Montag, 19. September 2022

Arcade Fire, Köln, 14.09.22

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Konzert: Arcade Fire
Ort: Lanxess Arena
Datum: 14.09.2022
Dauer: 105 min.
Zuschauer: ca. 4.500



Win Butler steht am Rand der Bühne. Er sieht müde, etwas alt und etwas lächerlich aus, bekleidet mit einer schwarzen Lederweste, grüner Jogginghose und seinen gefärbten Haaren. Er lächelt, aber es ist kein befreites Lachen. Nichts an diesem Abend will zusammenpassen. 

Arcade Fire treten an diesem Abend in der Lanxess Arena in Köln auf, und schon die Vorzeichen waren bedenklich. Völlig überzogene Ticketpreise von (im Schnitt 80 EUR), dazu eine recht schwache, neue Platte, eine viel zu große Konzerthalle und die Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe gegen den Sänger standen im Raum. 

Daher entschied ich mich auch erst am Nachmittag für einen spontanen Konzertbesuch, Tickets zu Dumpingpreisen gab es vor der Tür genug. Aber schon beim Betreten der, bis zum Ende nicht mehr erleuchteten Halle, wird klar: Das wird kein normaler Konzertabend. 


Selbst der Unterrang und der Innenraum sind nur halb gefüllt, im Oberrang verkaufte Tickets wurden umplatziert. Positiv geschätzt ist die Arena nur zu einem ¼ gefüllt. Die B-Stage liegt verlassen am Ende der Halle. Die netterweise darin integrierten Bars sind verweist. Freunde aus Haiti (Boukman Eksperyans) bestreiten nach dem Rückzug von Feist als Support das Vorprogramm. Danach versucht noch ein DJ sein Glück. 

Hier kulminert an einem Abend so ziemlich alles, was zurzeit in der Branche schiefläuft. Die vielfältigen Probleme wurden ja bereits in großen Artikeln fast aller Magazine beschrieben. Aber wer hat Schuld? Und was ist die Lösung? 

Jahrelang ging es der Veranstaltungs- und Konzertbranche sehr gut. Ein Ende des Aufschwungs war nicht in Sicht. Das Geld, früher in Tonträger investiert, wurde gerne für Live-Erlebnisse ausgegeben. Doch jetzt zeigt sich das Ende der Fahnenstange. Tickets aus vergangenen Jahren kleben noch ungenutzt am Kühlschrank, Festivals locken mit fast allen großen Namen und Clubs (zumindest in Köln) verschrecken immer mehr Konzertbesucher mit Renovierungsstau. Von „Youtube“ und "Gratis"-Streams fast aller Festivals im Netz ganz zu schweigen. 

Als Arcade Fire dann die Bühne betreten, ergibt sich leider direkt das nächste Problem. Eine so spärlich gefüllte Lanxess Arena klingt leider, als würden „The Prodigy“ in einer Wellblechhütte auftreten. Als die Band zur B-Stage wechselt wird der Sound noch diffuser, dazu ist es (zumindest direkt vor der Bühne) auch noch viel zu leise. 


Dabei sind sie alle da, die großartigen Songs, aber sie verbreiten an diesem Abend keinen Zauber. Erst bei „The Surburbs“ und dem, auf dieser Tour zum ersten Mal gespielten „Normal Person“ gibt es kleine Höhepunkte, die auch nur annähernd an frühere Tourneen heranreichen. Und daran muss sich leider jede Band irgendwann messen lassen, wenn die Preise immer steigen und die Hallen immer größer werden. Die Fallhöhe ist bei einer bisher so großartigen Liveband leider etwas höher. 

Die Show ist passend, aber auch in keiner Weise etwas Besonders für eine so große Arena. Der gespannte Arch/Regenbogen dient nur als Projektionsfläche und die beiden viel zu dunklen Screens neben der Bühne zeigen verwackelte Bilder einer Handkamera. 

