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Freitag, 5. Juli 2019

Neil Young and Promise of the Real, Berlin, 03.07.2019

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Konzert: Neil Young and Promise of the Real
Ort: Berlin, Waldbühne
Datum: 03.07.2019
Dauer: 120 min.
Zuschauer: ca. 16.000


Ein Abend der Tradition war das Konzert von Neil Young auf der Waldbühne. Unzählige Male hat er hier schon Station gemacht, immer wieder in anderen Konstellationen. Alleine dieses Jahr ist dies für Neil schon die dritte Kurztour. Crazy Horse, Acoustic und jetzt begleiten ihn die jungen Spunde von Promise of the Real zum zweiten Mal in Berlin.

Eigentlich machen Open Airs ja erst im Dämmerlicht und bei Dunkelheit richtig Spaß. Die Anwohner der Waldbühne sehen das leider anders, daher gilt in der sonst so vogelfreien Stadt schon lange eine strikte Sperrstunde. 


Kein Wunder also, daß die Supportband Bear`s Den mehr als pünktlich um 18:30 Uhr bereits die Bühne betritt. Leider bleibt von deren, eigentlich tollen Folkrock, in der großen Arena nicht viel hängen. Zum einen, weil es Vorgruppen bei Neil Young Fans grundsätzlich sehr schwer haben, aber auch die Band spielt zu gefällig auf, um einen starken Eindruck zu hinterlassen. 

So ist auch nach 30 Minuten ohne Höhepunkte schon das Ende erreicht, lediglich "Agape" mit schönem Waldhorn klingt gefällig. Die neue CD von Bear`s Den ist in dieser Woche erschienen und klingt leider ähnlich belanglos. Schade, die Band hatte mit den ersten beiden CD`s ein hohes Level vorgelegt. 

Nach der Umbaupause schlurfen dann, fast unbemerkt vom red-und bierseligen Publikum, Neil und seine Band auf die Waldbühne. Überschneidungen in der Setlist gibt es bisher kaum, jeden Abend werden scheinbar wahllos die Songs und deren Reihenfolge verändert. "Country Home" eröffnet diesmal überraschenderweise, lange nicht gehört. Danach sofort heftiger Applaus für "Everybody knows this is nowhere" und "Mr. Soul". 


Kleinigkeiten lassen einen spüren, daß Neil sehr gute Laune zu haben scheint. Er grinst häufig über beide Backen, allerdings fast immer nu einer Seite, wenn seine  Bandkollegen ihn zu einem spontanen Jam oder Riff anregen.

Nach dem furiosen Start erkennt Neil dann wohl die sommerliche, entspannte Atmosphäre der Waldbühne und fährt das Tempo merklich zurück. Für die einen ein Segen, bekommt man nun tolle Versionen von "Words", "Winterlong" und akustische Klassiker geboten. Die Altrocker beginnen dagegen langsam, sich etwas zu langweilen. 


Aber an diesem Abend sollten alle noch zu ihrem Recht kommen. Für Hardcorefans gibt es nämlich ein besonderes Schmankerl. Zwei mit Promise of the Real noch nie live gespielte Stücke: "Over and Over" und das hier herausragende und selten vorgetragene "Danger Bird". Das alles passiert, bevor dann mit drei Feedbacknallern die letzten 45 Minuten eingetütet werden. 

Immer wieder ist es "Love and only Love", das Neil zu Höchstform zwingt. Fast 20 Minuten fliegen hier die Mantra artigen Solos und Lyrics durch die Luft, zerschneiden sie förmlich mit ihrer Spielfreude und Hingabe. Der Song, den alle kennen, "Rockin in a free World" kann dies aber noch toppen. 


Neil verlangt seiner Gitarre "Old Black" alles ab, befreit sie am Ende im Feedbackorkan von allen Saiten und spielt dann den alten Opa mit Hut und Flanellhemd, der er ja eigentlich ist. Er benutzt die Gitarre als Krückstock,  um über die Bühne zu humpeln und zieht Grimassen. Ein Riesenlacher, auch für die Band. 

Die Zugaben sind danach leider entbehrlich. Ein etwas zerschossenes "Roll another Number" und "Piece of Crap" gehören nun wirklich nicht zu meinen Favoriten. Es sei ihm verziehen. Die Waldbühne wurde 1936 erbaut, Neil ist Jahrgang 1945. Es sind die letzten ihrer Art. 


Samstag, 8. Juli 2017

Kesselhaus Acoustics, Berlin, 04.07.17

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Konzert: Kesselhaus Acoustics mit 
      Joel Havea (35 min)
      Bender & Schillinger (30 min)
      AVEC (35 min)
Ort: (ausnahmsweise, da von der Fashion week vertrieben im) Biergarten des Frannz in Berlin (Kulturbrauerei Prenzlauer Berg)
Datum: 4. Juli 2017
Zuschauer: 100 - 200


Als Karlsruherin singe ich oft freiwillig wie gezwungenermaßen das Loblied auf die Kultur in der Provinz. Nun könnte ich noch eine Strophe anhängen, dass die Berliner echt die Klappe halten können, wenn an zwei Juliabenden in ganz Berlin nicht mehr als eine Veranstaltung stattfindet, die so einigermaßen in mein musikalisches Beuteschema passt.... Aber das ist natürlich nur unwichtiges Geplänkel und verblasst neben der Erinnerung an einen sehr gelungenen Abend mit einem mich absolut überzeugenden Konzept - den Kesselhaus Acoustics jeden 2. Dienstag im Hof der Kulturbrauerei in Berlin (die Idee ist aus Hamburg geborgt).
 

Diverse nicht primär musikalische Pluspunkte wären dabei zu nennen: Ein sehr einladender Ort (mit Bonuspunkt: Nur sieben Gehminuten von meinem Quartier entfernt), eine Uhrzeit zu der ich sehr gut aufnahmefähig bin, Bekanntmachung der Abendplanung und auf 15 min genaues einhalten des Planes. Passendes Wetter: Freundlich, trocken und nicht zu warm. Darüber hinaus hatte ich eine Verabredung für den Abend und schließlich statt einem sogar zwei sehr nette Begleiter (auch wenn ich meine Fotos diesmal selbst machen musste). Als Sahne obenauf gab es noch ein unverhofftes Treffen und viel zu lachen mit einem Musikliebhaber-Quintett eine Generation jünger als ich, das ich die letzten Jahre auf dem Alinae lumr Festival traf...


