Sonntag, 7. Juli 2019

Eddie Vedder, Düsseldorf, 30.06.19

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Konzert: Eddie Vedder
Ort: Mitsubishi Electric Halle, Düsseldorf
Datum: 30.06.19
Dauer: ca. 150 Minunten
Zuschauer: 6.500 (ausverkauft)



Freunde sind sie schon lange, Eddie Vedder und Glen Hansard. Schon 2016 traten die Beiden gemeinsam in Berlin auf. Dieses Jahr gibt es eine erneute Kurztour, die neue Pearl Jam Platte ist anscheinend immer noch nicht fertig, und Vedder scheint seine Soloausflüge zu genießen. Musikalisch hat sich bei beiden in den letzten beiden Jahren wenig verändert. 

Beginnen wir mit Glen Hansard, der zunächst solo das Vorprogramm in der noch immer wenig ansehnlichen Mehrzweckhalle bestreitet. Viel sieht man nicht, gerade einmal zwei Scheinwerfer sind in Aktion und Glen beginnt mit einer schönen Version von "Bird of Sorrow" am Piano. Der Rest ist leider Standard und hat wenig von den sonst so abwechslungsreichen Setlists des Iren. 

Die sich ins wahnwitzige steigernde Version von "When my minds made up" kennt man bereits von diversen anderen seiner Tourneen. "Revelate" von seiner alten Band The Frames klingt dagegen wieder frisch und neu interpretiert. Mit "The Gift" ist aber dann auch schon nach acht Songs wieder Schluss. 

Das grelle Saallicht holt einen wieder zurück in die Gegenwart und die Schlange vor dem Merch und den wieder mal zu wenigen Getränkeständen, bei 35 Grad Außentemperatur, wird wieder länger.

Zu den Streicherklängen von "Even Flow" betritt Vedder dann die Bühne. "Long Road", "About the Bend" und "Eldery Woman" sind ein starkes Trio innerhalb der ersten Songs. Ebenso das Tom Petty Cover "I won`t back down", zur Zeit einer der wenigen festen Bestandteile des Sets. Petty lacht dabei auf der großen Leinwand im Hintergrund. 



Der Mittelteil wirkt heute etwas uninspiriert, irgendwas scheint nicht so richtig zu zünden. Vielleicht hat Eddie auch einfach heute mal ein schwächeren Tag, allerdings immer noch auf hohem Niveau. Er wirkt etwas weniger offen und redselig, auch der Weinkonsum scheint merklich geringer als sonst. 

Erst mit "Black", zusammen mit Glen und den Streichern, folgt der erste echte Gänsehautmoment. Vor den Zugaben dann noch das rockige "Porch", die Lieder von Ten zünden beim Publikum natürlich immer noch am besten. Als  Zugabe heute "Alive", allerdings singen nur die Zuschauer zur Streichermusik, Eddie schüttelt derweil Hände und verteilt den Wein unter seinen Jüngern, wenn man das so interpretieren will. 



Der restliche Zugabenteil besteht fast nur noch aus Coverversionen, sogar "Imagine" von Lennon ist dabei. Dies würde man wohl kaum jemand durchgehen lassen, zeigt aber wieder einmal, dass Vedders Stimme eigentlich nie langweilt. "Hard Sun" ist traditionell der Rausschmeißer bei vollem Saallicht, selbst die Roadies in ihren weißen Kitteln dürfen jetzt mit auf die Bühne. 

Eigentlich wäre jetzt ein langer Abend zu Ende, aber dann gibt es noch eine faustdicke Überraschung. "Seasons", ein Chris Cornell Cover, das Eddie der Tochter von Chris, sowie den Opfern des damaligen Roskilde-Unfalls widmet. 

Es sind diese Momente, die seine große Empathie und Klasse zeigen. Die Freundschaft zu Glen beschreibt er in einer der wenigen Ansagen wie folgt: "Ich rief ihn an und er sagte: Wenn du jemand umgebracht hast, komme ich morgen mit der Schaufel vorbei". Mehr muss man nicht wissen. 

Zwei Stars, von denen man glauben will, dass sie in echt genauso tolle Menschen sind, wie auf der Bühne. 


Freitag, 5. Juli 2019

Neil Young and Promise of the Real, Berlin, 03.07.2019

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Konzert: Neil Young and Promise of the Real
Ort: Berlin, Waldbühne
Datum: 03.07.2019
Dauer: 120 min.
Zuschauer: ca. 16.000


Ein Abend der Tradition war das Konzert von Neil Young auf der Waldbühne. Unzählige Male hat er hier schon Station gemacht, immer wieder in anderen Konstellationen. Alleine dieses Jahr ist dies für Neil schon die dritte Kurztour. Crazy Horse, Acoustic und jetzt begleiten ihn die jungen Spunde von Promise of the Real zum zweiten Mal in Berlin.

Eigentlich machen Open Airs ja erst im Dämmerlicht und bei Dunkelheit richtig Spaß. Die Anwohner der Waldbühne sehen das leider anders, daher gilt in der sonst so vogelfreien Stadt schon lange eine strikte Sperrstunde. 


Kein Wunder also, daß die Supportband Bear`s Den mehr als pünktlich um 18:30 Uhr bereits die Bühne betritt. Leider bleibt von deren, eigentlich tollen Folkrock, in der großen Arena nicht viel hängen. Zum einen, weil es Vorgruppen bei Neil Young Fans grundsätzlich sehr schwer haben, aber auch die Band spielt zu gefällig auf, um einen starken Eindruck zu hinterlassen. 

So ist auch nach 30 Minuten ohne Höhepunkte schon das Ende erreicht, lediglich "Agape" mit schönem Waldhorn klingt gefällig. Die neue CD von Bear`s Den ist in dieser Woche erschienen und klingt leider ähnlich belanglos. Schade, die Band hatte mit den ersten beiden CD`s ein hohes Level vorgelegt. 

Nach der Umbaupause schlurfen dann, fast unbemerkt vom red-und bierseligen Publikum, Neil und seine Band auf die Waldbühne. Überschneidungen in der Setlist gibt es bisher kaum, jeden Abend werden scheinbar wahllos die Songs und deren Reihenfolge verändert. "Country Home" eröffnet diesmal überraschenderweise, lange nicht gehört. Danach sofort heftiger Applaus für "Everybody knows this is nowhere" und "Mr. Soul". 


Kleinigkeiten lassen einen spüren, daß Neil sehr gute Laune zu haben scheint. Er grinst häufig über beide Backen, allerdings fast immer nu einer Seite, wenn seine  Bandkollegen ihn zu einem spontanen Jam oder Riff anregen.

