Mittwoch, 7. Oktober 2009

Dear Reader & Ramona Falls, Marburg, 06.10.09


Konzert: Dear Reader & Ramona Falls
Ort: KFZ, Marburg
Datum: 06.10.2009
Zuschauer: vielleicht 400 (fast ausverkauft)
Dauer: Ramona Falls 40 min, Dear Reader gut 60 min


"Was jetzt? Hä?" war einer der Kommentare, die ich mitbekam, als die unbekannte Vorgruppe nach kurzer Pause wieder auf der Bühne erschien. Es hatte sich offenbar nicht rumgesprochen, wer Brent Knopfs Begleitband sein würde oder wie Dear Reader aussehen.

Marburg sollte die letzte Deutschland-Station der gemeinsamen Tour von Dear Reader mit ihrem Produzenten Brent Knopf, im Hauptberuf Sänger der amerikanischen Band Menomena, sein [toller Satzbau!]. Die Geschichte der Zusammenarbeit der beiden haben wir - und Dear Reader - schon öfter erzählt. Seit ihrer gemeinsamen Arbeit jedenfalls sind Brent Knopf und Dear Reader befreundet. Wenig verwunderlich also, daß der Amerikaner für die Europatour seine südafrikanischen Kollegen als Begleitband einspannte. Bei den allerersten Ramona Falls Konzerten in den USA - u.a. als Vorgruppe für Bloc Party und Los Campesinos! - unterstützten ihn noch amerikanische Freunde.

Hätte ich dies alles nicht gewußt und erst hinterher erfahren, hätte ich niemals geglaubt, daß diese Musiker erst seit anderthalb Wochen (als Ramona Falls) zusammenarbeiten, zu gut klang jedes einzelne Stück!

Einiges klang neu arrangiert im Vergleich zu Düsseldorf, dem zweiten Konzert der Tour. Oder es war mir da nicht aufgefallen. Bei Clover zum Beispiel singt Cherilyn, die Dear Reader Frontfrau, nicht nur mit, sie pfeift auch ein Stückchen. Pfeifen ist bei Indiegruppen ja mächtig im Kommen, und auch hier passte dieses zusätzliche Element ganz ausgezeichnet!

The darkest day zählt (zur Zeit) zu meinen Lieblingen der Ramona Falls LP Intuit. Ich dachte auch, daß man das nicht noch besser machen könne. Das ging aber schon noch... Was bei Konzerten anderer Lieblinge noch unglaublich genervt hatte, bewegte mich hier enorm: der Backgroundgesang der beiden Dear Reader Frauen Cherilyn und Jean-Louise! Danach hätte eigentlich nichts mehr kommen müssen. Aber wenn sie noch weiterspielen, kann ich ja auch bleiben...

Auch Russia begeisterte mich wieder sehr. Bei diesem Stück fiel mir besonders auf, wie perfekt Brents Stimme live ist. Wüsste ich es nicht besser (er hat beim Interview in Düsseldorf über musikalische Idole geklagt, die Playback arbeiten), ich wäre auf die Idee gekommen, daß es vom Band kam.

Überraschend gut gefiel mir heute Always right. Zumindest textlich gehört das Stück eigentlich nicht zu den spannendsten Ramona Falls Werken. Im Gegensatz zu I say fever beispielsweise. Ein weiterer großer Liebling.

Nach I say fever gab es die ersten kleineren Probleme. Dear Reader Bratschistin Jean-Louise passte irgendetwas an ihrer Gitarre nicht. Schlagzeuger Michael hatte Going once, going twice schon begonnen und brach ab. Das passte ja zum Titel. Während die Streicherin bastelte, trommelte Brent Knopf ein wenig auf einem der Schlagzeug-Becken rum - und auf Cherilyns Arm, der aber keine hörbaren Geräusche machte. Bis dahin meine liebste Szene des Abends. Aber der sollte noch viel bieten.

Die hübsche grün-weiße* Gitarre funktionierte mitten im Stück wieder und war sehr laut. Ich mochte das; geplant hörte es sich jedoch nicht an.

Melectric, das letzte Lied, kündigte Brent sensationell an. Er sagte bloß leise auf Deutsch "bis später!"

Setlist Ramona Falls, KFZ, Marburg:

01: Salt sack
02: Clover
03: The darkest day
04: Bellyfulla
05: Russia
06: Always right
07: I say fever
08: Going once, going twice
09: Melectric

Welch ein fabelhafter,
musikalisch brillanter Auftakt! Von der Güte ihres Materials mussten mich auch Dear Reader nicht überzeugen. Das hatte ich bereits einige Male erleben dürfen. Nach Düsseldorf überraschte mich auch nicht, daß Brent wieder mitkam. Allerdings hatte sich der Bühnenaufbau ein wenig geändert. Der Gastmusiker stand jetzt nicht mehr in der hintersten Ecke (da parkte nun sein riesiges Keyboard), sondern neben der Streicherin.

Sonst begann alles bekannt. Den Auftakt machten wieder Never goes und Dearheart. Cherilyn waren die irritierten Blicke ob der gleichen Band natürlich auch nicht entgangen. "Die Leute in Freiburg waren sauer. 'Wir haben für zwei Bands bezahlt und sehen nur eine!'" Ich wünschte, ich könnte das für eine witzige Anekdote halten. Aber wir kennen ja unsere Landsleute. Der Mittelhesse war da ganz anders. Das Publikum mag zwar verwundert gewesen sein, die Begeisterung für das Gebotene war aber groß; Band und Publikum hatten viel Spaß!

