Dienstag, 22. August 2017

25. Lowlands Festival, Biddinghuizen, Niederlande 18.08.-20.08.2017

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Konzert: Lowlands Festival
Ort: Biddinghuizen
Datum: 18.08.-20.08.2017
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: 55.000 ausverkauft


25 Jahre Lowlands 

Kein anderes Festival hat mich je so begeistert und meinen musikalischen Horizont immer wieder gefordert. Bei meinem ersten Besuch 1997 spielten mit Blur, The Chemical Brothers, Eels, Pavement, Deus und Mogwai schon mehr interessante Bands, als es ein Wochenende hätte fassen können. 

Bei der Heimfahrt jedoch rieben wir uns die Augen. Es war das Ganze, perfekt arrangierte und auf zufriedene Besucher ausgerichtete Festival selbst, und nicht nur die Bands auf die wir uns so lange gefreut hatten, das uns schlaftrunken zurückließ. 

Seitdem habe ich (außer durch Sommergrippe) keine Ausgabe mehr verpasst. 

Die Niederländer und Veranstalter MOJO zeigten von Jahr zu Jahr, mit welchem Aufwand die bereit sind, drei Tage Festival zu etwas wirklich besonderen werden zu lassen. Als geborene Optimierer verändern sie das Gelände und die Lage der Eingänge und Zirkuszelte jährlich. Nie gibt es Stillstand, alles ist wichtig. 


Und so verwundert es nicht, dass gerade in diesem Jahr der großen Sicherheitsoffensive gerade das Lowlands wieder einen komplett anderen Weg sucht. Erstmalig gab es zwischen Campingplätzen und Festivalgelände faktisch keinerlei Kontrollen mehr. Lediglich Glasflaschen und große Taschen wurden verweigert. Diese kleine, aber feine Veränderung sorgte für ein noch unbeschwerteres Flanieren ohne jegliche Wartezeit vom Zelt zum Lieblingskünstler. 

Die nächste große Veränderung zum Jubiläum waren die komplett neuen beiden größten Bühnen "Alpha" und "Bravo". Beide exclusiv fürs Lowlands neu erdacht und erbaut, steht man nun unter fast 25 Meter hohen Kuppelbauten, wovon eine eher an einen offenen Hangar, die andere an ein riesiges Kirchenschiff erinnert. Mit diesen beiden, fantastisch klingenden und auch für riesige Leinwände und Lichtshows ausgerüsteten Mega-Bühnen ist das Festival wieder anderen großen Playern in der Festivallandschaft um Jahre voraus. 



55.000 Zuschauer, auf der Ticketseite "Ticketswap" suchten alleine noch mindestens 13.000 Menschen eine Karte, klingt erstmal gewaltig. Auf dem unfassbar großen Gelände, incl. Saunainsel und diversen Kunstaktionen, fällt der Gigantismus allerdings wenig auf. Da das Programm grundsätzlich früh beginnt und nachts/morgens nicht vor 5.00 Uhr endet, verteilen sich die Steher und Schläfer über die kompletten 24 Stunden eines Tages. 

Berichten will ich wieder nur vom Musikprogramm. Für alle anderen Aktivitäten war sowieso wieder keine Zeit. 



Der Freitag startet mit Feist noch gemütlich. Der Auftritt vor 5 Jahren hier an gleicher Stelle gefiel mir wesentlich besser. Heute wirkt die Band noch etwas steif und unrund. Feist selber ist neben einem absoluten Fotoverbot auch sonst etwas schlecht gelaunt oder einfach übermüdet. Richtige Stimmung will da nicht aufkommen. Zumal die neuen Songs doch etwas spröde daher kommen. 

Gewartet wird vom Publikum daher auf die Hits, von denen 1234 natürlich wieder nicht gespielt wird. Weiter geht es zu der, in diesem Jahr bereits für ihre Konzerte hoch gelobten Solange. Auch hier waren keine Fotos erlaubt.

Hier stimmt im neuen "Bravo" erst einmal alles. Eine beeindruckende Bühnendekoration im Japanstil: weißer Vorhang und roter Kreis glüht schon vor, da betreten die ersten Tänzer auch schon die Bühne, Zwei Trompeter kommen dazu und am Ende gleitet Solange nach vorne. So sollte man es wirklich nennen, denn die Künstlerin wird während des kompletten Auftritts nur fließende Bewegungen vollziehen, was auch zum tänzerischen Konzept der Begleitmusiker und Sängerinnen am Besten passt. Ein wirklich toll choreografiertes Stück Konzert, leider ist die Musik dazu doch arg fade. 

Tempowechsel sind kaum vorhanden, selbst die Trompeter fungieren eher als Tänzer, denn als treibende Kraft. Vielleicht einfach nicht meine Musik, das Zelt leerte sich allerdings zur Mitte des Sets spürbar, evtl. ging es ja doch einigen genau so wie mir. Bestimmt hätte das ganze in einem kleinen Theatersaal fantastisch gewirkt, hier verpuffte die ruhige Show von Beyonces Schwester unter dem großen Kuppeldach leider etwas.

 Die beiden weiteren, großartigen Freitagskonzerte von Iggy Pop und The XX folgen als Einzelberichte in den nächsten Tagen. 

Der Samstag startet nach den üblichen Yoga/Politik und Kulturprogrammen am frühen Mittag mit Hauschka. Der kann aber trotz des Oscar-Vorschusses für den Film "Lion" hier nur wenige begeistern. Anders als zum Beispiel Nils Frahm ist das Set leider nicht besonders abwechslungsreich. Dazu ist das Zelt nicht bestuhlt, so dass die volle Stunde doch leider etwas arg lang wirkt. 

