Konzert: Echo & The Bunnymen Ort: Le Bataclan, Paris Datum: 19.01.12 Zuschauer. nicht ausverkauft, aber gut besucht, mindestens 1000 also Konzertdauer: gut 2 Stunden
Verfluchte Scheiße, was sollte das denn?! Echo & The Bunnymen fangen überpünktlich an? Ja waren wir denn hier bei den streberhaften Weichspülern von Coldplay? Eine ordentliche Rockband hat gefälligst zu spät zu kommen, launisch und unberechenbar zu sein! Das lob ich mir doch das Konzert von den Bunnymen vor gut sechs Jahren im Pariser Trabendo.* Da kamen sie wie es sich gehört fast eine Stunde zu spät auf die Bühne geschlichen.
Aber es ist halt alles nicht mehr wie es war. Wilde und ungezügelte Indiekonzerte werden zu Kindergeburtstagen, wo keiner sich daneben benimmt, niemand raucht und säuft bis die Schwarte kracht. Echo & The Bunnymen fangen um 20 Uhr 30 an, ein schlechter Witz! Ich kam eine geschlagene Stunde (!) zu spät, weil meine Rechnung wie folgt aussah: regulärer Beginn 21 Uhr + 30 Minuten einkalkulierte Verspätung der Band. Ich hasse es nämlich zu früh da zu sein, will sofort ins Geschehen eingreifen. Auch beim Sex verachte ich ein langes Vorspiel, will sofort losrammeln wie ein geiler alter Ziegenbock!(wenn meine Frau das jetzt lesen würde, auweia)
Nun ja, zumindest gab es für mich keine langatmige Warterei, sondern es ging gleich volle Pulle los. Als ich eintrat, wurde gerade Show Of Strength gespielt. Wie ich hinterher der Setlist entnehmen konnte, hatte ich satte 10 Songs verpasst, darunter absolute Klassiker und alte Lieblinge wie Villiers Terrace und Pictures On My Wall. Verfluchte Scheiße! Mein Zorn (den ich mir selbst zuzuschreiben hatte, wäre ich halt pünktlich gekommen, ich Depp!) verflog aber relativ bald, denn der Sound war richtig gut, die Gitarren herrlich schrammelig, das Schlagzeug wuchtig und präzise. Und der Gesang von Ian McCulloch? Sensationell gut! Nichts, aber auch gar nichts hatte seine Stimme von den alten Qualitäten verloren. Nach wie vor klingt sie herrlich verraucht, unbeschreiblich sehnsüchtig, greinend und durch Mark und Bein gehend.* "Over The Wall" schrie der abgehalfterte, Sonnenbrille tragende Knabe mit seinen pechschwarzen Klammotten in sein Mikro und mein Puls raste. Wow, da kam richtig geil rüber! Eine der stilprägenden Bands der Postpunk/New Wave-Bewegung Englands noch einmal mit ihren alten Hits zu hören, das hatte schon eine unwahrscheinlich intensive Wirkung. Ich stellte mir kurz vor, es sei Januar 1980 und ich stünde in der legendären Factory in Manchester, umringt von jungen, wutschnaubenden Punks beim Pogotanzen. Mit der Realität hatte das aber nichts zu tun. Obwohl Echo & The Bunnymen sicherlich genauso gut und messerscharf spielten wie früher, war das Publikum nicht mehr das Gleiche wie in den frühen Achtzigern. Hier und heute standen ausgemergelte, hüftsteife alte Böcke mit grauen Haaren und Falten in der Fresse rum und fühlten sich noch mal ansatzweise jung und an ihre Jugend erinnert. Typen wie ich also, bei denen das Leben seine Spuren hinterlassen hatte. Über die Frauen im Publikum reden wir am Besten gar nicht. Die waren erstens in der Minderheit und zweitens alt, bieder und verblüht. Hausmütterchen aus Wanne-Eickel (waren wir hier im schicken Paris?), die sich auch noch mal locker machten, so kam es mir fast vor. Aber das waren natürlich nur Äußerlichkeiten, das Hauptproblem war, daß das Publikum saumäßig lahm und die Stimmung entsprechend recht mau war. Dabei spielte die Band vorne wirklich tierisch gut auf, glänze mit einem rasiermesserscharfen Sound und optimaler klanglicher Aussteuerung. Aber es war nichts zu machen, die Post ging im Publikum nie ab, Crowdurfer gab es keine und Pogotänze auch nicht. Wie gerne hätte ich mich doch auf nette Weise mit ein paar Typen geprügelt, nur so zum Spaß. Die Musik war doch so herrlich aggressiv, da hätte das doch gepasst. Wenn ich Bock gehabt hätte, jemand Bestimmten in die Fresse zu ballern, wäre es der arrogante Typ mit seiner granatenhaft hübschen Freundin links von mir gewesen. Siegessicher hielt er seine nach einem Topmodel aussehende Puppe im Arm und grinste überheblich. Aber er war größer als ich, also ließ ich ihn in Ruhe und beschränkte mich darauf, seine Freundin dezent von hinten anzuglotzen.
