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Dienstag, 12. August 2014

Patti Smith and her Band, Stuttgart, 05.08.2014

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Konzert: Patti Smith and her Band
Ort: Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart
Datum: 05.08.2014
Dauer: etwa 95 Minuten
Zuschauer: ca. 3.500


Neben Bob Dylan steht wohl kein Popmusiker in vergleichbaren Maße im Ruf wie Patti Smith doch vielmehr ein Dichter im eigentlichen Sinn zu sein. Die New Yorkerin gilt schließlich nicht nur verständlicherweise als die Godmother of Punk, sondern immer auch als wichtige Poetin, die ihren Songs gerne Gedichte voranstellt und grundsätzlich eine präzise Bildsprache auffährt. Keine Hand voll Songs ist gespielt, da verblüfft Patti Smith mit einer spontanen Einlage, in der sie das letzte Treffen von Arthur Rimbaud und Paul Verlaine in Stuttgart vertont, und die fraglos zu den schönsten Konzertmomenten, die ich bisher erlebte, gehört. „Maybe it was 1874 when Arthur Rimbaud arrived on foot in Stuttgart“, singt sie, sich selbst auf der Akustikgitarre begleitend, „He looked for work / Learned perfect German“. Fast fünf Minuten berichtet sie reich an Metaphern aus dem Leben des großen französischen Dichters, der einige Jahre in der Stuttgarter Marienstraße lebte und drückt sich dabei selbst als eindringliche Lyrikerin aus. 


Dass sie diese Eigenschaft in Stuttgart besonders zeigen würde, war beim Betreten der wunderschönen Freilichtbühne im Höhenpark am Killesberg nicht unbedingt zu erwarten. Immerhin sah ich Patti Smith erst wenige Tage zuvor als brillante Headlinerin des Burg Herzberg Festivals und rechnete mit einem sehr ähnlichen Set. Früh deutet sie jedoch an, dass sich der Abend überraschend ungleich gestalten würde. Schon „Redondo Beach“, der fröhlich daherkommende Reggae mit dem düsteren Text vom Debütalbum „Horses“, als Eröffnung weist in eine andere Richtung. Es folgen zwei Stücke vom aktuellen Album „Banga“, die in Breitenbach am Herzberg nicht gespielt wurden. Ähnlich gekleidet – Hut, weißes T-Shirt mit Aufdruck, Holzkreuz um den Hals, weites Herrenjacket über einer schwarzen Weste und Blue Jeans – verströmt sie erneut positive Energie. Bester Laune betrat sie zuvor die Bühne mit einem Strauß weißer Rosen in der Hand, winkte den Zuschauern zu, ständig lächelnd. „April Fool“, ein leichter, Keyboard getragener Popsong passt da gut.
Die Protagonistin tanzt geradezu ausgelassen, breitet die Arme aus, fordert die 3500 Zuschauer zum rhythmischen Klatschen auf. Dann will sie den weißen Strohhut in den Bühnenrückraum werfen. Versehentlich trifft sie ihren langjährigen Gitarristen Lenny Kaye. Beide lachen und entschuldigend legt sie den Kopf an seine Schulter. Die unfreiwillige Situationskomik sorgt für Lacher im Publikum und Smith nebst Mitmusikern hat es im weiteren Verlauf leicht. „Fuji-San“, ihre Ode an den gleichnamigen, höchsten Berg Japans und aufrüttelndes Umweltschutzstatement ist dann schon das zweite und letzte Stück der aktuellen Veröffentlichung, das es heute zu hören gibt und ebnet den Weg für einen ansprechenden Querschnitt durch den großen Katalog der Wahl-New-Yorkerin. 
Mit gleich vier Songs ist „Easter“, das populäre dritte Studioalbum von 1978 besonders präsent. Den Anfang macht das ruhige und okkult angehauchte „Ghost Dance“, passenderweise nach dem Zwischenruf eines Zuschauers, man möge doch die Lautstärke erhöhen. „You know it isn’t Black Sabbath that’s coming“, erklärt sie am Bühnenrand kniend im freundlichen Tonfall. Nach dem begeisternden Schamanentanz als Duett mit Kaye wird es noch eine Spur ruhiger. Smith intoniert das erwähnte Gedicht unmittelbar vor dem großartigen „My Blakean Year“ und dem erneut dem „late and very great“ Johnny Winter gewidmeten „Beneath the Southern Cross“. Wie eine treu ergebene Gemeinde folgt das Publikum den Worten der immer wieder in Predigermanier sprechenden Musikerin. „You can dedicate it to anyone you miss, it’s that kind of song. It’s a song of life, but it’s also a song of remembering“, ergänzt sie. Kurz darauf laufen hinter mir Tränen bei erwachsenen Männern. Die emotionale Kraft des Moments ist überwältigend.



