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Dienstag, 5. November 2013

Editors, Wiesbaden, 01.11.13

1 Kommentare

Konzert: Editors
Ort: Schlachthof, Wiesbaden
Datum: 01.11.2013
Dauer: Editors 110 min, Balthazar ca. 40 min
Zuschauer: ca 1.800 (ausverkauft)



von Ursula von neulich als ich dachte
 

Nanu, schon wieder ein Editors-Bericht? Tatsächlich war der zweite Konzertbesuch bei der Band innerhalb eines Monats eher ein Unfall, da ich die Karte geschenkt bekam. Das Angebot, die Tickets für den ausverkauften Auftritt weiter zu verkaufen und andere zu besorgen, schlug ich dann aber aus. Das Konzert in Wien hatte mich daran erinnert, wie sehr ich viele Editors-Songs mag. Darüber hinaus hatte mein Genuss des Wien-Auftritts ja sehr unter der übergroßen Begeisterung der Jugendlichen um mich herum gelitten, so dass ich mich darauf freute, das Ganze noch einmal mit weniger Störfaktoren genießen zu können. 

Den Wiesbadener Schlachthof hatte ich seit seiner Renovierung nicht mehr von innen gesehen und stellte bei der Ankunft erfreut fest, dass er irgendwie geräumiger geworden war. Ich erinnere mich an Konzerte in der Vergangenheit, während denen ich relativ weit hinten in einem Engpass vor der Bar gefangen war, das passiert in Zukunft sicherlich nicht mehr, denn der Raum vor der Bühne scheint jetzt breiter zu sein. 

Die Vorband war auch an diesem Abend Balthazar aus Belgien. Während mich der Wiener Auftritt vor den Editors so gar nicht hatte beeindrucken können, erinnerte ich mich nun schon an einige Songs und fand diese auch (möglicherweise deshalb) besser. Fifteen Floors, bei dem alle Bandmitglieder unheimlich viel Text zu einer sehr repetitiven Melodie singen, ist und bleibt allerdings nervig. Beim wieder als letztes gespielten Blood Like Wine mit seinem einprägsamen "raise your glass"-Refrain zeigte sich allerdings auch, dass dieser Konzertabend eher nicht unter übergroßem Fan-Engagement leiden werden würde: Während in Wien schon von fast zu Beginn des Songs die Plastikbecher des Publikums zu dieser Textzeile emporgehoben worden waren, passierte das in Wiesbaden selbst am Ende nur sehr, sehr vereinzelt. 

Setlist Balthazar, Schlachthof, Wiesbaden: 

01: Later 
02: Sinking Ship 
03: Fifteen Floors 
04: Listen Up 
05: Lion's Mouth (Daniel) 
06: Do Not Claim Them Anymore 
07: Blood Like Wine 

Die Editors spielen bei ihrer gegenwärtigen Tournee immer dieselbe Setliste, insofern war hier nicht mit Überraschungen zu rechnen, und tatsächlich begann ihr Auftritt auch an diesem Abend mit Sugar. Zuerst dachte ich, die Band sei heute Abend nicht vollzählig erschienen, aber dann wurde mir klar, dass sich im dichten Bühnennebel noch einige Musiker versteckt hatten. Die Sicht auf die Band sollte für das ganze Konzert nicht sonderlich klar werden. 

Anders war an diesem Abend definitiv das Publikum. Wie sich bereits bei Balthazar abgezeichnet hatte, litt dieses Konzert keineswegs unter übergroßem Enthusiasmus auf der Publikumsseite. Gerade in meiner direkten Umgebung standen einige selbst aus meiner greisenhaften Perspektive ältere Konzertbesucher, die den Auftritt eher stoisch über sich ergehen ließen und sich auch kaum zu einem Applausklatschen hinreißen ließen. Das machte den Genuss wiederum etwas schwierig - anscheinend ist es sehr komplex, die Umgebungsbegeisterung für meinen Geschmack richtig zu dosieren. Während sich in Wien das Publikum beispielsweise bei Smokers outside the hospital doors laut mitsingend in den Armen lag, schien in Wiesbaden in meiner Nachbarschaft kaum jemand den Song zu kennen. 

Von der Bühne her blieben die meisten Vorgänge gleich - Tom Smiths Klavierklettereien etwa fielen sehr ähnlich und zu demselben Lied (Eat raw meat = blood drool) aus, wie wir es bereits gesehen hatten - allerdings blieben die Mitklatschanimationen der Bandmitglieder dieses Mal weitgehend aus. Ob das daran lag, dass man sie im Nebel ohnehin nicht gut gesehen hätte oder daran, dass man sich keinen Erfolg versprach, kann ich nicht sagen. Wieder waren alle Musiker in schwarz gekleidet und ich fragte mich kurz, ob Tom Smith möglicherweise eine Tourneegarderobe hat, die aus zwanzig schwarzen T-Shirts und ebenso vielen schwarzen Jeans besteht. 

Eine musikalische Überraschung hatte der Abend dann aber doch noch für uns zu bieten: Nachdem Smith zur Akustikgitarre The phone book vorgetragen hatte, erklärte er, er müsse nun einen Song für den morgigen Auftritt in Belgien üben, da er ihn normalerweise zu schnell spiele. Es folgte das sehr schöne No sound but the wind, das wir in Wien nicht gehört hatten. Ich fragte mich nach dieser Ankündigung kurz, ob die Tatsache, dass vor dem zahlenden Wiesbadener Publikum ein Song "geprobt" wurde, damit er für die Belgier am kommenden Abend richtig sitzt, nicht vielleicht als Beleidigung zu verstehen sei. Inzwischen habe ich gelesen, dass No sound but the wind in Belgien - und sonst nirgendwo - eine Nummer-1-Single war, was mich diese Anmerkung verstehen lässt. Insgesamt gefielen mir diese ruhigen Passagen des Konzertabends am besten - sicherlich, weil ich sie in Wien nicht so recht hatte genießen können. 

Der Rest des Abends, inklusive der Zugaben, folgte dann wieder dem bereits bekannten Muster, wobei ich in Wiesbaden den Eindruck hatte, dass die gothic-inspirierte Synthesizer-Single Papillon hier von allen Songs am besten ankam. 

Während wir bereits in Wien gesehen hatten, dass die Bühnenarbeiter nach Konzertende freigiebig die Setlisten verteilten, setzte in Wiesbaden nun sogar eine Art Schlussverkauf ein: Ein als Bühnendeko genutzter Editors-Schal und ein Plektrum waren bereits während des Konzerts ins Publikum geflogen, nun folgten auch noch zahlreiche Drumsticks, weitere unbenutzte Plektren und Dutzende von Setlisten - ein bisschen fragten wir uns, ob gleich auch die Gitarren verschenkt werden würden, aber so weit kam es dann doch nicht. 