Nach dem furiosen Start erkennt Neil dann wohl die sommerliche, entspannte Atmosphäre der Waldbühne und fährt das Tempo merklich zurück. Für die einen ein Segen, bekommt man nun tolle Versionen von "Words", "Winterlong" und akustische Klassiker geboten. Die Altrocker beginnen dagegen langsam, sich etwas zu langweilen. 


Aber an diesem Abend sollten alle noch zu ihrem Recht kommen. Für Hardcorefans gibt es nämlich ein besonderes Schmankerl. Zwei mit Promise of the Real noch nie live gespielte Stücke: "Over and Over" und das hier herausragende und selten vorgetragene "Danger Bird". Das alles passiert, bevor dann mit drei Feedbacknallern die letzten 45 Minuten eingetütet werden. 

Immer wieder ist es "Love and only Love", das Neil zu Höchstform zwingt. Fast 20 Minuten fliegen hier die Mantra artigen Solos und Lyrics durch die Luft, zerschneiden sie förmlich mit ihrer Spielfreude und Hingabe. Der Song, den alle kennen, "Rockin in a free World" kann dies aber noch toppen. 


Neil verlangt seiner Gitarre "Old Black" alles ab, befreit sie am Ende im Feedbackorkan von allen Saiten und spielt dann den alten Opa mit Hut und Flanellhemd, der er ja eigentlich ist. Er benutzt die Gitarre als Krückstock,  um über die Bühne zu humpeln und zieht Grimassen. Ein Riesenlacher, auch für die Band. 

Die Zugaben sind danach leider entbehrlich. Ein etwas zerschossenes "Roll another Number" und "Piece of Crap" gehören nun wirklich nicht zu meinen Favoriten. Es sei ihm verziehen. Die Waldbühne wurde 1936 erbaut, Neil ist Jahrgang 1945. Es sind die letzten ihrer Art. 


Dienstag, 2. Juli 2019

Best Kept Secret Festival 2019, Tilburg, Tag 2, 01.06.2019,

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Konzert: Best Kept Secret Festival
Ort: Tilburg
Datum: 31.05.-02.06.2019
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: unterschiedlich wg. Tageskarten



Der zweite Tag beginng mit einer schönen Tradition niederländischer Festival. Es gibt eine öffentliche Live-Session des Senders 3voor12. Ohne Gewinnspiel o.ä., jeder ist willkommen, nur frühzeitiges Erscheinen ist wichtig. Diesmal spielen am Samstag die Niederländer von Feng Suave auf.



Wer sie noch nicht kennt: eine fabulöse Liveband mit viel Improvisation und Können. Psy-Pop könnte es sein, schwer zu beschreiben, daher hier der Link zur Session. 

Feng Suave - Best Kept Secret - Session / 3voor12

Ich finde die Songs wirklich erfrischend und gelungen. Danach schnell weiter im Laufschritt, schließlich heisst die nächste Band ja Sports Team. Die Bandmitglieder sehen allerdings selber wenig sportlich aus, als sie auf die riesige Zeltbühne stolpern. 

Mit ihren komischen Klamotten, die fast an Verkleidungen erinnern, sehen sie schon sehr eigenartig aus. Doch schnell verfliegt dieser Effekt, denn was Sänger Alex Rice veranstaltet, ist noch viel irrer. Auch wenn das Ganze oft nach einer Pavement-Coverband klingt (dabei stammen Sports Team aus England), ist die Band neben den Fountains D.C und Black Midi wohl der beste Newcomer des bisherigen Jahres.



Witz und Ironie verbreiten sie jedenfalls reichlich. Alex Rice scheint seine Tabletten heute nicht genommen zu haben, keine Sekunde steht er still, die anderen Grinsen ebenfalls während des ganzen Auftritts um die Wette. Die Songtitel heißen "Ashton Kutcher oder "Winter Nets". Auch die besseren Zeiten von Weezer scheinen oft musikalisch durch, bitte unbedingt ansehen.

Sports Team spielt außer beim Reeperbahn-Festival in Hamburg nur noch beim wunderschönen, kleinen Misty Fields Festival in den Niederlanden (07.09.2019), kurz hinter der Grenze. 

Misty Fields Festival 2019

Am Nachmittag gibt es dann im kleineren Zelt einen Indiemix der weiblichen Art: Hintereinander spielen dort Lucy Dacus, Snail Mail und Alouis Harding auf.



Lucy Dacus kommt direkt aus dem Flieger, Instrumente gibt es auch keine, also erstmal ein ungeplanter, spontaner Acoustic-Gig. Als dann die Band und Gitarren 30 Minuten eintreffen war das Publikum um einen außergewöhnlichen Auftritt reicher. 

Über Snail Mail auf der Bühne wollen wir nichts Schlechtes mehr schreiben, also lassen wir das dann auch. Alouis Harding wirkt ja immer etwas neben der Spur, verhuscht und träumerisch, oft auch etwas unnahbar. Ihre sehr ruhigen Stücke können im proppevollen und heißen Zelt ihre Wirkung leider nicht voll entfalten.

Daher weiter zu Death Grips, die sich wie immer durch ihr Programm prügeln, als wären The Prodigy eine Schnulzenband gewesen. In seiner Konsequenz ein toller Auftritt, aber 60 Minuten werden da schon lang. 

Cigarettes after Sex wäre jetzt das komplette Kontrastprogramm, aber Essen muss der Mensch und Blogger ja auch mal. Besonders vor Kraftwerk kann eine warme Mahlzeit ja nicht schaden, Bassgewitter mit leerem Magen ist doppelt anstengend. 



Wie da die vier Keyboards in der Umbaupause verloren auf der Bühne stehen ist schon toll. Mehr Reduktion geht einfach nicht. Sobald es losgeht muss man den ewigen Retrocharme der 3-D Show schon mögen, ansonsten wirkt es im Vergleich zu heutigen Produktionen schon sehr antiquiert.



Zum Glück ist der Sound heute fantastisch, nicht zu laut, nicht zuviel Bass, dazu der Sonnenuntergang am See. Ein traumhaftes Bild. Besonders die jüngeren holländischen Besucher lauschen mit andächtigem Schweigen den "Robotern" auf der Bühne. Solche Legenden sieht man halt nicht alle Tage auf Festivals. 

Ein tolles (Kurz-)Wochenende geht zu Ende, den Sonntag habe ich mir dieses Jahr gespart. Bleibt abzuwarten wie sich die Festivallandschaft weiter entwickelt. Das BKS ist weiterhin jeden Besuch wert und wird sich jeder Veränderung stellen. 


