Montag, 16. Juli 2012

Gisbert zu Knyphausen, Erbach, 15.07.12


Konzert: Gisbert zu Knyphausen (Heimspiel)
Ort: Weingut Baron Knyphausen, Erbach
Datum: 15.07.2012
Dauer: Gisbert zu Knyphausen 115 min, Cäthe gut 70 min, Mika Doo knapp 30 min
Zuschauer: sicherlich gut 1.000 (ausverkauft)


Von einem wahrgewordenen Kindheitstraum sprach Gisbert zu Knyphausen, als er zum ersten Mal die Bühne im Garten seines Elternhauses betrat, um uns zu begrüßen. Das breite, etwas verlegene Strahlen im Gesicht unterstrich das, es war keine Koketterie zu spüren. Auch wenn es nicht das erste Heimspiel auf dem Familiengut im Rheingau war, begeisterte es den Sänger sichtlich. "Die Bühne sieht viel größer aus... als im Prospekt."

"Heimspiel" auf dem elterlichen Weingut trifft es zwar genau, vermittelt aber auch einen etwas falschen Eindruck. Es beschreibt es gut, weil die Veranstaltung den Charme eines Sommerfestes unter Freunden hatte (von denen einer Platz im Garten hat); es täuscht aber auch ein wenig, weil der Tag viel zu perfekt und charmant organisiert war, als man das erwarten durfte. Das Weingut der zu Knyphausens liegt im kleinen Erbach am Rhein und war trotz zahlreicher Straßensperrungen unterwegs gut erreichbar. Da die Parkplätze neben der Einfahrt schon belegt waren, wurden wir zwischen Weinreben auf eine Wiese auf der anderen Seite des Anwesens geleitet. Am Einlaß wurde auf Posereien wie Bändchen verzichtet, dafür bekam jeder ein Weinglas mit eingeätztem Logo der Veranstaltung in die Hand gedrückt- als Souvenir und Hilfsmittel. Irgendwer von den sicher gut 1.000 Zuschauern hatte zwar auch ein Bier in der Hand, getrunken wurde aber natürlich Wein - in ordentlichen Mengen. So was kennt man wohl sonst nur von Hannes Wader Liederabenden. An den Weinständen verzichtete man auf Gläser, die hatten ja alle Besucher bekommen. Ein praktisches und schönes System!

Als wir ankamen, schien die Sonne (Sommer Euphemismus: es regnete nicht, wäre treffender!). Auf dem sehr großen und sehr gepflegten Gelände, das von Weinstöcken begrenzt wird, standen Pavillons mit Ess- und Weinständen - der Großteil der Besucher hatte sich aber schon versorgt und saß auf der Wiese. Nachdem wir unsere Weineinkäufe ins Auto gebracht hatten (und beim Verlassen des Hofs ein Bändchen für den Wiedereintritt bekamen - so geht das auch, liebes Open Source Festival), kamen wir rechtzeitig zu ersten Band wieder.

Mika Doo, Sängerin Mika und Gitarrist Gordon, eröffnete mit einer halben Stunde Bluesrock im Stile der Kills, mit Regentänzen der Sängerin und mit einer etwas affigen Attitüde, die so gar nicht in das entspannte Ambiente des Weinguts passte. Mika lebt offensichtlich in London - allerdings noch nicht lange genug, um nicht mehr Deutsch zu sprechen, das machte sie nämlich akzentfrei. Es war auch nicht davon auszugehen, daß ihretwegen furchtbar viele Engländer angereist waren. Das sie ihre Ansagen komplett Englisch hielt, war also ein wenig merkwürdig ähh strange. Vor dem letzten Stück steigerte sie es so weit, daß sie eine deutsche Übersetzung im Anschluß ankündigte. Wahrscheinlich hätte ich mich darüber weniger mokiert, wenn ihr nicht auch ihr britischer Gitarrist Gordon ganz am Anfang ein "speak German!" zugezischt hätte. Das passte aber wohl nicht zum Selbstbild der Diva mit der Sonnenbrille, die wahrscheinlich ursprünglich aus Hildesheim oder Fulda stammt.

Mit Cäthe aus Hamburg ging es weiter. Den Namen der Sängerin hatte ich irgendwann im vergangenen Jahr aufgeschnappt. Das, was da zu lesen war, klang interessant, reichte aber nicht, mir ihre Debütplatte Ich muß gar nichts zuzulegen. Irgendwann schnappte ich dann ein Lied im Radio auf, das ich aber schnell wieder aus dem Ohr verlor. Trotzdem war ich gespannt auf die Sängerin, die in Gisberts Garten mit Band auftreten sollte. Das verzögerte sich aber noch, weil es technische Probleme gab. Die Monitordatei konnte nicht mehr geladen werden (für die, die schon mal von so Sachen wie Monitordateien gehört haben). Der Gitarrist lieferte beim Bemühen, die Technikprobleme zu lösen, meinen Lieblingssatz des Tages. "Es ist relativ topfig vom Klang und feedbackt ein wenig." Sowas hätte ich gerne mal in einem Liedtext!

In Cäthes Texten kamen dagegen ziemlich viele Babies vor. Babe hier, Baby da; die zogen sich wie ein roter Faben durch die Musik der jungen Frau.

