Sonntag, 1. Juli 2012

Jack White & First Aid Kit, Berlin, 26.06.12


Konzert: First Aid Kit + Jack White
Ort: Tempodrom Berlin

Datum: 26.06.2012

Zuschauer: ca. 4000 (ausverkauft)

Konzertdauer: 40 Minuten First Aid Kit; 90 Minuten Jack White



von Markus aus Berlin

Es klingt ja immer noch fast wie ein Märchen, was Klara und Johanna alias First Aid Kit für einen bisherigen Werdegang hatten. Ich habe die Beiden an diesem Abend schon zum dritten Mal erleben dürfen. Davor sah ich sie in der Kantine des Berghains, dann im Postbahnhof und an diesem Abend als Vorgruppe von Jack White im Tempodrom.Ob das wohl funktionieren würde, was ich vorher nur auf kleinen Bühnen erleben durfte?

Als ich beim Tempodrom ankam, war der Vorplatz schon reichlich mit wartenden Zuschauern gefüllt. Keine Minute verging, und ich wurde von einem gepflegten Herrn gefragt, ob ich noch ein Ticket zu verkaufen hätte. Das musste ich leider verneinen. Entweder benahm ich mich an diesem Abend besonders auffällig oder die Suchenden waren besonders verzweifelt, aber ich sollte noch mehrfach angefragt werden. Im Gegenzug sah ich niemanden, der mit einem Ticket wedelte. Zuletzt erlebte ich das bei Beach House so deutlich.


Ich betrat den Neubau des Tempodroms an diesem Abend zum ersten Mal. Äußerlich hat er mich noch nie sonderlich angesprochen. Außerdem gehe ich nur eher selten auf Konzerte dieser Größenordnung. Immerhin fasst das Tempodrom an die 4000 Zuschauer - und die würden auch an diesem Abend zu erwarten sein, denn Jack White hat die Halle ausverkaufen können. Ich hatte eine Karte für den Innenraum. Als ich diesen betrat, wurde mir irgendwie mulmig. Es stimmt was oft geschrieben wurde - das Tempodrom gleicht einem antiken Amphitheater in modernem Gewand. So stand ich recht weit vor der Bühne und war durchaus beeindruckt und auch ein wenig eingeschüchtert.


Um kurz vor acht kamen dann First Aid Kit auf die geräumige Bühne. Schick sahen sie aus in ihren bunten Gewändern. Und sogleich, ohne viele unnötige Worte zu verlieren, starteten sie ihr Set mit King Of The World, was kraftvoll und lebendig dargebracht wurde. Es waren noch die beiden gleichen Schwestern wie zuletzt nur bekam ich sofort den Eindruck als würden sie noch viel mehr ins Zeug legen als ich das bislang gewohnt war. This Old Routine folgte direkt danach - ohne Pause. Das Tempo wurde hoch gehalten. Machte richtig Spaß den beiden Frauen auf der Bühne zuzusehen und auch sie genossen es sichtlich. Johanna erlebte ich bei den beiden anderen Konzerte eher zurückhaltend - an diesem Abend war sie äußerst präsent. Ergänzt wurden die Schwestern wieder durch den mir schon bekannten Schlagzeuger, welcher sich aber eher unauffällig im Hintergrund hielt. Vor Blue stellte Klara kurz die Band vor. Alleine dieser Auftritt war es schon wert, sich an diesem Abend auf den Weg gemacht zu haben. Der Applaus wird immer stärker und es folgt eines meiner Lieblingslieder von Fever Ray als auch von First Aid Kit: When I Grow Up. Phantastisch in beiden Versionen und mein Favorit an diesem Abend was wohl auch persönlicher Natur war. Ich war unsicher, ob ich mit der Musik in einer solchen Halle mit tausenden Menschen um mich herum etwas anfangen könnte. Aber es funktionierte so perfekt, wie auch die anderen Male. Mit welcher Souveränität Klara und Johanna vor dem eher untypischen First Aid Kit-Publikum auftraten - unglaublich! Emmylou ist einfach zu schön - und ich freute mich als auch an diesem Abend die Beiden in so guter Verfassung zu sehen. Der dauernde Tourstress scheint ihnen weniger auszumachen als ich mir vorstellen würde. Und auch an diesem Abend lassen es sich Klara und Johanna nicht nehmen höchstselbst am Merchandising Stand zu stehen und zu plauschen und zu signieren. Nachdem sie I Met Up With The King gespielt haben, beenden sie das Set mit The Lion´s Roar. Eines toller Abschluss eines Konzerts, welches mir wieder deutlich machte, dass First Aid Kit noch lange nicht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt sind.


