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Donnerstag, 17. Juli 2014

The Indelicates, Karlsruhe, 13.07.14

1 Kommentare

Konzert mit The Indelicates
Datum: 13. Juli 2014
Dauer: 90 min
Zuschauer:10
(c) Simon Beha
Vielen Dank an die beiden Fotographen, die die Stimmung des Abends festgehalten und mir Bilder überlassen haben!

Christoph hat mich vor zwei Jahren auf die Spur der fabelhaften The Indelicates gesetzt. Im Rahmen der Diseases of England Kampagne habe ich mich spontan in die bösen Texte und die unernste Attitüde verliebt. Als nun die Frage in die Welt ging: Wer will uns in Deutschland am 12. oder 13. Juli haben, habe ich nicht lange gezögert und hier gerufen.
 
(c) Guido Engler

Zwei e-mails später waren wir uns einig, am 16. Juni stand dann auch das Datum fest. Und noch ein bisschen später wurde klar, dass es eine exklusive Konzerttagebuchwohnzimmertour werden würde: 5.7. Stuttgart (Jens), 12.7. Montabaur (U.) und 13.7. Karlsuhe (Gudrun).  Jeweils als Stop auf ihrem Weg in und aus dem Urlaub in Frankreich und Deutschland angelegt.
 
(c) Simon Beha

Ich freute mich wie verrückt, dass ich nun ein Konzert mit den Indelicates erleben würde (zumal ich am 5. Juli zum Stuttgarter Konzert gerade nicht in Deutschland sein würde), bis sich langsam andeutete, dass am 13. Juli das Fußballweltmeisterfinale ein nicht zu unterschätzender Störfaktor sein würde. Nach meiner Meinung hatten wir das aber ganz elegant gelöst: Musikshow ab 19:30 Uhr (was ja am Sonntag nicht zu früh ist) und anschließend Fußballshow für alle interessierten.
 
(c) Simon Beha

Und obwohl es über das Finalspiel wenig zu meckern gab (es war spannend und die Deutschen haben letztlich verdient gewonnen), war doch mein klarer Sieger des Abends die 90min-Show von Julia und Simon. Aufgebaut worden waren lediglich ein E-Piano und eine Gitarre mit Effektgerät an einer Dreiersteckdose und jede Menge Merch (noch nie war die Größe unseres Merchtables so ausgereizt wie diesmal).
 
(c) Guido Engler

Somit war das Set schon eher intim und quasi akustisch zu nennen. Und für meinen persönlichen Geschmack destillierte es damit aus dem vielgestaltigen Indelicates Universum genau den Part, der mir so ganz besonders gut gefällt. In der Live-Umsetzung konnten die beiden zeigen, wie sehr sie mit ihrem Publikum spielen und sich selbst und ihre Kunst auch ironisch brechen.
 
(c) Guido Engler

Der Ablauf und die Setlist entsprachen in vielem dem, was auch aus Montabaur berichtet wurde. Das Schlauch-Effektgerät an der Gitarre war ein Brüller, zumal wenn Simon damit die Klangfarbe im Mund zu steuern versuchte und gleichzeitig breit grinsen musste. Sehr sympatisch fand ich ihre Bemühungen, möglichst viel auf Deutsch zu erklären. Zumal es bei mir so ankam, als möchten sie ihr Publikum damit ernst nehmen und auf Augenhöhe begegnen.

(c) Simon Beha
Der Song Flesh baut ja zugegebenermaßen auf einer sehr populären Harmoniefolge auf. Mein Gehör ist darauf getrimmt, weil auch mein Liebster am liebsten über diese Folge improvisiert... Simon machte das offensiv zum Thema und bewies die These damit, dass er am Ende gleich noch drei Popsongs einflocht, die auf seine Gitarrenbegleitung passten.  Es mussten ganz schön viele Leute mit allerlei Beschimpfungen weiterleben: Pete Doherty, Diana, alle Eltern und Kids im allgemeinen. Es gab viele Lacher und das, obwohl ja die meisten die Band und ihre Songs vorher gar nicht kannten.

(c) Guido Engler
Drei weitere sehr lustige Momente ergaben sich auch, als Simon selbst zum Textheft auf dem Merchstand greifen musste, und als später die Puppe über das ekelhafte Leben singen musste und dabei doch Simon so ähnlich sah... Und als im allerallerletzten Lied das Publikum vorgeben sollte, wie es klingen sollte. Bei uns wurden zunächst Tango und dann Ragtime kompetent umgesetzt. Wobei Simon für den Ragtime Julia an den Tasten ablösen musste.
 
(c) Simon Beha

Alle meine Gäste gingen nach dem Konzert mit leuchtenden Augen nach Hause, denn so einen Spaß hatten wir noch in keinem Konzert hier in der Waldstadt gehabt. Die immer wieder gestellte Frage: Wo hast Du nur immer diese tollen Bands her? Obwohl wir so eine kleine Runde waren, scheinen die beiden Indelicates auch richtig viel Spaß gehabt zu haben. Sie haben die erste Halbzeit bei uns gesehen und sind in der Pause schnell an den Hotelfernseher gewechselt, um am nächsten Morgen einigermaßen ausgeschlafen auf die anstrengende Fahrt nach Calais, die Fähre und zwei weiteren Stunden in England aufbrechen zu können.

 
(c) Simon Beha


Es wäre wirklich toll, wenn die beiden ihren dieser Tage geäußerten Plan umsetzen würden und dieses Format im Studio so bannen, dass man zu Hause einen Geschmack davon haben kann, wie die beiden als Quasi-Akustik-Duo auftrumpfen.

(c) Simon Beha

The Indelicates, Montabaur, 12.07.14 (Christoph)
(mit ganz vielen weiteren links zu Konzertberichten)
The Indelicates, Montabaur, 12.07.14 (U.)



Dienstag, 15. Juli 2014

The Indelicates, Montabaur, 12.07.14

0 Kommentare

Konzert: The Indelicates
Ort: Ursulas und Dirks Wohnzimmer in Montabaur
Datum: 12.07.2014
Dauer: ca. 100 Minuten
Zuschauer: 22



Langsam aber sicher entwickelt sich Montabaur noch zur Musik-Location. Ich spreche natürlich nicht vom Mair1-Festival, das hier vor kurzem stattfand, sondern von unserem dritten Wohnzimmerkonzert. Dieses Mal hatten sich The Indelicates angesagt Wie bereits bei Pelle Carlberg erfuhren wir durch andere, bereits geplante Hauskonzerte im Konzerttagebuch-Kreis von der Tournee, den Rest machte dann Christoph für uns klar.

Wegen der bereits geplanten Tournee der Band war das Konzert terminlich festgelegt, weshalb es nur einen knappen Monat nach unserem Abend mit Jonah Matranga stattfand. Das bereitete mir (natürlich) Sorgen, denn es war schwer abzuschätzen, ob unsere Stammgäste sich schon so bald wieder bei uns einfinden werden würden. Hinzu kam noch die Fußball-WM, denn für den Abend war das Spiel um den dritten Platz angesetzt, in dem wir Deutschland als Teilnehmer vermuteten. Deshalb luden wir vorsichtshalber gleich auch zum Fußballschauen ein. Julia hatte diesem Arrangement zugestimmt und behauptet, sie freue sich darauf, Özil zu sehen, aber wir hofften im Geheimen, dass dieser am Spiel um den dritten Platz nicht beteiligt sein würde - erfolgreich, wie sich herausstellte.