Also schnell weiter zu Ben Howards neuen Band A Blaze of Feather die in Haldern ja einem Sturzregen zum Opfer gefallen war. Sehr schade eigentlich, denn live war das hier ganz hervorragend. Howard selbst kauert dabei die ganze Zeit nur am hinteren Bühnenrand sitzend vor seinem Verstärker und spielt versunken Gitarre. Was aber vor ihm passiert ist wirklich toll. Wirkte hier die CD noch etwas sehr getragen, entfaltet sich die Band live wie kaum eine andere. Überall gibt es etwas zu sehen, die drei! Gitarren sind herrlich klar abgemischt und ergänzen sich perfekt, statt im Soundbrei zu versinken. 

Hier gelingt es einer Band, die Spannung 60 Minuten ohne echten Hit hoch zu halten. Grandios. Am Ende Zugabenrufe, aber die fertigen Songs waren alle gespielt. 

Der junge Sampha hat es danach schwer, gemessen an seinem super Song "Like the Piano" wirkt das restliche Set und die Show in Ballonseideanzügen wie eine Kopie aus dem aktuellen US-R&B Trap Baukasten. 





Der danach folgende Auftritt von Alt-J erhält ebenfalls bald einen eigenen Bericht. Daher direkt zu Elbow, die hier das Ü30-Publikum begeistern.

Da wird gesungen und geklatscht, Paare verschmelzen in Partnerjacken zu Nacktschnecken und Guy Garvey nimmt die Aufforderung zum Zeremonienmeister gerne an und veranstaltet ein großes Manchester-Singalong.



Das mag jetzt sehr abwertend klingen, ist es aber nicht. Diese Rahmenbedingungen sind einfach bei einem Elbow Konzert zu ertragen. Sobald aber Songs wie "Lippy Kids" oder "One Day like this" erklingen , schließt man einfach die Augen und lauscht den meist leisen Arrangements dieser, mittlerweile seit 20 Jahren bestehenden Band, und genießt im Stillen. 



Danach ein böser Platzregen, der aber fast wie gerufen kam. Die Editors spielten zum großen Tanz auf aber irgendwie will das ja, außer in den Niederlanden, kaum noch einer sehen. Hier werden wie so oft Konfettikanonen mit echten Gefühlen verwechselt, also lieber den Abend bei einem Gehaktballen und netten Gesprächen gemütlich ausklingen lassen.



Der Sonntag wurde wegen fehlender Urlaubstage dann etwas beschnitten. Zur Frühstückszeit spielte Hurray for the Riff Raff ein fulminantes Set. Auch hier wird es einen Bericht mit mehr Details geben. Für mich, die Band und das Album des Jahres. 

Tash Sultana zog kurz darauf die Massen an, zurecht. Wie bereits beim Down the Rabbit Hole Festival zeigt sie ihre ganze Klasse und mit "Jungle" hat sie bereits einen Riesenhit in den Niederlanden. 

Der Geheimauftritt von Triggerfinger ist nicht mein Ding, also weiter zu At the drive in. Dazu nur soviel: Wer seinen alten Lieblingen dabei zusehen wollte, wie sich Sänger Cedric Bixler-Zavala hinter seinen hohlen Fake-Verstärkern (zum umwerfen und draufspringen) abwechselnd am Luftbefeuchter oder der Teemaschine versuchte (kein Witz), war hier richtig. 

Auch wenn die Band fantastisch aufspielt, bietet sich hier ein Trauerspiel früherer, selbst entworfener Ansprüche und Ansichten. Verurteilen will ich es nicht, schade ist es trotzdem.

Danach noch First Aid Kit als Belohnung für ein tolles Wochenende, Die Schwedinnen werden immer besser, covern hier sogar Kenny Rogers "The Gambler" und spielen ihr umwerfendes "Emmylou". 



Besser konnte es nicht werden (mussten wir uns auch wegen der Rückfahrt einreden), daher fielen Cashmere Cat, Nicolas Jaar und Mumford & Sons leider für uns aus. 


Es bleibt ein irres Wochenende voller Reizüberflutung, wobei der Schwerpunkt auf Grund des Jubiläums diesmal auf den etablierten Acts lag. Normalerweise ist das Programm auch im unbekannteren Bereich viel interessanter besetzt. Aber das wird sich sicherlich nächstes Jahr wieder ändern.

Fotos: Michael Graef 


Montag, 21. August 2017

Interpol, Luxemburg, 19.08.17

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Konzert: Interpol
Ort: den Atelier, Luxemburg
Datum: 19.08.2017
Dauer: Interpol knapp 95 min, Froth knapp 45 min
Zuschauer: ca. 800 (ausverkauft)



Interpol sind die wichtigste Band der letzten 20 Jahre, auch für mich. Die Liste der Bands, die sich auf die New Yorker beziehen oder mit ihnen verglichen werden, ist entsetzlich lang. Während viele von denen wieder verschwanden, sind Interpol immer noch aktiv und verweigern das übliche Schicksal, immer schlechter zu werden und irgendwann nicht mal mehr aus Mitleid attraktiv zu sein. Nichts kommt an die ersten beiden Alben der Band ran, aber nichts aus dem späteren Werk ist peinlich oder langweilig.

Das Debüt Turn on the bright lights ist 2002 erschienen und wird seit wenigen Tagen live aufgeführt. Als diese Tour im Januar angekündigt wurde, waren zwar nur zwei Termine in Deutschland dabei, allerdings auch ein Konzert im kleinen und sehr tollen Atelier in Luxemburg. 2015 hatte ich Interpol beim Primavera-Festival in Barcelona in einem kleinen Theater gesehen und nicht gedacht, sie noch einmal so winzig erleben zu dürfen. Das Atelier ist eine Ecke kleiner. 


