Mittwoch, 17. Juli 2013

Kev Fox & The Last Dance, Stuttgart, 07.07.2013

Konzert: Kev Fox & The Last Dance
Ort:  Marienplatz, Stuttgart (Marienplatzfest)
Zuschauer: einige hundert
Datum: 07.07.2013
Dauer: etwa 70 Minuten



Dass europäische Bands in der Hoffnung auf Erfolg nach England gehen, ist seit Jahrzehnten nichts Ungewöhnliches. Wenn jedoch ein talentierter Singer-Songwriter Middlesbrough den Rücken zukehrt, um nicht nach London oder Manchester, sondern nach Tuczno, einem 2000 Einwohner Städtchen in Hinterpommern, inmitten der polnischen Provinz zu ziehen, ist das zumindest überraschend. 
Der Singer-Songwriter, der sich Kev Fox nennt, hat genau diesen Weg hinter sich. Zusammen mit The Last Dance, seiner ortsansässigen Begleitband, veröffentlichte er im vergangenen Jahr „King For A Day“ über das polnische Indie-Label Gusstaff Records. Das düstere Coverfoto zeigt Fox als Silhouette mit Hut aus ein Fenster schauend, durch das Sonnenlicht auf ihn scheint. Unwillkürlich lässt es einen an Tom Waitts denken, dabei schlägt seine Musik andere Wege ein. 
Mehrere Tausend Kilometer habe die Band hinter sich, kündigt Galao-Betreiber Reiner das Abschlusskonzert des diesjährigen Marienplatzfests an. Am Vortrag habe die Band noch in Bosnien gespielt, heute steht Kev Fox mit The Last Dance offensichtlich müde, aber voller Tatendrang auf der hübschen Bühne im Stuttgarter Süden. 
Der Live-Sound ist um einiges opulenter als ich erwartet habe, war im Programmheft noch von Minimal Folk die Rede, sorgen gleich zwei Streicher und zwei Keyboarder ergänzend zu Gitarren, Bass und Schlagzeug für einen dichten Gesamteindruck. 
Spontan hat es mich heute noch einmal an den Marienplatz verschlagen, zuvor lauschte ich auf der Königsstraße aus der Distanz Jazz-Diva Dee Dee Bridgwater, die im Vorprogramm von Lang Lang auf dem Schlossplatz den letzten Abend des Jazz Opens einläutet. Kurzerhand entscheiden wir uns erneut zum Marienplatz zu fahren, wo für 21 Uhr der Auftritt von Kev Fox angekündigt ist. Mit „Afon Ddu“ beginnen die acht Musiker um den bärtigen, Sakko tragenden Frontmann  mit Hut ihr Set. 


Ein skurriles Bild bietet sich vor der Bühne; pausenlos bewegt sich ein älterer Mann in Jeansjacke mit einer Akustikgitarre ohne Saiten synchron zum Set, irgendwann entledigt er sich der Jacke, Fox reicht ihm eine Flasche Bier. Während der Herr vor der Bühne wohl glaubt, ein Pink Floyd-Konzert zu erleben, erinnert die Musik vielmehr an Damien Rice und Nick Drake als an psychedelische oder progressive Klänge. 
 Angenehme Folkmusik ist es, die der Singer-Songwriter mit Sonnenbrille und seine Band gekonnt zelebrieren. Neu erfunden wird hier freilich nichts, aber für einen sonnigen Sonntagabend mit guten Freunden ist das alles ein gelungener Soundtrack. Das Publikum ist heute weit aufmerksamer als noch am Vortag bei Kat Frankie, was vermutlich auch auf den satten Bandsound zurückzuführen ist, der trotz schwächelnder Technik zustande kommt. Auf größeren Veranstaltungen kommen Bands meist besser an als Solokünstler; erst recht, wenn sie dann noch entfernte Erinnerungen an Mumford & Sons wecken. Schade eigentlich. So schlicht und ungewöhnlich die Lieder auch sein mögen, schlecht ist keines, das The Last Dance und ihr Frontmann heute servieren. „Winter“, „The Hit List“, „Pirates“, mir sagt das alles zu, der Popappeal ist immens, mit dem richtigen Marketing und einer starken Plattenfirma im Hintergrund könnte der Mann ein Star werden, ist gefälliger Folkpop doch seit Mitte der 00er Jahre wieder en vogue und sogar kommerziell erfolgreich. 


Rau gehauchte Zeilen aus dem englischen Arbeitsalltag, von unerfüllter Liebe und traurigem Leben gehen eigentlich immer. Seine blonde Cellistin unterstreicht mit melancholischen Streicherspiel die Zeilen, das Schlagzeugspiel fällt angenehm reduziert aus, während der Leadgitarrist ein solider Handwerker ist, dem es gelingt sich gegen die Soundeffekte der beiden Keyboards mit nonchalantem Spiel hervorzutun. 
Der Schwermut hält an, pünktlich um zehn verlässt die Band die Bühne, die Nachtruhe muss wohl eingehalten werden, was die englisch-polnische Formation nicht daran hindert, sich am vorderen Bühnenrand niederzulassen, um noch ein paar Stücke unplugged zu spielen. Die vorderen Reihen sind begeistert, der Rest hört nichts; die Band nimmt den Ausdruckstänzer mit der kaputten Akustikgitarre in ihre Mitte, es gibt Szenenapplaus, bevor nach Kev Fox das diesjährige Marienplatzfest würdig zu Ende geht.
Kurz darauf erscheint Schauspieler und Stuttgart 21 Gegner Walter Sittler, der um die Ecke wohnt, gibt Autogramme und unterhält sich mit Besuchern.
 Stuttgart ist gar nicht so schlimm, wie viele denken, im Gegenteil, ich fühle mich hier nach knapp zwei Jahren absolut wohl. Was das kulturelle Angebot angeht, können nur wenige deutsche Städte mithalten.


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