Freitag, 28. Juni 2019

Paul Heaton & Jacqui Abbott, Köln, 27.06.19

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Konzert: Paul Heaton & Jacqui Abbott
Ort: Live Music Hall, Köln
Datum: 27.06.2019
Dauer: exakt 105 min, Matthew Austin 30 min
Zuschauer: voll



Als Paul Heaton irgendwann die Band vorstellte, bekam jedes Mitglied einen deutschen Fußball-Verein als Spitznamen, Jacqui war Bayern München, einer Ber Mönchengladbach, einer Leipzig, der tolle Bassist "der Geißbock" und er selbst der TuS Dietkirchen. TuS Dietkirchen ist ein Verbandsligist aus Limburg, mit dem der Sänger eine spannende Geschichte teilt. In seiner Kindheit hatte Paul an einem Jugendfußball-Turnier in Limburg teilgenommen, Jahre später - aber noch weit vor den Housemartins - war er mit Gitarre unterwegs durch Europa und wollte noch einmal Limburg sehen, lernte da einen Einheimischen kennen, man befreundete sich. Jahre später war der eine Popstar und der andere in leitender Position beim TuS Dietkirchen, also - das liegt ja auf der Hand - spielte Paul Heaton 2011 beim 100. Jubiläum des Fußballvereins als Stargast. Das Konzert war spektakulär, es war das vermutlich erste, das ein relevanter Popmusiker in einem Bierzelt spielte. Neben vielen Housemartins-Stücken spielte Paul auch einige Beautiful-South-Lieder, obwohl einer seiner männlichen Kollegen die weibliche Stimme singen musste.


Die Housemartins (zu jung) und The Beautiful South (Konzert-Sabbatical-Jahrzehnt) habe ich nie live gesehen, die beiden Konzerte in den vergangenen Jahren mit Paul (mein erstes war beim Latitude-Festival 2010) waren aber so gut, daß die Nachricht, daß Pauls Tour gemeinsam mit Beautiful-South-Kollegin Jacqui Abbott auch nach Deutschland kommen würde, bei mir sofortige Kaufreflexe erzeugte. Der erste Vorfreude-Dämpfer war die Halle - die Live Music Hall gehört nicht zu meinen liebsten 50 Kölner Konzertstätten - der zweite die Hitzewelle. Heiße Konzerte in nichtklimatisierten Sälen sind die Hölle, in der Live Music Hall ganz besonders. Fast hätte ich mich gegen diese Tortur entschieden, schlauerweise (sprich: Herz und nicht Hirn entschied) ließ ich das bleiben.


Die erste halbe Stunde gehört einen Singer-Songwriter mit E-Gitarre. Matthew Austin kommt aus Manchester, lebt in München und machte Musik, die mich nicht erreichte. Vermutlich lag das an der Hitze. Zu der sie aber ganz gut passte, sie hatte nämlich einen starken Americana- und Wüsten-Einschlag. Aber ich war ja wegen der Popmusik da.

Zu Lebzeiten der Housemartins und von The Beautiful South konnte man guten Gewissens sagen, man höre das, was im Radio läuft. Da waren sie nämlich allgegenwärtig. Heute kann man das allenfalls in "das, was im Deutschlandfunk läuft" abwandeln, ohne sich als Musikfeind zu outen. Schon in den letzten Tagen schwirrten mir ununterbrochen Songs aus Pauls Hand durch den Kopf (ununterbrochen stimmt nicht ganz, dazwischen kamen oft die B-52's). Das Konzert fing allerdings nicht mit einem der Überhits an, als Jacqui und Paul (mit einer Jacke) auf die Bühne kamen, stimmten sie zunächst Old Red Eyes is back an. Begleitet wurden die beiden von einem Gitarristen, einem Bassisten, einem Keyboarder und einem Schlagzeuger, ab Rotterdam (or anywhere) kamen eine Trompeterin, ein Posaunist und ein Saxophonist dazu.

Während die Hitze uns und Jacqui sichtbar zu schaffen machte (sie wirkte insgesamt angeschlagen und setzte sich gegen Ende des Konzerts immer wieder hin), kommentierte Paul, es sei "shorts weather - kurze-Hosen-Wetter", er hasse das, vor allem kurze Hosen. Nicht nur musikalisch ein Vorbild. Der Sänger ließ seine Jacke konsequenterweise an und störte sich nicht an den Sauna-Temperaturen (die LMH hat keine Klimaanlage und muß verständlicherweise die Türen während der Shows schließen). Anders als in England hatten sie Securities genug damit zu tun, Handy-Videos zu verhindern (auch ich hörte ein "Filmen verboten!" als ich mit meinem Fotoapparat Fotos machte), um Wasser zu verteilen, das ist leider in deutschen Konzertsälen so gar nicht bekannt, daß Wasser im Sommer nicht nur ein schöner Service sondern u.U. eben auch weniger Arbeit ist, wenn man keine umklappenden Menschen raustragen muss. Jacqui bot von der Bühne aus Wasserflaschen an, sie sah das wohl ähnlich. Vor den Zugaben verteilte dann ein Ordner fünf (!) Flaschen an die rechte Saal-Hälfte.



Das Konzert war die Liveumsetzung von Pauls neuer Platte (2018) The last king of pop. Nur die letzte Zugabe stammte nicht vom Album The last king of pop, das Lied The last king of pop.

Auch wenn die Setlist keine Überraschungen enthielt - sie spielen jeden Abend das gleiche Programm - war der Abend (musikalisch) perfekt. Bei Wikipedia steht unter "Pop-Perle": "erfunden von Paul Heaton." In den meisten Fällen hätte es die Blechbläser nicht gebraucht. Eigentlich reichen Jacquis und Pauls Stimmen. Hatte ich am Vorabend schon das Glück, noch einmal Kate Pierson und Fred Schneider live zu hören, war es gestern wieder so ein Stimmen-Paar, das man aus jeder Menge heraushört. Hymnen wie Happy hour, Good as gold (stupid as mud) sind brillante Pophits, Pauls bezw. die beiden Stimmen machen sie aber einzigartig.

Trotz der Hitze vergingen die eindreiviertel Stunden rasend schnell. Paul redete auch nicht schrecklich viel, am wichtigsten war ihm die Frage nach dem Zwischenstand des Viertelfinales zwischen England und Norwegen (3:0 am Ende).

Ich hoffe sehr, daß Paul schneller als in acht Jahren wieder nach Deutschland kommt, es gibt noch so viele seiner Songs, die ich dringend einmal live hören will. Er kommt das nächste Mal im Winter, versprach er. The last king of pop eben!