Später steigt sie in den Fotograben, während ihre Band ein stürmisches Medley aus Garagenrock-Klassikern spielt. Lenny Kaye singt in Frontmann-Manier, The Whos „I Can’t Explain“ wird angedeutet, „Psychotic Reaction“ dargeboten. Derweil lässt sich Patti Smith mit Zuschauern fotografieren, schüttelt Hände und zeigt sich angenehm nahbar. Wieder auf der Bühne lässt ein weiteres Highlight nicht lange auf sich warten. Seit langer Zeit nicht mehr aufgeführt, ist „We Three“ so überraschend wie fantastisch und ein klassischer Gänsehautmoment.
„Dancing Barefoot“ schließt an, diesmal ohne die geringsten technischen Probleme. Der Sound ist gut, langsam setzt die Dunkelheit ein. Nach einer starken Version von „Pissing in a River“ hält Smith inne und erzählt ihre Liebesgeschichte mit Fred „Sonic“ Smith von den MC5s, den sie heiratete und der vor zwanzig Jahren starb. Man rechnet förmlich mit „Frederick“, einen ihrer kleinen Hits, doch es folgt das mit Springsteen geschriebene „Because the Night“, ihr einziger echter Charterfolg. Gewidmet wird es dem gemeinsamen Sohn Jackson, der Geburtstag hat und immer wieder mit der Mutter auf der Bühne steht. Anders als 2011 im Frankfurter Mousonturm gibt es keine Livebegegnung mit dem mit Meg White verheirateten Musikersohn, doch rührt die Widmung einer liebenden Mutter. 
Mit dem Medley aus Land und Gloria und einem wütenden „Rock ‚N‘ Roll Nigger“ (mit Edward Snowden-Würdigung) als Zugabe endet der Abend nach vielen Überraschungen exakt wie auf dem Burg Herzberg Festival. So unterschiedlich beide Konzerte auch ausfielen, konnten sie doch gleichermaßen überzeugen. Weiße Rosenblüten lässt sie über die ersten Reihen regnen. Es sind die Schönheit großer Poplyrik, der Spirit des Punks und das überbordende Charisma einer 67-jährigen Dichterin mit weißen Haaren, ja, der entscheidenden Frauenfigur der Popgeschichte seit den späten 70ern, die am Ende strahlend hell über Allem schweben – mit der gleichen betörenden Eleganz wie es ihre Stimme einst bei R.E.M.s „E-Bow the Letter“ tat.




Setlist Patti Smith and her Band, Stuttgart:

01: Redondo Beach
02: April Fool
03: Fuji-san
04: Ghost Dance
05: Verlaine & Rimbau in Stuttgart (Spontanes musikalisches Gedicht)
06: My Blakean Year
07: Beneath the Southern Cross (Johnny Winter gewidmet)
08: Medley aus Open Up Your Door (Richard & The Young Lions-Cover), Open Your Eyes (The Nazz-Cover) und Psychotic Reaction (The Count Five) 
09: We Three 
10: Dancing Barefoot 
11: Pissing in a River 
12: Because the Night (Jackson Smith und Fred ''Sonic'' Smith gewidmet) 
13: Land 
14: Gloria (Them-Cover) 

15: Rock ‘n’ Roll Nigger (Z)

