Sonntag, 26. April 2009

Get Well Soon & Dear Reader, Nijmegen, 25.04.09


Konzert: Get Well Soon & Dear Reader
Ort: Lux, Nijmegen (Saal 7)
Datum: 25.04.2009
Zuschauer: gut 200
Dauer: Dear Reader knapp 40 min, Get Well Soon 75 min


Welch ein Lineup! Tag zwei des Konzertausflugs nach Nijmegen bot ein Konzert in einem Kinokomplex mit den beiden City Slang Bands Get Well Soon und Dear
Reader. Über das Projekt von Konstantin Gropper hatten wir vor allem im vergangenen Jahr häufig geschrieben, Get Well Soon ist der (bald nicht mehr) heimliche Star dieses Frühjahrs. Die südafrikanische Band hatte mich im Februar bei einem intro intim im Museum Ludwig in Köln restlos überzeugt, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nur ein Stück kannte. Vergangene Woche folgte dann eine Headliner-Show im Gebäude 9, die perfekte musikalische Unterhaltung und eine neue Lieblingsband bot.

In Nijmegen sollten Get Well Soon und Dear Reader im Lux auftreten, einem Kino- und Kulturcentrum, das sich selbst Artplex nennt. Untergebracht ist das 2000 von Catherine Deneuve eröffnete Lux in einem spektakulären Gebäudekomplex an einem sehr stylish gestalteten Platz mitten in der Innenstadt.

Das Konzert fand in einem der Kinosäle im Keller statt. Wir waren uns vollkommen
unsicher, ob der Abend bestuhlt stattfinden würde. Zu beiden Bands passte eine im wahrsten Sinne des Wortes gesetztere Umgebung ja durchaus. Saal sieben des Lux hat allerdings einfahrbare Sitzreihen. Wie in modernen Sporthallen kann man alles an (sehr steilen) Sitzen in der Mitte des Kinos einfahren. Es blieben dann nur die beiden Treppen rechts und links am Rand des Saals übrig, in der Mitte ensteht ein Konzertsaal mit eindrucksvoll hohen Decken.

Offensichtlich waren sehr viele (auch) wegen Dear Reader da, denn pünktlich zum Start gegen viertel vor neun war der Raum gut gefüllt. Ich hatte vorher Gelegenheit, ein kurzes Interview mit Cherilyn, Darryl und Michael zu führen. Dabei hatte ich mich nach der Streicherin erkundigt, die die Band in Köln neu dabei hatte. Als mir die Sängerin sagte, daß die Bratschistin nur die deutschen Termine gespielt habe, war ich ein
wenig enttäuscht. Denn die Streichsequenzen hatten den wundervollen Liedern noch einen kleinen Zusatzpfiff verliehen, der aufregend war. Dear Reader erschienen dann aber doch nicht alleine, denn sie hatten zwei geliehene Get Well Soon Mitglieder im Schlepptau: Trompeter (und Gitarrist) Maxxi und Geigerin Elisabeth (die ich noch nicht kannte - bisher hatte ich Theresa und Konstantins Schwester Verena gesehen).

Michael, der Schlagzeuger der Südafrikaner erzählte hinterher, man habe zum ersten
Mal mit den beiden Gastmusikern gespielt. Was für ein Glück, daß beide Bands so irre viel musikalisches Talent haben, denn als Zuschauer hörte man nichts davon, daß es eine Premiere war. Allerdings hielt Maxxi beim Trompeten einen Zettel mit der Notation hoch. Auch auf Dear Reader Seite sitzt mit Darryl jemand, dem das Zusammenarbeiten mit anderen Künstlern nicht fremd ist. Für seine Arbeit bei der Produktion einer Platte des Soweto Gospel Chors erhielt er sogar einen Grammy.

Die Setlist glich der von vergangener Woche. Obwohl Dear Reader wenig Zeit hatten - bereits eine Stunde nach ihnen sollten Get Well Soon spielen - packten sie acht Lieder in ihr Programm. Und wieder war das ganz wundervoll! Man entdeckt in den komplexen Songs immer wieder Neues, zwei Konzerte innerhalb einer Woche waren also nicht ansatzweise langweilig; ganz im Gegenteil, ich hätte sofort wieder Lust, Cherilyn, Darryl und Michael zu sehen.

Die offensichtlichen Effekte sind nicht mehr überraschend. Die Loops, die Ausflüge des Schlagzeugers. Aber toll ist es zum Beispiel, auf die Hintergrundgesänge zu achten. Die Songs der drei sind sagenhaft kunstvoll aufgebaut, ohne dabei komplex um der Komplexität wegen zu sein. Das Loopen zum Beispiel entstand aus einer Not
heraus. Bevor Michael zu den beiden anderen stieß (und sie noch Harris Tweed hießen), übernahm die Loop-Maschine die Funktion eines Bandmitglieds.

Diesmal gefiel mir Release me ganz besonders gut.
Aber auch meine beiden Lieblinge Great white bear und Bend waren vollkommen perfekt! Great white bear mit Trompete und Geige... hach! Eine ganz und gar wunderbare Band, die sich jeder ganz dringend ansehen sollte! Hoffentlich spielen sie im Sommer in Haldern, denn mir fällt keine Gruppe ein, die besser zu diesem Festival passen könnte.

Der schönste Moment des Auftritts waren Cherilyns Rockstarposen, als sie für ein Lied Maxxis Gitarre umzog, deren Gurt viel länger war. Ihr Kokettieren mit dem Rocker-Instrument war herzallerliebst!