Setlist Paul Heaton & Jacqui Abbott, Köln, 27.06.19

01: Old Red Eyes is back (The Beautiful South)
02: Me and the farmer (The Housemartins)
03: Moulding of a fool
04: I gotta praise
05: Build (The Housemartins)
06: I don't see them
07: D.I.Y.
08: Prettiest eyes (The Beautiful South)
09: Rotterdam (or anywhere) (The Beautiful South)
10: 7" singles
11: The austerity of love
12: Flag day (The Housemartins)
13: Real hope
14: Manchester (The Beautiful South)
15: She got the garden
16: Don't marry her (The Beautiful South)
17: Good as gold (stupid as mud) (The Beautiful South)
18: A little time (The Beautiful South
19: Perfect 10 (The Beautiful South)

20: Poems (Z)
21: Happy hour (The Housemartins) (Z)
22: You keep it all in (The Beautiful South) (Z)

23: Song for whoever (The Beautiful South) (Z)
24: The last king of pop (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Paul Heaton, Limburg, 12.06.11


Donnerstag, 27. Juni 2019

Best Kept Secret Festival, Tilburg, Tag 1, 31.05.2019

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Konzert: Best Kept Secret Festival
Ort: Tilburg
Datum: 31.05.-02.06.2019
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: wg. Tageskarten unterschiedlich



Freitag: Wie viele andere Festivals in diesem Jahr hatte auch das Best Kept Secret keinen Freibrief für ein "Ausverkauft" Schild am Eingang. Die Zeiten des ewigen Wachstums, sowohl was die Festivals selber, als auch deren Anzahl angeht, scheint lange vorbei. 

Wem es nicht gelingt, innovative Headliner, besondere Orte oder eine Nische zu besetzen, wird es in Zukunft schwer haben. So bleiben die Einschnitte für das BKS dieses Jahr noch minimal, die Infrastruktur und der damit verbundene, reibungslose Ablauf am sonnigen See haben halt immer noch ein Alleinstellungsmerkmal. 

Die Headliner des Jahres 2019 wurden mutig ausgewählt. Bon Iver, der seit 10 Jahren kein Festival in den Niederlanden gespielt hatte, Kraftwerk als Ikone immer willkommen, und Christine and the Queens als Act der Gegenwart und Zukunft. 



Zu Beginn tritt aber am Freitag die immer noch unglaublich jung wirkende Julien Baker auf die Zeltbühne "Two". Diesmal stimmig begleitet von einer Geigerin. Wie immer mit vielen getragenen Songs im Gepäck und einer fantastischen Gesangsleistung (Julien variiert ihre Stimmlautstärke, indem sie immer wieder am Mikro vor-und zurückweicht). Ein sehr schöner, da intensiver Start in den Tag.


John Grant wirkt danach zwar wesentlich spielfreudiger mit seiner großen Band, aber seit seinem tollen Album "Queen of Denmark" habe ich ihn leider etwas aus den Augen verloren, und ehrlich gesagt, gefallen mir die neuen, discoartigen Klänge live auch nicht besonders. 

Primal Scream machen auf der Hauptbühne am frühen Abend alles richtig. Schön laut ist es, und alle Hits fliegen über den Strand. Alleine der Start mit einem druckvollen "Movin on up" und später eine Endlosversion von "Rocks" und "Kill all hippies", so sollte eine Festivalshow aussehen. 



Dann einer meiner besonderen Lieblingsbands: Spiritualized. Was Spaceman und seine diversen Mitstreiter (incl. der obligatorischen Chordamen) auf die Bühne zaubern ist wie immer genial und schwankt zwischen überbordenden Melodien und völliger Zerstörung. 

Leider macht Spaceman heute mal wieder was er will und beginnt mit vier Hits, um danach sechs Songs des neuen Albums zu präsentieren. Dadurch verliert der Set seine Dynamik völlig und geht am, zum Teil jungen, unkundigen Publikum vorbei. So schön es für mich war, auf der Hauptbühne bei Sonnenlicht war dieser Auftritt deplatziert. 



Trotzdem, "Come Together", "Shine a light" und "Soul on fire" überhaupt noch einmal live zu hören, immer wieder ein Erlebnis. Auch wenn Spaceman seinen Stuhl nicht ein einziges Mal verlässt oder sich an das Publikum wendet. Das hatte schon Dylan-Format.



Genau das Gegenteil versuchte dann Bon Iver als Headliner. Es schien, als würde er jede musikalische Anstrengung mit dem Publikum teilen wollen. Alles wirkte so schwer und mühsam arrangiert. Der Eindruck: Hier wird Musik erarbeitet und nicht wie bei Spiritualized als Fingerübung, mit fast schlampiger Leichtigkeit zelebriert. Von Bon Ivers Auftritt bleibt emotional kaum etwas hängen, da er selbst keinerlei Spaß auf der Bühne zu haben scheint, obwohl er andauernd ins Publikum lächelt. 


Erst die Zugabe, wer hätte es anders erwartet: "Skinny Love" ist wirklich ein Ereignis. Wie dabei 25.000 Kehlen mitflüstern und er die Spannung über den Platz zieht, erst jetzt zeigt er endlich seine musikalische Klasse. Die Show bläst dabei alles noch viel größer auf, als es zu sein scheint. 

Sah aus wie Headliner, war aber keiner. Danach noch ein paar Minuten bei DJ Koze vorbeigeschaut. Alle tanzen und haben Spaß, so kann es halt auch funktionieren.


Dienstag, 25. Juni 2019

The Screenshots, Köln, 23.03.2019

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Konzert: The Screenshots
Ort: MTC
Datum: 23.03.2019
Dauer: 60min
Zuschauer: ca.150
Meine Damen und Herren, lassen Sie sich nicht täuschen. Die erste "Twitter"-Band des Landes. Susi Bumms am Bass, ein Webauftritt ohne Fotos. Alles egal. 

Bei ihrer ersten Kurztour durch drei deutsche Städte macht eine fast ganz normale Band im MTC zu Köln einen tollen Auftritt. Selbst ich hätte irgendetwas Verrücktes erwartet, Papiertüten über dem Kopf oder so. Gab es nicht, auch gut. Aber beginnen wir die Geschichte von vorne. 

Das Einzige, was an der Vita der Band zu stimmen scheint, sie kommen aus Krefeld, und haben bisher verschiedene (Kurz)-Alben auf Vinyl und Online veröffentlicht sowie einen schönen Auftritt bei Böhmermann absolviert (natürlich auch ohne ihre Gesichter zu zeigen). 

The Screenshots - Neo Magazin Royale

Klingt alles so, als benötigten The Screenshots viel Aufmerksamkeit, die von ihrer Musik erstmal ablenkt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Songs sind so aufregend und frisch, wie lange nichts mehr aus Deutschland. Sowohl politisch als auch witzig, Ironie und dicke Hose, Texte ohne Reimlexikon und trotzdem tolle Melodien, nicht verkopft sondern so, wie Jugend klingen soll.

Hier sind wir richtig. 

Wer Songs wie "Google Maps", "Europa" oder "Vorbei" gehört hat, ist sofort um einige Lieblingssongs reicher. Das sehen wohl auch viele im MTC so. Selten sah man in letzter Zeit eine noch fast unbekannte Band, die ein so text sicheres Publikum vorweisen konnte. 