Als Fazit kann ich sagen, dass keiner der beiden Editors-Abende ein absolut optimales Konzert war. Dennoch, und obwohl sich speziell Tom Smiths Gestik und Mimik natürlich extrem wiederholten, fühlten sich für mich die beiden Auftritte weniger "eingeübt" an als der von Woodkid. Das liegt aber sehr wahrscheinlich an mir selbst. Musikalisch bin ich mit der Band nun wieder mehr im Reinen, als ich das nach der Veröffentlichung der U2-inspirierten Single A ton of love für möglich gehalten hätte. 

Setlist Editors, Schlachthof, Wiesbaden: 

01: Sugar 
02: Someone says 
03: Smokers outside the hospital doors 
04: Bones 
05: Eat raw meat = blood drool 
06: Two hearted spider 
07: You don't know love 
08: All sparks 
09: Formaldehyde 
10: A ton of love 
11: Like treasure 
12: An end has a start 
13: Bullets 
14: In this light and on this evening 
15: The phone book (acoustic) 
16: No sound but the wind (acoustic) 
17: Munich 
18: The racing rats 
19: Honesty 

20: Bricks and mortar (Z) 
21: Nothing (Z) 
22: Papillon (Z) 

Links:

- aus unserem Archiv:  
- Interview mit den Editors 
- Editors, Wien, 08.10.13
- Editors, Duisburg, 21.06.13
- Editors, Paris, 14.12.09
- Editors, Köln, 12.11.09
- Editors, Haldern, 08.08.08
- Editors, Melt!, 18.07.08
- Editors, Reims, 30.05.08
- Editors, Paris, 07.04.08
- Editors, Krefeld, 14.03.08
- Editors, Paris, 11.11.07
- Editors, Köln, 08.11.07
- Editors, Paris, 06.07.07
- Editors, London, 17.06.07
- Editors, Köln, 13.06.07
- Editors, Paris, 26.08.06  
- Balthazar, Frankfurt, 22.04.13
- Balthazar, Paris, 20.07.12
- Balthazar, Mannheim, 18.05.12

Fotos: Dirk von Platten vor Gericht



Freitag, 11. Oktober 2013

Editors, Wien, 08.10.13

0 Kommentare

Konzert: Editors
Ort: Gasometer, Wien
Datum: 08.10.2013
Dauer: Editors 105 min, Balthazar ca. 40 min
Zuschauer: ca 3.000




von Ursula von neulich als ich dachte

Nach dem Besuch des klar auf kleinere Bands orientierten Waves Vienna Festivals zeichnete sich ein Konzert der etablierten Editors in einer großen Halle als zu erwartender Stilbruch ab. Allerdings sollte der Auftritt im Gasometer stattfinden, einem Komplex aus vier alten, runden, nun, Gasometern eben, die Anfang dieses Jahrtausends unter erheblichem Aufwand zu Wohnungen, einem Einkaufscenter, einem Stundentenwohnheim und eben einer Konzerthalle umgestaltet wurden. Von außen wirkt der Komplex ästhetisch sehr ansprechend, also waren wir gespannt auf das Innenleben. 


Unsere Erwartungen hinsichtlich einer angenehm gestalteten, gleichermaßen antiken wie modernen Konzerthalle wurden allerdings erst einmal gründlich enttäuscht: Der Vorraum der gerade einmal 12 Jahre alten Halle wirkte weder altmodisch noch modern, sondern einfach nur düster, zusammengewürfelt und schäbig. Wir hatten viel Zeit, darüber nachzudenken, denn scheinbar waren alle Zugänge zum eigentlichen Konzertraum noch verschlossen, ein Ordner stand jeweils davor. Erst nach ziemlich langer Wartezeit fiel uns auf, dass der Einlass in Wirklichkeit längst begonnen hatte, man allerdings nur zwei Seiteneingänge zur Halle nutzen konnte - worauf allerdings keiner der Ordner hinwies und was bei weitem nicht jeder bemerkte. Immerhin kamen wir noch rechtzeitig vor dem Auftrittsbeginn der Vorband Balthazar in den Raum und konnten uns auch noch relativ weit vorne Stehplätze sichern. Die Halle an sich entpuppte sich als nichtssagendes schwarzes Oval, das eine sehr breite Bühne hat, so dass auch die weiter hinten stehenden Zuschauer nicht allzu weit weg vom Geschehen sind. 

Bei Balthazar teilen sich Maarten Devoldere und Jinte Deprez den Gesang und das Gitarrenspiel. Simon Casier (Bass) und Patricia Vanneste, die Violine und Keyboards bedient, unterstützen sie gelegentlich gesanglich. Christophe Claeys vervollständigt das Quintett aus Gent am Schlagzeug. In ihrer Heimat sind Balthazar mittlerweile weit mehr als ein Geheimtipp und auch im restlichen Europa erspielen sie sich mehr und mehr Fans. Sie sind bis November im Vorprogramm der Editors unterwegs auf dem europäischen Festland. 

Zu ihrem Auftritt im Gasometer fällt mir dennoch nicht allzu viel ein. An der Musik gab es im Grunde nichts auszusetzen, aber packen konnte sie mich auch nicht. Beim Publikum kamen Balthazar allerdings durchaus gut an, und gerade der letzte Song Blood like wine, in dem wieder und wieder die Zeile "raise your glass" wiederholt wird, führte zu Mitgesang und gehobenen Plastikbechern. Offensichtlich wurden auch neue Fans gewonnen, denn auf dem Weg zurück ins Hotel konnten wir bei anderen U-Bahn-Fahrgästen mehrere neu erstandenen Vinyl-Exemplare von Rats, ihrem zweiten Album, erblicken. 

Zu begeistern war das Publikum also durchaus, vielleicht allzu leicht. In unserer Umgebung hatte sich beispielsweise eine Gruppe slowakischer Schüler eingefunden, die mit endloser Energie auf- und absprangen und "E-DII-TOORS" skandierten, während sie voneinander Handyfotos machten. Das war natürlich noch gar nichts im Vergleich zu ihrer Begeisterung, als Tom Smith & Co. tatsächlich die Bühne betraten und anfingen, Sugar zu spielen. Es wurde gehopst, getanzt, gefilmt, arhythmisch geklatscht, sich singend in den Armen gelegen, zwischendurch ge-Whatsapp-t ... Und ich fühlte mich mit einem Mal noch älter als sonst, weil ich doch einfach bloß zuhören und dabei ein bisschen auf- und abwippen wollte, ohne dass mir jemand ins Ohr brüllte, sang oder klatschte. 