Vorne wurde unterdessen munter das Programm abgespult, das da lautete "Echo The Bunnymen play Crocodiles and Heaven Up Here".* Von diesen beiden ersten Meisterwerken der Truppe aus Liverpool wurden alle Lieder gepielt und Ausfälle waren keine zu verzeichnen, was die enorme Qualität des Songmaterials eindrucksvoll unterstrich. Egal ob das morbide The Disease ("my life is a disease"), das gruftige, dreampoppige All My Colours oder das wahnsinnig aggressive With A Hip gespielt wurde, jeder Stoß war ein Treffer. Und dies obwohl sich McCulloch reichlich derangiert gebärdete. Zwischen den Liedern brabbelte er in einem unverständlichen Slang Sätze , die oft mit "Fuck" oder "Fucking" begannen und auch so endeten. "Fock (so sprach er das aus), fock, fock", bestimmt wurde dieses Fäkalwort 200 mal gebraucht. Der Rest waren Begriffe wie shit, crap etc. Es war köstlich das mitzuverfolgen. Ein paar Sachen verstand ich, zum Beispiel, daß sie heute in einer "focking televison show" ein "focking interview" gegeben hatten, das Paris eine "focking beautiful city" sei ("it's always rainig, Paris is like Manchester with nice bulidings"), überhaupt "the second most beautiful city in the world" (nach Liverpool natürlich) sei, daß seine Band Echo & The Bunnymen eine "focking great rock band" gewesen wären und das es sogar in absehbarer Zeit ein neues Album geben werde, das "focking amazing", ja mehr noch: "the best album ever written, by anybody", werden würde.
Manchmal unterbrach zwar diese Laberei von McCulloch ein wenig den Spielfluß, aber insgesamt war das dennoch eine tighte und knackige Sache. Die Jungs wussten einfach noch wie es geht, agierten so brillant, daß sich so manche Nachwuchsband noch mehr als eine Scheibe von der Klasse der Liverpooler abschneiden könnte. Kurzum, Echo & The Bunnymen sind eine essentielle Band und klingen heute noch alles andere als antiquiert. Mit dem Performen ihrer ersten beiden Alben hatten sie sich aber auf ihre düsterste Schaffensphase konzentiert, was danach kam war poppiger und lebensbejahender. So war es dann auch passend, daß Ian den abschließenden Song des Zugabeteils Lips Like Sugar als den "most sexy song I have ever written" bezeichnete. Zuvor hatte es noch das wundervolle Nothing Lasts Forever und den Klassiker The Killig Moon gegeben.
Alles in allem ein super Konzert. Wäre ich doch bloß pünktlich gekommen, verfluchte Scheiße!
* jeder Musikfan weiß, daß sie auch stark an die Stimme von Bono erinnert. Aber der U 2- Mensch hat alles geklaut. Bono, die Sackratte!
* aufgrund meiner ärgerlichen Verspätung für mich nur Heaven Up Here
Setlist Echo & The Bunnymen, Le Bataclan Paris, 2012:
01: Going Up 02: Stars Are Stars 03: Pride 04: Monkeys 05: Crocodiles 06: Rescue 07: Villiers Terrace 08: Pictures On My Wall 09: All That Jazz 10: Happy Death Men 11: Show Of Strength 12: With A Hip 13: Over The Wall 14: It Was A Pleasure 15: A Promise 16: Heaven Up Here 17: The Disease 18: AllMy Colours 19: No Dark Things 20: Turquoise Days 21: All I Want
01: Going Up 02: With A Hip 03: Show Of Strength 04: Stormy Weather 05: Bring On The Dancing Horses 06: The Disease 07: Scissors In The Sand 08: All That Jazz 09: The Back Of Love 10: The Killing Moon 11: In The Margins 12: Never Stop 13: Villiers Terrace 14: Roadhosue Blues (The Doors) 15: Of A Life 16: Rescue 17: The Cutter
18: Nothing Lasts Forever 19: Walk On The Wild Side (Lou Reed)
20: Lips Like Sugar 21: Ocean Rain
Fotos 2 und 3 von Robert Loerzel, Chicago. Nicht von dem Pariser Konzert. Thanks, Robert!