Vor Interpol spielten erst einmal Froth aus Los Angeles, eine vierköpfige Dreampop-Band, die zuletzt u.a. Ride supportet hatte. Weil ich viel Gutes über sie gehört hatte, war Vorfreude da, obwohl Vorgruppen bei einem Konzert, das ewig lange Anreise erfordert, fast immer lästig sind. Froth waren allerdings ganz anders. Ich habe ewig keine so überzeugende Support-Band gesehen. Froth klangen mal shoegazig, mal rockig, mal mehr nach Dreampop, vor allem waren sie über 45 Minuten lang hochspannend. Eigentlich total unfair, eine solch gute Band vor Interpol anzusetzen, denn dadurch bekommen Froth (z.B. hier) bei weitem nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienten. Im Saal wurde ihr Auftritt aber gefeiert, auch das habe ich bei Supports selten in der Form erlebt.

Und dann Interpol...

Meine letzten beiden Konzerte der New Yorker waren wieder sehr gut, nachdem ich davor ein paar Auftritte erlebt hatte, die mich erschreckend kalt gelassen hatten. Der Witz schien auserzählt, bis 2015 wieder ein gutes Live-Jahr war. Schlechte Alben hatte die Band auch zuletzt nicht, der Lack schien aber ab zu sein. Dann kam Barcelona und ein hervorragendes Konzert im Schlachthof in Wiesbaden. Das Risiko, daß ausgerechnet das Turn on the bright lights Jubiläum mies werden würde, war überschaubar.

Als die Band - die drei Gründer Paul Banks, Daniel Kessler und Sam Fogarino, Tour-Bassist Brad Truax und Tour-Keyboarder Brandon Curtis - das Konzert nicht mit Untitled eröffneten, begann erst einmal ein Aufwärmen, das mehr als fantastisch war. Not even jail, Take you on a cruise, Slow hands, die drei mittleren Lieder der zweiten Platte Antics nacheinander, das war phänomenal gut! Bei Not even jail klang Paul Banks' Stimme noch arg breiig, der Sound wurde aber ab Take you on a cruise viel besser.

Danach folgten die beiden einzigen Lieder des Abends, die jünger als zehn Jahre sind, erst Lights von Interpol, das enorm wuchtig klang (was gut war) und der große Hit All the rage back home vom letzten Album (der einzige Song des Abends, der nach dem Ausstieg von Bassist Carlos Dengler entstanden ist. 


Nach einem solche starken Anfang spielen Bands normalerweise neueren Kram, den niemand (außer der Band) hören will, um am Ende wieder die Hits auszukramen. Hier kam nach den ersten fünf Highlights stattdessen eines der besten Alben der Musikgeschichte in voller Länge. 

Turn on the bright lights klingt auch nach 15 Jahren noch aufregend wie am ersten Tag. Wenn ich bei einem Brand zehn Platten aus meinem Schrank retten dürfte, wäre immer Turn on the bright lights dabei (und Grab that gun von The Organ, Funeral von Arcade Fire, der Breaking glass Soundtrack und der Rest aus Manchester und von den Pastels).

Nachdem er neu dabei war, hatte mich Bassist Brad Truax durch scheußliches Rock-Gepose entsetzlich gestört. Mit den langen Haaren ging offenbar auch die fehlende Demut weg, mich störte in Luxemburg nichts mehr an dem Mann rechts. Diese dämlichen Mitklatsch-Animationen von Daniel Kessler sind ärgerlich (weil sie zu keiner Band weniger als zu Interpol passen), sie konnten aber auch nicht verhindern, daß das Konzert großartig war. Einzig die deutlich dünnere Stimme von Paul Banks schmälerte den Genuß ein wenig. Ob er erkältet war? Oder läßt sie einfach altersbedingt nach? Sie war jedenfalls merkbar kraftloser als früher.

Ansonsten war alles wunderbar! Die elf Lieder von TOTBL sind alle Lieblinge, die meisten habe ich bei meinen bisherigen Interpol-Konzerten auch schon gesehen. Stella, Hands away, Leif Erikson, Obstacle 1 und Roland in einem Konzert, das ist aber eben vollkommen einmalig (nein, ich sehe sie auch in Tilburg). Es war schon fast langweilig, daß nach einem Hit ein Hit kam. Und dann wieder einer. Für Leute mit niedriger Aufmerksamkeitsspanne war das nichts.


Die Platte endet mit Leif Erikson, benannt nach dem Sohn von Erik dem Roten und erster Europäer, der Nordamerika erreicht hat. Zugaben wären danach nicht mehr nötig gewesen, was sollte denn auch noch kommen nach der Einleitung und dem Hauptteil?

Es kam zunächst einmal Specialist von der 2002er EP Interpol (mit NYC und PDA), eine echte Besonderheit. Auch hier waren Interpol stilsicher wie je. Nicht irgendein Quasch, eine sehr gut ausgewählte B-Seite, wobei es das eigentlich auch nicht ist. Specialist war die kleine Kirsche auf dem Törtchen, großartig!

Danach folgten noch die Knüller Heinrich maneuver und Evil.

Die Sache mit der Stimme war auffallend. Vielleicht war es aber trotzdem mein bestes Interpol-Konzert bis jetzt.


Setlist Interpol, den Atelier, Luxemburg:

01: Not even jail
02: Take you on a cruise
03: Slow hands
04: Lights
05: All the rage back home
Turn on the bright lights:
06: Untitled

07: Obstacle 1
08: NYC
09: PDA
10: Say hello to the angels
11: Hands away
12: Obstacle 2
13: Stella was a diver and she was always down
14: Roland
15: The new
16: Leif Erikson

17: Specialist (Z)
18: Heinrich maneuver (Z)
19: Evil (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:

- Interpol, Stuttgart, 26.08.15
- Interpol, Wiesbaden, 25.08.15
- Interpol, Barcelona, 28.05.15

- Interpol, Köln, 25.01.15
- Interpol, Hilvarenbeek, 20.06.14
- Interpol, Saint Cloud, 28.08.11
- Interpol, Barcelona, 26.05.11
- Interpol, Paris, 15.03.11
- Interpol, München, 12.03.11
- Interpol, Dortmund, 22.11.10
- Interpol, Paris, 17.09.10
- Interpol, Montreux, 16.07.08
- Interpol, Brüssel, 23.11.07
- Interpol, Paris, 21.11.07
- Interpol, Köln, 19.11.07
- Interpol, Hohenfelden, 17.08.07
- Interpol, Köln, 11.05.07
- Interpol, Paris, 10.05.07