Dabei ist die Stimmung gut. Viele scheinen sich sehr auf den Auftritt gefreut zu haben, die Band hat ja auch schon in den Jahren vor Corona eher selten in Deutschland gespielt. Warum aber dann zwei der besten Versionen des Abends, das neue „The Lightning“ und der crowd pleaser „Rebellion“ 50 Meter entfernt auf der kleinen Bühne präsentiert werden, es bleibt ein Geheimnis. 


Bei vielen Songs steht und performt Regine mit ihrem Mann  auf zwei Podesten am vorderen Bühnenrand. Bei „Put your money on me“ und der eher überraschenden Zugabe „Sprawl“ übernimmt Sie komplett das Kommando. Sie bahnt sich ihren Weg durch die Zuschauer und tanzt unter dem gigantischen Mirrorball alleine auf der B-Stage. Ein schöner Moment. 

Tracks der neuen Platte „WE“ spielen an diesem Abend kaum eine Rolle, dafür entführen die letzten Songs des Sets in eine große Diskothek mit Live-Musik. Die langen Versionen „Here comes the night time“ und „Everything now“ schaffen eine gelöste Stimmung zum Ende und lassen die eher schwachen, im Set vorher etwas untergegangen, großen Hits vergessen. 


Dann erhellt sich die Arena zum ersten Mal an diesem Abend. Auf dem Weg zum Ausgang komme ich am Merch-Stand vorbei. Hier gibt es weiße Socken mit „WE“-Aufdruck für 15 EUR und einen Jutebeutel der Band für 25 EUR, während die Reinigungskräfte schon den fast leeren Umgang der Arena säubern. 

Ein verlorener Abend.




Mittwoch, 17. August 2022

Haldern Pop Festival 2022

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Konzert: Haldern Pop Festival 2022
Ort: Haldern
Datum: 11.-13.08.22
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: fast ausverkauft



Die Zeiten ändern sich. Wenn dies sogar bis zum Haldern Pop Festival durchdringt, kommt keiner mehr daran vorbei. 

War das Festival zwar in Sachen Line-Up schon lange Vorreiter, dauerten Entwicklungen an der Organisation schonmal etwas länger. Schlimm war das nie, schließlich stand ja an allen Ecken und Enden immer das Persönliche beim Haldern Pop im Vordergrund. Dieses Jahr gab es also viel Neues zu entdecken. 

Durch die Corona-Pause und der letztjährigen, „kleinen“ Ausgabe war wohl Zeit und Willen genug da, die Dinge anzugehen. Der „Pop-Taler“ ist Geschichte, eine APP oder alternative Prepaidkarten erleichtern das ansonsten schwere Portmonee der Vorjahre und auch der Zeitplan und die Bandinfos sind digital verfügbar. 


Auf eine Änderung hatten die Macher wohl hoffentlich keinen direkten Einfluss. Waren früher Gummistiefel und Regenjacke Pflichtausstattung und wurden aus Routine sogar an sonnigen Tagen getragen, sollte man mittlerweile dringend über den Kauf eines etwas hochpreisigeren Pavillons für den Sonnenschutz nachdenken. Er wird in den nächsten Jahren wohl immer wichtiger. 

Die Sonne brannte an allen Tagen unerbittlich bis in die späten Abendstunden. Das Festival wollte daher noch mehr als sonst „erarbeitet“ werden. Aber es sollte sich bei dieser Ausgabe besonders lohnen. Sieht man in anderen Line-Ups fettgedruckte Namen und Bandlogos, die den Ticketpreis rechtfertigen sollen, geht das Haldern auch hier bewusst einen anderen Weg. Alle Bands sind alphabetisch auf dem Poster angeordnet. Soll doch jeder selber herausfinden, wer seine Helden sind. Und davon gibt es bei genauerem Hinsehen sehr viele. 


Fast alle relevanten Newcomer Bands des letzten Jahres sind vertreten, auch wenn die kurzfristige Absage von Yard Act schmerzte. Husten und 1000 Robota eröffnen die neue, kleine Marktplatzbühne noch etwas verhalten, zuerst wollen ja alle alten Bekannten begrüßt werden, viele trifft man schließlich nur einmal im Jahr hier. Doch spätestens mit Wu-Lu als erstem Hauptbühnenact kommt echte Freude auf. Ein wilder Mix aus Rap und Indie peitscht von der Bühne auf das heiße Gras. 