Konzert: Elbow (Howling Bells) Ort: Le Bataclan Datum: 15.11.2011 Zuschauer: gut gefüllt, aber nicht ausverkauft Konzertdauer: Howling Bells 30 Minuten, Elbow 2 Stunden
Erkenntnisse, Fakten, Beobachtungen zum Konzert von Elbow im Bataclan, Paris:
- Elbow sind irgendwie nix mehr für mich! Leider.
- Ich hatte sie zuvor erst einmal gesehen und mochte sie. Das ist lange her und war am 27. Juni 2006. Damals gab es das Konzerttagebuch noch nicht.
- Was es auch nicht gab - und das war auch gut so - war die permanente Aufforderung von Sänger Guy Garvey an das Publikum mitzuklatschen oder die Hände in die Höhe zu recken.
- Schlimm diese penetrante Animation. Kommt sicherlich davon, daß Elbow in England in ekligen Mehrzweckhallen vor zigtausend Leuten spielen. Der Mainstream steht auf so eine Kacke.
- die Stimmung erinnerte mich an die Atmosphäre in einem Fußballstadion. Das Problem: ich mag keinen Fußball.
- Obwohl, der Sport an sich ist in Ordnung. Abstoßend finde ich hingegen, daß Mitgegröhle beim Spiel und- noch viel schlimmer- nach dem Spiel.
- Gegröhlt und mitgesungen wurde heute auch viel. Viel nerviger war aber das scheiß Mitgeklatsche. Bei jedem verfluchten Lied! Wie bei Dieter Thomas Heck!
- Mitsingen konnte ich persönlich nicht, ich kannte keinen einzigen Song.*
- Das lag daran, daß mir nur die gelungenen ersten beiden Alben Asleep In The Back und Leaders Of The Free World geläufig waren.
- Die letzten beiden Outputs The Seldom Seen Kid Und Build A Rocket Boys! habe ich nicht gekauft. Irgendwie hatte ich die Vermutung, daß die mir zu bombastisch, hymnisch und radiotauglich wären.
- Und meine Vermutung wurde letztlich bestätigt. Aus der netten kleinen Indieband aus Manchester ist eine Stadionband mit opulentem Sound und großer Geste geworden.
-Besonders negativ fiel mir Open Arms am Ende auf. Was war das denn für ein käsiger Refrain? Zum Weglaufen!
- Das Publikum mochte das. Es bestand zum Großteil aus Engländern.
- Stilistisch Typ Normalo (im Klartext: teilweise recht häßlich und bieder) und teilweise ziemlich alt.
- Das Publikum sieht halt eben oft aus wie die Band oben auf der Bühne. Und Guy Garvey ist nun einmal nicht Brad Pitt. Er wirkte vielmehr aus wie eine Mischung aus Joe Cocker, Ivan Rebroff und dem Typ von The Soundtrack Of Our Lives.
- Er hat auch etwas von einem Priester. Wenn er immer die Arme so ausbreitet.
- Ist aber schon ein netter Typ. Jovial, aber ein lieber Teddybär.
- Eine Art Michael Schanze der britischen Musikszene. Einen kleinen Jungen im Publikum schäkerte er an und fragte ihn, welches Instrument er denn spiele. Der Knirps antwortete: "Gitarre." Daraufhin Guy: "für einen Bassisten sähst du auch viel zu gut aus."
- Guy Garvey würde sich auch gut als Politiker machen, vor allem in Rheinland-Pfalz. Er ist volkstümlich und schüttelte oft während (!) der Lieder die Hände der Fans in den ersten Reihen.
- Ich habe meine Hand nicht hingehalten, obwohl ich ganz vorne stand. Ich wollte nicht heucheln.
- Allerdings gab es auch ein paar gute Momente. Positiv vermerkt habe ich The Seldom Seen Kid und die zwei Lieder danach, Dear Friends Und Lippy Lips.
- Elbow sind ja auch eigentlich nicht schlecht. Die Stimme von Garvey ist famos und die Arrangements gekonnt.
- Es ist bloß inzwischen alles mindestens eine Nummer zu groß geworden (und damit meine ich nicht die Leibesfülle des Sängers). Weniger wäre in diesem Falle wesentlich mehr. Verdammt schade.
- Was Guy trank? Tee mit irischem Whiseky drin.
