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Mittwoch, 15. Juli 2015

Phono Pop Festival X, Rüsselsheim, 10. & 11. Juli 2015

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Konzert: Phono Pop Festival X
Ort: Altes Opelwerk, Rüsselsheim
Datum: 10. & 11. Juli 2015
Zuschauer: ein paar hundert, es hätten ruhig noch ein paar mehr sein können


Man könnte schon ein bisschen wehmütig werden, wenn man am späten Freitagnachmittag vom Opel-Bahnhof an den Bahngleisen entlang im angenehmen Sonnenschein zum Klinkerbau des alten Opelwerks in Rüsselsheim läuft, die Statue des Firmengründers vor dem Eingang wie einen alten Bekannten begrüßt und kurz darüber nachdenkt, dass dies aller Voraussicht nach das letzte Phono Pop Festival sein wird. Tatsächlich gilt es aber natürlich zuerst noch einmal dieses traumschöne und liebevoll organisierte Festival in vollen Zügen zu genießen und damit dies ungetrübt der Fall sein kann, wartet die diesjährige Ausgabe mit Kaiserwetter und einer extrem gelungenen Bandauswahl auf. 


Mit den fünf Jungs von Yesterday Shop geht’s gleich mal schön poprockig los, phasenweise sogar mit doppeltem Schlagwerk. Die nachzulesenden Coldplay-Einflüsse der mittlerweile aus dem Raum Reutlingen nach Berlin übergesiedelten Band sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Live haben die Songs allerdings erheblich mehr Druck und Energie als die Studioaufnahmen. Ein bisschen fehlt vielleicht noch der eine, wirklich hängen bleibende Megasong, aber die Chancen hierfür stehen bestimmt nicht schlecht. Ein sehr schöner Auftakt.  


Sehr haarig schließen sich auf der etwas größeren zweiten Bühne im nächsten Hof einmal um die Ecke die aus Oklahoma stammenden Other Lives an. Ganz gelingt es mir um diese Tageszeit noch nicht mich auf die träumerisch mehrschichtigen durchaus sehr spannenden Klänge der Amerikaner einzulassen. Zusätzlicher Trompeteneinsatz, Orgelklänge, Violinen, ein bisschen Glockenspiel und die etwas klagend klingende Tonlage von Sänger Jesse Tabish haben auf jeden Fall großes Potenzial, einen in ganz andere Welten zu entführen und ich hoffe auch, dass ihnen das bei unserer nächsten Begegnung gelingen wird. 


Erlend Øye sieht ein bisschen aus wie ein zu groß geratenes Bandenmitglied der Kleinen Strolche, auch wenn er dieses Jahr noch 40 wird. Und seine Fröhlichkeit ist unglaublich ansteckend. Er war mir mit seinen musikalischen Projekten stets irgendwie präsent. Die Kings Of Convenience liefern einen nahezu immer geeigneten Soundtrack für einen gemütlichen Abend mit Freunden und The Whitest Boy Alive habe ich leider zweimal live knapp verpasst. Um so schöner, dass es jetzt endlich klappen sollte und das neue leicht reggaeangehauchte Album Legao ist wie geschaffen für diesen angenehm lauen Sommerabend auf dem Fabrikgelände. 
Eine nette Auffrischung des kürzlichen Islandaufenthalts gab’s auch noch. Kaum war mir zu Ohren gekommen, dass der groß gewachsene Mulitinstrumentalist hinterm Keyboard ja übrigens Isländer sei, durfte Siggi auch schon die gesamte Bühne übernehmen und ein Lied in seiner lustig klingenden Muttersprache zum Besten geben. Und weil der Norweger Erlend überwiegend im viel sonnigeren Italien lebt und zwei Bandmitglieder seiner Rainbows Italiener sind, gibt’s auch noch ein bisschen gesungenen Italienischunterricht. Vielen Dank liebe Phono Pop Macher für diesen perfekten Headliner des ersten Abends. 


Meine jährliche Dosis Hip-Hop hatte ich gewissermaßen schon die Woche zuvor auf dem ATP Iceland mit einem packenden Auftritt der Altrapper Public Enemy gedeckt. Was Käptn Peng & die Tentakel von Delphi in Sachen deutschem Hip-Hop gekonnt zusammenreimen, macht ebenfalls Spaß und fehlender Einsatz von Audiosamples, also sozusagen handgemachter Live-Rap, kriegt mich dann auch durchaus ein zweites Mal. Um den Wortwitz nachzuvollziehen, muss ich dennoch bei Gelegenheit, vermutlich unter Zuhilfenahme von Google & Co, noch ordentlich nachlesen & -hören. Das sehr leckere Festival-Sponsoren-Bier zeigte auch schon Wirkung. 


Pünktlich und wieder nüchtern geht’s am nächsten Tag für uns weiter. 


Caroline Keating erzählt uns erstmal wie besonders stolz sie auf ihre tolle orangefarbene Hose heute sei, als sie sich am frühen Mittag an ihr E-Piano setzt. Die Hose schmeichelt ihrem sommersprossigen Teint tatsächlich ausgesprochen und die Kanadierin versteht es außerdem hervorragend ihren entzückenden Charme mit ihrer zarten Musik zu verbinden. Singer/Songwriterin am Klavier klingt ja mal zunächst nicht sonderlich aufregend. Ist es aber. Es war absolut zauberhaft und mir fehlten auch keine Begleitmusiker. Nach eigenem Bekunden arbeitet sie derzeit fleißig an neuem Material auf das man sich bereits freuen kann.