Danach ein, bei der Hitze gewagter Abstecher zum Spiegelzeit, das entgegen aller Vorurteile, schon seit Jahren fast immer ohne Wartezeiten begehbar ist. Das gleißende Licht des Sonnenuntergangs strahlt durch die bunten Zierfenster und man wähnt sich eher in einem Wüstenzelt in Kairo, als am Niederrhein. Sports Team, vor drei Jahren noch eher ein Pavement-Klon, spielen mittlerweile breitbeinigen Rock mit Indie-Attitüde. Sänger Alex Rice springt daher gerne auch schonmal mit nacktem Oberkörper in die Menge und trägt sehr zur Unterhaltung bei. In England schon eine große Nummer, bleibt hier aber noch Potential nach oben.

Danach zwei weitere Acts auf der Hauptbühne, die Viele feierten, mich aber leider nicht berührten. Sons of Kemet sind ohne Frage ein besondere Band und natürlich auch besondere Musiker, aber Emotionen kann ich hier genauso wenig empfinden, wie bei dem zwar sehr schönen, aber auch etwas dahin gehuschten Auftritt von Nilüfer Yanya. Die Geschmäcker sind halt verschieden, und Auswahl gibt es ja vor Ort wahrlich genug. 


Daher wieder der fliegende Wechsel in das Zelt, wo nach den recht überzeugenden Newcomern von Geese noch ein besonderes Highlight anstand. Dry Cleaning, innerhalb weniger Monat vom flüsternden Geheimtipp zum „next big thing“ geworden, passen perfekt in den Nachtslot von 2.00 bis 3.00 Uhr morgens. Eine eigentlich „unmögliche“ Band, von der ich gerne wissen würde, wo die Musiker sich gefunden haben. Da ist einerseits die extrem charismatische Sängerin Florence Cleopatra Shaw, die mit „toten“ Augen, aber live auch oft lächelnd ins Publikum starrt. Ein Bassist mit wehendem Haar und Bühnenventilator, dazu ein Fäuste ballender Gitarrist mit riesigem Schnauzbart und ein unscheinbarer Indie-Drummer. Zusammen spielen sie einen betörenden Indierock, wie man ihn lange vermisst hat. Oder wie das Haldern Pop selber schrieb: „Eine skurrile Sinneserfahrung.“ Großartig. 

Der Freitag beginnt für viele mit einem Sprung in den nahen Badesee. Viel bringt das nicht. Spätestens, als man zu Mittagszeit den Weg vom Zeltplatz zum Markt geschafft hat, brennt die Sonne wieder auf den schon geröteten Nacken. Passend dazu gibt es entspannten Indierock mit hawaiianischen Anleihen und passenden Hemden. Schöne, kleine Popperlen von Eli Smart sorgen für gute Stimmung. Überhaupt ist die Bühne hier ein voller Erfolg. Für viele, denen das Programm in der Kirche vielleicht zu speziell ist, ergibt sich eine sinnvolle Alternative doch ins Dorf zu schlendern. 


Genau, die Kirche…natürlich findet auch hier wieder ein extrem abwechslungsreiches Programm statt. Zum Beispiel die mit dem „Montreux Jazz Talent Award“ ausgezeichnete und in Belgien schon zum Star avancierte Meskerem Mees. Sie hat keine Show oder große Bühnenansagen nötig. Wie einst Tracy Chapman weiß sie nur mit ihren Songs und ihrer Ausstrahlung jedes Publikum zu begeistern. Eine besondere Empfehlung. Danach kann man zwischen einer italienischen Roadshow und einer Art Kraftwerk-Cover-Konzert von 1000 Robota mit stargaze wählen. Das kann wohl auch kein anderes Festival von sich behaupten. 