- Er erklärte die Zusammensetzung seines Gesöffs lang und breit. Auch dies eine Sache, die eher störend war. Es wurde zwischen den Liedern zuviel geredet, der Fluß und die Spannung gingen so verloren.
- Das Beste an dem Konzert von Elbow: die blonde Geigerin. Sie sah enorm süß aus und hatte ein charmantes Lächeln.
- Es gab auch noch zwei andere Geiger, ein Männlein und ein Weiblein.
- Auch Drummer waren teilweise doppelt vertreten und Garvey spielte selbst in einer (guten) Szene Drums.
- was den Abends halbwegs gerettet hat: die Vorgruppe Howling Bells aus Australien war richtig gut. Zu ihnen möchte ich morgen auch noch ein paar Sätze mehr schreiben.
Bonne nuit aus Paris!
Setlist Elbow, Le Bataclan, Paris:
01: The Birds 02: The Bones Of You 03: Mirrorball 04: Neat Little Rows 05: Grounds For Divorce 06: The Loneliness Of A Tower Crane Driver 07: The night Will Always Win 08: The River 09: The Seldom Seen Kid 10: Dear Friends 11.Lippy Kids 12: Wheather To Fly 13: Open Arms
14: Starlings 15: Station Approach 16: One Day Like This
Frank von Pretty Paracetamol mochte das kürzlich gelaufene Konzert von Elbow in Köln sehr. Hier geht es zu seinem euphorischen Bericht.
* stimmt so nicht ganz. Einen kannte ich. Station Approach, der als Zugabe kam.
Konzert: Fleet Foxes (Josh T. Pearson) Ort: Le Bataclan, Paris Datum: 30.05.2011 Zuschauer: ausverkauft: Konzertdauer: 95 Minuten Temperatur: 55 ° Celsius
Die Innigkeit sei verloren gegangen, bemängelte Bloggerfreund Eike vom Klienicum bezüglich des aktuellen Albums von Iron & Wine. Obwohl ich das in diesem Falle anders sehe, verstand ich sehr gut, was er meinte. Wenn ein Singer/Songwriter, der zu Beginn seiner Karriere intimste Lofi-Alben aufgenommen hat, plötzlich stärker instrumentiert und radiotauglicher daherkommt, kann das Puristen und Anhänger reduzierten Folks schon verschrecken.
Nach dem heutigen Konzertabend frage ich mich deshalb, was Eike wohl zu seinen alten Lieblingen Fleet Foxes sagen würde. Von Innigkeit, Intimität und Reduziertheit war nämlich so gut wie gar nichts zu spüren. Stattdessen wurde überaus wuchtig, ohrenbetäubend laut und stark orchestriert aufgespielt. Die Fleet Foxes wirkten wie eine vulgäre Stadionband, die sich für das Stade de France empfehlen wollte. Über weite Strecken klang das für mich wie Bruce Springsteen in seiner Born In The USA -Phase. Überflüssig zu sagen, daß dies enorm abschreckend war.
Was ist bloß aus dieser barocken Folkband geworden, die zu Beginn ihrer Laufbahn mit soviel Gefühl, Filigranität und Charme begeistern konnte? Wo ist sie hin, diese Magie, die von den choralen Gesänge ausging? Nicht viel übrig geblieben ist von diesen einstigen Qualitäten. Leider. Am heutigen Tage konnten mich die Amerikaner in keiner Phase fesseln. Zu wuchtig und brachial performten sie, um Wärme und Emotionen aufkommen zu lassen, zu dumpf und schwer allein das Schlagzeug von Josh Tillman. Bumm, bum, bumm, donnerte es von hinten und es klang als würden einem Ziegelsteine an den Kopf geschleudert. Die Sensationstimme von Pecknold oft zugekleistert von diesem alles übertönenden Bombastsound, der aber (und dies war nicht sonderlich überraschend) dem Publikum ausgezeichnet gefiel. Und dann die Chöre. Auch hier zu viel des Guten. Schematisch und schablonenhaft wurden sie einem aufs Ohr gehetzt, bei jedem Lied klangen sie gleich und echte Emotionen konnten auch durch die extreme Inbrunst und Lautstärke mit der sie geschmettert wurden, nicht erzeugt werden.
Höhepunkte waren rar gesät, im Grunde genommen gab es sie nicht. Einzig und allein dann, wenn Pecknolds Stimme mal mehr Luft zum Atmen hatte, kam mehr rüber. Bei Montezuma zum Beipiel, oder bei Blue Spotted Tail. Da entstand zumindest ansatzweise etwas von der Magie, die ich mir vorher erhofft hatte.