Der nach zwei Konzerten schon quasi zur Routine gewordene Ablauf mit Abendessen für die Künstler und quasi parallel stattfindendem Aufbau wurde dieses Mal abgeändert: Die Indelicates wollten vor dem Konzert nichts essen und hatten ihre überschaubare Ausrüstung, bestehend aus Keyboard, Hocker und Gitarre, aber ohne Verstärker, selbst dabei. Aufzubauen gab es also auch nicht viel, dafür dann umso mehr Zeit, sich Sorgen zu machen, dass keiner kommen würde. Zwischendurch hatten wir auch noch Gelegenheit, hinter der "Bühne" ein eigens für den Konzertabend angefertigtes Lego-"Tourposter" aufzuhängen, bei dem es sich um das abgewandelte Plattencover ihres Albums "Songs for Swinging Lovers" handelte, und die Indelicates bauten auf unserem Couchtisch einen erstaunlich reichhaltigern Merchandisestand mit CDs, Vinylplatten, Postern und selbst gestalteten Kinderbüchern auf.


Einmal mehr hatte ich mir umsonst Sorgen gemacht, denn auch an diesem Abend erschienen erfreulich viele Gäste, um unsere Stühle und auch die Künstlerkasse zu füllen. Das Set des Duos begann, wobei sich die beiden Musiker erstaunlicherweise so aufgeteilt hatten, dass Simon etwa 90 % des Redens übernahm, wobei er zwar durchaus brauchbar Deutsch konnte, aber anscheinend wesentlich schlechter als Julia. Diese half lediglich bei der Übersetzung einzelner Begriffe aus dem Englischen, und nachdem die Ansagen ohnehin sprachlich nicht sonderlich komplex waren, ergab sich eine leicht absurde Situation, in der alle im Publikum mithalfen, deutsche Begriffe für etwas zu finden, das im Zweifel sowieso schon jeder verstanden hatte.


Zusätzlich zu den bereits erwähnten Instrumenten - Julia spielte Keyboard und sang gelegentlich, Simon spielte Gitarre und sang viel - gab es noch ein etwas seltsames Teil, mit dem Simon, wenn er in einen Schlauch blies, jaulende E-Gitarrentöne imitieren konnte. Wobei er zwar behauptete, das Ding sei peinlich und ein Weihnachtsgeschenk gewesen, er mochte es aber offenkundig sehr und brachte es bereits beim Soundcheck zum Einsatz - wir vermuten deshalb, dass sich das Teil auf seinem Wunschzettel befunden hatte. Mit und ohne Jaulen zeigte sich in jedem Fall, dass die Indelicates keine Mikros brauchen, um einen Raum mit Musik und Gesang zu füllen, der Sound war klar, gut und relativ laut. Bei "Flesh" erklärte Simon, der darin verwendete Gitarrenakkord komme in jedem zweiten Popsong vor und demonstrierte das zum Ende des Songs, indem er zahlreiche andere Lieder einbaute, beispielsweise "Let it be" und sogar Lenas "Satellite".


Simon hatte vor dem Set erzählt, dass man dem Duo, da es selbst Indie Rock mache, immer unterstellen würde, diesen auch zu mögen. Er mache aber Indiemusik, weil er alle anderen Interpreten dieses Genres doof fände und es besser machen wolle, und er höre Niki Minaj viel lieber als die Strokes. Was ihm aber offenbar sehr gefällt, sind Musicals: Die Indelicates haben ein komplettes Musical über die Waco-Tragödie vorrätig, und anscheinend arbeitet Simon aktuell an etwas, das "Paradise Rocks" heißen soll und Miltons berühmtes Versepos "Paradise Lost" nach Hawaii versetzt, mit Elvis als Satan. Aus diesem noch nicht vollendeten Werk hörten wir zwei Songs, die Simon jeweils stilecht mit Elvisstimme vortrug.


Mit "Dovakiin", in dem es um Skyrim spielende Schotten geht, und "Something goin' down in Waco" aus dem besagten vollendeten Musical, das mit quer gehaltener Gitarre und vielen verstellten Stimmen vorgetragen wurde, endete die erste Hälfte des Sets, es folgte eine kurze Ess-, Trink- und Klopause, während der die Band auch bereits mit einigen Fragen aus dem Publikum konfrontiert wurde.

In der zweiten Hälfte hörten wir unter anderem das sehr stimmungsvolle "Not alone", sowie den Quasi-Hit des Duos "Waiting for Pete Doherty to die", bei letzterem erklärte Simon, dass sie nie gedacht hätten, diesen zehn Jahre nach seinem Entstehen noch spielen zu können. "Be afraid of your parents" trug er anschließend ohne Gitarre  und mit vielen theatralischen Gesten vor, dann war es Zeit für die Zugaben.


Nach dem sehr traurigen, wegen der besseren Verdaulichkeit von einer Handpuppe "gesungenen" "Everything is just disgusting" bekamen wir auch kurz Julia als Puppenversion zu sehen, allerdings nur kurz. Beide Marionetten kamen auch in dem zugehörigen Video zum Einsatz. Nun begann ein Wunschkonzert. Einer der ersten Wünsche war "Last Significant Statement To Be Made In Rock'n'Roll", von dem Simon erklärte, sie könnten es nicht spielen, stattdessen gab es dann "New art for the people" und "America". 

Anschließend kamen wir, nicht zuletzt, da die Band die "Bühne" kaum verlassen konnte, noch eine zweite Zugabe, die mit "We hate the kids" endete - bei dem Simon jedoch arge Textprobleme hatte, weshalb er das Booklet der bereits zum Verkauf bereit liegenden CD studieren musste. Außerdem hatte er nun auch genug von seinem eigenen Indierock und forderte Wünsche nach anderen Musikstilen. Das dann postwendend "Marsch" gefordert wurde, überraschte ihn dann sichtlich, aber er gab sein bestes, während er beim nächsten Wunsch "Death Metal" schnell aufgab, um seine Stimme nicht für den folgenden Abend zu ruinieren. Mit Stil Nummer drei "Irish Folk" gab er sich dann wieder redliche Mühe und machte das Lied zu einer Art Pogues-Song. Mit der letzten Textzeile "No more music, thank you, goodnight." hatten wir dann das echte Ende des Konzertabends erreicht.


Nachdem das Interesse am Fußballspiel dann doch nicht riesig war, stiegen wir erst zur zweiten Halbzeit ein, die Band blieb auch noch ein bisschen, bevor sie Richtung Hotel aufbrach. Wiederum ein völlig anderes Konzerterlebnis als bei den ersten beiden Musikern, aber ein weiteres Mal mitreißend und intensiv.

Setliste:

Europe
I am Koresh
Flesh
Le godemiché royal
Lake of fire
All you need is love
Dovakiin
Something goin' down in Waco

We love you, Tania
Savages
Dirty Diana
Not alone
Our daughters will never be free
Waiting for Pete Doherty to die
Be afraid of your parents

Everything is just disgusting
New art for the people
America

Palekaiko Luau
We hate the kids

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Indelicates, Montabaur, 12.07.14 (Christophs Bericht mit massenweise weiteren Links)

Bilder: Dirk von Platten vor Gericht



Montag, 14. Juli 2014

The Indelicates, Montabaur, 12.07.14

1 Kommentare

Konzert: The Indelicates
Ort: Ursulas und Dirks Wohnzimmer
Datum: 12.07.2014
Dauer: knapp 40 und 60 min
Zuschauer: 22



Um nichts in der Welt wollte ich auf den zweiten Tag des wundervollen Phono Pop in Rüsselsheim verzichten, zu sehr ist mir das Festivals im alten Opel-Werk ins Herz gewachsen. Der Freitag gab mir (mir gegenüber) wieder recht: man kommt durchs Werkstor und fühlt sich gleich willkommen und vollkommen richtig. Ein Festival für Menschen, die Festivals nicht mögen, herrlich! Beim Phono Pop ist nichts anstrengend, nichts lästig. Auf diese zwei Tage Musik will ich nicht verzichten, komme, was wolle!

