Sonntag, 21. Juli 2019

Der besondere Tipp: Haldern Pop Festival 2019

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Konzert: Haldern Pop Festival 2019
Ort: Rees-Haldern
Datum: 08.08.-10.08.2019
Dauer: 3 Tage

Zuschauer: bald ausverkauft




Die Zeiten ändern sich. Wer immer noch glaubt, früher war alles besser, der irrt gewaltig. Mein erstes Haldern Pop Festival war 1996. Über den Fanclub der Afghan Whigs (ein kopierter Zettel, der per Post kam) erfuhr ich, dass die Band dort auftreten würde. 

Ein Poster im VVK-Laden in Düsseldorf zeigte dann noch Tocotronic und Blumfeld für den gleichen Tag, also ab in den Golf 2 und los ging die Fahrt. Zeitpläne, Anfahrtsbeschreibung, Wetterapps, alles Fehlanzeige. Der Shell Atlas brachte mich bis Hamminkeln, danach war Bauern fragen angesagt, da die lustige Landjugend wohl einige Schilder in die falsche Richtung gedreht hatte. 



Vieles gestaltet sich also in heutiger Zeit einfacher. Leider führt dies oft dazu zu glauben, man würde an jeder Ecke irgendetwas verpassen. Dem wirken die Halderner Veranstalter ja seit Jahren mit ihren Entschleunigungsslogans entgegen. Einmal in das formidable Programm eingetaucht, wirft man die beruhigenden Worte dann doch meist schnell wieder über Board und hofft, den eigenen, minutiösen Zeitplan einhalten zu können. 



Das die Zeiten sich ändern, hat für Kurzentschlossene in diesem Jahr auch einen weiteren Vorteil. Es gibt noch Tickets: Haldern Pop 2019 Ticketshop

Daher ist es, erstmalig seit 15 Jahren möglich, sich wieder spontan, oder endlich zum ersten Mal, auf den Weg an den Niederrhein zu machen. Viele kennen den Mythos des Haldern ja nur von Erzählungen. Zeit sich davon zu verabschieden um sich endlich ein eigenes Bild zu machen. 



Noch breiter und innovativer als in den letzten Jahren präsentiert sich das Line-Up 2019: Die wahren Headliner sind wie immer nicht die dicksten Namen auf dem Zettel, diese lesen sich aber trotzdem wie eine Jahresbestenliste aus dem Musikmagazin eures Vertrauens. 

Wer die Live-Qualitäten von Idles, Michael Kiwanuka, Sophie Hunger und Father John Misty nicht kennt, kann sich hier an nur drei Abenden auf den aktuellen Stand bringen. 



Dermot Kennedy werden viele sogar ungewöhnlicherweise aus dem Radio kennen. Der sympathische Ire spielt im Herbst im Kölner Palladium alleine vor fast so vielen Leuten wie hier beim Festival zusammen. 



Freunde der etwas abseitigen Klänge werden bei den fantastischen Khruangbin, den elektronischeren Songs von Brandt, Brauer, Frick oder den Damen von Haiku Hands vor Freude in die Hände klatschen. 

Mittlerweile schon bekanntere Newcomer wie die Fontains D.C. (mit dem vielleicht besten Album 2019 bisher), Pictures aus Berlin (toller Britpop, der schon Support bei Paul Weller war), die live hammerharten Daughters und als Kontrast die österreichische Ausnahmekünstlerin Soap & Skin. So abwechslungsreich muss ein Festivalprogramm erstmal werden. 




Aus England dann noch der Hype des Sommers: Black Midi, bestimmt nicht jedermanns Fall, aber hier vielleicht zum letzten Mal in ganz kleinem Rahmen zu bewundern. 



Für die, wie jedes Jahr, in der Kirche stattfindenden Konzerte gibt es noch keinen festen Ablaufplan, aber Stargaze planen definitiv eine Opus M Version mit Gästen, Beethoven sei Dank. 

Das Konzerttagebuch empfiehlt zusätzlich: Another Sky (für Freunde von London Grammar), Rayland Baxter (feinster Nashville-Rock), Alex the Astronaut (australische Singer-Songwriterin) und der völlig "durchgeknallte" "Tom Waits"-Piano-Whiskeyblues von James Leg, unbedingt ansehen. 



In den nächsten Tagen wird noch ein Überraschungsgast (Band) angekündigt. Wir werden auf Facebook berichten, wenn es offiziell so weit ist.

"Zuhören, die stille Revolution", das Motto des 36.-Haldern Pop ist Programm.