Regelrecht fürchterlich dann der Abschluß mit Blue Ridge Mountains. Wummernder Bombastfolk schallte durch das unerträglich heiße und schwüle Bataclan und es klang fast wie ein Hit für das Oktoberfest. Wenn man den Kaiser Chiefs damals den Vorwurf der Kirmesmusiktruppe machte, dann muss man dieses Etikett konsequenterweise nun auch den Fleet Foxes an die Brust heften.
Schade auch, daß der reduzierte Song Oliver James bei der Zugabe vom rhythmischen Klatschen der Zuschauer ruiniert wurde und so nicht seine anziehende Wirkung entfalten konnte.
Als ganz zum Ende der Helplessness Blues ertönte, war mein Urteil schon gefallen: enttäuschend! Robin Pecknold hatte zwar erneut bewiesen, was für ein Ausnahmesänger er ist, aber die inzwischen sechsköpfige Band ( Morgan Henderson als neues Mitglied an Kontrabass, Querflöte und: (würg!) Saxofon) war leider mit der Brechstange zu Werke gegangen.
Die Innigkeit ist verloren gegangen, wie sehr dieser Satz heute stimmte. Schade!
Zum Glück gab es aber den famosen Bartträger Josh T. Pearson im Vorprogramm. Der Texaner zeigte vortrefflich, was Folk, wenn er authentisch und mit einer gewissen Demut vorgetragen wird, vermitteln kann. Hier gab es keine Note zuviel, keine massentauglichen Bubblegumrefrains wie bei den Fleet Foxes, sondern tottraurige, aber gerade deshalb enorm bewegende Songs und ein komplexes und ungewöhnlich kreatives Gitarrenspiel. Ein Storyteller im Geiste von Bob Dylan, dieser Pearson, der mit einer Stimme und einem Charisma gesegnet ist, wie kaum ein Zweiter. Gleich mehrfach traf er mit seinen reduzierten Endlosliedern mitten in mein Herz. Kein Wunder, daß alle renommierten Musikzeitschriften sein Werk Last Of The Country Gentlemen mit Sternen überhäuften und Josh über den grünen Klee lobten. Der neue Shooting Star der Folkszene hat aber dennoch nicht den Bodenkontakt und seinen trocken Humor verloren. "I'm not Fleet Foxes" sagte er gleich zur Beginn zu Vorstellung schmunzelnd und schickter hinterher: "Die Fleet Foxes fallen heute aus, ich übernehme ihren Part, wenn das ok für euch ist." Zynisch und witzig auch, daß er zwischen den Liedern immer wieder mit Hinblick auf den Merchandise sagte: "Please buy my shit!"
Habe ich dann auch glatt gemacht, Zwar kannte ich die Lieder alle schon von Konzerten her, den Tonträger hatte ich aber noch nicht. Ich bin sicher, daß ich mich daran gütlich tun werde.
Setlist Fleet Foxes, Le Bataclan, Paris: 01: Cascades 02: Grown Ocean 03: Drops In The River 04: Battery Kinzie 05: Bedouin Dress 06: Sim Sala Bim 07: Mykonos 08: Your Protector 09: Tiger Mountain Peasant Song 10: White Winter Hymnal 11: Ragged Wood 12: Lorelai 13: Montezuma 14: He Doesn't Know Why 15: The Shrine/An Argument 16: Blue Spotted Tail 17: Blue Ridge Mountains
Konzert: Explosions In The Sky Ort: Le Bataclan, Paris Datum: 20.05.2011 Zuschauer: ausverkauft (aber irgendwie gar nicht übermäßig voll) Konzertdauer: 80 Minuten
"David Booooooowiiiiiiiiiieeeeeeeee!"
Diesen Reinruf eines französischen Konzertzuschauers gab es schon eine Weile nicht mehr. Dabei gehört er zum Standardrepertoire alberner Witzbolde, genau wie die Forderung :" à poil!" (ausziehen!) oder "Rock 'n Roll!".