The Screenshots - Vorbei

Mutig und wild präsentieren sie ihr bisheriges Werk, nachdem das perfekte 80er Jahre Einlauftape verklungen ist. Und daher ist auch die ganze am Anfang beschriebene Masche Makulatur. Auf der Bühne stehen sie da wie eine echte Band, ohne Twitter, Masken oder doofe Namen. 

Die Zeit online - The Screenshots - Band des Frühjahrs

The Screenshots spielen im Sommer einige ausgewählte Festivals und kommen im späten Herbst auf eine weitere, größere Tour. 



Nicht nur die Band des Frühjahrs, die Band des ganzen Jahres. Ich kann nur bestätigen: "Ein starkes Team". 


Montag, 24. Juni 2019

Nick Cave, Düsseldorf, 16.05.2019

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Konzert: Nick Cave
Ort: Tonhalle
Datum: 16.05.2019
Dauer: ca. 150min
Zuschauer: 1.800 ausverkauft



Nick Cave in der Tonhalle. Es gibt Abende die weniger versprechen. 

Im Rahmen seiner Converations-Tour tritt der Australier diesmal in kleineren Hallen ohne Band auf, um seinem Publikum noch näher zu sein. Ein mehr als puristisches Konzept, lediglich ein Flügel und ein Mikrofon stehen bereit. Dafür dürfen einige ausgewählte Fans an Bistrotischen sogar auf der Bühne sitzen.

Das Konzept lautet wie folgt: Cave spielt Solostücke am Piano und beantwortet Fragen aus dem Publikum ohne Vorauswahl oder thematische Beschränkungen. Leider ging dieses Konzept für mich nicht auf. 



Nach fast jedem Song wurde das Saallicht eingeschaltet und Helfer (mit Neonwesten und blinkenden Schwertern) verteilten die Mikros an die Fragenden. 


Hätte dies in zwei Blöcken (Fragen/Musik) stattgefunden, wäre der musikalische Teil mit Sicherheit beeindruckender gewesen. So führten die dauernden Unterbrechungen zu abrupten Stimmungs- und Themenwechsel.

Dazu gesellte sich ein gewisser Fremdschämfaktor. Leute, die einfach nur nach einem Autogramm fragten oder selbst gemalte Bilder überreichten wechselten sich mit Selbstdarstellern und Fragen in sehr schlechtem Englisch ab.


Erst als Cave das Ganze später als ein, auch für ihn schmerzhaftes aber wichtiges Kunstevent deklarierte, bekam der Abend einen gewissen Sinn. Versteht mich nicht falsch, nichts war verwerflich oder objektiv schlecht an diesem Abend. 



Die Webseite von Nick Cave Red Hand Files (auf der das Bühnenkonzept beruht) macht in seinem Format da mehr Sinn. Zumal Cave an diesem Abend auch auf viele Fragen und Songwünsche nur ausweichend antwortete. 

Musikalisch gab es bis auf die vielen Pausen rein gar nichts zu beklagen. "The Ship Song" gleich zu Beginn, ein T.Rex Cover (Cosmic Dancer). Überragende Versionen von "Into my Arms" und "Jubilee Street" und sogar "Avalanche" von Leonard Cohen. 

Was bleibt, nachdem mit "Watching Alice" der letzte Ton verklungen war ? Die Liebe von Nick Cave zu seinen Fans und deren Treue sind etwas ganz Besonderes. Beide Seiten fühlen sich verstanden und möchten über ihre Emotionen reden und sich austauschen. Mit welchem Weltstar ist das sonst schon möglich.       


Sonntag, 23. Juni 2019

Maifeld Derby, Mannheim, 14.06.-16.06.2019

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Konzert: Maifeld Derby 2019
Ort: Maimarkt, Reitstadion
Datum: 14.06.-16.06.2019
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: Sa.ausverkauft


Es war das Thema des Wochenendes. Die Ankündigung im nächsten Jahr eine Pause einzulegen, war Gesprächsthema Nummer 1 im sonnigen Mannheim. 

Schon daran ist zu erkennen, wie wichtig diese Zäsur sein kann. In Gesprächen wurde deutlich, wie selbstverständlich viele Besucher eine solche Veranstaltung bewerten. Die Flut an Events und Großveranstaltungen lässt kaum doch einen Augenblick Zeit, hinter die Kulissen zu blicken, und ein Liebhaber-Event wie das Derby von anderen Globalplayern zu unterscheiden.

Fakt ist: durch den mutigen Schritt, mit Ehrlichkeit an die Probleme zu erinnern, ist eine längst fällige Diskussion (auch für viele andere kleine Festivals und Kulturveranstaltungen) in Gang gekommen, die nur gut sein kann. 

Jetzt aber zum "üblichen" Teil. Wie war es ?

An den Stärken des Maifeld Derby wurde auch dieses Jahr zum Glück kaum etwas verändert. Tolles, abwechslungsreiches Booking, kurze Wege, interessanter Foodcourt und schönes Wetter sind ja schon mal eine Bank. Der Freitag startet dann nach kurzer Eingewöhnungsphase ("Wo gibts die leckeren Specialbiere ?") etwas launig mit einer Lesung von Linus Volkmann

Ob das Maifeld Derby der richtige Ort ist, über Festivalklischees herzuziehen (Dosenravioli, Flunkyball) bleibt offen, ließ aber genug musikalische Luft nach oben. Die folgte dann gleich im Doppelpack: Gurr und Parcels, zwei gänzlich unterschiedliche Ansätze, Musik live zu präsentieren. 


Die Damen von Gurr versuchen es mit Riot-Girrrl Faktor und kurzen, knappen, punkigen Songs auf der Fakelbühne. Ebenso erfolgreich sind aber auch die Parcels, (nach ihrem Minigig 2017) die zwischenzeitlich mit ihrem extrem poppigen Sound das Zelt schon am frühen Abend mit tanzwütigen füllen können. 

Niklas Paschburg dageben ist der perfekte Gig am Parcour. Sphärische Klänge beim Sonnenuntergang, die spannende Mischung aus (fast) klassischer Musik und zeitgenössischer Elektronik, ist ja gerade ein großer Publikumsmagnet. Leider vernimmt man im Laufe des Auftritts aber immer öfter und lauter schlimme F.wörter. 


Diese kommen natürlich nicht von Herrn Paschberg, sondern aus der Kehle des politisch interessierten eng. Duos Sleaford Mods, die uns die aktuelle Geschichte ihres Landes in nicht ganz politisch korrektem Jargon schildern. Wer glaubt, der Witz der Sleaford Mods sei lange schon erzählt, sieht sich getäuscht. Die Rauhe Energie und Dringlichkeit der Ereignisse machen diesen Auftritt unverzichtbar. Musik, die dieses England jetzt braucht, erzählt ohne Pathos und schleimige Melodiebögen. 