Erst dann startet die Hauptbühne mit einem lupenreinen Klon der Killers, Mid City sind im Dorf. Als Auftakt sicherlich OK, aber auch schnell wieder vergessen. Das behaupteten viele auch von dem folgenden Auftritt von Friedberg. Natürlich wirkt das auf der Bühne schon fast zu schön um wahr zu sein. Aber die Songs sind gut und extrem poppig. Sängerin Anna Friedberg erzählte von einer Supporttour in den USA mit Hot Chip. Das passte bestimmt gut zusammen. 

Das harte Doppel von Shame und Gilla Band musste dann für mich hitzebedingt leider ausfallen. Zwei Eiskaffee später wurde der Abend dann zunächst mit perfektem Soul von Curtis Harding eingeleitet, bevor es zu einem weiteren, echten Highlight kommen sollte. 

Squid begeisterten mit einer Spielfreude, die auf der Hauptbühne manchmal vermisst wurde. Ein wahnsinniger Ritt aus Elektronik, harten Gitarren und dem singenden Drummer Ollie Judges. Bis zum letzten, irrsinnigen Song zieht die Band das Tempo und die Intensität immer weiter bis ins Zeltdach, bis alles in sich zusammenfällt. Magisch. 


Verlassen wir nun kurz den kontinuierlichen Ablauf und schauen auf die beiden vermeintlichen Headliner. Anna Calvi und Kae Tempest sind eine sehr gute Wahl. Beide treten nicht zu häufig auf Festivals in Deutschland auf und beide haben ein gutes, neues Album im Gepäck. Das war es aber dann auch schon an Gemeinsamkeiten. Anna Calvi macht uns den Prince, oder den Hendrix, je nach Song. Sie kniet, liegt und wälzt sich über die Bühne, alles schreit nach riesigen Emotionen und großem Drama. Alleine, es will sich nicht übertragen. So bleibt der kühle Blues, die Einsamkeit und eine Band, die nie aus dem Dauernebel tritt. 


Ganz anders bei Kae Tempest. Kae schafft es, die ganze Bandbreite an Emotionen nicht durch Taten, sondern nur durch Worte und unbändige Präsenz zu vermitteln. 75 Minuten peitscht Kae ihre Reime und Songs ins Publikum. Man müsste kein Wort Englisch verstehen, um den Lippen Sekunde um Sekunde zu folgen. Kae Tempest ist für mich die modernste und beste kunstschaffende Person der aktuellen britischen Musikszene. Das Set beginnt, wie fast immer, mit der aktuellen Platte in voller Länge, danach erst gibt es eine Art „Best of..“ mit älteren Songs. 

Trotzdem gibt es gibt keine Brüche in diesem Set. Es ist eine Bestandsaufnahme unserer Zeit, untermalt von harten Bässen und glasklaren Höhen. Und ganz am Ende, kommt dieses Wunder von einem Song, der alle Dämme brechen lässt, wie es damals nur Glen Hansard schaffte: „Peoples faces“. Die zarte Pflanze Hoffnung ist noch vorhanden, in 5 von 75 Minuten. 


Der Feuerball „Sonne“ brennt auch am letzten Tag unerbittlich, doch der Gang ins tropische Spiegelzelt ist ohne Alternative. Chartreuse sind eine live überraschend Gitarren lastige Indieband, die mir letztes Jahr mit ihrem wirklich tollen Song „Woman, I´m crazy“ aufgefallen waren. Genau den spielen sie heute leider nicht. Aber Sängerin Harrriet Wilson sprach von einem baldigen Auftritt in der Pop-Bar in Haldern. Also eine neue Chance diese junge Band nochmal zu erleben. 

THUMPER zerlegen im Anschluss erwartungsgemäß das Zelt zu Sperrholz und Black Country, New Road erproben ausschließlich neues Material auf der Hauptbühne. 


