Freitag, 5. Juli 2013

Calexico, Stuttgart, 04.07.2013

Konzert: Calexico
Vorband: Depedro
Ort: Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart
Zuschauer: wohl über 1000, aber viel zu wenige
Datum: 04.07.2013
Dauer: Calexico 104 Minuten / Depedro 30 Minuten



„It won't rain tonight.“ Joey Burns' Blick richtet sich gen Himmel, der Sänger und Gitarrist genießt den Liveauftritt, obwohl die Freilichtbühne am Killesberg von viel weniger Zuschauern besucht wird, als Calexico verdient hätten. 
 Burns, der die Band zusammen mit Schlagzeuger John Convertino vor 17 Jahren in Tucson, Arizona, gegründet hat, kennt das aus jüngster Erfahrung. Der Besucherzuspruch beim Europa-Tourauftakt vergangenes Wochenende beim Glastonbury Festival litt unter dem gleichzeitig stattfindenden Auftritt der Rolling Stones. Heute eröffnet zeitgleich die hippe Französin Zaz das Stuttgarter JazzOPEN auf dem Schlossplatz in der Innenstadt; ein möglicher Grund für das magere Bild, das sich mir vor Stuttgarts schönster Open Air Bühne bietet. 
Der ovale Innenraum, die niedrigen Tribünen ringsum erinnern an ein kleines, römisches Amphitheater. Ähnlich wie die Berliner Waldbühne lebt die Freilichtbühne am Killesberg von ihrer idyllischen Lage. Hoch über dem Stuttgarter Kessel im weitläufigen Killespark gelegen, versteckt sich das Gelände hinter stattlichen Bäumen. 
Als der junge Spanier Jairo Zavala mit seinem Trio Depedro sein Support-Set beginnt, ist noch nicht einmal ein Viertel der möglichen Besucherfläche gefüllt, noch dazu sind viele derjenigen, die sich auf den Tribünen niedergelassen haben, denkbar unaufmerksam, diskutieren über vergangene Silversterfeierlichkeiten, während Zavala mit seiner Band wohl temperierten Latino-Rock spielt. 


Sein 2009 veröffentlichtes Debütalbum wurde mit Burns und Convertino eingespielt. Der Spanier im roten Hemd, der mit den Koteletten ein wenig wie ein jüngerer Nils Lofgren wirkt, ist selbst Teil der aktuellen Besetzung Calexicos. Mit seinem eigenen Projekt hat er eine halbe Stunde Zeit das Stuttgarter Publikum zu überzeugen. Dieses Jahr erschien mit „La increíble historia de un hombre bueno“ ein gelungenes Album voller Songs, die wie poppige hispanische Versionen potentieller Calexico-Nummern klingen. Gegen Ende des Auftritts nimmt endlich auch die Aufmerksamkeit zu, großer Applaus zum Schluss. 

Zu einem guten Drittel sind die Kapazitäten schließlich gefüllt, als die sieben Musiker, aus denen sich Calexico derzeit zusammensetzt, ihr Set wunderbar mit „Epic“, dem ersten Stück des im vergangenen Jahr erschienen aktuellen Studioalbums „Algiers“ eröffnen. Die ersten Reihen toben, die Band brilliert mit einem Song, der sich auch auf einem der letzten Wilco-Alben blendend eingereiht hätte. Joey Burns singt mit sanfter Stimme ein subtiles Liebeslied, die Temperaturen erreichen gefühlt Wüstentemperaturen.
 

 Mariachi-Trompeten sind fest integriert im bandeigenen Sound, Texmex nannte man die Musikrichtung Richie Valens' oder Los Lobos', die spielend mexikanische Einflüsse mit Country und Rockmusik kombinierte, für Calexico erfanden Kritiker den Begriff „desert noir“. Was damit gemeint ist, zeigen Burns, Convertino und ihre fantastischen Mitmusiker bereits im zweiten Song in Stuttgart; „Across The Wire“, hat alles zu bieten, was diese Formation so einmalig macht: Folkloristische Trompeten und Akkordeon-Einsatz, jazziges Drumming und eine eingängige Melodie wie aus einem altmexikanischen Volkslied. Reißt man so einen Song aus dem Kontext, ignoriert man den Text, könnte man Gefahr laufen, das alles für Kitsch zu halten. Macht man natürlich nicht, dafür klingt es auch zu gut, und als aus dem Publikum ein selbstgemachter Schal in Mexikos Nationalfarben zu Joey Burns geworfen wird, ist der Funke der Band auch auf die schwäbischen Zuschauer übergesprungen, die höchst sporadisch auf Konzerte gehen, einfach nur um mal wieder auf ein Konzert zu gehen. „Oh, Italy“, Burns wickelt den Schal um den Mikrophonständer. „It's Mexican!“, schallt es aus der Menge. Natürlich ist es das. Burns lächelt verschmitzt. Calexico fühlten sich immer mit Mexiko verbunden, das hört man der Musik an jeder Stelle an, insbesondere die frühen Texte sind durchzogen von der Grenzproblematik zwischen den USA und ihren südlichen Nachbarn. 