Die Band war übrigens komplett in Schwarz gekleidet. Es handelt sich um ihre erste Tour mit den beiden neuen Mitgliedern Justin Lockey und Elliott Williams. Der Schwerpunkt der Setliste lag mit 7 Titeln auf dem neuen Album The Weight of your love, alle anderen Platten wurden nahezu gleichrangig berücksichtigt und bunt durcheinander gewürfelt. 

Auf der Bühne folgten Someone says und mit Smokers outside the hospital doors mein Lieblingslied der Band, aber es blieb schwierig, sich auf das Bühnengeschehen zu konzentrieren. Dabei war dort oben auch nicht wenig los, denn Tom Smith (mittlerweile dankenswerterweise wieder ohne Zopf) schnitt Grimassen, verrenkte sich, erklomm gelegentlich sein Klavier und Lautsprecher und, äh, sang natürlich. 

All das klingt jetzt viel negativer als es gemeint ist, denn an und für sich liefern Editors ein sehr gut gespieltes wie gesungenes Konzert ab, das eine beachtliche Hitdichte aufwies. Nur wurde man davon immer wieder abgelenkt, etwa, wenn sich ein vielleicht Sechzehnjähriger erst durch die Menge vor uns kämpfte und ein bisschen abrockte, sich anschließend in einem Begeisterungsanfall sein soeben frisch gekauftes Editors-Shirt vom Leib riss, es auf die Bühne warf und mit nacktem Oberkörper dastand - um dann eine Viertelstunde später bei der Security darum zu betteln, das Shirt zurück zu bekommen. 

Der Band ist in diesem Kontext nur vorzuwerfen, dass sie die nervige Klatscherei, die auch so an den unpassendsten Stellen und in den absurdesten Rhythmen stattfand, mehrfach ermutigte. The Phone Book wurde immerhin von Tom Smith allein, nur in Begleitung des Gitarristen dargeboten, was so vergleichsweise wenig Mitsingmöglichkeiten bot, Racing Rats sang er vorm Klavier aus, dafür konnte man dann bei Honesty eine Art Fußballgesang hören. 

Danach war vorläufig Schluss, doch natürlich gab es auch einen Zugabenteil, der sich in seiner Konzentration aufs dritte Album In this light and on this evening als sehr synthesizerlastig erwies. Nach Bricks and Mortar und Nothing hörten wir eine unglaublich lange Version von Papillon, das sich neben der im Hauptteil gespielten aktuellen Single A ton of love beim Publikum als der Tophit des Abends erwies. 

Ende Oktober/Anfang November folgen übrigens noch fünf Deutschland-Konzerte, davon sind Hamburg, Berlin und Wiesbaden ausverkauft, Tickets gibt es noch für Leipzig und Köln. 

Setlist Editors, Gasometer, Wien: 

01: Sugar 
02: Someone says 
03: Smokers outside the hospital doors 
04: Bones 
05: Eat raw meat = blood drool 
06: Two hearted spider 
07: You don't know love 
08: All sparks 
09: Formaldehyde 
10: A ton of love 
11: Like treasure 
12: An end has a start 
13: Bullets 
14: In this light and on this evening 
15: The phone book (acoustic) 
16: Munich 
17: The racing rats 
18: Honesty 

19: Bricks and mortar (Z) 
20: Nothing (Z) 
21: Papillon (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:  
- Interview mit den Editors
- Editors, Duisburg, 21.06.13
- Editors, Paris, 14.12.09
- Editors, Köln, 12.11.09
- Editors, Haldern, 08.08.08
- Editors, Melt!, 18.07.08
- Editors, Reims, 30.05.08
- Editors, Paris, 07.04.08
- Editors, Krefeld, 14.03.08
- Editors, Paris, 11.11.07
- Editors, Köln, 08.11.07
- Editors, Paris, 06.07.07
- Editors, London, 17.06.07
- Editors, Köln, 13.06.07
- Editors, Paris, 26.08.06  
- Balthazar, Frankfurt, 22.04.13
- Balthazar, Paris, 20.07.12
- Balthazar, Mannheim, 18.05.12

Fotos: Dirk von Platten vor Gericht


Samstag, 22. Juni 2013

Editors, Duisburg, 21.06.13

9 Kommentare

Konzert: Editors
Ort: Landschaftspark Nord, Duisburg (Traumzeit Festival)
Datum: 21.06.2013
Zuschauer: 3.000 vielleicht
Dauer: gut 90 min




Mein achtes Editors Konzert war leider auch mein letztes.* Das, warum Lieblingsbands Lieblingsbands sind, die emotionale Bindung, ist vollkommen weg. Nachdem die Briten einige Lieder gespielt hatten, viele neue, aber auch Munich oder Bones, wurde mir schmerzhaft klar, daß mir das heutige Konzert vollkommen egal war und ich nur blieb, weil ich immer bleibe und halbe Konzerte hasse. Diese schmerzende Erkenntnis ist zwar auch eine Emotion, aber keine von der Sorte, die mich so oft in Editors Konzerte gehen ließ.


Ich habe die Band und ihre Auftritte geliebt, mag die erste Platte extrem, die zweite sehr und hatte mir die dritte (und die Tour dazu) damals noch schöngeredet. Daß mir dies mit The weight of your love, dem vierten Album, das bald erscheint, auch gelingen könnte, halte ich für ausgeschlossen, obwohl ich die neuen Stücke vorhin zum ersten Mal gehört habe. Ich möchte es auch gar nicht. Zu belanglos erschien mir das meiste. Und das beste Lied unter den neuen (Two hearted spider) ist ein netter Pop-Song, allerdings keiner, der zu den Editors passt. Die anderen trieften vor Pathos (Sugar) oder waren sterbenslangweilig (The phone book - kein Wunder! Wie soll ein Song über ein Telefonbuch auch sonst sein?). Das schlechteste der neuen Stücke war das mit dem schönsten Titel, Formaldehyde. In unserer Schule lief alle paar Monate der Schulelternsprecher durch die Anbauten, um zu schnüffeln, ob irgendwo Formaldehyd feststellbar sei. Das damals anzusehen, war spannender als das Lied zum Gift. Viel spannender!


Die Editors waren einer der Headliner des ersten Tages beim Traumzeit-Festival im Duisburger Landschaftspark, einem ehemaligen Zechengelände. Die Konzerte finden in der Giesshalle, der Kraftzentrale, der Gebläsehalle oder draußen vor dem Gasometer statt. 

Die Editors waren in der Kraftzentrale angesetzt. Diese eindrucksvolle 170 m lange Halle diente der Strom- und Hochofenwind-Erzeugung, als die Hütte noch im Betrieb war. Sie erinnert an die Bochumer Jahrhunderthalle, was wenig verwundert, da diese einen ähnlichen Zweck erfüllte.