Es folgt dann eine kleiner Umbauphase bei der Herrn mit lustigen Melonen auf dem Kopf in schwarzen Anzügen die bis dahin mit weißen Tüchern verhängten Instrumente enthüllen und letzte Soundchecks machen. Das sieht lustig aus und macht irgendwie Laune mal nicht die schnoddrigen, ungepflegten Männer mit langen Haaren in hässlichen Bandshirts und dicker Wampe beim Umbau ansehen zu müssen. Besonders hat es mir ein Herr mit recht langem Bart angetan, der durchaus ZZ Top Konkurrenz machen könnte. Bevor endlich Jack White die Bühne betrat, wurde noch eine Ansage gemacht, dass weder Filmen noch Fotos schießen erlaubt und erwünscht seien. Netterweise übernahm diesen Job ein Profifotograf, der dann die Bilder kostenlos zum Download auf der offiziellen Bandpage anbot. Eine nette Geste.

Ich muss gestehen, dass ich kein riesengroßer Fan von den White Stripes oder Jack White bin. Ich mag deren Musik, aber ich höre die jetzt nicht so intensiv, dass ich wirklich jedes Lied erkennen könnte. Umso gespannter war ich, ob er mich live begeistern würde.

Vorab: Ja - er hat es getan! Mehr dazu später. Als dann endlich die Band die Bühne betrat, war der Jubel grenzenlos. Der steigerte sich dann sogar noch, als Jack White nachkam. Gestartet wurde nach einem kleinen Intro dreckig mit Black Math der White Stripes.Hinter der Bühne hing ein großes Tuch und das Licht war dezent.Die Scheinwerfer zauberten mit ihrem Aufblitzen ein stimmungsvolles Schattenspiel auf den Vorhang hinter der Bühne. Dabei warf Jack White - wie sollte es auch anders sein - den größten Schatten. Das passte alles so gut zum dreckigen, rockigen und ungehobelten Sound, dass ich das Tempodrom um mich herum vergaß und mich voll und ganz in den Sog des wunderbaren Krachs ziehen lassen konnte. Ja - Krach, denn die Lautstärke war ohrenbetäubend. Ich hatte glücklicherweise ein paar Stöpsel mit und so konnte ich es so weit dosieren, dass ich wohl tagelanges Piepen verhinderte. Freedom At 21 kam gigantisch. Die Band - an diesem Abend hat er sich für seine Jungs entschieden (eine zweite reine Frauenband tourt ebenfalls mit ihm) - machte eine unheimlich gute Figur. Jack White wirkte wie entfesselt, wie er auf der Bühne hin- und her wanderte und es hielt ihm kaum an einem Ort. Der Mann ist Musik - und das lässt er mit einer deutlichen Duftmarke sein Publikum spüren. Jack White ist ein Gesamtkunstwerk, wie er mit seiner Frisur, die mich entfernt an Blixa Bargeld erinnert in seinem schwarzen Anzug über die Bühne fegt. Nach Missing Pieces die erste Nachfrage ans Publikum: How are you doing Berlin? Lauter Jubel war die Antwort. Nach Weep Themselves To Sleep folgte Love Interruption - was live noch mal eine ganz andere Note bekam. Es fliegen die ersten Plastikbecher durch die Gegend. Teils mit Bier - teils leer. Ich bin froh, dass ich bis auf ein paar Spritzer verschont bleibe. Das Publikum im Innenraum als auf den Rängen hält es kaum auf der Stellle - Jack White reisst mit. Hotel Yorba ebenso. Mit Trash Tongue Talker bin ich dann völlig eins mit der Musik und auch mit dem Publikum. Haben mich First Aid Kit träumen lassen, so wird man von ihm aus allen Träumen gerissen. Daran ändert das eher ruhige I Guess I Should Go To Sleep, welches ich eher als Rausschmeisser erwartet hätte, als mitten im Konzert. Mein persönlicher Favorit vom aktuellen Album Hypocritical Song ist live an diesem Abend noch intensiver als auf der Platte. Liegt vielleicht auch daran, dass um mich herum ein Großteil des Publikums wohl eingefleischte Fans sind, die mit den Lippen auch jedes Lied mitsingen können und Klatschen, Hüpfen und die Köpfe im Rhythmus umher werfen.