 So staubig, so trocken wie die Wüste Arizonas klingen auch die Songs Calexicos: Wer einmal „Roka (Danza De La Muerte)“ gehört hat, weiß das. Live gewinnt die Mörderballade an eigentümlicher Dynamik, die Trompeten passen genau, die spanischen Zeilen sind genau wie Schatten an einem Tag in einem Wüstendorf bei 45C° ein angenehmer Kontrast. 
Martin Wenk, den ich bereits mit Nada Surf sah, steuert immer wieder scharfe Bläsersätze bei, erzeugt tanzbare Partystimmung auf einem ernstzunehmenden Indie-Konzert. Ganz selten geht so etwas gut, bei Calexico droht zu keiner Sekunde die Qualität des Abends zu kippen. Tanzen, feiern und ein Konzert genießen können, müssen keine Widersprüche sein. 
„The Black Light“, das 1998 veröffentlichte zweite Album, wird immer mein liebstes sein. Überall schallen einem Mariachi-Klänge entgegen, Rhytmus-Gitarren wie aus einem Italo-Western-Soundtrack Morricones und das scheppernde Schlagzeug John Convertinos machen die Platte zu einer der perfektesten der späten 90ern. Mit „Minas De Cobra (For Better Metal)“ wird in Stuttgart nur ein Lied vom 15 Jahre alten Meisterwerk gespielt, es ist ein Höhepunkt der ersten Hälfte des Sets. 

Stärker als in seiner eigenen Band kann sich Depedro-Sänger Jairo Javala als Leadgitarrist bei Calexico auszeichnen, zusammen mit Ryan Alfred (Kontrabass und E-Bass), dem erwähnten Multiinstrumentalisten Martin Wenk (Trompete, Gitarre, Vibraphon, Akkordeon, Flügelhorn), Sergio Mendoza (Keyboards und Gitarre) und Jacob Valenzuela (Trompete Vibraphon, Keyboard) sorgt er für die perfekte Live-Umsetzung herausragender Musik.  
„Crystal Frontier“, einen der gelungenen Grenzsongs, gibt es in einer ausgesprochen langen Version zu hören. Der treibende Song, mit gelungenen Nick Cave – Elementen wird durchsetzt von einem „Guns Of Brixton“-Zwischenspiel; der düstere The Clash-Klassiker wird gekonnt von London in den amerikanischen Wüstenstaub transformiert. 
Im direkten Anschluss erreicht das Konzert seinen besten Moment, „Not Even Stevie Nicks“ berührt sofort, Burns hebt die Stimme an, lässt sie in ungeahnte Höhen steigen, dazwischen dann ein weiteres Cover, Joy Divisions' „Love Will Tear Us Apart“, es ist vermutlich das stärkste, das ich bisher gehört habe – vor allem weil Calexico völlig anders klingt als Ian Curtis' Band. Die Suizid-Metaphorik trifft einen hart, sie verstärkt den eigenen Song zusätzlich, als dieser wieder einsetzt. „He drives off the cliff Into the blue, into the blue / Not even she could save him / Not even she could save him“, singt Burns und beschließt den Song todtraurig, „Found him inside the motor“


Nach zwei weiteren Liedern verlassen die sieben illustren, internationalen Musiker die Bühne und kehren mit Lucas von Depedro zurück. 
Gemeinsam mit Burns singt er den schönen Folksong „Look At Miss Ohio“ von Gillian Welch in einer erhabenenVersion. 
Die Band wirkt glücklich, Burns bedankt sich überschwänglich, lobt die Schönheit der Location, das Publikum an sich: „What an incredible Evening, what an amazing night!“ 
Zwei weitere Songs, dann soll endgültig Schluss sein, der Applaus ebbt nicht ab und die Band kehrt für „The Vanishing Mind“, mit dem das aktuelle Album endet, ein letztes Mal zurück. Die Musiker verneigen sich, Burns dankt für den Schal in mexikanischen Farben, er hätte ihnen Glück gebracht. Kurzerhand wickelt er ihn sich um den Hals, fragt, ob er ihn mit zum nächsten Konzert nach Wien nehmen könne, ein letzter tosender Applaus, dann ist Schluss. Burns hatte Recht, es hat nicht geregnet.

 Setlist, Calexico, Stuttgart:

01: Epic
02: Across The Wire 
03: Splitter
04: Roka (Danza De La Muerte)
05: Dead Moon
06: Para
07: Minas De Cobre (For Better Metal)
08: No Te Vayas
09: Maybe On Monday
10: Fortune Teller
11: Ballade Of Cable Hogue
12: Two Silver Trees
13: Crystal Frontier (inkl. Guns Of Brixton; The Clash-Cover)
14: Not Even Stevie Nicks (inkl. Love Will Tear Us Apart; Joy Division - Cover)
15: Puerto
16: Black Heart

17: Look At Miss Ohio (Gillian Welch - Cover) (mit Lucas von Depedro) (Z)
18: Corona (Z)
19: Guero Canelo (Z)

20: The Vanishing Mind (Z)

 Links:
- aus unserem Archiv:
- Calexico, Paris, 16.11.2012  
- Calexico, Paris, 14.10.2008 
- Calexico, Paris, 08.09.2008

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