King Hannah haben vielleicht schon jetzt mein Lieblingsalbum für dieses Jahr veröffentlicht und auch ihr Auftritt hier, ließ mich weiter schwärmen. Ja, es ist klassischer Indierock. Hier wird nichts neu erfunden, aber die Güte der Songs und die natürliche Spielfreude sind einfach beeindruckend. Und dann war es das auch schon fast wieder, aber Haldern wäre ja nicht Haldern, wenn es nicht bis zum Finale noch spannend wäre. 

DJ St. Paul übernimmt mit seinem, immer auch etwas ironischen DJ-Set (danke für den „Pass the Dutchie“-Ohrwurm) den Rausschmeißer auf der Hauptbühne, während sich Großes anbahnt. Wer noch irgendwie stehen kann, oder wie mein Freund treffend meinte, „noch eine Stunde im Tank hat“, schleppt sich zum letzten Gefecht ins Spiegelzelt, wo unter extrem professionellen Aufbau nicht weniger als die Indie-Sensation des Jahres wartet: Wet Leg spielen zum Tanz. 



Es wird ein ekstatisches Finale mit bestens aufgelegten Wet Leg. Der Gig in Köln vor ein paar Wochen konnte mich nicht wirklich begeistern, aber hier und jetzt passt einfach alles. Und so bildet „Chaise Longue“ tatsächlich den Schlusspunkt des Festivals. Was für ein Coup.
 

Das Haldern Pop hat nach der schon wunderschönen, kleinen Ausgabe im letzten Jahr nun auch in der „echten“ Ausgabe zu alter Form und Stärke zurückgefunden. Das Line-Up war exzellent, die Neuerungen wohl durchdacht und perfekt umgesetzt. Eine Instanz, für die Stillstand keine Option ist. 


Freitag, 29. Juli 2022

Dean Wareham, Paris, 19.07.22

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Konzert: Dean Wareham (plays Galaxie 500's On fire) 
Ort: Le Petit Bain, Paris 
Datum: 19.07.2022 
Dauer: knapp 85 min 
Zuschauer: vielleicht 350 



Meine Galaxie 500 Platten habe ich im alten Saturn am Hansaring in Köln gekauft. Im Erdgeschoß standen auf den Plattenfächern Nummern, die im Keller dann auf Regalen standen, in denen die Platten waren, die man suchte. Meine musikalische Sozialisierung fand in einer Prozinz-Indiedisco namens Logo statt, in dem - so meine ich - Blue thunder und Fourth of July liefen. Anders habe ich damals eigentlich keine Lieblingsbands kennnengelernt, MTV kam später, Musikzeitungen gar nicht. Daß ich mich an vielen unnützen Quatsch erinnere, aber nicht an wichtige Dinge wie den ersten Kontakt mit Lieblingsbands ärgert mich sehr. Beim Bizarre-Festival auf der Loreley hatte ich Galaxie 500 in ihrem kurzen Leben live gesehen - sie waren da auch schon meine Lieblingsband - ich erinnere mich aber nicht an den Auftritt, verdammt! Dean Wareham hat mir später einmal gesagt, die Band sei live nicht sehr gut gewesen. Aber sie waren nach der Loreley auch noch mein Liebling, es kann also nicht so schlimm gewesen sein. 

Luna, Deans Band nachdem er Galaxie 500 aufgelöst hatte, habe ich am Anfang ignoriert. Nicht, weil deren Musik nicht meinem Geschmack entsprochen hätte (hat sie immer), ich war beleidigt. Aus ähnlichen Gründen war mir Grunge immer egal. Durch all diese neuen US-Bands verschwanden plötzlich meine anderen Shoegaze-Lieblinge wie Lush. Musikliebe - it's complicated. 

Kompliziert (guter Übergang) war es auch, die 2019er Tour des seit Jahren in LA lebenden Dean Wareham zu sehen. Ursprünglich hatte ich Karten für Berlin, irgendwann auch für Köln, das verschwand aber schnell, dann für verschiedene UK-Shows gebucht. Die Pandemie zerschlug alle Pläne. Irgendwann nach mehreren Verschiebungen kristallisierte sich dann heraus, daß Dean mit Britta Phillips und Band im Juli in Europa sein würde. Die deutschen Termine wurden gestrichen. Nachdem sich auch meine Großbritannien-Pläne änderten, kaufte uich kurzentschlossen zwei Tage vorher ein Ticket für das Konzert in Paris. 

