Montag, 16. Juli 2012

Madness, Stuttgart, 05.07.12


Konzert: Madness
Ort: Schlossplatz, Stuttgart (JazzOpen Stuttgart]
Datum: 05.07.2012
Zuschauer: zu wenige... vielleicht 700



Text und Foto von Jens K. aus Stuttgart


Das mit dem Stuttgarter Jazz Open und dem Jazz ist so ein Sache. Genauso wie beim Jazzfestival im schweizerischen Montreux versuchen die Veranstalter vielmehr eine Art musikalisches Crossoverprogramm auf die Beine zu stellen. Im Falle einer gelungenen Umsetzung können so zweifelsohne besondere Konzertmomente entstehen, voller Magie und popmusikalischer Perfektion. Als Anfang des Jahres mit Madness, die neben den Specials wohl wichtigste Ska-Formation der Musikgeschichte als Act des eröffnenden Abends bestätigt wurde, war ich sofort Feuer und Flamme. „Da gehe ich, keine Frage.“ dachte ich mir damals bis ich sah, dass die günstigsten Karten für knapp 60 Euro zu haben waren. Nichtsdestotrotz wollte ich die letzte Option ziehen und versuchen mit meiner Freundin günstigere Karten auf dem Schwarzmarkt zu ergattern. Bereits nachmittags vor Konzertbeginn machte ich in meiner universitären Mittagspause die Erkenntnis, dass der Preis für Stehplätze um zwanzig Euro gesenkt wurde. Doch auch vierzig Euro erschienen mir zu teuer, so dass ich nach einigen hin und her und unschönen Gesprächen mit gierigen, professionellen Schwarzhändlern, die einem regelmäßigen Konzertgänger häufig das liebste Hobby unnötig erschweren, Karten für einen absolut unangemessen niedrigen Preis kaufte.

Vor der Bühne angekommen wurde klar, warum der Veranstalter versuchte mit reduzierten Karten Leute zu locken. Innenraum und Ränge, mindestens für 5000 Leute angelegt waren nahezu leer. Wenn man sich ein nicht ganz ausverkauftes Konzert in der kultigen, alten Frankfurter Batschkapp vor Augen führt, kann man sich in etwa vorstellen, wie viele Besucher zu Madness kamen.


Wie keine zwei Wochen zuvor beim Auftritt der wiedervereinigten Stone Roses auf dem Southside Festival kam es mir erneut so vor, als könnten deutsche Konzertgänger wahre Perlen nicht wertschätzen. Doch die wenigen, die sich im Rund vor der Bühne sammelten, zeigten sich sofort offen als wahre Fans. Gealterte Skins in chicen Ben-Sherman-Hemden, engen Jeans, Doc Martins an den Füßen und Hosenträgern, neben Mods in Fred Perry Polos und gut sitzenden Mofahelmfrisuren warten auf den Auftritt echter Helden. Es wird geraucht, Bier getrunken. Überall hört man englische Satzfetzen. Der Regen gießt in Strömen, während es immer noch Außentemperaturen von über 30 Grad hat.

Als Madness schließlich die Bühne betreten, kennt es kein Halten mehr. Die Band, komplett in schwarzen Anzügen mit Sonnenbrillen. Mit Ausnahme der Bläsersektion in roten, an englische Garduniformen erinnernden Jacketts. Sänger Suggs tritt ans Mikrophon. Jeder, wirklich jeder, weiß was jetzt kommt. Und so schallt es im Kollektiv synchron zu Suggs Worten:“Hey you, don't watch that, watch this / This is the heavy heavy monster sound / The nutsiest sound around / So if you've come in off the street / And you're beginning to feel the heat / Well listen buster / You'd better start to move your feet / To the rockin'est, rock-steady beat of Madness / One step beyond.“ Für die nächsten 75 Minuten gleicht das gemischte Publikum einer einzigen Moddisco. Der jüngere Indiejünger mag sich dabei an eine der schönsten Zeilen aus Pete Dohertys Babyshambles Hit „Delivery“ erinnert („See if you can, take the man, go round town / Where all your skins and mod’ / You get together / Make pretend / It’s 1969 forever / Find a girl, have a drink, / Have a dance and play“). Ganz so lange gibt es Madness zwar noch nicht, aber zehn Jahre weniger sind auch eine verdammt lange Zeit. Eine Zeit, in der Unmengen an Hits entstanden sind, die längst englisches Kulturgut sind, im gleichen Maß wie die Ska-Heroen saus Camden Town selbst ihren festen Platz im kulturellen Inventar der größten Popnation eingenommen haben.