Es kam aber dummerweis diesmal etwas, das genauso wundervoll, aber viel seltener ist - ein Konzert einer Lieblingsband im Wohnzimmer von Freunden. Die Indelicates aus England sind schon ewig eine meiner liebsten Gruppen. Zum ersten Mal hatte ich Julia und Simon (mit Band) als Support von Art Brut 2007 in Frankfurt und Köln gesehen. Die wundervollen Songs mit den teilweise urkomischen, teilweise sehr bittersüßen Texten und vor allem die grandiose Art, wie die beiden sie live darbieten, hatten mich sofort! Es folgten eine ganze Menge Konzerte, die immer wieder anders waren, in anderer Besetzung, mit anderen Platten, die aber gemeinsam hatten, daß sie höchstcharmant und herrlich unterhaltsam waren. 

Mein letztes Konzert der Indelicates liegt schon drei Jahre zurück. Umso verlockender war die Idee eines Wohnzimmerkonzerts. Julia und Simon waren auf Urlaubsreise durch Frankreich, Bayern und Italien und suchten unterwegs Auftrittsmöglichkeiten. Montabaur liegt zentral, es bot sich also als Auftrittsort an. Mit den beiden Konzerten von Pelle Carlberg und Jonah Matranga haben Ursula und Dirk aus dem Nichts so etwas wie eine Indieszene in der Kreisstadt des Westerwaldkreises geschaffen, in der alternative Kultur ansonsten arg anders aussieht. Wenn Gastgeber schon zwei tolle* Konzerte veranstaltet haben, vertraut man ihnen offenbar langsam blind, auch zu den Indelicates kamen wieder mehr als 20 Zuschauer.

Julia und Simon waren schon im Vorfeld herrlich unkompliziert. "Mikros brauchen wir nicht!" Also begannen die beiden um kurz nach acht mit akustischer Gitarre (Simon) und Keyboard (Julia) und dem abwechselnden Gesang, der typisch für ihre Musik ist. Im Vorfeld hatten die beiden nach Wunschliedern gefragt. Ich hatte das bewußt nicht beantwortet, weil ich überrascht werden wollte und weil ich nicht mit den gleichen Wünschen nerven wollte, mit denen ich sie schon einmal zum Augenverdrehen gebracht habe (auf ihrer Raritätensammlung oder den B-Seiten der frühen Singles sind einige Knüller wie Vladimir, Fun is for the feeble minded, Unity Mitford** oder The sequel to Peter Pan and Wendy, die ich liebe!). Daher war nicht nur die Mischung für mich neu, es gab auch viele Stücke, die ich noch nie live und andere, die ich überhaupt noch nicht gehört hatte. 

Die beiden hatten vorgeschlagen, das Konzert in zwei Teile aufzuteilen (und meinen Wunsch, im ersten Teil nur B-Seiten und im zweiten Songs, die mit S beginnen, zu spielen, ignoriert). Der erste Teil bestand aus Stücken der letzten Platten, Europe und Flesh von Songs for swinging lovers, dem Konzept-Album David Koresh Superstar über die Belagerung dessen Davidianer-Sektenzentrale in Waco und der letzten Platte Diseases of England, die in drei Teilen veröffentlicht worden war. Ganz neu war für mich Lake of fire von einem neuen Projekt, einem Konzeptalbum Paradise rock, angelehnt an John Miltons Paradise lost, mit den kleinen Variationen, daß statt des Teufels Elvis auftritt und die Handlung nicht im Garten Eden sondern auf Hawaii spielt. Ich hatte ja erwähnt, daß die Indelicates enorm hohen Unterhaltungswert haben! Im zweiten Teil spielten sie ein weiteres Stück dieses kommenden Werks.


Einer der besonderen Knüller des ersten Teils war Something goin' down in Waco, das im Original von zig Sängerinnen und Sängern gesungen wird. Um das gut hinzubekommen, mussten Julia und Simon häufig ihre Stimmen verstellen - herrlich! Dovakiin stellte Simon als "ein bißchen traurig" vor. Das Lied der letzten Platte sei für Männer in Schottland, die Skyrim spielen.

Nach der Pause kamen zwei der Lieder, die ich gewünscht hätte, hätte ich Wünsche abgegeben. Erst das unglaublich schöne We love you, Tania, das von Patty Hearst, der Erbin einer amerikanischen Zeitungsdynastie handelt, die von einer marxistisch-revolutionären Guerilla entführt wurde und sich der später unter dem Tarnnamen Tania anschloß und sich an Überfällen beteiligte - und im Anschluß das kaum weniger schöne Savages

Nach Dirty Diana und Not alone (wundervolles Duett!) von Diseases of England wurde es punkig. Our daughters will never be free vom ersten Album American demo war das erste der ganz alten Stücke und wie üblich großartig! 

Das Lied danach habe er vor zehn Jahren geschreiben und niemals damit gerechnet, daß er es noch heute singen würde. Durch die Reunion der Libertines hat Wating for Pete Doherty to die wieder irgendwie an Aktualität gewonnen. So oder so ist es ein Klassiker und amüsierte das Montabäurer Publikum! Mir gefiel dabei besonders, daß Julia die Klavier-Zwischenteile immer beschleunigen wollte und Simon sie bremsen musste, nicht anzukürzen, als brauche er die Pause, um den Text wieder herzukramen.

Be afraid of your parents beendere das Konzert vor den vollkommen überraschenden Zugaben, die Simon bereits angekündigt hatte. 

Diese begannen mit Everything is just disgusting, das so traurig sei, daß Simon es nicht selbst singen wolle. Also übernahm eine Simon-Handpuppe diesen Part! Ich wette, das hattet ihr noch nicht in eurem Wohnzimmer! Anschließend baten die beiden (Julia und Simon, nicht die Handpuppe) um Wünsche. "The last significant statement to be made in Rock 'n' roll? Nein, das haben wir neulich schon erfolglos versucht. Beim nächsten Mal!" - New art for the people, America und We hate the kids waren leichter umzusetzen. Wobei das für das letzte Stück nur zum Teil gilt. Simon hatte bei We hate the kids ein paar Texthänger. Wie praktisch, daß es im hauseigenen Label auch Textbücher gibt, ein paar Blicke und es konnte weitergehen. Die letzten beiden Strophen wollte Simon aber in anderen Stilen spielen. Ich glaube, "Marsch" überraschte ihn. Die beiden lösten das aber souverän ("so march, march, march to the music tonight"). Irish folk klang ebenso überzeugend, nur Speed metal mußte unter Rücksicht auf das Konzert am nächsten Tag auf ein paar Takte beschränkt bleiben.

Oh, das Wohnzimmerkonzert mit den Indelicates war das erhoffte große Highlight. Ich wusste zwar, was mich erwartet, wie viel schöner Konzerte aber in solch angenehmer und intimer Umgebung sind als in stinkigen Eckkneipen, ist immer wieder phänomenal!

Und so hatten wir einen viel schöneren Abend als die brasilianischen Fußballfans (und auch als die niederländischen), deren Spiel um Platz irgendwas wir hinterher noch guckten.

Vielen Dank an die wundervolle Band und die perfekten Gastgeber und Wohnzimmereigentümer! Something's goin' on in Montabaur.