Die spinnen die Gallier, müssen sich die Texaner von Explosions In The Sky gedacht haben, zumal der Reinruf ausgerechnet in einem ruhigen Moment erfolgte, wo Konzentration und Stille von Nöten war. Aber dadurch ließen sich die amerikanischen Postrocker nicht aus dem Konzept bringen. Motiviert bis in die Haarspitzen bauten sie sukzessive ihre monumentalen Gitarrenwände auf und ließen ihre Instrumente - ganz ihrem Bandnamen entsprechend - explodieren bis die Schwarte krachte! Ein Orkan fegte in diesen Momenten über die Köpfe der meist männlichen Besucher hinweg und die harten Burschen auf der Bühne untermalten die Dramatik durch wilde, headbangende Gesten und das Hochreißen ihrer "Waffen". Bei dem kurzgeschorenen blonden Typen in der Mitte hatte man gar den Eindruck, er würde seiner weit unten hängenden Gitarre von oben gewaltig die Fresse polieren. Explosions In The Sky entwickelten live genau jenen Bums und jene Dynamik, die man bei den faulen Säcken von Mogwai schmerzlich vermisst. Texas 3 Schottland 0, so in etwa würde das Ergenbnis zwischen den beiden Vertetern der jaulenden Gitarren in punkto Performance ausfallen.
Aber nicht nur der körperliche Einsatz war tadellos, sondern auch die Präzison und Wucht, mit der die Heißsporne die epischen Instrumentalstücke ihrer Platten live interpretierten.
Dabei hatte ich anfänglich schon ein wenig Sorge, daß den Zuschauern erneut ein Noise-Konzert vorenthalten und stattdessen eine laue Ambientshow vorgesetzt würde. Ich vermisste zunächst ganz einfach die Lautstärke. Machen wir uns mal nix vor, bei einer Show ohne Gesang müssen die Instrumente wenigstens so höllisch laut sein, daß man das Gefühl hat, die Ohren seien von einem geistesgestörten Blauwal vergewaltigt worden. Wenn man nicht mit dem Tinnitus seines Lebens die Halle verläßt, ist irgend etwas schiefgelaufen. Diesbezüglich wurden meine Bedürfnisse wenigstens halbwegs befriedigt. Zwar hätte ich es gerne noch 100 Dezibel lauter gehabt, aber auch so piepsen meine Laucherchen beim Tippen dieser Zeilen zumindest ein wenig.
Aber Explosions in The Sky können glücklicherweise nicht nur brachial, sondern auch schön. Und melodisch. Verblüffend wie sie es schafften, mehrere Gitarren gleichzeitig zum Perlen zu bringen und atemberaubende Klanglandschaften zu errichten. Euphorisiert und regelrecht bekifft von diesen elektrischen Ohrorgasmen schrien ein paar Typen rum wie am Spieß. Immer wenn es dramatisch und ekstatisch wurde (also am Ende der Endlosstücke) stießen sie ihre befreienden Jubelschreie aus. Die Mädchen im Publikum waren da wesentlich zurückhaltender. Ihre Art, den epischen Bombastsound zu genießen, war es eher, mit geschlossenen Augen dazustehen und sich berieseln zu lassen.
So ging das Ganze fast 80 kurzweilige Minuten lang, in denen Stücke des neuen Outputs Take Care, Take Care, Take Care aber auch Einiges vom Vorgänger All Of A Sudden I Miss Everyone und zudem jeweils zwei Songs von The Earth Is Not A Cold Dead Place und Those Who Tell The Truth Shall Die, Those Who Tell The Truth Shall Live Forever (2001) zum Klingen gebracht wurden. Eine Zugabe wurde den Zuschauern jedoch enttäuschenderweise vorenthalten. Ohne noch einmal zurückzukommen, verabschiedeten sich die Amis winkenderweise vom Publikum und ließen ihre Texas-Fahne, aber keine Setlist zurück. Dennoch hat sie ein Zuschauer bei setlist. fm zusammengeschustert bekommen:
01: Yasmin The Light 02: Last Known Surroundings 03: Catastrophe And The Cure 04: The Only Moment We Were Alone 05: Postcard From 1952 06: The Birth And Death Of The Day 07: Your Hand In Mine 08: Let Me Back In 09: The Moon Is Down
Konzerttermine Explosions In The Sky, Mai 2011 (ohne Gewähr):
22.05.2011: Fritzclub, Berlin 23.05.2011: Essigfabrik, Köln 24.05.2011: Ancienne Belgique, Brüssel 25.05.2011: Primavera Sound Festival, Barcelona 25.05.2011: Paradiso, Amsterdam
Konzert: The Kills Ort: Le Bataclan, Paris Datum: 06.04.2011 Zuschauer: ausverkauft Konzertdauer: 65 Minuten
So was nennt man dann wohl Dusel haben. Ich bin aber auch wirklich ein Glücksschwein! Komme einfach mal so vorbeigelatscht, obwohl ich weder Ticket noch Gästelistenplatz für die Kills habe. Stehe etwa 20 Minuten vor dem Pariser Bataclan und glotze den cool gestylten Girls hinterher. Weiß nicht, wie ich da reinkommen soll, denn das Konzert ist seit Wochen ausverkauft und die Herren und Damen des Labels Domino, auf denen die Kills beheimatet sind, grinsen nur höhnisch, als ich sie frage, ob sie mich da nicht irgendwie einschleusen könnten. Und bin dennoch pünktlich zum Beginn der Show drin! Und zwar ohne 50 Euro (oder mehr?) am Schwarzmarkt abgedrückt zu haben. Wie ich das geschafft habe? Zufall. Der Zufall, der dafür sorgt, daß ich einen Bekannten treffe, der im Pariser Kulturleben seit langem eine wichtige Rolle spielt, dies aber mitnichten raushängen lässt. Und stattdessen in seine Jacke greift, eine Gratiskarte rausfischt, sie mir in die Hand drückt und mir ein schönes Konzert wünscht. Saunett.
