich auf Nachfrage herausstellte. Brighton gelte eh nicht, meinte Emil dann, da dort seine Eltern immer Urlaub gemacht hätten. Ganz fürchterlich seien jedenfalls die Liverpooler...
Er redete sich um Kopf und Kragen und konnte sich mit den geernteten Lachern doch sicher sein, dass jeder diesen Exkurs richtig - nämlich ironisch - verstanden hatte.

Derart zufrieden gab es dann einen Nachschlag, nachdem jeder brav und gern zusammengegessen hatte, Emil rief nach Susanna, die kämpfte sich wieder nach vorne und gemeinsam gaben sie Sinister in a State of Hope zum Besten. Damit endete dann ein sehr kurzweiliger und von positiver Stimmung geprägter Abend, eine Einladung an den Merchandisingtisch folgte noch, und falls jemand kein Geld verdiene, dann ließe sich da doch sicher auch was machen... Ein höchst sympathischer Bursche, dieser Schwede (auch wenn auf seiner Bandpage "rhiz Vienna, Australia" angegeben war), der einfach tolle Musik macht und einen Abend mit guter Laune füllen kann. Es hat definitiv schon Bands mit schlechterem Preis/Leistungs-Verhältnis gegeben! (Beispielsweise zehn Kilometer weiter, Justice im Gasometer *hust*). Tack, Emil!

Setlist Loney Dear, rhiz, Wien:

01: Name
02: I was only going out
03: Loney Blues
04: Violent
05: Young Hearts
06: I am John
07: Harm
08: My Heart
09: Airport Surroundings
10: Saturday Waits

11: Dear John (Z)
12: Sinister in a State of Hope (Z)


Aus unserem Archiv:

Loney, dear, Paris, 27.01.12
Loney, dear, Paris, 19.11.11
Loney, dear, Paris, 03.07.10
Loney, dear, Paris, 02.07.10
Loney, dear, Haldern, 14.08.09
Loney, dear, Paris, 03.03.09
Loney, dear, Paris, 18.01.09
Loney, dear, Köln, 12.11.08
Loney, dear, Haldern, 08.08.08
Loney, dear, Frankfurt, 11.05.08
Loney, dear, Paris, 12.11.07
Loney, dear, Haldern, 04.08.07
Loney, dear, Paris, 15.05.07

Danke für das Bild an David Avazzadeh!

Samstag, 28. Januar 2012

Mo' Fo' Festival, Saint Ouen bei Paris, 27.01.12, mit Loney, Dear u. Radical Face

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Konzert: Mo' Fo' Festival 2012 mit Loney, Dear, Radical Face u.v.a.
Ort: Mains d'Oeuvres Saint Ouen bei Paris
Datum: 27.01.2012
Zuschauer: relativ gut besuchte Veranstaltung
Konzerte von 18 Uh 30 bis 24 Uhr


Och, menno! Verpennt! Da lege ich mich abends noch für 10 Minuten aufs Bett, lese ein wenig und aus den 10 Minuten wird ein 90 minütiger Tiefschlaf. Resultat: ich breche viel zu spät zum Mo' Fo' Festival vor den Toren von Paris auf und verpasse ausgerechnet meinen Liebling Loney, Dear! Aber die Müdigkeit, die ich durch die unzählbaren nächtlichen Konzertbesuche in den letzten 5 Jahren aufgebaut habe, ist nun nur noch schwerlich zu kaschieren und kompensieren. Ich bin oft platt wie 'ne Flunder, ausgelaugt, kraftlos. Eine Runde Mitleid? Nö, ist schon ok. Denn der Spaß, den die Konzertbloggerei nach wie vor macht, wiegt die Nachteile locker wieder auf. Dennoch frage ich mich manchmal, ob es sich wirklich lohnt, so viel Energie in die Sache zu investieren. Fast immer beantworte ich mir die Frage allerdings nach 10 Minuten selbt: ja, es lohnt sich!