Setlist The Indelicates, Wohnzimmerkonzert, Montabaur:

01: Europe
02: I am Koresh
03: Flesh
04: Le godemiché royal
05: Lake of fire (neu)
06: All you need is love
07: Dovakiin
08: Something goin' down in Waco

09: We love you, Tania
10: Savages
11: Dirty Diana
12: Not alone
13: Our daughters will never be free
14: Waiting for Pete Doherty to die
15: Be afraid of your parents

16: Everything is just disgusting (Z)
17: New art for the people (Z)
18: America (Z)

19: Palekaiko Luau (neu) (Z)
20: We hate the kids (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Indelicates, Mainz, 20.07.11
- The Indelicates, Wiesbaden, 15.12.10
- The Indelicates, Köln, 02.12.10
- The Indelicates, Frankfurt, 05.08.10
- The Indelicates, Köln, 09.06.10
- The Indelicates, Heidelberg, 14.08.08
- The Indelicates, Frankfurt, 12.08.08
- The Indelicates, Münster, 30.04.08
- The Indelicates, Köln, 24.04.08
- The Indelicates, Köln, 04.10.07
- The Indelicates, Frankfurt, 30.09.07
- Interview mit den Indelicates 

* ich habe leider nur das eine gesehen
** ist auf der ersten Platte
**** weil's so schön ist




Donnerstag, 21. Juli 2011

The Indelicates, Mainz, 20.07.11

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Konzert: The Indelicates
*
Ort: Baron, Mainz
Datum: 20.07.2011
Zuschauer: rund 50
Dauer: 75 min


Schon vor drei Jahren hatte mir Indelicates Keyboarderin Julia davon erzählt, daß Sänger Simon ein Konzeptalbum über David Koresh, den ehemaligen Leiter der Davidianer-Sekte in Waco, Texas plane. Im Mai diesen Jahres nun ist David Koresh Superstar auf dem bandeigenen Label Corporate Records erschienen und wird dort auf "zahl, was du magst" Basis vertrieben. David Koresh Superstar ist ein Rockmusical,
wird immer wieder festgestellt. Ich hasse Musicals, Rockmusicals stellen da keine Ausnahme dar. Ob es daran liegt, daß ich weder David Koresh Superstar noch den Vorgänger Songs for swinging lovers als Teil dieser schrecklichen Gattung ansehe oder aber die Indelicates so sehr mag, daß ich auch Musicals von ihnen schätze, weiß ich nicht, es spielt aber auch keine Rolle.

Bei den Aufnahmen zu David Koresh spielte eine bunte Sammlung Musiker mit (ok, es ist ein Musical). Im Gegensatz zu den ersten beiden Alben singen nicht ausschließlich Julia und Simon die Stücke, es sind Gäste wie Jim Bob von Carter USM, der Singer/Songwriter Philip Jeays, Keith TOTP oder David Barnett von Luxembourg. Mein derzeitiges Lieblingsstück A single thrown grenade singt
Lily Rae, die im letzten Sommer zur Livebesetzung der Indelicates zählte.

In den letzten Wochen hatten die Indelicates die Lieder des Albums in England mit diesen Gastmusikern gespielt, zum Teil mit sehr großem Ensemble. Daß die kurze Deutschlandtour jetzt anders sein würde, war angekündigt.** Auch wenn ich zu gerne den ATF Chor erlebt hätte, war mir genauso lieb, die Indelicates alleine und akustisch zu sehen, denn so hatten sie den Mainzer Termin beworben.

Als wir am Baron auf dem Unigelände ankamen, lief in Hörweite das Endspiel um den Liga Pokal. Das Baron ist eine kleine Studentenkneipe mit ein paar Bistrotischen vor der Tür. Da standen einige Leute rum, die Band war trotzdem skeptisch, daß viele Zuschauer kämen. Viel Werbung dafür war offenbar nicht gemacht worden. Drinnen ist eine Bar mit einigen Tischen und ein Extraraum, in dem die Bühne und ein Mischpult aufgebaut waren. Von diesem Raum gingen zwei weitere Türen ab, eine Richtung Küche und eine in einen Indoor (?) Biergarten, aus der im Laufe des Konzertes immer wieder Leute kamen, was ein wenig merkwürdig war. Kurz nach halb zehn stiegen Julia und Simon auf die Bühne und begannen mit Remember The Alamo!, dem ersten Stück des Albums - und dem ersten von vieren, die heute gespielt wurden. Die Koresh-Lieder eignen sich nur zum Teil für ein Akustik-Konzert, da sie zum Teil sehr aufwendig orchestriert sind (mein Liebling ist die singende Säge bei mehreren Stücken). Die vier gespielten Sachen (I am Koresh und Alamo, die bereits vorher im Liverepertoire waren, mein Liebling A single thrown grenade und die tolle Ballad of the A.T.F. funktionieren aber auch in der abgespeckten Version mit Keyboard und (leiser) elektrischer Gitarre ausgezeichnet.

Der Rest war ein Best of, die Band hat schließlich enorm viele Hits im Katalog.* Einige meiner Lieblinge kamen (We love you, Tania, das Lied über die durchgeknallte Enkelin des Medienmoguls William R. Hearst***, Julia, we don't live in the '60s, We hate the kids, Waiting for Pete Doherty to die), andere nicht (Stars, Unity Mitford...), sprich, es war wie immer toll!

Es kamen aber auch wieder viele dieser kleinen Köstlichkeiten, die zu Konzerten der beiden dazugehören. Langsam glaube ich, daß die Saitenwechsel bei Simon Instrument des Spannungsaufbaus sind. Auch gestern riss wieder eine seiner Gitarrensaiten, die er auf dem Boden sitzend wechseln musste. Julia spielte währenddessen Flesh, wozu sie ihn und die Gitarre nicht brauchte. Ein anderes Mal mußte Simon auf den richtigen Moment warten, die Setlist lesen zu können, bei rotem Licht konnte er nämlich nichts erkennen. Bei der A.T.F.**** Ballade sangen die beiden irgendwann unterschiedliche Texte, ungeplant aber komisch.

Besonders toll waren aber die Phasen, besonders bei den Zugaben ("any requests?"), wenn die beiden sich unterhielten, wie die Lieder denn funktionierten. Einmal musste Simon Trockenübungen machen, die Zwischenzeit sollte Julia überbrücken: "talk to them!"

Die Zugaben funktionierten eben auf Zuruf. Danach diskutierten die beiden, ob sie den Wunsch spielen konnten. Für Julia... packte die Besungene die kleine Flöte, die dafür benötigt wird, aus irgendeiner Tasche, und das Lied konnte gespielt werden. Dabei schien Simon aber den Drang zu verspüren, schneller und schneller zu werden, das Stück wurde gegen Ende extrem flott. Die zweite Zugabe (
Somewhere that's green aus dem kleinen Horrorladen - wieder ein Musical, pah!), habe ich nicht ge- und erkannt und hinterher ergoogeln müssen, es war aber auch sehr schön.

Sehr schön trifft auch den Abend wieder ganz genau. Auch das xte Indelicates Konzert war wieder eine große Freude. Da werden noch einige folgen!


Setlist The Indelicates, Baron, Mainz:

01: Remember The Alamo!
02: New art for the people
03: Europe
04: We love you, Tania
05: I am Koresh
06: A single thrown grenade
07: Flesh
08: Ill
09: Ballad of the A.T.F.
10: Jerusalem
11: Savages
12: Our daughters will never be free
13: Be afraid of your parents

14: Julia, we don't live in the '60s (Z)
15: Somewhere that's green (Little shop of horrors Cover) (Z)
16: Waiting for Pete Doherty to die (Z)

17: We hate the kids (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Indelicates, Wiesbaden, 15.12.10
- The Indelicates, Köln, 02.12.10
- The Indelicates, Frankfurt, 05.08.10
- The Indelicates, Köln, 09.06.10
- The Indelicates, Heidelberg, 14.08.08
- The Indelicates, Frankfurt, 12.08.08
- The Indelicates, Münster, 30.04.08
- The Indelicates, Köln, 24.04.08
- The Indelicates, Köln, 04.10.07
- The Indelicates, Frankfurt, 30.09.07
- unser Interview mit den Indelicates

* für Ursula :-)

** eine weitere Besonderheit bei den Indelicates sind die Super Special Editions der Alben, bei denen ein Käufer das Album und ein Konzert erwirbt, das aufgezeichnet wird. Der Käufer erhält die Rechte an dem Livealbum, das bei Corporative Records vertrieben wird. Während ihrer Mini-Deutschland-Tour spielen die Indelicates jetzt zwei dieser Super Special Editions

*** wer einmal in seinem Anwesen Hearst Castle in Kalifornien war, weiß, daß Durchgeknalltsein vererblich ist

**** Alcohol, Tobacco, Firearms, eine US-Bundesbehörde, die das alles bekämpft



Donnerstag, 16. Dezember 2010

The Indelicates, Wiesbaden, 15.12.10

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Konzert: The Indelicates
Ort: Schlachthof Wiesbaden (Räucherkammer)
Datum: 15.12.2010
Dauer: 80 min


Ich höre so gut wie nie Radio. Die schreckliche Musik, die in kommerziellen Sendern läuft, ertrage ich nicht. Mittlerweile bin ich verflucht schnell, wenn es darum geht, nach den Nachrichten, noch vor den ersten Takten von James Blunt auf den iPod umzuschalten. Wenn ich überhaupt noch im Auto Radio höre, dann fast ausschließlich Deutschlandfunk, Indie-Deutschlandfunk, um genau zu sein.