Mittwoch, 16. August 2017

Haldern Pop Festival, 3. Festivaltag, 12.08.2017

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Haldern Pop Festival, 3. Festivaltag, 12.08.2017
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 12.08.2017
Zuschauer: etwa 7000
Konzertdauer: von früh bis spät




Weisswein zum "Frühstück", das ist doch mal was. Wobei Frühstück ein dehnbarer Begriff ist, für eine Nachteule wie mich ist 14Uhr 15 recht früh, zumindest für ein Konzert. White Wine aus Leipzig spielten zu dieser Zeit in einer völlig überfüllten Pop Bar und es fiel mir schwer die drei Akteure vorne auf der Bühne zu sehen. Als da wären Joe Haege (31 Konto, Tu Fawning), Fritz Brückner und der neu hinzugestossene Christian Kühr an den Drums. Das Konzert war toll und der Sound der Band originell, schmissig und innovativ, aber aufgrund meiner anstrengenden Position blieb ich nur etwa vier Lieder, bevor ich zu Daniel Brandt und seinen beiden Mitmusikern auf die Hauptbühne eilte. 


Brandt war um 15 Uhr angesetzt und sein Set gefiel mir richtig gut. Instrumentelle Musik mit postrockigen Ansätzen, einem fintenreichen Schlagzeugspiel und einer famosen Trombone, langweilig wurde es mir trotz fehlenden Gesanges nicht. Im Gegenteil, das Set hatte einen hypnotischen Charakter, war tanzbar und abwechslungsreich. Gespielt wurden Tracks des Albums Eternal Something.




Danach ging es für mich mit Voodoo Jürgens und seiner Band im Spiegelzelt weiter. Die Österreicher hatten Verspätung, waren auf der Autobahn in einen Stau geraten, kamen aber schliesslich doch und das war gut so, denn die im österreichischen Akzent vorgetragene Kabaretmusik hatte hohen Unterhaltungswert und einen einzigartigen Stil. Die Fachpresse bezeichnet Sänger David Öllerer wohl gerne als alpenländischen Tom Waits und so abwegig ist der Vergleich gar nicht. Allzu gerne hätte ich die sicherlich witzigen Texte verstanden, aber dazu war mein österreichisch doch zu schwach. Öllerer fragte deshalb auch, ob es für uns nicht ähnlich sei, wie Eros Ramazotti zuzuhören und wenn ich ehrlich war, fühlte es für mich so an. Natürlich nicht so schmalzig, aber ich kapierte nicht worum es in den Liedern ging. Um die abgehängte Arbeiterschaft wie man in einem Artikel lesen konnte? Um Säufer, Verlierer, Randerscheinungen in einem immer schicker werdenden Wien?

Ein Lied hiess jedenfalls Gitti, dazu hätte man fast mitschunkeln können, es war enorm stimmungsvoll, hatte aber auch viel Melancholie, die mich an Element Of Crime erinnerte.




Letzlich dauerte das Set nur etwa 30 Minuten, weil die Verspätung von 15 Minuten nicht mehr nachgeholt werden konnte. Die halbe Stunde hatte es aber in sich, allein der Look der Musiker war zum Schiessen! Diese schwere Zuhälter-Halzkette von Öllerer, die hässlichen Hemden im Stile der 80er Jahre, die clochardhaften Anzüge, köstlich!

Nun muss ich unbedingt die Texte studieren, damit sich für mich das schrille Universum von Vooddo Jürgens erschliesst!


Weniger schrill und optisch deutlich geschmackssicherer war Julia Jacklin aus Australien um kurz vor acht im Spiegelzelt. Die natürliche Blondine gähnte vor ihrem Auftritt etliche Male, aber das verstand sich von selbst wenn man sich ihren Tourstress und ihre weiten Reisen vergegenwärtigt. das arme Mädel muss platt sein! Bei dem wunderbaren Konzert liess sie sich die Müdigkeit aber nicht anmerken, spielte gemeinsam mit ihrer männlichen Band hervorragende Songs von ihrem glänzenden Album Don' Let The Kids Win, darunter die Indiehits Coming Of Age und Poolparty, welches das vorzügliche Set beendete. Etwa in der Mitte des Programms gab es auch Platz für die gelungene Coverversion von Someday von The Strokes.


Die Mischung aus Folk und Indierock klang erlesen und hochkarätig, obwohl Jacklin nichts Neues erfindet und man Songs dieser Art schon vorher bei anderen gehört hatte. Dennoch: ein grosses Talent, starke Lieder und ein hoher Sympathiefaktor.


Sehr sympathisch fand ich auch den Auftritt der beiden jungen Freundinnen Rosa Walton und Jenny Hollingworth von Let's Eat Grandma um kurz vor 9 im Spiegelzelt. Verblüffend die Unbeschwertheit und Kreativität der beiden. Zum Beginn des Sets veranstalteten sie erst einmal ein Klatschduell, wie wir es als Kinder spielten, bevor sie dann in der weiteren Folge an Keyboard, Flöte, Mandoline, Saxofon und weiteren Instrumenten Akzente setzten. Ein Mädel hatte völlig löchrige schwarze Jeans und beide hatten sie lange lockige Haare, die sie wie schwere Jungs der Heavy Metal Szene durch die Luft wirbeln liessen. In zwei Situationen musizierten die beiden gar flach auf dem Boden liegend!




Dennoch war dies alles keine billige Effekthascherei, sondern Ausdruck jugendlicher Experimentier-und Spielfreude und auch stilistisch gingen die Mädels spielerisch von Pop zu Rap und von Rap zu Folk über, als ob es keinerlei Grenzen gäbe (was löblich ist). Ihr Debütalbum I, Gemini ist bereits erhältlich und davon spielten sie unter anderem Eat Shiitake Mushrooms.


