Sonntag, 21. Juli 2013

LaBrassBanda, Stuttgart, 18.07.2013


Konzert:LaBrassBanda
Vorband: Liedfett
Ort:Freilichtbühne, Killesberg
Datum:18.07.2013
Dauer: LaBrassBanda 110 Minuten / Liedfett 45 Minuten
Zuschauer:4500 (ausverkauft)




Mit ihrem Zug durch die Menge warfen LaBrassBanda letztes Jahr kurzerhand alle Routine eines riesigen Festivals über den Haufen und sorgten mit spielerischer Leichtigkeit für den erfrischendsten Moment des vergangenen Southside Festivals. Unverstärkt spielten die fünf Chiemgauer inmitten des Publikums, spätestens hier wurde ich zum Fan der wunderbar archaischen Blaskapelle, die schon Jahre zuvor mit ihrem zweiten Album „Übersee“ mein Interesse weckte. 
Viel ist seither in der Geschichte des Quintetts um Sänger und Trompeter Stefan Dettl geschehen. Man war Headliner beim heimischen Chiemsee Reggae Summer, spielte auf allen wichtigen Festivals des Landes und kehrte dem traditionsreichen bayrischen Indie-Label Trikont den Rücken zu, um das dritte Studioalbum bei der Musikvermarktungsmaschine Sony zu veröffentlichen. 

Ausverkauf!", hörte man es spätestens bei der Teilnahme am Vorentscheid für den diesjährigen Eurovision Songcontest in der wachsenden Fangemeinde schreien. Trotzdem hofften wir doch alle, dass LaBrassBanda Deutschland in Malmö vertreten würden. Auch Fernsehzuschauer und Radiohörer erkannten Potential und setzten sich für die einzige deutsche Band, die man guten Gewissens im entferntesten dem Balkan-Pop zuordnen kann, ein. Dass die Teilnahme zu guter letzt an der Entscheidung einer fragwürdigen Jury scheiterte, ist umso bitterer für die Bayern, die bezeichnenderweise im Vorfeld bei der ARD einen Antrag stellen mussten, beim Vorentscheid live spielen zu dürfen. Das Scheitern des billigen Wegwerfprodukts Cascada geht umso mehr in Ordnung. 

Spätestens mit der Veröffentlichung des jüngsten Albums, „Europa“, bewiesen LaBrassBanda schließlich, dass von Ausverkauf keine Rede sein kann: Treibende Off-Beats, vermehrt elektronisch wirkende Sounds und eingängige Melodien zu den rasend schnell ausgespuckten bayrischen Sätzen Dettls lassen das Album der Klasse der Vorgängerwerke in keiner Weise nachstehen. 


 Ausverkauft sind lediglich die Konzerte etwas häufiger als früher. Beim Betreten der U-Bahn könnte man meinen, es wäre schon wieder Cannstatter Wasen: Dutzende Fahrgäste in Lederhosen und Dirndl ausgerüstet mit Bierdosen steigen am Hauptbahnhof zu. Am Ende zieht es 4500 Zuschauer in den Höhenpark am Killesberg, um in der wunderbar idyllisch gelegenen Freilichtbühne Anteil an der schweißtreibenden Performance zu haben. 


LaBrassBanda machen Blasmusik für die linke Großstadtjugend, für urbane Musikliebhaber auf der Suche nach Qualität. „Es ist die Band, die Techno macht und dabei die Elektronik obsolet machte“, sagte Farin Urlaub vor wenigen Wochen über LaBrassBanda, und auch Ärzte-Skeptiker müssen ob dieser Aussage zustimmend nicken. Gleich das erste Stück unterstreicht Urlaubs Statement, „Tecno“, der Opener des aktuellen Albums bricht mit urzeitlicher Gewalt über den Killesberg herein. 
Ergänzt um weitere Trompeten und einen zusätzlichen Percussionisten wächst der Sound über die Erwartungen hinaus. Die Menge tobt, barfuß und in Lederhose wirbelt Stefan Dettl über die Bühne, der neue Bassist Mario Schönhofer sorgt im blinden Zusammenspiel mit Tubaspieler Andreas Hofmeier für den markanten Discosound. 
Überall blickt man in glückliche Gesichter, schon nach drei Liedern stehen auch die Zuschauer von den Sitzplätzen auf den Tribünen auf. 
 Die Begeisterungsfähigkeit des denkbar heterogenen Stuttgarter Publikums macht Eindruck auf Dettl. Mit ausgeprägten bayrischen Dialekt zollt der Sänger mit wilder blonder Mähne und Bart seinen Tribut, lobt die grüne Grundhaltung, kritisiert mangelnde Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft und ganz besonders die Perversion von Biogasanlagen, in denen Lebensmittel vernichtet werden. Neue Autos solle man auch nicht kaufen, „VW Jetta“ folgt, jene wunderbare Liebeserklärung an den Volkswagen ohne Ausstrahlung im behäbigen Dub-Rhytmus. Im Publikum wird ein riesiges Plakat mit einem Polizei-Jetta hochgehalten. Kurz ist Dettl irritiert, dann begeistert, bittet die beiden Männer, die es hochhalten auf die Bühne. „Autobahn“, das für gewöhnlich zum Schluss des regulären Sets gespielt wird, folgt auf Zuruf. Kurzerhand wird die gesamte Setlist über den Haufen geworfen. Die Band lässt sich treiben, Reggae, Balkan-Pop, Ska, Techno, klassische Blasmusikelemente wechseln sich ab, mal rappt Dettl förmlich. 


