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Freitag, 15. August 2014

Haldern Pop Festival 3. Tag, 09.08.14

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Konzert: Haldern Pop Festival 3. Tag
Datum: 09.08.14
Ort: Alter Reitplatz, Haldern Pop Bar, Keusgen Tonstudio, Rees-Halderm
Konzertdauer: Konzerte von 12 Uhr bis 2 Uhr



Hatte nachts der auf das Zelt tröpfelnde Regen noch das Schlafen beeinträchtigt (von den grölenden Suffköpfen, die nachts um 3 schreiend über den Zeltplatz wankten, mal ganz zu schweigen) war es am Morgen des Samstags der böige Wind, der mich weckte und mein Zelt fast hinwegfegte. Das war aber zu verschmerzen, denn bald schon legte sich der Sturm und die Sonne kroch aus den Ritzen. Der ganze Tag sollte sonnig werden und der Regen vom Vortag war bald nur noch eine blasse, nicht mehr sonderlich dramatische Erinnerung.

Das wirkte sich auch positiv auf meine Stimmung aus und nach erfrischender Dusche und viel Kaffee begab ich mich auf den Fußweg zur Haldern Pop Bar. Leider schaftte ich es nicht mehr rechtzeitig zu den Charity Children aus Neusseland, aber wenigstens traf ich noch deren rothaarige Sängerin, die mir gutgelaunt berichtete, daß sie mit ihren Musikern in Berlin lebe, von Melt Booking gebucht würden und als Straßenmusiker angefangen hatten. Sie posierte sogar freiweillig noch für ein paar Fotos vor Schafen und einer typischen Haldern Scheune im saftig grünen Garten der Bar.

Dann war die Zeit für die Tschechin Sara alias Never Sol gekommen, die zusammen mit ihrem Bassisten dreampoppig-ätherische Klänge in den überfüllten Raum aufsteigen ließ. Die schmale Sängerin hatte eine hübsche Stimme, aber richtige Begeisterung kam bei mir dennoch nicht auf. Den Songs haftete ein variétéhaftes Parfum an, der Tiefgang der Cocteau Twins wurde nicht erreicht und so catchy wie Beach House klangen die Stücke von Never Sol auch nicht. Das Set dauerte ziemlich lange, hatte ein paar schöne Momente, konnte aber nicht restlos überzeugen. Eigentlich schade, denn die positive Beschreibung in dem Progammheft "Datt Blatt" hatte mich sehr hellhörig werden lassen.

Schade auch, daß ich das Konzert des Pianisten Carlos Cipa im Keusgen Tonstudio verpasste, weil auf der Hauptbühne die Schwedinnen First Aid Kit auftraten. Die beiden sich eigentlich nicht sonderlich ähnlich sehenden Schwestern hatten umwerfende Kleider an, sangen herzallerliebst im harmonischen Gleichklang und wurden zu King of The World sogar von ihrem Fan und Förderer Conor Oberst begleitet. Der ex-Bright Eyes Sänger kam spontan und ohne Vorankündigung bei Lied drei mit schwarzem Hut und dunkler Sonnenbrille hinzu und ließ die Herzen der weiblichen Fans höher schlagen. Vorher waren eher die Männer auf ihre Kosten gekommen, denn süßer als Klara und Johanna geht ja fast gar nicht. Die Skandinavierinnen haben in diesem Jahr ihr neues drittes, in Omaha produziertes Album Stay Gold herausgegeben, spielten natürlich davon so einige gelungen Stücke (Waitress Song, My Silver Lining), begeisterten aber vor allem durch ihren Hit Emmylou. Von First Aid Kit werden wir in den kommenden Jahren noch viel hören, sie gehören inzwischen zum Folk-Establishment inklusive Major Label Deal, zahllosen Mode-Shootings, berühmten Fans und (relativ) hohen Gagen. Glücklicherweise hatte man aber den Eindruck, daß die Spielfreude darunter nicht leidet, man merkte den Mädels an, daß sie sich gut amüsierten.

Eher beschaulich und melancholisch ging es dann bei der britischen Pianistin Poppy Ackroyd zu. Im stickigen und heillos überlaufenen Tonstudio Keusgen klimperte sie die Fans windelweich und betörte mit ihrer Virtuosität und ihrer Natürlichkeit. Diejenigen, die drinnen einen Sitzplatz ergattert hatten, kamen hinterher schweißgebadet und fast ohnmächtig heraus, die anderen, die die Musik nur im Flur hörten, waren trockener, hatten die Musikerin aber nicht zu Gesicht bekommen. 


Ich gehörte zur zweiten Kategorie und bescloß deshalb zu der nachfolgenden Samantha Crain frühzeitig ein Plätzchen drinnen zu ergattern, selbst wenn das Thermometer dort sicherlich 40 Grad angezeigt haben dürfte. Ich wollte die Amerikanerin eben aus der Nähe sehen. Samantha entpuppte sich als äußerst liebenswürdige und natürliche Person, die schnell die Herzen der Halderner gewann. Sie war höchstwahrscheinlich nicht größer als 1,45 m, allerdings mit einer guten Folk/Country-Stimme gesegnet. Dennoch konnte sie mich nicht wirklich in ihren Bann ziehen, denn ihre Stücke klangen mir eine Spur zu traditionell, zu wenig innovativ und konnten nie die Tiefe von jungen Talenten in diesem Bereich wie Angel Olsen oder Tiny Ruins erreichen. Deshalb verließ ich nach 4 Liedern das schwüle Tonstudio und wanderte Richtung Hauptbühe, wo Fink ein solides aber nicht wirklich packendes Follrock Set bot. Auch Hozier im Spiegelzelt war nicht 100 % meine Musik. Das klang mir zu bluesig, jazzig, obwohl der Ire wirklich eine gute Stimme hatte.
Wesentlich besser wurde es aus meiner Sicht aber mit meinem Liebling Conor Oberst, der um 9 Uhr 20 auf der Hauptbühne zu Werke ging. Unterstützt wurde er teilweise von den beiden First Aid Kit, die sich umgezogen hatten und neue wunderschöne Kleider zur Show trugen. Conor war gläzend aufgelegt, agierte durckvoll und dynamisch und rockte mehr als er folkte. Natürlich kamen auch Stücke von Bright Eyes zum Vortrage so der Old Folk Song, der Soul Singer in A Session band oder das grandiose Lua, großartig gesanglich unterstützt von den Söderberg Schwestern. Es war ein einstündiges Feuerwerk hervorragender Folkrockmusik, bei dem Conor von den Musikern von Dawes perfekt begleitet wurde. Alle waren in ausgezeichneter Spiellaune, der Bassist von Daws war die coolste Sau weit und breit (wie der seinen Bass immer nach oben hielt, köstlich !) und der Schlagzeuger sah mit seinen Locken (Dauerwellen ??) zum Schießen aus! Zum großen Finale am Ende hüfte Conor immer wieder auf die Drums und lieferte sich mit dem Schlagzeuger ein packendes Duell. Die Mädels von First Aid Kit kamen aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Einige behaupten hinterher, daß Oberst sicherlich in die Söderberg Schwestern verknallt sei, was man verstehen könnte....

Verknallt waren vor allem auch die älteren Semester im Publikum in die New Yorker Poetin Patti Smith. Fast 70 Jahre alt, ein wenig ergraut, aber immer noch mit knarzig guter Stimme sang sie sich Mütze tragend am Ende regelrecht in einen Rausch. Das Set startete eher beschaulich, aber am Ende wurden mit alten Hits wie Gloria, Because The Night oder Horses rotzige Nummern herausgehauen, bei denen man merkte, warum Patti so viele Sängerinnen in der neuen Art Punk und Folkszene beeinflusst hat. Sie hat halt eben ein wahnsinniges Charisma, auch wenn sie nie die Hübscheste war. Aber eben das macht Mut, denn wer will schon dauerhaft singende Models ohne Ausstrahlung auf der Bühne sehen, die seichte Liedchen trällern? Nein, Patti Smith hat was Erdiges, was Wahrhaftes, was Authentisches, das einen so richtig berührt. Schönheit kommt bei ihr von innen. Sie macht sich Gedanken über die Welt, rezitierte mit ausgebreiteten Armen immer wieder Gedichte zwischen den Songs, performte zusammen mit ihrern ausgezeichneten Band Perfect Day nach Lou Reed und brachte junge und ältere Besucher zusammen. Mag sein, daß Leute jenseits der Vierzig mehr mit der Ikone anfangen konnten, aber ich bin sicher, daß sie an diesem Tag in Haldern auch viele junge Neufans hinzugewonnen hat. Am Ende kam noch Grant Hart mit hinzu und dann wurde minutenlang gerockt, bevor nach etwa 90 Minuten der Vorhang fiel. Ein glänzender Auftritt, der bewies, daß man auch im fortgeschritten Alter noch ausgezeichnet performen kann, wenn wie bei Patti Smith das Herzblut und das Feuer noch intakt sind. Für die Kohle tut sie sich das sicherlich nicht an.