... für Paris am heißesten Tag des Jahres. Auf der Fahrt waren es bis zu 40 Grad. Die Tour de France quälte sich durch die Pyrenäen. Mich ließ das alles kalt, das Konzert fand auf einem Hausboot auf der Seine statt, dem Petit Bain, auf dem ich Olivers 100. Oliver-Peel-Session mit Cinerama und Vorgruppe The Wedding Present gesehen hatte. Daher wusste ich, daß der Boots-Club klimatisiert ist. 

Aus gut unterrichteten Quellen weiß ich auch, daß Dean Wareham auch auf der Booking-Shortlist für die 100. Oliver-Peel-Session stand. Wie passend, daß er jetzt mit ein paar Jahren Verspätung da spielen würde. Bei der Tour steht die zweite Galaxie-500-Platte On fire (die mit dem Ohrring) im Fokus. Ich glaube nicht, daß ich einen Liebling unter den drei Alben der Band habe, vermutlich stammen aber zumindest ein paar Lieblingslieder von On fire (Snowstorm, Another day und vor allem Decomposing trees). 

Das sehr gut besuchte Konzert begann mit einigen Liedern von Deans hervorragender Soloplatte I have nothing to say to the Mayor of LA von 2021. Der fantastische Quasi-Titelsong The past is our plaything (der mit "I have nothing to say to the Mayor of LA" beginnt) eröffnete das Konzert. Deans Band bestand diesmal aus Gitarrist Derek See, Schlagzeuger Roger Brogan und Britta Phillips am Bass. 

Nach vier weiteren Liedern von der neuen Soloplatte leitete Dean mit "going back to 1989" zu On fire über. Erstes Lied war wie auf Platte Blue thunder (G500-Trivia: benannt nach Deans damaligen Auto). Danach folgten eine Perle nach der anderen, grob in Plattenreihenfolge. Lustigerweise spielte die Band Strange nicht mittendrin sondern am Schluß des normalen Sets. Das scheint mir eine self-fulfilling prophecy zu sein. Damon Krukowski, Galaxie 500 Drummer, schrieb in einem Blogpost über Stranges merkwürdiges Verhalten bei Spotify: 

In 2018, I noticed that one Galaxie 500 song – “Strange” – was streaming on Spotify far more than any others. There was no obvious explanation. The song hadn’t been included on a popular playlist; it hadn’t been used in a film or commercial; it hadn’t been covered by another band, or mentioned by some celebrity influencer. As far as we could tell, there hadn’t been any change in its public profile for literally decades. What’s more, it hadn’t been one of our singles, or “emphasis tracks” for radio back in the day. There is no music video. It simply wasn’t the logical track to try first, if you wanted to check out what Galaxie 500 sounded like. 

Tugboat (sicher dem Ort geschuldet, allerdings auch ein großer Hit!), das wunderschöne Flowers und das Joy Division / New Order Cover Ceremony beendeten das tolle Set. Dafür nach Paris gefahren zu sein, war eine sehr gute Idee! Auch wenn ich fast noch in eine Kneipenschlägerei geraten wäre. Das Publikum bestand zu großen Teilen aus der gut informierten Pariser Indieszene. Dazwischen standen drei mächtig angetrunkene (Klischee!) Iren. Die vielen Komplimente für Dean ("Du hast schöne Haare!" - "Zieh Dein Hemd aus!") waren witzig, das viele Kneipengequatsche bei den ruhigen Solo-Liedern nervte alle um sie rum. Einige Französinnen und Franzosen baten die drei freundlich, doch bitte stiller zu sein (um ihre Lieblingsmusik zu hören, für die sie seit 2019 Tickets hatten), was den Hauptiren immer wütender machte. Zur Deeskalation gingen die Franzosen in eine andere Ecke des Saals und die Iren an die Bar. Vermutlich hat am Ende die Klamaanlage unsere Nasenbeine gerettet. 