Sehr passend zum Ort spielte als "Vorgruppe" der Knappenchor Homberg. Und herrlich klischeehaft kündigte dessen Dirigent gerade das Steigerlied an, als ich reinkam. Nach dem anschließenden Schnaps sang der Chor noch Amazing Grace als Zugabe.


Die herrlich dunkle Halle füllte sich danach recht flott. Wie ich später merkte, waren viele wegen der Editors da und nicht etwa Festival-Laufkundschaft.


Im vergangenen Jahr ist Gitarrist und Keyboarder Chris Urbanowicz ausgestiegen. An seinem Platz stand ein Synthesizer, der aber zunächst unbesetzt blieb, als die Band auf die Bühne kam. Auf der linken Seite der Bühne** stellten sich die beiden neuen Mitglieder Justin Lockey (Gitarre) und Elliott Williams (Keyboard, Gitarre und Anklatschen) hintereinander auf.


Daß mich die beiden ersten Stücke Sugar und A ton of love nicht beeindruckten, sah ich noch nicht als Problem an, es würden schon noch bessere Lieder der neuen Platte folgen. Die Engländer spielten auch eine ganze Menge der unveröffentlichten Stücke, einen Großteil des Albums, der Funke sprang aber nicht über, es blieb mau. Und es wurde mir auch wieder deutlich, daß auch die Titel der dritten Platte (vielleicht mit Ausnahme von Papillon, das aber ohnehin sehr untypisch ist), sehr viel schlechter als die frühen Stücke sind. Erstaunlicherweise (oder eben auch nicht) kamen gerade die Lieder von In this light... am besten an. Hier wurde am meisten mitgesungen und geklatscht.


Offenbar ist die Meinung, daß die frühen Editors die guten Editors waren, nicht weit verbreitet. Der Band wäre es zu gönnen, weil das dafür spricht, daß der Broterwerb noch eine Weile gesichert ist.

Der Synthesizer-Tisch rechts blieb lange unbesetzt. Als er dann erstmals
bespielt wurde, machte das nicht der neue Keyboarder sondern Tom Smith. Das über weite Strecken verwaiste Pult machte schmerzhaft bewußt, wie groß die Lücke ist, die Chris Urbanowicz hinterlassen hat. Aber die Musik, auch die alten Stücke, machten dies noch eine Spur deutlicher. Vielleicht bilde ich mir das bei Bullets oder The racing rats (schrecklich abgehetzt und mit stumpfem Beat!) auch nur, weil meine Laune von Lied zu Lied schlechter wurde - aber ich fürchte nicht.

Nein, das war nicht nur nichts, es läßt auch keine Hoffnung zurück, daß das Konzert (eines der ersten laut Tom) ein Ausrutscher war. Sobald sich genug Leute finden, die brav und begeistert mitmachen, wenn Animateur Elliott den Mitklatsch-Anfeuerer gibt, ist das Konzert schließlich toll für die. Für mich nicht. Eine gute Stimmung bedeutet eben leider noch kein gutes Konzert und sie konnte nicht über die mangelnde Qualität aller neuer Stücke hinwegtäuschen.

Vielleicht bis 2025, zum Jubiläum von The back room, ansonsten farewell...

Setlist Editors, Traumzeit Festival Duisburg:

01: Sugar (neu)
02: A ton of love (neu)

03: Munich
04: Bones
05: Two hearted spider (neu)
06: An end has a start
07: Bullets
08: Formaldehyde (neu)
09: Bird of prey (neu)
10: No sound but the wind
11: In this light and on this evening
12: Bricks and mortar
13: Eat raw meat = blood drool
14: Smokers outside the hospital doors
15: The phone book (neu)

16: Papillon (Z)
17: The racing rats (Z)
18: Honesty (neu) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Editors, Paris, 14.12.09
- Editors, Köln, 12.11.09
- Editors, Haldern, 08.08.08
- Editors, Melt!, 18.07.08
- Editors, Reims, 30.05.08
- Editors, Paris, 07.04.08
- Editors, Krefeld, 14.03.08
- Editors, Paris, 11.11.07
- Editors, Köln, 08.11.07
- Editors, Paris, 06.07.07
- Editors, London, 17.06.07
- Editors, Köln, 13.06.07
- Editors, Paris, 26.08.06


* es sei denn, sie spielten irgendwann eine The back room Jubiläums-Tour!
** vom Publikum aus




Dienstag, 15. Dezember 2009

Editors & Maccabees, Paris, 14.12.09

7 Kommentare

Konzert: Editors & Maccabees & Wintersleep

Ort: Le Bataclan, Paris
Datum: 14.12.2009
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: Editors 100 Minuten, Maccabees & Wintersleep jeweils etwa 35 Minuten



Ich bin nur wegen der Vorgruppe hier, steht auf Christophs schicker Umhängetasche geschrieben*, die er ab und zu bei Konzerten mit sich trägt. Nicht unbedingt mein Motto. Nicht, weil ich Vorgruppen nicht mag, sondern weil es eine verfluchte Zwickmühle gibt. Gefallen mir die Einheizer, störe ich mich in der Regel daran, daß der Großteil der anderen Besucher mit Ignoranz und Teilnahmslosigkeit reagiert, mißfällt mir der Support, ärgere ich mich darüber, daß ich zu Hause noch Sinnvolleres hätte erledigen können, als einer Band zuzuhören, die ich nicht mag. Genau das Gegenteil einer win-win Situation. Egal was passiert, man ist immer gearscht!

Heute wollte ich aber dennoch beide Vorgruppen unbedingt sehen. Mit Wintersleep und The Maccabees standen schließlich zwei Kracher auf dem Programm. Um die mitzubekommen, musste ich mich gewaltig sputen, denn ich war zusammen mit meiner Frau um 18 Uhr 30 bei der lieben Uschi aus Dortmund zum Gulaschsuppe essen eingeladen. Eigentlich lagen wir gut in der Zeit, merkten aber plötzlich in der U-Bahn, daß wir die Tickets vergessen hatten. Also noch mal zurück und wieder rein in die Metro. Durch diese Kacke hatten wir am Ende 30 Minuten verloren! Ich schaute meine Frau ganz treudoof an und teilte ihr mit, daß ich sofort ins Bataclan gehen würde. Ich war traurig, denn gerne hätte ich gesehen, wie Uschi lebt und die Gulaschsuppe hätte mir bestimmt auch gemundet. Aber wie sagt der Franzose so schön: "C'est la vie." (und damit meint der Froschfresser genauer gesagt: das Leben ist scheiße! Er formuliert es aber höflicher).

