Samstag, 25. Oktober 2014

Enno Bunger, Montabaur, 21.10.14

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Konzert: Enno Bunger Wohnzimmertour
Ort: Wohnzimmer von Ursula und Dirk in Montabaur
Datum: 21.10.14
Dauer: 100 min
Zuschauer: über 30

Maifeld 2103
Ich werde so oft interessiert gefragt, warum ich Wohnzimmerkonzerte veranstalte. Stets komme ich dann ins stottern.  Die einfachste und zugleich aufrichtige Antwort wäre: Um Abende zu erleben wie diesen. Künstler, die ihrem Publikum ins Gesicht schauen, es ansprechen und ernst nehmen. Manche schaffen auch vom Podium der Bühne aus, diese Illusion zu erzeugen. Aber nur in der Intimität des kleinen Raumes gibt es den Augenkonktakt, der dann zu viel mehr führt. Dieser besondere Geist des wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind...

Nun ist die Musik von Enno Bunger schon länger mein Begleiter. Ich habe mich etwas geziert, weil ich mit deutschen Texten immer sehr mäkelig bin und Herz-Schmerz-Dinge irgendwie nicht meins sind. Sogar, als ich live  gewonnen worden war im Rahmen der TV-Noir-Tour 2013 war ich mir noch nicht so recht sicher über den Raum, den ich seiner Musik geben will.

Denn machen wir uns nichts vor: Enno Bunger ist ein begnadeter Entertainer. Beim ersten Mal haut es einen komplett aus den Puschen, weil es weder zum Bild passt, das man sich anhand seiner Musik macht noch zum Bild, das im Kopf entsteht, wenn man ihn vorn auf der Bühne stehen sieht. Umso gnadenloser erwischen einen die schwarzhumorigen Zwischenansagen.  Alles Volltreffer und Eisbrecher.

Maifeld 2013
Die Musik hatte ich 2013 in der eher akustischen Umsetzung mit Onno Dreier in Karlsruhe und (mit Schlagzeug) in Mannheim gesehen. Diesen Sommer in Mannheim dann zuletzt in sehr bombastischer und mitreißender Besetzung (mit zum Teil neun Leuten auf der Bühne in einem Set fast ohne Ansagen). So langsam ist sie über meine hohe Hemmschwelle gekrochen.

Als ich schließlich die Anfrage las, wer sein Wohnzimmer für Enno und Onno öffnen wollte, fühlte ich mich ein wenig vom Schicksal verarscht. In den möglichen zwei Wochen Ende Oktober hatte ich schon am 19., 26., 28. 10 sowie am 1.11. und 4.11. Konzerte verabredet. Das ist selbst für meine Verhältnisse in bisschen verrückt und ich konnte wirklich unmöglich noch Platz für die Nordlichter schaffen - so sehr mich das auch wurmte. Regelrecht erlösend erschien die Einladung aus Montabaur in meiner Mailbox und so habe ich nicht lange überlegt, sondern die Fahrkarten in den Westerwald gebucht. 


Dass der Abend schließlich jeden einzelnen Fahrkilometer wert war, hatte ich mir erhofft, war dann aber doch ein wenig überwältigt davon, wie sehr mich die Wohnzimmeratmosphäre trug und beeindruckte. Lieder wie Herzschlag, Astronaut, Am Ende des Tunnels, Scheitern, Regen wie Applaus waren in der Fassung des Abends häufig ausufernd expressiv und mit Instrumentalsoli gespickt bevor Die Nacht ist noch jung - Ich möchte noch bleiben schließlich einen innigen Schlusspunkt setzte. Als weiteres Kleinod nahm ich Onnos Projektor-Projekt mit heim.



Jetzt ist das wieder so ein Bericht geworden, der kaum etwas über den Konzertablauf erzählt, aber zum Glück für mich hat Christoph das ordentlich notiert und ich habe deshalb nur ein ganz kleines bisschen ein schlechtes Gewissen. Und hier auch noch einmal ganz explizit großen Dank an Dirk und Ursula, die die Hand ausgestreckt haben!



