Samstag, 9. August 2008

The National, Haldern-Festival, 09.08.08


Konzert: The National

Ort: Haldern-Festival, Rees-Haldern
Datum: 09.08.2008
Zuschauer: fast alle...
Dauer: etwa 75 min


Daß The National eine der grandiosesten Bands der letzten Jahre ist, steht sicherlich vollkommen außer Frage. Die einzige Kritik, die ich bisher an den Amerikanern gehört habe, betraf ihre wenig aufregenden Liveshows. Ich selbst hatte The National vorher erst einmal erlebt, vor wenigen Wochen beim Montreux Jazz Festival, und war da so sehr von der Brillanz der Musik gefesselt, daß ich keine Gelegenheit hatte, mich zu fragen, ob Frontmann Matt Berninger vielleicht mehr aus sich herausgehen sollte.

Samstagabend hatte ich dafür eigentlich auch keine Gelegenheit, denn es erschlug mich
wieder sofort. Mit offenem Mund erlebte ich eineinviertel Stunden phänomenaler Musik, ohne kleinste Durchhänger und mit einer Hitdichte, die The National trotz aller Konkurrenz für mich zum uneingeschränkten Headliner des Festivals machten!

"Start a war" eröffnete das Konzert. Das langsam anfangende Stück ist einer meiner Lieblinge. Insbesondere
fasziniert mich das Aufbrausen der Instrumente, bis das Lied langsam ausklingt. Dabei waren bei diesem Beginn bei weitem nicht alle Krachmacher beteiligt. Das änderte sich bereits bei "Brainy", bei dem Matt Berninger den Refrain so herrlich nuschelt. Denn beim zweiten Lied kam erstmals die Violine des sagenhaften Geigers zum Einsatz. Ich bin wahrlich nicht Musikexperte genug, um dessen Fähigkeiten kompetent beurteilen zu können. Sein schnelles, wildes Spiel erscheint mir jedoch hochprofessionell, auf alle Fälle ist es live nicht nur akustisch eine wundervolle Ergänzung. Der Geiger, Padma Newsome, wenn mich nicht alles täuscht, kam mit seinem Instrument glücklicherweise sehr oft zum Zuge (er spielte ansonsten Keyboard).

Wie schon in Montreux hatten The National weitere Gastmusiker dabei, zwei
Bläser, die von Zeit zu Zeit zum Einsatz kamen.

Was soll ich aus diesem großartigen Set herausheben? "Slow show" verdient besondere Erwähnung, weil das Stück so unfassbar feierlich in den Haldern-Abend gesungen wurde und damit perfekt zur Umgebung passte. Mein Gott, war das schön! "You know I dreamed about you. I missed you for twenty-nine years". Damit hätte es ruhig schon aufhören können! Das hätte uns allerdings um viele andere große Momente gebracht, zum Beispiel um das direkt anschließende "Squalor Victoria
", bei dem der treibende Rhythmus anfangs wieder von Newsomes Geige, dann von Matts wahnsinnig gequält klingender Stimme umfasst wurde. Bis der Sänger dann gegen Ende plötzlich explodierte und die letzten Refrains schrie. Moi, introverti? Jamais!

Es wurde aber zunächst wieder ruhiger... "Racing like a pro" war auch in Haldern wieder eines der schönsten National-Lieder, natürlich mit viel Geige. Die Ruhe vor dem Sturm... "Abel" danach, eines der Lieder, das ich bisher nie als so herausragend wahrgenommen hatte, wurde
dermaßen laut und großartig in die Nacht gebrüllt, daß ich mich kurz in Wacken wähnte. Nach dem "my mind's not" Refrain hätte der Sänger vollkommen heiser sein müssen.

Der nächste fabelhafte Höhepunkt kam etwas später mit "Mistaken for strangers". Wiedereinmal einer der Momente, für den alleine sich Karte, Anreise, jeder Matschklumpen und all die tiefen Augenringe in den nächsten Tagen gelohnt hat.

Auch wundervoll: "Apartment story", das im Verlauf immer lauter wurde, Matt häufiger von seiner am Mikro festgeklammerten Position wegriss. Der Jubel danach war aber nur kurz, da sehr schnell die ersten Klaviertakte von "Fake empires" einsetzten, einem weiteren - ich wiederhole mich - tollsten Moment des Konzerts. In meinem kleinen Notizbuch markiere ich
solche Höhepunkte mit Ausrufezeichen. Meine Mitschrift zu The National liest sich wie ein chk chk chk Review.

Leider war es das auch schon fast. Allerdings sollten die beiden letzten Lieder noch genug Überraschungen beinhalten. Zunächst Mr. November, das The National mittlerweile als Unterstützungssong für Barack Obama verstanden haben möchten (sie verkaufen für dessen Kampagne ein T-Shirt mit
Aufschrift "Mr November" und dem Bild des demokratischen Kandidaten für die Wahl am 4.11.08). Während "Mr November" kletterte der Samstag ganz und gar nicht schüchterne Sänger in den Fotograben, von da auf eine der großen Boxen, während er scheinbar ausflippend den Refrain des Lieds brüllte - gigantisch.