Nach Patti Smith kam dann gelich schon das nächste Highlight und zwar im Spiegelzelt: der Amerikaner Mark Kozelek aka Sun Kil Moon spielte dort mitsamt Bands ganz dezent, aber ganz groß auf. Der etwas beleibte Bursche hat eine solch fantastische Stimme, daß Gänsehautbildungen auf Armen und im Nacken nicht ausbleiben konnten. Am Ende sang er textlich von dem Moment als er seinen Vater hat weinen sehen, da musste ich ganz schwer schlucken. Er beeindruckte aber nicht nur zum Schluß, sondern von Anfang bis Ende, denn alles klang wahnsinnig erlesen, ausgewogen, hochklassig. Musik für Kenner und Feinhörer, die mehr auf gute Texte und starke Arrangements als auf Rockstarposen und Show geben. Unverschämt, daß ein paar Leute im Spiegelzelt zu der oft recht leisen Musik laut plauderten, Palzverweise wären hier mehr als angebracht gewesen. Wer sich davon nicht stören ließ, genoß melancholische Stücke und ließ Tränchen in seinen Bierbecher kullern. Ich hätte dem Ex- Red House Painters Sänger jedenfalls noch stundenlang zuhören können, aber kurz vor Mitternacht war leider Schluß.

Für mich persönlich aber noch nicht ganz, denn das Festival ging für mich erst mit den Schweden Wintergatan zu Ende. Ein krönender Abschluß denn die vielköpfigen Schweden euphorisierten mit ihrer vielschichtigen und abwechslungsreichen Instrumentalmusik sogar die Leute, die wie ich das Konzert draußen auf der Leinwand verfolgten. Da wurde getanzt, gelacht und mitgefeiert wie selten bei diesem Festival. Ein fulminanter Auftritt, bei dem teilweise sehr kuriose Instrumente zum Einsatz kamen. Eigentlich wurde instrumententechnisch fast alles aufgeboten was es gibt, eine Harfe hatte genauso ihren Platz wie analoge Synthesizer, ein Theremin, ein Xylophon, Schreibmaschinen, Gitarren, Melodica und so weiter und so fort. Langeweile kam so nie auf, das Set war höchst abwechslungsreich und stimmungsvoll. Mal fühlte man sich an die feierliche Melancholie von Sigur Ros erinnert, dann wieder an die Postrocker von Explosions In The Sky, oder aber auch an Filmmusik und Klassik. Sanfte, elektrische und rockige Passagen hielten sich die Waage und am Ende stürzten sich alle auf den Merch Stand, um die CD, die Vinylplatte oder auch nur ein Poster zu ergattern. Da wurde unglaublich viel umgesetzt und es standen sogar noch Leute am Verkaufsstand an, als der Soulsänger Kwabs schon mit seinem Set begann.

Soulmusik ist aber so gar nicht mein Fall und so konnte ich mit Kwabs genauso wenig anfangen wie mit Bernhoft (der war leider richtig scheußlich), Lee Fields & The Expressions oder Benjamin Clementine. Machte aber gar nichts, schließlich müssen bei Festivals Fans verschiedenster Musikstile auf ihre Kosten kommen und jeder pickt sich eben seine Rosinen individuell heraus.
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Unter dem Strich habe ich dann auch wieder deutlich mehr Perlen gefunden, als in faule Eier gebissen und ich verließ gegen 12 Uhr den Zeltplatz und Haldern. Bis nächstes Jahr Freunde ! Super wie immer wars!



Sonntag, 9. Dezember 2012

First Aid Kit, Berlin, 4.12.2012

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Konzert: First Aid Kit (+ Idiot Wind)
Ort: Postbahnhof Berlin
Datum: 4.12.12
Zuschauer: fast ausverkauft
Dauer: Idiot Wind 30 min. / First Aid Kit 75 min.

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr wurde ich das erste Mal vom First Aid Kit-Virus infiziert. An diesem Abend sollte ich die beiden Schwestern Johanna und Klara, deren unglaubliche Geschichte schon viele Male erzählt wurde, zum vierten Mal wiedersehen. Zuletzt erlebte ich First Aid Kit als Vorband im ausverkauften Konzert von Jack White. Ich weiß nicht genau, was mich verleitet den beiden Schwestern so treu zu sein. Ist es ihre sympathische Bühnenpräsenz? Ihre Stimmen? Ihre Lieder? Vielleicht ist es die Mischung und die Garantie eine schöne Abendunterhaltung geboten zu bekommen.

An diesem Abend gastierten First Aid Kit zum zweiten Mal im zuletzt ausverkauften Postbahnhof. Ich traf recht früh ein und konnte mir einen guten Platz vor der Bühne sichern. 
Zuerst kam aber Idiot Wind auf die Bühne und nahm am E-Piano Platz. Auf dem Kopf trug sie einen speckig aussehenden Lederhut und ihre Locken rankten weit in ihr Gesicht. Das Bild passte dann aber nicht zu ihrer Stimme, die schöne Melodien trällerte. Unterhaltsame Musik, die aber keine wirklich bleibende Erinnerung hinterließ mit Ausnahme des gelungenen souligen Springsteen-Covers "I´m On Fire". Das Publikum war von ihr sehr angetan und applaudierte nicht nur aus Gefälligkeit.

Der Nachteil von den guten Plätzen direkt von der Bühne ist recht simpel. Der Getränkenachschub ist schwierig zu gewährleisten. So kam mir die Wartezeit bis zum Beginn von First Aid Kit ewig vor. Als dann das Licht dunkel wurde, begannen sphärische Synthie-Klänge, welche dann von Johanna und Klara A capella abgelöst wurden: In The Morning. Und es wurde sofort klar, warum First Aid Kit so dauerhaft erfolgreich sind und wieso der Postbahnhof an diesem Abend randvoll ist. Sie haben grandiose Stimmen, die perfekt miteinander harmonieren. Es macht eine Freude ihnen zuzuhören. Nachdem sie sich vorgestellt hatten, widmeten sie ein Lied den "Pussy Riots", was mich persönlich eher wunderte, habe ich First Aid Kit bislang nicht mit politischen Statements wahrgenommen. Gut, es war auch nur eine Randnotiz, welche weder störte noch das Konzert in eine Schieflage brachte. Das herzzerreissende Marianne´s Son wurde zur Einleitung gleich für den Hinweis auf ihr Deluxe-Album genutzt. 

Zu meinem Liebling New Years Eve zückte Johanna wieder die Autoharp und Klara sang - zwischendurch ergänzt durch Johannas Stimme. Eine perfekte Darbietung. Und da haben wir vielleicht auch den einzigen, aber künftig wohl entscheidenden Kritikpunkt an dem Konzert: Es ist eine perfekte Show, alles ist optimal aufeinander abgestimmt. Anders als bei anderen Bands, wo sich Abende schon mal stark voneinander unterscheiden, habe ich den Eindruck, dass bei First Aid Kit immer alles gleichbleibend auf hohem Niveau abläuft. Das tragische ist dabei leider, dass es auf Dauer vorhersehbar wird. Dieser Kritik zum Trotz bieten Klara und Johanna etwas, was nur wenigen Künstlern gelingt, sie berühren auch die Menschen, die vorher nur wenig mit dieser Art von Musik anfangen konnten. So erzählten mir mehrere Gäste an diesem Abends, das sie dort wären, weil sie von First Aid Kit als Vorband von Jack White so fasziniert gewesen seien.

Auch an diesem Abend gelingt das akustische Ghost Town (bei dem Klara und Johanna traditionell ohne Mikrofon singen) mit schüchterner Teilhabe des Publikums. Der gesamte Saal lauschte andächtig. Kein Handygefiepe, keine klirrenden Glasflaschen, einfach schön. Die nachfolgenden To A Poet, Wolf und When I Grow Up - allesamt in gewohnt hoher Qualität. Es war wohl der letzte gemeinsame Abend für First Aid Kit und Idiot Wind und so dankten Klara und Johanna ihr mit Emmylou. Auch eines meiner persönlichen Favoriten des Abends - und als das Publikum dazu noch mitsang - ach - diese Momente sind toll! Fulminantes Ende von I Met Up With The King, als Johanna Seven Nation Army auf dem Keyboard anklingen ließ, um dann gleich zum Abschluss ihren Kopf auf den Tasten hin- und her zu wälzen. Schöner Einfall! Lion´s Roar mit lustigem kurzem Textaussetzer und Headbanging.


Als Zugabe gab es dann mit America eine Hommage an den "besten Songwriter der Welt": Paul Simon. Es wäre jetzt nicht meine erste Wahl aus dem Werk von Paul Simon gewesen, aber es eine gelungene Interpretation. Es sollte nicht das einzige Cover bleiben, denn der Hammond Song von The Roches aus den 70ern kam als nächstes. Und auch Idiot Wind kehrte  auf die Bühne zurück. Keine einfache Übung der drei Frauen, die aber gut gelungen ist. Mit dem Sailor Song und King Of The World beenden Klara und Johanna den äußerst gelungenen Folk-Abend. Das Publikum geht selig in Richtung überfüllter Garderobe und Merchandising Stand. Wer aber am Merchandising Stand auf die beiden Schwestern gewartet hatte, tat dieses vergebens. Im Gegensatz zu den vorherigen Konzerten, blieben Johanna und Klara dieses Mal ihren Fans fern.

Im Januar beehren sie Berlin erneut, nämlich als Vorband von Conor Oberst. Ob diese Dauerpräsenz dem Erfolg auch Dauer gut tut, bleibt abzuwarten. Ungewöhnlich ist es auf jeden Fall.

Setlist:
In The Morning
Blue
Our Own Pretty Ways
Marianne´s Son
New Years Eve
Ghost Town
To A Poet
Wolf
When I Grow Up
Emmylou
I Met Up With The King
Lions Roar

America (Z)
Hammond Song (Z)
Sailor Song (Z)
King Of The World (Z)

Tourdaten (mit Conor Oberst):
21.1.12: Wien
22.1.12: München
24.1.12: Berlin



Samstag, 1. Dezember 2012

First Aid Kit, Paris, 28.11.12

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Konzert: First Aid Kit (Idiot Wind)
Ort: Le Trabendo
Datum: 28.11.2012
Zuschauer: volle Hütte, bestimmt 600
Konzertdauer: First Aid Kit 75 Minuten



Die Story des Konzertes der beiden nach wie jungen schwedischen Schwestern Söderberg alias First Aid Kit ist relativ schnell erzählt. Genau wie auf dem aktuellen Album The Lion's Roar ragten drei Songs besonders hervor: Der Titeltrack, der melodische Ohrwurm Emmylou und das auf Plate mit Conor Oberst eingespielte Stück King Of The World.


Conor kam heute nicht extra aus Omaha angeflogen, aber dafür gesellte sich Vorgruppensängerin Amanda Bergman aka Idiot Wind, ebenfalls aus Schweden,  zu den Söderbergs hinzu und schmetterte gemeinsam mit ihnen die Songzeilen aus voller Kehle. Eine von ein paar Highlights eines Konzertes, das mir über die gesamte Spieldauer von 75 Minuten aber doch etwas zu brav und zu rund ausfiel. Gesanglich war das eine fabelhafte Leistung, aber die Struktur der Lieder war doch recht herkömmlich,  Überraschungen, oder neue, spezielle Liverversionen, gab es keine. Fein säuberlich wurde das Programm runtergespult, hübsch gesungen und Gitarre bezw, manchmal sogar Autoharp gespielt und das Publikum ordentlich unterhalten. Das war für jeden etwas und so war dann die Zusammensetzung des Publikums auch dementsprechend gemischt. Zu den vielen blonden blauäugigen Schwedinnen (von denen es nie genug geben kann) gesellten sich auch ein paar ältere Semester, die wohl auf Grund der Harmoniegesänge an CSNY oder passenderweise an Emmylou Harris erinnert wurden.

Auch hinsichtlich des Auftetens von Klara und Johanna gab es nichts zu meckern. Johanna ließ ein paar sehr gut formulierte Vorstellungs-und Dankessätze auf französisch vom Stapel und mit sehr viel Geschick und Geschäftssinn wurde auch auf die Deluxe Edition von The Lions Roar passend zum Weihnachtsgeschäft hingeweisen. Das brachte die Leute zum Schmunzeln und verleitete wohl auch einige dazu, hinterher am Merch zuzuschlagen und das Machwerk zu ergattern, das mit 3 neuen Bonussongs (einer davon wurde heute gespielt), einer Live DVD, einem Poster (wow!) und einem Gitarrenplektrum (noch mehr wow!) aufwarten kann.

Und dennoch, meine Euphorie hielt sich in Grenzen: Hauptkritikpunkt: die meisten Songs von First Aid Kit klangen nach wie vor sehr stark nach den Fleet Foxes, die die beiden Mädels zu Beginn ihrer Karriere werbewirksam auf youtube gecovert hatten und dadurch entdeckt wurden. Zwar ließ man heute den Tiger Mountain Peasant Song weg und ersetzte ihn durch America,  ein Cover von Paul Simon ("the best singer/songwriter in the world", wie die Schwedinnen einstimmig meinten), aber sowohl hinsichtlich des Schlagzeugrhythmusses (es spielte heute auch ein Drummer für mehr Wucht) als auch der Art und Weise wie die Stimmen eingesetzt wurden, gab es mehr als deutliche Parallelen zu den Musikern aus Seattle. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis First Aid Kit wirklich ihren eigenen Stil finden. Paradoxerweise klang sogar ihr Cover eines Stückes von Fever Ray (When I Grow Up) eher nach den Fleet Foxes als nach der schwedischen Elektropopmusikerin.


Erwähnen wir aber noch einmal besonders die stärksten Momente. Unbestritten toll die in jeder Hinsicht perfekt vorgetragene Hitsingle Emmylou, bei der Klara ganz hervorragend sang, The Lions' Roar, bei dem die langen dunkelblonden Haare von Johanna in Headbanger-Manier durch die Luft wirbelten und das oben erwähnte King Of The World. Zusätzlich wusste die a capella Ballade Ghost Town zu gefallen, bei der man die Schwestern endlich einmal eng zusammen sah. Ansonsten waren sie mir immer zu weit auseinander. Gemütlicher und herzerwärmender wäre es gewesen, wenn sie immer weniger Sicherheitsabstand zueinander eingehalten hätten.

Unter dem Strich also bei Abwägung aller Pros und Kontras ein ziemlich gutes Konzert, das ich mit 7 von 10 Punkten bewerten würde. Da die beiden Schwestern aber noch so wahnsinnig jung sind und sie zweifelsohne sehr viel Talent haben, ist da in Zukunft noch Luft nach oben. 

Setlist First Aid Kit, Le Trabendo, Paris

01: In The Morning
02: Blue
03: Hard Believer
04: Our Own Pretty Ways
04: Marianne's Son
06: New Year's Eve
07: Ghost Town (akustisch)
08: To A Poet
09: Wolf 
10: When I Grow Up (Fever Ray)
11: Emmylou
12: I Met Up With The King
13: The Lion's Roar

14: America (Paul Simon)
15: Sailor Song
16: King Of The World (mit Idiot Wind)



Sonntag, 1. Juli 2012

Jack White & First Aid Kit, Berlin, 26.06.12

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Konzert: First Aid Kit + Jack White
Ort: Tempodrom Berlin

Datum: 26.06.2012

Zuschauer: ca. 4000 (ausverkauft)

Konzertdauer: 40 Minuten First Aid Kit; 90 Minuten Jack White



von Markus aus Berlin

Es klingt ja immer noch fast wie ein Märchen, was Klara und Johanna alias First Aid Kit für einen bisherigen Werdegang hatten. Ich habe die Beiden an diesem Abend schon zum dritten Mal erleben dürfen. Davor sah ich sie in der Kantine des Berghains, dann im Postbahnhof und an diesem Abend als Vorgruppe von Jack White im Tempodrom.Ob das wohl funktionieren würde, was ich vorher nur auf kleinen Bühnen erleben durfte?

Als ich beim Tempodrom ankam, war der Vorplatz schon reichlich mit wartenden Zuschauern gefüllt. Keine Minute verging, und ich wurde von einem gepflegten Herrn gefragt, ob ich noch ein Ticket zu verkaufen hätte. Das musste ich leider verneinen. Entweder benahm ich mich an diesem Abend besonders auffällig oder die Suchenden waren besonders verzweifelt, aber ich sollte noch mehrfach angefragt werden. Im Gegenzug sah ich niemanden, der mit einem Ticket wedelte. Zuletzt erlebte ich das bei Beach House so deutlich.


Ich betrat den Neubau des Tempodroms an diesem Abend zum ersten Mal. Äußerlich hat er mich noch nie sonderlich angesprochen. Außerdem gehe ich nur eher selten auf Konzerte dieser Größenordnung. Immerhin fasst das Tempodrom an die 4000 Zuschauer - und die würden auch an diesem Abend zu erwarten sein, denn Jack White hat die Halle ausverkaufen können. Ich hatte eine Karte für den Innenraum. Als ich diesen betrat, wurde mir irgendwie mulmig. Es stimmt was oft geschrieben wurde - das Tempodrom gleicht einem antiken Amphitheater in modernem Gewand. So stand ich recht weit vor der Bühne und war durchaus beeindruckt und auch ein wenig eingeschüchtert.


Um kurz vor acht kamen dann First Aid Kit auf die geräumige Bühne. Schick sahen sie aus in ihren bunten Gewändern. Und sogleich, ohne viele unnötige Worte zu verlieren, starteten sie ihr Set mit King Of The World, was kraftvoll und lebendig dargebracht wurde. Es waren noch die beiden gleichen Schwestern wie zuletzt nur bekam ich sofort den Eindruck als würden sie noch viel mehr ins Zeug legen als ich das bislang gewohnt war. This Old Routine folgte direkt danach - ohne Pause. Das Tempo wurde hoch gehalten. Machte richtig Spaß den beiden Frauen auf der Bühne zuzusehen und auch sie genossen es sichtlich. Johanna erlebte ich bei den beiden anderen Konzerte eher zurückhaltend - an diesem Abend war sie äußerst präsent. Ergänzt wurden die Schwestern wieder durch den mir schon bekannten Schlagzeuger, welcher sich aber eher unauffällig im Hintergrund hielt. Vor Blue stellte Klara kurz die Band vor. Alleine dieser Auftritt war es schon wert, sich an diesem Abend auf den Weg gemacht zu haben. Der Applaus wird immer stärker und es folgt eines meiner Lieblingslieder von Fever Ray als auch von First Aid Kit: When I Grow Up. Phantastisch in beiden Versionen und mein Favorit an diesem Abend was wohl auch persönlicher Natur war. Ich war unsicher, ob ich mit der Musik in einer solchen Halle mit tausenden Menschen um mich herum etwas anfangen könnte. Aber es funktionierte so perfekt, wie auch die anderen Male. Mit welcher Souveränität Klara und Johanna vor dem eher untypischen First Aid Kit-Publikum auftraten - unglaublich! Emmylou ist einfach zu schön - und ich freute mich als auch an diesem Abend die Beiden in so guter Verfassung zu sehen. Der dauernde Tourstress scheint ihnen weniger auszumachen als ich mir vorstellen würde. Und auch an diesem Abend lassen es sich Klara und Johanna nicht nehmen höchstselbst am Merchandising Stand zu stehen und zu plauschen und zu signieren. Nachdem sie I Met Up With The King gespielt haben, beenden sie das Set mit The Lion´s Roar. Eines toller Abschluss eines Konzerts, welches mir wieder deutlich machte, dass First Aid Kit noch lange nicht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt sind.


Es folgt dann eine kleiner Umbauphase bei der Herrn mit lustigen Melonen auf dem Kopf in schwarzen Anzügen die bis dahin mit weißen Tüchern verhängten Instrumente enthüllen und letzte Soundchecks machen. Das sieht lustig aus und macht irgendwie Laune mal nicht die schnoddrigen, ungepflegten Männer mit langen Haaren in hässlichen Bandshirts und dicker Wampe beim Umbau ansehen zu müssen. Besonders hat es mir ein Herr mit recht langem Bart angetan, der durchaus ZZ Top Konkurrenz machen könnte. Bevor endlich Jack White die Bühne betrat, wurde noch eine Ansage gemacht, dass weder Filmen noch Fotos schießen erlaubt und erwünscht seien. Netterweise übernahm diesen Job ein Profifotograf, der dann die Bilder kostenlos zum Download auf der offiziellen Bandpage anbot. Eine nette Geste.

Ich muss gestehen, dass ich kein riesengroßer Fan von den White Stripes oder Jack White bin. Ich mag deren Musik, aber ich höre die jetzt nicht so intensiv, dass ich wirklich jedes Lied erkennen könnte. Umso gespannter war ich, ob er mich live begeistern würde.

Vorab: Ja - er hat es getan! Mehr dazu später. Als dann endlich die Band die Bühne betrat, war der Jubel grenzenlos. Der steigerte sich dann sogar noch, als Jack White nachkam. Gestartet wurde nach einem kleinen Intro dreckig mit Black Math der White Stripes.Hinter der Bühne hing ein großes Tuch und das Licht war dezent.Die Scheinwerfer zauberten mit ihrem Aufblitzen ein stimmungsvolles Schattenspiel auf den Vorhang hinter der Bühne. Dabei warf Jack White - wie sollte es auch anders sein - den größten Schatten. Das passte alles so gut zum dreckigen, rockigen und ungehobelten Sound, dass ich das Tempodrom um mich herum vergaß und mich voll und ganz in den Sog des wunderbaren Krachs ziehen lassen konnte. Ja - Krach, denn die Lautstärke war ohrenbetäubend. Ich hatte glücklicherweise ein paar Stöpsel mit und so konnte ich es so weit dosieren, dass ich wohl tagelanges Piepen verhinderte. Freedom At 21 kam gigantisch. Die Band - an diesem Abend hat er sich für seine Jungs entschieden (eine zweite reine Frauenband tourt ebenfalls mit ihm) - machte eine unheimlich gute Figur. Jack White wirkte wie entfesselt, wie er auf der Bühne hin- und her wanderte und es hielt ihm kaum an einem Ort. Der Mann ist Musik - und das lässt er mit einer deutlichen Duftmarke sein Publikum spüren. Jack White ist ein Gesamtkunstwerk, wie er mit seiner Frisur, die mich entfernt an Blixa Bargeld erinnert in seinem schwarzen Anzug über die Bühne fegt. Nach Missing Pieces die erste Nachfrage ans Publikum: How are you doing Berlin? Lauter Jubel war die Antwort. Nach Weep Themselves To Sleep folgte Love Interruption - was live noch mal eine ganz andere Note bekam. Es fliegen die ersten Plastikbecher durch die Gegend. Teils mit Bier - teils leer. Ich bin froh, dass ich bis auf ein paar Spritzer verschont bleibe. Das Publikum im Innenraum als auf den Rängen hält es kaum auf der Stellle - Jack White reisst mit. Hotel Yorba ebenso. Mit Trash Tongue Talker bin ich dann völlig eins mit der Musik und auch mit dem Publikum. Haben mich First Aid Kit träumen lassen, so wird man von ihm aus allen Träumen gerissen. Daran ändert das eher ruhige I Guess I Should Go To Sleep, welches ich eher als Rausschmeisser erwartet hätte, als mitten im Konzert. Mein persönlicher Favorit vom aktuellen Album Hypocritical Song ist live an diesem Abend noch intensiver als auf der Platte. Liegt vielleicht auch daran, dass um mich herum ein Großteil des Publikums wohl eingefleischte Fans sind, die mit den Lippen auch jedes Lied mitsingen können und Klatschen, Hüpfen und die Köpfe im Rhythmus umher werfen.


Ich weiß gar nicht mehr an welcher Stelle des Konzerts das Tuch im Hintergrund gefallen ist und den Blick auf drei weitere Tücher freigab, die dann im blau angestrahlt wurden. Das hört sich spartanisch an - und das ist es auch - die ganze Bühnendeko und auch die Lichtshow hält sich dezent im Hintergrund und setzt kleine Akzente. Aber das wirkt durch die Zurückhaltung eher noch stimmiger und kraftvoller als ein Feuerwerk der Lichteffekte. In dem schwachen Licht der Band beim Bearbeiten des Schlagzeugs, der Violine, dem Klavier und so weiter zuzusehen ist ganz großes Kino. Es folgen I Cut Like A Buffalo (richtig heiß) und The Hardest Button To Button (schön dreckig aggressiv mit viel Jubel). Bei Two Against One bleibt mir beim Intro fast das Herz stehen so großartig wird es eingeleitet. Der Pianist nimmt sich dafür ein Instrument, welches ich nur unter dem Namen Melodica kenne zur Hand und bläst zu den Klängen der Akustikgitarre. Dazu noch die Autoharp im Hintergrund. Phantastisch. Das erinnert mich entfernt an Spiel mir das Lied vom Tod und die Szene auf der Bühne ist für mich nicht minder ergreifend. Dem schließt sich Blunderbuss vom aktuellen Album sehr passend an. Überhaupt ist die Setlist gut zusammengestellt. Keine Hänger und Langeweile kommt eh nicht auf, so wie Jack White und seine Band agieren. Bei We´re Going to Be Friends singt das ganze Publikum mit. Auf den Rängen hält es schon lange kaum mehr jemanden auf seinen Sitzen. Erst recht nicht beim darauffolgenden Steady, As She Goes. Jack White hält es auch nur immer kurz am Mikro - ansonsten wandert er in den Lücken die ihm die Band lässt umher. Nach Ball And Biscuit ist erstmal Schluss. Die Band verschwindet und auf die Bühne eilen die Melonenmänner, um sich der Gitarren zu bemächtigen, die sie wohl hinter der Bühne nachstimmen. Das Publikum ist außer Rand und Band - und es wird frenetisch geschrien, gejubelt, applaudiert und sonstwas, um Herrn White und die Gefolgsleute wieder auf die Bühne zu zwingen. Minutenlang geht das so.Die Zugabe besteht dann aus Sixteen Saltines, The Same Boy You´ve Always Known und ja - er hat es wirklich getan - in der Hochphase der EM kam als letzte Zugabe Seven Nation Army. Mit schöner dumpfer Gitarre und Dauergehopse des Publikums. Und dem passenden Gejaule, dass wir seit Jahren aus diversen Sportstadien kenne. Gut - geschenkt. Zurück lässt uns Jack White nebst Band in der brutalen Realität eines sommerlichen Berlins. Seine Rockshow hätte mir noch weiter Spaß machen können - aber vielleicht ist das so bei der Bekehrung - man wird auf jeden Fall wiederkommen, wenn der Messias wieder in der Stadt predigt.

Setlist Jack White:

Black Math
Freedom At 21
Missing Pieces
Weep Themselves To Sleep
Love Interruption
Hotel Yorba
Trash Tongue Talker
I Guess I Should Go To Sleep
Hypocritical Kiss
I Cut Like A Buffalo
The Hardest Button To Button
Two Against One
Blunderbuss
We´re Going To Be Friends
Steady, As She Goes
Ball And Biscuit
Sixteen Saltines
The Same Boy You´ve Always Known
Seven Nation Army


Aus unserem Archiv:

First Aid Kit, Köln, 14.02.12
First Aid Kit, Barcelona, 26.05.10
First Aid Kit, Paris, 07.04.10
First Aid Kit, Köln, 01.12.09
First Aid Kit, Wiesbaden, 30.08.09
The Raconteurs, Paris, 29.08.08
The White Stripes, Paris, 11.06.07


Videos:


http://www.youtube.com/watch?v=OeTDz7NTKV8
http://www.youtube.com/watch?v=CxEmx6JnC_Q


Mittwoch, 15. Februar 2012

First Aid Kit, Köln, 14.02.12

4 Kommentare

Konzert: First Aid Kit
Ort: Gebäude 9, Köln

Datum: 14.02.2012
Zuschauer: wohl ausverkauft

Dauer: First Aid Kit 85 min, Lingby 35 min



Wie groß First Aid Kit mittlerweile geworden sind! Mit ihrem neuen Album The Lion's Roar haben die schwedischen Schwestern offenbar den kommerziellen Durchbruch geschafft und folgerichtig das Gebäude 9 ausverkauft. An gleicher Stelle hatte ich Klara und Johanna 2009 schon einmal gesehen. Dieser Abend ist mir vor allem deshalb in Erinnerung geblieben, weil die beiden Sängerinnen offensichtlich sehr schlecht gelaunt waren und eher genervt als unterhalten hatten. Zum ersten Mal hatte ich First Aid Kit mit großer Begeisterung im Sommer zuvor bei einem Wiesbadener Festival erlebt und mich an den herrlichen Harmonien der Folksongs der beiden erfreut. Eine wechselhafte Geschichte zwischen First Aid Kit und mir also.

Heute war die Laune der beiden mittlerweile 19 und 21 jährigen Schwestern ausgezeichnet. Sie machten Witze, waren souverän und charmant. Johanna, die sehr jung aussehende Keyboarderin, erzählte, beim ersten Gebäude 9-Konzert habe "First Aid Kid" auf dem Plakat gestanden. "We're not kids!"

Auch ihre Musik ist reifer geworden. Glichen die Stücke der ersten Platte doch sehr ihren (damaligen) Vorbildern Fleet Foxes, wirkt The lion's roar abwechslungsreicher. Live spielen First Aid Kit seit 2010 mit einem Schlagzeuger, was eine weitere Entfernung von den spärlich intrumentierten ersten Auftritten darstellt. Vielleicht hat der riesige weltweite Erfolg von Mumford & Sons dazu geführt, daß auch die Schwedinnen sich von den ganz trockenen Stücken, bei denen nur das Zusammenspiel ihrer Stimmen im Vordergrund standen, wegbewegt haben, wahrscheinlich übertreibe ich aber auch maßlos; jedenfalls stimmt das Ergebnis in vielerlei Hinsicht: die zweite Platte gefällt mir sehr gut und sie hilft, die mittelgroßen Clubs zu füllen.

Wir bekommen das hier zwar immer um die Ohren gehauen, wenn wir über die Outfits der Künstler schreiben, aber auch, wenn ich darauf Rücksicht nehmen wollte, geht das heute wirklich nicht. Klara (die ältere)* trug ein knöchellanges Kelly-Family-Kleid, aus einem schweren grünen, im Licht der Scheinwerfer changierenden Samtstoff. Modell Vorhänge in einer Ritterburg. Schwester Johanna trug auch etwas, das an eine Gardine erinnerte, einen bodenlangen roten Traum mit hunderten von Bügelfalten. Ich glaube, so etwas sieht
man sonst nur in Fantasy-Filmen oder auf von 70er Jahre Grand Prix-Fernsehaufnahmen, herrlich!

Die beiden Stimmen stehen natürlich immer noch stark im Vordergrund. Dazu kommen Klaras Gitarre, Johannas Keyboard und das Schlagzeug. Die Autoharp, die Johanna spielt, kam nur bei einem Stück zum Einsatz, bei New year's eve von der neuen Platte. Von der stammte auch der Großteil des Programms. Bis auf I found a way spielten die Söderbergs alle Lieder von The lion's roar, sogar das iTunes Bonusstück Wolf, das ich nicht kannte.

Auch wenn viele der neuen Titel hervorragend sind (Emmylou! oder auch gerade dieses Wolf), waren die beiden besten Lieder des Abends ältere. Ghost town, die Mitsingnummer, am Bühnenrand unverstärkt gesungen, war zwar sicher Effekthascherei, aber eine sehr gute! Ich mag eigentlich solche Inszenierungen nicht besonders, das immer lauter und mutiger mitgesungene Stück hatte aber verflucht
viel Reiz. Normalerweise stehe ich grundsätzlich neben den unmusikalischsten Leuten im Saal, heute hatte ich offenbar irgendetwas falsch gemacht, die Mitsänger in Hörweite konnten das nämlich ausgezeichnet.

Am besten gefiel mir aber Heavy storm vom ersten Album, weil es so herrlich
schmissig war! Ich weiß wirklich nicht, ob ich das Lied vorher schon einmal wahrgenommen habe, heute war es aber vorzüglich!

First Aid Kit ist keine Band, die ich mir zigmal im Jahr ansehen werde. Dafür ist ihre Musik mir auf Dauer zu folkig und nicht aufregend genug. Aber heute war sehr gut und meine anfängliche Skepsis vollkommen umsonst!

Setlist First Aid Kit, Gebäude 9, Köln:

01: This old routine
02: Hard believer
03: Emmylou
04: Blue
05: In the hearts of men
06: Heavy storm
07: New year's eve
08: Ghost town
09: To a poet
10: Wolf
11: When I grow up (Fever Ray Cover)
12: Dance to another tune
13: I met up with the king
14: The lion's roar

15: Our own pretty ways (Z)
16: King of the world (Z)

17: Waltz for Richard (Z)


Eröffnet für First Aid Kit hatten Lingby aus Köln. Den Namen der Band hatte ich schon oft aufgeschnappt, ich hatte sie aber nie gesehen und kannte auch ihre Musik
nicht. Lingby spielten nur in abgespeckter Version mit Judith Heß am Keyboard (und der Trompete) und Willi Dück an der Gitarre. Sicher fehlte den Songs in dieser Version einiges, mir gefielen Lingby aber trotzdem hervorragend. Ihre Lieder sind wundervolle Popstücke, die eine leicht verschrobene Note haben, was mir sehr gefällt!

Die Ansagen der beiden waren ähnlich. Willi und Judith waren urkomisch und sehr unterhaltsam, aber erst auf den zweiten Blick. Das war toll und hat enormen Spaß gemacht! Lingby will ich dringend wiedersehen! Ein kleines Beispiel: Willi kündigte ein neues Stück an, das von seinen Eltern handele, die irgendwann bei Nacht und Nebel aus "Kirgistan ausgezogen" seien, nachdem sie die Kuh und andere Hebseligkeiten verkauft hätten.

Setlist Lingby, Gebäude 9, Köln:

01: Count the stars
02: Here and now, again
03: Empty still
04: Marathon
05: 1000
06: Bye bye Kirgistan
07: I worked for the light


Links:

- aus unserem Archiv:
- First Aid Kit, Barcelona, 26.05.10
- First Aid Kit, Paris, 07.04.10
- First Aid Kit, Köln, 01.12.09
- First Aid Kit, Wiesbaden, 30.08.09



Donnerstag, 27. Mai 2010

Los Campesinos! & First Aid Kit, Barcelona, 26.05.10

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Konzert: Los Campesinos! & First Aid Kit (Wichita Showcase beim Primavera Sound Festival)
Ort: Apolo, Barcelona
Datum: 26.05.2010
Zuschauer: gut 800 (voll)
Dauer: Los Campesinos! 73 min, First Aid Kit 30 min (verm.)


Ein neues Festival in unserem Programm. Das Primavera Sound Festival 2010 startet zwar erst morgen offiziell, ein Showcase des Wichita Labels mit unseren Lieblingen Los Campesinos! war allerdings ein guter Grund, schon am Vorabend etwas zu üben.

Die Geschichte des Showcases hatte mir LC! Sänger beim Stalken nach dem letzten Kölner Konzert verraten. Wegen des ausgezeichneten Lineups wollten die Waliser schrecklich gerne im Programm des Primavera Sound Festivals sein, um dann eine ganze Menge ihrer Lieblingsbands umsonst sehen zu können. Der Veranstalter tat der Band mit dem spanischen Namen allerdings diesen Gefallen nicht, sodaß Los Campesinos! ihr Label bitten mussten, einen Showcase mit ihnen zu veranstalten, um wenigstens durch die Hintertür Pavement und Konsorten sehen zu können. Das funktionierte, und so standen Gareth, Schwester Kim, Harriet, Ellen, Neil, Tom, Ollie und Live-Mädchen-für alles Sparky Deathcap Campesinos! am Abend als Headliner auf der Bühne des vollen Apolo Theaters.

Dahin zu kommen, war alles andere als einfach, denn vor dem Theater hatten sich irre lange Schlangen gebildet. Man konnte offenbar Karten an der Abendkasse kaufen aber auch jeder, der ein Ticket für das Festival hatte, durfte rein. Also theoretisch Tausende. Weil gleichzeitig Tickets in Bändchen umgetauscht wurden, dauerte es ewig. Gut eine Stunde brauchte ich, bis ich in Schrittgeschwindigkeit zum Umtausch zu kommen. Bis dahin hatten Peggy Sue bereits gespielt und First Aid Kit angefangen.

Zuletzt hatte ich nichts Gutes über die Auftritte der schwedischen Söderberg-Schwestern gelesen (& geschrieben). Sie wirkten lustlos und arrogant bei ihren Konzerten. Das war heute eine Ecke besser; das kurze Konzert machte eine Ecke mehr Spaß als zuletzt. Bei der Ansprache des Publikums merkt man Klara und Johanna aber ihr junges Alter an. Ihre Witzchen über "diese reiche Band Fleet Foxes, deren okayes aber nicht gutes Lied
Tiger Mountain peasant song sie coverten", waren nicht die gewünschten Lacher und nervten.

Musikalisch konnte man nicht meckern. First Aid Kit werden jetzt von einem Schlagzeuger begleitet, den ich nicht gebraucht hätte, der aber nicht weh tut. Die Lieder leben weiterhin ausschließlich vom abwechselnden oder gemeinsamen Gesang der Schwestern.

Neben dem "okayen" Fleet Foxes Cover spielten First Aid Kit Stücke, die live gesetzt sind,
You're not coming home tonight oder Heavy storm. Das schönste Lied war allerdings Ghost town, vor dem Klara Söderberg die vielen Leute hinten im Saal, die sich laut gegen die Musik unterhielten, kurz ruhig zu sein, weil sie das Stück unverstärkt singen wollten. Ich hätte nie gedacht, daß das funktioniert, der Saal wurde aber irgendwann ruhig. Vielleicht hatten die Leute Angst vor Klaras Reaktion (nicht ganz von der Hand zu weisen). Jedenfalls war Ghost town voll akustisch und wundervoll. Damit und mit dem restlichen okayen Auftritt versöhnte ich mich auch wieder mit First Aid Kit. Heute blieb kein fader Beigeschmack. Allerdings ist die Begeisterung von vor einem Jahr auch weg.

Das werde ich von Los Campesinos! wohl nie schreiben. Ich weiß nicht was passieren müsste, damit ich eines deren Konzerte schlecht finden müsste. Heute war ich nach anstrengendem Anreisetag gestern (mit drei verschiedenen Fluglinien - German Wings gebucht, Hapag Lloyd sprang für die ein und nutzte eine Tui fly Maschine) und vollem Touristenprogramm müde und stand an einer Stelle, an der der Sound schrecklich schlecht war - aber es war trotzdem toll!

Neues im Vergleich zum letzten Konzert in Köln im März gibt es nicht zu berichten. Es scheint jetzt Standard zu sein, daß LC! live vom "achten Campesino!" begleitet werden, von Sparky Deathcap Campesino!, der zwar im Hintergrund zwischen Verstärkern und Boxen versteckt steht; allerdings so viel arbeitet, als sei er fünf zusätzliche Bandmitglieder.

Ich stand schlecht. Als ich endlich reinkam, war der Theatersaal bereits voll. Nah an der breiten Bühne konnte man nur noch am rechten Rand stehen. Dort hörte man allerdings vor allem Toms Gitarre, die alles andere überdeckte. Dafür, die Feinheiten der Melodien einmal aus Gitarrensicht zu hören, war der Platz ideal. Ausgewogen klang es allerdings nicht.

Sänger Gareth und Schwester Kim erschienen im Partnerlook mit kurzen (Gareth) bzw. sehr kurzen Jeansshorts - für seine entschuldigte sich der Frontmann irgendwann.

Das Set war ähnlich dem vom März, ein komplettes Programm, keine abgespecktes Festivalversion. Sehr gut gefiel mir, daß
This is how you spell, "Hahaha, we destroyed the hopes and dreams of a generation of faux-romantics" wieder gespielt wird, da der Schwerpunkt der aktuellen Tour deutlich merkbar auf Stücken des letzten Albums liegt. Obwohl das nicht an die allerersten Los Campesinos! Titel heranreicht, sind auf Romance is boring so viele Knüller, daß ausreichend Auswahl für ein gutes Konzert da ist.

Wegen der Liebe der Band für Pavement hatte ich fest damit gerechnet, daß ihren Idolen in irgendeiner Form Tribut gezeugt wird. Insgeheim hatte ich mit dem Frontwards Cover gerechnet, daß LC! früher regelmäßig gespielt haben. Leider kam das nicht, dafür leitete Box Elder wieder You! Me! Dancing! ein. Ich bin also jetzt vorbereitet.

Obwohl nebenher nicht viel Ungewöhnliches passierte (daß bis auf Harriet und Ollie alle Bandmitglieder zur Zugabe ins Publikum springen und da spielen ist mittlerweile Tradition), gab es ein paar erwähnenswerte Szenen. Zum einen war es wieder herrlich, dem achten Bandmitglied zuzusehen. Sparky Deathcap spielt bis auf Bass, Geige und Querflöte alle Instrumente, die auch sonst bei der Band benutzt werden, meist zwei oder drei pro Lied. Sollten Get Well Soon irgendwann einen neuen Musiker suchen, ich könnte den Schotten empfehlen.

Für
We are beautiful, we are doomed bekam Tom ein kleines Keyboard. Weil das im 90° Winkel zu seinen Effektpedalen stand, er aber einen der Effekte brauchte, stand der Gitarrist mit einem Fuß zwischen mitten auf dem Brett - aber das funktionierte!

Ein schöner Auftakt - musikalisch nicht unbedingt wertvoll, da wo ich stand. Aber ein Abend mit Los Campesinos! funktioniert auch so.


Setlist Los Campesinos!, Wichita Showcase, Primavera Sound Festival, Apolo, Barcelona:

00: Intro (Early Whitney - Why?)

01: Heart Swells /100-1
02: Death to Los Campesinos!
03: Miserabilia
04: A heat rash in the shape of the show me state; or, letters from me to Charlotte
05: This is how you spell, "Hahaha, we destroyed the hopes and dreams of a generation of faux-romantics"
06: There are listed buildings

07: Documented minor emotional breakdown #1
08: My year in lists
09: Straight in at 1o1
10: Romance is boring
11: (Intro Box Elder) You! Me! Dancing!
12: We are beautiful, we are doomed
13: The sea is a good place to think of the future
14: Sweet dreams, sweet cheeks

16: Broken heartbeats sound like breakbeats (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Los Campesinos!, Köln, 13.03.10
- Los Campesinos!, Paris, 18.12.08
- Los Campesinos!, Köln, 10.11.08
- Los Campesinos!, Brüssel, 09.11.08
- Los Campesinos!, Melt!, 20.07.08
- Los Campesinos!, Paris, 04.03.08
- Los Campesinos!, Paris, 03.03.08
- Los Campesinos!, Haldern, 01.03.08
- Los Campesinos!, Köln, 27.02.08
- Los Campesinos!, Paris, 11.11.07
- Los Campesinos!, Brüssel, 04.11.07
- Los Campesinos!, London, 17.06.07
- First Aid Kit, Paris, 07.04.10
- First Aid Kit, Köln, 01.12.09
- First Aid Kit, Wiesbaden, 30.08.09



Donnerstag, 8. April 2010

First Aid Kit & Laura Marling, Paris, 07.04.10

4 Kommentare

Konzert: First Aid Kit & Laura Marling

Ort: La Flèche d'or, Paris

Datum: 07.04.2010

Zuschauer: viele

Konzertdauer: First Aid Kit etwa 45 Minuten, Laura Marling ungefähr 1 Stunde




Was für ein Menschenauflauf! Vor der Türe des Pariser Clubs Flèche d'or stehen junge Menschen bis zur nächsten Straßenecke Schlange. Was war denn hier los? War etwa Peter Doherty wieder in der Stadt? Oder Beth Ditto? Nein, die beiden Medienphänome, die inzwischen regelmäßig in der Bild-Zeitung besprochen werden, hatten zwar dieses Jahr ebenfalls die Flèche d'or bespielt und dafür gesorgt, daß der Laden, der ein wenig unter Zuschauerschwund leidet, endlich mal voll war, aber um sie ging es heute nicht. Auslöser für den Andrang war vielmehr der Auftritt von drei jungen Damen, die sich dem Folk verschrieben haben. Die Schwestern Söderberg von First Aid Kit und die Engländerin Laura Marling. Mein Freund von Rockerparis konnte es kaum glauben: "Warum sind heute soviele Leute da? Für Folkmusik? "- Ja, für Folkmusik, ganz genau! Allerdings kam sicherlich begünstigend hinzu, daß die auftretenden Künstlerinnen jung, hübsch und trendy sind. Als Damien Jurado, seines Zeichens einer der besten seines Fachs, hier vor eineinhalb Jahren gespielt hat, war der Laden leer. Alte häßliche Männer, die traurige Lieder singen und dazu auf der Akustischen gratzen, will kaum jemand sehen. "C'est la vie", wie der Franzose sagt.