Tour mit Spaceman Spiff 
24.11. Essen - Weststadthalle
25.11. Frankfurt - Mousonturm
26.11. Erlangen - E-Werk
27.11. Schweinfurt - Stattbahnhof
28.11. Dresden - Scheune
30.11. Berlin - Volksbühne (Grüner Salon)
01.12. Münster - Sputnikhalle
02.12. Hamburg - Grünspan
03.12. Bremen - Tower
04.12. Leipzig - Werk 2
05.12. Rostock - Zwischenbau 


Montabaur

Aus unserem Archiv: 

Enno Bunger, Montabaur, 21.10.14 (Christoph; mit Setliste)

Enno Bunger, Mannheim, 10.08.14 (Ursula)
Enno Bunger, Mannheim, 10.08.14 (Gudrun)
Enno Bunger, Frankfurt, 11.11.13
Enno Bunger, Mannheim, 31.05.13
Enno Bunger, Offenbach, 09.05.13
Enno Bunger, Stuttgart, 19.03.13
Enno Bunger, Karlsruhe, 31.01.13
Enno Bunger, Darmstadt, 27.01.13 

 

And The Wiremen, Chemnitz, 24.10.14

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Konzert: And The Wiremen
Ort: Weltecho, Chemnitz
Datum: 24.10.2014
Dauer: 90 min
Zuschauer: ca. 25


Vorweg: Das Weltecho in Chemnitz ist mein persönlicher Anwärter für den diesjährigen Preis der besten Konzertstätte in Chemnitz. An diesem Abend ist die in New York beheimatete Band And The Wiremen angekündigt. Ich hatte mich mit dem 2011er Album ausgiebig vorbereitet. Beim Betreten des Saals sehe ich 2 Mikrophone auf der Bühne und 2 Musiker am Soundcheck für Gitarre und Violine basteln. Zum Techniker des Hauses gewandt beenden sie den Check mit den Worten "I don't need more, if it's ok for you it's ok for me".


20:30 Uhr beginnt das Konzert und ich bin gespannt, wie sich der Abend entwickelt, schließlich habe ich auf dem Album eine komplette Band gehört. Lynn Wright an der Fender und Simon Goff beginnen mit Devil's Daughter, einem Song ihrer aktuellen EP und schnell wird klar, dass sich hier ein sehr intimes und zugleich intensives Konzerterlebnis eröffnet. Lynn Wright hat eine wunderbare Stimme, die sehr dunkel klingen kann und sich in Bereiche schwingt, die mich an einen jungen Bryan Ferry erinnern. Manchmal lässt Lynn die Stimme vibrieren und zerbrechlich wirken. Dann wieder spielt er mit dem Mikro, singt schon auch mal an leisen Stellen aus dem Hintergrund der Bühne und ist doch im Saal präsent. Das Publikum übrigens ist gebannt und still, wie es heutzutage nicht selbstverständlich ist. Was ich als Zeichen dafür interpretiere, dass die Musik alle im Raum fesselt.


Die technischen Probleme am Anfang sind idealerweise diesmal sogar dienlich, weil Simons Violine in den ersten beiden Titeln fast nur akustisch zu hören ist. Lynn nimmt sich dabei so zurück, dimmt die Fender und schon allein diese Momente sind unglaublich faszinierend in ihrer Purheit und Intensität. Es ist ein Genuss, den beiden zuzusehen und zuzuhören. Sie verstehen sich bis auf die Note und sind doch so frei, sich gegenseitig in die Freiheit von Improvisationen zu entlassen und sich wieder einzufangen.