Am Samstag parkt ein Eistruck auf dem Weg zwischen den beiden Bühnen und eigentlich kommt man da nicht ohne ein Eis zu kaufen dran vorbei. Im Adamshof spielt sich John Bramwell , wahrscheinlich etwas besser bekannt als Sänger von I Am Kloot, ganz alleine warm. Der Hof war leer. Ein spannender Anblick beim Eisschlecken. 
Als es dann wirklich losgehen soll, ist der Gitarre zunächst kein verstärkter Ton zu entlocken. Der gute Herr Bramwell war nämlich ohne seine Gitarre in Rüsselsheim gelandet und tat sich mit dem fremden Ding etwas schwer. Und auch seine Setlist und sein Handy waren wohl abhanden gekommen wie er im Lauf des Auftritts erzählt. Weil er daher nicht selbst in der Lage ist ein Erinnerungsselfie zu machen, wurde kurzerhand der am Bühnenrand stehende Fotograf nach oben gezerrt, um einen winkenden Engländer und ein jubelndes Publikum von hinten zu fotografieren.


Nach einem weiteren Lied – die Gitarre funktionierte inzwischen - hüpft er von der Bühne und nimmt einem rauchenden Mädchen die Kippe aus der Hand, um mal kurz einen Zug zu nehmen. Er rauche ja schon länger nicht mehr, aber bei so einem Konzert …! Einmal sei er mit dem neu aufgenommenen Demotape im Autoradio durch die Gegend gefahren und wäre so entzückt von seinem eigenen neuen Song gewesen, dass er vor Rührung kurz habe anhalten müssen. Er lacht. „The sad thing about it, it’s a true story.” 


Ein bisschen selbstverliebt, herrlich britisch, leicht verschroben, einen Zahnarzt könnte er vielleicht auch bei Gelegenheit mal wieder aufsuchen. Aber er ist auch grundsympathisch und ich persönlich mag solche Geschichtenerzähler ausgesprochen gern, vor allem dann, wenn sie auch musikalisch noch zu überzeugen wissen und das tut John Bramwell mit seinem Können an der Leihgitarre und seiner ganz leicht knarzigen, sehr angenehmen Stimme zwischen Blues und Singer/Songwriter-Rock. 



In jedem guten Festival-Lineup sollte eigentlich eine schwedische Band enthalten sein. Am Samstag wird dieser Slot mit der Rückkehr von Rasmus Kellermans Bandprojekt Tiger Lou gefüllt, das mal wieder alles hat, was schwedische Musik häufig ausmacht: poppig, tanzbar, ein bisschen folkig und trotzdem melancholisch, sehnsuchtsvoll und traurig.

 
Schnipo Schranke muss man vermutlich lieben oder hassen. Mir ist das Soundkonstrukt etwas zu eintönig und die Texte treffen ganz und gar nicht meinen Wohlfühlbereich. Zu viel Kopfkino für mich, aber ich kann auch verstehen, dass viele Zuhörer von den rotzigen Ansagen und schamgrenzwertigen Zeilen fasziniert sind. Es ist auf jeden Fall anders und alles andere als gewöhnlich.


Die vier Herren von Okta Logue sind badeseetauglich gekleidet als sie kurz vor 8 die große Bühne betreten. Vielleicht kommen sie ja direkt da her. Sie haben es schließlich nicht weit nach Rüsselsheim, obwohl sie so ganz und gar undeutsch und auch ein bisschen aus der Zeit gefallen klingen mit ihren breiten psychedelischen Soundwänden mit viel Orgeleinsatz. Großartig und schön zu beobachten. Einzige kleine Einschränkung: Im dunklen Club mit einem Hauch Alkohol im Spiel gefallen sie mir noch ein ganz kleines bisschen besser. Da würde ich mich dann auch nicht so sehr an den Äußerlichkeiten aufhalten.


Nach den vielen wunderschönen ruhigen Momenten freuen wir uns nach der Okta Logue Einstimmung sehr auf eine Runde laut und krachig. Eigentlich dürfte ich das als Stuttgarterin ja noch nicht mal laut sagen, aber ich hatte es bis dahin tatsächlich nicht geschafft, die spätestens seit Anfang des letzten Jahres schwer gehypten Die Nerven live zu sehen. Man nimmt ja immer an, dass sich die Gelegenheit in der Heimatstadt einer Band dauernd und immer wieder ergeben wird.


 
Auch war ich noch etwas skeptisch, nachdem ein Freund gemeint hatte, dass er tatsächlich drei Anläufe benötigt hätte, um die drei Jungs richtig gut zu finden. Die wird es für mich tatsächlich nicht brauchen, auch weil die Band zwischenzeitlich vermutlich genug Erfahrung gesammelt hat, um sich nochmal zu verbessern und live schon mit dem ersten Song zu überzeugen. Ich hatte irgendwie mehr Schrammel- Drei-Akkord-Punk erwartet, weil reingehört hatte ich auch noch nicht in der gebotenen Ausführlichkeit. Das allerdings sehr bewusst, denn Die Nerven machen Musik, die mich primär erstmal live kriegen muss.


Bassist Julian Knoth und Gitarrist Max Rieger wechseln sich beim Gesang ab oder singen auch schon mal gemeinsam und das so gut und harmonisch, dass man den dunklen, häufig zornigen Texten durchaus folgen kann. Tausendsassa Kevin Kuhn am Schlagzeug trommelt wie irre und hat eine Mimik, die The Animal aus der Muppet Show alt aussehen lassen. Der Punk klingt durch, aber es ist viel mehr. Schön postrockig düster, laut und tanzbar. 