Nun gut, ich also allein Richtung Bataclan, als plötzlich mein Magen grimmt und ich es nicht schaffe, an einer Dönerbude vorbeizulatschen, ohne mir mit diesem Gammelfleisch den Magen vollzuschlagen. Eigentlich war das Teil lecker, aber ich möchte nicht wissen, was drin war. Egal. Jedenfalls war der baumlange Bassist von den Maccabess (auf dem Foto rechts) lustigerweise auch da und wenn er dahin geht, muss es ja gut sein. Oder nicht? Ist doch schließlich bekannt, daß sich junge britische Musiker auf Tour äußerst gesund ernähren. Ähem, ja...

Vor dem Bataclan dann eine lange Schlange. Bibbernde Menschen, die in der Eiseskälte auf Einlass warten und sich den Arsch abfrieren. Ich dachte, ich sei schlauer als diese Schafherde und reihe mich ganz vorne, schon fast am Eingang, ein. Da tippt mir plötzlich eine Französin auf die Schulter und sagt, ich solle mich hinten anstellen. Ein sehr unfranzössicher Reflex eigentlich, denn hier erzieht man normalerweise seine Mitbürger nicht, sondern lässt sie gewähren und sich schlecht benehmen. Aber nun gut, ich hatte halt eben das Pech auf eine blöde Pissnelke zu treffen! Wie so ein Hammel stelle ich mich tatsächlich ganz hinten an und verpasse prompt den Anfang von Wintersleep. Die Kanadier spielen, als ginge es um ihr Leben, ernten aber nur die gewohnten ignoranten Reaktionen. Ein paar Leute klatschen gelangweilt, anderen saufen Bier an der Bar. Perlen vor die Säue geworfen! Wintersleep sind nämlich richtig gut und bieten einen rassigen Indierock, an dem wenigstens etwas Erde klebt. Eine Mischung aus typisch amerikanischen Gruppen wie My Morning Jacket, REM, Band Of Horses, Built To Spill, Pavement, Pixies und englischen Post Punk Bands. Ich mag sie wirklich gerne, sie sind melodisch ohne sich anzubiedern, catchy und höllisch laut. Schade, daß ich nur vier Lieder von ihnen mitbekommen habe. Leider kann ich noch nicht einmal Titel nennen, obwohl ich Wintersleep dieses Jahr schon einmal in Haldern gesehen hatte. Nächstes Mal bin ich besser vorbereitet, denn ich habe beschlossen, alle drei Alben der Band zu kaufen!

Etwa eine viertel Stunde später stiegen die Maccabees in den Ring. Wie gewohnt gaben sie von Beginn an Vollgas und nahmen gut dreißig Minuten lang den Fuß nicht vom Gaspedal. Eine rotzfreche, aber hochsympathische und liebenswerte Band, die sich selbst nicht zu ernst nimmt und unbekümmert und frei von der Leber weg aufspielt und mich damit jedesmal euphorisiert. So auch heute. Schon nach dem Opener William Powers hatte ich ein Dauergrinsen in der Fresse und berauschte mich an dem zackigen Post Punk Sound und dem hibbeligen Beat der Rotznasen. So kernig auf den Punkt gebracht haben diesen Stil noch nicht einmal die ausgezeichneten Futureheads, mit denen man sie am ehesten vergleichen kann*. Kaum ein Song, der mich auf den ersten beiden Alben nicht begeistert hätte, im Gegenteil, so getrüffelt mit ohrwurmigen Knallern waren Alben junger englischer Bands in den letzten 10 Jahren sehr selten. Da verzeiht man ihnen auch, daß sie beim 2. Opus Wall Of Arms ein wenig bei Aracade Fire abgekupfert haben und man die ein oder andere Stelle schon einmal so ähnlich auf Funeral oder Neon Bible gehört hat. Ohnehin scheinen die Jungspunde um Sänger Orlando Weeks einen sehr ordentlichen Musikgeschmack zu haben. Wer covert schon die viel zu Unbekannten I Am Kloot? Kaum jemand! Die Maccabees trauen sich das, obwohl ihnen der Song Because eigentlich nicht sonderlich gut gelang und ich das Original von Bramwell bevorzuge. Das war aber auch schon das einzige Haar in der Suppe, denn der ganze Rest flutschte unglaublich gut. Das sonnig-heitere Can You Give It ist mit seiner kariös melodischen Gitarrenmelodie einer meiner Hits des Jahres und das deutliche düstere No Kind Words so schmissig und infektiös, daß ich jedesmal wild rumtobe ,wenn ich es höre. Und ich glaube sogar, daß ausnahmsweise recht viele Leute im Bataclan Gefallen an den unberechtigterweise lediglich als Vorgruppe an den Start gegangenen Maccabees gefunden haben.

Setlist Maccabees, Bataclan, Paris:

01: William Powders
02: One Hand Holding
03: All In Your Rows
04: Wall Of Arms
05: Young Lions
06: Can You Give It
07: Because ( I Am Kloot Cover)
08: No Kind Words
09: Love You Better

Und dann kamen die Editors, der Hauptact des heutigen Abends. Und hier kann ich es recht kurz machen: das Konzert war scheußlich! Ich fragte mich im Verlaufe des ekelhaft bombastischen, schwülstigen und unglaublich platten Sets, warum ich die einmal gut gefunden habe. Kein einziges Lied gefiel mir, die Hits von den ersten Alben hingen mir zu den Ohren raus und sind bei Licht betrachtet um ein oder zwei Ideen herum gebastelt und die neuen Sachen waren eine Zumutung. Allein die Assoziationen zu schauderhaften Bands aus den 80 er Jahren, die mir in den Sinn kamen, reichten aus, um mir Schweißperlen auf die Stirn zu treiben. You Dont Know Love klang nach Abba (Lay All Your Love On Me), The Boxer nach Bronski Beat ( Smalltown Boy) und die erste Zugabe Walk The Fleet Road nach A-ha (The Sun Always Shines On TV) Hinzu kam ein glattgeschmirgelter Sound wie aus der Konserve, ein wie immer nervig rumhampelnder Tom Smith und eine grellbunte Lightshow, die eigentlich nur an Silvester, sprich sturzbetrunken, zumutbar gewesen wäre. Einzig allein die Tatsache, daß meine Frau an mir unbekannter Stelle im Saale zugegen war, hielt mich davon ab, fluchtartig das Batclan zu verlassen. So blieb ich also bis zum bitteren Ende.

Das feiste Publikum hatte trotzdem seine Freude, klatschte mit, als sei es in einer Disco auf dem Ballermann und berichtete hinterher von einem tollen Konzert. Auch meine Freunde und Bekannten mochten das. Ich sagte lieber gar nichts, denn ich wollte nicht als Spielverderber dastehen, hatte aber dennoch meine liebe Mühe und Not, nicht mit der Wahrheit rauszuplatzen und zu bekennen, daß ich dieses Jahr noch kein schrecklicheres Konzert erlebt hatte.

Bei den Editors gehe ich hiermit von Bord. Mögen sie mit ihrem pathetischen Bombastsound die Stadien dieser Welt beschallen und genug Kohle scheffeln, um sich eine Wohnung in London kaufen zu können. Oder was auch immer.

Setlist Editors, Paris, Bataclan 2009:

01: In This Light And On This Evening
02:An End Has A Start
03:Blood
04: You Don't Know Love
05: Bones
06: The Boxer
07: The Big Exit
08: Escape The Nest
09: Eat Raw Meat Blood Drool
10: All Sparks
11: The Racing Rats
12: Like Treasure
13: Camera
14: Bullets
15: You Are Fading
16: Smokers Outside The Hospital Doors
17: Bricks and Mortar

18: Walk The Fleet Road
19: Munich
20: Pappilon
21: Fingers In The Factories


Pour nos lecteurs français:

- Wintersleep: bien. À ranger entre les groupes indé us (Pixies, My Morning Jacket, REM) et les groupes post punk anglais, sans les copier. La voix du chanteur est remarquable.

- Maccabees: très bien, ultra rapide et diabloquement remuant. Leur concerts sont toujours euphorisants et trouffés des tubes incroyablement catchy.

- Editors: affreux. Grandiloquent, lisse et sans âme. Les nouveaux morceaux sonnent so eighties et m'ont fait penser à des groupes kitsh comme Abba, A-ha et Visage. Leur tubes des deux premiers albums (Blood, Munich, The Racing Rats, Smokers Outside The Hospital Doors...), que j'ai écouté trois millions de fois, me soûlent. Le public a adoré par contre. À chacun son goût.


*Wo Christoph hier Ähnlichkeiten zu der Indie- Folk Szene um Noah & The Wahle sieht, müsste er mir einmal erklären.

Aus unserem Archiv:


- Interview mit den Editors
- Editors, Köln, 12.11.2009
- Editors, Haldern-Festival, 08.08.08
- Editors, Ferropolis, 18.07.08
- Editors, Reims, 30.05.08
- Editors, Paris, 07.04.08
- Editors, Krefeld, 14.03.08
- Editors, Paris, 11.11.07
- Editors, Köln, 08.11.07
- Editors, Paris, 06.07.07
- Editors, London, 17.06.07
- Editors, Köln, 13.06.07
- Editors, Paris, 26.08.06

* auf dem Foto links seht ihr eine von Christophs tollen Legoarbeiten. Abgebildet sind die Blood Red Shoes und die waren oft Vorgruppe von Maximo Park. Da wäre ich auch wegen der Vorgruppe gekommen...



Freitag, 13. November 2009

Editors, Köln, 12.11.09

22 Kommentare

Konzert: Editors (The Maccabees & Wintersleep)
Ort: Palladium, Köln
Datum: 12.11.09
Zuschauer: nicht ausverkauft aber voll; vielleicht 3.000
Dauer: Editors 98 min, The Maccabees 30 min, Wintersleep knapp 25 min


"Unser Songwriting jetzt ist auch anders, es ist elektronischer, es gibt mehr Samples, ich spiele viel mehr Keyboard." - "Das wird eine Art Neugeburt im nächsten Jahr sein, wir werden anders klingen!" hatten uns Editors Gitarrist Chris und Schlagzeuger Ed und beim vergangenen Haldern-Festival erzählt. Obwohl ich die Musik der Band vorher unglaublich liebte, hatte ich nach diesen Ankündigungen keine Verlustängste; bei den Editors würde das gutgehen, da war ich sehr sicher. Und auf Platte bestätigte sich diese Einschätzung: die neuen, elektronischeren Stücke stellen wirklich eine Art Neugeburt dar, aber eine außerordentlich gute. Vor allem die erste Hälfte des Albums ist atemberaubend! Heute in Köln hatte ich Gelegenheit, das alles erstmals live zu sehen, nachdem mein letztes Editors Konzert bereits 15 Monate zurücklag.

Aber nicht bloß die Editors waren heute zu sehen. Auch die herausragenden Wintersleep und The Maccabees traten im Palladium auf. Für Nicht-Musikhörer: das ist so, als spielten Grace Kelly, Romy Schneider und Gwyneth Paltrow gemeinsam in einem Film.

Angesetzt war der Abend ursprünglich im E-Werk. Weil sich offenbar schnell andeutete, daß das Konzert ausverkauft sein würde, passierte das Unvermeidliche, die Verlegung auf die andere Straßenseite. Dafür reichte es dann aber offensichtlich doch nicht, denn vor dem Palladium war um kurz nach sieben sehr wenig los, und zahlreiche Verkäufer versuchten, überschüssige Karten loszuwerden. Auf der anderen Straßenseite dagegen bildete sich eine lange Schlange, wie ich sie vor dem E-Werk noch nicht erlebt habe. Ich war eben auch noch nie bei einer so coolen Band wie Europe! Dü dü dü dühhhh, dü dü dü dü dühhhh...

Als die erste Band anfing, war es drinnen noch recht gemütlich. Auch vorne war noch wenig los. Mit den ersten Klängen von Wintersleep, gaben wir den Platz aber gerne
wieder her, weil die Bässe trotz Ohrenschutzes körperlich weh taten. Es war entsetzlich laut und tief und versaute mir den Start deutlich. Glücklicherweise bekam man das recht schnell in den Griff, denn nach 23 Minuten waren die Kanadier auch schon wieder durch. Das war entschieden zu kurz!

Wintersleep sind eine Indierock-Band aus Halifax, die bisher drei Alben veröffentlicht hat. Vor einigen Monaten hatte ich die Kanadier in der Werkstatt gesehen. Da waren sie zwar auch nur Co-Headliner, hatten aber Zeit. Heute reichte ihr Programmanteil lediglich für sechs Stücke, von denen fünf vom letzten Album stammten (und auch in der Reihenfolge der Platte gespielt wurden). Ich war eigentlich sicher, daß hauptsächlich Neues gespielt würde, stammt Welcome to the night doch aus dem Jahr 2007. Die Band arbeitet gerade an ihrem vierten Album. Aber sie wählte einen anderen Ansatz als Noah And The Whale beispielsweise in Haldern, sie war sich offenbar bewußt, daß auch Leute ihretwegen da waren, und spielte nicht nur Experimente. Mit Black camera war dann nur eine Neuheit im Programm. Das Stück war gut, fiel aber im Set weder besonders positiv oder negativ auf.

Bis auf den schlechten Sound und die fehlende Länge ein guter Auftritt. Aber das war ja nicht weiter überraschend.

Setlist Wintersleep, Palladium, Köln:

01: Drunk on aluminium
02: Archaeologists
03: Black camera (neu)
04: Weighty ghost
05: Search party
06: Oblivion

Ach und dann kamen die fabelhaften Maccabees... Deren Platte Wall of arms, eine Nummer 13 der britischen Charts, wird es ganz locker in meine Jahres-Top-3 schaffen, egal, was noch kommen möge. Die Band hat alles, was eine gute Indie-Gitarrenband braucht: fabelhafte Melodien mit vielen Brüchen (ohne dabei aber gewollt künstlerisch-kompliziert zu klingen), einen Sänger, der die richtige Portion Gequältheit in seiner Stimme hat, jede Menge oh-oh-Chöre und viele Gitarren. Wenn man sie in der jungen englischen Musikszene einordnen wollte, wären da sicher sowohl Bands wie die Foals oder Pete & The Pirates aber auch die neue Indie-Folk-Szene um Noah And The Whale nicht weit weg.

Live wird die Sache aber noch fünf Nummern besser, weil man sieht, wie die Südengländer (die eigentlich musikalisch nach Leeds klingen) in ihrer Musik aufgehen. Vor allem der links stehende Gitarrist Hugo macht köstliche Verrenkungen und Faxen, ohne dabei Präzision einzubüßen.

Natürlich hatten auch die Maccabees viel zu wenig Zeit. Mein Wunsch, sie mögen beiden Alben hoch- und runterspielen, blieb unerfüllt.

Eigentlich kann ich es viel kürzer machen... Das, was die Maccabees da heute wieder fabriziert haben, war sensationell! Viele der Besucher kannten sie schon. Aber sicher kam der begeisterte Jubel nicht nur von denen. Von ihrem Debüt Colour it in spielten die Engländer nur First love, der Rest stammte vom aktuellen Album. Auch wenn das müßig ist; Dinosaurs, Wall of arms und Love you better waren die besten Stücke des Auftritts - und der einer der besten des Jahres!

Setlist The Maccabees, Palladium, Köln:

01: No kind words
02: One hand holding
03: Wall of arms
04: Dinosaurs
05: Can you give it
06: Young lions
07: First love
08: William Powers
09: Love you better

Die Editors habe ich verhältnismäßig lange nicht mehr gesehen; Haldern 2008 war mein letztes Mal mit den Editoren. Wenn ich das aus der Distanz nicht verkläre, hatte ich da mein bisher bestes Konzert der Band gesehen.

In this light and on this evening, das dritte Album der Band aus den Midlands, ist vor wenigen Wochen erschienen. Und Chris Urbanowicz hatte nicht zu viel versprochen; es klingt anders als die Vorgänger, jedenfalls in weiten Strecken. Die sehr elektronischen Lieder sind zum Teil herausragend und eine unpeinliche Weiterentwicklung der Band. Wir hatten uns vom ersten Album an immer wieder darüber unterhalten, daß der Hang zum Pathos ganz leicht in eine ekelhafte Richtung abdriften kann; die Gefahr, daß die Editors eine verachtenswerte Stadionrockband werden könnten, erschien uns nicht sonderlich konstruiert. Trotz des Kinderchors und des Bombasts des zweiten Albums, verpassten Tom Smith und Co. aber konsequent, auf die böse Seite abzubiegen. Und auch 2009 haben sie diese Chance ausgelassen und ein unpeinliches und sehr überzeugendes Album abgeliefert.

Natürlich könnte Papillon auch in den 80ern
entstanden sein*, und natürlich ist auch diese aufmerksame Feststellung ganz genau richtig, aber das ändert alles nichts daran, daß In this light and on this evening aufregend und großartig ist, daß der Titelsong eines der Lieder des Jahres ist und daß Papillon, Bricks and mortar, The boxer oder The big exit dem nicht viel nachstehen.

In this light... war dann auch das erste Lied einer ersten Konzerthälfte, die nur aus Hits bestand. Sehr gut gefiel mir, daß einige der alten Titel in neuer Form gespielt wurden. Mit wenigen Ausnahmen bedeutete das nicht unbedingt, daß es
elektronischer wurde (eine dieser Ausnahmen war das immer am Ende gespielte Fingers in the factories, das sehr elektronisch klang und ganz vorzüglich war). Bones oder Bullets hatten zum Beispiel leicht abgewandelte Enden. Auch Open your arms war neu arrangiert. Die ungewöhnlichste neue Version bot aber You are fading, ein Liveliebling der Band, das ich erst nach einer ganzen Weile erkannte.

Dem aktuellen Sound geschuldet, hat sich auch der Bühnenaufbau verändert. Toms Klavier gibt es immer noch. Allerdings stehen dahinter eindrucksvolle
Keyboard-Batterien, die Gitarrist Chris bedient. Mittig auf der Bühne befindet sich ein weiteres Keyboard. Tom Smith wechselte bei manchen Liedern von Klavier zu Gitarre zu Keyboard. Seinem Bewegungsdrang tut das sicher gut, wenn er mehr zu tun hat. Aber er hatte auch so reichlich Spielräume, rumzuhampeln, sich zu verrenken und komische Dinge mit seinen Armen zu machen. Wenn die Theorie stimmt, daß er besonders vielLust auf ein Konzert hat, wenn er sehr viel fuchtelt, hatte er gestern gute Laune!

Ich bin nicht ganz sicher, ob der Abend gestern an den in Haldern herankommt, das
ist aber ja auch vollkommen egal - das Konzert war hervorragend! Die alten Hits ziehen enorm gut, die neuen zum großen Teil auch. Ein Konzert, das deutlich länger als anderthalb Stunden dauert, hat natürlich auch ruhigere Phasen, heute war das die gegen Ende vor Smokers outside the hospital doors. Die haben mich allerdings nicht gelangweilt, weil die Variationen von Open your arms zum Beispiel zu interessant waren.

Ich hätte 2006 oder 2007 nie gedacht, daß die Editors irgendwann den meisten anderen Bands ihrer Generation den Rang ablaufen, i
n diesem Lichte und an diesem Abend sind sie aber von denen die beste Band. Auch wenn sie das Palladium nicht ausverkauft haben, sind weder bei Publikum noch bei den Musikern für mich Abnutzungserscheinungen zu erkennen. Da wird es also sicher auch noch ein viertes gutes Album geben!

Setlist Editors, Palladium, Köln:

01: In this light and on this evening
02: An end has a start
03: Bullets
04: You don't know love
05: Bones
06: The racing rats
07: The boxer
08: All sparks
09: Escape the nest
10: Like treasure
11: The big exit
12: Eat raw meat = blood drool
13: Open your arms
14: You are fading
15: Smokers outside the hospital doors
16: Bricks and mortar

17: Walk the fleet road (Z)
18: Munich (Z)
19: Papillon (Z)
20: Fingers in the factories (Z)

* trotzdem nervte der Typ, der dauernd brüllte, Depeche Mode seien besser, ganz kräftig!