Auch mit Strom bleibt das Erlebnis ein kurzweiliges, die Zeit verfliegt und die Erkenntnis reift, dass es ein unglaublicher Abend ist, an dem zwei Musiker das Publikum fesseln. Wie erwähnt ist es zum einen das Erleben und Verfolgen des Zusammenspiels von Lynn und Simon, genauso aber auch die individuellen Stärken. Lynn kann mit seiner Stimme Stimmungen (sic!) erzeugen, die auch ohne Textkenntnis ein Gefühl des Songs herüberbringen und Filme im Kopf in Gang setzen können. Simon ergänzt die Kompositionen gefühlvoll und zurückhaltend und bricht sich Bahn, wenn die Zeit für seinen Soloeinsatz gekommen ist. Die Musik möchte ich nicht in eine Schublade stecken, höre aber Einflüsse von Blues sowie  spanische/mexikanische Anklänge, ein bisschen Improvisationen und kurze Ausflüge in den Jazz. 
So spannen die Lieder einen Bogen über das Album And The Wiremen bis zur EP Send me low und dem Abschluss des Sets, einem unter die Haut gehenden Song einer viel zu früh verstorbenen spanischen Liedermacherin, wenn ich Lynn richtig verstanden habe.


Ich vergesse, dass ich eine Band mit Schlagzeug, Trompete und Bass erwartet habe, so beeindruckend ist das Konzert und trotz zweier Sets und einem 90 minütigen Stillesitzen ist alles viel zu schnell vorbei. Damit war der Abend aber noch nicht zu Ende, wir haben uns noch über die Musik und Band unterhalten und ein paar Pläne geschmiedet. Lynn und Simon sind den Rest der Woche in Leipzig und zweimal in Berlin. Im nächsten Mai wollen sie mit der kompletten Band wieder nach Deutschland kommen, sicher auch nach Chemnitz. Die Vorfreude ist groß und die Neugier, wie die Musik dann wirken wird.

Setlist

Set One
1. Devil's Daughter
2. Sleep
3. Everybody wants to hear a caged bird sing
4. Pick Myself Up Slowly
5. How Low The Sea
6. Before he gave up he ghost
7. Send me low

Set Two
1. In The Well
2. Ten Paces
3. Rattle
4. Mad Love
5. Sharpen Your Knives
6. Pa llegar a tu lado

Encore
Lost and lookin' (Sam Cooke)

And The Wiremen auf

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Freitag, 24. Oktober 2014

She makes war, Karlsruhe, 23.10.14

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Konzert: She makes war mit Support La petite Rouge
Ort: Kohi in Karlsruhe
Datum: 23. Oktober 2014
Dauer: 35 min + 85 min
Zuschauer: etwa 50


Im März war ich in das Konzert von She makes war gestolpert. Gekommen war ich damals für den Support Bled White und Laura Kidd hatte mich anschließend mit ihrem einfallsreichen, kraftvollen und mitreißenden Düsterpop um den kleinen Finger gewickelt. Da sie eine sehr mitteilsame Künstlerin ist, hatte ich in den vergangenen Monaten das Gefühl, sie sehr gut kennengelernt zu haben und war über die Aussicht, sie schon im Herbst wieder in Karlsruhe sehen zu können ehrlich begeistert. Nur, wie viele wohl den Weg ins Kohi finden würden?


Zum Glück war die Sorge hier unbegründet. Als ich im Kohi ankam, war es mit Stehpublikum gut gefüllt. Noch nicht ganz für Saunaheizung gestopft, aber doch ganz ordentliche vielleicht 50 Leute. Laura fand das natürlich auch toll und legte allen anwesenden auch ans Herz, unser Karlsruher Kohi ordentlich lieb zu haben, damit es so ein gastlicher Ort für Künstler und Publikum bleiben kann.

Zunächst aber lauschten wir dem Support, der allein mir auch schon die Anreise ins Kohi wert gewesen wäre. Wie erhofft, verstand es nämlich La Petite Rouge wieder, allen den Kopf zu verdrehn und die Herzen zu quetschen. Das ist umso erstaunlicher, als ihre Musik gar nicht sehr homogen ist, aber das Resultat immer das gleiche. Egal ob sie mit Lied zur Gitarre oder mit elektronischer Frickelei und Gesang oder aber mit instrumental verzerrter Stimme singt - die Anwesenden stehen mit offenem Mund davor und lassen den letzten Ton andächtig verklingen, um dann begeistert in Applaus auszubrechen. Meine Lieblinge The Flowers und Hit Girl schafften es wieder ganz besonders gut. Es ist aber fast schon platt, sie aus einem exzellenten Set hervor zu heben.