Gedanken dieser Art gehen sicherlich nicht nur Bloggern, sondern auch sehr vielen Indiemusikern durch den Kopf. Lohnt es sich wirklich für solch kleine Gagen und solch mickrige CD-Verkäufe durch die ganze Welt zu touren? Massenweise Kraft zu lassen, in schäbigen Hotles, oder im Tourbus zu pennen, ständig müde und ausgepowert zu sein?

Fragen, die sich Emil Svanängen aka Loney Dear sicherlich auch schon gestellt hat. Bei seinem letzten Konzert in Paris hatte er wirklich schwer zu kämpfen. Er war nur mit seiner Backgroundsängerin Susanna erschienen, musste selbst neben der Gitarre die Trommel betätigen und die für ihn ungewohnte Looptechnik verwenden. Dabei unterliefen ihm viele Fehler und er tat mir fast ein wenig leid. Heute in Saint Ouen bei Paris hatte er aber immerhin wieder eine richtige Band am Start. Drummer Ola Hultgren (Ane Brun, Thus:Owls. etc.) war genauso an Bord wie Susanna und ein Bassist. Von dem Set der vier Musiker bekam ich aber durch meine Pennerei auf dem Bett nur noch zwei Lieder mit. Wengistens erklag noch Violent (I knever knew one like you"), eine funkelnde Perle von Dear John (2009), bevor I Dreamed About You das nicht sehr lange (nur 9 Lieder) Konzert beschloß.

Setlist Loney, Dear, Mo' Fo Festival 2012:

01: Name
02: I Was Only Going Out
03: My Heart
04: Everything Turns To You
05: Young Hearts
06: Loney Blues
07: D Major
08: Violent
09: I Dreamed About You




Nach kurzem Umbau nahmen drei Amerikaner die Bühne ein. Ihr Name: Radical Face. Live eine Band, ansonsten aber eher das Projekt des Singer/Songwriters Ben Cooper. Ein kräftiger, erdig wirkender Bursche mit Karohemd, uncoolen Turnschuhen und Beinahe-Glatze. Man hätte ihn bedenkenlos für einen Kanadier halten können, aber er kommt aus Jacksonville, Florida, einer Stadt, zu der er trocken bemerkte: "there are a lot of alligators and old people. That's it actually."

Nun ja, nach dem heutigen Konzert konnte man hinterher gut und gerne sagen: aus Jacksonville kommen blutrünstige Alligtoren, unter Rheuma leidende Rentner mit ordentlich gefülltem Geldbeutel und ... Radical Face! Der Auftritt war nämlich spitze und zwar durchgängig! Wer das 2007 er Album Ghost (erschienen auf dem tollen Berliner Label Morr) kannte, erwartete verhuschten, melancholischen Dream Pop mit folkiger und bisweilen leicht experimenteller (die Geräusche) Note, wurde aber mit einem im Vergleich zur Konserve erfreulich knackigen und indierockigen Auftritt beglückt. Ohne das melancholische Element zu verlieren, gingen die drei Amerikaner beherzt zur Sache und ließen es ab und an richtig krachen. Ben sang auch fester und eindringlicher als auf den Studioversionen und das fetzige Schlagzeug sorgte zusätzlich für Dynamik. Dennoch war das Konzert vor allem eines: nahegehend. Man spürte viel Verletztlichkeit im Gesang und den Texten von Cooper, obwohl er bei den Ansagen zwischen den Liedern immer mal wieder Witzchen machte* und oft lächelte, hatten wir es hier mit einem schwermütigem Zeitgenossen zu tun, der sich durch seine Musik vermutlich selbst therapiert. Weinerliche und gerade deshalb hochgradig tolle Musiker wie Elliott Smith, Bright Eyes oder Villagers kamen einem in den Sinn, aber auch amerikanische Collegerockbands standen Pate für den Sound von Radical Face.

Songtechnisch wurden sowohl Stücke von Ghost als auch von The Family Tree: The Roots und den EPs gebracht. Am stärksten fand ich Winter Is Coming, weil es da einfach alles gab, was das Herz begehrte. Melodica, eine wunderschöne sanft-traurige Melodie, einen gefühlvollen Gesang und furiose Gitarren.