Drinnen bereue ich dann fast hier zu sein. Es ist bullenheiß und ich schwitze schon aus allen Poren, bevor die Show überhaupt angefangen hat. Ich sehe mich um und stelle fest, daß das Publikum überwiegend weiblich, lässig gestylt und extrem jung ist. Es hängen aber auch ein paar Typen hier rum, die sich obercool aufspielen. Abgewetzte Klamotten, Wuschelhaare, Dreitagebart. Pseudo-Clochard-Look. Alles nur Fassade, um davon abzulenken, daß die Schuhe 35o Euro gekostet haben und sie mit dem BMW von Mama gekommen sind. Hippie-Chic nennt man den Look dieser Arschgeigen in Paris auch, was an sich schon ein Widerspruch ist. Aber egal.
Alison Mosshart und Jame Hince lassen sich Zeit. Vielleicht weil er noch mit Kate Mosss rumknutscht? Oder sie ihren Leopardenfummel nicht mehr finden kann? Dennoch, mit etwas Verspätung geht es gegen 21 Uhr 15 los. Alison läuft unruhig auf und ab, wie ein Raubtier, das gerade aus dem Käfig gelassen wurde. Jame steht wie immer nur cool in seiner Ecke rum und läßt seine Elektrische aufjaulen. Wenn er spielt, hat man immer das Gefühl, als würde jemand verzweifelt versuchen, den Wagen mit Vollgas zu starten: "Wroamm, wroamm, wroamm." Seine Gitarre sprüht förmlich Funken. Sie produziert aggressive, knarzige und wütende Donner-Geräusche und stachelt Alison zu ihrem hysterisch-laszivem Gesang auf. James's Gitarre, VVs Stimme und ein pluckernder Drumcomputer, mehr braucht es nicht, um eine Halle in Extase zu versetzen. Das junge Publikum ist trotz der Hitze tanzfreudig und wild und vor allem in den vorderen Reihen geht die Post ab. Bei Lied drei, Heart Is A Beating Drum wird es zum ersten Mal so richtig feurig. Rohe, brachiale Gitarrenriffs und ihr souliger Gesang setzen den Leuten zu. Das Ganze ist so direkt, kompakt, laut und energisch dargeboten, daß es keines richtigen Schlagzeuges bedarf. Am Ende glaubt man fast, Jame würde seiner Gitarre wie einem Gaul die Sporen geben.
Auch bei U.R.A Fever steigt 'ne Party, die Fans erkennen den Klassiker sofort am Telefon-Piepston und singen lauthals die Parolen mit: "you are fever, you are fever, you ain't born typical". Schwül und bleischwer schreitet der Song voran, Jame und VV spielen sich textlich die Bälle zu und ab und zu klingt es nach Maschinengewehrsalven.
Dann kommt ein Zweier-Block mit neuen Songs. Sie kommen beide roher und rockiger als auf dem Album daher. "Oh oh oh oh oh"blökt das Duo bei DNA, "operator, operator, dial her back", keift Alison bei Satelite (kein Lena Cover im Übrigen).
Mit dem Tape Song folgt im Anschluß der absolute Kracher des Abends, er entstammt dem Vorgängeralbum Midnight Boom. Tape Song räumt auf ganzer Linie ab: "you've got to you've got to go straight ahead "der griffige Refrain, das Killerriff, der angrifsslustige Gesang, alles passt. Der Punk geht nun so richtig ab und an diese aufgepeitschte Stimmung kommt später nichts mehr wirklich ran, am ehesten wohl noch Sour Cherry.