Im Moment als das Set eigentlich beendet sein sollte, das Publikum das aber nicht so gern akzeptieren wollte, gab Laura selbst den entscheidenden Impuls: sie muss noch eins spielen, oder?! Und so erhielten wir noch ein deutsches unfassbar inniges Wiegenlied aus dem inneren Anne-Kaffekanne-Universum.


 

Setlist La petite Rouge:
01: Bookstore
02: Love
03: Colors
04: The Flowers
05: Hit Girl
06: Window

07: Schlaflied (Z)


Der anschließende Umbau verlief resolut und zielgerichtet und war nach 15 min abgeschlossen. Und Laura begann das Konzert mit mir inzwischen sehr vertrauten Lieder bevor auch Lieder des noch in Planung befindlichen Albums vorgestellt wurden: Drown me out  und Never was z.B. Delete war wieder ein Knaller mit Megaphone-Umzug durchs Publikum und jede Menge special effects, wie Weckerpiepen und Minizymbeln über einem wahrhaften Loopgebirge. I want to delete myself hing mir als Ohrwurm noch am nächsten Morgen an... Ich würde sagen: Mission erfüllt.


Der Höhepunkt in Bezug auf ruhige Stücke war ewas später Slow Puncture, dessem speziellen Zauber ich mich nie entziehen kann. Der Rausschmeißer Scares ro capsize evozierte uns als Chor und Rhythmusformation, was hervorragend funktionierte und natürlich noch begieriger auf Zugaben sein ließ. Besonders faszinierend fand ich dabei, dass sie Olympian vom Anfang des Abends noch einmal aufnahm und in völlig neuer Art vor uns zusammenbaute.

Setlist She makes war:
01: Shields and daggers
02: Olympian
03: Let this be
04: Drown me out
05: Time to be unkind
06: Delete
07: Butterfly
08: Stargazing
09: Slow Puncture
10: Never was
11: In this boat
12: Cold shoulder
13: The best
14: Scares to capsize

15: Exit strategy (Z)
16: Olympian Version 2 (Z)



Aus unserem Archiv:
She makes war, Karlsruhe, 11.03.14
La petite Rouge, Karlsruhe, 07.06.14 

Crowdfundinglink für das neue Album

Konzerttermine La Petite Rouge
25.10. Frankfurt Main - Zoom (support The/Das)
27.10. Köln
28.10. Frankfurt Main
30.10. Gießen
(jeweils als support für L'Aupaire)

Konzerttermine She makes war
11.10. Freiburg Swamp Club
13.10. Frankfurt House gig at Dietmar's
14.10. Osnabrück Shock Records
15.10. Oldenbur Polyester
17.10. Berlin Madame Claude
18.10. Leipzig Café Tabori
19.10. Schleswig KulturNetz
21.10. Hamburg- Hasenschaukel
23.10. Karlsruhe  KOHI
24.10. Augsburg Ballonfabrik
25.10. Köln AZ
26.10. Brüssel Home concert (Schaerbeek)
28.10. Kassel Schlachthof
29.10. Stuttgart house concert
           email indiewohnzimmer@email.de for details

30.10. - 9.11. Support für Levellers


Alle Bilder:







Mittwoch, 22. Oktober 2014

Elvis Costello, Stuttgart, 14.10.2014

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Konzert: Elvis Costello
Ort: Theaterhaus am Pragsattel, Stuttgart
Datum: 14.10.2014
Dauer: etwa 150 Minuten
Zuschauer: vielleicht 1000