Dieser Gemütlichkeitsbonus war gleichzeitig auch ein gewisser Nachteil, weil die Musik darin zum großen Teil Background-Berieselung wurde und von vorne bis hinten durchgequatscht wurde. Normalerweise hätte mir das alles verleidet, aber was soll's das ist halt ein Teil des Konzeptes, zu dem auch gehört, sich auf die angebotene Musik einzulassen oder eben auch nicht. Der erste Künstler des Abends - Joel Havea - war zum Beispiel eher kein Kandidat mit dessen Musik ich mich weiter intensiv beschäftigen werde. Er war aber für so einen Sommerabend auch ganz passend und ertrotzte sich sogar eine Zugabe.


Die flapsige Bemerkung, ich sei wohl auf der Suche nach Neuentdeckungen traf für mich am ehesten auf das Mainzer Duo Bender & Schillinger zu, die mich bezauberten in der musikalischen Vielgestaltigkeit und mit den beiden Stimmen von Linda Bender und Chris Schillinger. Das war mal Liedermachermäßig mit den zwei akustischen Gitarren, aber es gab auch Rhythmus und eine Saite blieb gar auf der Strecke, als die zweite Akustikgitarre als Schlagwerk diente. Sanfte Klavierklänge schmiegten sich bei Rendevous an mein Ohr. Das war so recht meins und hat mir viel Spaß gemacht.
 

Die österreichischen Gäste AVEC setzten dann den Schlußpunkt für den frühen Abend. Sie reizten den akustischen Rahmen aus und spielten in voller Bandformation: Miriam Hufnagl (Gitarre und Gesang), Andi Häuserer (Gitarre und Tasten),  Lukas Klement (Schlagzeug), Ross Stanciu (Bass) ordentlich druckvoll auf. Da wippten die Zehen. Wir hatten einigen Spaß dabei, dass häufig der Bass das letzte Wort hatte und warteten auf ein Solo von ihm (das es aber dann doch nicht gab...). Bestimmend war dabei die markante Stimme von AVEC. Bei dem wohl bekanntesten Song Granny ging schließlich im Publikum richtig die Post ab, obwohl es ja eher melancholisch ist.

Kesselhaus Acoustics Pläne 2017
18.07. Serafyn (SUI), Nosoyo (NL), Klan
01.08. Phela, Lasse Matthiessen (DK), Hanna Leess
15.08. A Tale Of Golden Keys, Sarah Lesch, Lukas Meister
29.08. Lilly Among Clouds, Meadows (S), Lukas Droese & Band


Tourdaten Joel Havea
08.07. Lübeck Kultur-Sommer-Festival    
15.07. Stein Tatort Hawaii    
17.07. Kiel Forstbaumschule    
22.07. Hamburg Bistro Tati – Zweierabend mit Andy Fite!    
29.07. Hemer Sauerland Park    
30.07. Hamburg Altes Mädchen    
05.08. Gifhorn Open Air KultBahnhof    
02.09. Kiel Frock Summer Festival 




Bender & Schillinger am 26./27.08. in Trier Überall und hier

AVEC on the road



Sonntag, 4. Juni 2017

Eddie Vedder + Glen Hansard, Berlin, 01.06.2017

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Konzert: Eddie Vedder
Ort: Berlin, Zitadelle
Datum: 01.06.2017
Dauer: 120min
Zuschauer: 3.500 (ausverkauft)




Ein grandioser Abend war das, am Donnerstag in der Zitadelle von Spandau. Nicht alles deutete von Anfang an darauf hin. Bestuhlung (nicht immer schlecht), extrem hohe Ticketpreise sowie die Unsicherheit was überhaupt geboten würde, standen vorab im Raum. 

Eine CD von Eddie Vedder gab es lange nicht, eine Band war nicht angekündigt. "Lediglich" Glen Hansard, den als Vorgruppe zu verpflichten schon extrem hohes Selbstbewusstsein voraussetzt, sollte den Abend unterstützen. Vieles kam zum Glück ganz anders.

Die Zitadelle als Veranstaltungsort ist jedenfalls über alle Zweifel erhaben. Bei schönstem Sommerwetter inmitten von Brunnen, alten Gemäuern und riesigen Bäumen ein Open-Air genießen zu können, war schon die weite Anreise wert. 


Selbst die von mir zunächst als Abzocke gewerteten, zusätzlich an den Seiten der Bestuhlung verkauften Stehplätze hatten eine gute Sicht auf die Bühne. Glen Hansard beginnt mit etwas Verspätung, am Eingang wurde jeder sogar mit Metalldetektoren kontrolliert, und nimmt am linken Bühnenrand auf einem Stuhl platzt. 

Wie immer hat er der Publikum innerhalb weniger Sekunden auf seiner Seite: er scherzt, jault, schreit und gibt den Derwisch. Trotz der nur sieben Songs wechseln sich Lieder der "Frames", "Swell Season" und Cover von "Woody Guthrie" ab und bereiten einen so schon mal auf das Konzept des Abends vor.

Wer die Zeit nutzen wollte um einen Ausflug zum Merch zu machen, sah sich getäuscht. Vom Einlass bis zum Ende von Vedders Konzert sollte die Schlange vor dem Zelt nicht abreißen. Am Schluß gab es nur noch Sticker und Buttons. Der übrige Pavillon war komplett leer gekauft. 


Aber auch ohne handfestes Erinnerungsstück sollte es ein Abend werden, den man nicht vergessen sollte. Nach etwas überlangem Umbau der keiner war (die Bühne stand fertig verhüllt da), schlurft Eddie Vedder wie gewohnt mit seiner Lieblingsmappe auf die Bühne, nachdem nochmal ausdrücklich jegliche Handyfotos verboten wurden.