Als ich nach dem fabelhaften Indelicates-Konzert in Wiesbaden ins Auto stieg und in den 0.00 Uhr-Nachrichten hören wollte, wie sich Dortmund und der Schnee so machen, war auch wieder der DLF meine Wahl. Nach den Nachrichten kam das Kulturmagazin Fazit und darin, zwischen den Beiträgen, noch einmal die Indelicates, ein Lied nach dem anderen, denn deren zweites Album Songs for swinging lovers wurde da vorgestellt. Ein guter Sender, dieser Deutschlandfunk.

Das Konzert der Engländer vorher war hervorragend, so sind sie alle. Nach dem anstrengenden Bowlie Wochenende und einer nicht enden wollenden Rückreise fehlte mir eigentlich jede Lust, wieder loszuziehen. Die Indelicates gehören aber leider zu der Kategorie Bands, die ich mir auch ansehen möchte, wenn ich eigentlich keine Lust habe, und auch heute war diese Idee wieder sehr gut.

Um kurz vor neun erschienen erst wieder nur Julia und Simon auf der verwinkelten Bühne der ehemaligen Wurst-Räucherkammer. Der Start war dabei vollkommen unspektakulär; die beiden bezogen Position und begannen, im Saal wurde dies scheinbar zunächst gar nicht als Beginn wahrgenommen. Dem langsamen Aufbau von New art for the people, erst Gitarre und Simon, dann irgendwann Julias Klavier und Gesang, eigentlich ist New art schon der perfekte Start eines Konzerts und obwohl leider viel zu wenige Zuschauer da waren, passte die Stimmung sofort!

Nach den ersten Liedern als Duo kam der erste große Auftritt des Entertainers Simon. "Kann hier irgendwer Bass oder Schlagzeug spielen?" Jemand im Publikum meldete sich. "What's your name? Günther?!" Günther stieg auf die Bühne und nahm sich den Bass. Helmut der Schlagzeuger kletterte auch aus dem Saal nach oben und begann mitzuspielen. Im Laufe des Lieds kam auch ein dritter spontaner Gast nach vorne, Keith, der aus dem Backstagebereich aufgetaucht war. Da brauche ich wirklich keinen Firlefanz wie Videos oder Bühnendeko, um gut unterhalten zu werden, die vielen charmanten und urkomischen Momente bei den Indelicates sind mir die liebsten Showeffekte bei Konzerten.

In Bandbesetzung bestritten die Indelicates dann das gleiche Programm wie schon in Köln. Mir ging während des Konzerts durch den Kopf, wie sehr ich mittlerweile die Lieder der aktuellen Platte liebe. Mir gefiel Songs for swinging lovers von Anfang an sehr, meine Lieblingslieder kamen aber aus der Phase davor. Mittlerweile hat sich das geändert, Hits wie Your money, Savages, Europe oder vor allem We love you, Tania (über die Hearst-Erbin Patricia, die spektakulär entführt und später zur Bankräuberin wurde) sind Knüller und absolute Lieblinge.

Zu Flesh kam ein weiterer Musiker mit deutschem Vornamen auf die Bühne, Trompeter Bastian (der ist echt) Eppler, der die Indelicates schon in Frankfurt live unterstützt hatte. Flesh hatte Simon auf deutsch mit "dieses Lied heißt Flesh und ist schmutzig" angesagt. Nachdem geklärt war, daß schmutzig nicht nur physisch dreckig bedeutet, war er zufrieden. "I know all about schmutzig!"

Bastian kam später noch einmal zu einem Einsatz. Zu Jerusalem wurde er wieder nach vorne gerufen ("Trumpet! On stage!").

Ein richtiger Indelicates Moment passierte dann bei den beiden letzten Zugaben: die erste war ein Zuschauerwunsch. "Was wollt ihr hören?" "60's? Gute Wahl! - In welchem Stil?" Ich hätte gerne eine Countryversion gehört, jemand hinter mir setzte sich aber durch, er wollte die CD Version hören, auf den ersten Blick langweilig, aber dann auch eigentlich wieder exotisch. Während dieses Wünschens brüllte ein anderer Zuschauer ein paarmal "Last significant statement" nach vorne, es war der Gitarrist Keith TOTP, der wieder unten stand. "Keith, halt den Mund! Du bist kein echter Zuschauer!"

Ein toller Abend, der wieder enorm viel Spaß gemacht hat, besser kann ein letztes Konzert des Jahres doch nicht sein!

Setlist The Indelicates, Räucherkammer, Schlachthof, Wiesbaden:

01: New art for the people
02: I am Koresh
03: Sixteen
04: Savages
05: Roses
06: We love you, Tania
07: Your money
08: Europe
09: Flesh
10: America
11: Stars
12: Ill
13: Be afraid of your parents
14: Our daughters will never be free

15: Waiting for Pete Doherty to die (Z)
16: Jerusalem (Z)

17: Julia, we don't live in the 60s (Z)
18: The last significant statement to be made in rock'n'roll (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Indelicates, Köln, 02.12.10
- The Indelicates, Frankfurt, 05.08.10
- The Indelicates, Köln, 09.06.10
- The Indelicates, Heidelberg, 14.08.08
- The Indelicates, Frankfurt, 12.08.08
- The Indelicates, Münster, 30.04.08
- The Indelicates, Köln, 24.04.08
- The Indelicates, Köln, 04.10.07
- The Indelicates, Frankfurt, 30.09.07
- unser Interview mit den Indelicates



Freitag, 3. Dezember 2010

The Indelicates, Köln, 02.12.10

1 Kommentare

Konzert: The Indelicates
Ort: Sonic Ballroom, Köln
Datum: 02.12.2010
Dauer: The Indelicates 75 min, Stereo Inn 45 min


Nein, nein, es ist immer noch nicht langweilig, die Indelicates schon wieder zu sehen. Auch heute haben es Julia und Simon Indelicate verstanden, ein wundervolles Konzert mit hohem Unterhaltungswert abzuliefern.

Eröffnet wurde der Abend von Stereo Inn aus Köln, einer fünfköpfigen Band, deren Dresscode rot-schwarze Holzfällerhemden vorschreibt. Die beiden Gitarristen Fabio und Lukas singen abwechselnd, meist aber gemeinsam, und da ihre Stimmen hervorragend zueinander passen, konnten sie damit sofort punkten. Die weiteren Bandmitglieder sind Olli (Schlagzeug*), Guido (Bass) und Gonzo (Keyboard). Der Mann mit dem wenig schmeichelhaften Spitznamen (hoffentlich!) spielte aber nicht nur Keyboard, er bediente auch bei mehreren Stücken ein Akkordeon und einmal mit der rechten Hand Melodica und mit der linken sein Piano. Auch wenn als Referenzen auf der Sonic Ballroom Seite die Beatles und Housemartins genannt wurden, kam mir sofort und dann immer drängender eine andere aufgelöste Gruppe in den Sinn: Stereo Inn erinnerten mich mit ihren lockeren Melodien und der unverkrampft fröhlichen Musik an die Lucksmiths. Das war nicht nur gut, es war vor allem auch über die Distanz von 45 Minuten kurzweilig.