Alle Fotos: © Katja Charlotte Rohr

Möchte man den Einfluss und Stellenwert, den Elvis Costello innehat, realistisch einschätzen, lohnt sich ein Blick nach Übersee. Denn in Kanada und den Vereinigten Staaten ist der 60-jährige Brite ein echter Star, der in großen Hallen auftritt, mit anderen Größen auf der Bühne steht und der seine prominenten Freunde in die eigene Late-Night-Show „Spectacle: Elvis Costello with...“ eingeladen hat: Neben Bruce Springsteen, U2, Lou Reed oder den kurzzeitig wiedervereinten The Police war auch Ex-Präsident Bill Clinton zu Gast. In Deutschland ist Costello obschon ein Kritikerliebling mit einer Schar ergebener Fans gewiss kein Name des Mainstreams. Folglich kann es da wenig überraschen, dass Auftritte hierzulande Seltenheitswert genießen. Umso erstaunlicher erschien die Ankündigung von gleich sieben Solokonzerten im Herbst, deren letztes den Singer-Songwriter zum ersten Mal überhaupt nach Stuttgart führen sollte. Ort des Geschehens ist dann zwangsläufig nicht Liederhalle, Porsche-Arena oder gar die seelenlose Schleyer-Halle, sondern das geschmackvolle Theaterhaus. 


Kurz vor Konzertbeginn ist der große, bestuhlte Saal T1 dann auch zu einem Großteil gefüllt, sodass um die 1000 Zuschauer Zeuge eines zweieinhalbstündigen Marathon-Konzerts werden. Zeit Luft zu holen nimmt sich Costello nach der begeisternden Eröffnung mit „The Delivery Man“, dem Titelsong seines überaus soliden 2004er Albums, selten. Gleich geht es weiter mit einem Klassiker: Dem vortrefflichen „(The Angels Wanna Wear My) Red Shoes“ vom zeitlosen Debüt mit den Attractions 1977. Costello schlägt die Akkorde seiner akustischen Gitarre hart an. Der Blick der Zuschauer fällt auf seine roten(!) Cowboystiefel, die in Kombination mit weißem Hut, Jackett, Weste, gemustertem Hemd und - natürlich - der bekannten Hornbrille dem stilvollen Storyteller mit hohem lyrischem Anspruch gerecht werden. Damals zwar gerne dem Punk zugerechnet, waren die intellektuellen Ansätze ähnlich wie bei David Byrne dem Genre längst entwachsen. Stattdessen schrieb er ebenso wie der New Yorker zeitlose Songs, wobei Costello immer die schöneren Lieder gelangen, während die Alben der Talking Heads besser waren. 


Dass es ihm in Stuttgart trotz phasenweiser Brillanz wiederum nicht gelingt, eine durchweg unterhaltsame Werkschau aufzuführen, enttäuscht ein wenig. Unsterbliche Popsongs wie „Veronica“ sorgen für tolle Momente, doch fehlt dem Meister der Schutz der Band. So kann er manchmal dem eigenen Werk nicht gerecht werden, was bitter erscheint und umso deutlicher wird, je kräftiger Costello mit gedrückter Stimme singt. Immer wieder versöhnen jedoch seine unheimliche Präsenz, sein immenses Charisma mit diesen Längen und mediokren Momenten. „America Without Tears“ gelingt besonders und das wunderschöne „Everyday I Write The Book“ spielt er heute in einer fantastischen Version, die die ursprüngliche Studioaufnahme locker in den Schatten stellt. 


Es sind die ruhigen Augenblicke, die glänzen; weil der Wahl-Kanadier dann die Stimme nicht so drückt, weil er den Fokus auf den Inhalt lenkt und er als Texter ein Gigant ist: Es gibt quasi keinen Song aus seiner Feder, der es nicht rechtfertigt zitiert zu werden. Die Eröffnung von „Either Side of the Same Town“ zum Beispiel mit den subtilen Trennungsversen „Nothing will ever be the same / All of the promises we made, they seem hollow / But there are still streets in this town / Marked with your shadow“ ist gleichermaßen rührend wie unprätentiös. Zurückhaltend ist auch das Bühnenbild; da gibt es eine „On Air“-Lampe, in Anspielung an seine eingestellte Fernsehsendung, und ein leuchtendes „Detour“, das durchaus symbolisch für lange Touren gelesen werden kann, aber auch als Motto für einen Abend ohne vorherbestimmtes Set. Costello springt von Song zu Song, hangelt sich durch seinen langen Katalog und wechselt zwischen seinen zahlreichen Gitarren. 