Dabei war das später gespielte Welcome Home der eigentliche Hit (eine folkige Mitsinghymne), für den wohl viele gekommen waren. Aber streiten wir uns nicht, das Konzert war gleichmäßig gut und hinterher brauchte ich unbedingt das mir fehlende Album The Family Tree: The Roots, das es für schlappe 10 Euro am Merch zu erweben gab.


Wo wir wieder bei der eingangs gestellten Frage wären: warum machen Musiker das? Um drei CDs bei einem kleinen Festival zu verkaufen nach Europa zu kommen und eine Gage einzustreichen, mit sie vielleicht gerade ein mittelmäßig prickelndes Hotel bezahlen können? - Weil sie Idealisten sind, genau wie wir Blogger (ich lob mich gerade selbst, habt ihr's gemerkt?). Schön, daß es solche Lebenskünstler gibt, sonst wäre die Welt voller Steuerberater und Anwälte. Oder so.

Setlist Radical Face, Mo' Fo' Festival 2012:

01: A Pound Of Flesh
02: Wrapped In Piano Strings
03: Ghost Towns
04: Black Eyes
05: Doorways
06: Winter Is Coming
07: Severus And Stone
08: Always Gold
09: Welcome Home


* "Mo' Fo' Festival? I thought it meant Mother Focker Festival. But I learned that it stands for More Folk Festival."

Aus unserem Archiv:

Loney, dear, Paris, 19.11.11
Loney, dear, Paris, 03.07.10
Loney, dear, Paris, 02.07.10
Loney, dear, Haldern, 14.08.09
Loney, dear, Paris, 03.03.09
Loney, dear, Paris, 18.01.09
Loney, dear, Köln, 12.11.08
Loney, dear, Haldern, 08.08.08
Loney, dear, Frankfurt, 11.05.08
Loney, dear, Paris, 12.11.07
Loney, dear, Haldern, 04.08.07
Loney, dear, Paris, 15.05.07

Konzerttermine Radical Face:

01.02.2012: Paradiso, Amsterdam (mit Benjamin Francis Leftwich)
02.02.2012: Vera, Groningen
(mit Benjamin Francis Leftwich)
03.02.2012: Prinzenbar, Hamburg (mit Benjamin Francis Leftwich)
04.02.2012: Nordportal, Baden, Schweiz, One Of A MillionMusikfestival
04.02.2012: Roter Salon, Berlin
(mit Benjamin Francis Leftwich)
05.02.2012: Stadtgarten, Köln (mit Benjamin Francis Leftwich)
07.02.2012: Atomic Café, München (mit Benjamin Francis Leftwich)



Sonntag, 20. November 2011

Loney Dear, u.a., Paris, 19.11.11

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Konzert: Loney Dear (Dillon, Oscar & The Wolf)
Ort: La Flèche d'or, Paris Datum: 19.11.2011
Zuschauer: am Anfang recht leer, zu Loney, Dear viele, etwa 400
Konzertdauer: Loney Dear: 50 Minuten die anderen kürzer



Es war fast als würde Emil Svanängen aka Loney, Dear heute noch einmal bei null anfangen. Jener Mann, der mit seiner Band in der Vergangenheit schon im renommierten Pariser Olympia und auf der Hauptbühne des Haldern Pop Festivals geglänzt hatte, kam nur in Begleitung seiner Backgroundsängerin Susanna Johansson (wo war Malin Stahlberg? Sie fehlte mir heute!) aber ohne Drummer oder Bassist und mit reduziertem Instrumentarium. In Socken mühte sich der etwas fülliger gewordene Schwede redlich ab, um seine melancholischen Balladen in die Herzen seiner Zuhörer zu befördern, scheiterte aber mehrfach an Konzentrationsschwächen und stimmlichen Ungenauigkeiten. Ungewohnt oft brach er Songs in der Mitte ab, entschuldigte sich für seine Patzer und setzte laut seufzend erneut an. Statt einer ausgewachsenen Band, benutzte er heute sehr häufig die bei mittellosen Musikern in Mode gekommene Looptechnik, war aber auf diesem Felde noch keineswegs sicher. Ziemlich verzweifelt schaute der lausbubenhafte Schwede deshalb oft ins Rund und man merkte, daß er heute dringend moralische Unterstützung brauchte. Ein paar Fans riefen daraufhin: "Emil, we love you" und der Angesprochene reagierte mit einem: I love you too, that's why I want to make this song to sound better."