Stellte sich bloß die Frage, ob die Damen auch musikalisch etwas zu bieten hatten. Den Anfang machten die Schwestern von First Aid Kit. Eine große Dünne und eine kleinere Dicke standen bereit, Klara Söderberg am Keyboard und der Harfe und Johanna Söderberg an der Akustikgitarre. Sie legten los und schon nach kurzer Zeit machte sich ein Country-Feeling breit. Junge Schwedinnen, die klingen wie Dolly Parton, das ist schon recht verblüffend! Entsprechend schnell ging ihr Aufstieg von statten. Jeder wollte die neue Folk Sensation, die durch das tolle Fleet Foxes Cover Tiger Mountain Peasant Song bekannt wurde, sehen. Mein erster Eindruck war zunächst positiv. Dann ergriff Johanna das Mikro und ließ ein paar französische Sätze mit gutem Akzent vom Stapel. Das Publikum (darunter Herman Düne, Thos Henley und der Sänger von Revolver) johlte, hielt dann aber verdutzt inne, als Johanna kess (sinngemäß) hinterherschickte: "Klar, sprechen wir französisch, wir sind ja auch die Besten!" Keiner klatschte. Hoppla, reden so schüchterne Nachwuchsmusikerinnen, die gerade am Anfang ihrer Karriere stehen? Johanna wirkte regelrecht dreist und sarkastisch, Klara arrogant und gelangweilt. Als die beiden circa in der Mitte des Sets ihr Fleet Foxes Cover ansagten und seltsam ironisch erklärten: "Kennt ihr das? Das ist von einer Band, die 2008 so ein Album herausgebracht hat. Eigentlich ein schlechtes Album. Wir mögen diese Band nicht!", lachte wieder niemand. Auch das Cover selbst ging an mir vorbei. Die Mädels legten keine Inbrunst hinein, wie noch bei dem hochcharmanten, im Wald gedrehten Video. Es klang wie runtergeleiert und sorgte bei mir für keinerlei emotionale Regung. Der Auftritt von First Aid Kit: eine Enttäuschung. Als hinge ihnen das Konzerte geben jetzt schon zum Halse raus, so wirkten sie leider auf mich. Klara schien auf verstörende Weise abwesend und gelangweilt. Zwar sangen die Schwedinnen wirklich sehr schön, aber echte Gefühle kamen nicht rüber. Fast erleichtert war ich deshalb, als sie nach etwa 45 Minuten von der Bühne schlurften. Prädikat: Talentiert, aber bereits jetzt mit Allüren und divenhaften Zügen ausgestattet.

Ob des zuvor Dargebotenen recht irritiert, fragte ich mich, ob die ähnliche junge Laura Marling auch schon den Bodenkontakt verloren hatte. Der Presserummel,vor allem in ihrer Heimat England, ist ja schon recht groß, da kann man durchaus abdrehen. Schon nach kurzer Zeit zerstreute Laura aber sämtliche Bedenken. Sie präsentierte sich höflich, bescheiden und natürlich. Letztlich war sie einfach professionell, was man daran merkte, daß sie den Leuten in Paris genau den gleichen Kram erzählte, wie dem Kölner Publikum vor ein paar Tagen. Als sie das Neil Young Cover ankündigte, widerholte sie die Story, daß dieses der erste Song gewesen sein, den ihr ihr Vater auf der Gitarre beigebracht habe und daß ihre Mutter lange Zeit dachte, er stamme von Laura selbst. Und auch am Ende kam ein Sprüchlein, daß sie wohl bei jedem Konzert anbringt: sie verstehe das Konzept von Zugaben nicht und spiele deshalb für Freunde von Zugaben noch ein Stück, für allen anderen zwei und keine Zugabe. Laura hat also eine klare Linie bezüglich der Anekdoten und Statements, die sie preisgibt. Da macht sie von Stadt zu Stadt keine Unterschiede und konzentrieret sich statt improvisierter Sprüche und Storys auf ihr einstudiertes Ritual. Das gibt Sicherheit und lenkt nicht vom Wesentlichen ab: der Musik. Und auch da merkte man, daß alles gut geprobt und durchexerziert war. Laura und ihre Band spielten sehr harmonisch, rund und ausgewogen, dem Zufall überlassen wurde nichts. Ich kann mir vorstellen, daß die junge Lady in der Vorbereitung mit äußerster Akribie zu Werke geht und die einzelnen Stücke so oft wiederholt, bis sie perfekt sitzen. Strebertum, daß sich bezahlt macht, denn in jeder Hinsicht war das Konzert von Laura auf hohem Niveau. Stimmlich tadellos und im Gesang nuancenreich und fein austariert, hinsichtlich der Instrumentierung absolut ausgewogen, weder zu druckvoll noch zu lasch. Der Sound: brillant! Erstaunlich, daß Laura in ihrem jungen Alter schon so perfekt ist, so etwas sieht man selten. Aber sie weiß sicherlich, was sie will und das ist über kurz oder lang eine essentielle englische Folksängerinn werden, die eine wesentlich längere Halbwertszeit als Modephänomene wie Kate Nash oder Lily Allen hat. Beim Betrachten ihrer Konzertes mußte ich oft an ein Interview denken, daß sie einem englischen Fernsehsender gegeben hatte. Da fragte die Moderatorin, warum eine junge Frau wie Laura, denn so ernst und wenig fröhlich sei. Ob sie denn überhaupt wie ein normaler Teenager aufgewachsen sei, was Laura knapp mit: "of course" beantwortete.

Laura Marling also ein Wunderkind? Vorsicht, mit solchen Aussagen! Sie ist bereits gut, ja sehr gut, aber um sich wirklich mit ihren Idolen Joni Mitchell oder Neil Young messen zu können, muß sie noch etliche hochklassige Alben herausbringen und weiter an sich arbeiten. Bisher gibt es ja erst lediglich zwei Ouputs, von denen der neueste I Speak Because I Can noch gar nicht offiziell erschienen ist.* Highligts daraus sicherlich Blackbery Stone mit seiner unwiderstehlichen Melodie, den nahegehenden Lyrics ("you did always say that one day I would suffer") und dem dramatischen Finish und das früh gebrachte Hope In The Air, das mit einer Melancholie aufwartet, mit der man Steine erweichen könnte.

Alles in allem ein Konzert von Laura Marling, das unterstrich, daß hier ein riesiges Talent unterwegs ist, daß über kurz oder lang die großen Bühnen der Welt bespielen wird. Der Menschenauflauf war also durchaus gerechtfertigt!

Setlist Laura Marling, La Fléche d'or, Paris:

01: Devils Spoke
02: Hope In The Air
03: Rambling Man
04: Ghosts
05: Blackberry Stone
06: To Be A Woman
07: Failure
08: Night Terror
09: Rest In The Bed
10: Made By Maid
11: Goodbye England
12: Alpha Shallows
13: Alas I Cannot Swim
14: My Manic And I
15: I Speak Because I Can

* nach kurzer Recherche müsste es doch richtigerweise heißen: das neue Album I speak Because I Can, das gerade erst (Ende März) erschienen ist.



Mittwoch, 2. Dezember 2009

Port O'Brien, Köln, 01.12.09

7 Kommentare

Konzert: Port O'Brien, Royal Bangs & First Aid Kit
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 01.12.2009
Zuschauer: sicher 3/4 voll
Dauer: Port O'Brien 65 min, Royal Bangs 35 min, First Aid Kit gut 30 min


Zwei Bands, die mir im Sommer auf Festivals große Freude gemacht haben, an einem Abend im Gebäude 9 waren entschieden zu attraktiv, um zu Hause zu bleiben. Also
ab in den liebsten Kölner Club, um neben Port O'Brien* und First Aid Kit auch noch Royal Bangs zu sehen, ein ambitioniertes Programm für einen Dienstagabend...

Auf First Aid Kit hatte ich mich nach deren tollen Auftritt bei der Wiesbadener Folklore besonders gefreut. Die beiden Schwestern Klara und Johanna Söderberg aus
einem Stockholmer Vorort sind nicht zufällig wegen eines youtube Videos, in dem sie die Fleet Foxes covern, bekannt geworden. Zum einen ist ihre Version des Tiger Mountain peasant songs ausgezeichnet, zum anderen hört man, daß Musik im Stile der Fleet Foxes die beiden Schwestern stark prägt und inspiriert. Ich war vorfreudig.