Ein wunderbares Konzert, mit dem ich die Haldern Pop Berichterstattung zunächst einmal beschliessen möchte, denn es geht für mich heute schon wieder zu einem anderen Festival. Bei meiner Rückkehr habe ich mir fest vorgenommen, diesen Artikel hier noch zu erweitern und vor allem ausführlich über das intensive und beeindruckende Konzert von Kate Tempest zu berichten.

Bis dann!



Haldern Pop Festival, 2. Festivaltag, 11.08.17

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Konzerte: 2. Festivaltag beim Haldern Pop mit u.a. Aldous Harding, Julie Byrne, Faber, Benjamin Clementine, Matthew And The Atlas
Ort: Haldern Pop Festival, Rees am Niederrhein
Datum: 11.08.17
Dauer: von 10 Uhr 30 bis 3 Uhr früh
Zuschauer: Etwa 7000 


Am zweiten Festivaltag wollte ich unbedingt zu Aldous Harding in der Haldern Pop Bar vor Ort sein. Die Neuseeländerin war dort von 12H40 bis 13h20 angesetzt. Aufgrund des sehr mittelmässigen Netzes an öffentlichen Verkehrsmitteln, kam ich aber prompt zu spät. Früh aufstehen war ohnehin nicht drin gewesen, gestern nacht hatte ich noch stundenlang Fernsehen geglotzt, es lief die spannende Sendung "die 10 gefährlichsten Flughafen der Welt" und ich konnte ja schlecht nach Platz vier aufhören... 

Aldous Harding platzierte sich bereits im Vorfeld in meiner persönlichen Top Ten Liste, nämlich derjenigen mit den Acts, auf die ich mich am meisten beim Haldern freute. Insofern war mein Bedauern gross, sie verpasst zu haben. Aber ich hatte ihre Show nur vermeintlich verpasst, aufgrund von Verschiebungen im Programmablauf bekam Aldous kurzfristig den Slot von Mammut um 17 Uhr im Zelt zugewiesen und ich hatte das grosse Glück die Neuseeländerin doch noch geniessen zu können.



Sie kam ganz in weiss (Zeichen von Unschuld?) gekleidet auf die Bühne, nur die Collegeschuhe waren schwarz. Ein recht konservativer East Coast Look für eine solch ausgeflippte Dame, aber vielleicht war das Teil des Konzepts. Mit ihr auf der Stage ihr exzentrischer Pianist mit dem Gebaren eines bekifften Hippies, köstlich! Die beiden fielen wirklich auf, Aldous insbesondere durch ihre Grimassen, ihr Augenverdrehen, ihre seltsame Mimik. Brutale Ehrlichkeit um die Authentizität der Texte zu unterstreichen, unbewusste Marotte, oder Albernheit? Hinterher diskutieren wir unter den Haldern Fotografen dieses Phänomen, ohne das Rätsel wirklich ergründen zu können.



Unbestritten gut war auf jeden Fall die Musik. Harding hat auf ihrem aktuellen Album The Party (das zweite ihrer Laufbahn) so viele starke, eigenwillige, auch textlich interessante Songs zu bieten, dass man heuer nur schwerlich an ihr vorbei kann. Ob das an John Lennon erinnernde Imagining My Man, das elektrisch angehauchte Bend, oder das eingängige Horizon, all diese Stücke klangen auch live extrem gut. Und zusätzlich bekamen wir den vielversprechenden neuen Song Weight Of The Planets geboten.

In der Mitte des Sets stiessen zwei zusätzliche Musiker mit auf die Bühne, ein Drummer plus H. Hawkline an der Gitarre. Hawkline gilt ja auch als Solokünstler als heisser Tip, aber in der Band von Harding fiel er nicht sonderlich auf. Die reduzierten Songs brauchten eigentlich nicht viel Instrumentierung, die Neuseeländerin hätte ihr Konzert auch problemlos nur zu zweit bestreiten können. Letztlich wechselte das Line Up während des Sets in schöner Regelmässigkeit, Aldous stand mal alleine, mal zu zweit, mal zu viert auf der Bühne. Gut war es immer. Nur am Ende störte die Musik die von der Hauptbühne ins Zelt rüberdröhnte (Blaudzun hatte begonnen) ein wenig, aber so etwas gehört bei Festivals eben dazu.



Aber gehen wir mal chronologisch vor, Aldous Harding fand also um 17 Uhr statt, vorher, genauer gesagt um 14Uhr 30, hatte Julie Byrne ihren Auftritt in der Kirche. Und der war erwartet wundervoll. Ganz alleine mit Akustikgitarre hatte die Amerikanerin ihr Konzert bestritten, hatte auf wundervollste und sanfteste Art gesungen und mich damit völlig in ihren Bann gezogen. In der Kirche war es vorbildlich ruhig und alle sahen friedlich und mit freudigen Augen nach vorne, wo Byrne die Friedenspriesterin gab.



Dabei spielte es für mich keine grosse Rolle, dass sich die Lieder untereinander etwas ähnelten, schlicht und einfach gehalten waren. Was für mich zählte war die Naturreinheit (kein Wunder, dass ein traumhaftes Stück Natural Blue hiess), die profunde Schönheit (man höre nur Melting Grid!), die wahnsinnige Zärtlichkeit die von den Liedern ausging, die überwiegend von dem aktuellen zweiten Album Not Even Happiness stammten. Auffällig auch ihr gutes Fingerpicking, das sie von ihrem Vater erlernt hatte.

Eine Wohltat für die Sinne dieses Konzert von Julie Byrne! Vor dem Kircheingang kaufte ich mir auch noch ihr erstes Album (Rooms With Walls And Windows), das ich noch nicht hatte, machte mich dann aber auf den Fussweg Richtung Hauptbühne. Meine Füsse trugen mich leider nicht schnell genug, um noch den Schluss von Penguin Café zu sehen, schade, aber man kann bei Festivals eben nie alles sehen, was man möchte.