Eddie startet furios, aber immer noch verhalten mit den Pearl Jam Songs "Sometimes", "Wishlist" und "Can`t keep", sowie kürzeren Covern von Cat Stevens "Trouble" und Pink Floyds "Brain Damage". Und schon ist man in seiner Welt, die für viele hier auch die eigene ist.

Eine Setlist nach Lebenslust-und Laune, ein Abend mit alten Freunden der trotzdem nie nostalgisch oder antiquiert wirkt, sondern das Gefühl des Moments aufgreift und weiterträgt. Eddie spielt E-Gitarre, das hier ist kein langweiliger, akustischer Liederabend, allein schon weil man eigentlich die ganze Zeit Gänsehaut hat. Vedders Stimme ist einfach immer noch ein Ereignis.

Und so geht es dann zwei Stunden weiter, 30 tolle Lieder lang. Höhepunkte sind das lange nicht gehörte "Immortality" und die irre "Masters of War" Version von Dylan. Danach eine wütendes "Porch" bei der Vedder so auf dem Stuhl wackelt wie damals beim MTW-Unplugged Konzert. 

Nach 2/3 der Zeit kommt eine angebliche Zugabenpause, einen Unterschied in der Klasse der Songs macht das nicht. Streicher aus den Niederlanden hat Vedder auch noch mitgebracht. Die spielen dann im Zugabenblock eine instrumentale Version von "Alive" während Vedder sich etwas übertrieben feiern lässt. Wahrscheinlich der einzige entbehrliche Moment des Abends.

"Bowie" und die "Beatles" kommen als Cover auch noch vorbei und dann ist es an Hansard den Abend nach Hause zu spielen. Wie sie beide da sitzen, voller Inbrunst und künstlerischer Klasse, dabei so nahbar und voller Freude über den Augenblick und dann zusammen "Falling Slowly" anstimmen, den Song der Hansard den Oscar brachte und vieles auch schwieriger machte, so muss Musik sein. 

Beide Stimmen hallen durch die Zitadelle in die Nacht und Hansards, mit Löchern durchgespielte Gitarre, droht endgültig zu bersten, so hart spielen sich beide jetzt in Rage. "Rockin` in the free world" und eine wahnwitzige Gospelversion von "Hard Sun" beenden den Rausch. Oscar und Hall of Fame, manchmal trifft es einfach auch die Richtigen. 

Vedder zeigt an diesem Abend seine ganze Klasse und ich bin immer wieder überrascht, dass mich seine Stimme auch nach 25 Jahren immer noch so mitnimmt. Hansard ist auf dem besten Weg in die gleiche Liga. Was für ein Abend. 


Sonntag, 7. Mai 2017

The xx, Berlin, 25.02.17

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Konzert: The xx
Ort: Arena Berlin
Datum: 25.02.2017
Dauer: knapp 85 min
Zuschauer: 9.000 (ausverkauft)



Ich habe noch nie lauteren Jubel am Ende eines Konzerts erlebt. Es war nicht einfach lauter Applaus, es klang nach Stadion und entscheidenden Toren. Dabei schien das Publikum um uns rum nicht wegen The xx sondern wegen des Events gekommen zu sein. Klassenfahrt nach Berlin- und Städtetrip-Publikum. Die Gruppe niederländischer Frauen vor, neben und hinter uns, die viel eher Zielgruppe der Band war als ich, unterhielt sich (und uns) ununterbrochen. Normalerweise verdirbt mir alleine das schon ein Konzert, auf das ich mich so gefreut hatte. Eine riesige Halle auch. Und die immer zu der gehörenden anstrengenden Menschen, die irgendwie noch in die kleinsten Lücken zu passen glauben (tun sie nicht). Und rhythmisches Klatschen natürlich! Von all dem gab es zu viel. Trotzdem wurde der Auftritt von The xx so viel besser als objektiv eigentlich möglich. Romy, Oliver und Jamie sind schließlich im Mainstream angekommen und das wird man in der Regel nicht mit unverändert guter Musik, dafür ist der kollektive Geschmack bei uns viel zu mies.



The xx sind jetzt seit acht Jahren auf unserem Live-Radar. Natürlich waren die ersten Konzerte in Deutschland auch schon ausverkauft, sie fanden aber in Clubs wie dem Luxor in Köln (noch zu viert) oder dem Nachtleben in Frankfurt statt. Jetzt ist die Band in den riesigen Sälen angekommen, eine Stufe vor der Sporthalle. Schon am Anfang waren The xx live fantastisch. Mit der zweiten Tour, also wenigstens der zur zweiten Platte packten sie da noch eine ordentliche Schippe drauf. Natürlich war es da schon vielen nicht mehr indie genug. Wenn eine vierstellige Zahl Leute mit mir bei einem Konzert ist, kann die Band ja nicht mehr gut sein. Also las man immer häufiger davon, daß The xx "zu steril" seien, daß die Konzerte langweilig wären, man auch eine CD hören könne. Das ist alles großer Unsinn. So 2012 waren The xx auf dem Zenit. Steril? Ja, das gehört zum Konzept. Dieser gelangweilt klingende Gesang von Romy und Oliver, die meist aneinander vorbei singen (wundervoll!), das mag man oder nicht. Aber langweilig und wie auf CD? Wer das so empfindet, steht vermutlich während des Konzerts an der Bar. Jamie xx, der für all die elektronischen Geräusche (oder eher für alles außer Bass und Gitarre) zuständig ist, zuzugucken, ist spannender als alle Tatorte zusammen. Als ich die Band 2012 in Luxemburg zuletzt erlebt habe, klebten meine Augen auf dem Mann hinten. Ihn zu beobachten, wie er jeden kleinen Beat live erzeugte, war toll! Nein, besser als 2012 würde es heute in den noch größeren Hallen nicht mehr werden können.

85 Minuten später war meine Einschätzung korrigiert. Die können wirklich noch mehr. Selbst die Lieder der neuen Platte, die mir bei den ersten Malen noch nicht so gut gefielen wie die von den ersten beiden, waren live riesige Knüller. Aber vor allem war die Dramaturgie des Konzerts überragend. Es begann eher langsam, am deutlichsten beim von Romy Madley Croft alleine vorgetragenen Performance, dann kam ein Drake Cover und es wurde von Lied zu Lied danciger. Hätte ich vor dem Konzert "dann kam ein Drake Cover und es wurde von Lied zu Lied danciger" gelesen, ich hätte mein Ticket noch verkauft (nein). Aber erstaunlicherweise waren gerade die Lieder mit treibendem Beat besonders grandios. Am meisten entsetzte mich, daß das an den ESC erinnernde Jamie xx Lied Loud places, diese Eurodisco-Hymne, vielleicht das beste Stück des Abends war. Oder Shelter, das einen Techno-Beat verpasst bekommen hat, fastastisch! The xx scheinen wirklich nichts falsch zu machen und ein Gespür für musikalischen Stil zu haben wie kaum eine andere Band zur Zeit. Daß sie damit Nummer eins in zig Charts waren - selbst in Deutschland (und den Niederlanden), sollte man feiern. Die Band dafür zu bestrafen, daß sie den Musikgeschmack in Deutschland verbessert, ist ziemlich dumm. 

Vermutlich war das mein einziges The xx Konzert für eine Weile, so oft ist die Band ja nicht mehr unterwegs, je kleiner die Welt für sie wird. Aber in meinen Jahres Top-10 kommt jede Band eh nur mit einem Konzert vor. Und in meine Bestenliste kommt dieses Konzert auf jeden Fall! Ein perfekter Abend!

Setlist The xx, Arena Berlin:

01: Say something loving
02: Crystalised
03: Islands
04: Lips
05: Basic space
06: Performance
07: Too good (Drake Cover - mußte ich googlen)
08: Brave for you
09: Infinity
10: VCR
11: I dare you
12: Dangerous
13: A violent noise
14: Fiction
15: Shelter
16: Loud places (Jamie xx Cover)

17: On hold (Z)
18: Intro (Z)
19: Angels (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
-
The xx, Esch-sur-Alzette, 23.11.12
- The xx, Barcelona, 31.05.12
- The xx, Köln, 26.08.10
- The xx, Barcelona, 27.05.10
- The xx, Paris, 18.02.10
- The xx, Frankfurt, 03.11.09
- The xx, Köln, 15.10.09

Fotos:

- Archiv und Handy
 



Dienstag, 25. Oktober 2016

Daughter, Berlin, 14.10.16

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Konzert: Daughter
Ort: Columbiahalle Berlin
Datum: 14.10.2016
Dauer: 95 min
Zuschauer: ca. 1200
Fotos: Markus Werner

Die Columbiahalle ist gut gefüllt, ganz ausverkauft ist sie nicht. Ich überschlage und komme auf gut 1200 Besucher. Vom Rang habe ich einen guten Blick auf die Bühne, für Fotos ist es aber schon etwas weit von der Bühne weg.



Nachdem ich Daughter im Juli in Montreux gesehen hatte, war ich nach dem Festivalset neugierig auf ein richtiges Konzert.
Daughter ist ein Trio, in dem neben Elena Tonra der Gitarrist Igor Haefeli und der Schlagzeuger Remi Aguilella spielen. Auf der Bühne sind sie zu viert, leider habe ich den Namen der Keyboarderin nicht herausgefunden.



Sie betreten die Bühne und beginnen ohne Umschweife. Daughter brauchen keine Showeffekte, Videoeinspielungen oder extrovertierte Auftritte. Die heftigsten Bewegungen während des Konzerts vollführt von Zeit zu Zeit Igor Hefeli, wenn er sich vor seiner Pedal-Strecke bei kurzen Soli verbiegt. Die Musik zieht mich von sich aus ebenso in den Bann wie die Texte und Elenas Gesang. Mich faszinieren die Wechsel zwischen zerbrechlicher Stimmung und aufbrausenden Klangkaskaden der Titel. Es schwingt viel Melancholie in der Musik, manches stimmt pessimistisch und dennoch finden Daughter in jedem Lied einen optimistischen Dreh, irgendeinen Trick, dass ich immer wieder fröhlich aus den Songs herauskomme und begeistert nach dem nächsten klatsche. Ich fühle bei Elena Tonra, dass sie Geschichten erzählt, die sie selbst erlebt oder durchlitten hat und meist hat es den Anschein und die Leichtigkeit, dass sie über was auch immer hinweggekommen ist mit ihrer Musiktherapie, aber wer weiß...
Die Lichtstimmung ist über das gesamte Konzert hin sehr dezent und der Musik angepasst und keineswegs Selbstzweck.



Nach dem Konzert in Montreux mit einem 60-minütigen Festivalset erlebte ich hier ein extensives Konzert mit den Songs der beiden letzten Alben. Elena war an diesem Abend nach eigenem Erzählen von Erkältung geplagt, ließ sich nichts anmerken und verschwand nur einmal hinter die Bühne, so dass Igor bemerkte "the singer is missing“. Den stressigsten Job des Abends hatte der Gitarren-Guy, der zwischen den Songs fast immer mit 2 Gitarren unterwegs war, eine für Igor und eine für Elena. So bekam auch er einiges mit wie das Publikum die Band feierte.


Webseite Daughter



Setlist
01. New Ways
02. Numbers
03. Alone/With You
04. How
05. Tomorrow
06. Winter
07. Doing The Right Thing
08. Mothers
09. Love
10. No Care
11. To Belong
12. Human
13. Youth
14. Smother
15. Shallows

16. Medicine (Z)
17. Fossa (Z) 

Aus unserem Archiv 
Daughter, Montreux, 12.07.16
Daughter, Barcelona, 02.06.16
Daughter, Maifeld Derby, 05.06.16
Daughter, Köln, 31.01.16
Daughter, Larmer Tree Gardens, 31.08.13
Daughter, Mannheim, 31.05.13
Daughter, Frankfurt, 16.04.13
Daughter, Köln, 08.04.13
Daughter, Brüssel, 04.04.13
Daughter, Luxemburg, 10.11.12
Daughter, Paris, 07.11.12
Daughter, Haldern, 11.08.12
Daughter, Haldern, 11.08.12 






Dienstag, 19. Juli 2016

Pixies (& Lush), Berlin, 18.07.16

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Konzert: Pixies (& Lush)
Ort: Zitadelle Spandau, Berlin
Datum: 18.07.2016
Dauer: Pixies gut 90 min, Lush 45 min
Zuschauer: knapp 4.000 (nicht ausverkauft)



Einer der beiden Security-Männer am Eingang des Fotograbens schüttelte bei jedem Pixies-Song den Kopf und lachte immer wieder, er fand die Lieder der amerikanischen Band grausam und machte Witze über die euphorischen Reaktionen des Publikums. Daß gerade, als er seinem Kollegen breit grinsend irgendetwas sagte, La la love you mit den Pfeif-Soli startete, machte es den Pixies nicht einfacher, bei ihm zu punkten. Ein paar Sekunden lang versuchte ich, objektiv zu sein und fragte mich, ob er nicht vielleicht recht hatte und wir hier Quatsch feierten.

Bei 50% der Stücke brüllt Frank Black, viele fangen mit "This is a song about..." an. Und dann Indie Cindy! Warum mag ich die Pixies eigentlich so? Sie waren Ende der 80er Jahre wichtiger, manchmal wichtigster Teil meiner musikalischen Sozialisation. Aber deshalb muß ich sie ja heute nicht mehr hören und mögen. "La la love you?" Bitte!


Nach anderthalb Stunden Pixies wusste ich wieder, warum ich die Band aus Boston so liebe. Naja, zumindest, daß ich sie liebe. Unverändert. 

Wegen der Pixies wäre ich allerdings nicht nach Berlin gefahren. Das Ticket war schrecklich teuer - und die Band ist immer mal wieder irgendwo zu sehen, auch wenn sie einen großen Bogen um deutsche Konzertsäle macht. Meine Reiseentscheidung fiel erst, als Lush als Support angekündigt wurden. Meine ersten vier Konzerte meiner liebsten Lieblingsband waren brillant und ich hatte bei weitem noch nicht genug.

Als wir eine gute halbe Stunde vor Lush im Innenhof der Zitadelle in Spandau ankamen, war peinlich wenig los. Open Air im Sommer bedeutet leider auch, daß die Band noch sieht, wie wenig los ist. Gottseidank füllte es sich noch etwas, sodaß der Innenhof der Befestigungsanlage nicht zu peinlich aussah.

Lush hatten zuletzt 1990 in Berlin gespielt, sagte Miki am Anfang der "4AD reunion." Ich kannte eine Menge Leute, die wegen der britischen Band nach Berlin gereist waren. Es war also für einen guten Teil des Publikums nicht bloß eine lästige Vorgruppe sondern der Hauptgrund, den Abend in Spandau zu verbringen.

Seit April habe ich Lush schon viermal gesehen - Nachholbedarf... Jedes der Konzerte war hervorragend. Ich hatte irre hohe Erwartungen an die Band, auf die ich live mehr als zwei Jahrzehnte gewartet hatte. Und die Konzerte liefen nicht bloß glimpflich ab, sie übererfüllten meine Wünsche. Vor der Show in Berlin war ich ein wenig ängstlich, ob die gleiche Setlist auch ein fünftes Mal funktionieren würde. Aber es war wie immer (daß ich das mal bei Lush sagen kann!), ein paar Takte De-luxe und alles war prima!


In dem verkürzten Set gab es keine Überraschungen, also keine neuen Songs, außerdem fehlten ein paar Live-Lieblinge wie Thoughtforms, Etheriel oder Desire lines. Der Rest war neu durchgemischt, klang brillant und funktionierte bei mir auch beim fünften Mal genauso wie seit Jahren auf Platte! 


Vor vier Wochen beim Primavera Festival hatte ich Gitarristin Emma und Bassist Phil interviewt und nach ihrer Lush-Planung gefragt. Eine Platte ist das Ziel, aber sie lebten zur Zeit sehr augenblickbezogen. Alle vier - die drei Mitglieder von damals, Emma Anderson, Miki Berenyi und Phil King und der neue Drummer Justin Welch (Ex-Elastica und der beste Freund des Lush-Schlagzeugers Chris Acland) - haben Jobs und Familien. Der wundervolle Spuk kann also schnell wieder vorbei sein. 


Auch das Konzert war (Übergang deluxe) viel zu schnell vorbei. Aber ganz ehrlich... das war jede Anreise wert! Kiss chase, Sweetness and light, Light from a dead star, Hypocrite, For love... was für Kunstwerke! Glücklicherweise habe ich noch Lush-Tickets für den Herbst. Die Band wird nämlich immer besser. Besonders fasziniert mich Justin. Der Schlagzeuger mußte nicht nur das ganze Repertoire seiner neuen Band sondern auch den Stil seines verstorbenen Freunds Chris lernen. Ich beachte Schlagzeuger immer viel zu wenig, das ist ihr Schicksal, weil sie hinten sitzen. Justin Welch zuzusehen, war ein riesiges Vergnügen!

Ach hätten doch Nirvana nicht den Shoegaze auf dem Gewissen, hätten Lush sicher den Stellenwert, den sie verdienen!

Setlist Lush, Zitadelle Spandau, Berlin:

01: De-luxe
02: Breeze
03: Hypocrite
04: Kiss chase
05: Light from a dead star
06: Scarlet
07: Lit up
08: Out of control
09: For love
10: Ladykillers
11: Downer
12: Sweetness and light



Auch die ganz große Karriere der Pixies haben vermutlich Nirvana auf dem Gewissen. Obwohl die beiden Stile Grunge und Pixiestil sehr ähnlich sind, konnte ich mit Grunge nie viel anfangen, während die Pixies immer meine Helden blieben. Daß das auch heute noch gilt, zeigten mir meine letzten Pixies-Shows 2013 und 14. Die 3-EP-Platte Indie Cindy von 2014 mochte ich, gehört habe ich sie aber kaum. Die Konzerte beim Primavera und in Belgien und Luxemburg hatte ich gesehen, weil es schließlich die Pixies sind, hinterher war ich aber jeweils überrascht, wie sehr mich die kauzige Band immer noch begeistern kann.