Leider hatten es Two Gallants nach dem packenden Nerven-Erlebnis ziemlich schwer bei mir. Obwohl die beiden Amerikaner durchaus in der Lage sind, wie eine mindestens 6-köpfige Band zu klingen. Sänger/Gitarrist/Keyboarder Adam Stephens verfügt über eine wahnsinnige Rockröhre und Tyson Vogel versteht sein Handwerk an den Drums ebenfalls bestens . Nach den ersten zwei Liedern kommt die vor bald drei Jahren schon mal erlebte Energie der beiden schließlich doch noch an und auch wenn die neuen Lieder nicht ganz an das ältere Material heranreichen, bleiben die Kalifornier für mich die vielleicht beste Rock-Blues-Folk-Umsetzung im minimalistischen Zweierteam.


Vor den Temples verabschieden sich die drei Macher des Phono Pops tatsächlich unter auffordernd gemeinten Pfiffen und traurigen Buh-Rufen von ihrem letzten Publikum. Es war grandios. Wie erwartet und auch wenn ich nach 8 Stunden Musik und fast so viel Sonne langsam etwas erschöpft bin, sind die Temples mit ihrer retropsychedelischen Musik, deren moderne Anleihen an 60er-Jahre Beatles und Co von den jungen Engländern hervorragend umgesetzt werden, ein gelungener Ausklang dieses ganz und gar gelungenen Festivals.


Weitere Bilder:


Mittwoch, 27. Mai 2015

Orange Blossom Special 19, Beverungen, 22. bis 24.05.2015

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Konzert: Orange Blossom Special 19
Ort: Beverungen, Ostwestfalen
Datum: 22. bis 24.05.2015
Dauer: 3 Tage
Zuschauer:ca. 2000 (ausverkauft)

von Claudia aus Stuttgart 


2005 bekommen Maggi, Pierce & E.J., eine völlig unbekannte Folkband aus Philadelphia einen Slot auf dem Orange Blossom Special Festival und haben auf der gleichen Tour, noch lange bevor Wohnzimmerkonzerte so schön populär wurden, Wohnzimmerkonzertpremiere in meinem Heim. Zu der Zeit war auch das OBS - zumindest mir - , trotz der damals schon 9. Auflage, kein Begriff, aber durch meine allerersten quasi wildfremden Wohnzimmergäste, die gekommen waren, weil sie die Amerikaner in Beverungen begeistert hatten, wurde mir schon vor 10 Jahren schnell klar, dass das Orange Blossom Special etwas für echte Liebhaber sein musste. Damals vielleicht noch nicht so ganz meine Musikliga, haben sich zwischenzeitlich unser beider musikalische Horizonte deutlich erweitert. Einige Stuttgarter Musikfreunde schwärmen in höchsten Tönen von „ihrem“ OBS und bekommen glänzende Augen, wenn sie davon berichten. Zeit sich also endlich mal mit eigenen Augen ein Bild zu machen.

Mit obligatorischer Campingausrüstung versehen, geht’s als OBS-Rookie über Pfingsten ins Weserbergland, in den Kreis Höxter, von dem ich an diesem Tag zum ersten Mal höre. Ein Kreis den keine bundesdeutsche Autobahn auch nur berührt. Schön ist es hier. Die Wege kurz. Das Campingareal wahnsinnig idyllisch direkt an der Weser gelegen. Duschen kann man zum Beispiel im Tennisheim, wo einem die akzeptable Anstehzeit durch Nutellabrötchen, Kaffee oder ein erstes Konterbier verkürzt wird. Familiär geht es zu auf dem Orange Blossom, auch im eigentlichen Wortsinn. Es ist ein Generationentreffen wie ich es noch auf keinem Festival erlebt habe. Kinderkopfhörer kann man sich ausleihen und selbst eine große Spielecke für die Kleinen ist eingerichtet. Auf dem Zeltplatz spielt uns des Nächtens ein bisher unentdecktes 19jähriges Songwritertalent seine Eigenkompositionen nebst ein paar coolen Ärztecovern vor. Dominik ist bereits zum dritten Mal auf dem OBS.  


So auch die beiden ebenfalls sehr jungen Mädels, die sich noch dazugesellen. Wir könnten theoretisch fast alle ihre Eltern sein. Aber auch Paare, die deutlich näher an unseren eigenen Eltern dran sind lassen sich nicht davon abbringen jedes Jahr erneut an die Weser zu kommen. Das ergibt tatsächlich eine perfekte Musikliebhabermischung, die vermutlich einmalig ist und die einen guten Teil des Charmes dieses Festivals ausmachen. Die musikalische Mischung ist auch in der Abfolge gelungen. Es ist ganz sicher für jeden etwas Ansprechendes dabei. Man merkt aber auch an jeder Stelle wie viel Liebe hinter der Organisation steckt. 



Seien es die jährlich wechselnden Maskottchen, das Motto und das neu vom lokalen Künstler gesprayte Bild am Geländeeingang, sei es bei den persönlichen Ansagen vor jeder Band, dem berühmtberüchtigten auf 3 Abende verteilt erzählten Witz von Macher Rembert Stiewe, den zum Teil an Bastelabenden vom OBS-Team gefertigten Merch für den guten Zweck, den Ladies vom Bäckerstand, der eine Wand des Gartens auskleidenden Bildergalerie und vielem mehr. An der langen Fotowand mit Bildern aus allen 18 Jahren OBS finde ich dann auch tatsächlich „meine“ amerikanische Band wieder.

Maggi beim OBS 9
Den sanften musikalischen Anfang machen am Freitagspätnachmittag Easy October aus Schweden mit hübschen folkpoppigen Songs. Klingt nicht schlecht, ist aber ein bisschen harmlos. Sie kriegen mich zu diesem Zeitpunkt im sonnigen Glitterhouse Garten nicht wirklich, aber sie bekommen nächste Woche in einem Stuttgarter Wohnzimmer auf jeden Fall nochmal eine Chance. Sollte deutlich besser funktionieren.