Am Samstag sollte dieses Konzept mit Kate Tempest zum Höhepunkt des Festivals werden. Karies bieten danach ein schönen Rockentwurf in Kontrast zu den etwas langweilig wirkenden, weil zu perfekt arrangierten HotChip, was in Teilen auch auf HVOB zutraf. Hier wurde zu sehr ein, auf Festivalpublikum konzipiertes, basslastiges Feuerwerk geplant, das aber emotional leider nicht komplett überzeugen kann. 


Der Samstag startet dann so richtig mit Mavi Phoenix. Immer noch frisch und innovativ, was die junge Österreicherin da bietet, auch bei strahlender Hitze bewegt sie die Körper vor der Bühne mühelos. Doch die wahre Großmeisterin der weiblichen Worte sollte bald folgen. 


Kate Tempest betritt von einer Keyboarderin begleitet das Palastzelt und sofort ist die knisternde Spannung spürbar. Die Intensität ihrer Auftritte ist oft schwer auszuhalten und gerade auf einem Festival für viele eine echte Herausforderung. Doch ähnlich wie Sigur Ros, schafft sie es durch ihre herausragende Präsenz. selbst unkundige sofort zu fesseln und in ihren Bann zu ziehen. 

Nach einigen alten Songs präsentiert sie das, erst am Tag zuvor veröffentlichte, neue Album "The Books of Traps and Lessons" in voller Länge. Ein nicht enden wollender Tornado aus Worten steigert sich mit immer härter werdenden elektronischen Sounds bis zum Höhepunkt bei "Holy Elixir". Aber erst dann folgt das Meisterstück. 

Der letzte Song des Albums ist ihr bisher bestes, ein Mix aus Poem und hypnotischer Pianoballade. Ein Text, der auch endlich einmal einen Funken Hoffnung zulässt.


"People`s Faces": It’s hard, we got our heads down and our hackles up, Our backs against the wall, I can feel you aching, None of this was written in stone, There is nothing we’re forbidden to know, And I can feel things changing Even when I’m weak and I’m breaking, I’ll stand weeping at the train station, ‘Cause I can see your faces, There is so much peace to be found in people’s faces...

Danach fallen sich die beiden auf der Bühne in die Arme. Ein Kraftakt, der da jeden Abend aufgeführt werden muss und viele Tropfen fallen am späten Nachmittag bei den Zuhörern auf den Zeltboden, Schweiss war es diesmal nicht. Ein Ereignis. 

Danach wirkte zunächst einiges blass für mich. Die Schotten von The Twilight Sad zum Beispiel, vielleicht auch weil sie eher in einen dunklen Keller als auf eine sonnen überflutete Open Air Bühne gehören. 

Auch Baltharzar und der Crowdpleaser von wegen Lisbeth sind nicht mein Fall, daher erstmal einen leckeren Crepes mit hausgemachter Schokososse, serviert von echten Franzosen, klasse. 


Mike Skinner (The Streets) schafft dann, was den beiden anderen Headlinern nicht gelingen wollte oder sollte. Einen Konsens. Spaß trifft auf anspruchsvolle Lyrik. Selbstironie und würdevolles Altern stehen gleichberechtigt nebeneinander und schon geht die Party richtig los. Bereits beim ersten Song taucht Skinner ein ins Publikum, es sollte nicht das letzte Mal bleiben. Insgesamt wirkt der Sound bei der Reuniontour etwas glatter und poppiger. Skinner redet (oder labert) in einer Tour, egal ob der Song startet oder die Band ihre Instrumente stimmt. 

Nüchtern wirkt er hier, vielleicht sehe ich ihn so zum ersten Mal. Alle Hits werden abgefeuert, ebenso wie die ins Publikum fliegenden Sektkorken. Am Ende bewirbt er sich schon mal für die Steckenpferddressur  2021 und reitet mit einem geliehenen Pferd quer durchs Zelt in den Sonnenuntergang. Lucky Luke lässt grüssen. 

Als großer Coup spielten gegen 16:00 Uhr bereits AMK einen Surprise Slot auf dem Parcour Amour Gelände. Ein toller Fang, der viele Besucher glücklich zurückließ. 


Der Sonntag zieht einen das Derby jedes Jahr schon früh auf den Reitplatz. Die erste Fakelbühnenband ist meistens ein nicht zu verpassendes Geschenk des Bookers. Diesmal spielten die Amsterdamer der Mauskovic Dance Band zur Mittagszeit auf. Musikalisch nicht wirklich neu, aber durchaus tanzbar und ein guter Start in den Tag. 


Stonefield und Snail Mail können dagegen nicht überzeugen. Die einen spielen unentspannten Rock ohne Erinnerungswert. Bei Snail Mail sind die Songs dagegen super, aber die ständig genervte und dadurch arrogant wirkende Frontfrau Lindsey Jordan hat sich seit dem letzten Jahr leider kaum verändert. 

Ein Highlight dagegen die Postcards aus Beirut im kleinsten Zelt. Sympatischer Indie mit großen Song, da kommt bestimmt noch mehr. Danach ging es Schlag auf Schlag weiter. 

Zunächst mit Kevin Morby, der eine 8-köpfige Bigband an den Start brachte, (incl. Tenor-Sax) um sein Album "Oh my god" würdevoll in Szene zu setzen. Ein fulminanter Set, der mich oft an Wilco erinnerte. Großartig und zurecht gefeiert. 


Teenage Fanclub konnte später erstaunlicherweise nur wenige begeistern. Dies bescherte aber den, mir bis dahin völlig unbekannten, Schweizern von Black Sea Dahu eine riesige Menschenmenge auf dem Parcour, die am Ende mit stehenden Ovationen Zugaben forderten. Dabei war der, mit vielen sehr tragenden Balladen versehene Set, nicht einfach zu verdauen. Die Band trat sichtlich gerührt ab und verkaufte CD`s am Fließband vor der winzigen Bühne. 


Danach leerte sich der Parcour zunächst, was Charlotte Brandi als langjährigen Profi nicht davon abhalten konnte, ein fabulöses Set aus ihrem traumhaften Album "The Magician" aufzuführen. Neben Kate Tempest für mich das beste Konzert des Wochenendes. 


Tocotronic waren ebenfalls in bester Spiellaune, und da die neue Setlist fast nur aus Hits besteht, waren auf dem, nun staubigen Platz vor der Fakelbühne, nur grinsende Gesichter zu sehen. Die Band ist für mich seit letztem Jahr in absoluter Bestform, die Versionen von "Nach Bahrenfeld im Bus" und "Hey Freaks" bilden die perfekte Schnittmenge aus Tocos Werk zwischen Punk und intelligenter deutscher Popmusik.