Obwohl in der Umbaupause für eine ganze Band angerichtet wurde, kamen anschließend zunächst nur Julia und Simon Indelicate auf die Bühne. Bei den beiden
weiß man vorher nie recht, in welcher Konstellation und mit welchen Mitmusikern sie auftreten. The Indelicates sind eben ein Duo, das um mehr oder weniger feste Musiker ergänzt wird. Bei meinem letzten Indelicates Konzert im Sommer im Bett in Frankfurt spielten Simon und Julia alleine. Und so begannen sie jetzt eben auch; sie hinter dem Keyboard sitzend und er mit ziemlich verstimmter Gitarre stehend.

Nachdem sie mir mit dem ersten Stück New art for the people (einem Liebling) gleich wieder gezeigt hatten, warum ich sie so mag, bewies Simon danach, daß auch das zwischen den Liedern bei den Indelicates so unterhaltsam ist. "Wir sind nicht hier, um unser neues Album zu promoten, ich hasse so etwas, das ist Mist! Wir promoten lieber unsere dritte Platte David Koresh Superstar, die irgendwann erscheinen wird. Bis dahin habt ihr aber wieder vergessen, daß wir dafür Werbung gemacht haben!"

Von dem Waco-Konzeptalbum folgte dann I am Koresh, dies blieb aber auch der einzige Appetitanreger, das Bewerben der Platte, die wieder auf ihrem eigenen Label
Corporate Records (nach dem Prinzip: bezahl für den Download soviel, wie du willst) erscheinen wird, wurde also eher subtil beworben.

Weil es die eigentlich aktuelle Platte Songs for swinging lovers schon eine Weile gibt, sind mir die Lieder mittlerweile extrem vertraut - und, wichtiger, sie ziehen live hervorragend! Auch wenn ich den akustischen Anfang schon sehr mochte, wirkten in dem kleinen Club die schmissigen Stücke mit viel Band und Lautstärke heute noch besser. Your money oder America waren herrlich druckvoll und laut, natürlich auch, weil da die Band dabei war.

Die zusätzlichen drei Musiker standen am Bühnenrand und bekamen bei Roses die Ansage, sich diskret auf ihre Plätze zu begeben. Den Bassisten Laurence Owen kannte ich, er war im Sommer schon einmal dabei. Neu war der Schlagzeuger (Neil) und der zweite
Gitarrist, der hinten hinter Julia in die Ecke musste. Dieser Gastmusiker ist im Indelicates und Art Brut Umfeld für mich eine Art Legende, von ihm und seinen Bands las ich nämlich immer wieder, von den Art Goblins zum Beispiel, in denen auch Eddie Argos und Jasper Future von Art Brut spielen. Die Indelicates hatten mir in einem Interview von den Konzerten einer britischen Supergroup erzählt, bei der fünf oder sechs Gitarristen spielen, ohne zu wissen, wie das Lied geht. Die Band heißt Keith TOTP (And His Minor UK Indie Celebrity Allstar Backing Band) und ihr Kopf Keith spielte also heute die zweite Gitarre. Er hatte davon erst Montag erfahren, weil der der reguläre Gitarrist ausfiel. "His passport didn't work," erklärte Simon.

Keith TOTP bat direkt um mehr Licht, er konnte nämlich seine Zettel, auf denen er die Akkorde der Lieder notiert hatte,
nicht lesen! Trotz Simons ungestimmter Gitarre und der neuen Musiker war das Konzert aber toll wie immer! Die fehlende Eingespieltheit wurde herrlich überbrückt. Bei Our daughters will never be free gibt es eine Phase, in der die Basedrum regelmäßige Einsätze hat. Damit Neil das nicht verpatzt, zeigte Simon jeden dieser Trommelschläge an, herrlich!

Nach dem Lied war vorerst Schluß, also zumindest im Prinzip. "Jetzt kommen die Zugaben, stellt euch vor, wir verlassen die Bühne, aber wir bleiben hier!" erklärte Simon. Julia, die sehr gut deutsch spricht, erzählte dann, daß sie bei Konzerten in Österreich und Deutschland immer gedacht habe, die Leute riefen danach "Buchstaben, Buchstaben", um die zusätzlichen Lieder zu verlangen. Und sie habe nie verstanden, was das solle.

Natürlich riefen auch wir nach Jerusalem "Buchstaben, Buchstaben" und bekamen
damit die grinsenden Indelicates zurück auf die Bühne. Aber nur Simon und Julia. Die anderen drei Musiker standen in der ersten Reihe, während die beiden fragten, was wir noch hören wollten. Ich bin für so etwas immer zu schüchtern. Aber einen meiner Wunschtitel (Fun is for the feeble minded) brüllte jemand anderes nach vorne: Gitarrist Keith TOTP...

Ein wundervolles Konzert, und ich freue mich auf das nächste! Geht hin, seht euch die Indelicates an und fordert Buchstaben!


Setlist The Indelicates, Sonic Ballroom, Köln:

01: New art for the people
02: I am Koresh
03: Sixteen
04: Savages
05: Roses
06: We love you, Tania
07: Your money
08: Europe
09: Flesh
10: America
11: Stars
12: Ill
13: Be afraid of your parents
14: Our daughters will never be free
15: Waiting for Pete Doherty to die
16: Jerusalem

17: Julia, we don't live in the 60s (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:

The Indelicates, Frankfurt, 05.08.10
The Indelicates, Köln, 09.06.10
The Indelicates, Heidelberg, 14.08.08
The Indelicates, Frankfurt, 12.08.08
The Indelicates, Münster, 30.04.08
The Indelicates, Köln, 24.04.08
The Indelicates, Köln, 04.10.07
The Indelicates, Frankfurt, 30.09.07
- unser Interview mit den Indelicates



Freitag, 6. August 2010

The Indelicates, Frankfurt, 05.08.10

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Konzert: The Indelicates
Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 04.08.2010
Zuschauer: ca 60
Dauer: 80 min


Auf Konzerte der Indelicates habe ich immer Lust. Obwohl die nächste richtige Tour Ende des Jahres kommt, und ich auch erst dann damit gerechnet hatte, sie wiederzusehen, kündigten sie vor ein paar Wochen noch ein paar Termine in Deutschland zwischendurch an. Glücklicherweise kam auch irgendwann Frankfurt dazu und verwarf damit alle irren Pläne, zur Not nach Osnabrück zu fahren.

Im Bett in Frankfurt hatte die Band um Julia und Simon Indelicate schon einmal gespielt, allerdings im alten in Sachsenhausen. Der tolle kleine Club war früher in einer Fußgängerzone voller Äppelwoi-Kneipen und hatte sich wegen seines ausgezeichneten Programms schnell zu einem Liebling gemacht. Vor ein, zwei Jahren
zog das Bett dann um und befindet sich jetzt in einem gemischten Wohn- und Gewerbegebiet am Stadtrand.

Als wir ankamen, fiel mir zuerst der riesige, englisch
beschriftete Bus auf der anderen Straßenseite auf. Ziemlich groß für eine kurze Tour.*

Drinnen war bereits alles aufgebaut. Das Bett sieht aus, als sei das Gebäude früher als Werkstatt oder Lackiererei genutzt worden. Die Beleuchtung macht aus dem weißen Saal etwas sehr Kühles, Stylishes. Dazu passte die elektronische Musik vom Band - Ladytron oder New Young Pony Club - perfekt. Der Bühnenaufbau schien sich dem angepasst zu haben, das Setup der Indelicates war deutlich elektronischer als sonst, es herrschte nämlich Keyboard/Gitarren-Parität. Das lag allerdings nicht an neuen Keyboards sondern an der einen, einsamen Gitarre, die da stand. Auch war kein Schlagzeug da, es würde also abgespeckt gespielt werden.