Noch lief alles normal, es gab eine umgestellte Setlist und den ein oder anderen besonders charmanten Moment. Als Michael zum Beispiel zu seinem Gesangskurzeinsatz am Beginn von Way of the world nach vorne kam und das Publikum ansprach, beendete Cherilyn das lachend mit "no more talking!"

Mit The same begannen dann jedoch stärkere technische Probleme. Cherilyn benutzt bei Dear Reader Konzerten zwei Mikrofone, eines rechts und eines am Keyboard. Während des Lieds schwankte die Lautstärke ihrer Stimme, das Verhältnis zwischen geloopter Stimme und Livegesang stimmte vorne und hinten nicht mehr. Brent Knopf bemerkte das, ging zum Mikro und steckte das Kabel neu; das Lied konnte einigermaßen gesittet beendet werden. Da das Problem aber bestehen blieb, mussten die beiden Mikros getauscht werden. Aber Cherilyn hat solch ein sonniges Gemüt, daß ihre Problembewältigung in herzhaftem Lachen endete. Die Frau ist großartig!

Darryl, Keyboarder, Bassist und Soundverantwortlicher, nutzte die Pause, um ein wenig zu klimpern. Er spielte eine perfekte Kopie des Anfangs von The final countdown (Top 3 der ekelhaftesten 80er-Jahre Lieder)!

Nach Out out out flog der Sängerin irgendetwas um. Sie kommentierte das mit einem herzhaften "Scheiße". Fast gleichzeitig brüllte Michael "beep" - und dann frustriert "too late..." Es wurde, wie gesagt, immer komischer!

Vor Release me kam einer der Soundleute und teilte ihnen mit, daß es neue Probleme gebe. Ein paar von Jean-Louises Effekten wurden abgesteckt. Nachdem die schüchterne Bratschistin den ganzen Abend teilnahmslos aussah, bewirkten ein unglaubliches Knacken und eine gigantische Rückkopplung, die sie verursachte, daß sie lachend "sorry" rief und ab da immer wieder lachen musste. Die erneute kurze Pause nutzte Darryl, um die nächste Top 3 Widerlichkeit anzustimmen, Jump von Van Halen. Pfui bah!

Es ging weiter - meinte man. Denn Cherilyn stimmte zwar Release me an, die Band ließ sie aber machen und reagierte nicht - eine sehr lange Gitarreneinleitung ohne Folgen, bis sie schließlich aufgab. Der Neuanfang klappte dann, genau wie Better than this, ihr Eigencover. Offenbar sollte das aber ursprünglich als Zugabe kommen, denn davor sprach die Sängerin mit ihren Kollegen eine Änderung ab.

Als die verstärkten Dear Reader zur Zugabe erschienen, war ihr Motto "best for last"; sie kündigten Great White Bear an. Normalerweise erzählt Cherilyn da immer, worum es bei dem Stück geht. Diesmal traute sie dem Abend nicht. "You need the story?", woraus wieder Diskussionen und viel Lachen und - genau - das letzte scheußliche 80er Top 3 Lied resultierten (Paradise City). Dem machte Jean-Louise mit einem genervt klingenden "can we play now?" ein Ende!

Schade, daß die Technik nicht richtig klappte, vor allem natürlich für die, die die Band zum ersten Mal gesehen haben. Mir waren die Pannen ganz recht, so kam ich in den Genuß vieler urkomischer Szenen!

Schade auch, daß Brent Knopf nicht immer mit Dear Reader auf Tour sein wird. Er bereichert die ohnehin schon großartigen Auftritte noch einmal. Mir kam es zwar so vor, als spielte er deutlich weniger Gitarre als letzte Woche, sein Gesang, diese verschränkten Arme auf der Bühne rundeten Dear Reader noch einmal ab.

Ramona Falls heute waren ein sicherer Kandidat für meine Konzert Jahres-Top 10. Ein ganz sicherer. Dear Reader habe ich musikalisch schon besser gesehen. Allerdings verdanke ich dem Chaos eines der komischsten Konzerte bisher! Was kann man mehr von einem Abend erwarten?

Im deutschsprachigen Raum gibt es nur noch zwei Chancen, die anderthalb Bands gemeinsam zu sehen. Wenn ich ihr wäre...:

08.10.09: Chelsea, Wien, Dear Reader und Ramona Falls
11.10.09: Kiff, Aarau, Dear Reader und Ramona Falls

Setlist Dear Reader, KFZ, Marburg:

01: Never goes
02: Dearheart
03: Bend
04:
What we wanted
05: Way of the world
06: The same
07: Everything is caving
08: Out out out
09: Heavy
10: Release me
11: Better than this (Harris Tweed "Cover")

12:
Great white bear (Z)

Unser Jubiläumsgewinn zum Konzert:























Links:

- Interview mit Dear Reader
- aus unserem Archiv:
- Dear Reader & Ramona Falls, Düsseldorf, 28.09.09
- Dear Reader, Haldern, 15.08.09
- Dear Reader, Berlin, 07.08.09
- Dear Reader, Paris, 06.05.09
- Dear Reader, Nijmegen, 25.04.09
- Dear Reader, Köln, 18.04.09
- Dear Reader, Paris, 19.02.09
- Dear Reader, Köln, 12.02.09

- ein paar Fotos vorab


* in Ermangelung von Ahnung von Musikinstrumenten

Fotos folgen!


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