„Watching the Detectives“, einst gefeierte Ska-Nummer des The-Specials-Produzenten, wird heute mit jeder Menge Feedbacks und Loops als peitschendes Stück Dub-Punk interpretiert. Regelrecht ungestüm kommt das bezaubernde „Shabby Doll“ daher, eine Art Solo wird angedeutet, dann geht der Song in „Here I Am (Come and Take Me)“ über, um wieder mit den bekannten Versen zu enden. Das macht dann richtig Spaß, ebenso wie das für „Lost on the River: The New Basement Tapes“ aufgenommene „Married to the Hack“. Die von T-Bone Burnett produzierte, im November erscheinende Kompilation, vereint neuvertonte Bob-Dylan-Manuskripte. Es lässt einen kurz andächtig innehalten, bedenkt man das einer der begnadetsten Poeten des Pop einen Text des größten Songwriters überhaupt veredelt. Aber Costello hat bekanntlich immer ein Händchen für fantastische Kollaborationen gehabt – von Chet Baker über die Rettung Paul McCartneys Alben in dessen schwächster Phase bis hin zu Aufnahmen mit Burt Bacharach – und so kann nach dem wunderbaren „She“, bekannt aus dem „Notting Hill“-Soundtrack, eine weitere Frucht künstlerischer Zusammenarbeit besonders punkten: „April 5th“, geschrieben mit Kris Kristofferson, Rosanne Cash und John Leventhal, beschließt das reguläre Set mit countryesken Klängen, die klar zeigen, wie stark sich der musikalische Fokus des Elvis Costello seit den 80ern verschoben hat. 


Als Costello sich für die erste Zugabe am Klavier niederlässt, das erschütternde „Shipbuilding“ spielt, schließt sich der Kreis. Der für den Soft-Machine-Kopf Robert Wyatt geschriebene Anti-Kriegssong knüpft an Costellos englische Anfänge an. Der weitere „New Basement Tapes“-Beitrag „Matthew Met Mary“ führt den mit der Jazz-Sängerin Diana Krall verheirateten Sänger musikalisch zurück in nordamerikanische Gefilde. Es ist die Live-Premiere eines weiteren vertonten Dylan-Texts. 

Trotz interessanter Ansätze kann das alles aber nicht über deutliche Längen und mediokre Phasen hinwegtäuschen. Am Ende sind es dann „In the Meantimes“ und natürlich das unsterbliche „Alison“ zum Schluss des zweiten von drei Zugabenblocks, die versöhnlich stimmen. Als Costello schließlich für sein ikonisches „(What's So Funny 'Bout) Peace, Love and Understanding“-Cover erstmals an diesem Abend zur E-Gitarre greift, das Publikum nach Vorne bittet und als Protestsänger aufersteht, wird das Konzert sogar noch einmal richtig gut und zeigt dabei, dass die Punkwurzeln zum Glück nicht gänzlich gekappt wurden.


Setlist Elvis Costello, Stuttgart:

01: The Delivery Man 
02: (The Angels Wanna Wear My) Red Shoes 
03: Either Side Of The Same Town 
04: I Hope You're Happy Now 
05: Veronica 
06: American Without Tears 
07: Ascension Day 
08: Married To My Hack 
09: Country Darkness 
10: My New Haunt 
11: Everyday I Write The Book 
12: Walkin' My Baby Back Home 
13: Ghost Train 
14: Shabby Doll (inkl. Here I Am (Come And Take Me)) 
15: She 
16: Watching The Detectives 
17: April 5th 

18: Shipbuilding (Z)
19: Shot With His Own Gun (Z)
20: Matthew Met Mary (Z) 