Hatte ganz vergessen, wie aufregend Konzerte sein können! 

Setlist Dean Wareham plays Galaxie 500, Le Petit Bain, Paris: 

01: The past is our plaything 
02: The last word 
03: Robin & Richard 
04: As much as it was worth 
05: Under skys 

On fire: 
06: Blue thunder 
07: Tell me 
08: When will you come home? 
09: Snowstorm 
10: Decomposing trees 
11: Another day 
12: Plastic bird 
13: Leave the planet 
14: Isn't it a pity (George Harrison Cover) 
15: Strange 

16: Tugboat (Z) 
17: Flowers (Z) 
18: Ceremony (Joy Division / New Order Cover) (Z) 

Links: 

- aus unserem Archiv: 
- Dean Wareham, Köln, 29.07.14 
- Dean Wareham, Indietracks, 26.07.14 
- Dean Wareham, Paris, 07.12.13 
- Dean Wareham plays Galaxie 500, Barcelona, 28.05.11 
- Dean Wareham plays Galaxie 500, Paris, 19.02.11 
- Dean Wareham plays Galaxie 500, Minehead, 11.12.10



Montag, 4. April 2022

Sleaford Mods, Köln, 02.04.22

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Konzert: Sleaford Mods
Ort: Live Music Hall, Köln
Datum: 02.04.2022
Zuschauer: ausverkauft


von Dennis

Für drei (Nachhol) Konzerte haben sich Sleaford Mods Frontmann Jason Williamson und Produzent Andrew Fearn, unterstützt durch einen brachial wirbelnden Supportact, auf nach D gemacht.
Politisch klare Statements, Front eröffnend gegen die schwierig Situation im England, die ebenso von Corona und speziell vom Brexit gekennzeichnet ist und eine Menge Verlierer kennt. 

Mit ihrem neuen Album „Spare Ribs“ leisten die Mods ihren Beitrag zur Bewältigung der zurückliegenden Zeit. In nur drei Wochen eingespielt, rammt sich der eindringliche East Midland Akzent ins Hirn. 

Der Abend selbst passend geprägt vom Öffnungsdiskurs der letzen Wochen, ausverkauft und alles in Feierlaune, rahmte den Gig des Duos passend ein. 

Dennoch blieb alles irgendwie merkwürdig diszipliniert. Keine Bierduschen, kaum Schweiß, eben am Ende doch noch ein wenig verhalten. Aber es geht wieder los und mit den Mods ein grandioser Auftakt! Die komplette Galerie auf www.desc-photography.com


Donnerstag, 16. September 2021

Gudruns Konzerttipps: Hemmersdorf Pop Festival

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Konzerte und Festivals insbesondere muss man ja derzeit mit der Lupe suchen. Nach der Freude darüber, dass in Mannheim das 10. Maifeld Derby und in Dresden das 10. Sound of Bronkow stattfinden konnten, gibt es nun gute Neuigkeiten aus dem Dreiländereck um Hemmersdorf: Das Hemmersdorf Pop Festival findet vom 14.-16. Oktober statt!
 

Hemmersdorf liegt unmittelbar auf der Grenze zu Frankreich und unweit von Luxemburg auf dem platten Land im Saarland. Die Macher selbst sagen:

Unsere Ziele …
… sind Magische Momente zu schaffen und internationale Künstler auf höchstem Niveau in besonderem dörflichen Ambiente zu präsentieren.
Künstler, die man sonst nur in den Metropolen oder bei Festivals fernab der Region Saarland, erleben kann.
 

Das gelingt dieses Jahr gewiss, z.B. miteinem Ausflug zur Eröffnung nach Guerstling und den folgenden Künstler*innen:
 
Simon Goff
Thala
Douglas Dare
Trouble Boy
Chemikal Underground
Ajimal
Anna Leone
 
Aus unserem Archiv:
Douglas Dare, Eindhoven, 07.02.14
Douglas Dare, Wiesbaden, 22.05.13 



 

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