Aus unserem Archiv:
- Patti Smith, Breitenbach am Herzberg, 01.08.2014


Sonntag, 21. Juli 2013

LaBrassBanda, Stuttgart, 18.07.2013

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Konzert:LaBrassBanda
Vorband: Liedfett
Ort:Freilichtbühne, Killesberg
Datum:18.07.2013
Dauer: LaBrassBanda 110 Minuten / Liedfett 45 Minuten
Zuschauer:4500 (ausverkauft)




Mit ihrem Zug durch die Menge warfen LaBrassBanda letztes Jahr kurzerhand alle Routine eines riesigen Festivals über den Haufen und sorgten mit spielerischer Leichtigkeit für den erfrischendsten Moment des vergangenen Southside Festivals. Unverstärkt spielten die fünf Chiemgauer inmitten des Publikums, spätestens hier wurde ich zum Fan der wunderbar archaischen Blaskapelle, die schon Jahre zuvor mit ihrem zweiten Album „Übersee“ mein Interesse weckte. 
Viel ist seither in der Geschichte des Quintetts um Sänger und Trompeter Stefan Dettl geschehen. Man war Headliner beim heimischen Chiemsee Reggae Summer, spielte auf allen wichtigen Festivals des Landes und kehrte dem traditionsreichen bayrischen Indie-Label Trikont den Rücken zu, um das dritte Studioalbum bei der Musikvermarktungsmaschine Sony zu veröffentlichen. 

Ausverkauf!", hörte man es spätestens bei der Teilnahme am Vorentscheid für den diesjährigen Eurovision Songcontest in der wachsenden Fangemeinde schreien. Trotzdem hofften wir doch alle, dass LaBrassBanda Deutschland in Malmö vertreten würden. Auch Fernsehzuschauer und Radiohörer erkannten Potential und setzten sich für die einzige deutsche Band, die man guten Gewissens im entferntesten dem Balkan-Pop zuordnen kann, ein. Dass die Teilnahme zu guter letzt an der Entscheidung einer fragwürdigen Jury scheiterte, ist umso bitterer für die Bayern, die bezeichnenderweise im Vorfeld bei der ARD einen Antrag stellen mussten, beim Vorentscheid live spielen zu dürfen. Das Scheitern des billigen Wegwerfprodukts Cascada geht umso mehr in Ordnung. 

Spätestens mit der Veröffentlichung des jüngsten Albums, „Europa“, bewiesen LaBrassBanda schließlich, dass von Ausverkauf keine Rede sein kann: Treibende Off-Beats, vermehrt elektronisch wirkende Sounds und eingängige Melodien zu den rasend schnell ausgespuckten bayrischen Sätzen Dettls lassen das Album der Klasse der Vorgängerwerke in keiner Weise nachstehen. 


 Ausverkauft sind lediglich die Konzerte etwas häufiger als früher. Beim Betreten der U-Bahn könnte man meinen, es wäre schon wieder Cannstatter Wasen: Dutzende Fahrgäste in Lederhosen und Dirndl ausgerüstet mit Bierdosen steigen am Hauptbahnhof zu. Am Ende zieht es 4500 Zuschauer in den Höhenpark am Killesberg, um in der wunderbar idyllisch gelegenen Freilichtbühne Anteil an der schweißtreibenden Performance zu haben. 