Cäthe machte einen extrem sympathischen Eindruck und wird ganz sicher eine gute Karriere vor sich haben, für mich ist ihre Musik allerdings nichts. Mir ist während ihres gut 70-minütigen Auftritts auch aufgefallen, woran das liegt. Ich mag keine weiblichen Rockstimmen. Ich mag weiblichen Punk, weiblichen Wave, weiblichen Pop und weiblichen Folk. Aber Rock mit Frauenstimme löst vermutlich tief sitzende Traumata aus, hervorgerufen durch schreckliche Erscheinungen wie Melissa Etheridge oder Ina Deter. Darunter muß jetzt auch Cäthe leiden, kann ich leider nicht ändern, liebend gerne würde ich ihre Musik mögen, es klappt aber nicht. Glücklicherweise wird die Sängerin aber auch ohne mein Fantum auskommen, Potential für viel Erfolg ist (ganz wertfrei) nämlich da.

Neben eigenen Liedern (vor allem vom Debütalbum) spielte Cäthe auch ein Einstürzende Neubauten Cover (Nagorny Karabach), das mir gut gefiel.

Ich bin froh, daß ich Cäthe jetzt auch live gesehen habe, auch wenn es nicht meine Musik ist. Aber daß dies wirklich nur an mir lag, zeigte sich daran, wie begeistert viele Zuschauer waren.

Setlist Cäthe, Weingut Baron Knyphausen, Erbach:

01: Bleib hier
02: Ding
03: Tiger Lilly
04: Wahre Liebe
05: Kaugummi
06: Bye bye
07: Senorita
08: Leicht schwer zu sein
09: Ewige Braut
10: Nimm mich mit
11: Tu was du willst
12: Nagorny Karabach (Einstürzende Neubauten)
13: Tabularasa
14: Spirituell
15: Unter meiner Haut
16: 105
17: Ich muß gar nichts

Zwischen den Bands lief ein Mixtape mit zum Teil wundervollen Coverversionen fieser Songs. Besonders eine easy listening Super Trouper Version hat es mir mächtig angetan!

Zwischen den Auftritten kamen aber auch Gisberts Bruder Dodo und Vater zu Knyphausen zu Wort. Während Dodo eine Tombola zugunsten der Ortskirche und des Kindergartens veranstaltete, erklärte Gerko Freiherr zu Knyphausen die Geschichte des Weinguts. Auch dies machte einen Teil des Charms der Veranstaltung aus. Die Musik war mir da schon erstaunlich unwichtig geworden, der Tag war wundervoll angenehm und machte Spaß. Obwohl die beiden ersten Bands mich nicht vom Hocker gerissen haben, war der Sonntag so viel angenehmer als mancher Festivaltag mit Bands, die ich liebe. Vermutlich hätte jetzt auch beispielsweise Cro als Headliner den Tag nicht versauen können, ganz schlecht war es aber trotzdem nicht, daß mit Gisbert noch ein Knüller kommen sollte.

Der freudestrahlende Sänger trat um Punkt neun auf. Verschwende deine Zeit bestritt er noch solo, bevor zu Hey die Band auf die Bühne kam. Daß er nicht alleine spielen würde, war angekündigt, konnte aber auch nicht übersehen werden, da Bassist Frenzy Suhr in seinem weißen Sommeranzug auf dem Gelände nicht zu übersehen war (und frisch einer Raffaello Werbung entsprungen schien). Beim dritten Lied (Herzlichen Glückwunsch) verschwimmen meine Notizen, es fing nämlich doch noch an zu regnen. Ein kurzer kräftiger Schauer, der nach den Wasserflecken in meinem Büchlein zweieinhalb Lieder lang anhielt. Dabei blieb es; der Rest des fast zweistündigen Konzerts war trocken (jedenfalls was das Wetter anging).

Gisbert zu Knyphausen hat viele tolle Lieder im Repertoire. Kräne oder So seltsam durch die Nacht oder Sommertag waren auch heute wundervoll (auch wenn ich die gerne einmal in Soloversionen erlebte). Besonders gut gefielen mir aber natürlich die Stücke, die einen direkten Bezug zum Tag hatten (Sommertag gehört nicht in die Kategorie, gibt's ja 2012 nicht). Wenn Gisbert vom Fluß, an dem er geboren wurde, sang (Der erste Mensch heißt das Kid Kropphausen Lied wohl, habe ich irgendwo gelesen) - und dabei auf den 100 m entfernten Rhein deutete, oder es bei Wer kann sich schon entscheiden? "es ist schön, so schön, zu Hause zu sein" hieß, waren das schon die ganz besonderen Momente des Tages. Auch das (vermutlich) sehr persönliche Seltsames Licht gehörte dazu.

Zwischendurch hatte übrigens auch die Zeile "meine Füße tun mir so weh" aus Wer kann sich schon entscheiden? sehr viel Wahres, meine Gummistiefel waren doch nicht die richtige Schuhwahl.

Der Tag bei zu Knyphausens war ein echter Gewinn; die künftigen Ausgaben sind jetzt Pflichttermine! Besser kann man einen Sonntag nicht verbringen!

Lyrics Gisbert zu Knyphausen, Heimspiel, Erbach:

01: Verschwende deine Zeit
02: Hey
03: Herzlichen Glückwunsch
04: Erwischt
05: Der Blick in deinen Augen
06: Kräne
07: Hurra! Hurra! So nicht
08: Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten
09: Der tödliche Schlag
10: Flugangst
11: Grau, grau, grau
12: Morsches Holz
13: Dreh dich nicht um
14: Frau Himmelblau bittet zum Tanz
15: Sommertag
16: So seltsam durch die Nacht
17: Neues Jahr

18: Melancholie (Z)
19: Wer kann sich schon entscheiden? (Z)
20: Seltsames Licht (Z)
21: Der erste Mensch (?) (Kid Kopphausen) (Z)

22: Kleine Ballade (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Gisbert zu Knyphausen, Haldern, 12.08.11
- Gisbert zu Knyphausen, Rüsselsheim, 10.07.10
- mehr Fotos vom Heimspiel 2012



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