Freitag, 5. Juli 2013

The National, Zagreb, 02.07.13


Konzert: The National
Ort: Šalata, Zagreb, Kroatien 
Datum: 02.07.2013
Zuschauer: etwa 5.000 



von Claudia aus Stuttgart

Flughafen Zagreb um die Mittagszeit. Es ist ziemlich warm hier. Neben an wird ein Flugzeug nach Moskau mit 4-8-jährigen rhythmischen Sportgymnastinnen geboardet. Ihre Turnreifen sind offensichtlich zu groß für die Koffer. Ich bin hundemüde und ein bisschen traurig, aber auch superglücklich und grinse vermutlich etwas dämlich vor mich hin. In meinem Kopf schwirren Liedfetzen. 

Dunja und die existierenden Videouploads vergangener Kroatienshows hatten nicht zu viel versprochen. Es war definitiv ein unglaubliches Erlebnis The National live in Zagreb erleben zu dürfen. Die Indieszene Zagrebs ist vermutlich nicht besonders groß, dafür aber allem Anschein nach umso leidenschaftlicher und die Leidenschaft scheint wahnsinnig ansteckend zu sein. Den Zagreber Veranstalter Mate kennen, lieben und respektieren alle. Er hatte The National vor fast 10 Jahren das erste Mal nach Zagreb gebracht. Die Show war klein und nicht sonderlich gut besucht, aber diejenigen, die da waren, haben ihre Begeisterung weitergetragen und Mate hat es immer wieder geschafft, The National in Kroatiens Hauptstadt zurückzuholen. Er ist der Kopf der Szene, auch wenn sein erst kürzlich eröffneter Club derzeit aufgrund einer über „seinem“ Keller stattfindenden Picassoausstellung aus Sicherheitsgründen geschlossen ist. So sei das halt manchmal in Kroatien. Dabei kann ich persönlich gar keinen so großen optischen Unterschied zwischen Zagreb und den heimatlichen Gefilden ausmachen: ein guter, wohlbekannter deutscher Drogeriemarkt an jeder Ecke, Raiffeisenbank, Straßenbahnen, österreichische Kaiserzeit, neben ein bisschen Ostblock und der üblichen Moderne; überall Straßencafés. Alles ist supersauber und pünktlich und Bäckereien warten mit einer ganz ähnlichen Auswahl an Brot, Brötchen, Sandwiches und Teilchen auf. 

Dunja lebt seit ihrer Studienzeit in Zagreb. Nachdem Sie den musikalischen Teenagervorlieben entwachsen war, stürzte sie sich auf Indiemusik und stolperte dabei ziemlich schnell über The National. Es sind vor allem die todtraurigen Texte, die es ihr angetan haben. Zum Glück scheint sie aber keinen dramatischen Hang zur Melancholie zu haben. Für das Zagreber The National Konzert macht sie aus ihrer kleinen Stadtwohnung kurzer Hand ein sehr privates B&B und The-Place-To- Be für den Vorabend der Show. Mit einer Hand voll enger Freundinnen wird schon mal ein bisschen vorgefeiert, Textsicherheit geprobt. 


Am Tag des Konzerts standen wir alle bei strahlendem Sonnenschein sehr pünktlich vor einem der Eingänge am Šalata Sportzentrum, einem eher ungewöhnlichen und schwer abzusperrenden Fitnesscenter mit Freibad, Tennisplätzen und einem Eisstadion, die alle miteinander verbunden sind. Als wir noch vor verschlossenen Türen standen, gingen ständig Mitglieder des Sportclubs ein und aus und das Schwimmbad hatte ganz regulär geöffnet, obwohl man von dort auch jeder Zeit in das Stadion gelangen konnte. Die Stadion-/Schwimmbadbar war provisorisch zum Backstagebereich umfunktioniert worden und die Band hatte sich den halben Tag im Pool vergnügt. Als die Local Natives bereits angefangen hatten zu spielen, standen auf der Tribünenseite, die das Schwimmbad vom Stadion abtrennt noch ein paar Kids in Badehosen und wunderten sich womöglich etwas über die langsam hereinströmenden Indiemusikfreunde, die zum Teil sogar mit Bussen aus Serbien und Slowenien angekarrt wurden. 

Taylor Rice von den Local Natives freute sich ungemein, in diesem Teil der Welt spielen zu dürfen. Es war die erste Balkanerfahrung und vermutlich hatten The National sehr geschwärmt. Die Local Natives spielen ein schönes Eröffnungsset über gut 45 Minuten. Wie fast nicht anders zu erwarten, wurden sie bei Heavy Feet auch vom Produzenten Ihres letzten Albums, Aaron Dessner, an der Gitarre begleitet. Ganz angekommen ist ihre Musik auf dem Balkan allerdings doch noch nicht. Aufgrund des relativ frühen Starts kurz nach halb 8, waren vermutlich auch einige Zuhörer noch gar nicht in der Lage, da zu sein, aber auch sonst konnte die manchmal durchaus ein wenig gleichförmig klingende Musik der Kalifornier nicht jeden überzeugen. Dunja und ihre Freundinnen lieben Local Natives und konnten sich schon mal anständig warm singen. 

Natürlich kein Vergleich zur Gesamtlautstärke und den Gesängen als Matt Berninger, die Dessners und Devendorfs etwa viertel nach 9 endlich die Bühne betraten. Ein Glück, dass es ein traumhafter Sommerabend war. Die Bühne war nach allen Seiten offen. Der ein oder andere Tennisspieler blieb noch einige Minuten ungläubig auf den Stufen hinter dem Aufbau stehen. Bei einbrechender Dunkelheit kam die Videoleinwand entsprechend gut zur Geltung und sollten noch weitere Sportler und Nichtsportler vorbeigeschlichen sein, konnte man sie jedenfalls nicht mehr erkennen. 