LaBrassBanda machen Blasmusik für die linke Großstadtjugend, für urbane Musikliebhaber auf der Suche nach Qualität. „Es ist die Band, die Techno macht und dabei die Elektronik obsolet machte“, sagte Farin Urlaub vor wenigen Wochen über LaBrassBanda, und auch Ärzte-Skeptiker müssen ob dieser Aussage zustimmend nicken. Gleich das erste Stück unterstreicht Urlaubs Statement, „Tecno“, der Opener des aktuellen Albums bricht mit urzeitlicher Gewalt über den Killesberg herein. 
Ergänzt um weitere Trompeten und einen zusätzlichen Percussionisten wächst der Sound über die Erwartungen hinaus. Die Menge tobt, barfuß und in Lederhose wirbelt Stefan Dettl über die Bühne, der neue Bassist Mario Schönhofer sorgt im blinden Zusammenspiel mit Tubaspieler Andreas Hofmeier für den markanten Discosound. 
Überall blickt man in glückliche Gesichter, schon nach drei Liedern stehen auch die Zuschauer von den Sitzplätzen auf den Tribünen auf. 
 Die Begeisterungsfähigkeit des denkbar heterogenen Stuttgarter Publikums macht Eindruck auf Dettl. Mit ausgeprägten bayrischen Dialekt zollt der Sänger mit wilder blonder Mähne und Bart seinen Tribut, lobt die grüne Grundhaltung, kritisiert mangelnde Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft und ganz besonders die Perversion von Biogasanlagen, in denen Lebensmittel vernichtet werden. Neue Autos solle man auch nicht kaufen, „VW Jetta“ folgt, jene wunderbare Liebeserklärung an den Volkswagen ohne Ausstrahlung im behäbigen Dub-Rhytmus. Im Publikum wird ein riesiges Plakat mit einem Polizei-Jetta hochgehalten. Kurz ist Dettl irritiert, dann begeistert, bittet die beiden Männer, die es hochhalten auf die Bühne. „Autobahn“, das für gewöhnlich zum Schluss des regulären Sets gespielt wird, folgt auf Zuruf. Kurzerhand wird die gesamte Setlist über den Haufen geworfen. Die Band lässt sich treiben, Reggae, Balkan-Pop, Ska, Techno, klassische Blasmusikelemente wechseln sich ab, mal rappt Dettl förmlich. 


Alles springt, der Schweiß läuft, es reicht das Einsetzen von Bass, Tuba und Schlagzeug schon hat man den perfektesten Discosound, den man wohl nie in den Großraumdiscos dieser Welt zu hören bekommt. LaBrassBanda machen Techno für die Feinde elektronischer Musik. 
 Selten haben mich Konzerte physisch ähnlich mitgenommen, treibend wie die Rhythmen verhalten sich nach kurzer Zeit die eigenen Gliedmaßen. Man verliert die Kontrolle, versinkt in Musik. Kritiker könnten die Bierzeltatmosphäre monieren, ich halte dagegen, dass ich jedes von dieser Kapelle bespielte Bierzelt einem durchschnittlichen Indie-Konzert vorziehen würde. Der Song gleichen Namens ist Programm, vollkommen zurecht lieben das deutsche Feuilleton und Konzertbesucher aller Art europaweit die beste Band, die Bayern in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat. 


Was man mit Blick auf die Partystimmung der Konzerte gerne vergisst, ist die Tatsache, dass sich die Gruppe am elitären Richard-Strauß-Konservatorium in München formierte. Tubaspieler Andreas Hofmeir ist ordentlicher Professor an der weltweit renomierten Universität Mozarteum in Salzburg. Die bayrisch-bäurische – tölpelhafte Attitüde verstärkt die Wirkung der Musik aber ungleich mehr, das konsequente Spiel mit Klischees ist so authentisch wie ausgereift und bürgt für die Einzelstellung, die dieser Formation in der deutschen Musikwelt gebührt. 
Gewürzt mit bissigen bis feinfühligen Anekdoten langweilen die Ansagen nie, es macht Spaß Anmerkungen zur Songentstehung verschiedener Stücke zu hören. „El Paso“, wurde beispielsweise von einer Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn inspiriert. 


Wenige andere deutsche Band führte es in der Vergangenheit in so viele Länder wie LaBrassBanda. Als kulturelles Aushängeschild spielten die fünf Bayern Konzerte in afrikanischen Ländern ebenso wie auf großen europäischen Festivals. Der Culture clash, den das eigene Musikkonzept provoziert, kam in den ersten Jahren der Bandhistorie im Ausland besser an als in der Bundesrepublik. Dass der Erfolg auch hier stetig wuchs, zeigt mir, dass es doch noch so etwas wie Gerechtigkeit in einer kalten Musikbranche gibt. Letztlich sind es vor allem die Konzerte, die diesem Ruf als formidable Band, immer wieder gerecht werden. 

So sehr mich Animationen für gewöhnlich stören, so wenig machen sie mir heute Abend am Killesberg aus. Natürlich macht man mit, wenn Dettl das Publikum zum „Samba tanzen“ nach vorgegebenen Schritten auffordert. Als Zuschauer an anderer Stelle urplötzlich eigene Choreografien entwerfen, sich hinsetzen und Ruderbewegungen imitieren, ist Dettl erneut verblüfft. 
Die Liebe zum Stuttgarter Publikum ist ehrlich, LaBrassBanda spielen bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus. Bereits kurz vor den Zugaben, nach Klassikern wie „Inter Mailand“ oder dem Grand Prix Song „Nackert“, sind Musiker wie Konzertbesucher gleichermaßen erschöpft, die Grenzen physischer Leistungsfähigkeit werden aufgehoben. 



LaBrassBanda kehren zu zahlreichen Zugaben zurück, spielen Lieder auf Zuruf, während es langsam dunkel wird. Dettl dankt wortwörtlich allen möglichen Menschen, widmet das herzergreifende „Opa“ Kranken- und Altenpfleger und stellt den gesellschaftlichen Umgang mit Alter und Tod in Frage, bevor der sympathische Frontmann noch einmal den Animateur gibt und die Menge mit „Bauer, Bauer“ zur kollektiven Ekstase führt. 
Die Band verlässt kurz darauf erneut die Bühne, um im Anschluss mit „Doda Hos“ würdevoll beschwingt einen fantastischen Abend in Stuttgarts schönster Freilicht-Location beschließen. 
Nie klang Bayrisch schöner, als in diesen knapp zwei Stunden des Glücks, dafür mussten LaBrassBanda nicht einmal durch das Zuschauermeer spazieren.


Freitag, 5. Juli 2013

Calexico, Stuttgart, 04.07.2013

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Konzert: Calexico
Vorband: Depedro
Ort: Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart
Zuschauer: wohl über 1000, aber viel zu wenige
Datum: 04.07.2013
Dauer: Calexico 104 Minuten / Depedro 30 Minuten



„It won't rain tonight.“ Joey Burns' Blick richtet sich gen Himmel, der Sänger und Gitarrist genießt den Liveauftritt, obwohl die Freilichtbühne am Killesberg von viel weniger Zuschauern besucht wird, als Calexico verdient hätten. 
 Burns, der die Band zusammen mit Schlagzeuger John Convertino vor 17 Jahren in Tucson, Arizona, gegründet hat, kennt das aus jüngster Erfahrung. Der Besucherzuspruch beim Europa-Tourauftakt vergangenes Wochenende beim Glastonbury Festival litt unter dem gleichzeitig stattfindenden Auftritt der Rolling Stones. Heute eröffnet zeitgleich die hippe Französin Zaz das Stuttgarter JazzOPEN auf dem Schlossplatz in der Innenstadt; ein möglicher Grund für das magere Bild, das sich mir vor Stuttgarts schönster Open Air Bühne bietet. 
Der ovale Innenraum, die niedrigen Tribünen ringsum erinnern an ein kleines, römisches Amphitheater. Ähnlich wie die Berliner Waldbühne lebt die Freilichtbühne am Killesberg von ihrer idyllischen Lage. Hoch über dem Stuttgarter Kessel im weitläufigen Killespark gelegen, versteckt sich das Gelände hinter stattlichen Bäumen. 
Als der junge Spanier Jairo Zavala mit seinem Trio Depedro sein Support-Set beginnt, ist noch nicht einmal ein Viertel der möglichen Besucherfläche gefüllt, noch dazu sind viele derjenigen, die sich auf den Tribünen niedergelassen haben, denkbar unaufmerksam, diskutieren über vergangene Silversterfeierlichkeiten, während Zavala mit seiner Band wohl temperierten Latino-Rock spielt. 


Sein 2009 veröffentlichtes Debütalbum wurde mit Burns und Convertino eingespielt. Der Spanier im roten Hemd, der mit den Koteletten ein wenig wie ein jüngerer Nils Lofgren wirkt, ist selbst Teil der aktuellen Besetzung Calexicos. Mit seinem eigenen Projekt hat er eine halbe Stunde Zeit das Stuttgarter Publikum zu überzeugen. Dieses Jahr erschien mit „La increíble historia de un hombre bueno“ ein gelungenes Album voller Songs, die wie poppige hispanische Versionen potentieller Calexico-Nummern klingen. Gegen Ende des Auftritts nimmt endlich auch die Aufmerksamkeit zu, großer Applaus zum Schluss. 

Zu einem guten Drittel sind die Kapazitäten schließlich gefüllt, als die sieben Musiker, aus denen sich Calexico derzeit zusammensetzt, ihr Set wunderbar mit „Epic“, dem ersten Stück des im vergangenen Jahr erschienen aktuellen Studioalbums „Algiers“ eröffnen. Die ersten Reihen toben, die Band brilliert mit einem Song, der sich auch auf einem der letzten Wilco-Alben blendend eingereiht hätte. Joey Burns singt mit sanfter Stimme ein subtiles Liebeslied, die Temperaturen erreichen gefühlt Wüstentemperaturen.
 

 Mariachi-Trompeten sind fest integriert im bandeigenen Sound, Texmex nannte man die Musikrichtung Richie Valens' oder Los Lobos', die spielend mexikanische Einflüsse mit Country und Rockmusik kombinierte, für Calexico erfanden Kritiker den Begriff „desert noir“. Was damit gemeint ist, zeigen Burns, Convertino und ihre fantastischen Mitmusiker bereits im zweiten Song in Stuttgart; „Across The Wire“, hat alles zu bieten, was diese Formation so einmalig macht: Folkloristische Trompeten und Akkordeon-Einsatz, jazziges Drumming und eine eingängige Melodie wie aus einem altmexikanischen Volkslied. Reißt man so einen Song aus dem Kontext, ignoriert man den Text, könnte man Gefahr laufen, das alles für Kitsch zu halten. Macht man natürlich nicht, dafür klingt es auch zu gut, und als aus dem Publikum ein selbstgemachter Schal in Mexikos Nationalfarben zu Joey Burns geworfen wird, ist der Funke der Band auch auf die schwäbischen Zuschauer übergesprungen, die höchst sporadisch auf Konzerte gehen, einfach nur um mal wieder auf ein Konzert zu gehen. „Oh, Italy“, Burns wickelt den Schal um den Mikrophonständer. „It's Mexican!“, schallt es aus der Menge. Natürlich ist es das. Burns lächelt verschmitzt. Calexico fühlten sich immer mit Mexiko verbunden, das hört man der Musik an jeder Stelle an, insbesondere die frühen Texte sind durchzogen von der Grenzproblematik zwischen den USA und ihren südlichen Nachbarn. 

 So staubig, so trocken wie die Wüste Arizonas klingen auch die Songs Calexicos: Wer einmal „Roka (Danza De La Muerte)“ gehört hat, weiß das. Live gewinnt die Mörderballade an eigentümlicher Dynamik, die Trompeten passen genau, die spanischen Zeilen sind genau wie Schatten an einem Tag in einem Wüstendorf bei 45C° ein angenehmer Kontrast. 
Martin Wenk, den ich bereits mit Nada Surf sah, steuert immer wieder scharfe Bläsersätze bei, erzeugt tanzbare Partystimmung auf einem ernstzunehmenden Indie-Konzert. Ganz selten geht so etwas gut, bei Calexico droht zu keiner Sekunde die Qualität des Abends zu kippen. Tanzen, feiern und ein Konzert genießen können, müssen keine Widersprüche sein. 
„The Black Light“, das 1998 veröffentlichte zweite Album, wird immer mein liebstes sein. Überall schallen einem Mariachi-Klänge entgegen, Rhytmus-Gitarren wie aus einem Italo-Western-Soundtrack Morricones und das scheppernde Schlagzeug John Convertinos machen die Platte zu einer der perfektesten der späten 90ern. Mit „Minas De Cobra (For Better Metal)“ wird in Stuttgart nur ein Lied vom 15 Jahre alten Meisterwerk gespielt, es ist ein Höhepunkt der ersten Hälfte des Sets. 