Easy October
Mit Tone Catalano und der zierlichen CC Spina aus San Diego betritt als nächstes Little Hurricane die Bühne. Die beiden spielen eigentlich recht klassischen Blues bzw. Rock und machen großen Spaß. Rotzige Männerstimme mit Dirtrockgitarre, perfekt - auch stimmlich - ergänzt vom Californiadarling an den Drums. Frau an den Drums reicht ja schon fast als Hinhörer.

Celeste Spina bei Little Hurricane

Schön krachig und noch etwas lauter wird es mit Money For Rope. Die fünf Jungs aus Melbourne, Australien haben gleich zwei Drumkits am Start und klingen live mit ihrem Garage Surfrock zehn Mal energetischer als mit ihren eigenen Studioversionen.

Money For Rope

Von den beiden Headlinern des ersten Abends bekomme ich nicht mehr sonderlich viel mit. Ausgesprochen nette Unterhaltungen und reichlich Bier drängen AnnenMayKantereit, bei denen ich mich sowieso wundere, warum sie ungelogen auf eigentlich jedem Festival dieses Jahr gebucht wurden und die zarten Klänge von Musée Méchanique in den Hintergrund.
 
Frontfrau Jessica Larabee von She Keeps Bees
Die rasenden Kopfschmerzen nach einer sehr frischen Zeltnacht an der Weser sind am nächsten Tag nicht ganz unbegründet. Da hilft auch der erste Kaffee zunächst wenig. She Keeps Bees, die ich im Herbst verpasst hatte, leisten mir Gesellschaft und sie machen das so gut, dass Müdigkeit und sonstige Nachwehen ziemlich schnell vergessen sind. Für viele sicherlich das Highlight des Festivals, trotz oder gerade auch wegen Jessica Larabees schrulligen Ansagen zu ungewaschenen Haaren und ausgehender Unterwäsche. Besonders beindruckend die beiden Lieder, bei denen sie ausschließlich mit Gesang beginnt und ganz langsam immer mehr Percussion dazukommt. Und dann bei weiteren Songs die dunklen, tiefen Töne auf der Gitarre, die zum Teil an eine Bassline erinnern. Alles eher reduziert, feines Singer/Songwriting. Erwähnenswert auch die Keyboard- und Gitarren- Liveunterstützung, des eigentlichen Duos aus Brooklyn durch eine recht aparte Französin, die wir letztes Jahr auf dem Maifeld Derby mit ihrem eigenen Projekt Scarlett O’Hanna lieben gelernt hatten. 
Scarlett O'Hanna als Unterstützung für She Keeps Bees
Die nachfolgenden Husky aus Australien hinterlassen dann keinen bleibenden Eindruck. Das nächste Brett gibt es von blutjungen Däninnen: Baby in Vain. Ob die überhaupt schon alt genug sind, um ein Bier zu trinken? Zornige Grungegitarren, spannender Noiserock am frühen Nachmittag.

Baby In Vain

Gleich viel melodischer und harmonischer wird’s mit den bärtigen Hosenträgerträgern aus dem Niemandsland in Kanada oder auch Regina, Sasketchewan namens The Dead South. Banjogeschwängerter moderner Blusgrass schallt durch den Garten und man muss einfach mitwippen.

The Dead South
Rocky Votolato hatte ich vor zwei Jahren nur aus der Ferne hören können, da die Parcour d’Amour-Bühne beim Maifeld Derby wegen Überfüllung geschlossen war. Ich hatte das etwas bedauert, weil sich die paar Takte, die ich damals mitgekommen habe so schön harmonisch klangen. Zu viel Harmonie wird aber auch ganz schnell langweilig und ein ganzes Konzert selbst mit Band hat mich eher weniger begeistert.

Rocky Votaolato
Auch die vielköpfigen East Camoron Folkcore zünden bei mir so gar nicht. Als es dann schon dunkel ist, gibt es wieder etwas für’s Gemüt. Ex-Madrugada Frontmann Sivert Høyem lässt seine epischen Folk- und Rocksongs mit seiner einmalig schönen Baritonstimme erklingen. Das passt ganz hervorragend und ist wunderschön. 

Sivert Høyem
Wohl seit einigen Jahren wird ein Überraschungsact ins Lineup aufgenommen und selbst enge Vertraute wissen zunächst tatsächlich nicht, um welche meist nicht völlig unbekannte, aber den Glitterhäuslern eng verbundene Band es sich handeln wird. Häufig kann man aber wohl schon vorher erahnen, wer es sein könnte, weil sich befreundete Musiker des Hauses auch nicht die ganze Zeit in der Glitterhouse Gründerzeitvilla versteckt halten wollen. So war mir am Samstagabend aus recht verlässlichen Quellen bereits zu Ohren gekommen, dass Gisbert zu Knyphausen mit der Kid Kopphausen Band den Sonntagsreigen eröffnen würde. Deutschsprachige Musik ist für mich immer eher eine Gradwanderung, wird schnell belanglos, zu befindlich, peinlich berührend und war schon häufig Diskussionsstoff ohne Einigungspotential. Ein echtes Highlight für mich am deutschen Plattenhimmel war vor bald 3 Jahren Kid Kopphausen. Ich hatte das immer mehr Nils Koppruch zugeschrieben, aber Gisbert zu Knyphausen schafft es auch alleine Schmunzeln und aufsteigende Tränen bei mir hervorzurufen. Vor ein paar Wochen beim Stuttgartkonzert waren die Neuarrangements der Lieder vielleicht noch zu ungewohnt, meine Stimmung wohl auch nicht ganz passend. Ich komme jedenfalls erstmal frischgeduscht und in der Erwartung nicht wirklich etwas zu verpassen ein wenig zu spät zur Matinee im Garten an. 11:50 h ist es da, brechend voll und mucksmäuschenstill. Gisbert und die hervorragende Band haben trotz der für Festivalverhältnisse frühen Stunde totale Lust zu spielen und die Bandarrangements sind beim zweiten Mal Hören großartig. Zum Teil scheinen ganz neue Lieder zu entstehen und für mich ergibt sich einer dieser magischen OBS-Momente, die sich schwer in Worte fassen lassen. "Lieben und lieben und lieben als wär’s das Leichteste der Welt!"
 