Mit Faber betrat dann ein weiterer, sehr umstrittener Headliner das Palastzelt. Dazu gab es nur zwei Meinungen, echte Freude und echte Ablehnung. 

Amyl and the Sniffers brachten den Abend dann mit einem ordentlichen Punkbrett nach Hause. Der letzte Tanz war getanzt, das letzte Bier getrunken. 

Zurück blieb ein etwas mulmiges Gefühl. Wird man sich in diesem Rahmen in zwei Jahren wiedersehen ? Wenn man sich die Stimmung am Parcour ansieht, funktionieren dort viele Dinge, die auf den anderen Bühnen verpuffen. 

Vielleicht wäre ein reines Newcomer-Festival mit zwei gleichen Bühnen nebeneinander am Parcour und einem kleinen Zelt ein gelungener Neuanfang. 


Nur so eine Idee, als zum dritten Mal die Sonne hinter dem Palastzelt untergeht. Schön war es. Noch schöner wäre es 2021 wiederkommen zu dürfen. 

Fotos: Michael Graef 


Donnerstag, 20. Juni 2019

OBS - Orange Blossom Special Festival 2019 - Beverungen

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Konzert: Orange Blossom Festival 2019
Ort: Beverungen
Datum: 07.-09.06.2019
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: ausverkauft



Bericht von unserem Gastautor Denis. Seine komplette, einmalige Fotogalerie findet ihr im Link unter dem Artikel. 

Liebes Konzerttagebuch  - Alles neu macht der Juni! 

Klima hat Meer abgelöst. Grün ist das neue Vorne und Sea-Watch sieht sich immer noch juristischen Angriffen ausgesetzt. Und doch startet auch der Festivalsommer. 

Nicht als Ablenkung vom politischen, sondern als politische Verstärkung. Und wir dürfen froh sein, dass Rembert, seine Freunde und Helfer den eigentlichen Auftakt starten. Klar, es gibt auch andere gute, aber nicht viele bessere, kleine, feine Festivals, mit politischen Statements überall.

Und wer schafft es wohl sonst, ein Line-Up zu stricken, dass erstmal wieder verblüfft und später Grübelgrübchen schafft. Die wie üblich veröffentlichte Doppel-CD läuft auch erstmal vorab etwas öfter. Und wie schon  allen bekannt, wird es wieder einmal darum gehen, wie das Ganze zusammengepuzzelt wird. Dazu noch neuer Web Auftritt und neues Bier!

Denn wer mit Nestle kollaboriert, gehört raus. Tschüss Krombacher! I Love it! Und dann - gefühlter Frühsommer, Sonne und zunächst noch kaum kein Wölkchen an Tag 1. 

Jan Röttger grüßt beim Check in, das Gelände ist abermals gewachsen und bietet weiteren 400 Ticketbeseelten Platz und wenn Rembert und Simon rufen, dann ist auch meistens gutes Wetter. 

Eröffnungsjingle, kurzes Statement und dann DAS! The Yawpers - Was für eine Eröffnung! Das Trio aus den USA brillieren mit geilstem Bluesrockpunk mit einer ganz gehörigen Portion Billy Idol. Great and Thx. für die kleine Zeitreise.


Angie McMahon - die junge Australierin überzeugt mit Charme und Stimme. Sie ist sich ihrer Wirkung auf das Publikum durchaus bewusst und lässt sich dabei in keinster Weise von ihrem Kurs abbringen. Sie brilliert mit dunkler, leicht brüchiger Stimme und kurzen, fast zarten Riffs. Und ihr gefühlvolles Set spannt den Bogen vom Klangbild eines Neil Young, American Folk Road Music und einfach nur schönen Balladen. 

Kent Coda - die türkisch stämmige Combo aus Köln verbindet geschickt Folkpop mit westeuropäischen Beats. Sie begeisterten schon beim Crossroads Festival die Bonner Harmonie und rocken nun zweimal die Publikumsbühne, die seit Jahren schon den Ruf eines Hauptbühnensprungbretts besitzt, und die Menge tobt. 

Linn Koch-Emmery - in Hamburg geboren, aufgewachsen und musikalisch geprägt in Schweden, scheppert über die Bühne. Sofort gab es Druck und dazu leicht schnoddrige Vokals. Totaler Genuss bei angezogener Handbremse. Da hätte noch was kommen können... 

Sinkane - nachdem die Band sich aus dem Stau befreien konnte und dann doch noch fast pünktlich das Gelände betrat, verzögerte der umfangreiche Soundcheck den Auftritt. Die Band lies es sich nicht nehmen einen einen Soundmann mitzubringen. Und wie so oft in diesen Fälle heißt es dann warten bis dieser musikalische Hybrid sich endlich voll in seine Afrobeat-Rythmen, gepaart mit luftigen Sudan-Pop Gitarren und musikalischen Elementen aus aller Herren Länder entfalten kann. Muss man mögen und nach vier Songs war dann auch schon wieder Schluss, denn nicht ganz unbemerkt rollte dann das heran, was einer Nahtoderfahrung eines jeden geschmackvollen musikalischen Tages gleichkommt. 

Die Schleusen öffneten sich und Wasser über Wasser ergoß sich über das Mekka des herausragend guten Musikgeschmacks. Wer die letzten Jahre schon mal im Regen stand, wunderte sich nun schon etwas über den Aufwand, den die OBS Crew nun anlaufen lassen muss. Umfängliche Sicherheitsauflagen machen dies nun nötig und leere Hallen in direkter Nachbarschaft möglich. 



Für den reibungslosen, entspannt nassen Ablauf, Chapeau an Crew, Security und dem nassen Hörer! Nachdem Abbruch des Konzertes von Sinkane, einfach kein guter Tag für die Band, startet nun noch das Feuerwerk von Adam Angst.

Nichts geht über diesen grandiosen Deutsch Punkrock. Niclas von "Sparta Booking" auf die Frage „Wer oder was ist eigentlich dieser ADAM ANGST? Ich sag dir, wer er ist. ADAM ANGST ist ein arroganter Drecksack! Er ist scheinheilig, er ist überheblich und tut auch noch so als wäre er dein bester Freund! Such dir was aus: Er ist deine Ex-Freundin, der Call Center-Agent, der dir das Abo berechnet, obwohl du nie zugestimmt hast, er ist der Rentner, der die Bullen ruft, wenn die Musik zu laut ist. Eigentlich ist er ne richtig arme Sau. Auf der Suche nach Aufmerksamkeit und auf der Suche nach sich selbst". Eigentlich… ist er genau so wie wir. 