Wie viele Bands hatten sonst schon ihr eigenes Musical, Konzert mit Morrissey im Vorprogramm und fast jährlich ein eigenes Festival? Hmm. Bitte fangt nicht mit Queen an. Oder Abba. Da treffen auch nur die wenigsten Punkte zu. Apropos Queen. Welche Popband außer Madness hat bereits auf dem Dach des Buckingham Palace in London gespielt und die komplette Fassade mit ins Bühnenbild integriert, wie es vor wenigen Wochen beim Diamanten Thronjubiläum der Queen geschah. Niemand. Richtig. Dazu noch Paul McCartney die Show gestohlen.Respekt. Umso trauriger ist es natürlich, wenn man den riesigen Freiraum in Baden-Württembergs Hauptstadt betrachtet.

Chris Foreman, Mike Barson, dem großartigen Saxophonisten Lee Thompson, Chas Smash, Danniel Woodgate, Graham Bush und dem fantastischen Graham „Suggs“ McPherson scheint es jedenfalls wenig auszumachen. Ein bezauberndes Bild liefert der zweite Sänger Chris Foreman, als er mehrfach vergebens versucht eine Zigarette anzuzünden (später dient das Saxophon Thompsons kurzerhand als Aschenbecher) , was ihn zu einem kleinen Wutausbruch einem Roadie gegenüber verleitet und Suggs zu einer sehr interessanten Tat animiert, von der ich mich mittlerweile Frage, ob es sich bei ihr nicht doch um ein klassisches Ska-Band-Ritual handelt. Das Zertrümmern der Uhr am Bühnenrand. So erlebte ich die gleiche Situation bereits vor zwei Jahren als ein Mitglied der Specials auf dem Southside-Festival ebenfalls eine Uhr zerschlug, was sogar eine blutige Hand zur Folge hatte und einen Bandkollegen dazu brachte den vor ihm stehenden Ventilator vor der Bühne zu treten. Haarscharf am Rücken eines Ordners vorbei.

Doch zurück zu Madness. Anfangs erwähnte ich bereits die enorme Hitdichte, deren Hochkarätigkeit sich wohl am besten in Namen nennen lässt. Das unübertreffliche„The Sun And The Rain“, der Nummer-1-Hit „House of Fun“, „My Girl“ oder „It Must Be Love“. Natürlich auch „Our House“, der leider einen bitteren Beigeschmack mit sich trug. So wirkte es so, dass viel der anwesenden klischeehaften Stuttgarter Spießer der gehobenen Bourgeoisie lediglich auf diesen Hit aus ihrer Jugend gewartet zu haben schienen und versuchten aus sich rauszugehen. Schade. Aber immerhin. Der Rest tanzte ohnehin in grenzenloser Leidenschaft.

Saxophonist Lee Thompson durfte nach Suggs zynischer Frage, warum man Madness auf einem Jazz-Festival spielen lasse, schließlich sei man nicht Sting und habe keinen Song wie „Dedodododedadada“ und möchte auch nicht George Benson verwechselt werden, schließlich „Bed and breakfast man“ singen und erinnerte nicht nur äußerlich an eine Szene aus „Blues Brothers“. Später gibt Suggs den Beatles-Klassiker „Help“ a-cappella stilvoll und singt mit NW5 einen neueren Song aus dem Jahr 2007, der – so seltsam es klingen mag – für den deutschen Film „Neues vom Wixxer“ aufgenommen wurde (das dazugehörige Video auf youtube kann ich nur wärmstens empfehlen).

Als Zugaben gibt es „Madness“, quasi den Taufpaten der Band“, eine Version von Edvard Griegs „Hall of the Mountain King“ aus der Peer Gynt Suite und zum Schluss „Night Boat To Cairo“. Ein letztes kollektives Mitsingen und Tanzen. Der Regen hat aufgehört. Nass ist man trotzdem. Schweiß tropft. Erschöpft, aber glücklich. Band und Publikum. Und das schon nach 75 Minuten. Suggs Handtuch, das dieser meiner Freundin zuwarf kam da gerade recht.

Dass die eingangs erwähnte musikalische Melange auch als Tritt im buchstäblichen Fettnäpfchen enden kann, bewies man nur wenige Tage später: Am Sonntag folgte beim Stuttgarter Jazz Open ein Auftritt von Katie Melua gemeinsam mit den deutschen Pseudojazzern Till Brönner und Roger Cicero, den der Schlagzeuger einer nicht unbekannten Formation der Hamburger Schule in einem Gespräch mit mir als „Konzertkollaboration Satans“ bezeichnete. Da war es voll. Ehre dem, der da nicht an Faust denkt.

Setlist:


One Step Beyond (Prince Buster Cover)
Embarrassment
The Prince
My Girl
The Sun And The Rain
Take It Or Leave It
Misery
Shut Up
Bed And Breakfast Man
House Of Fun
Help (Beatles Cover)
NW5
Our House
It Must Be Love (Labi Siffre Cover)


Madness (Prince Buster Cover)
In The Hall Of The Mountain King
Night Boat To Cairo

Aus unserem Archiv:

Madness, Paris, 28.08.09




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