Um neun guckte Julia zum ersten Mal aus dem Backstageeingang. Fünf Minuten vorher wäre der Blick noch besonders ernüchternd gewesen, da waren kaum Leute im Saal. Dann füllte es sich etwas besser, sodaß es wenigstens einigermaßen voll
aussah. Daß die Tatsache, daß die Indelicates in einer Stadt wie Frankfurt selbst an einem Mittwoch nicht mehr Leute anlocken, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist, muß ich nicht mehr betonen...

J
ulia und Simon kamen ein paar Minuten später nach draußen. Es waren wirklich nur die beiden Indelicate-Köpfe, die heute auftraten. "Our band is dead!" erklärte der Sänger. "Nein, sind sie natürlich nicht, wir spielen aber heute Lieder, die die nicht kennen, daher sind wir alleine. Aber wenn ihr genug daran denkt, kommt vielleicht nachher noch ein Trompetenelf!" Na dann.

Das Programm begann mit Europe und America, Stücken vom zweiten und ersten Album. Songs for swinging lovers war vor einigen Wochen bei einem innovativen Netlabel erschienen; eine Vermarktungsidee, der sich immer mehr Bands anschließen (großartig ist das Beispiel von I like trains, die sich das Geld fürs Mastern ihrer Platte und die anschließende Tour bei (künftigen) Käufern innerhalb eines Tages besorgt haben und dabei lustige Sachen wie Skype Konzerte, Scrabble-Partien oder Gitarrenstunden verkauft haben).

Danach gab es Neues, The Alamo vom im Herbst erscheinenden Konzeptalbum David Koresh Superstar über den ausgeschiedenen Vorsitzenden der Davidianer-Sekte, der in Waco sein Alamo erlebte. Das Lied gefiel mir gut, auch wenn es schwer war, das richtig einzuschätzen, weil die Instrumentierung so vollkommen anders klang als mit drei Gitarren, Bass, Schlagzeug und Klavier.

Beim nächsten Stück (Be afraid of your parents), das Simon wieder deutsch/englisch sang - wunderbar! - gab es erste hörbare Gitarrenprobleme. Die Gitarre oder eine Saite, keine Ahnung, ich bin blutiger Laie, klang enorm schief. Unglaublich schief!
"With the whole band you would never have noticed!" Er drehte und drehte, und es klang weiter nach Pekingoper. Julia langweilte sich und spielte "Tuning music", sensationell gut improvisierte Fahrstuhlmusik, zu der sie mit sehr lustigem Gesichtsausdruck mitwippte. Wenn sie das als CD aufnimmt, kaufe ich die blind.

Die leiernde Gitarre zog sich danach wie ein roter Faden durch das Konzert. Es klang teilweise schrecklich, was Simons Instrument abgab. Bei anderen Bands wäre das eine Katastrophe gewesen, hier machte es wenig aus. Vielmehr boten die schiefen Töne Gelegenheit für viele Späße der beiden.

Pannen gab es eh reichlich. Simon verpasst häufiger Einsätze, auch heute. Dann gibt es strafende Blicke von Julia und viele Lacher der beiden. Phänomenal auch eine Szene bei If Jeff Buckley had lived. Da sang Julia am Ende irgendetwas. Daran konnte ich mich gar nicht erinnern, ich habe das Lied aber auch lange nicht mehr gehört. Simon guckte sie hinterher fragend an. Auch die Keyboarderin war überrascht: "Huch, ich habe ja gesungen!" - "Ja. Das war das erste Mal, daß Julia bei diesem Lied gesungen hat! Und es war das letzte Mal!"

Bei Roses von der aktuellen zweiten Platte (Simon: "Second album - new ideas: Not so much!" - natürlich ausgemachter Blödsinn!), begann Julia mit Klavier, brach aber schnell ab. "How to play this one? I don't know!" Das sind solche Details, die ich an Konzerten liebe, kleine Pannen, die in großem Spaß enden. Beim anschließenden
Sympathy for the devil bediente Simon den Schellenkranz, der auf dem Boden lag, indem er im Rhythmus darauf trat. Das klappte und klang toll, bis er sich das Ding auf einmal aus Versehen über den Fuß zog und plötzlich ein klingelndes Fußkettchen anhatte - meine Lieblingszene!

Vom Koresh-Album ("wir machen jetzt immer zwei Platten pro Jahr") spielten Julia
& Simon noch ein zweites Stück. Ich glaube, es heißt I am Koresh. Auch das hat mich neugierig auf DK Superstar gemacht.

Für die letzten beiden Lieder vor den Zugaben, wobei das das falsche Wort ist, kam der imaginäre Trompeter auf die Bühne, der durchaus echt war (und Bastian Eppler
heißt und, wie es der Nachname verrät, aus Frankfurt stammt, auch wenn das ein schlechter Wortwitz ist). Bastian spielte bei Flesh und Jerusalem. Bei letzten schien auch er kräftig improvisieren zu müssen, denn nach und nach wurden Bastians Anteile innerhalb des Stücks größer, weil Simon mal wieder die Gitarre stimmte. Aber auch diese Improvisation klappte prima und war enorm sympathisch.

"Wir können jetzt von der Bühne gehen, und ihr klatscht und holt uns zurück. Oder wir bleiben hier und spielen weiter! Wollt ihr, daß wir gehen? Ok!" Sie verschwanden kurz und kamen nach zehn Sekunden wieder, um Wünsche für die Zugaben anzunehmen. Heroin und Fun is for the feeble minded (eines der tollsten Lieder der Band!) wurden gewünscht, schieden aber wegen der "Gitarrensituation" aus.

Our daughters will never be free (Simon: "dieses Feministen-Lied") und We hate the kids mit der Zeile "absolutely anyone can play this fucking guitar" wurden es dann. Aber die beiden Musiker mussten noch einmal zurückkommen und spielten dann Waiting for Pete Doherty to die. Das heißt, sie versuchten es. Denn Simon vergaß plötzlich den Text. Das Pärchen in meiner Nähe, das alles komplett mitgesungen hat, hätte sicher helfen können, der Sänger klärte die Situation aber souverän. "Damals musste man damit rechnen, daß er stirbt. Heute hat sich das Lied doch erledigt, er wird vermutlich niemals sterben!" Und er stimmte wieder eine vorher schon gesungene Strophe an, textete um und brachte das Stück mit "at least someone should die" zu Ende.

Wieder einmal ein unglaublich unterhaltsames Konzert dieser fabelhaften Band! Langweilig waren sie noch nie, so komisch (also gut-komisch) waren sie aber auch noch nie. Ich hoffe, daß sich Simon an das zwei-Alben-pro-Jahr Versprechen hält und auch jedesmal eine Tour stattfindet, wo soll ich sonst Stoff für die besten Konzertmomente des Jahres herbekommen?


Setlist The Indelicates, Das Bett, Frankfurt:

01: Europe
02: America
03: The Alamo (neu)
04: Stars
05: Be afraid of your parents
[Tuning music]
06: We love you, Tania
07: Unity Mitford
08: If Jeff Buckley had lived
09: New art for the people
10: I am Koresh (neu)
11: Roses
12: Sympathy for the devil
13: Savages
14: Flesh
15: Jerusalem

16: We hate the kids (Z)
17: Our daughters will never be free (Z)

18: Waiting for Pete Doherty (and others) to die (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Indelicates, Köln, 09.06.10
- The Indelicates, Heidelberg, 14.08.08
- The Indelicates, Frankfurt, 12.08.08
- The Indelicates, Münster, 30.04.08
- The Indelicates, Köln, 24.04.08
- The Indelicates, Köln, 04.10.07
- The Indelicates, Frankfurt, 30.09.07

- unser Interview mit den Indelicates

- mehr Fotos von den Indelicates in Frankfurt hier (klick!).