Setlist Dear Reader, Lux, Nijmegen:

01: Never goes
02: Way of the world
03: Bend
04: The same
05: Dearheart
06: Out out out
07: Release me
08: Great white hamster-bear

Viel Umbau war nicht nötig, da die Get Well Soon Instrumente schon an ihren Plätzen standen. Nur Elisabeth mußte die Schuhe wechseln. Zu einem Intro von Band erschienen Konstantin Gropper und Band, um ihre eigentliche Einleitung zu
spielen. Prelude hörte sich für mich anders an, nicht nur, weil Teil des Stücks ganz intensives Vogelgezwitscher* war.

Auch die folgenden Stücke kamen alle vom Debütalbum. "Wir müssen uns entschuldigen, wie haben keine neuen Lieder dabei", erklärte der Kopf von Get Well Soon dann auch. Dafür war die Band wohl auch einfach zu viel unterwegs in den vergangenen Monaten. Und ein Get Well Soon Lied schreibt sich auch nicht so schnell wie eines von Bands wie The Enemy oder den Kooks (obwohl ich die sehr mag).

Auch wenn mir das Neue fehlte, weil ich die Band schon so oft gesehen habe, konnte ich mich dem Live-Reiz der musikalischen Kunstwerke wieder einmal nicht entziehen. Denn es ist große Kunst, was Get Well Soon da fabrizieren, die man
deutschen Indie-Musikern nicht zutraut. Wobei das Publikum wohl wußte, was auf es zukommt, denn ganz ohne Kenntnisse der Bands schien niemand zu sein.

Für mich stachen die üblichen Verdächtigen aus dem Programm heraus. If this hat is missing I've gone hunting, Listen! Those lost at sea sing a song on Christmas Day (das Konstantin immerhin als halbneu ankündigen konnte - es war Bestandteil der herausragenden Weihnachts EP der
Band, ist aber eigentlich auch schon älter) und I sold my hands for food so please feed me sind einfach meine Live-Lieblinge.

Nach dem Underworld Cover Born slippy nuxx, das Get Well Soon wohl immer spielen, folgte dann aber doch noch ein echt-neues Stück. Busy hope wurde für den Soundtrack des Wim Wenders Films Palermo Shooting geschrieben und begeisterte mich sehr. Vor allem die zweite Hälfte des Stücks, ganz instrumental, hatte wirklich sehr viel! Dabei erlebte ich zum ersten Mal eine Postrock-Geige, die kräftig rumrockte.

Auch das Ende von Ticktack! Goes my automatic heart gefiel mir sehr, weil wir mitsingen sollten. Erstaunlicherweise klang das richtig gut, denn der ganze Saal (außer mir, und ich hielt mich daher zurück) schien singen zu können, und machte das sogar laut- ein sehr schöner Moment! Einer, den Keyboarder Daniel und Gitarrist Maxxi von außen betrachteten, denn sie machten da eine kurze Bühnenpause.

Zur Zugabe erschienen dann zunächst nur Konstantin und Daniel. Das erste zusätzliche Lied war ein zweites Cover, Take it with me von Tom Waits. Mit Band und vor allem mit dem Instrument, auf das ich den ganzen Abend gewartet hatte, weil es am Bühnenrand lag, nämlich mit einer Lyra. Die Violinstin spielte die Lyra, denn Daniel, der auch Glockenspiel spielt, wurde am Klavier gebraucht.
Ich weiß nicht, ob mir Dear Tempest-Tossed! Dear Weakened! schon einmal so gut aufgefallen ist. Das Lied wurde herrlich laut, am Ende zappelten alle Gitarristen und Bassisten über den Boden, begleitet von den hohen Tönen der Lyra. Ein blendender Abschluß eines wieder einmal fabelhaften Konzertabends!

Setlist Get Well Soon, Lux, Nijmegen:

00: Intro
01: Prelude
02: You/Aurora/You/Seaside
03: People Magazine front cover
04: If this hat is missing I've gone hunting
05: We are safe inside while they burn down our house
06: Listen! Those lost at sea sing a song on Christmas Day
07: I sold my hands for food so please feed me
08: Help to prevent forest fires
09: Born slippy nuxx (Underworld Cover)
10: Busy hope (neu)
11: Ticktack! Goes my automatic heart
12: Lost in the mountains (of my heart)

13: Take it with me (Tom Waits Cover) (Z)
14: Dear Tempest-Tossed! Dear Weakened! (Z)

Links:

- Dear Reader im Gebäude 9 in Köln
- und im Museum Ludwig in Köln Anfang Februar
- und in Paris

- Get Well Soon, Paris, 14.10.08
- Get Well Soon, Wiesbaden, 30.08.08
- Get Well Soon, Melt!, 20.07.08
- Get Well Soon, Evreux, 28.06.08
- Get Well Soon, Frankfurt, 15.04.08
- Get Well Soon, Köln, 09.04.08
- Get Well Soon, Berlin, 21.09.07
- Get Well Soon, Haldern, 02.08.07

- mehr Fotos von Dear Reader und Get Well Soon aus Nijmegen

Das Interview mit Dear Reader folgt!

*
für die, die zu viel vor dem Computer sitzen: twitter







2 Kommentare :

Christina hat gesagt…

Hamsterbär <3 !

oliver r. hat gesagt…

"Ich bekam das Herz gebrochen", herrlich!

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates