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Freitag, 16. Januar 2015

My year in lists - Die besten Konzerte 2014 (Jens)

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Die besten aus weit über 100 Konzerten auszuwählen, fällt schwer. 2014 war für mich ein ausgesprochen gutes Konzertjahr. Das Fehlen von Bands und Künstlern, die für gewöhnlich Favoriten auf hohe Platzierungen in solchen Listen sind - wie Elvis Costello, Billy Bragg oder Get Well Soon -, folgt aus der Klasse derjenigen Bands, die es auf die Ränge geschafft haben.

Eigen organsierte Wohnzimmerkonzerte laufen wie immer außer Konkurrenz. Grund genug an dieser Stelle Danke zu sagen für großartige Abend und Erinnerungen an: Me and Oceans & Arpen, Christian Kjellvander, Pelle Carlberg, Martha Rose, Biggles Flys Again, Jethro Pickett, Bernd Begemann, The Indelicates, Terry Lee Hale, Enno Bunger & Onno Dreier, Sarah and Julian Muldoon, Boy Omega, Anika Auweiler, Arpen & The Volunteers und Big Fox.


Knapp verfehlt, die Plätze 30-21 in chronologischer Reihenfolge:

Karl Bartos, Stuttgart, Wagenhallen, 26.01.2014
Garish, Stuttgart, Zwölfzehn, 12.04.2014 
All diese Gewalt, Stuttgart, Rakete, 18.04.2014
King Khan & The Shrines, Stuttgart, Goldmark's, 26.04.2014 
Motorama, Esslingen, Kulturzentrum Dieselstraße, 28.05.2014
Van Morrison / Mavis Staples, Stuttgart, Schlossplatz, 18.07.2014
Solander, Burning Eagle Festival, Reutlingen, 26.07.2014
Rhonda, Hamburg, Hafenklang, 04.10.2014
Elvis Costello, Stuttgart, Theaterhaus, 14.10.2014 
Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, Hamburg, Knust, 27.12.2014 
 
20: Pond, Mannheim, Maifeld Derby, 31.05.2014

Die Australier lassen das Maifeld Derby bei herrlichsten Abendsonnenschein in einer psychedelischen Lärmorgie versinken. Mal bluesig, mal hardrockig ist das, was das Tame-Impala-Seitenprojekt da veranstaltet, zu jedem Zeitpunkt extraordinär und mit großer Berechtigung in dieser Liste vertreten.
 
19: The Wave Pictures, Reutlingen, Burning Eagle Festival, 26.07.2014


Bei einfacher Betrachtung schlichte Indie-Popnummern türmen sich zu Giganten auf, wenn man richtig hinhört. The Wave Pictures sind vermutlich die unprätentiöseste Rockband ihrer Klasse. Beim tollen Burning Eagle Festival in Reutlingen bestätigt das Trio aus der englischen Grafschaft Leicestershire einmal mehr seinen exzellenten Ruf unter Leuten, die es wissen müssen. David Tattersall spielt so unauffällig Gitarre, dass man glatt übersehen könnte, wie viel Ähnlichkeit zu Neil Young in seinem Spiel liegt.


18: Temples, Mannheim, Maifeld Derby, 01.06.2014 

Royal Albert Hall, London. Es ist der zehnte Oktober 2010. Mit meinem Bruder warte ich vor der Halle auf dem Einlass. Die Britpop-Heroen Ocean Colour Scene treten vor ausverkauftem Haus auf. Support sind The Moons, eine authentische Mod-Band um Weller-Keyboarder Andy Crofts. Die Gruppe aus den Midlands überzeugt, später lerne ich den Gitarristen James Edward Bagshaw kennen. Als er mit seiner Freundin zusammenzieht, braucht er Platz und verkauft Kleidungstücke über Facebook. Ich nehme ein paar Hemden und einen Parka. Die Moons verlässt Bagshaw nach einiger Zeit gemeinsam mit Bandkollegen Thomas Edison Warmsley, um mit den Temples ein neues Projekt ins Leben zu rufen. 
Beim Maifeld Derby sehe ich die Gruppe, die mit dem "Shelter Song" und dem formidablen Debüt "Sun Structures" gerade die wichtigste Band im Hype verwöhnten England sind. Der Auftritt in Mannheim ist fantastisch. Im großen Zelt drängt es sich dicht, während das Quartett tollen Psychedelic-Pop ohne Schwächen spielt. Tadellos. 


17: Suzanne Vega, Würzburg, Posthalle, 29.07.2014

Die alterslose New Yorkerin liefert in 90 Minuten all das, was man von ihr erwartet. Große Hits, traurige Lieder über traurige Großstadtmenschen, ungewöhnliche Liebeslieder und eine Menge Charisma. Gerry Leonard, der Bowie auf seiner letzten Tour unterstützte, setzt neue Facetten mit zurückhaltendem Gitarrenspiel. Am Ende erscheint die Vega am Merchandise-Stand und unterhält sich mit Fans. Da fällt auch die grausige Atmosphäre der Posthalle am Würzburger Bahnhof nicht so negativ ins Gewicht, in die das Konzert wetterbedingt verlegt wurde. Hätte es wie geplant Open Air am Main stattgefunden, wer weiß, auf welchem Rang dieser Liste ein Auftritt mit identischem Set zu finden wäre-

 
16: John Mayall, Stuttgart, LKA Longhorn, 16.04.2014


Der 80-jährige Godfather des britischen Blues feiert im vollen LKA Longhorn eine Messe, wie es nur ein Großmeister kann. Eine der wichtigsten Figuren der europäischen Rockevolution wirkt dabei agiler als seine jüngeren Epigonen Clapton, Mick Taylor oder Jeff Beck und lehrt gleichzeitig gelebte Musikhistorie. Am Ende scheint das ergraute Publikum erschöpfter als Mayall selbst, der sich lächelnd verabschiedet. In Erinnerung bleibt ein Konzert, dass so herausragend wie konservativ und dessen Intensität außergewöhnlich war.

15: Bernd Begemann, Stuttgart, Merlin, 17.10.2014
 
© Katja Charlotte Rohr

Am Vortag spielte er noch ein perfektes Wohnzimmerkonzert bei uns. Jetzt steht Begemann im Merlin und zeigt alles. Entertainment und Tiefgang. In Kombination. Er ist der größte Popdichter des Landes. Mehr gibt es nicht zu sagen.

14: Wolf Mountains, Stuttgart, Dresden Bar, 20.03.2014


Die Band um Die-Nerven-Drummer Kevin Kuhn zeigt beim Release-Konzert des Albums "Birthday Songs for Paul" in der Dresden Bar, warum ihr Garagen-Surf-Punk-Rock zum Besten und Spannendsten gehört, was derzeit im deutschen Pop geschieht. Dazu gibt es Gastauftritte der Nerven-Kollegen Julian Knoth und Max Rieger, Die-Selektion-Sänger Luca Gillian und anderen. 


13: Dr. John, Schlossplatz, Stuttgart, 20.07.2014

Der 73-Jährige Nighttripper tritt im Vorprogramm des Piano-Kaspers Jamie Cullum beim Stuttgarter Jazz-Open auf und überzeugt. Es ist eine Voodoo-Messe bei schwülen Temperaturen, garniert mit einigen der besten Stücke, der Popgeschichte.

 
12: Ben Schadow & Special Guests, Hamburg, Knust-Bar, 05.10.2014

Der umtriebige Ben Schadow lädt zum Release-Konzert seines zweiten Soloalbums - und gleich einige Freunde ein. Gastsänger wie Bernd Begemann, Paul Pötsch (Trümmer), Dirk Darmstaedter oder Ole Specht machen den Abend unvergesslich. 

 
11: St. Vincent, Stuttgart, Wagenhallen, 10.11.2014 

© David Christoph Oechsle
Annie Clark zum Dritten in einem Jahr. Nie war sie besser als heute. St. Vincent ist die PJ Harvey und Björk unserer Zeit in Personalunion, hat reihenweise perfekte Songs und zeigt ein atemberaubendes Konzert. Die derzeit schönste Frau im Pop, schreibt auch die besten Songs.


10: Kraftwerk, Karlsruhe, ZKM, 12.09.2014 

Zum Jubiläum des ZKM spielt die Mensch-Maschine auf und Ralf Hütter ist erkältet. Das kurze Aufbrechen der Roboter-Fassade macht das Konzert besonders. All die Hits sind natürlich auch toll, die 3D-Show natürlich perfekt, aber auch überflüssig.


09: Andreas Dorau, Stuttgart, Merlin, 14.05.2014

Dorau ist Da Da und viel mehr als NDW oder gar Schlager. Im Merlin wirbelt er über die Bühne, schreit, pöbelt Fotografen an und zeigt wie nebenbei doch, wie gut deutschsprachige Popmusik sein kann.

 
08: The Pretty Things, Frankfurt/Main, Nachtleben, 29.05.2014

2009 und 2011 habe ich die bahnbrechende 60s Band bereits an gleicher Stelle gesehen, doch nie in dieser Form. Rolling-Stones-Gründungs-Mitglied Dick Taylor spielt filigrane R'n'B-Riffs, der legendäre Frontmann Phil May verausgabt sich völlig. "Come See Me", "Midnight To Six Man" und all die anderen Hits werden natürlich auch präsentiert. Das ist leidenschaftlich, rau und irgendwie noch heute rebellisch-jugendlich.
 

07: Marianne Faithfull, Stuttgart, Liederhalle, 11.10.2014 

Eine weitere Überlebende der 60er. Die Faithfull kann nicht singen, das Konzert ist trotzdem überragend. Sarkasmus trifft auf Charisma und fantastische Songs.


06: The National, Köln, Open Air am Tanzbrunnen, 11.06.2014

© Christoph Konzerttagebuch
Zu "Green Gloves" betritt Annie Clark (St. Vincent) die Bühne. Auch ansonsten lassen Matt Berninger und seine Mitstreiter keine Wünsche offen. Die definitive Indie-Band unserer Zeit mit einem stilvollen und unvergesslichen Set. Die Sonne scheint, der Rhein fließt ruhig. Berninger hingegen tobt wie in alten Tagen, marschiert durch's Publikum und singt in seinem unnachahmlichen Bariton all die modernen Klassiker seiner Band, die heute noch überzeugender auftritt als beim ebenfalls grandiosen Konzert beim Maifeld Derby zehn Tage zuvor.


05: Die Nerven, Stuttgart, Filmwinter, 17.01.2014 

© David Christoph Oechsle

"Als ich den großen Saal betrete, spielen Die Neven bereits und ziehen offensichtlich auch diejenigen in ihren Bann, die zuvor nicht wussten, was sie erwartet. Die Szenerie, die sich vorfindet, weckt Assoziationen zu Michelangelo Antonionis zeitlosem Meisterwerk „Blow Up“. Wie den Yardbirds, die an bekannter Stelle im Film The Who imitieren und Gustav Metzgers autodestruktive Kunst zelebrieren, gelingt es den Nerven ein Kulturpublikum mit Krach und Feedbacks zu faszinieren. Instrumente müssen gar nicht zertrümmert werden, Rieger, Knoth und Kuhn gelingt das verstörende Element ihrer Show auch so. Derzeit gibt es wohl keine andere Band, der es gelingt mit misanthropischer Grundhaltung Popmusik derart zu dekonstruieren", schrieb ich nach dem Konzert der großartigen Noise-Punk-Band die kurz vorm Release ihres umjubelten zweiten Studioalbums noch einmal ihre Kernkompetenzen im Live-Auftritt zeigen. 
 

04: Die Höchste Eisenbahn, Stuttgart, Merlin, 11.01.2014 


Das Merlin platzt förmlich aus allen Nähten, schließlich präsentiert Die Höchste Eisenbahn ihr Debütalbum, meine Platte des Jahres 2013. Der Hype ist gerechtfertigt. Moritz Krämer, Francesco Wilking spielen früh im Jahr das beste deutschsprachige Konzert, das ich 2014 erleben durfte.


03: Okta Logue, Stuttgart, Zwölfzehn, 28.02.2014 

© David Christoph Oechsle
Die Darmstädter Band wird immer besser. Zeitgenössischer Psychedelic-Rock, der seine Wurzeln nicht verheimlicht, begeistert das ausverkaufte Zwölfzehn. Die Brüder Benno und Robert Herz, Philip Meloi und Nicolai Hildebrandt gehen ihren Weg konsequent.


02: Patti Smith & her Band, Breitenbach am Herzberg, Burg Herzberg Festival, 01.08.2014 

© Katja Charlotte Rohr
Die Godmother des Punkrocks auf dem größten Hippie-Festival Europas. Bei bester Laune präsentiert die New Yorkerin mit ausgezeichneter Band einen Querschnitt ihres Schaffens. Dazu gibt es einen Gastauftritt des Tamikrest-Sängers und ein wütendes "Rock 'n' Roll Nigger" zum Schluss.


01: Sleaford Mods, Esslingen, Komma, 12.05.2014 


Die Sleaford Mods sind vulgär, zyisch und voller Wut, die neuen Arschlöcher des englischen Pop, wie ich in der Stuttgarter Zeitung schrieb. Im Esslinger Komma zeigt das Duo aus den Midlands, warum mittlerweile ein gigantischer Hype, um sie entsteht. Niemand verpackt die Schattenseite des Zeitgeists so konsequent in harte Beats und Verse.




Freitag, 9. Januar 2015

My year in lists - mit: Julian Knoth (Die Nerven)

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Mit ihrem zweiten regulären Studioalbum "FUN" legte die Stuttgarter Noise-Punk-Band Die Nerven eine der besten Platten des letzten Jahres vor. Live ist das Trio unübertrefflich. Umso mehr freuen wir uns, dass Bassist Julian Knoth seine Konzerte, Alben und Songs des Jahres mit uns teilt.

Photo: David Oechsle


Konzerte des Jahres (chronologisch):
- Attatakakatta in Nürnberg, K4
- The Notwist in Stuttgart, Wagenhallen
- Laila in Haifa (ISR), Syrup
- Sleaford Mods in Esslingen, Komma
- Mamar Kassey, Roskilde Festival
- Laila in Esslingen, Komma
- Girl Band in Wien (AT), Flex
- Repetitor in Ebensee (AT), Kino
- Jockel & Die Vogelschar in Stuttgart, Merlin
- Bulbul in Röda (AT), Steyr

Alben 2014: 
- Angelo Fonfara - Von Trash to Emo Beats / Angel's lost and recovered Teenage Days (2007 - 2011) 
- Cherry Glazer - Haxel Princess 
- Von Spar - Streetlife 
- Human Abfall - Tanztee von Unten 
- Karies - Seid umschlungen Millionen 
- Mosquito Ego - Is there much kaputt? 
- Tinariwen - Emmar 

Nicht aus diesem Jahr, aber erst jetzt entdeckt. Sowieso dieses Jahr eher weniger Neuerscheinungen gehört: 
- Nancy Sinatra - How does that grab you Darling? 
- Mulatu Astatke - Mulatu of Ethiopia 
- Jimi Tenor - Sähkömies Team Dresch - Captian my Captain 
- Hole - Live through this 
- Hildegard Knef - Knef Disappears 
- Era !!! - Thr!!!ler Blondie - Parralel Lines 
- Der KFC - ...letzte Hoffnung 
- Die Doraus und die Marinas - Blumen und Narzissen 
- Andreas Dorau - 70 Minuten Musik ungeklärter Herkunft

Meine Hits 2014: 
- Cherry Glazer - White's not my Color this Evening 
- Schnipo Schranke - Pisse 
- Mosquito Ego - Cuntboat 
- Lana Del Rey - West Coast 
- Wye Oak - The Tower 
- Esben and the Witch - No Dog 
- Sinkane - How we be 
- Sleaford Mods - Tied up in Nottz 
- Tinariwen - Chaghaybou 
- Von Spar - Chain of Command


Mittwoch, 22. Oktober 2014

Elvis Costello, Stuttgart, 14.10.2014

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Konzert: Elvis Costello
Ort: Theaterhaus am Pragsattel, Stuttgart
Datum: 14.10.2014
Dauer: etwa 150 Minuten
Zuschauer: vielleicht 1000


Alle Fotos: © Katja Charlotte Rohr

Möchte man den Einfluss und Stellenwert, den Elvis Costello innehat, realistisch einschätzen, lohnt sich ein Blick nach Übersee. Denn in Kanada und den Vereinigten Staaten ist der 60-jährige Brite ein echter Star, der in großen Hallen auftritt, mit anderen Größen auf der Bühne steht und der seine prominenten Freunde in die eigene Late-Night-Show „Spectacle: Elvis Costello with...“ eingeladen hat: Neben Bruce Springsteen, U2, Lou Reed oder den kurzzeitig wiedervereinten The Police war auch Ex-Präsident Bill Clinton zu Gast. In Deutschland ist Costello obschon ein Kritikerliebling mit einer Schar ergebener Fans gewiss kein Name des Mainstreams. Folglich kann es da wenig überraschen, dass Auftritte hierzulande Seltenheitswert genießen. Umso erstaunlicher erschien die Ankündigung von gleich sieben Solokonzerten im Herbst, deren letztes den Singer-Songwriter zum ersten Mal überhaupt nach Stuttgart führen sollte. Ort des Geschehens ist dann zwangsläufig nicht Liederhalle, Porsche-Arena oder gar die seelenlose Schleyer-Halle, sondern das geschmackvolle Theaterhaus. 


Kurz vor Konzertbeginn ist der große, bestuhlte Saal T1 dann auch zu einem Großteil gefüllt, sodass um die 1000 Zuschauer Zeuge eines zweieinhalbstündigen Marathon-Konzerts werden. Zeit Luft zu holen nimmt sich Costello nach der begeisternden Eröffnung mit „The Delivery Man“, dem Titelsong seines überaus soliden 2004er Albums, selten. Gleich geht es weiter mit einem Klassiker: Dem vortrefflichen „(The Angels Wanna Wear My) Red Shoes“ vom zeitlosen Debüt mit den Attractions 1977. Costello schlägt die Akkorde seiner akustischen Gitarre hart an. Der Blick der Zuschauer fällt auf seine roten(!) Cowboystiefel, die in Kombination mit weißem Hut, Jackett, Weste, gemustertem Hemd und - natürlich - der bekannten Hornbrille dem stilvollen Storyteller mit hohem lyrischem Anspruch gerecht werden. Damals zwar gerne dem Punk zugerechnet, waren die intellektuellen Ansätze ähnlich wie bei David Byrne dem Genre längst entwachsen. Stattdessen schrieb er ebenso wie der New Yorker zeitlose Songs, wobei Costello immer die schöneren Lieder gelangen, während die Alben der Talking Heads besser waren. 


Dass es ihm in Stuttgart trotz phasenweiser Brillanz wiederum nicht gelingt, eine durchweg unterhaltsame Werkschau aufzuführen, enttäuscht ein wenig. Unsterbliche Popsongs wie „Veronica“ sorgen für tolle Momente, doch fehlt dem Meister der Schutz der Band. So kann er manchmal dem eigenen Werk nicht gerecht werden, was bitter erscheint und umso deutlicher wird, je kräftiger Costello mit gedrückter Stimme singt. Immer wieder versöhnen jedoch seine unheimliche Präsenz, sein immenses Charisma mit diesen Längen und mediokren Momenten. „America Without Tears“ gelingt besonders und das wunderschöne „Everyday I Write The Book“ spielt er heute in einer fantastischen Version, die die ursprüngliche Studioaufnahme locker in den Schatten stellt. 


Es sind die ruhigen Augenblicke, die glänzen; weil der Wahl-Kanadier dann die Stimme nicht so drückt, weil er den Fokus auf den Inhalt lenkt und er als Texter ein Gigant ist: Es gibt quasi keinen Song aus seiner Feder, der es nicht rechtfertigt zitiert zu werden. Die Eröffnung von „Either Side of the Same Town“ zum Beispiel mit den subtilen Trennungsversen „Nothing will ever be the same / All of the promises we made, they seem hollow / But there are still streets in this town / Marked with your shadow“ ist gleichermaßen rührend wie unprätentiös. Zurückhaltend ist auch das Bühnenbild; da gibt es eine „On Air“-Lampe, in Anspielung an seine eingestellte Fernsehsendung, und ein leuchtendes „Detour“, das durchaus symbolisch für lange Touren gelesen werden kann, aber auch als Motto für einen Abend ohne vorherbestimmtes Set. Costello springt von Song zu Song, hangelt sich durch seinen langen Katalog und wechselt zwischen seinen zahlreichen Gitarren. 


„Watching the Detectives“, einst gefeierte Ska-Nummer des The-Specials-Produzenten, wird heute mit jeder Menge Feedbacks und Loops als peitschendes Stück Dub-Punk interpretiert. Regelrecht ungestüm kommt das bezaubernde „Shabby Doll“ daher, eine Art Solo wird angedeutet, dann geht der Song in „Here I Am (Come and Take Me)“ über, um wieder mit den bekannten Versen zu enden. Das macht dann richtig Spaß, ebenso wie das für „Lost on the River: The New Basement Tapes“ aufgenommene „Married to the Hack“. Die von T-Bone Burnett produzierte, im November erscheinende Kompilation, vereint neuvertonte Bob-Dylan-Manuskripte. Es lässt einen kurz andächtig innehalten, bedenkt man das einer der begnadetsten Poeten des Pop einen Text des größten Songwriters überhaupt veredelt. Aber Costello hat bekanntlich immer ein Händchen für fantastische Kollaborationen gehabt – von Chet Baker über die Rettung Paul McCartneys Alben in dessen schwächster Phase bis hin zu Aufnahmen mit Burt Bacharach – und so kann nach dem wunderbaren „She“, bekannt aus dem „Notting Hill“-Soundtrack, eine weitere Frucht künstlerischer Zusammenarbeit besonders punkten: „April 5th“, geschrieben mit Kris Kristofferson, Rosanne Cash und John Leventhal, beschließt das reguläre Set mit countryesken Klängen, die klar zeigen, wie stark sich der musikalische Fokus des Elvis Costello seit den 80ern verschoben hat. 


Als Costello sich für die erste Zugabe am Klavier niederlässt, das erschütternde „Shipbuilding“ spielt, schließt sich der Kreis. Der für den Soft-Machine-Kopf Robert Wyatt geschriebene Anti-Kriegssong knüpft an Costellos englische Anfänge an. Der weitere „New Basement Tapes“-Beitrag „Matthew Met Mary“ führt den mit der Jazz-Sängerin Diana Krall verheirateten Sänger musikalisch zurück in nordamerikanische Gefilde. Es ist die Live-Premiere eines weiteren vertonten Dylan-Texts. 

Trotz interessanter Ansätze kann das alles aber nicht über deutliche Längen und mediokre Phasen hinwegtäuschen. Am Ende sind es dann „In the Meantimes“ und natürlich das unsterbliche „Alison“ zum Schluss des zweiten von drei Zugabenblocks, die versöhnlich stimmen. Als Costello schließlich für sein ikonisches „(What's So Funny 'Bout) Peace, Love and Understanding“-Cover erstmals an diesem Abend zur E-Gitarre greift, das Publikum nach Vorne bittet und als Protestsänger aufersteht, wird das Konzert sogar noch einmal richtig gut und zeigt dabei, dass die Punkwurzeln zum Glück nicht gänzlich gekappt wurden.


Setlist Elvis Costello, Stuttgart:

01: The Delivery Man 
02: (The Angels Wanna Wear My) Red Shoes 
03: Either Side Of The Same Town 
04: I Hope You're Happy Now 
05: Veronica 
06: American Without Tears 
07: Ascension Day 
08: Married To My Hack 
09: Country Darkness 
10: My New Haunt 
11: Everyday I Write The Book 
12: Walkin' My Baby Back Home 
13: Ghost Train 
14: Shabby Doll (inkl. Here I Am (Come And Take Me)) 
15: She 
16: Watching The Detectives 
17: April 5th 

18: Shipbuilding (Z)
19: Shot With His Own Gun (Z)
20: Matthew Met Mary (Z) 

21: Come The Meantimes (Z) 
22: Lost On The River No. 12 (Z)
23: Oliver's Army (Z)
24: Alison (Z) 

25: Jimmie Standing In The Rain (Z) 
26: (What's So Funny 'Bout) Peace, Love And Understanding? (Z)


Mittwoch, 13. August 2014

Okta Logue, Breitenbach am Herzberg, 01.08.2014

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Konzert: Okta Logue
Ort: Main Stage, Burg Herzberg Festival
Datum: 01.08.2014
Dauer: 89 Minuten
Zuschauer: über 1000


Alle Fotos: © Katja Charlotte Rohr
Es ist heiß, Temperaturen klettern auf annähernd 30 Grad. Die Mittagssonne erreicht ihren Zenit, trotzdem verlassen immer mehr Zuschauer die schattigeren Plätzchen und siedeln auf die Wiese vor der Hauptbühne. Aus gutem Grund: Nachdem tausende Besucher – darunter auch wir – die Eröffnung des Burg Herzberg Festivals am Donnerstagnachmittag Anfahrtsstau bedingt verpasst haben, beginnt für viele das Konzertprogramm mit dem Freitags-Opener Okta Logue. Die Darmstädter Band um die Brüder Benno (Bass und Gesang) und Robert Herz (Schlagzeug), den Gitarristen Philip Meloi und Keyboarder Nicolai Hildebrandt übernimmt den etwas undankbaren Eröffnungsslot mit Bravour und brilliert mit einem 90-minütigen Headliner würdigen Set.

 Das elektronische Intro von „Transit“ wabert über das sanft ansteigende Festivalgelände. Band und Gesang setzen ein, der titelgebende Track des aktuellen Albums „Tales of Transit City“ empfängt das Publikum mit gewohnter Wucht. Seit Jahren eine großartige Band, ist das hessische Quartett längst einer der wichtigsten Acts Deutschlands – mit enormen internationalen Potential. Nach Touren und Auftritten mit Nada Surf, Tocotronic, Portugal. The Man und vor allem Neil Young & Crazy Horse wächst die Fangemeinde kontinuierlich. Zurecht. Ein im Laufe des Konzerts immer größerer Zuschauerzuspruch spricht auch auf dem größten Hippie-Festival Europas eine deutliche Sprache.
 Wurde die Gruppe in der Vergangenheit gerne als Inbegriff einer traditionsbewussten zeitgenössischen Psychedelic- und Prog-Rockband gelobt, greift diese einengende Zuordnung doch beileibe zu kurz. Sicherlich sind Elemente beider Spielarten enthalten, vielmehr zeigen Songs wie das beschwingte „Let Go“ oder auch „Shine Like Gold“ früh, dass Okta Logue in erster Linie eine großartige Popband mit Sinn für Melodien ist, die trotz manchen offensichtlichen Parallelen zu Größen wie Pink Floyd eher im harmonischen Beat der 60er als im überbordenden Prog der 70er und 80er zuhause ist – von der Prägung durch den Indie-Rock der letzten Jahrzehnte ganz zu schweigen. Im enganliegenden schwarzen Hemd lässt Benno Herz auch optisch Assoziationen zu genannten Genres hinter sich und beweist mit seinen Mitstreitern eindrucksvoll, dass Okta Logue eine große Band der Gegenwart ist, der es gelingt verschiedenste Einflüsse und originäre Ideen zu einem kreativen Eigengewächs zu verbinden.


In den letzten Jahren habe ich kaum eine Band häufiger gesehen. Dass die Konzerte qualitativ von großer Beständigkeit sind, das Zusammenspiel darüber hinaus immer begeisternder wird, ist Rechtfertigung genug, immer wieder zu kommen. Mit großer Leidenschaft und Sonnenbrillen trotzen Okta Logue auf dem Burg Herzberg Festival den hohen Temperaturen und der Sonneneinstrahlung. Neue Stücke mit Zeilen wie „Watch the Sun“ und Arbeitstiteln wie „Summer Days“ liefern hingegen den perfekten Soundtrack.


Dazwischen bleibt Zeit für „Mr. Busdriver“, mit seiner ungewöhnlichen Rhythmik und dem an urengliches Songwriting a la Barrett, Towshend oder Davies erinnerndem Text, und mit der befreundeten Gruppe Bees Village aus Friedrichsdorf als äußerst harmonischen Background-Chor. Deren Mitglied Benedikt Baum bleibt im direkten Anschluss auf der Bühne und spielt bei „Dream On“ wie auch schon bei vorherigen gemeinsamen Auftritten und den Konzerten mit Neil Young im Sommer 2013 Bass. Benno Herz wechselt derweil an die Akustikgitarre, während eines der Schlüsselstücke des aktuellen Albums besonders schön zur Geltung kommt. Das bekannte „Bright Lights“ - dank seines großartigen, im familieneigenen Garten der Herz-Brüder gedrehten Videos ein Youtube-Hit – wird besonders gefeiert.
Viele Zuschauer singen mit, während man sich fragt, warum ein unumstrittenes Highlight des Festivals ausgerechnet derart früh stattfinden muss. Zweifelsohne hätten Okta Logue schließlich dem für die Tageszeit zum Trotz gutem Zuspruchs noch mehr Besucher verdient. Die Band selbst stört sich wenig daran, spielt stattdessen tolle Songs wie „Just to Hear You Sleep“ und das durchweg fantastische „You“. Bei ihrem Release-Konzert anlässlich des zweiten Studioalbums im Mai letzten Jahres in der heimischen Centralstation Darmstadt aufgeführt, gelingt das packende Cover von „Southern Man“ – jener scharfzüngigen Abrechnung mit der Sklaventreiber-Vergangenheit der US-Südstaaten, die Neil Young die prompte Antwort der Southern-Rock-Band Lynyrd Skynyrd in ihrem größten Hit einbrachte – noch eine Spur besser als zuletzt. Mit fantastischem Harmoniegesang der vier Mitglieder von Bees Village begeistert die Version restlos. Für das hymnische „Chase the Day“ bleiben die Friedrichsdorfer und führen das starke reguläre Set zu seinem tollen Ende. 


 Mit einer Zugabe rechne ich nicht, doch gibt es tatsächlich das fast halbstündige „Decay“, ein liebgewonnenes Highlight eines Okta Logue-Konzerts. Philipp Meloi streut erstklassige Soli ein, Hildebrandt steuert wunderbare Electro-Elemente bei, spielt stellenweise Trompete, während Robert Herz einen punktgenauen Beat liefert. Gemeinsam mit ihrem Frontmann erreichen die Musiker wieder neue Höhen. Nach fast eineinhalb Stunden ist dann endgültig Schluss. Die Darmstädter werden einmal mehr hohen Erwartungen gerecht und spielen zu früher Stunde bei ihrem zweiten Herzberg-Auftritt seit 2012 eines der besten Konzerte des Festivals, dass die amerikanischen Jam-Rocker moe. bei ihrem Akustikkonzert wenig später ganz schön alt aussehen lässt. In nicht allzu langer Zeit soll das dritte Okta Logue Album erscheinen. Es geht weiter bergauf. Gut so.




Setlist Okta Logue, Burg Herzberg Festival:

01: Transit
02: Let Go
03: Shine Like Gold
04: Watch the Sun (neu) ?
05: Mr. Busdriver (mit Bees Village)
06: Dream On (mit Benedikt Baum von Bees Village)
07: Summer Days (neu)
08: Bright Lights
09: Just to Hear You Sleep
10: You
11: Southern Man (Neil Young-Cover) (mit Bees Village)
12: Chase the Day (mit Bees Village)

13: Decay (Z)


Aus unserem Archiv:
- Okta Logue, Stuttgart, 28.02.2014 
Okta Logue, Berlin, 20.09.2013 
- Okta Logue, Ulm, 05.09.2013
- Okta Logue, Stuttgart, 22.07.2013 
- Okta Logue, Darmstadt, 17.05.2013


Dienstag, 12. August 2014

Patti Smith and her Band, Stuttgart, 05.08.2014

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Konzert: Patti Smith and her Band
Ort: Freilichtbühne Killesberg, Stuttgart
Datum: 05.08.2014
Dauer: etwa 95 Minuten
Zuschauer: ca. 3.500


Neben Bob Dylan steht wohl kein Popmusiker in vergleichbaren Maße im Ruf wie Patti Smith doch vielmehr ein Dichter im eigentlichen Sinn zu sein. Die New Yorkerin gilt schließlich nicht nur verständlicherweise als die Godmother of Punk, sondern immer auch als wichtige Poetin, die ihren Songs gerne Gedichte voranstellt und grundsätzlich eine präzise Bildsprache auffährt. Keine Hand voll Songs ist gespielt, da verblüfft Patti Smith mit einer spontanen Einlage, in der sie das letzte Treffen von Arthur Rimbaud und Paul Verlaine in Stuttgart vertont, und die fraglos zu den schönsten Konzertmomenten, die ich bisher erlebte, gehört. „Maybe it was 1874 when Arthur Rimbaud arrived on foot in Stuttgart“, singt sie, sich selbst auf der Akustikgitarre begleitend, „He looked for work / Learned perfect German“. Fast fünf Minuten berichtet sie reich an Metaphern aus dem Leben des großen französischen Dichters, der einige Jahre in der Stuttgarter Marienstraße lebte und drückt sich dabei selbst als eindringliche Lyrikerin aus. 


Dass sie diese Eigenschaft in Stuttgart besonders zeigen würde, war beim Betreten der wunderschönen Freilichtbühne im Höhenpark am Killesberg nicht unbedingt zu erwarten. Immerhin sah ich Patti Smith erst wenige Tage zuvor als brillante Headlinerin des Burg Herzberg Festivals und rechnete mit einem sehr ähnlichen Set. Früh deutet sie jedoch an, dass sich der Abend überraschend ungleich gestalten würde. Schon „Redondo Beach“, der fröhlich daherkommende Reggae mit dem düsteren Text vom Debütalbum „Horses“, als Eröffnung weist in eine andere Richtung. Es folgen zwei Stücke vom aktuellen Album „Banga“, die in Breitenbach am Herzberg nicht gespielt wurden. Ähnlich gekleidet – Hut, weißes T-Shirt mit Aufdruck, Holzkreuz um den Hals, weites Herrenjacket über einer schwarzen Weste und Blue Jeans – verströmt sie erneut positive Energie. Bester Laune betrat sie zuvor die Bühne mit einem Strauß weißer Rosen in der Hand, winkte den Zuschauern zu, ständig lächelnd. „April Fool“, ein leichter, Keyboard getragener Popsong passt da gut.
Die Protagonistin tanzt geradezu ausgelassen, breitet die Arme aus, fordert die 3500 Zuschauer zum rhythmischen Klatschen auf. Dann will sie den weißen Strohhut in den Bühnenrückraum werfen. Versehentlich trifft sie ihren langjährigen Gitarristen Lenny Kaye. Beide lachen und entschuldigend legt sie den Kopf an seine Schulter. Die unfreiwillige Situationskomik sorgt für Lacher im Publikum und Smith nebst Mitmusikern hat es im weiteren Verlauf leicht. „Fuji-San“, ihre Ode an den gleichnamigen, höchsten Berg Japans und aufrüttelndes Umweltschutzstatement ist dann schon das zweite und letzte Stück der aktuellen Veröffentlichung, das es heute zu hören gibt und ebnet den Weg für einen ansprechenden Querschnitt durch den großen Katalog der Wahl-New-Yorkerin. 
Mit gleich vier Songs ist „Easter“, das populäre dritte Studioalbum von 1978 besonders präsent. Den Anfang macht das ruhige und okkult angehauchte „Ghost Dance“, passenderweise nach dem Zwischenruf eines Zuschauers, man möge doch die Lautstärke erhöhen. „You know it isn’t Black Sabbath that’s coming“, erklärt sie am Bühnenrand kniend im freundlichen Tonfall. Nach dem begeisternden Schamanentanz als Duett mit Kaye wird es noch eine Spur ruhiger. Smith intoniert das erwähnte Gedicht unmittelbar vor dem großartigen „My Blakean Year“ und dem erneut dem „late and very great“ Johnny Winter gewidmeten „Beneath the Southern Cross“. Wie eine treu ergebene Gemeinde folgt das Publikum den Worten der immer wieder in Predigermanier sprechenden Musikerin. „You can dedicate it to anyone you miss, it’s that kind of song. It’s a song of life, but it’s also a song of remembering“, ergänzt sie. Kurz darauf laufen hinter mir Tränen bei erwachsenen Männern. Die emotionale Kraft des Moments ist überwältigend.



Später steigt sie in den Fotograben, während ihre Band ein stürmisches Medley aus Garagenrock-Klassikern spielt. Lenny Kaye singt in Frontmann-Manier, The Whos „I Can’t Explain“ wird angedeutet, „Psychotic Reaction“ dargeboten. Derweil lässt sich Patti Smith mit Zuschauern fotografieren, schüttelt Hände und zeigt sich angenehm nahbar. Wieder auf der Bühne lässt ein weiteres Highlight nicht lange auf sich warten. Seit langer Zeit nicht mehr aufgeführt, ist „We Three“ so überraschend wie fantastisch und ein klassischer Gänsehautmoment.
„Dancing Barefoot“ schließt an, diesmal ohne die geringsten technischen Probleme. Der Sound ist gut, langsam setzt die Dunkelheit ein. Nach einer starken Version von „Pissing in a River“ hält Smith inne und erzählt ihre Liebesgeschichte mit Fred „Sonic“ Smith von den MC5s, den sie heiratete und der vor zwanzig Jahren starb. Man rechnet förmlich mit „Frederick“, einen ihrer kleinen Hits, doch es folgt das mit Springsteen geschriebene „Because the Night“, ihr einziger echter Charterfolg. Gewidmet wird es dem gemeinsamen Sohn Jackson, der Geburtstag hat und immer wieder mit der Mutter auf der Bühne steht. Anders als 2011 im Frankfurter Mousonturm gibt es keine Livebegegnung mit dem mit Meg White verheirateten Musikersohn, doch rührt die Widmung einer liebenden Mutter. 
Mit dem Medley aus Land und Gloria und einem wütenden „Rock ‚N‘ Roll Nigger“ (mit Edward Snowden-Würdigung) als Zugabe endet der Abend nach vielen Überraschungen exakt wie auf dem Burg Herzberg Festival. So unterschiedlich beide Konzerte auch ausfielen, konnten sie doch gleichermaßen überzeugen. Weiße Rosenblüten lässt sie über die ersten Reihen regnen. Es sind die Schönheit großer Poplyrik, der Spirit des Punks und das überbordende Charisma einer 67-jährigen Dichterin mit weißen Haaren, ja, der entscheidenden Frauenfigur der Popgeschichte seit den späten 70ern, die am Ende strahlend hell über Allem schweben – mit der gleichen betörenden Eleganz wie es ihre Stimme einst bei R.E.M.s „E-Bow the Letter“ tat.




Setlist Patti Smith and her Band, Stuttgart:

01: Redondo Beach
02: April Fool
03: Fuji-san
04: Ghost Dance
05: Verlaine & Rimbau in Stuttgart (Spontanes musikalisches Gedicht)
06: My Blakean Year
07: Beneath the Southern Cross (Johnny Winter gewidmet)
08: Medley aus Open Up Your Door (Richard & The Young Lions-Cover), Open Your Eyes (The Nazz-Cover) und Psychotic Reaction (The Count Five) 
09: We Three 
10: Dancing Barefoot 
11: Pissing in a River 
12: Because the Night (Jackson Smith und Fred ''Sonic'' Smith gewidmet) 
13: Land 
14: Gloria (Them-Cover) 

15: Rock ‘n’ Roll Nigger (Z)

Aus unserem Archiv:
- Patti Smith, Breitenbach am Herzberg, 01.08.2014


Mittwoch, 6. August 2014

Billy Bragg & Band, Breitenbach am Herzberg, 02.08.2014

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Konzert: Billy Bragg & Band
Ort: Main Stage, Burg Herzberg Festival
Datum: 02.08.2014
Dauer: 95 Minuten
Zuschauer: vielleicht 1000

Alle Fotos © Katja Charlotte Rohr

„Americana is country music for people who like The Smiths“, stellt Billy Bragg gleich zu Beginn klar und erklärt mit schelmischem Grinsen all denen, die mit der countryesken Musik, der die englische Protestsänger-Institution seit geraumer Zeit vor allem mit Bandbegleitung den Vorzug gibt, wenig anfangen können, dass hinter Pedal-Steel-Gitarre, Bass-Ukulele und Cowboy-Hemden noch immer der scharfzüngige Mahner und linke Polit-Aktivist steckt.
Die Eröffnung mit „Ideology“ im Abendsonnenschein ist ein in Lyrik gegossener programmatischer Rundumschlag des Arbeiterromantikers, der vor allem eins zeigt: Der Mann hat noch immer eine Mission und nationale wie globale Themen, zu denen er nicht schweigen kann. „Mixing pop and politics“ als oberstes Prinzip. Auf der anderen Seite bleibt Zeit, Pep Guardiola augenzwinkernd zum zweiten WM-Titel zu gratulieren und zu träumen, er möge doch in vier Jahren ein Premier-League-Team trainieren – Fußball ist eben traditionelles Thema auf Bragg-Konzerten. Doch bleiben die weltweiten Krisen und Kapitalismuskritik ebenso wie eine klare Linie gegen Rechtsaußen dem angenehmen Plauderton zum Trotz immer in unmittelbarer Blickweite. Da sind Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, die den Pazifisten Bragg beschäftigen, ebenso wie der hundertste Jahrestag des ersten Weltkriegs als Warnung. Aus der Begeisterung, mit der sein Großvater damals die Kriegserklärung feierte, schließt Bragg, die Gefahr neuer Konflikte durch das Vergessen der alten.

 
„But what if there's nothing, no pot of gold to find? / Only the blind leading the blind“, singt er in „No One Knows Nothing Anymore“ vom aktuellen Album „Tooth and Nail“, während seine vierköpfige Band sehnsüchtelnden Country-Rock spielt. Er macht es seinen langjährigen Fans, die ihn als punkige Einmann-Show kennenlernten, nicht leicht, weiß aber um diese Schwierigkeit. Nichtsdestotrotz ist es ihm wichtig anzufügen, dass seine Musik schon immer Country-Elemente enthielt, so folgt seine 20 Jahre alte Single „You Woke Up My Neighbourhood“, eines der Lieblingslieder von Travis-Sänger Fran Healy, auf „Way Over Yonder In The Minor Key“. Der Beweis ist geliefert, befriedigt aber nur bedingt: „Play some British punk music“, brüllt ein enttäuschter Fan. Ohne innezuhalten gibt er die prompte Antwort, dass dieser Wunsch später im Set selbstredend erfüllt würde. Vorher sei es ihm aber wichtig, zu erklären, inwiefern klassische amerikanische Musik wie Blues, Country und R'n'B der britischen Musik in den 50ern und frühen 60ern ihre Identität verlieh, quasi die ersten echten Americana-Künstlern schuf. Skiffle war die britische Antwort auf Leadbelly und Co, erklärt Bragg nun ganz in der Rolle des kumpelhaften Oberlehrers.
Der Stones-Klassiker „Dead Flowers“ kommt in einer extrem verkitschten Version als Musterbeispiel. „All You Facists Are Bound To Lose“ aus der Feder Woody Guthries zündet im Anschluss glücklicherweise besser und als er Tee trinkend - „Morrissey recommended it to me“*  - ankündigt, nun ein paar Stücke solo mit der E-Gitarre zu spielen, vermeint man kollektive Erleichterung zu hören. So habe ich den Bard of Barking, jenen großartigen Bänkelsänger, vor fast sechs Jahren erstmals live gesehen. Dieser Septemberabend in der alten Frankfurter Batschkapp, an dem er sein Debüt-Album „Life's A Riot With Spy Vs. Spy“ komplett spielte und – wie er sagte – seinem inneren Iggy Pop freien Lauf ließ kam für mich damals einem Erweckungserlebnis gleich. Umso mehr freue ich mich jetzt über „To Have And To Have Not“ von eben diesem Album. „There Is Power In A Union“, skandiert er anschließend und linke Fäuste werden gereckt. Die solidarische Arbeiterhymne aus Zeiten der großen Minenarbeiter-Streiks in der Thatcher-Ära ist erwartungsgemäß ein Höhepunkt. Überhaupt seien die Auswirkungen Margaret Thatchers Politik bis heute leidvoll zu spüren, ihre regiden Einschnitte in die Macht der Gewerkschaften, so etwas wie die Ursünde aktueller Probleme seines Landes. Als die Iron Lady starb, war er gerade in Calgary, Kanada, während sein aktuelles Album just an diesem Tag die Americana-Charts des Landes knackte. Geschichte verpflichtet und so kaufte er daraufhin besagte Cowboy-Hemden.
Dass ihn das Burg Herzberg Festival dann ausgerechnet an ein kanadisches Folk-Festival erinnert, passt gut ins Bild.