Svanängen wiederholte also notgedrungen einige Stücke, konnte sich aber bis zum Schluß nicht richtig freischwimmen und verpatzte auch die abschließende Ballade Dear, John. Allerdings wusste er sich immer zu helfen, improvisierte, baute sogar in Dear John eine kurze Passage von Warm, Dark, Comforting Night mit ein, nur um kurz später wieder zu dem eigentlichen Song zurückzukehren. Er kam heute wirklich über den Kampf ins Spiel, anders kann man das gar nicht sagen. Besonders auffällig wurde das bei dem Stück My Heart, zu dem er am Ende im Sitzen Schlagzeug spielte und rackerte wie ein Minenarbeiter. In seinem engen weißen Hemd schwitzte er wie verrückt, gab aber dennoch alles und legte wahnsinnig viel Leidenschaft in seinen Gesang. Die tarzanhaften vokalen Eskapaden gingen mir durch Mark und Bein, nachdem ich über weite Teile des Konzertes eher mit unbewegter Miene da stand und mich fast ein wenig langweilte, da ich die neuen Stücke des aktuellen Albums Hall Music noch nicht kannte. Am Ende hatte mich aber Emil doch wieder gepackt, weniger als Musiker denn als Mensch mit sympathischen Schwächen und Unzulänglichkeiten. Gerade dies mitzuerleben war berührend und führte mir vor Augen, welch ein schwieriges Leben Indiemusiker führen. Schlafen meistens in schlechten Hotelbetten, verreisen auf unkomfortable Weise, verdienen nicht viel Kohle, sind ständig müde und ausgepowert und legen dennoch ihr ganzes Herzblut in ihre Konzerte. Das ist of purer Idealismus, aber trotzdem in jeder Hinsicht so viel mehr bereichernd als ein Leben, das nur auf schnöden Konsum ausgerichtet ist. Insofern gehören diese Künstler eigentlich unter Artenschutz, denn sie machen uns Fans Geschenke, die kaum wertvoller sein könnten: sie bringen uns zum Träumen, Lachen, Weinen. Und Loney Dear hat ein ganz besonderes Talent Emotionen zu schüren, weil er so unverblümt und ungekünstelt auftritt, ohne Netz und doppelten Boden arbeitet und so viel mit uns teilt. Seine Lieder sind manchmal erheiternd und hoffungsspendend, manchmal aber auch sehr trist und verzweifelt, immer aber authentisch und herzerwärmend.

Loney, Dear ist ein ganz Großer, auch an einem eher schwachen Tag wie heute in Paris! Danke dir Emil, du Träumer, du Melancholiker, du Idealist!

Setlist Loney, Dear, La Flèche d'or, Paris (merci à Philippe D.)

01: Name
02: Violent
03: Saturday Waits
04: Young Hearts
05: D Major
06: Calm Down
07: Loney Blues
08: My Heart

09: Sinister In A State Of Hope
10: Dear John

Aber Loney, Dear war heute nicht der Einzige, der auftrat. Zuvor hatten sich bereits die Deutsche Dillon und die Belgier Oscar & The Wolf dem Publikum gestellt.

Von Dillon bekam ich aber nur 3 Lieder mit.