Gisbert zu Knyphausen
 Extrem charmant waren später noch Charity Children, ein neuseeländisches Pärchen, das seit einigen Jahren wohl überwiegend in Berlin lebt und dort von meinem Lieblingsradiosender Flux-FM auf der Straße entdeckt wurde. Zwischenzeitlich haben sie eine Multikultiband um sich geschart und setzen ihre hübschen Folksongs mit entsprechender Unterstützung großartig auf der Bühne um. 

Charity Children
Leider sind die Aufnahmefähigkeiten auch bei einem so angenehmen Festival wie dem OBS, bei dem man nicht von Stage zu Stage hetzen und sich im Zweifel sogar noch zwischen Band A und Sängerin B entscheiden muss, irgendwann erschöpft. Was aber neben Eisessen (sehr leckeres Demeterschafsmilchbauernhofeis), auf der Wiese lümmeln und sich dann doch nicht mehr für Festivalfood begeistern können von Sea Wolf noch bei mir ankommt, klingt so als sollte ich dringend darauf hoffen, sie bald mal wieder live sehen und hören zu können. Wunderbare, unaufgeregte mal ruhige folkigere mal rockigere Sounds der 5 Amerikaner mit der klaren Stimme eines Alex Brown Church sind es, die mich doch nebenbei noch ein wenig in den Bann ziehen können. 

Hätte ich mal lieber Kill It Kid ausgelassen. Wie unterschiedlich die Geschmäcker und Wahrnehmungen sein können zeigt sich als einer der Konzertkumpanen nach dem Auftritt vollkommen enthusiastisch zur etwas weiter hinten stehenden Freundesgruppe gesprungen kommt und sicher ist, dass man von dieser Band wirklich noch viel hören wird. Ich habe meine persönlichen Zweifel. Ich fand die Mischung zwischen simpel gestricktem Stadionrock, abwechselnd weiblicher und männlicher Stimme und ambitionierten Punkblues vollkommen unausgegoren und eher schlecht.



Aber ich wusste ja, dass The Slow Show, die die OBS-Macher ebenso wie ich letztes Jahr beim Haldern Pop entdeckt hatten, die mehr als perfekte Schlussband abgeben würden. Aufgeregt sind sie bei ihrem ersten Headline Slot auf einem Festival. Sänger Rob Goodwin mit seinem einnehmenden und unverkennbaren Bariton bedankt sich nach jedem Lied ausgesprochen demütig beim extrem aufmerksamen Publikum noch bevor die letzten Töne verklungen sind und Applaus einsetzen kann. Dabei machen sie ihre Sache hervorragend und die schönen, sich langsam steigernden Songs passen ganz wunderbar in die Nachtstimmung. Zum Abschluss ist es ein Leichtes den Glitterhouse Garten Chor zur Hookline des wunderbaren God Only Knows zu dirigieren: "Everybody's home ... now!" 

The Slow Show

OBS, es war mir ein Fest. Wir sehen uns bestimmt wieder. Und dann schaffe ich es auch zu den legendären Aftershowparties in den legendären Stadtkrug. Versprochen.

Dienstag, 16. September 2014

The Slow Show, Ulm, 10.09.14

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Konzert: The Slow Show
Ort: Roxy, Ulm
Datum: 10.09.2014
Dauer:gut 80 min.
Zuschauer: 80-100




von Claudia aus Stuttgart

Großes Kino im August in Haldern und dank der begrenzten Kapazitäten des schönen, aber dummerweise auch viel zu kleinen Spiegelzelts, verbrachte ich gut die Hälfte des Auftritts von The Slow Show in der Warteschlange vor dem Zelt. Leider ganz und gar nicht der geeignete Standort, um die Zeltauftritte auf der Außenleinwand zu verfolgen, die zugegebenermaßen gute Soundqualitäten aufweist, aber trotzdem nur eine mäßige Alternative zum echten Anblick eines Liveauftritts darstellt . In jedem Fall war es ärgerlich, denn die Teile, die man draußen hören und zum Teil ja auch sehen konnte waren extrem vielversprechend. Die mir bis dahin vollkommen unbekannte, in der Grundbesetzung 5-köpfige Band aus dem musikalisch doch recht bedeutsamen Manchester hatte ordentlich aufgefahren. Sie wurden zeitweise von Geige, Cello, Trompete, Horn, Posaune und einem ganzen Chor unterstützt. Es klang gewaltig, opulent, beruhigend schön und wurde vom tiefen Bariton des Sängers und Gitarristen Rob Goodwin getragen. Die Sänger und Sängerinnen von Cantus Domus, dem beteiligten Chor aus Berlin, werden nach Angaben der Band auch beim Auftritt von The Slow Show beim Reeperbahn Festival am kommenden Freitag wieder mit dabei sein. Dringende Empfehlung.

http://reportage.wdr.de/haldern-pop-2014-rockpalast-special#5374 (Im ABC unter The Slow Show) 


