Montag, 1. Juli 2013

Gravenhurst, Berlin, 27.06.2013

Konzert: Gravenhurst (Foreign Affairs)
Ort: Berlin, Haus der Berliner Festspiele (Foyer)
Datum: 27.06.2013
Zuschauer: sehr gut gefüllt
Dauer: ca. 75 Minuten





Was treibt mich an, dass ich mitten in der Woche zu einem Konzert radel, welches für mich am anderen Ende der Stadt liegt und erst um 23 Uhr beginnen soll?
Dafür gibt es mindestens zwei Gründe. Zum Einen, Gravenhurst, dessen Musik ich sehr schätze und dessen Auftritt mich vor (fast auf den Tag genau) einem Jahr hellauf begeisterte und zum Anderen, dass ich Konzerte an ungewöhnlichen Orten liebe. Der ungewöhnliche Ort wurde in diesem Fall mit dem Foyer der Berliner Festspiele angekündigt.


Viel zu früh vor Ort, kam ich in den Genuss von kostenlosem Käse, Brot und Wein, welcher wohl für das Premierenpublikum spendiert wurde. Aber warum soll ich davon nicht auch profitieren? Gut gestärkt und gut gelaunt, platzierten wir uns anfangs auf den seitlichen Podesten im Foyer - hinter der eigens improvisiert aufgebauten kleinen Bühne. Unheil vorahnend, bedienten wir uns der reichlich vorhandenen weißen Sitzsäcke und kuschelten uns vor der Bühne in selbige hinein.
Wer wird denn noch  - außer ein paar Hartgesottenen - den Weg nach Charlottenburg finden? Wie wird sich das Publikum verhalten? Mit welcher Stimmung wird Nick Talbot die Bühne - dieses Mal solo - betreten? Alles Fragen, die in mir entstanden und je weiter die Zeit fortschritt, desto erleichterter war ich, um das angenehme Publikum, das schöne Ambiente -  trotz des Foyers. Als Nick Talbot in seiner ganz speziellen schüchternen Bescheidenheit die Bühne betritt, da war sie wieder, diese ganz eigene Stimmung, die solche Konzerte in mir auslösen.

 Viele Sympathien erntete Nick, als er - völlig nachvollziehbar - die Personen bat sich umzusetzen, welche sich hinter ihm platzierten. Gott sei Dank haben wir das vorhergesehen.
"I´m really sorry but i have to ask you to move but it´s too weird - it´s really really strange"..."I feel a thousand times more relaxed now"
Das Konzert geht weiter mit dem mir unbekannten und wohl auch unveröffentlichten Entertainment. Dann Nicole.
Oh Nicole - from the moment we met we let it get out of control. 
Wem ist das nicht schon so gegangen? Nick schafft es auf dem schmalen Grat zwischen Romantik und Kitsch gut zu balancieren. Das Publikum lauscht andächtig und hat sich gut eingefunden. Ob es alles Gravenhurst Fans sind? Kann gut sein, dass es auch viele vom eigentlichen Premierenpublikum in die obere Etage gelockt hat. Wenn dem so wäre, so gelang es Nick auch die Neugierigen mit in seinen Bann zu ziehen.
Bei Blackbeard habe ich mir überlegt, was wohl seinen besonderen Zauber ausmacht. Es ist für mich wohl seine unaufdringliche Art und Weise, die es schafft seine Melodien und Texte so eindringlich zu vermitteln.
Es ist diese Unaufgeregtheit, diese positive Traurigkeit. Diese tiefsinnige Verspieltheit. Er kann zwischen den Liedern immer für Schmunzeln sorgen - und sei es nur verkleckertes Wasser über die Elektronik, die er humorig kommentiert.
2004 war er das erste Mal auf einer deutschen Bühne - ein Jubiläum, welches er wohl im kommenden Jahr zelebrieren wird. Wir dürfen gespannt sein. Gravenhurst solo lässt keinen Mangel erkennen - wobei ich seine beiden Begleiterinnen bei der letzten Tour sehr zu schätzen wusste. Aber sie fehlen nicht. Zu stark sind seine Lieder. So auch Damage.
Dann eins meiner Lieblinge: The Foundry vom aktuellen Album. 
and you won´t know when evil comes
evil looks just like anyone
Nick spielt an diesem Abend einen schönen Querschnitt durch seine Alben. Black Holes In The Sand von 2004 kannte ich bis zu diesem Abend noch nicht, kommt mir aber sehr vertraut vor. Was wohl auch daran liegt, dass Gravenhurst in all den Jahren sich und seinem eigenen Stil ziemlich treu blieb. 
Mitten bei The Prize dann: Fucking - fucking - i´ve forgotten the fucking words... Er wäre nicht Nick, wenn er nicht auch diese Situation zu seinem Gunsten "moderieren" könnte. Der zweite Versuch gelingt und eines meiner Lieblingslieder kommt zur vollen Geltung.
Richtig gezähmt wird Velvet Cell. Kleine stimmliche Schwächen seien ihm bei Tunnels verziehen, was aber der ausgedehnten Version nicht schadete. 
Tja - was macht ein Künstler, wenn die Bühne fast mitten im Saal ist und man nicht ins Backstage "flüchten" kann? Er fragt einfach kurzerhand das Publikum, ob sie noch einen Song hören wollen - und  mit Grand Union Canal die erste Zugabe gespielt.
Das Publikum in Wünsche einzubinden, ist gar nicht so leicht, wenn die Wünsche doch zu anspruchsvoll werden. 

I´m gonna play one i can play easily.
So spielt der sich schon mit 36 sehr alt fühlende Nick I Turn My Face To The Forest Floor, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Auch solo ein großartiges Lied. Ach was wäre es schön, wenn er mal in meinem Wohnzimmer auftreten würde. Aber ehrlich gesagt fühlte ich mich an diesem Abend - eingekuschelt in diverse Kissen - fast so wie in einem großen Wohnzimmer. Das ausgezeichnete Publikums, dass sich völlig dem Konzert hingab, bin ich zu Dank verpflichtet. Vielleicht liegt es an dem Ort, an der Uhrzeit oder an der Musik, aber es ist schon ein besonderer Abend der uns da geboten wird. Als wirklich allerletzte Zugabe wird dann noch Cities Beneath The Sea gespielt. Ein Konzertabend, der fesselte - und entfesselte. Der besinnliche Gefühle und Gedanken entlockte, ohne Schamgefühl zu erzeugen oder im Kitsch zu ertrinken. 

Ich habe an diesem Abend einen neuen schönen Konzertort kennengelernt und bin wieder einmal glücklich, dass ich in Berlin die Gelegenheit habe, solche besonderen Momente erleben zu dürfen. So wurde aus dem Foyer ein Wohnzimmer, dass ich gerne mitgenommen habe.

http://www.youtube.com/watch?v=cEIJp4PnPsM

Setlist:
Entertainment
Nicole
Bluebeard
Damage
The Foundry
Black Holes In The Sand
The Prize
Velvet Cell
Tunnels
Grand Union Canal
I Turn My Face To The Forest Floor
Cities Beneath The Sea

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