Stärker als in seiner eigenen Band kann sich Depedro-Sänger Jairo Javala als Leadgitarrist bei Calexico auszeichnen, zusammen mit Ryan Alfred (Kontrabass und E-Bass), dem erwähnten Multiinstrumentalisten Martin Wenk (Trompete, Gitarre, Vibraphon, Akkordeon, Flügelhorn), Sergio Mendoza (Keyboards und Gitarre) und Jacob Valenzuela (Trompete Vibraphon, Keyboard) sorgt er für die perfekte Live-Umsetzung herausragender Musik.  
„Crystal Frontier“, einen der gelungenen Grenzsongs, gibt es in einer ausgesprochen langen Version zu hören. Der treibende Song, mit gelungenen Nick Cave – Elementen wird durchsetzt von einem „Guns Of Brixton“-Zwischenspiel; der düstere The Clash-Klassiker wird gekonnt von London in den amerikanischen Wüstenstaub transformiert. 
Im direkten Anschluss erreicht das Konzert seinen besten Moment, „Not Even Stevie Nicks“ berührt sofort, Burns hebt die Stimme an, lässt sie in ungeahnte Höhen steigen, dazwischen dann ein weiteres Cover, Joy Divisions' „Love Will Tear Us Apart“, es ist vermutlich das stärkste, das ich bisher gehört habe – vor allem weil Calexico völlig anders klingt als Ian Curtis' Band. Die Suizid-Metaphorik trifft einen hart, sie verstärkt den eigenen Song zusätzlich, als dieser wieder einsetzt. „He drives off the cliff Into the blue, into the blue / Not even she could save him / Not even she could save him“, singt Burns und beschließt den Song todtraurig, „Found him inside the motor“


Nach zwei weiteren Liedern verlassen die sieben illustren, internationalen Musiker die Bühne und kehren mit Lucas von Depedro zurück. 
Gemeinsam mit Burns singt er den schönen Folksong „Look At Miss Ohio“ von Gillian Welch in einer erhabenenVersion. 
Die Band wirkt glücklich, Burns bedankt sich überschwänglich, lobt die Schönheit der Location, das Publikum an sich: „What an incredible Evening, what an amazing night!“ 
Zwei weitere Songs, dann soll endgültig Schluss sein, der Applaus ebbt nicht ab und die Band kehrt für „The Vanishing Mind“, mit dem das aktuelle Album endet, ein letztes Mal zurück. Die Musiker verneigen sich, Burns dankt für den Schal in mexikanischen Farben, er hätte ihnen Glück gebracht. Kurzerhand wickelt er ihn sich um den Hals, fragt, ob er ihn mit zum nächsten Konzert nach Wien nehmen könne, ein letzter tosender Applaus, dann ist Schluss. Burns hatte Recht, es hat nicht geregnet.

 Setlist, Calexico, Stuttgart:

01: Epic
02: Across The Wire 
03: Splitter
04: Roka (Danza De La Muerte)
05: Dead Moon
06: Para
07: Minas De Cobre (For Better Metal)
08: No Te Vayas
09: Maybe On Monday
10: Fortune Teller
11: Ballade Of Cable Hogue
12: Two Silver Trees
13: Crystal Frontier (inkl. Guns Of Brixton; The Clash-Cover)
14: Not Even Stevie Nicks (inkl. Love Will Tear Us Apart; Joy Division - Cover)
15: Puerto
16: Black Heart

17: Look At Miss Ohio (Gillian Welch - Cover) (mit Lucas von Depedro) (Z)
18: Corona (Z)
19: Guero Canelo (Z)

20: The Vanishing Mind (Z)

 Links:
- aus unserem Archiv:
- Calexico, Paris, 16.11.2012  
- Calexico, Paris, 14.10.2008 
- Calexico, Paris, 08.09.2008

 

Konzerttagebuch © 2010

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