The National hatten nach ihrem ausgiebigen Schwimmsport- und Turmsprungprogramm sensationelle Laune. Sie wissen bereits, dass Zagreb sie liebt und kommen immer wieder gerne zurück. Die ersten Songs spielen sie zunächst fast ohne Kunstpausen durch. Intros und Outros werden angenehm in die Länge gezogen, so dass Sänger Matt Berninger ausreichende Verschnauf- und Weißweinpausen bekommt. Die neuen Lieder vom sechsten Album Trouble Will Find Me fügen sich perfekt in die Reihe der älteren Stücke aus den drei Vorgängeralben ein. Publikum und Band fressen sich gegenseitig aus der Hand. Matt Berninger begibt sich bereits von Anfang an immer wieder in die Nähe des Publikums, indem er über die den Graben füllenden Boxen balanciert. Es wird gesungen und getanzt bis der erste Teil nach Squalor Victoria in einen etwas ruhigeren Zwischenteil übergeht. I Need My Girl handelt davon, jemanden, der nicht da ist, sehr zu vermissen, in diesem Fall vermutlich die kleine Tochter. Gefolgt vom live wirklich umwerfenden This Is The Last Time. Und noch rührender, das vom Alligator-Album stammende The Geese Of Beverly Road, eines der passendsten Lieder für diesen lauen Sommerabend. Es wird Mate gewidmet. Unser Singalong stockt ein bisschen … we’re awesome, totally genius … Klos im Hals. 



Kurz darauf unser erhofftes Highlight vom neuen Album. Jetzt hat Matt etwas im Hals. Beim dritten Wort erstickt er fast an einem der vom Licht angezogenen Tierchen. Einfach nochmal. Man kann erkennen, dass die Liebeskummerherzschmerznummer Pink Rabbits nicht 100% seine Tonlage ist, eventuell steckt im nach wie vor sein unfreiwilliges Mahl im Hals. Es macht nichts. Dunja und ihre Freundinnen sind auf einer Mission und es ist erstaunlich, dass sie offensichtlich die ersten waren, die diese Idee hatten. Passend zum Lied verwandeln sie sich dank entsprechender Ohren in rosa Häschen. Bryce Dessner kann Matt Berninger allerdings erst nach dem Lied darauf aufmerksam machen. Der setzt beim Anblick seiner Rabbits ein breites Grinsen auf. Als er sich überschwänglich bedankt und auf der gegenüberliegenden Seite gejubelt wird, lässt er es sich nicht nehmen erneut zu betonen, dass der Dank ganz speziell den Mädels gilt. Die platzen natürlich fast vor Stolz. Beim nächsten Lied England ist dann Matt auf der Mission, schnappt sich Petras Ohren und krabbelt als Häschen zurück auf die Bühne. Die Pink Rabbits sind am nächsten Tag in aller Munde. 


Als erste Zugabe spielt die Band freiwillig Sorrow, obwohl Slipped auf der Setlist stand. Das ist insofern erstaunlich, als sie dieses eine Lied kürzlich im Rahmen eines MoMa-Kunstprojekts volle 6 Stunden am Stück performed hatten. Beim neuen Humiliation hat Matt einen textlichen Totalausfall. Da konnten ihn selbst die textsicheren Kroaten nicht mehr retten. „He’s having too much fun!“ meint Bryce Dessner entschuldigend. Es wurde nahtlos neu gestartet. Live kann mich das Lied mittlerweile absolut überzeugen. Etwas mehr Gitarre, etwas weniger Elektronik und dann am Ende eine wirklich tolle Live-Überraschung: Screaming music und screaming Matt at his best. Der Song wird mit wahnsinnigen, rauhen, lauten Gitarrenriffs auf Seiten der Dessners und wütendem, energiegeladenem Berningergebrüll abgeschlossen. 


Der obligatorische Publikumsausflug zu Mr. November endete irgendwo in den Schirmen der seitlichen Bierstände. Krönender Abschluss – mittlerweile traditionell – Vanderlyle. Aufgrund der Open-Air-Situation mit minimaler Mikrofonverstärkung. Matt Berninger hätte sie nicht gebraucht. Er lässt singen und es klingt toll. 

Setlist The National, Šalata, Zagreb:

01: I Should Live In Salt 
02: Don't Swallow the Cap 
03: Bloodbuzz Ohio 
04: Mistaken for Strangers 
05: Sea of Love 
06: Demons 
07: Afraid of Everyone 
08: Conversation 16 
09: Squalor Victoria 
10: I Need My Girl 
11: This is the Last Time 
12: The Geese of Beverly Road 
13: Abel 
14: Slow Show 
15: Pink Rabbits 
16: England 
17: Graceless 
18: About Today 
19: Fake Empire 

20: Sorrow (Z) 
21: Humiliation (Z) 
22: Mr. November (Z) 
23: Terrible Love (Z) 
24: Vanderlyle Crybaby Geeks (Acoustic) (Z)

Links:

- aus unserem Nationalarchiv:
- The National, Paris, 25.06.13
- The National, Camber Sands, 09.12.12
- The National, Barcelona, 27.05.11
- The National, Eindhoven, 18.02.11
- The National, Paris, 23.11.10
- The National, Neu-Isenburg, 18.11.10

- The National, Wien, 18.08.10
- The National, Haldern, 14.08.10
- The National, Latitude-Festival, 16.07.10
- The National, Paris, 07.05.10
- The National, Haldern, 09.08.08
- The National, Montreux, 16.07.08
- The National, Köln, 27.11.07
- The National, Paris, 14.11.07



- alle Fotos: Claudia



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