* natürlich waren die Indelicates nicht mit dem riesigen Tourbus unterwegs, der stand nur zufällig auf der anderen Straßenseite






Mittwoch, 9. Juni 2010

The Indelicates, Köln, 09.06.10

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Konzert: The Indelicates (festival contre le racisme)

Ort: Albertus-Magnus-Platz, Köln
Datum: 09.06.2010
Zuschauer: ein paar Hundert
Dauer: knapp 65 min


Oh, ich* hatte vergessen, wie undankbar solche Veranstaltungen sein können. Festival gegen Rassismus klingt natürlich gut, das Lineup mit Turbostaat (nichts für mich) und den fabelhaften Indelicates (viel für mich) auch. Allerdings kranken solche Festivals in der Regel an der großen Ignoranz des Publikums. Daß 90% der Zuschauer saßen, während die Indelicates spielten, sich unterhielten oder Kopfhörer aufhatten, muß für eine Band frustrierend sein. Aber vielleicht sind Musiker auch abgestumpfter als ich.

Nicht vergessen hatte ich, wie viel Spaß mir Konzerte der englischen Band machen. Zuletzt hatte ich Julia und Simon Indelicate vor knapp zwei Jahren gesehen. Es wurde also allerhöchste Zeit!

Das Festival mit dem guten Anspruch fand auf dem ALbertus-Magnus-Platz direkt vor der Philosophischen Fakultät der Kölner Uni statt. Der Platz war ziemlich voll, als die Indelicates mit einigen Minuten Verspätung anfingen.
Vorher hatte die mir vollkommen unbekannte Band The Toten Crackhuren im Kofferraum gespielt. Wenn man nach der T-Shirt Dichte auf dem Platz geht, ist die Band riesig. Oder spendabel.

Die zauberhaften Indelicates sind leider weit weniger riesig, als sie verdienten. Kennengelernt habe ich die Band um Julia und Simon Indelicate während ihrer Support-Auftritte für Art Brut. Stilistisch liegen beide Bands nah bei einander, allerdings merkt man den Texten der Indelicates an, daß Simon (eigentlich) Clayton früher als Poet auf Bühnen stand. Lieder wie New art for
the people, Waiting for Pete Doherty to die, Unity Mitford, The sequel to Peter Pan and Wendy oder We hate the kids sind einfach fabelhaft! Verkannte Genies!

2008 spielte die Band zuletzt in Deutschland. Bei der Gelegenheit haben wir die
Indelicates interviewt und viel darüber erfahren, wie schwierig es für eine Band ohne große Unterstützung eines Labels ist, sich durchzusetzen.

Ob die Anhängerschaft der Band durch den heutigen Auftritt viel größer geworden ist, weiß ich nicht, dafür war das Publikum zu wenig interessiert - oder zu cool.
Diejenigen, die wegen der Indelicates da waren, konnte man an wenigen Fingern abzählen.

Aber genug Gejammere, dafür haben sie mir nämlich wieder viel zu viel Spaß gemacht!

Die Band ist verändert: Bassistin Kate ist nicht mehr dabei. Ersetzt wird die nette
Musikerin durch Laurence Owen, der anfangs noch extrem zurückhaltend spielte, später dann aber immer mehr aus sich herausging. In der zweiten Hälfte des Auftritts kam eine weitere Gitarristin dazu. Lily Rae spielte akustische Gitarre und ist auch neues Bandmitglied.

Die Indelicates haben vor einigen Wochen ihr zweites Album veröffentlicht. Weil sie allerdings nicht mehr von einem herkömmlichen Label abhängig sein wollen, erschien Songs for swinging
lovers bei einem Netlabel (und kann hier gekauft werden!). Auch künftige Platten werden auf diesem Wege verarbeitet werden, u.a. das noch 2010 erscheinende Mottoalbum über David Koresh, den (ehemaligen) Chef der Davidianer-Sekte.

The last significant statement to be made in Rock'n'Roll eröffnete das Konzert - und damit den Mund zum Dauergrinsen. Al (ist das eigentlich Simons Bruder?), der zweite Gitarrist beherrscht sie alle, die ganz
großen Gitarristenposen. Allerdings sind die bei ihm nicht peinlich sondern so überzeichnet, daß es eine helle Freude ist, dem Mann zuzusehen. Eigentlich gilt hier schon die schöne Zeile des ersten Stücks "everything that follows is a footnote", wären da nicht die vielen anderen lustigen Details.

Nach dem Knüller America kam das erste von zahlreichen neuen Stücken -
passenderweise Europe. Gerade bei den neuen Sachen merkte man der Band an, nicht hundertprozentig eingespielt zu sein. Da Improvisieren irgendwie bei den Indelicates dazugehört, war das alles andere als schlimm, die Engländer sind keine Band für die Philharmonie.

Da stimmte mal ein Liedende nicht ganz oder der ein oder andere Einsatz. Das
überspielen vor allem Julia und Simon aber so charmant, meist entwaffnend lachend, daß ich sicher bei einem pannenfreien Konzert enttäuscht wäre.

Großartig auch die Versuche von Simon deutsch zu reden und zu singen. Er hat das
in der Schule kurz gelernt und versucht sich immer wieder in deutschen Ansagen. Julia, die österreichische Wurzeln hat, spricht gut deutsch, hält sich aber in der Regel zurück und beschränkt ihre Ansagen auf Anweisungen an Simon, was als nächstes gespielt würde. Hinterher habe ich die Sängerin gefragt, wie sie das Konzert fand. "Ich weiß nicht, ich hatte die ganze Zeit die Augen zu." Das ist das was ich meine...

Von den neuen Liedern, die ich noch nicht gut kenne, gefielen mir ganz besonders
We love you, Tania, Roses und Savages. Am komischsten war allerdings Sympathy for the devil - nicht das Lied, das Ende. Als würden sie nach Zeit bezahlt, hörte der instrumentale Teil am Schluß überhaupt nicht auf, herrlich!

Natürlich fehlen mit vielen neuen Songs im Programm auch einige alte Lieblinge. Es waren aber genug vorhanden, um nicht allzu wehmütig zu werden.
Julia, we don't live in the 60's mit dem Flötenbeginn, der aber nicht zu hören war, weil das Mikro aus Angst vor Flötenrückkopplungen runtergedreht war und Sixteen gehörten dazu.

Nach gut einer Stunde beendete Our daughters will never be free das Konzert. Ganz sicher nicht mein letztes. Und vielleicht waren einige der cool wegguckenden Leute wirklich nur cool und nicht uninteressiert und kommen im Herbst auch zum nächsten Kölner Indelicates Konzert.


Setlist The Indelicates, festival contre le racisme, Köln:


01: The last significant statement to be made in Rock'n'roll
02: America
03: Europe
04: Be afraid of your parents
05: Stars
06: Flesh
07: Roses
08: Savages
09: We love you, Tania
10: Jerusalem
11: Sympathy for the devil
12: New art for the people
13: Julia, we don't live in the 60's
14: Sixteen
15: Your money
16: Our daughters will never be free

Links:

- The Indelicates, Heidelberg, 14.08.08
- The Indelicates, Frankfurt, 12.08.08
- The Indelicates, Münster, 30.04.08
- The Indelicates, Köln, 24.04.08
- The Indelicates, Köln, 04.10.07
- The Indelicates, Frankfurt, 30.09.07
- Interview mit den Indelicates

* geschlechtsneutral verfasster Artikel, liebe FreundInnen vom AStA! Immer wenn die männliche Form genannt ist, ist auch die weibliche gemeint!



 

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