Nachdem ich schon große Teile des Auftritts mehr oder weniger verpasst hatte und selbstredend auch nicht mehr den besten Standort im Zelt erwischen konnte, stand The Slow Show nach Haldern weit oben auf der Wunschkonzertliste, was sich schneller erfüllen ließ als gedacht, wenn auch mit ein wenig Aufwand verbunden, denn die Engländer taten uns nicht den Gefallen direkt nach Stuttgart zu kommen. Ein kleiner Mittwochsausflug auf die Schwäbische Alb in das durchaus bekannte Ulmer Kulturzentrum Roxy. Eigentlich kenne ich Ulm mehrheitlich von der Vorbeireise auf dem Weg nach München oder Österreich oder Italien. Dabei kann Ulm mit einer hübschen Altstadt, der blauen Donau und immerhin dem höchsten Kirchturm der Welt aufwarten. Mein letzter bewusster Ausflug nach Ulm hatte mit David Bowie, Midnight Oil und den Pixies zu tun, und das ist verdammt lange her. Das Roxy ist eines dieser klassischen soziokulturellen Zentren, auf einem alten Fabrik-/Festungsgelände mit Kino und diversen Veranstaltungsräumen. Die für diesen Abend genutzte Cafébar fasst vermutlich 500 bis 600 Zuschauer, lässt sich aber wunderbar auf kleineres Publikum einrichten, ohne dass man sich verloren vorkäme und verfügt über eine ganz hervorragende Bühnentechnik, die den Jungs und der einen Dame aus Manchester einen sehr guten Klang verpasste und alle in wundervolles Licht rückte. 

Los ging’s kurz nach 9 ohne Vorgruppe direkt mit dem ersten Lied der augenblicklich noch aktuellen EP Brother: God Only Knows. Zugegeben, der Titel hört sich etwas abgedroschen an, aber nach den ersten Tönen ist man gefangen von der wundervollen, sich konstant steigernden Instrumentierung. Überraschend beginnt das Lied mit Blechbläser, in Ulm nur mit einer einzigen, jedoch ausreichenden Vertreterin an der Trompete, die ihre Sache hervorragend machte. Rob Goodwin beginnt sehr ruhig mit einer Art Sprechgesang. Vor allem durch seine tiefe Stimme und den hohen Brassanteil fühlt man sich an ruhigere Lieder von The National erinnert. Auch lässt sich nachlesen, dass sich die Band nach dem hochzeitspartygeeigneten, weil nicht in depressive Grundstimmung gehüllten Lied vom Boxer Album von The National benannt habe. Wir fragen im Anschluss an den Auftritt mal nach. Rob Goodwin verweist auf Drummer Chris Hough. Er habe sich den Namen ausgedacht. Natürlich gäbe es die Referenz zu den Amerikanern, aber eigentlich hätte der Name auch damit zu tun, dass sie bei Gründung der Band ihren ganzen Erfahrungsschatz aus einigen musikalischen Vorjahren zusammenwerfen und ihren Fokus vor allem auf möglichst perfekte Liveauftritte legen wollten, also die Show in Verbindung mit ihren doch eher langsamen Liedern. 

Am tollsten wäre es natürlich immer noch eine halbes Orchester und eine Chor dabei zu haben, aber das Set in Ulm zeigt, dass es auch ohne geht. Der in Belgien geborene Mann an den Tasten, Frederik t’Kindt, sorgt für digitalen Chorgesang und ein paar Streicherklänge, vor allem als die Band die erste Single des für Januar angekündigten ersten Albums spielt. Das Lied heißt Dresden und startet mit mehreren Hallelujas und lediglich zwei Tönen am Klavier. Rob befindet sich zu Beginn noch verstärkter im Sprechgesangmodus. Es geht um einen Zusammenbruch, Dunkelheit, Vermissen, gebrochene Herzen. Eine Liebe aus Dresden oder doch subtiler, Dresden als Symbol der Zerstörung? Das Lied ist fesselnd und steigert sich langsam. Chris Hough setzt nach der ersten Strophe mit den Drums ein. Er sieht extrem ernst aus hinter seinem Schlagzeug. Wir einigen uns darauf, dass dieser Blick vermutlich seiner Konzentration geschuldet ist. Sein Drumming überzeugt mit jedem Song mehr. Im Teaser für das Album spricht Rob Goodwin davon, dass der Song ihr erstes wirkliches Gemeinschaftsprodukt aus einem guten Jahr Bandgeschichte sei. Macht Sinn und lässt uns dem Album richtig gehend entgegenfiebern. 


Die Haldernmacher haben sich von der Qualität scheinbar auch überzeugen lassen. Der Vertrag mit dem hauseigenen Label Haldern Pop Recordings über die Veröffentlichung des Debuts wurde tatsächlich direkt nach dem Auftritt am Niederrhein unterzeichnet. 

Nahezu alle Lieder, die The Slow Show an diesem Abend spielen, werden wohl auf dem besagten Album wiederzufinden sein. Es ist nicht eines dabei, das uns nicht gefallen hätte. Laut, leise, fordernd, steigernd, Spannungen wechseln sich ab. Bei Caroline geht es um einen feuchtfröhlichen Ausgehabend mit der Freundin. Und bei Bloodline wurden vermutlich nochmal ein paar Anleihen bei The National genommen, insbesondere die sich aufbauenden Klangschichten und die stakkatoartige Trompete. Gleichzeitig trotzdem der fulminanter Abschluss des regulären Sets. 

Sehr bescheiden und artig bedanken sich Rob und seine Musiker beim Publikum. „Uns war gesagt worden, dass wir hier in Ulm vermutlich vor einem leeren Saal spielen müssten. Wir sind hocherfreut, dass so mitten unter der Woche doch so erstaunlich viele Leute gekommen sind.“ Was uns auch selbst dabei besonders auffiel, war die Aufmerksamkeit, die der Band entgegengebracht wurde. Es war mucksmäuschenstill, obwohl es sich nicht um ein Sitzkonzert handelte. Vielleicht ist man ja in der Provinz dankbarer, vielleicht liegt es aber auch einfach nur an einer Band, die es scheinbar mühelos schafft die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen. 