Auch das Ausscheiden von Kim Deal hat da keinen bleibenden Schaden hinterlassen. Natürlich war das traurig, bei der Neubesetzung der Stelle haben die Pixies aber ein hervorragendes Händchen bewiesen. Erst nahm Kim Shattuck Kims Platz ein und machte das aus meiner Sicht sehr gut. Sie war aber zu sehr Rock'n'roll für die drei älteren Herren neben ihr. Nach einem Sprung ins Publikum (glaube ich), flog sie mit der sehr souverränen Begründung "The Pixies don't do this" wieder raus. Neue Bassistin wurde Paz Lenchantin. Paz hatte vorne am Bass eine Dekoblüte angebracht. Das machen die Pixies offenbar. Oder Frank Black, Joey Santiago und David Lovering sind zu begeistert von der Frau mit dem glücklichen Lachen, daß sie milder werden.


Das Konzert ist eigentlich schnell beschrieben: um 20:15 Uhr trat die Band auf, stimmte Wave auf mutilation an, wechselte alle drei Minuten zum nächsten Riesenhit, ohne Pausen oder Ansagen oder solchen Quatsch und endete nach 30 Liedern mit Debaser. Dann noch flott Planet of sound als Zugabe und das grandiose Konzert war gespielt.

Vom neuen Album, das erst Ende September erscheint, spielten die Pixies vier Songs. Vorher hatte ich keinen von denen gehört. Trotzdem war die bereits vorgestellte Vorab-Single das Stück, das am ehesten hängenblieb: Um chagga lagga. Baal's back ist einer der Schrei-Songs, Classic masher und Head carrier sind nicht genug haftengeblieben beim ersten Mal.

Neben dem Jesus And Mary Chain Cover Head on von Trompe le Monde (dessen Original Lushs Phil King als JAMC-Bassist zigmal gespielt hat) spielten die Amerikaner das Instrumental-Stück Velvety (eine Dig for fire B-Seite). Ansonsten lag der Schwerpunkt auf alten Sachen von Doolittle und Surfer Rosa.


Ach, es ist ja doch ein großes Glück, daß man Musik nicht erklären oder seinen hervorragenden Musikgeschmack nicht rechtfertigen muß! Warum 4.000 Menschen so begeistert von dieser komischen Band waren, hätte ich dem Ordner nicht erklären können. Und da pfeife ich drauf! La la love them!

Setlist Pixies, Zitadelle Spandau, Berlin:

01: Wave of mutilation
02: Bone machine
03: River Euphrates
04: Break my body
05: Classic masher (neu)
06: Monkey gone to heaven
07: Head carrier (neu)
08: Subbacultcha
09: Hey
10: Gouge away
11: Velouria
12: Snakes
13: Brick is red
14: Indie Cindy
15: Mr. Grieves
16: The holiday song
17: Vamos
18: Where is my mind?
19: Here comes your man
20: La la love you
21: Velvety
22: Head on (The Jesus And Mary Chain Cover)
23: Rock music
24: Baal's back (neu)
25: Um chagga lagga (neu)
26: Tony's theme
27: I've been tired

28: Tame
29: Caribou
30: Debaser

31: Planet of sound (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:
-
Pixies, Hilvarenbeek, 20.06.14
- Pixies, Barcelona, 30.05.14
- Pixies, Esch-sur-Alzette, 11.11.13
- Pixies, Brüssel, 02.10.13
- Pixies, Barcelona, 28.05.10
- Pixies, Frankfurt, 11.10.09
- Lush, Barcelona, 03.06.16
- Lush, London, 07.05.16 
- Lush, London, 06.05.16
- Lush, London, 11.04.16
- unser Interview mit Lush (03.06.16)



Dienstag, 1. Dezember 2015

John Grant, Berlin, 26.11.15

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Konzert: John Grant
Ort: Postbahnhof in Berlin
Datum: 26. November 2015
Dauer:  95 min
Zuschauer: etwa 1000 



All die herrlichen Bilder sind von Markus.

John Grant ist ein musikalisches Schwergewicht. Trotzdem hatte ich vor diesem Abend meinen Fokus nie wirklich auf seine Musik gerichtet. Statt dessen war er am Rande meines Sichtfeldes mehrfach bedeutungsschwer vorbeigehuscht als überraschender Kollaborator. Und als eine Person, die selbstreflektiert und sympatisch redet. Ich musste nicht lange nachdenken, ob ich Lust hätte, mir ein Konzert von John Grant am Rande meines Berlinbesuches anzusehen. Auch wenn das Venue mit 1000 Leuten schon an der oberen Grenze meines eigenen Wohlfühlbereiches lag. Worauf ich mich schon im Vorfeld sehr freute war, dass ich dafür im erprobten Doppel mit Markus unterwegs sein würde und es deshalb endlich wieder einen Bericht mit seinen fantastischen Bilder geben würde.



Obenauf kam dann noch ein zufälliges Treffen mit Jana von Rockzoom, die ich bisher nur virtuell gekannt hatte. 

Der Postbahnhof war ausverkauft, aber es gelang uns noch gut bis ganz vor die Bühne zu gelangen und ich war im Verlauf des Abends sehr erfreut darüber, dass ich dort recht unbehelligt das Konzert ganz und gar genießen konnte. 

Es begann im Dunkeln mit einem vielsprachigen Text - fast wie eine Beschwörung oder ein Gebet. Diese Einleitung endete schließlich in einer Entladung mit ordentlich Lärm, was in meinem Kopfkino einen Flugzeugstart assoziierte. Hier meinte es wohl jemand sehr ernst... Später wurde in den Texten aber auch ordentlich geflucht und sehr zynisch und ironisch die Enttäuschungen des Lebens verarbeitet.