Ein Mädchen mit motziger, kleimädchenhafter Björkstimme, die wie eine Kreuzung aus Björk (logisch nach dem Zuvorgesagten!), Soap & Skin, Lykke Li und Zola Jesus wirkte. Sie spielte bei schummrigsten Licht zusammen mit einem männlichen Mitmusiker und hat mit ihrer Show zumindest meine Neugierde geweckt. Mein erster, zwangsläufig oberflächlicher Eindruck ist aber: die Hamburgerin Mohna bewegt sich stilistisch auf einem ähnlichen Feld, gefällt mir aber besser und bekommt dennoch deutlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Legt statt dem Album This Silence Kills also lieber 1985-1994 auf.

Die Flamen Oscar & The Wolf schließlich spielten heute zwischen Dillon und Loney, Dear und sagten mir auf Anhieb zu. Ihr an Damien Rice oder Moddi (der Gesang!) erinnernder Melancholiefolk klang zwar nicht unbedingt neu und originell, besaß aber genügend Tiefgang und Anmut, um zu betören. Und am Ende legte die um eine Blondine aufgelockerte Männerband mehr als einen Zahn zu und wurde richtig rockig und psychedelisch. Insgesamt: beobachtenswert. Ich könnte sie mir gut auf dem Haldern Pop 2012 vorstellen. Nein mehr noch: ich wette, daß Oscar & The Wolf 2012 in Haldern spielen!

Konzerttermine Dillon:

07.12.2012: Studio 672, Köln
09.12.2012: Karlstorbahnhof, Heidelberg
12.12.2012: Moods, Zürich,
13.12.2012: Künstlerhaus,Mousonturm, Rocker 33, Stuttgart

Unbedingt diese grandiose Akustiksession von Loney, Dear ansehen! Sie stammt von le-hiboo.com





Aus unserem Archiv:

Loney, Dear, Paris, 03.07.10
Loney, Dear, Paris, 02.07.10
Loney, Dear, Haldern, 14.08.09
Loney, Dear, Paris, 03.03.09
Loney, Dear, Paris, 18.01.09
Loney, Dear, Köln, 12.11.08
Loney, Dear, Haldern, 08.08.08
Loney, Dear, Frankfurt, 11.05.08
Loney, Dear, Paris, 12.11.07
Loney, Dear, Haldern, 04.08.07
Loney, Dear, Paris, 15.05.07

Dillon, Wien, 29.03.10
Dillon, Köln, 04.03.10
Dillon, Köln, 17.05.08




Sonntag, 4. Juli 2010

Loney, Dear, Paris, 03.07.10

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Loney, Dear (Kacey Johansing)

Ort: Sol Y Flor, ein Blumenladen in Paris
Datum: 03.07.10
Zuschauer: etwa 25
Konzertdauer: hmm, 8 Lieder dauern wie lange?


Gestern schlug mir Emil Svanängen aka Loney, Dear vor, gemeinsam das Fußballmatch Deutschland gegen Argentinien zu sehen und heute komme ich zum Konzert von eben jenem Loney, Dear deutlich zu spät, weil ... ich das Spiel bis zum Ende sehen wollte! Auch als bekennender Fußballmuffel muss ich sagen: Unser Team hat grandios gespielt, hochverdient gewonnen und jede Menge Sympathien nicht nur in Frankreich erworben. "Extraordinaire, fabuleux, spectaculair", die beiden französischen Kommentatoren überboten sich geradezu mit Lobpreisungen. Ok, einer von den beiden war Bixente Lizarazu, den man ja auch in Bayern noch kennt und der natürlich dadurch bedingt eher deutschlandfreundlich ist. Aber auch etliche "neutrale" französische Journalisten waren von "La Mannschaft" überaus angetan und wünschen ihr nun den Titelgewinn. Nichts mehr zu spüren vom Hass auf das Team, das ihre "les Bleus" 1982 in einem epochalen Spiel bezwungen hatte und dabei auch vom überaus rüden und ungesühnten Foul von Toni Schuhmacher an Battiston profitierte.