Die erste Zugabe ist ein ganz frühes Stück von The Slow Show, das Sänger mit Gitarre und Pianist alleine vortragen, während es sich der Rest der Band auf der Bühne bequem gemacht hat. Beim ebenfalls schon 3 Jahre alten Mr Blue Tie kommt die Trompete nochmal ordentlich zum Einsatz bevor Rob Goodwin zum Abschluss tatsächlich singen lässt. Der Singalong besteht nur aus einer einzigen Zeile und gehört eigentlich zu Lied Nummer 1, schließt somit den Kreis auf wunderschöne Weise: Everybody’s Home Now. Für uns sollte es zwar noch zwei Stündchen dauern, die Fahrt begleitet von den 4 Liedern der EP und der Vorfreude auf eine Platte, die eigentlich ganz wunderbar in den Herbst passen würde. Schade, dass sie erst im nächsten Jahr erscheinen wird. 

Setlist The Slow Show, Roxy, Ulm:

01: God Only Knows 
02: Long Way Home 
03: Brother 
04: Augustine 
05: Dresden 
06: Testing 
07: Lucky Me Lucky You 
08: Caroline 
09: Paint You Like A Rose 
10: Flowers To Burn 
11: Bloodline 

12: Northern Town (Z) 
13: Mr Blue Tie (Z) ep1 
14: Everybody’s Home Now (Z) 

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Slow Show, Sound of Bronkow, Dresden, 06.09.14




Donnerstag, 19. Juni 2014

The National, Brooklyn, 17.06.14

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Konzert: The National (celebrate Brooklyn)
Ort: Prospect Park Bandshell, Brooklyn, New York
Datum: 17.06.2014
Dauer: The National 110 min, Phosphorescent 40 min
Zuschauer: ausverkauft, vielleicht 5.000

 

von Claudia aus Stuttgart

„Es ist so großartig, wenn man zu seinem eigenen Gig mit dem Fahrrad kommen kann!“ 


Aaron Dessner ist glücklich, dass The National heute ihr erstes von drei Heimspielen in Brooklyn haben und wir sind glücklich, dass wir dabei sein können. Es ist heiß in New York an diesem Dienstag, gut 30 Grad und das bei bekannt hoher Luftfeuchtigkeit. Um unsere Kräfte zu schonen, waren auch wir im Rahmen unseres Touriprogramms mit dem Fahrrad unterwegs. Start in Manhattan über die Williamsburg Bridge, fancy Williamsburg mit seinen chassidischen Juden im südlichen Teil, DUMBO und über die Brooklyn Bridge zurück. Radfahren im Big Apple. Wer hätte gedacht, dass es tatsächlich so viele markierte Radwege hier gibt. Wer’s nachmachen will, dem sei Frank’s Bikeshop aller wärmstens empfohlen! Der Mann ist ein New Yorker Urgestein. 

Aaron ist vielleicht wirklich mit dem Fahrrad da und meint auf Nachfrage von Sänger Matt Berninger, dass er für später auch mit der ausreichenden Beleuchtung ausgestattet sei. „I got even two!“ 


Der Prospect Park liegt mitten in Brooklyn, mit wunderschönem Baumbestand. Ein Naherholungsgebiet. Im Sommer werden hier jede Menge kostenlose Konzerte veranstaltet und um das zu finanzieren, wird für die eine oder andere Veranstaltung zwischendurch auch mal Eintritt verlangt, so auch für die drei Tage, die The National mit unterschiedlichen Vorbands hier in ihrer Bandhomebase Brooklyn spielt. Vermutlich werden es die letzten Konzerte in New York City im Rahmen der Trouble-Will-Find-Me-Tour sein. 


Als wir in unseren luftigen Sommerkleidchen mit Sommerpicknick ausgestattet kurz nach 6 am Park ankommen, gibt es bereits eine riesiglange, höchst disziplinierte Schlange am Eingangsbereich, alt und jung, Kinderwagen, hip und weniger hip, eine typische The-National-Mischung. Der für die Konzerte abgesperrte Bereich ist eigentlich recht übersichtlich. Die geteerte, pefekt sichtgeeignet ansteigende Fläche vor der Bühne bis zum Mischturm fasst vielleicht 2000 Menschen. Wir laufen am seitlich offenen VIP-Zelt vorbei, in dem gerade gegessen wird. Teile von Band und Crew sitzen entspannt an den Tischen. Statt auf einer der umliegenden Rasenflächen unsere Picknickdecke auszubreiten, entscheiden wir uns für den Bereich direkt vor der Bühne. Das sollte später für entspanntes Stehen in der dritten Reihe reichen. 


Pünktlich um 7 fängt Matthew Houck aka Phosphorescent an zu spielen. Mit ihm stehen 7 Musiker auf der Bühne, die zwischendurch noch von 3 Blechbläsern unterstützt werden. Houck hat sich dafür den Trompeter und den Posaunisten von The National ausgeliehen. Das Set ist nicht schlecht, überzeugt aber nicht wirklich. Die Musik klingt austauschbar, nach gutem alten Classic American Rock und leider geht Phosphorecents Stimme bei der vorhandenen Überinstrumentalisierung ziemlich unter. Manchmal wäre weniger vielleicht doch mehr. Wir hätten gut und gerne auf eines der beiden Keyboards verzichtet. 