Was mir im ersten Stück Geraldine natürlich sofort ins Herz fiel, war diese unvergleichliche Stimme. Augenfällig daneben die äußere Erscheinung - da stand ein wahrhafter Hüne vor uns auf der Bühne. Beim weiteren umherschauen fanden sich für mich überraschend zahlreiche Minikeyboards, neben einer soliden Ausstattung an Keyboards/Pianos für zwei Personen am linken Bühnenrand. Gleich in der ersten Ansage war klar, dass John Berlin noch immer als eine heimatliche Stadt empfindet, in der er an diesem Abend sehr gern Station machte. Sein deutsch war souverän und wunderbar vieldeutig. Fast brachte es ihn selbst aus dem Konzept, dass er sich eine extra passende Setlist für diesen Tourstop zurechtgelegt hatte und nach zwei Stücken auf einmal nicht recht wusste, wie es nun weitergehen würde. 



Zuvor hatte er uns seine Band vorgestellt: Den Briten
Chris Pemberton an den Tasten, Jakob Smári Magnússon aus Island am Bass, das britische Urgestein Budgie am Schlagzeug und an der Gitarre (direkt vor mir)  Pétur Hallgrímsson aus Island. Alle diese Männer haben schon ordentlich eigene Musikgeschichte geschrieben, aber am auffälligsten blieb für mich am Abend der Mann an den Drums, denn er hatte einen unvergleichlichen Stil, die Knie fast bis zur Brust federnd, die Schultern kurz unter die Ohren hochgezogen und mit einer Energie und dabei doch ganz leicht, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Mehrfach arbeitete er an dem Abend sogar im Stehen.
 


Tatsächlich war die kurze Frage an sich selbst - wie es nun weitergehen sollte - ganz berechtigt. Nachdem er für die ersten zwei Songs vorn gestanden und ins Mikro gesungen hatte, war sein Platz für It doesn't matter to him am Piano direkt gegenüber von Chris Pemberton. Eine besondere und intime Stimmung entstand so, die für mich zu den Stärken des Abends gehörte. Auch wenn später immer wieder lustige Tanzbäreinlagen zu Mayor-Tom-Raumschiffmusik und Glamrocknummern wie You and him diese Andacht brachen und aufmischten.



Im Herzen blieben mir doch am tiefsten Grey tickles, das er allein am Piano begann und in einer Klangorgie münden ließ und das unfassbar intensive Glacier, das auch ringsum textsicher mitgesungen wurde. Die Greatest motherfuckers waren dann uns allen gewidmet und es gab ein schmissiges Ende mit Disappointing bei dem im Text sogar schubidi schubidubabab nicht zu albern klang. Der Saal tobte und verlangte natürlich nach Zugaben. Davon gab es reichlich und für jeden Geschmack: erst zweimal funky und dann noch zwei Balladen. Beschwingt und froh, diesen besonderen Musiker nun auch live kennengelernt zu haben wandte ich mich gen Ostbahnhof mit seinen Zeilen im Kopf


This pain
It is a glacier moving through you
And carving out deep valleys
And creating spectacular landscapes
And nourishing the ground
With precious minerals and other stuff
So, don't you become paralyzed with fear
When things seem particularly rough



Setlist:
01: Geraldine
02: Down here
03: It doesn't matter to him
04: Pale Green Ghosts
05: Snug slacks
06: You and him
07: Guess how I know
08: Grey tickles
09: Glacier
10: Queen of Denmark
11: I wanna go to Marz
12: GMF
13: Disappointing

14: Voodoo doll (Z)
15: Black Belt (Z)
16: Drug (Z)
17: Caramel (Z)

Fünf Songs vom Berliner Konzert 


Tourdaten John Grant

15.11. La Cigale, Paris
17.11. Botanique, Brüssel
20.11. Den Atelier, Luxemburg
21.11. Kaufleuten Klubsaal, Zürich
24.11. Bürgerhaus Stollwerck, Köln
25.11. Uebel & Gefährlich, Hamburg

26.11. Postbahnhof, Berlin
 
Aus unserem Archiv: 
John Grant, London, 07.09.11
John Grant, Paris, 14.06.10


Bericht des Guardian zum Londoner Konzert am  13.11. 2015


Sonntag, 8. November 2015

Tourankündigungen Giant Sand und John Grant

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Nach Redaktionsschluss für die Novemberliste kamen mir noch zwei Schwergewichte ins Visir, die hier ihren eigenen Beitrag bekommen sollen, damit die gute Nachricht nicht im Rauschen verloren geht.


Howe Gelb ist ein alter Hase und hat - neben dem Soloprojekt mit diesem Namen - mit unterschiedlichen Mitstreitern Projekte gestaltet, die einerseits im Stil minimalistisch andererseits überbordend in der Größe des beteiligten Musikerkollektivs Leere und Verzweiflung musikalisch verarbeiten. Manche nennen das Wüstenrock. Mit dem neusten Werk Heartbreak Pass  ist er nun zu einer Jubliläumstour (30 Jahre Giant Sand) in Europa unterwegs.  Der Schwerpunkt liegt hierbei erfreulich eindeutig im deutschsprachigen Raum. Im Konzerttagebuch haben wir schon Berichte von Mitstreitern, die auf eigenen musikalischen Wegen die Wüstenmusik in die Welt tragen: Calexico und Marianne Dissard zum Beispiel. Höchste Zeit also für das Original.