Aber kommen wir zum Konzert, bzw. zu dem, was ich davon noch mitbekam. Und das war nicht viel. Loney, Dear war schon beim letzten Titel seines Sets angelangt (ich kannte das Lied, aber mir ist gerade entfallen, welches das genau war) und spielte im Anschluß mit Dear, John nur noch eine Zugabe. Die etwa 20 Zuschauer (darunter einige Freunde) in dem schönen Blumenladen Sol Y Flor klatschten artig und ließen sich auch noch CDs signieren und zusammen mir Emil fotografieren (von mir nämlich!). Der Schwede hatte es ziemlich eilig, denn er wollte zum Salle Pleyel, wo er als Gast von Patrick Watson auftreten würde. Eigentlich -und dies spricht nicht unbedingt für den Singer/Songwriter -, hatte er aber meiner guten Bekannten eine Home Show zugesagt, diese jedoch in letzter Minute gecancelt. Die arme Valérie blieb also auf ihren mit viel Liebe zubereiteten Quiches, Kuchen, Salaten und eingekauften Getränken sitzen und musste um 17 Uhr allen geladenen Gästen mitteilen, daß ihre Houseparty mit Loney, Dear ausfällt. Wenn ihr meine Meninug wissen wollt: Find'ich nicht gut von Emil! An Zusagen sollte man sich halten und nicht kurzfristig absagen, weil man spontan "eine bessere" Auftrittsmöglichkeit gefunden hat.

Fazit: Für das unsportliche Verhalten von Herrn Svanängen verteile ich eine gelbe Karte. Und ich denke, daß sogar eine rote vertretbar gewesen wäre. Mindestens gelb bekommt auch Corinne Bailey Rae, die die kurzfristig als Support verpflichtete Kalifornierin Kacey Johansing (die Dame auf dem Foto, sie spielte am 14. Juli 2009 eine Oliver Peel Session) absetzte, weil sie keine andere Frau im Vorprogramm haben wollte. Somit platzte Kaceys Traum vom Konzert in der legendären Cigale. Johansing spielte deshalb nach Loney, Dear im Blumenladen Sol Y Flor vor gerade einmal 10 Leuten, anstatt vor 1500. Bitter ...

Nachtrag (4.07.2010):

Emil hat sich schriftlich bei Valérie und seinen Fans für die gecancelte House Show entschuldigt und versprochen, diese nicht nur nachzuholen, sondern mit einigen Überraschungen aufzuwarten ("I'll bring the octopus setting", was er wohl damit meint?). Das ist eine schöne und versöhnliche Geste. Ich hoffe diese Session kommt dann auch tatsächlich zu Stande. Daß Profimusiker eigentlich keine Zeit haben, in Wohnzimmern zu spielen, ist mir natürlich in diesem Kontext auch klar.


Setlist Loney, Dear, Sol Y Flor (merci beaucoup à Philippe):

01: Blues (Lust), Weltpremiere!
02: neu
03: neu (Sadness?)
04: Summers
05: Harm
06: Sinister In A State Of Hope
07: Violent
08: Dear John



Samstag, 3. Juli 2010

Loney, Dear, Paris, 02.07.10

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Konzert: Loney, Dear (Tom Cooney)

Ort: auf einer Terrasse einer Privatwohnung über den Dächern von Paris: Le 7ième Ciel
Datum: 02.07.10
Zuschauer: etwa 40
Konzertdauer: etwa 45-50 Minuten