Alles springt, der Schweiß läuft, es reicht das Einsetzen von Bass, Tuba und Schlagzeug schon hat man den perfektesten Discosound, den man wohl nie in den Großraumdiscos dieser Welt zu hören bekommt. LaBrassBanda machen Techno für die Feinde elektronischer Musik. 
 Selten haben mich Konzerte physisch ähnlich mitgenommen, treibend wie die Rhythmen verhalten sich nach kurzer Zeit die eigenen Gliedmaßen. Man verliert die Kontrolle, versinkt in Musik. Kritiker könnten die Bierzeltatmosphäre monieren, ich halte dagegen, dass ich jedes von dieser Kapelle bespielte Bierzelt einem durchschnittlichen Indie-Konzert vorziehen würde. Der Song gleichen Namens ist Programm, vollkommen zurecht lieben das deutsche Feuilleton und Konzertbesucher aller Art europaweit die beste Band, die Bayern in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat. 


Was man mit Blick auf die Partystimmung der Konzerte gerne vergisst, ist die Tatsache, dass sich die Gruppe am elitären Richard-Strauß-Konservatorium in München formierte. Tubaspieler Andreas Hofmeir ist ordentlicher Professor an der weltweit renomierten Universität Mozarteum in Salzburg. Die bayrisch-bäurische – tölpelhafte Attitüde verstärkt die Wirkung der Musik aber ungleich mehr, das konsequente Spiel mit Klischees ist so authentisch wie ausgereift und bürgt für die Einzelstellung, die dieser Formation in der deutschen Musikwelt gebührt. 
Gewürzt mit bissigen bis feinfühligen Anekdoten langweilen die Ansagen nie, es macht Spaß Anmerkungen zur Songentstehung verschiedener Stücke zu hören. „El Paso“, wurde beispielsweise von einer Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn inspiriert. 


Wenige andere deutsche Band führte es in der Vergangenheit in so viele Länder wie LaBrassBanda. Als kulturelles Aushängeschild spielten die fünf Bayern Konzerte in afrikanischen Ländern ebenso wie auf großen europäischen Festivals. Der Culture clash, den das eigene Musikkonzept provoziert, kam in den ersten Jahren der Bandhistorie im Ausland besser an als in der Bundesrepublik. Dass der Erfolg auch hier stetig wuchs, zeigt mir, dass es doch noch so etwas wie Gerechtigkeit in einer kalten Musikbranche gibt. Letztlich sind es vor allem die Konzerte, die diesem Ruf als formidable Band, immer wieder gerecht werden. 

So sehr mich Animationen für gewöhnlich stören, so wenig machen sie mir heute Abend am Killesberg aus. Natürlich macht man mit, wenn Dettl das Publikum zum „Samba tanzen“ nach vorgegebenen Schritten auffordert. Als Zuschauer an anderer Stelle urplötzlich eigene Choreografien entwerfen, sich hinsetzen und Ruderbewegungen imitieren, ist Dettl erneut verblüfft. 
Die Liebe zum Stuttgarter Publikum ist ehrlich, LaBrassBanda spielen bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus. Bereits kurz vor den Zugaben, nach Klassikern wie „Inter Mailand“ oder dem Grand Prix Song „Nackert“, sind Musiker wie Konzertbesucher gleichermaßen erschöpft, die Grenzen physischer Leistungsfähigkeit werden aufgehoben. 



LaBrassBanda kehren zu zahlreichen Zugaben zurück, spielen Lieder auf Zuruf, während es langsam dunkel wird. Dettl dankt wortwörtlich allen möglichen Menschen, widmet das herzergreifende „Opa“ Kranken- und Altenpfleger und stellt den gesellschaftlichen Umgang mit Alter und Tod in Frage, bevor der sympathische Frontmann noch einmal den Animateur gibt und die Menge mit „Bauer, Bauer“ zur kollektiven Ekstase führt. 
Die Band verlässt kurz darauf erneut die Bühne, um im Anschluss mit „Doda Hos“ würdevoll beschwingt einen fantastischen Abend in Stuttgarts schönster Freilicht-Location beschließen. 
Nie klang Bayrisch schöner, als in diesen knapp zwei Stunden des Glücks, dafür mussten LaBrassBanda nicht einmal durch das Zuschauermeer spazieren.


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