Um 16 Ihr 15 traten die Schweizer Faber auf der Hauptbühne auf. Das war zwar musikalisch nicht so ganz mein Stil, aber die Band um Sänger Julian Pollina schaffte es sehr gut, das Halderner Publikum zu unterhalten. Pollina hatte etwas von einem Posterboy, in den ersten Reihen sah man viele schmachtende Mädchen.



Auffällig die Bühendeko, da standen viele Pflanzen rum, das Ganze hatte das Flair eines tropischen Regenwaldes (nun gut, Sonnenblumen gibt es dort nicht)
Unterhaltsam, aber dennoch ziehe ich das Buch Homo Faber von Max Frisch der Musik von Faber vor.



Nach Faber ging ich rüber zum Spiegelzelt zu Aldous Harding, aber den Bericht darüber habe ich ja hier schon an den Anfang gestellt, so dass wir hier nun chronologisch fortfahren können und zwar mit dem Gig von Blaudzun, der bis um 18 Uhr 30 auf der Hauptbühne stattfand. Er war äusserst schwung- und stimmungsvoll und begeisterte das Publikum. Das war tighter Indierock mit gelegentlichen Ausbrüchen Richtung Mainstream, getragen von der Falsettstimme von Johannes Sigmond und den flotten Rhythmen der Band, in der die blonde Perkussionistin mit ihrem attraktiven flachen Bauch optisch herausstach, aber mit ihrer unglaublichen Energie auch musikalisch zum Gelingen beitrug.




Bei den Amazons im Anschluss legte ich dann eine Essenspause ein und fand mich erst wieder zum Auftritt von AnnenMayKantereit ein. Eine Band die in Haldern schon vor der Kirche, in der Bar und auf der Biergartenstage (die gibt es heuer nicht mehr) gespielt hatte, inzwischen aber richtig kommerziell erfolgreich geworden ist und somit logischerweise auf die Hauptbühne platziert wurde.

Neben den eigenen Kompositionen performten die vier Kölner auch zwei Cover, einmal den Farbfilm von Nina Hagen und dann noch das The Zutons Cover Valerie, das Amy Winehouse erst so richtig bekannt gemacht hatte.



Gegen Annemyakantereit wird seitdem sie erfolgreich sind viel gehetzt, aber schlecht war ihr Auftritt in Haldern nicht. Die Rio Reiser Gedächtnisstimme von Bandleader Henning May war markant und 3. Stock ("ich möchte mit dir in 'ner Altbauwohnung wohn', zwei Zimmer, Küche, Bad und einer kleiner Balkon") ist fast eine Art guilty pleasure für mich. Guilty weil es ein wenig sozialromantischer Kitsch ist und auch eher bieder daherkommt.

20 Uhr 15 Zeit für den gehypten Loyle Carner im Spiegelzelt, aber mit seinem Hip Hop konnte ich mich nicht richtig anfreunden, ich mag diesen Musikstil nun einfach nicht, da wäre es gelogen hier Interesse zu heucheln. Seine Verpflichtung beim diesjährigen Festival war aber sicherlich ein Coup der Veranstalter, Loyle Carner ist sehr begehrt zur Zeit.



Toll war dann der Auftritt von Badbadnotgood um 20 Uhr 45 auf der Hauptbühne. Das war Instrumentalmusik mit Jazzeinschlag und leichten Hip Hop Elementen (noch erträglich für meine Ohren), geboten von vier Kanadiern, bei denen der blonde Drummer Alexander Sowinski den Ton angab und die Ansagen machte, sich aber ein in der Mitte der Bühne performender Saxofonist namens Leland Whitty ebenfalls sehr verdient machte.

21 Uhr 30, höchste Eisenbahn um pünktlich zum Konzert  von Die Höchste Eisenbahn dabei zu sein. Die Berliner Band spielte im Spiegelzelt ihre deutschen Popsongs und sorgte für gute Stimmung. Leider war es im Zelt aber so brechend voll und ich stand ganz hinten, hinter enorm vielen enorm grossgewachsenen Leuten, dass ich es nicht lange aushielt und wieder raus ging.



Bei Benjamin Clementine hatte ich deutlich mehr Sicht-und Bewegungsfreiheit und showtechnisch konnte mich der ungemein gut aussehende Pianist überzogen. Er hatte ein extravagantes Kostüm mit einem weisser Kragen (einer Krempe? wie nennt man so etwas?) an und am hinteren Bühnenrand performten ein halbes dutzend Backgroundsängerinnen. Stilistisch schwer einzuordnen, aber die Musik hatte was. 


Benjamin Clementine ist unbestritten ein Mann für die grosse Bühne, obwohl er in Haldern vor ein paar Jahren zunächst im Zelt angefangen hatte. Seitdem ging es für ihn karrieretechnisch immer weiter bergauf, zu Liebhabern haben sich auch einige Hater gesellt, aber selbst wenn das nicht wirklich meine Musik war, fühlte ich mich gut unterhalten, zumal Clementine auch ein guter Kommunikator war und oft mit dem Publikum sprach.



Zu meinem persönlichen Tagesabschluss sah ich mir dann auch noch die Briten Matthew And The Atlas im Spiegelzelt an. Eine tolle Band, die auf dem renommierten Communion Label veröffentlicht und von Matt Hegarty angeführt wird. Der Mann mit der rauchigen Stimme war mit seiner Gruppe schon mal in Haldern und freute sich zurück zu sein. Die Freude lag ganz meinerseits denn ein Titel wie On A Midnight Street, der in der Anfangsphase gebracht wurde, glänzte durch eine famose Melodie und eine traumversunkene Instrumentierung. Auch der Titelsong des aktuellen Albums, Temple , wusste mit ähnlichen Ingredienzen zu gefallen. Das war Folkrock, durchaus Mainstream kompatibel, aber nie flach oder anbiedernd. Schöne Harmoniegesänge hübschten das Ganze zusätzlich auf. Ein gelungener, sympathischer Auftritt, mit dem ich diesen Haldern Tag abschloss. Es war komplett trocken geblieben, obwohl der Himmel immer mal wieder bedrohlich aussah. Ein bisschen Glück mit dem Wetter gehört halt eben auch dazu.