Alle Infos und Tickets: Haldern Pop 2019

Fotos: Michael Graef 



Sonntag, 7. Juli 2019

Eddie Vedder, Düsseldorf, 30.06.19

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Konzert: Eddie Vedder
Ort: Mitsubishi Electric Halle, Düsseldorf
Datum: 30.06.19
Dauer: ca. 150 Minunten
Zuschauer: 6.500 (ausverkauft)



Freunde sind sie schon lange, Eddie Vedder und Glen Hansard. Schon 2016 traten die Beiden gemeinsam in Berlin auf. Dieses Jahr gibt es eine erneute Kurztour, die neue Pearl Jam Platte ist anscheinend immer noch nicht fertig, und Vedder scheint seine Soloausflüge zu genießen. Musikalisch hat sich bei beiden in den letzten beiden Jahren wenig verändert. 

Beginnen wir mit Glen Hansard, der zunächst solo das Vorprogramm in der noch immer wenig ansehnlichen Mehrzweckhalle bestreitet. Viel sieht man nicht, gerade einmal zwei Scheinwerfer sind in Aktion und Glen beginnt mit einer schönen Version von "Bird of Sorrow" am Piano. Der Rest ist leider Standard und hat wenig von den sonst so abwechslungsreichen Setlists des Iren. 

Die sich ins wahnwitzige steigernde Version von "When my minds made up" kennt man bereits von diversen anderen seiner Tourneen. "Revelate" von seiner alten Band The Frames klingt dagegen wieder frisch und neu interpretiert. Mit "The Gift" ist aber dann auch schon nach acht Songs wieder Schluss. 

Das grelle Saallicht holt einen wieder zurück in die Gegenwart und die Schlange vor dem Merch und den wieder mal zu wenigen Getränkeständen, bei 35 Grad Außentemperatur, wird wieder länger.

Zu den Streicherklängen von "Even Flow" betritt Vedder dann die Bühne. "Long Road", "About the Bend" und "Eldery Woman" sind ein starkes Trio innerhalb der ersten Songs. Ebenso das Tom Petty Cover "I won`t back down", zur Zeit einer der wenigen festen Bestandteile des Sets. Petty lacht dabei auf der großen Leinwand im Hintergrund. 



Der Mittelteil wirkt heute etwas uninspiriert, irgendwas scheint nicht so richtig zu zünden. Vielleicht hat Eddie auch einfach heute mal ein schwächeren Tag, allerdings immer noch auf hohem Niveau. Er wirkt etwas weniger offen und redselig, auch der Weinkonsum scheint merklich geringer als sonst. 

Erst mit "Black", zusammen mit Glen und den Streichern, folgt der erste echte Gänsehautmoment. Vor den Zugaben dann noch das rockige "Porch", die Lieder von Ten zünden beim Publikum natürlich immer noch am besten. Als  Zugabe heute "Alive", allerdings singen nur die Zuschauer zur Streichermusik, Eddie schüttelt derweil Hände und verteilt den Wein unter seinen Jüngern, wenn man das so interpretieren will. 



Der restliche Zugabenteil besteht fast nur noch aus Coverversionen, sogar "Imagine" von Lennon ist dabei. Dies würde man wohl kaum jemand durchgehen lassen, zeigt aber wieder einmal, dass Vedders Stimme eigentlich nie langweilt. "Hard Sun" ist traditionell der Rausschmeißer bei vollem Saallicht, selbst die Roadies in ihren weißen Kitteln dürfen jetzt mit auf die Bühne. 

Eigentlich wäre jetzt ein langer Abend zu Ende, aber dann gibt es noch eine faustdicke Überraschung. "Seasons", ein Chris Cornell Cover, das Eddie der Tochter von Chris, sowie den Opfern des damaligen Roskilde-Unfalls widmet. 

Es sind diese Momente, die seine große Empathie und Klasse zeigen. Die Freundschaft zu Glen beschreibt er in einer der wenigen Ansagen wie folgt: "Ich rief ihn an und er sagte: Wenn du jemand umgebracht hast, komme ich morgen mit der Schaufel vorbei". Mehr muss man nicht wissen. 

Zwei Stars, von denen man glauben will, dass sie in echt genauso tolle Menschen sind, wie auf der Bühne. 