First Aid Kit begannen mit
In the morning, ihrem am meisten an die amerikanische Hippie-Band erinnernden Stück. Das Lied ist wundervoll, zündete heute bei mir allerdings gar nicht. Klara, die dunkelhaarige der beiden Schwestern, schien stimmlich nicht auf der Höhe zu sein. Ob sie erkältet war? Dazu kam, daß die Harmonie der beiden sonst so perfekt passenden Stimmen eine kleine Delle hatte. Stark war die nicht, es reichte aber, daß die Stimmen neben- und nicht miteinander klangen. Auch - und vielleicht war das die Ursache der leichten Mißklänge - waren beide für den Saal zu laut abgemischt. Es kippte alles ein wenig. Schade, schade, denn First Aid Kit leben sehr stark davon, daß der Gesang so wohl dosiert und passend ist.

Danach schickte Klara ihre blonde Schwester Johanna backstage, um Wasser zu holen. Keine große Szene, aber irgendwie bezeichnend für den Auftritt.

Die Rollen in der Band sind gut verteilt. Klara spielt Gitarre und singt einen größeren Anteil, während Johanna Keyboard und ab und an Autoharp spielt. Leider kam das spektakuläre Instrument heute nur einmal zum Einsatz. Es ist nämlich zu lustig, der jungen Schwedin beim Spiel dieser Zither-Art zuzusehen. Eigentlich stand die Musikerin die meiste Zeit ziemlich verhutzelt auf ihrer Bühnenseite, das Gesicht von vielen Haaren verdeckt und die Hände, wenn die nichts zu tun hatten, sofort in den Taschen der weiten Strickjacke verstaut. Aber die Autoharp umklammerte sie wie einen Schatz und entlockte ihr trotz enger Umarmung tolle Töne!

Irgendwie kam auch leider keine rechte Stimmung auf. Die beiden machen trotz der
Zither natürlich keine Mitgröhl-Musik, aber auch bei ihren Ansagen, Klaras Versuchen, ihrer schlechten Laune zum Trotz, mit uns zu reden, kam nichts zurück. "Das nächste Lied ist von einer Sängerin namens Buffy Sainte-Marie. Kennt ihr die?" - nichts - "Nicht Buffy die Vampirjägerin" - nichts...

Aber trotz allem bekam das Konzert noch die Kurve. Zum Fleet Foxes Cover stiegen die Söderberg Schwestern von der Bühne, baten uns, einen Kreis
um sie zu bilden und spielten mit zwei Gitarren und ohne Verstärkung. Ein sehr sehr schöner Moment!

Die beiden waren offensichtlich nicht in Bestform. Man ahnte aber sicher auch so, wie gut die Schwestern sein können. Mir hat es das nicht versaut, ich werde sie mir sicher wieder ansehen!

Setlist First Aid Kit, Gebäude 9, Köln:

01: In the morning
02: Our own pretty ways
03: You're not coming home tonight
04: Hard believer
05: Heavy storm
06:
Universal soldier (Buffy Sainte-Marie Cover)
07: I met up with the king
08: Tiger Mountain peasant song (Fleet Foxes Cover)

Danach folgte eine sagenhafte halbe Stunde! Den Namen Royal Bangs hatte ich bisher ein paarmal aufgeschnappt, aber noch keine Zeit gefunden, in ihre Musik reinzuhören. Aber - das predigen wir hier ja immer schon - neue Bands live kennen zu lernen, ist eine besonders empfehlenswerte, weil schonungslose Methode. Ich hatte wohl gar keine Vorstellung, was Royal Bang machen. Folkig sah ihr Bühnenaufbau nicht aus. Dabei hatte ich mit einem ruhigen Simon & Garfunkel-Abend gerechnet.

Hier standen jetzt aber reichlich laute Gitarren und ein mächtiger Keyboard-Turm in der
Mitte. Das Keyboard war allerdings nicht das dominierende Instrument, wichtiger waren die zwei (manchmal drei) Gitarren und das phänomenal gute Schlagzeug! Royal Bangs kommen aus Tennessee, dem schönsten US-Staat. Die Band besteht aus fünf Musikern, aus dem Sänger und Keyboarder Ryan Schaefer, den ich beim Aufbau noch für den Tourmanager oder Roadie gehalten habe, den beiden Gitarristen Brandon Biondo (mit sagenhaften Gesichtshaaren - lang leben die 70er!) und Sam Stratton, dem Bassisten Henry Gibson und Schlagzeuger Chris Rusk.

Ryans Stimme erinnerte mich manchmal an Robert Smith von The Cure, musikalisch stöbern Royal Bangs aber in einer anderen Ecke des Teichs; in der, in der sich sonst vielleicht British Sea Power oder
Modest Mouse rumtummeln - Arcade Fire in schnell, laut und ohne lustige Instrumente.

Vor allem die schmissigen Schlagzeugrhythmen machten den Auftritt der Knoxviller zu einem irre guten Erlebnis. Am besten wurde es, als Brandon seine Gitarre an Ryan
übergab und auf eine Standtrommel einschlug. Sagenhaft gut! Leider kann ich das keinem Lied mehr zuordnen, die Setlist entstammt nicht meinen Mitschriften, ich kannte ja noch nichts, sondern Brandons Gedächtnis.

Eine fabelhafte Band, die ich mir näher ansehen werde!

Setlist Royal Bangs, Gebäude 9, Köln:

01: Poison control
02: My car is haunted
03: Brainbow
04: War bells
05: Handcuff killa
06: Conquest II
07: Cat swallow
08: Tiny Prince of Keytar
09: Brother

Das lustige anders-als-meine-Vorstellung Spiel ging munter weiter. Als die Band die Bühne bestieg, waren da nur Männer, die aussahen, als wären sie gerade von einem Kabeljau-Kutter gestiegen. Cambria Holmes, die Gitarristin und Banjospielerin, die in Haldern noch dabei war, fehlte. Und als wäre sie das ruhige Element der (Live-)band gewesen, kamen mir Port O'Brien viel lauter, direkter und rockiger als in Haldern vor. Den Kaliforniern (sie betonten mehrfach aus der Bay area - wie wichtig manchmal doch so ein fehlendes n sein kann - bei San Francisco zu kommen) tat offensichtlich der Umzug von der Festivalbühne in den engeren Club gut, der entgegengesetzte First Aid Kit Effekt.

Es fing zwar mit
Don't take my advice gleich gut, aber noch vergleichsweise harmlos an. Das änderte sich beim fabelhaften Oslo campfire, denn da tickte Sänger Van Pierszalowski richtig durch. Er stürmte am Ende aufs Schlagzeug zu, lief da praktisch rein und trat ordentlich in die Zubehörtasche!

Es ist vollkommen unnötig Lieder hervorzuheben, da die Band ein gleichbleibend
hohes Niveau hielt. Und sie hatten Spaß! Ein kleines Beispiel... bei den kleinen Gitarrenstimm-Klimpereien vor Fisherman's son jubelten schon Leute im Publikum. Van Pierszalowski und den Keyboarder, der aussah, als hätte er er schon manchen Thunfisch eigenhändig aus dem Ozean gezogen, amüsierte das sehr. "Sie erkennen das schon!?"

Obwohl ich hundskaputt war, ging das alles viel zu schnell vorbei. Irgendwann (naja, bei My will is good, um genau zu sein), kam der Royal Bangs Schlagzeuger zum Extratrommeln auf die Bühne. Bei nächsten Stück, dem letzten vor den Zugaben, wurde das Spektakel noch größer. "Wir wollen, daß ein paar Leute nach oben auf die Bühne kommen! Die Frauen, die eben so getanzt haben..." Dazu sollte auch der Rest von Royal Bang als
Unterstützung hochkommen, die hörten aber die Rufe erst nicht und waren nicht aufzutreiben. Als sie gefunden waren, standen neben dem "normalen" Schlagzeuger vier Musiker um einige Toms und prügelten auf die ein. Wir Zuschauer sollten mit Flaschen, Schlüsseln und anderen Krachmacher mitmachen. Toll war es!

Danach kamen noch einige Kostproben der aufgeschnappten deutschen Satzfetzen und zwei fabelhafte Zugaben,
Stuck on a boat und Close the lid. Daß es so gut würde, hatte ich wirklich nicht erwartet. Aber damit war ich heute ja eh nicht besonders gut! Auch wenn Royal Bangs schon klasse waren, Port O'Brien waren unschlagbar!

Meine Lieblingszene war sehr unscheinbar aber köstlich: nach einem Stück, bei dem der Keyboarder und der Bassist zwei verschiedene Rasseln hatten, tauschten sie die für das nächste Lied...

Und zu gewinnen gibt es auch etwas von diesem Konzert:
Van Pierszalowski, der wie er mir mit einem "sure!" bestätigte, Fischer ist, hat das für unser Gewinnspiel signiert:













Setlist Port O'Brien, Gebäude 9, Köln:

01: Don't take my advice
02: Oslo campfire
03: Sour milk / salt water
04: Tree bones
05: Fisherman's son
06: Love me trough
07: Calm me down
08: Is this really what it's come to
09: Leap year
10: My will is good
11: I woke up today

12: Stuck on a boat (Z)
13: Close the lid (Z)



* von denen ich immer noch nicht weiß, ob sie jetzt Port O'Brian oder Port O'Briiiin ausgesprochen werden



 

Konzerttagebuch © 2010

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