Beim Haldern Festival 2009 hatte ich Loney, Dear auch schon einmal gefragt, ob er bereit sei, bei einer privaten Veranstaltung, genauer gesagt meinen Oliver Peel Sessions, zu spielen. Knapp ein Jahr später tritt Emil Svanängen tatsächlich privat bei meinen Bekannten vom 7ième Ciel auf. Dennoch bin ich keine Spur neidisch, denn bei brütender Hitze war die dortige Dachterrasse einfach der perfekte Ort. In unserer Bude wären wir regelrecht erstickt und außerdem gilt der kölsche Spruch: "mer muss och jönne könne". Auch daß sich Emil nicht mehr auf Anhieb an mich erinnern konnte, war zu verschmerzen, denn Musiker auf Tour treffen unzählige Menschen. Ansonsten war der Schwede wie immer: Offen, herzlich und nett. Mit seiner schelmischen Art hat er auch in Frankreich in den letzten Jahren viele Fans gewonnen und ein paar glückliche Wettbewerbsgewinner durften seine wunderbaren Songs heute aus nächster Nähe genießen. Ohne Mikro und Verstärker und auf Tuchfühlung zu den Zuhörern, spielte er sein Material in der abgespecktesten Form, die möglich ist. Nur ganz zart strich er über seine Gitarre und sang dazu leise aber eindringlich Klassiker wie I Am John, Saturday Waits, oder The Meter Marks OK. Natürlich ging es auch heute nicht ohne vereinzelte "nanana"- Singalongs ab und auch das Publikum wurde aufgefordert, sich summenderweise zu beteiligen, aber der weibliche Backgroundgesang fehlte. Seine Freudin und Bandkollegin Malin war in Schweden geblieben und so mußte Emil ganz allein klarkommen. Er meisterte die Solonummer mit Bravour und verblüffte mich am meisten mit seiner akustischen Version von Under A Silent Sea, einem Lied, das auf dem letzten Album als elektropoppiger Diskostampfer daherkommt.. Ansonsten war ein nagelneues, noch unveröffentlichtes Stück zu vermelden, dem er den Arbeitstitel Albert gegeben hat. Gegen Ende nahm er Wünsche entgegen. Na ja fast. Zumindest stellte er die Frage: "any requests?" in den Raum. Kess forderte ich Le Fever ("this is a tricky request, I can't play it"), The City, The Airport ("this is to tricky too") und I Fought The Battle Of Trinidad and Tobago , wurde aber jeweils auf ein anderes mal vertröstet. Erst als ich mir Summers wünschte, glänzten seine Augen und er stimmte zu. Sinster In A State Of Hope, das von einem Mädchen im Publikum gefordert wurde, brachte er aber nicht mehr, stattdessen die abschließende Ballade Dear John. Ich glaube jeder hier hätte noch ein paar Stunden zuhören können, aber man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist!

Emil ließ sich hinterher noch in Ruhe mit Fans abknipsen, signierte Alben, plauderte mit jedem ein wenig und fragte mich auch, ob wir morgen (heute) das Fußballmatch Deutschland gegen Argentinien zusamen anschauen sollen. Schließlich wußte er ja jetzt, daß ich Germane bin. Ich erinnerte ihn daran, daß er morgen um 17 Uhr einen Auftritt im Pariser Blumenladen Sol Y Flor habe und das Spiel um 16 Uhr beginne. Er guckte er ein wenig traurig und nachdenklich und meinte: "Oh, yes, you are right." Für Emil hätte ich glatt den Fußballmuffel, der in mir steckt zum Teufel geschickt und mit ihm gemeinsam das Match gesehen!

A propos Fußball. Der Schwede verpasste den schönen Support- Auftritt des Australiers Tom Cooney, denn er glotzte zu dieser Zeit im Wohnzimmer Ghana gegen Uruguay...

See ya tomorrow, Loney, Dear!



Setlist Loney, Dear, 7ième Ciel, Paris (merci à Philippe!)

01: New (Albert)
02: Violent
03: In With The Arms
04: Carrying A Stone
05: And I Won't Cause Anything At All
06: Saturday Waits
07: The Meter Marks OK
08: Under A Silent Sea
09: I Am John
10: Summers
11: Dear John

Aus unserem Archiv:

- Loney, Dear beim Haldern Pop Festival 2009
- Loney Dear am 22.04.2009 in Paris
- und am 03.03.2009 in Paris

- Loney Dear im Pariser Motel am 27.01.2009
- in Haldern 2008
- Loney Dear in Frankfurt, Mai 2008
- Loney Dear Im Olympia beim Pariser Festival des Inrocks
- in Haldern 2007
- in der Pariser Boule Noire 2007
- Fotos von Loney Dear aus Haldern




 

Konzerttagebuch © 2010

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