Freitag, 5. Juli 2019

Neil Young and Promise of the Real, Berlin, 03.07.2019

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Konzert: Neil Young and Promise of the Real
Ort: Berlin, Waldbühne
Datum: 03.07.2019
Dauer: 120 min.
Zuschauer: ca. 16.000


Ein Abend der Tradition war das Konzert von Neil Young auf der Waldbühne. Unzählige Male hat er hier schon Station gemacht, immer wieder in anderen Konstellationen. Alleine dieses Jahr ist dies für Neil schon die dritte Kurztour. Crazy Horse, Acoustic und jetzt begleiten ihn die jungen Spunde von Promise of the Real zum zweiten Mal in Berlin.

Eigentlich machen Open Airs ja erst im Dämmerlicht und bei Dunkelheit richtig Spaß. Die Anwohner der Waldbühne sehen das leider anders, daher gilt in der sonst so vogelfreien Stadt schon lange eine strikte Sperrstunde. 


Kein Wunder also, daß die Supportband Bear`s Den mehr als pünktlich um 18:30 Uhr bereits die Bühne betritt. Leider bleibt von deren, eigentlich tollen Folkrock, in der großen Arena nicht viel hängen. Zum einen, weil es Vorgruppen bei Neil Young Fans grundsätzlich sehr schwer haben, aber auch die Band spielt zu gefällig auf, um einen starken Eindruck zu hinterlassen. 

So ist auch nach 30 Minuten ohne Höhepunkte schon das Ende erreicht, lediglich "Agape" mit schönem Waldhorn klingt gefällig. Die neue CD von Bear`s Den ist in dieser Woche erschienen und klingt leider ähnlich belanglos. Schade, die Band hatte mit den ersten beiden CD`s ein hohes Level vorgelegt. 

Nach der Umbaupause schlurfen dann, fast unbemerkt vom red-und bierseligen Publikum, Neil und seine Band auf die Waldbühne. Überschneidungen in der Setlist gibt es bisher kaum, jeden Abend werden scheinbar wahllos die Songs und deren Reihenfolge verändert. "Country Home" eröffnet diesmal überraschenderweise, lange nicht gehört. Danach sofort heftiger Applaus für "Everybody knows this is nowhere" und "Mr. Soul". 


Kleinigkeiten lassen einen spüren, daß Neil sehr gute Laune zu haben scheint. Er grinst häufig über beide Backen, allerdings fast immer nu einer Seite, wenn seine  Bandkollegen ihn zu einem spontanen Jam oder Riff anregen.

Nach dem furiosen Start erkennt Neil dann wohl die sommerliche, entspannte Atmosphäre der Waldbühne und fährt das Tempo merklich zurück. Für die einen ein Segen, bekommt man nun tolle Versionen von "Words", "Winterlong" und akustische Klassiker geboten. Die Altrocker beginnen dagegen langsam, sich etwas zu langweilen. 


Aber an diesem Abend sollten alle noch zu ihrem Recht kommen. Für Hardcorefans gibt es nämlich ein besonderes Schmankerl. Zwei mit Promise of the Real noch nie live gespielte Stücke: "Over and Over" und das hier herausragende und selten vorgetragene "Danger Bird". Das alles passiert, bevor dann mit drei Feedbacknallern die letzten 45 Minuten eingetütet werden. 

Immer wieder ist es "Love and only Love", das Neil zu Höchstform zwingt. Fast 20 Minuten fliegen hier die Mantra artigen Solos und Lyrics durch die Luft, zerschneiden sie förmlich mit ihrer Spielfreude und Hingabe. Der Song, den alle kennen, "Rockin in a free World" kann dies aber noch toppen. 


Neil verlangt seiner Gitarre "Old Black" alles ab, befreit sie am Ende im Feedbackorkan von allen Saiten und spielt dann den alten Opa mit Hut und Flanellhemd, der er ja eigentlich ist. Er benutzt die Gitarre als Krückstock,  um über die Bühne zu humpeln und zieht Grimassen. Ein Riesenlacher, auch für die Band. 

Die Zugaben sind danach leider entbehrlich. Ein etwas zerschossenes "Roll another Number" und "Piece of Crap" gehören nun wirklich nicht zu meinen Favoriten. Es sei ihm verziehen. Die Waldbühne wurde 1936 erbaut, Neil ist Jahrgang 1945. Es sind die letzten ihrer Art. 