 
Das tieftraurige „Between the Wars“ reiht sich an dieser Stelle angemessen in die Setlist. Während des fantastischen Crowdpleasers „Waiting For The Great Leap Forward“ kehrt die Band nach und nach zurück. Besonders der angenehme Pianoeinsatz gelingt hier ausgezeichnet, überhaupt erreicht der Band-Sound jetzt eine neue Ebene. Wo die Country-Elemente eben noch störten, fügt sich alles nun zu einem homogenen Ganzen zusammen. Tatsächlich bewegt sich Bragg mit seinen Musikern nach den Solodarbietungen wirklich auf hochklassigem Americana-Niveau ganz in Tradition seiner gefeierten Kollaborationen mit Wilco, der wohl besten Band des Genres.

 
Nachdem „Greetings To The New Brunette“ Braggs ausgesprochenes Talent als Texter von außergewöhnlichen Liebesliedern in den Fokus rückt und er in „Sexuality“, einem seiner größten Hits, Grenzen übergreifende Liebe protegiert, gibt es mit „California Stars“ einen Auszug aus den fruchtbaren „Mermaid Avenue“-Sessions. Auf Wunsch von Norah Guthrie vertonte Bragg gemeinsam mit Jeff Tweedys Band alte Texte ihres verstorbenen Vaters Woody mit phänomenalem Ergebnis. Dazu kam es nachdem alle großen amerikanischen Sänger aus Ehrfurcht vor dem musikalischen Nationalheiligtum Woody Guthrie, dessen Lieder in den USA jeder kennt, die im Schulunterricht gesungen werden, das Angebot abgelehnt hätten, und die Tochter auf die Idee kam einen Europäer zu fragen. Feixend erklärt Billy Bragg, dessen Konzerte neben politischer Rede auch immer von anekdotenreicher Plauderei durchzogen sind, man habe damals zuerst mit einer deutschen Band verhandelt, bevor zusätzlich die Chicagoer Gruppe Wilco ins Boot geholt wurde. Der Name jener deutschen Formation sei Kraftwerk und den entsprechenden Song, würde es nun exklusiv zu hören geben. Synthies setzen ein, dann folgen bekannte Akkorde, Eröffnungszeilen aus Paul Simons Feder und Gewissheit darüber, was kommt: „I was 21 years, when I wrote this song“, singt der 56-jährige, inzwischen bärtige Engländer, und zahlreiche Zuschauer stimmen in „A New England“ ein. Die Kraftwerk-Geschichte hat ohnehin niemand geglaubt, die Lacher hat er dennoch auf seiner Seite. Verse aus „Autobahn“ werden in den populären Klassiker eingeschoben, der reguläre Teil des Konzerts ist vorbei.

 
Accident Waiting To Happen“, die grandiose Abrechnung mit Rechtspopulisten, dem bragg'schen Feinbild Nummer eins, von seinem Erfolgsalbum „Don't Try This At Home“, auf dem damals neben den R.E.M.-Musikern auch Smiths-Gitarrist Johnny Marr zu hören war, gibt es als Zugabe. Nach 95 Minuten ist Schluss. Mittlerweile ist es dunkel, der Sänger holt aus, wirft den Teebeutel weit in die Menge, ein letzter Gruß. 
Obwohl mir ein Zugang zum Country-Musiker Billy Bragg noch immer schwerfällt, endet meine dritte Live-Begegnung mit einem meiner großen Helden keinesfalls in einem Fiasko. Der ewige Folkpunk spielt Country auf einem Hippie-Festival und scheitert damit nicht. Vielmehr steht über allem doch die Erkenntnis, dass der Aufrüttler und Überzeugungstäter aus Barking, Essex, auch heute noch, nach über dreißig Jahren Bühnenlebens, größte Relevanz besitzt.
Solange dieser Mann seine Mission verfolgt, gibt es noch Hoffnung.

*2008 erklärte er noch dem Publikum in der Batschkapp, es sei der gleiche, den Madonna trinke.



Setlist Billy Bragg & Band, Burg Herzberg Festival:

01: Ideology
02: No One Knows Nothing Anymore
03: Way Over Yonder in the Minor Key
04: You Woke Up My Neighbourhood
05: Dead Flowers (The Rolling Stones-Cover)
06: All You Fascists Are Bound To Lose (Woody Guthrie-Song)
07: To Have And to Have Not
08: There Is Power in a Union
09: Between the Wars
10: Waiting For the Great Leap Forwards
11: Greetings to the New Brunette
12: There Will Be a Reckoning
13: Handyman Blues
14: Sexuality
15: California Stars (Woody Guthrie-Song)
16: A New England

17: Accident Waiting to Happen (Z)


Aus unserem Archiv:

- Billy Bragg, Paris, 25.09.2008
- Billy Bragg, Karlsruhe, 13.11.2013


Dienstag, 5. August 2014

Patti Smith and her Band, Breitenbach am Herzberg, 01.08.2014

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Konzert: Patti Smith and her Band
Ort: Main Stage, Burg Herzberg Festival
Datum: 01.08.2014
Dauer: 94 Minuten
Zuschauer: einige tausend


Alle Fotos: © Katja Charlotte Rohr


Rückkopplungen, hohes Fiepen und Feedbacks gleich zu Beginn wecken unangenehme Erinnerungen an meine erste Konzertbegegnung mit Patti Smith. Diese liegt nun über drei Jahre zurück und war gezeichnet von einer grippegeschwächten Musikerin, die sich mit großer Würde versuchte durch den Abend zu retten. Heiser krächzend, immer wieder entschuldigend, konnte sie das Akustikkonzert im Frankfurter Mousonturm nicht den eigenen Ansprüchen – und denen der Zuhörerschaft – gerecht werden lassen. Ihr Gitarrist Lenny Kaye sang ganze Stücke, „Helpless“ von Crosby, Stills, Nash & Young fasste sinnbildlich alles zusammen. Der Abend missriet allen Rettungsversuchen zum Trotz.


Die großen Soundprobleme bei „Dancing Barefoot“ zu Beginn lassen auch auf dem Burg Herzberg Festival Schlimmes befürchten Würde meine zweite Livebegegnung mit der Punk-Poetin diesmal von der Technik getrübt werden? Smith mit großer Lesebrille und Hut, traditionell in ein weites, schwarzes Jacket, Jeans gekleidet mit Herrenschuhen an den Füßen, entschuldigt sich sofort. Eine kurze Pause folgt, die andeutet, dass es sich die Smith nicht nehmen lassen würde, bei einem ihrer raren Festivalgastspiele für den ganz großen Wurf auszuholen. Denn was dem etwas verunglückten Start folgt, ist Epochales, das meine ewige Top Ten knacken könnte und schon jetzt ein heißer Anwärter auf das Konzert des Jahres ist.
Die 67-Jährige kredenzt eine Mischung aus ihrem reichhaltigen Repertoire, Klassiker, die niemals fehlen dürfen, werden selbstredend gespielt, doch ist es ein Zeichen ihrer unumstrittenen Klasse, dass neuere Stücke qualitativ nicht im geringsten abfallen. Ihre Musiker, allen voran Lenny Kaye, ihr Gitarrist seit frühsten Patti-Smith-Group-Zeiten, geben der wichtigsten Wegbereiterin eines feministischen, emanzipatorischen Gesichts der Popkultur Rückhalt. Den kann sie nutzen, um mit ausgebreiteten Armen und wackelnden Fingern an die Eintracht im zwischenmenschlichen Leben zu appellieren. Es sind Gesten wie diese, die auf dem größten Hippie-Festival Europas ihre volle Wirkung entfalten können.