Nach kurzem Umbau betritt The National die Bühne. Die Videoleinwand ist im Vergleich zu den europäischen Konzerten etwas kleiner und besteht aus unterbrochenen Teilstücken. Der Wirkung tut es keinen Abbruch und der eigens für die Tour engagierte Videotechniker/-künstler macht auch an diesem Abend wieder einen grandiosen Job. 

Gleich das dritte Lied wird eines der absoluten Highlights des Abends. Matt Berningers Hand weist in die Ferne. „Das nächste Lied ist gleich dahinten, hinter dem Park entstanden.“ „This goes to our neighbors!“ wirft Aaron Dessner ein. Es handelt sich um The Geese Of Beverly Road vom Durchbruchalbum Alligator. Die Straße liegt irgendwo ganz in der Nähe des Dessnerschen Hauses und der Song entstand wohl in einer ähnlich schönen Sommernacht. Mit den „Gänsen“ sind Autoalarmanlagen gemeint, die von irgendwelchen Kids in so einer Nacht ausgelöst wurden. Der Song könnte nicht besser zu diesem Abend inmitten von Brooklyn passen. Gänsehautmoment. 

Wie auch schon in Mannheim braucht es ein paar Lieder bis der Sound wirklich stimmt und Matt Berninger ganz in seiner Trance angekommen ist. Die Weißweinflasche steht vor den Drums in einem dieser typischen US-Cooler und getrunken wird aus wenig stilvollen roten Plastikbechern oder später direkt aus der Flasche, die achtlos in hohem Bogen in die Kühlbox zurückgeworfen wird. 


Einer der packendsten Momente ist Afraid of Everyone, der Song der die Ängste des damaligen Neuvaters spiegelt. Schon so oft live gehört, aber heute ergreift mich die Emotionalität des Berningerschen Vortrags mit voller Wucht. 


Die gesetzten Songs der Tour werden auch heute durchgehend gespielt, wobei ja auch hier immer wieder kleine Änderungen vorgenommen werden. Insofern gibt es zwar keine großen Überraschungen, aber die Dichte und die Arrangements sind nach wie vor fantastisch. Unglaublich schön bleibt die in Luxemburg erstmalig gespielte Live-Fassung von Hard To Find. Wirklich toll auch der Einsatz des Geigenbogens an der E-Gitarre durch Bryce Dessner bei Slow Show. Überhaupt liefert Bryce einen immer showtauglicheren Einsatz mit seinen Gitarren ab. Nicht nur herrlich zu hören, sondern auch herrlich anzuschauen. 


About Today ist auch so ein Gänsehautlied! „Hey are you awake. Yeah I’m right here. Well can I ask you about today.“ Für die Klavierbegleitung bitten die 5 einen alten Freund und Wegbegleiter auf die Bühne, dessen Namen wir leider nicht genau verstanden haben. 


Kurz fragen wir uns, ob der Prospect Park mit seiner verschwitzten Menschenmenge und die viel strengeren amerikanischen Regeln wohl das Bad in der Menge zulassen. Als erste Zugabe spielt die Band Santa Clara von der Viginia-EP. Ein weiterer Gänsehautmoment. „It’s alright to see a ghost.“ Danach geht’s zu Mr. November ab durch die Zuschauerreihen. Auch eine offensichtliche Platzwunde an der Stirn nach der ersten Runde vermag einen Berninger nicht aufzuhalten. Bei Terrible Love - mit Phosphorescent als Gastgitarrist - ist die linke Seite dran und als ihm Aaron danach ein Handtuch reichen will und auf die Schläfe deutet, wischt er es brüsk zur Seite. This man is on fire und die Weißweinflaschen auch mal wieder leer. 

Bei Vanderlyle wird nochmal deutlich, dass wir uns in einem englischsprachigen Land befinden. Wir hatten’s fast vergessen. Wunderschön. 

Auf dem Weg nach draußen, zurück zur Subway machen wir noch am Merchstand Halt. Als Erinnerung an diesen herrlichen Sommerabend in New York ergattern wir die letzten beiden Siebdruckplakate, Specialedition for tonight! Es hat bestimmt immer noch 28 Grad. 

Setlist The National, Prospect Park, Brooklyn, New York:  

01: Don’t Swollow The Cap 
02: I Should Life in Salt 
03: Geese Of Beverly Road 
04: Bloodbuzz Ohio 
05: Demons 
06: Sea Of Love 
07: Hard To Find 
08: Afraid Of Everyone 
09: Conversation 16 
10: Squalor Victoria 
11: I Need My Girl 
12: This Is The Last Time 
13: Green Gloves 
14: Abel 
15: Slow Show 
16: Pink Rabbits 
17: England 
18: Graceless 
19: About Today 
20: Fake Empire 

21: Santa Clara (Z) 
22: Mr. November(Z) 
23: Terrible Love (Z) 
24: Vanderlyle Cry Baby Geeks (Z)


Links: 

- aus unserem Archiv:
- The National, Köln, 11.06.14
- The National, Mannheim, 01.06.14
- The National, Paris, 18.11.13
- The National, Brüssel, 17.11.13
- The National, Esch-sur-Alzette, 06.11.13
- The National, Düsseldorf, 05.11.13
- The National, Zagreb, 02.07.13
- The National, Paris, 25.06.13
- The National, Camber Sands, 09.12.12
- The National, Barcelona, 27.05.11
- The National, Eindhoven, 18.02.11
- The National, Paris, 23.11.10
- The National, Neu-Isenburg, 18.11.10
- The National, Wien, 18.08.10
- The National, Haldern, 14.08.10
- The National, Latitude-Festival, 16.07.10
- The National, Paris, 07.05.10
- The National, Haldern, 09.08.08
- The National, Montreux, 16.07.08
- The National, Köln, 27.11.07
- The National, Paris, 14.11.07



 

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