Dienstag, 2. Juli 2019

Best Kept Secret Festival 2019, Tilburg, Tag 2, 01.06.2019,

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Konzert: Best Kept Secret Festival
Ort: Tilburg
Datum: 31.05.-02.06.2019
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: unterschiedlich wg. Tageskarten



Der zweite Tag beginng mit einer schönen Tradition niederländischer Festival. Es gibt eine öffentliche Live-Session des Senders 3voor12. Ohne Gewinnspiel o.ä., jeder ist willkommen, nur frühzeitiges Erscheinen ist wichtig. Diesmal spielen am Samstag die Niederländer von Feng Suave auf.



Wer sie noch nicht kennt: eine fabulöse Liveband mit viel Improvisation und Können. Psy-Pop könnte es sein, schwer zu beschreiben, daher hier der Link zur Session. 

Feng Suave - Best Kept Secret - Session / 3voor12

Ich finde die Songs wirklich erfrischend und gelungen. Danach schnell weiter im Laufschritt, schließlich heisst die nächste Band ja Sports Team. Die Bandmitglieder sehen allerdings selber wenig sportlich aus, als sie auf die riesige Zeltbühne stolpern. 

Mit ihren komischen Klamotten, die fast an Verkleidungen erinnern, sehen sie schon sehr eigenartig aus. Doch schnell verfliegt dieser Effekt, denn was Sänger Alex Rice veranstaltet, ist noch viel irrer. Auch wenn das Ganze oft nach einer Pavement-Coverband klingt (dabei stammen Sports Team aus England), ist die Band neben den Fountains D.C und Black Midi wohl der beste Newcomer des bisherigen Jahres.



Witz und Ironie verbreiten sie jedenfalls reichlich. Alex Rice scheint seine Tabletten heute nicht genommen zu haben, keine Sekunde steht er still, die anderen Grinsen ebenfalls während des ganzen Auftritts um die Wette. Die Songtitel heißen "Ashton Kutcher oder "Winter Nets". Auch die besseren Zeiten von Weezer scheinen oft musikalisch durch, bitte unbedingt ansehen.

Sports Team spielt außer beim Reeperbahn-Festival in Hamburg nur noch beim wunderschönen, kleinen Misty Fields Festival in den Niederlanden (07.09.2019), kurz hinter der Grenze. 

Misty Fields Festival 2019

Am Nachmittag gibt es dann im kleineren Zelt einen Indiemix der weiblichen Art: Hintereinander spielen dort Lucy Dacus, Snail Mail und Alouis Harding auf.



Lucy Dacus kommt direkt aus dem Flieger, Instrumente gibt es auch keine, also erstmal ein ungeplanter, spontaner Acoustic-Gig. Als dann die Band und Gitarren 30 Minuten eintreffen war das Publikum um einen außergewöhnlichen Auftritt reicher. 

Über Snail Mail auf der Bühne wollen wir nichts Schlechtes mehr schreiben, also lassen wir das dann auch. Alouis Harding wirkt ja immer etwas neben der Spur, verhuscht und träumerisch, oft auch etwas unnahbar. Ihre sehr ruhigen Stücke können im proppevollen und heißen Zelt ihre Wirkung leider nicht voll entfalten.

Daher weiter zu Death Grips, die sich wie immer durch ihr Programm prügeln, als wären The Prodigy eine Schnulzenband gewesen. In seiner Konsequenz ein toller Auftritt, aber 60 Minuten werden da schon lang. 

Cigarettes after Sex wäre jetzt das komplette Kontrastprogramm, aber Essen muss der Mensch und Blogger ja auch mal. Besonders vor Kraftwerk kann eine warme Mahlzeit ja nicht schaden, Bassgewitter mit leerem Magen ist doppelt anstengend. 



Wie da die vier Keyboards in der Umbaupause verloren auf der Bühne stehen ist schon toll. Mehr Reduktion geht einfach nicht. Sobald es losgeht muss man den ewigen Retrocharme der 3-D Show schon mögen, ansonsten wirkt es im Vergleich zu heutigen Produktionen schon sehr antiquiert.



Zum Glück ist der Sound heute fantastisch, nicht zu laut, nicht zuviel Bass, dazu der Sonnenuntergang am See. Ein traumhaftes Bild. Besonders die jüngeren holländischen Besucher lauschen mit andächtigem Schweigen den "Robotern" auf der Bühne. Solche Legenden sieht man halt nicht alle Tage auf Festivals. 

Ein tolles (Kurz-)Wochenende geht zu Ende, den Sonntag habe ich mir dieses Jahr gespart. Bleibt abzuwarten wie sich die Festivallandschaft weiter entwickelt. Das BKS ist weiterhin jeden Besuch wert und wird sich jeder Veränderung stellen. 


 

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