Ich weiß gar nicht mehr an welcher Stelle des Konzerts das Tuch im Hintergrund gefallen ist und den Blick auf drei weitere Tücher freigab, die dann im blau angestrahlt wurden. Das hört sich spartanisch an - und das ist es auch - die ganze Bühnendeko und auch die Lichtshow hält sich dezent im Hintergrund und setzt kleine Akzente. Aber das wirkt durch die Zurückhaltung eher noch stimmiger und kraftvoller als ein Feuerwerk der Lichteffekte. In dem schwachen Licht der Band beim Bearbeiten des Schlagzeugs, der Violine, dem Klavier und so weiter zuzusehen ist ganz großes Kino. Es folgen I Cut Like A Buffalo (richtig heiß) und The Hardest Button To Button (schön dreckig aggressiv mit viel Jubel). Bei Two Against One bleibt mir beim Intro fast das Herz stehen so großartig wird es eingeleitet. Der Pianist nimmt sich dafür ein Instrument, welches ich nur unter dem Namen Melodica kenne zur Hand und bläst zu den Klängen der Akustikgitarre. Dazu noch die Autoharp im Hintergrund. Phantastisch. Das erinnert mich entfernt an Spiel mir das Lied vom Tod und die Szene auf der Bühne ist für mich nicht minder ergreifend. Dem schließt sich Blunderbuss vom aktuellen Album sehr passend an. Überhaupt ist die Setlist gut zusammengestellt. Keine Hänger und Langeweile kommt eh nicht auf, so wie Jack White und seine Band agieren. Bei We´re Going to Be Friends singt das ganze Publikum mit. Auf den Rängen hält es schon lange kaum mehr jemanden auf seinen Sitzen. Erst recht nicht beim darauffolgenden Steady, As She Goes. Jack White hält es auch nur immer kurz am Mikro - ansonsten wandert er in den Lücken die ihm die Band lässt umher. Nach Ball And Biscuit ist erstmal Schluss. Die Band verschwindet und auf die Bühne eilen die Melonenmänner, um sich der Gitarren zu bemächtigen, die sie wohl hinter der Bühne nachstimmen. Das Publikum ist außer Rand und Band - und es wird frenetisch geschrien, gejubelt, applaudiert und sonstwas, um Herrn White und die Gefolgsleute wieder auf die Bühne zu zwingen. Minutenlang geht das so.Die Zugabe besteht dann aus Sixteen Saltines, The Same Boy You´ve Always Known und ja - er hat es wirklich getan - in der Hochphase der EM kam als letzte Zugabe Seven Nation Army. Mit schöner dumpfer Gitarre und Dauergehopse des Publikums. Und dem passenden Gejaule, dass wir seit Jahren aus diversen Sportstadien kenne. Gut - geschenkt. Zurück lässt uns Jack White nebst Band in der brutalen Realität eines sommerlichen Berlins. Seine Rockshow hätte mir noch weiter Spaß machen können - aber vielleicht ist das so bei der Bekehrung - man wird auf jeden Fall wiederkommen, wenn der Messias wieder in der Stadt predigt.

Setlist Jack White:

Black Math
Freedom At 21
Missing Pieces
Weep Themselves To Sleep
Love Interruption
Hotel Yorba
Trash Tongue Talker
I Guess I Should Go To Sleep
Hypocritical Kiss
I Cut Like A Buffalo
The Hardest Button To Button
Two Against One
Blunderbuss
We´re Going To Be Friends
Steady, As She Goes
Ball And Biscuit
Sixteen Saltines
The Same Boy You´ve Always Known
Seven Nation Army


Aus unserem Archiv:

First Aid Kit, Köln, 14.02.12
First Aid Kit, Barcelona, 26.05.10
First Aid Kit, Paris, 07.04.10
First Aid Kit, Köln, 01.12.09
First Aid Kit, Wiesbaden, 30.08.09
The Raconteurs, Paris, 29.08.08
The White Stripes, Paris, 11.06.07


Videos:


http://www.youtube.com/watch?v=OeTDz7NTKV8
http://www.youtube.com/watch?v=CxEmx6JnC_Q


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