„Redondo Beach“ und „Distant Fingers“, geliebte Songs ihrer wichtigen ersten beiden Alben „Horses“ und „Radio Ethiopia“ machen den Zuschauern im direkten Anschluss an „Dancing Barefoot“ früh im Set den Zugang leicht.
 Sie sei mit Lenny Kaye über das weitläufige Festivalgelände inmitten der idyllischen Landschaft des Vogelsbergs gelaufen, habe eine beeindruckende Stimmung vorgefunden, weiß Patti Smith nun mit gütigem Lächeln zu berichten. Die Menge klebt dem namhaftesten Act des Festivals an den Lippen, als dieser „Ghost Dance“ vom besonders populären dritten Studiowerk „Easter“ ankündigt. Vor fast vierzig Jahren habe sie den Song mit Lenny Kaye geschrieben und heute passe er besonders gut, betont sie und widmet die düstere Folkballade mit dem unheimlich-treibenden Akustikgitarreneinsatz allen Besuchern. „We shall live again“. Smiths unnachahmliche Art zu singen, kommt mit zunehmenden Alter und ungewollten Brüchen in der Stimme heute noch besser als in den 70ern. Ihre bloße Präsenz genügt, um die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ihr Charisma ist phänomenal. Dass sie dabei im Gegensatz zu anderen Künstlern ihres Kalibers weder auf unnahbare Distanz (Bob Dylan, Lou Reed oder meist auch Neil Young) geht, noch im Ruf steht ihre Launen am Publikum auszulassen (neben den eben genannten unter anderem Van Morrisson) bestätigt sich nach dem, dem „late and great“ Johnny Winter gewidmeten „Beneath the Southern Cross“, als sie während „People Who Died“ in den Fotograben steigt. Schnurstracks läuft sie auf ein kleines, vielleicht fünfjähriges Mädchen am rechten Zuschauerrand zu. Legt ihm die Hände auf den Kopf, hält die Ohren zu.
Auf der Bühne singt Lenny Kaye derweil den Song ihres vor fünf Jahren verstorbenen engen Freunds Jim Carroll. Die Securities verstehen Smiths Geste, bringen den Kindern Ohrstöpsel. Lächelnd reicht Patti Smith ihnen Plectrums aus ihrer Jackentasche, bewegt sich zur anderen Seite, wiederholt dort das Prozedere.



Wieder auf die Bühne gestiegen, ertönt das einnehmende Bass-Intro von „Ain't It Strange“. Es ist das große Gütesiegel dieses Konzerts, dass es keinerlei Schwachpunkte hat. Im rötlich-gelben Abendsonnenschein getüncht, erscheint die Bühne im schönsten Licht. Es ist ein Moment, wie man ihn in dieser Schönheit nur auf Festivals erleben kann. Auf der Akustikgitarre beginnt die New Yorker Ikone das nächste Stück. Abbruch. Der Song habe nur einen einzigen Akkord und sie habe den falschen gespielt, flachst sie. Dann breitet sich wieder das bekannte Lächeln auf ihrem Gesicht aus, als sie freudig Ousmane Ag Mossa als Gast ankündigt. „I stole this beautiful man, who gave us such beautiful music“, berichtet sie. Schüchtern betritt der Gitarrist und Sänger der Tuareg-Band Tamikrest aus Mali, die am frühen Abend spielte und Patti Smith sehr beeindruckte, die Bühne. Ebenso eindrucksvoll gerät dann die spontane Kollaboration für „Banga“, den Titeltrack ihres jüngsten Studioalbums. Als zusätzlicher Rhythmusgitarrist fügt sich der Hauptsongschreiber einer der wichtigsten afrikanischen Bands der Gegenwart grandios ins Ensemble ein. „Banga“ gerät mit seinem aufrüttelnden Text und der aufregenden Performance zum großen Höhepunkt. Lenny Kaye beginnt wie ein Hund zu bellen. Smith setzt mit Wolfsgeheul ein. Mit Knurren und Keifen endet die glanzvolle Darbietung des neusten Stücks, das das Publikum auf dem Burg Herzberg Festival zu hören bekommt.
„Pissing in a River“ verstört auch Jahrzehnte nach der Aufnahme noch mit seiner schonungslosen Gleichgültigkeit. Dann folgen die großen Hits. Das gemeinsam mit Bruce Springsteen geschriebene „Because the Night“ verbleibt bis heute als bekanntester Song, der entsprechend lautstark von tausenden Festivalgängern mitgetragen wird. Ein One-Hit-Wonder, wie gerne behauptet wird, ist sie natürlich keinesfalls. Dass „Land“ daraufhin mit dem bekannten Gedicht beginnt, punkige Gitarren auffährt, um schließlich mit „Gloria“ zu verschmelzen, ist ein fantastischer Zug, der diese Feststellung nur bestätigt. Begeistert wird der Refrain gesungen, das reguläre Set endet.
Als Zugabe kommt „Rock 'n' Roll Nigger“ so unvermeidlich wie fantastisch. Die Haare der Sängerin wehen umher, Hände werden gereckt. Der Aussätzigen-Kampfslogan „Outside the society is where I wanna be“, wird zum umgedeuteten Credo des Abends, alle Aussichtslosigkeit weicht in allumfassende Harmonie.



Die Brille hat Patti Smith längst abgezogen, ihren Hut auch. Ihr Haar ist inzwischen fast weiß und liegt strähnig auf ihren Schultern. „Rock 'n' Roll Nigger“ ist vorbei, als Smith noch einmal versöhnlich ins Rund blickt. Viele haben Tränen in den Augen, als sie im Anschluss an den großen Punksong, der so vielen Grungebands zur Blaupause wurde, die friedliche Kraft des musikalischen Protests und das wichtige Erbe der Hippie-Kultur beschwört: „This is the weapon of my generation“, sagt sie auf ihre Gitarre zeigend, „the only weapon you need and it never runs out of ammunition.“ Die Menge tobt, Smith dankt: „This is the way festivals should be.“ Die abschließenden Worte und die Ankündigung hoffentlich zurückzukehren, fügen sich nahtlos in die Stimmung eines großen Abends ein. Nach dem Konzert gibt es für die Kinder aus den ersten Reihen ein Wiedersehen mit einer Künstlerin, deren Schaffen in einer Reihe mit dem Bob Dylans, Neil Youngs oder Lou Reeds bestehen kann. Während uns Journalisten der Wunsch auf Interviews nämlich verwehrt wurde, lädt Smith die Kinder zu sich in den Backstage ein.
Ein Kind hält den Mund“, schloss Bertolt Brecht, zu dessen Grab die Amerikanerin bei Aufenthalten in Berlin stets pilgert, sein Gedicht „Was ein Kind gesagt bekommt“. Dass sie nun ausgerechnet besonderes Interesse an Kindern hat, ist da wenig überraschend. Reine Affirmation ist schließlich das letzte, was sich die zeitlose Dichterin im Rockstargewand für die Zukunft wünschen dürfte.




Setlist Patti Smith and her Band, Burg Herzberg Festival:

01: Dancing Barefoot
02: Redondo Beach
03: Distant Fingers
04: Ghost Dance
05: My Blakean Year
06: Beneath the Southern Cross (Johnny Winter gewidmet)
07: People Who Died (Jim Carroll Band-Cover; gesungen von Lenny Kaye)
08: Ain't It Strange
09: Banga (mit Ousmane Ag Mossar)
10: Pissing in a River
11: Because the Night
12: Land
13: Gloria (Them-Cover)

14: Rock 'n' Roll Nigger (Z)


 

Konzerttagebuch © 2010

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