21: Come The Meantimes (Z) 
22: Lost On The River No. 12 (Z)
23: Oliver's Army (Z)
24: Alison (Z) 

25: Jimmie Standing In The Rain (Z) 
26: (What's So Funny 'Bout) Peace, Love And Understanding? (Z)


Dienstag, 21. Oktober 2014

A Forest, Weltecho Chemnitz, 15.10.14

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Konzert: A Forest
Ort: Weltecho, Chemnitz
Datum: 15.10.2014
Dauer: 90 min
Zuschauer: ca. 50


Fabian und Arpen waren vor ziemlich genau einem Jahr als Me & Oceans bei mir Wohnzimmer und gaben damals ein - das Wort drückt es aus - intimes Konzert. Im Nachhall habe ich die beiden über die gängigen Medien verfolgt und besonders aufmerksam das Wachsen des Waldes beobachtet. Während dieser Zeit entstand das neue Album "Grace" und A Forest als Bandname. Fabian und Arpen holten sich mit Friedemann Pruß einen erfahrenen Schlagzeuger in die Band und ins Studio. Im September hielt ich dann das neue Album "Grace" in den Händen. Musikalisch klingen A Forest für mich offener und mehr als Band im Vergleich zu Me & Oceans. Und so freute ich mich riesig auf den Abend im Weltecho.



Mehr als 50 Zuschauer füllen den Saal. Gespannt schaue ich schon auf die Bühne, bevor das Konzert überhaupt beginnt. Vier Birken säumen den Spiel-Platz bestückt mit Lampen - passend zum Konzept des Waldes und der Idee, die Fabian und Arpen seit Jahresbeginn damit verfolgen.
Das anderthalbstündige Set beginnt fragil mit Arpens feinem Spiel an den Tasten und Fabians sehr wandelbarer - und in diesem Song - zerbrechlich wirkender Stimme. Und dann startet der treibende Teil des Abends mit "My Kite II". Der Titel wie so einige andere auch zeigt die musikalische Richtung von A Forest: Fabians unverwechselbarer Gesang und liebevoll, manchmal erst mit dem zweiten Ohr wahrnehmbare, hinskizzierte Arrangements. Herrlich natürlich Fabians Bewegungsdrang, den er uns auch gleich zu Beginn ankündigt und erklärt. Wie überhaupt die Zwischensequenzen herzerfrischend improvisiert werden, unter anderem die Geschichte über Arpens Nebentätigkeit und die vielen Patente, die er dadurch hält.




Arpen und Fabian spielen im Zentrum der Bühne, die beiden haben ganz oft Augenkontakt und hegen und pflegen ihre Songs gleichsam. Sie ziehen sich gegenseitig weiter durch die Welt von Flagboy, dem Hauptcharakter des Albums. Friedemann Pruß spielt dazu gemischtes Schlagzeug - analog und digital und bringt damit die harte Realität in den Wald. Er kann aber genauso weich spielen, dass man das Becken unter dem extra dafür drapierten Tuch kaum hört. Der Abend war mir ein Fest für die Augen und Ohren: wegen der lauten und leisen Töne, wegen der dunklen Atmosphäre und dem Licht im Wald, wegen der innigen Gesten der Band und den witzigen Geschichten, wegen gemeinsamer Erinnerungen und dem Wissen, dass hier Menschen mit einem ganz eigenen Konzept auf einem interessanten Weg sind. 




Setlist:
1. Picture
2. My Kite II
3. The man that plants the trees
4. Parcours
5. A square
6. Flagboy
7. How long
8. A mountain
9. Surfaces
10. A listener
11. Swan
12. The shepherd

13. Light (Z)

Die nächsten Konzerte:

17.10.2014 MÜNCHEN milla
22.10.2014 DARMSTADT schlosskeller
23.10.2014 HANNOVER fährhaus
24.10.2014 ROSTOCK jaz
25.10.2014 HAMBURG kleiner donner

Webseite A Forest



 

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