Haldern Pop Festival, 1. Festivaltag, 10.08.17

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Konzert: Haldern Pop Festival, erster Festivaltag mit u.a: Get Well Soon, Conor Oberst, Hurray For The Riff Raff, Lisa Hannigan 

Ort: Rees-Haldern am Niederrhein

Datum: 10.08.2017
Dauer: den ganzen Tag 

Zuschauer: 7000 




Mit dem Haldern Pop Festival (und seinen wundervollen Maisfeldern) gemeinsam alt werden. Immer wieder kam mir während dieser 34. Ausgabe des Festivals am Niederrhein dieser Satz in den Sinn. Schließlich war ich beim ersten Mal (2005) noch in den Dreissigern und jetzt bin ich inzwischen hinsichtlich der Jahreszahl meines Geburtstages der 5 näher als der 4. Ich stehe nicht alleine da. Viele Haldern-Gänger sind Wiederholungstäter und kommen Jahr für Jahr wieder. Neben diesen alten Haudegen gibt es aber auch jüngere Fans, die das Haldern jetzt erst für sich entdecken und sicherlich auch im Laufe der Zeit Stammgäste werden. Bei den auftretenden Bands verhält es sich ähnlich. Wenn sie einmal Haldern-Luft geschnuppert haben, wollen sie immer wieder dabei sein. So waren dann auch in diesem Jahr ein paar altbekannte Namen mit am Start, u.a: Conor Oberst, Kate Tempest, Afghan Whigs, Benjamin Clementine, AnnenMayKantereit und Get Well Soon. Die meisten der genannten Künstler haben mal "klein", sprich in der Haldern Pop Bar oder im Spiegelzelt angefangen, so z.B. Benjamin Clementine, Annen May Kantereit und auch Get Well Soon, um die es jetzt in der Folge gehen sollte.



Die Band um Konstantin Gropper spielte 2007, also genau vor 10 Jahren, zum ersten Mal in Haldern und begeisterte im Spiegelzelt sämtliche Anwesenden. Im Anschluss an diesen Sensationsgig verkaufte der gebürtige Mannheimer noch selbstgebrannte CDs (die erste EP und zwar in rauen Mengen!), bevor er nicht viel später bei dem renommierten Berliner Label City Slang unter Vertrag genommen wurde. Heuer sind Gropper und seine Mitmusiker bei Album Nummer vier, genannt Love, angekommen und von diesem Machwerk stammten auch die meisten Songs des leider nur vierzig Minuten langen Gigs. "Love" konnte man in roten Lettern als Bühnendeko lesen und in der Tat versprühten Get Well Soon wieder einmal viel Liebe und auch Spielfreude. Die auf dem Album recht poppigen und sogar bisweilen etwas seichten Nummern wurden live mit viel Schmiss und Rockappeal wiedergegeben und in den letzten 60 Sekunden der jeweiligen Stücke explodierte Konstantin fast im wilden Gitarrenrausch.


Seine Schwester Verena Gropper war mit rotem Jacket ( Geklaut von Angela Merkel?) und rotem Nagellack auf kurzen Nägeln aufgelaufen und sang wie immer glockenklar und wunderschön. Auch alle anderen Musiker auf der Bühne machten einen super Eindruck, die Truppe ist wirklich perfekt eingespielt, hat hunderte (tausende?) Gigs auf dem Buckel und weiss genau wie sie Spannung aufbauen und sie wieder entladen kann.


Einer der Highlights im Set war Roland, I Feel You, ein typisch getwellsoonsches Drama Stück mit viel Emphase und Melancholie aber auch einer angenehm spielerischen Leichtigkeit und einem leicht mexikanisch angehauchten Feeling. Hier spührte man gesanglich eine gewisse Nähe zu Neil Hannon von The Divine Comedy, auch so ein alter Haldern Liebling. Auch das anschliessende You Cannot Cast Out The Demons war melancholisch, aber auch warmherzig und romantisch nahegehend, fast eine Weihnachtmusik, die gegen Ende dramatisch und fast postrockig wurde. Darüber schwebte förmlich das Soprano von Verena. Den Abschluss des Sets bildeten Marienbad und It's a Frog und hinterher war man ein wenig traurig, dass es so schnell vorbei war. Ich hätte mir gewünscht, dass noch ein Song von dem Debütalbum gebracht wird, um den Bogen zu dem Konzert von 2007 zu spannen. Aber auch so war es ein guter Auftritt!

Setlist Get Well Soon

It's Love (vom Album Love)
The Last Days Of Rome (vom Album The Scarlet Beast O'Seven Heads)
It's A Catalogue (Love)
Roland, I Feel You (Scarlet)
You Cannot Cast Out The Demons (Scarlet)
Too Much Love ep (von der Love Bonus CD)
Marienbad (Love)
It's A Frog (Love)

Vor Get Well Soon hatten Hurray For The Riff Raff im Spiegelzelt gespielt und die Band um Frontlady Alyndra Segarra hatte ich vorher eigentlich fest eingeplant. Da meine Anreise von Paris nach Haldern aber etwas länger dauerte als geplant, sah ich nur noch die letzten drei Stücke auf der Leinwelt vor dem Zelt, darunter Living In The City, Pa'Lante und Dancing In The Dark. Pa'Lante war eine wundervolle Ballade, dominiert von der souligen Stimme von Alyndra und einem nahegehenden Text ("dead  porto ricans who never knew they were porto ricans who never took a coffee break form the 10th commandment, to kill, kill, kill"), am Ende schrie sie in Patti Smith Manier und das Schlagzeug und das Vintage Piano trieben zusätzlich nach vorne. Junge Damen spielten auch am Bass und am Klavier.