Aber damit endete das Konzert noch nicht. Quasi als Kurzzusammenfassung spielten The National zum Schluß noch "About today", dieses herrlich melancholische Lied, das langsam beginnt, einen lauten Höhepunkt hat und in einem ausklingenden Marschrhythmus mündet. Matt schleuderte die Rassel, mit der er vorher auf den Boden eingedroschen hatte, ins Publikum und verschwand, während das Lied noch zu Ende getrommelt wurde.

Pete Doherty hat sich bei Rock am Ring zum Headliner gemogelt, indem seine Babyshambles wegen einer Panne (oder was auch immer) erst nach all den anderen Gruppen auftreten konnten. The National hätten sich mit diesem Auftritt auch um 14 Uhr schon zum Headliner des Haldern-Festivals gespielt.


Setlist The National Haldern-Festival:

01: Start a war
02: Brainy
03: Secret meeting
04: Baby we'll be fine
05: Slow show
06: Squalor Victoria
07: Racing like a pro
08: Abel
09: All the wine
10: Mistaken for strangers
11: Ada
12
: Apartment story
13: Fake empires
14: Mr November
15: About today

Links:

- The National beim Montreux Jazz Festival 2008
- in Köln im November 2007
- und in Paris ein paar Tage vorher
- mehr Fotos



7 Kommentare :

webs hat gesagt…

Ja, ein großartiges Konzert. Leider haben mich meine Rückenschmerzen manchmal ein bisschen abgelenkt. Zum Thema introvertiert: mir kommt der gute Matt schlicht und einfach leicht autistisch vor. Siehe Händereiben vor dem Schlagzeug usw.
Ein kleiner Korrekturvorschlag: Es müsste doch Squalor Victoria heissen, oder?

Christoph hat gesagt…

Das müsste es natürlich! Danke für den Hinweis!

Nachts copy and pasten ist gefährlich.

Rebecca hat gesagt…

Danke für die Review, die Setlist und die tollen Bilder (auch die von Editors sind großartig!)!!!

Es war wirklich - nach Editors - mein absolutes Festival Highlight. Vor allem nachdem das Publikum nach Abel etwas aufgewacht ist.

Um in der Schüchternheits-Diskussion mitzumischen: Ich würde Matt nicht gerade extrovertiert nennen. In "A Skin, A Night" wird gezeigt, wie er sich vor jeder Show halb betrinkt (Ich erinnere an die Weißweinflasche...), um überhaupt auf die Bühne zu kommen, wie er es teilweise dort nicht aushält und während des Konzertes plötzlich geht.

Nachdem ich die Band live gesehen habe, ergibt das für mich einen Sinn, denn ich hatte das Gefühl, dass Matt teilweise überhaupt nicht richtig weiß, wohin mit seinen Emotionen. Wenn er die rauslässt, kommt es eben zu verbogenen Mikrofon-Ständern.

Und obwohl ich einerseits gebannt war von dem Auftreten der Band, war ich trotzdem hin- und hergerissen zwischen "Augen schließen und treiben lassen" und fasziniert zu gucken. Das hatte zur Folge, dass mich die Rassel am Kopf getroffen hat ;)

So, das war etwas lang.

Abschließend noch: Es war beeindruckend und fesselnd - einfach wunderschöne Musik und ich will nochmal!

Christoph hat gesagt…

Das ist sehr ok, daß es so lang war!

Vielen Dank für den Kommentar!

Ich will auch nochmal, verdammt!

Anika hat gesagt…

Vielen Dank für den euphorischen Bericht, den ich zu 100% so unterschreiben kann! Was für ein großartiger Auftritt! Und jetzt weiß ich auch endlich wen die Rassel getroffen hat, denn mich hat der Griff erwischt! ;)

Ich hoffe, dass sie sehr sehr bald nochmal auf Headliner Tour kommen!
Absolutes Festivalhighlight!

christian hat gesagt…

Alles richtig und wunderbar geschrieben. Es war so großartig.

Anonym hat gesagt…

*lach* wegs der Rassel..
hab sie auch in Zürich sehen dürfen und konnte mich eben total in Rebeccas Eindrücke wiederfinden, Matt zu beobachten war soo interessant, er scheint bei seinen Auftritten wie in einer anderen Welt zu schweben..sehr abgerückt..hab mich ständig gefragt: ist das nun betrunken sein oder ist er einfach so? ;D
hab damals zwar keine Rassel abbekommen, allerdings kam Matt von der Bühne gestolpert und ich hab ihn so ein bissl aufgefangen..
The National sind großartig!

 

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