Mitglieder der Bands Blackmail, FJØRT und Monopeople schlossen sich Felix an und die Band ADAM ANGST war komplett. Das gleichnamige Debüt ist im Februar 2015 über das Hamburger Indie-Label “Grand Hotel van Cleef” – Heimat von Künstlern wie Thees Uhlmann oder Marcus Wiebusch – erschienen.“ Familie eben. 

Tag 2. Noch etwas desolat geht es zum ersten Konzert der wunderbaren Suzanne Köcher mit ihrem sehr feinen Gespür für feine Melodien. Sie ist für die verhinderte Laurel eingesprungen und macht die Absage fast vergessen.

Dann passiert etwa grandioses und bislang einzigartiges. Rund 50 kleine Lieblingsmenschen und Kristof Beutener (Musiklehrer aus Celle und bekannt für wunderbare Kolumnen und Schreibereien zum OBS) machen sich auf, die Herzen der Anwesenden im Sturm zu nehmen, die bis in die letzten Reihe das Gelände vor der Hauptbühne füllten. 



Als Rembert dann noch ankündigt, dass die Tiny Wolves in Kürze ihre erste Single via Glitterhouse Records veröffentlichen werden - „Sie haben einen Vertrag unterschrieben - jetzt hab ich euch!“ - folgt der nächste Sturm. Die Tiny Wolves spielen zwei Songs, Tom Pettys „Free Fallin‘“ und „Denkmal“ von Wir sind Helden, dem ein vielstimmiges lautes „Jaaaaaa“ nach Zugabe  vorausging. Was für eine berührende Sequenz inmitten des ganzen Punk, Blues, Folk and Countryturbos. 

Lewsberg - da gab es fotografisch gesehen nix zu holen. Nach zwei Songs bin ich raus und stehe dann in hinterster Reihe und dann packt mich dieser nahezu hypnotische Sound einer von mir völlig unterschätzten Band, bei der die Protagonisten auf der Bühne fast unsichtbar bleiben. 

Blind Butcher - totales Spektakel, nicht nur an den Sticks. Ein fast unglaubliches Tempo und wer die beiden schon im vergangenen Jahr auf der viel zu kleinen Publikumsbühne erlebt hat, der freut sich hier besonders. Lysistrata- eine Band wie ein Tornado. Düstere laute Jungs! Die Menge tobt und ich bin hin und weg. Was für ein wildes Getöse. 



Auf der kleinen Bühne: Trixi - der Jöörk macht an diesem Wochenende das Triple voll und unterschreibt live mal eben einen Plattenvertrag mit Glitterhouse.  Auch wenn ich Jöörk etwas besorgt betrachte, er wirkt alles andere als fit an diesem Wochenende, so zolle ich erneut Respekt vor der Musik. Sie ist klar, aufbauend und auch Mut machend. Dabei trennt uns mehr, als uns vereint. 

Ein weiblicher Mops wurde gefunden... Ok. Kann passieren und später geht es wieder allen gut. 

Black Sea Dahu - dass lass mal alle genießen. Da steht eine Combo (früher mal Josh) mit fantastischen Leuten auf der Bühne und haben besten IndieFolk im Gepäck. Money for Rope - taffes Kollektiv aus Melburne. Bereits beim OBS 2015 haben sie die Richtung aufgezeigt. Und nun? Doppelbrett! Aus zwei Drums ergießen sich vollendete energetische Ströme. Was ihr auch immer bis dahin gehört habt. Lasst euch nun hinwegfegen.

Christian Kjellvander - das sollte man sich im Ohr zergehen lassen. Der schwedische Singer-Songwriter fügt sich, trotz bester und langjähriger Referenzen, unauffällig ist das diesjährige OBS Line-Up und bereitet den Boden für die herausragenden The Holy. 



The Holy schliessen des zweiten Abend ab, sphärisch und genussvoll. Sie spannen den Bogen des musikalischen Tages perfekt und schicken alle in die Arme des Sandmännels, der am Ausgang wartet um bier- und glückselige Menschen nach Hause zu schicken.

Tag 3 - alles endet - aber nie die Musik! Suprise Act - ok, dass hätte wir ahnen können. Der Jöörk macht das Triple voll. Mit Schreng Schreng LALA auf dem Campingplatz, mit Trixi auf der Minibühne - es fehlt: Love A auf der Hauptbühne. 


Gunner & Smith - schönster Dark Country aus dem Hause Devil Duck. Das Label hat ein Händchen für derartige Bands und untereinander besteht ja eine langjährige Labelfreundschaft, so dass mit Gunner & Smith erneut ein herausragender Gig für die Freunde des gepflegten düsteren Sounds beim OBS herausspringt. 

Coogans Bluff - ein bizarrer Mixt aus allem was rockt. Schick mit Bläsern untermalt, spektakelt das Ganze zur besten Kaffee- und Kuchenzeit und rettet über den ein oder anderen Schwächeanfall hinweg.

Steiner & Madlaina - es wurde schon so viel geschrieben seit dem vergangenen Jahr. Nichts könnte es besser beschreiben und nichts könnte es besser treffen als - "Ja, dann trink ich auf das schöne Leben - welches wir vor der Bühne immer haben werden".

The Sheepdogs - mit eingängigem Southern Rock und Country Folk dann doch ein recht ungefährliches Konzert bei dem nix falsch läuft und die gesamte Gemeinde in Sicherheit gewogen wird für das, was dann kam: Cash Savage and the last Drinks - bester Commonwealth-Indie-Punk, nicht Manchester oder London, nein schon wieder Melbourne. 



Der Sound hatte mich schon auf dem Sampler erreicht. Live aber unschlagbar. Was für ein Biest. Gehören auf jeden Fall in die persönlichen Top 3 dieses Wochenendes. So richtig Fahrt nimmt der Abend auf als Die Nerven das Podium betreten und vom ersten Akkord an voll da sind. Sofortiger Moshpit und der ein oder die andere versinken fast lustvoll im Getümmel. 



Die Stuttgarter sind nach diversen Veröffentlichungen unter verschiedenen Labels nun auch bei Glitterhouse angekommen und es scheint, als würde diese Zusammenarbeit äußerst trefflich in FAKE einen ersten Höhepunkt finden. Wir freuen uns auf mehr. 

Garda - ein grandioses Finale eines tollen Wochenendes und durchaus vergleichbar mit den herausragenden Sophia oder dem phantastischem Sivert Høyem. Das Dresdner Kollektiv schickt das versammelte Publikum tiefen entspannt und beseelt mit feinster Indienote in das Leben zurück.



OBS aus - Welt an. Deine Sorgen jr. - Wie groß sind unsere Sorgen denn überhaupt? Danke OBS und kommt gut durch das Jahr. 

Die komplette Galerie findet ihr unter www.desc-photography.com 


 

Konzerttagebuch © 2010

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