Der Abgang dann mit Dancing in The Dark, geschrieben von dem einzigen Boss den sie akzeptiere, so Alyndra. Bereits Living In The City hatte etwas nach der E Street Band von Bruce geklungen und so war die Auswahl des Springsteen Covers fast logisch. 

Tolle Band diese Hurray for The Riff Raff, handwerklich exquisit, textlich versiert und auch auf der Bühne packend. Das Spiegelzelt tobte.


Weniger packend, zumindest für mich waren dann die nächsten Eroberer des Magic Mirror, die Australier Parcels. Ihr funkig angehauchter Discosound mit Falsett Gesang liess mich eher kalt, aber ich konnte ja schon mit den Bee Gees in der Staying Alive Phase nichts anfangen und Tänzer bin ich auch nicht. Insofern...





Mehr mein Stil war A Blaze Of Feather, (Name von der Tochter von Micky Smith gefunden) das neue Projekt von Ben Howard und Micky Smith, welches um 20 Uhr 45 auf der Hauptbühne begann. "It's Electronic, it's electronic" sagte der lustige holländische Ansager vorher, aber es war wohl eher Folktronica, die geboten wurde, sprich folkige Musik mit gewissen elektronischen Elementen und einem nach wie vor organischem Ergebnis. Die Band wurde in der Fachpresse als mysteriös beschrieben, weil man sie auf den britischen Festivals wie Citadel und Lattitude auf dem Line up finden, aber zunächst keine Musik hierzu entdecken konnte.




Das Line Up der Band lautete: Mickey Smith, Ben Howard, Nat Wason, India Bourne (Bass, Cello) Kyle Keegan, Richie Thomas. Ihre erste EP zwischen Irland und Cornwall aufgenommen und ihr Haldern Auftritt war der allererste ausserhalb Englands. Und er war gut! Das erste Stück, welches man überhaupt im Internet (auf soundcloud) finden konnte, war Carousel und das haben A Blaze Of Feather natürlich auch beim Haldern gespielt. Ein sehr sphärischer Song, schwebend, irgendwie auch an Pink Floyd erinnernd.

Das ganze Set war ähnlich hübsch und wenn eine Sache störte, dann war es lediglich der immer heftiger werdende Regen, aus musikalischer Sicht gab es keine Beanstandungen. 

Setlist A Blaze Of Feather

Soft Day
Grace

Six Years

Carousel

Behold
Valkyrie
Dust In The Wind
We Were Here

Tja und dieser elende Regen sorgte auch dafür, dass ich mich in ein Tipi Zelt zurückzog, in dem man herrlich starken Kaffee trinken konnte. Kaffe ist immer gut, aber trockenes Wetter wäre in dem Moment noch besser gewesen, denn es sollte nun gar nicht mehr aufhören zu schütten. Einen Gang rüber ins Spiegelzelt zu Giant Rooks aus Deutschland ersparte ich mir deshalb auch lieber (man sagt, es sei toll gewesen) und ich kam erst wieder zum Beginn der Show von Conor Oberst unter dem Zelt hervorgekrochen. Inzwischen war es zudem noch unangenehm kühl (zumindest für einen Augusttag) geworden und vor der Hauptbühne harrten nur noch sehr wenige Festivalbesucher aus. Die meisten hatten sich wohl in ihre Zelte zurückgezogen, obwohl Conor doch sicherlich normalerweise ein Publikumsmagnet ist.


Der Amerikaner kam dann nach netten Worten des Ansagers ("I like Connor very much") in einem Armeeparka auf die Bühne geschlurft und hatte mit den Felice Brothers auch eine tolle Band mitgebracht. Den Regengott schien das reichlich wenig zu interessieren, er liess erbarmungslos Regen auf die Halderner herunterprasseln und irgendwann hatte auch ich die Schnauze voll bzw. die Regenjacke nass. Ich lief entnervt zum Tipi zurück und tauschte SMS en mit meinem Bloggerkollegen Dirk aus. Unserer beiden Stimmung war auf dem absoluten Tiefpunkt, Dirk erwog gar am nächsten Tage nach Hause zu fahren, wenn es so weiterginge. Ich sah die Lage ähnlich. 




Nach einer längeren Wartepause entschied ich mich aber wenigstens den Donnerstagabend positiv ausklingen zu lassen und begab mich ins Spiegelzelt zu Lisa Hannigan. Hier herinnen war es wenigstens kuschelig warm und trocken und auch die gespielten Lieder waren herzerwärmend. Die stammten überwiegend von ihrem aktuellen, von Aaron Dessner von The National produzierten Longplayer At Swim. Ganz wundervoll hiervon die Ballade Snow, bei der die stimmlich Bandbreite von Lisa schön sichtbar wurde, von rauchig und sanft hin zu glockenklar und hoch, sie traf jede Note. Wundervoll auch Fall, bei der sie phasenweise herrlich erdig und energiegeladen sang. Dei leichte Soulnote hierzu ungemein geschmacksicher und erlesen. Prayer For The Dying bestach durch schöne Harmoniegsänge und eine anziehende Schwermut, hach irgendwie war jedes Stück sublim!


Zur Verstärkung waren in der Mitte des Konzertes auch noch etliche Musiker des Cantus Domus aus Berlin hinzugestossen, die den Ohrenschmaus nur noch verstärkten.


Und weil man aufhören sollte, wenn es am schönsten ist, machte ich nach dem Ende von Lisas Konzert auf den Nachhauseweg.



Setlist Conor Oberst


Afterthought
Four Winds
Get Well Cards
Till St. Dymphna Kicks Us Out
Well Whiskey
Ten Wolan
Train Under Water (Bright Eyes)
Artifact #1
Salutations
Poison Oak (Bright Eyes)







 

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