DACH-Tourdaten Giant³ Sand

22.11. Kantine, Köln
23.11. Knust, Hamburg
24.11. Pavillon, Hannover
25.11. BiNuu, Berlin
26.11. Werk 2, Leipzig
27.11. Bluebird Festival, Wien
28.11. Posthof, Linz,

02.12. Le Romandie, Lausanne
03.12. Grabenhalle, Sankt Gallen
04.12. Jazzhaus, Freiburg
05.12. El Lokal, Zürich
06.12. Franz K, Reutlingen
07.12. Forum, Bielefeld


John Grant ist auch so eine feste Größe im alternativen Universum. Berichte im Konzerttagebuch liegen aber schon peinlich lange zurück. 2011 lockte das Airwaves-Festival in Reykjavik ihn auf die Insel im Nordmeer, der er sofort heftigst verfiel. Seitdem läuft er immer wieder mal durchs Bild, z.B. wenn er als Übersetzer von Asgeir Traustis isländischem Album ins englische auftaucht oder sich Amanda Palmer als Gesangspartnerin holt. Höchste Zeit dafür, dass ich ihn mir auch einmal ganz persönlich und mit seinen Livequalitäten ansehe. Leider streift seine Tour Deutschland nur und es wird wohl eine längere Anfahrt für mich nötig sein... Und leider war die Variante mit Symphonieorchester auch nur für das Airwaves-Festival reserviert.

Tourdaten John Grant

15.11. La Cigale, Paris
17.11. Botanique, Brüssel
20.11. Den Atelier, Luxemburg
21.11. Kaufleuten Klubsaal, Zürich
24.11. Bürgerhaus Stollwerck, Köln
25.11. Uebel & Gefährlich, Hamburg

26.11. Postbahnhof, Berlin

Aus unserem Archiv:
John Grant, London, 07.09.11
John Grant, Paris, 14.06.10



Donnerstag, 25. Juni 2015

Sophie Hunger, Berlin, 18.06.2015

1 Kommentare

Konzert: Sophie Hunger
Ort: Berlin
Datum: 18.06.2015
Dauer: ca. 100 Minuten
Zuschauer: ausverkauft

Konzertbericht: Merle; Fotos: Markus


Schon am frühen Abend standen etliche Zuschauer erwartungsvoll mit ihrem Ticket in der Hand vor dem Kesselhaus, sie warteten darauf, zum Sophie Hunger Konzert eingelassen zu werden, das um 21:15 beginnen sollte. Die Stimmung war gut und die ersten Reihen schon wenige Minuten nach der Öffnung besetzt – Vorfreude und gespannte Erwartung waren deutlich spürbar. Mit der kanadischen Vorband „Mark Berube“ stieg die Spannung noch weiter, voller Ungeduld wurde Sophie Hunger herbeigesehnt. 
Und nur um wenige Minuten verspätet stürmten Sophie Hunger und Band mit voller Energie die Bühne und eroberten sie schon mit dem ersten Stück „ Supermoon“, dem Titelsong ihres kürzlich erschienenen, gleichnamigen Albums. 

Anfangs präsentierte sie viele Stücke ihres neuen Albums, auffallend dabei waren Klangeffekte, sphärische Geräusche, erzeugt mit Gitarre, Klavier, Synthesizer, Klarinette und Flügelhorn, und einfühlsam akzentuiert vom Schlagzeug. Mal wirkt es abstrakt, dann sehr originell, oft ziemlich kompliziert und immer wieder kann die Formation auch durch einfache und direkt Ehrlichkeit überzeugen – Sophie Hungers Band hat sich auch bei diesem Konzert selbst übertroffen! 
Etwa ab der Mitte des Konzerts wurden auch ältere Songs wie „ le vents nous portera“ dargeboten, die Sophie Hunger mit überzeugender Leichtigkeit in neuen und ganz anderen Farben interpretierte. 

Gebannt und fasziniert begaben sich die Zuschauer mit Sophie Hunger und ihrer Band auf eine musikalische Reise durch ein Meer von Emotionen. Es war mit Händen zu greifen, wie das Konzert im Verlaufe des Abends zu einem unvergeßlichen Abenteuer für das Publikum wurde, das sich dann auch entsprechend dankbar zeigte. Kraftvoll und mit einer große Portion unverblümter Ehrlichkeit, viel Ironie,Provokation, Tiefgang und Ernsthaftigkeit, ohne viel zu sprechen, präsentierten sich Sophie Hunger und Band in Berlin auf der Bühne des Kesselhauses. Man durfte für einen Moment an ihrer unerschöpflichen Phantasiewelt teilhaben sich durch ihre Musik und poetischen Meisterwerke ihre Sicht der Welt erklären lassen. 
Bei alledem steht Sophie Hunger steht mit unvergleichbarer Offenheit und festem Selbstbewusstsein auf der Bühne, wie man es nur bei sehr wenigen Musikern erlebt. Sie spielt ihre Lieder nicht nur, sondern lebt sie und damit sich. Unverkennbar war dies in Stücken wie „Love Is Not The Answer“ und „Superman Woman“ oder „ Spaghetti mit Spinat“ - alles Stücke aus ihrem neuen Album. 

Das insgesamt etwas ältere Publikum blieb bis zum Schluss im Bann ihrer Musik und schaffte es auch, die Musikerin mit Band noch zwei weitere Male für mehrere Zugaben auf die Bühne zu holen, bei denen sie dann auch eines meiner persönlichen Lieblingslieder, nämlich „ 1983“ spielte: „Irgendwann habe ich entdeckt, dass ich mit Gesang die Menschen wütend, traurig oder fröhlich machen kann“ - womit die 32-jähige Schweizer Musikerin völlig recht hat - und dafür sind wir ihr sehr dankbar. Ein sehr gelungenes Konzert.


Links:

- aus unserem Archiv:
- Sophie Hunger, Stuttgart, 20.04.2013
- Sophie Hunger, Karlsruhe, 01.03.2013
- Sophie Hunger, Berlin, 19.02.2013
- Sophie Hunger, Paris, 29.01.2013 
- Sophie Hunger, Berlin, 19.11.2012 
- Sophie Hunger, Paris, 10.11.2012 (französisch)
- Sophie Hunger, Paris, 10.11.2012 (deutsch) 
- Sophie Hunger, Paris, 09.03.2012 
- Sophie Hunger, Paris, 06.12.2010
- Sophie Hunger, Haldern Festival, 14.08.2010
- Sophie Hunger, Paris, 02.06.2010 
- Sophie Hunger, Köln, 29.09.2009 
- Sophie Hunger, Köln, 09.05.2009 
- Sophie Hunger, Paris, 23.03.2009 
  
 

Konzerttagebuch © 2010

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