Links:
- aus unserem Archiv:
- Interview mit den Editors
- Editors, Haldern-Festival, 08.08.08
- Editors, Ferropolis, 18.07.08
- Editors, Reims, 30.05.08
- Editors, Paris, 07.04.08
- Editors, Krefeld, 14.03.08
- Editors, Paris, 11.11.07
- Editors, Köln, 08.11.07
- Editors, Paris, 06.07.07
- Editors, London, 17.06.07
- Editors, Köln, 13.06.07
- Editors, Paris, 26.08.06

Fotos und weitere Links folgen!




Donnerstag, 18. September 2008

Interview: Editors, Haldern

1 Kommentare

Es ist wohl nicht zu verheimlichen, daß die Editors eine unserer Lieblingsbands sind. Schon seit ihrem Debütalbum begeistert die Band aus Birmingham mit ihren düsteren und ungemein faszinierenden Liedern und Konzerten, die nicht langweilig werden. So kamen bei uns seit 2006 elf Konzerte der Editors zusammen.

Vor ihrem Auftritt beim diesjährigen Haldern-Festival
sprachen wir mit Schlagzeuger Ed Lay und Gitarrist Chris Urbanowicz über Dinge, die uns seit langem brennend interessierten: Mag Michael Jackson die Editors wirklich? Wie genau lief der SEK-Einsatz in der Kölner KulturKirche ab? Und wessen Orange Crush Version ist besser, die von R.E.M. oder die der Editors?

Das komplette Interview findet ihr hier!












Samstag, 9. August 2008

Editors, Haldern-Festival, 08.08.08

8 Kommentare

Konzert: Editors
Ort: Haldern-Festival, Rees-Haldern
Datum: 08.08.2008
Zuschauer: vermutlich 4.000
Dauer: 65 min.


Was kann man noch sagen über eine Band, die man zigmal gesehen hat? Daß sie immer noch spannend ist. Und perfekt als Headliner nach Haldern passt. Daß sie der Höhepunkt des zweiten Tags des Festivals war.

Schon im vergangenen Jahr hätten sie Headliner und Highlight am Niederrhein sein sollen, da zog die Band aus Birmingham aber eine Australien-Tour vor (warum auch immer). Daß die Gruppe um Tom Smith ihren Auftritt in diesem Jahr nachholte, ist
ihr und dem Halderner Bookingteam hoch anzurechnen.

Obwohl ich die Mittelengländer seit dem nicht-Haldern 2007 zweimal gesehen habe, freute mich die Bestätigung der Editors sehr, erstaunlicherweise hängen sie mir
nämlich immer noch nicht zum Hals heraus, wohl auch, weil bisher keines der Konzerte dem anderen glich.

Am Nachmittag hatten Oliver und ich Gitarrist Chris und Schlagzeuger Ed interviewt und dabei erfahren, daß die Editors in den vergangenen Tagen im Studio an neuen Liedern gearbeitet haben. Ob sie von diesem neuen Material wie vor zwei Wochen beim Melt! Festival Stücke spielen würden, war eine der spannenden Fragen, als der Soundcheck langsam zu Ende ging. Kate Nash hatte vorher einen ganz netten aber leider vollkommen belanglosen Auftritt gehabt (Bericht folgt!), und vor der Hauptbühne hatten sich bei trockenem Wetter die angemessen vielen Besucher für einen Headliner eingefunden.

Es passte wundervoll! Der düstere Sound, der großartige Festivalplatz, der nicht zu kalte und vor allem trockene Abend...

Tom Smith war in Höchstform. Schlecht habe ich den Frontmann noch nie erlebt, die Band wirkte aber trotz der vielen Konzerte nicht überspielt. Vielleicht haben die Tage
im Studio und die besondere Umgebung des Festivals die Lust der vier Engländer noch einmal stimuliert.

Die Setlist war wieder einmal eine komplett neue. Leider spielten die Editors zwar keines der neuen Lieder, auch kein Cover (zuletzt hatten sie "Lullaby" von The Cure
im Programm), für mich war aber die B-Seite "Open up" live neu. Außer "You are fading", dem Live-Liebling der Band, stammte der Rest von den beiden Alben. Bei so vielen starken Stücken ist es furchtbar schwer, Lieder herauszuheben. Zwischen all den großen Songs, die so perfekt zu einem späten Festivalauftritt passen (ohne der vor Veröffentlichung der zweiten Platte befürchtete Abstieg zum Stadionrock zu sein), war allerdings diesmal "Munich" Sieger unter Gleichen. Die "neue" Liverversion mit ruhigem Anfang ist wundervoll und macht dieses alte Lied wieder unfassbar aufregend!

Ansonsten keinerlei Langweiler, keine Ärgernisse, dafür
toller Sound und sehr souveräne Editors, die sich als uneingeschränkt headlinerfähig präsentiert haben und sicher all die kleinen Restbitterkeiten des 2007 so kurzfristig abgesagten Haldernkonzerts runtergespült haben. Auch wenn der Samstag u.a. mit "The National", "Okkervil River" und "Maximo Park" für mich noch einige Knaller für mich bietet, könnte das Festival auch zur Not jetzt schon fertig sein, ich hätte mein bleibendes Erlebnis gehabt.

Daher fürchte ich, daß wir noch häufiger über die Editors berichten
werden ...

Setlist Editors, Haldern-Festival:

01: Bones
02: Blood
03: All sparks
04: Escape the nest
05: When anger shows
06: Lights
07: An end has a start
08: Bullets
09: You are fading
10: The weight of the world
11: Smokers outside the hospital doors
12: Munich
13: Open up
14: The racing rats
15: Fingers in the factories

Links:
- aus unserem Archiv:
- Editors, Ferropolis, 18.07.08
- Editors, Reims, 30.05.08
- Editors, Paris, 07.04.08
- Editors, Krefeld, 14.03.08
- Editors, Paris, 11.11.07
- Editors, Köln, 08.11.07
- Editors, Paris, 06.07.07
- Editors, London, 17.06.07
- Editors, Köln, 13.06.07
- Editors, Paris, 26.08.06

- mehr Fotos vom Haldern-Auftritt

Ein Interview mit Ed und Chris folgt in Kürze! Darin reden der Schlagzeuger und der Gitarrist über neue Lieder, Michael Jackson und den Einsatz eines Polizei Sondereinsatzkommandos, der das Konzert in der Kölner KulturKirche vorzeitig beendete...



 

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