Nach nur gut 45 Minuten hauen Jame und Alisonmit dem Verklingen eben jenes Sour Cherry schon Richtung Kabine ab und lassen sich mit dem Zurückkommen so richtig schön Zeit. Natürlich geht es noch weiter, alles andere wäre ja auch eine Frechheit. Die einzige Ballade des Abends, The Last Good Bye, sorgt zwar musikalisch für Abwechslung, aber der langsame Orgelsong wirkt fast kitschig auf mich und erreicht mich auch nicht auf emotionaler Ebene. Die Kills sollten sich aufs Rocken beschränken, das können sie viel besser als Kuschellieder für Romantiker. Bester Beweis dafür ist der alles abschließende Uraltsong Fried My Littlle Brains. Rau wie der Wüstensand, schrammelig wie ein verbeulter Wagen und wuchtig wie die Rechte von Mike Tyson, genauso muss das Ganze klingen.
Ein starker Abschluß eines guten, aber nicht sensationellen Konzertes. Dafür war die Spielzeit mit 65 Minuten einfach zu knapp bemessen. Etwas mehr hätte man sich dann doch fürs Geld gewünscht. Falls man denn seine Karte bezahlt hat...
Setlist The Kills, Le Bataclan, Paris
01: No Wow 02: Futures Starts Slow 03: Heart Is Beating Drum 04: Kissy Kissy 05: U.R.A. Fever 06: DNA 07: Satellite 08: Tape Song 09: Baby Says 10: You Don't Own The Road 11: Sour cherry
12: The Last Goodbye 13: Pots And Pans 14: Fried My Little Brains
- Great english review, brilliant pics and a video at Rockerparis!
Konzert: The Walkmen Ort: Le Bataclan, Paris Datum: 09.11.2010 Zuschauer: ausverkauft
Ich bin riesiger Fan von The Walkmen. Die New Yorker müssten so bekannt wie The Strokes oder Interpol sein, aber aus unerklärlichen Gründen ist dies (noch) nicht der Fall. Sänger Hamilton Leithauser hat eine Reibeisenstimme allererster Güteklasse und wird oft mit Bob Dylan verglichen. Zu dumm nur, daß in Paris im November bis zu 5 interessante Konzerte gleichzeitig, aber in unterschiedlichen Locations stattfinden. Heute abend wollte ich ins Espace B zu Gregory and The Hawk und Les Shelleys, also war eigentlich keine Zeit für The Walkmen. Eigentlich. Denn in Wirklichkeit gab es die theoretische Möglichkeit, beides mitzunehmen. Leithauser und seine Bande spielten nämlich lediglich im Vorprogramm von den Black Keys und wurden bereits um 19 Uhr 30 in die Arena gejagt. Und pünktlich um halb acht stand ich auch vor dem Eingang des Bataclan. Das Problem war bloß: ich hatte weder Akkreditierung noch Karte. Ich spekulierte darauf, daß ich mir bekannte Labelmenschen treffe, die mich in letzter Minute einschleusen. Ich traf dann in der Tat jemanden, der die Macht gehabt hätte, mich reinzukriegen, aber er sagte mir, ich solle bis 21 Uhr warten, dann ginge was. So lange konnte ich aber nicht bleiben, schließlich wolte ich ja ins Espace B. Ich zog also unverrichteter Dinge ab. Ein Freund von mir hat Fotos gemacht und die Setlist kriege ich bestimmt auch. Ich binde sie dann hier ein...
Setlist The Black Keys (source ici), Le Bataclan, Paris:
01: Thickfreakness 02: Girls On my Mind 03: 10 am Automatic 04: The Breaks 05: Stack Shot Billy 06: Busted 07: Act Nice and Gentle (The kinks Cover) 08: Everlasting Light 09: Next Girl 10: Chop And Change 11: Howlin' For You 12: She's Long Gone 13: Ten-Cent Pistol
14: I'll Be Your Man 15: Strange Times 16: I Got Mine
17: Sinister Kid 18: Your Touch
- Des très belles photos des Black Keys @ Bataclan sur le flickr d'Emelineuh, click!
Konzert: Syd Matters Ort: Le Bataclan, Paris Datum: 02.11.10 Zuschauer: ausverkauft, also 1500! Konzertdauer: 105 Minuten
Ein verrückter Konzertabend. Wieder einmal.
Wer uns regelmäßig liest, weiß, daß ich riesiger Fan der Pariser Band Syd Matters bin. Das Konzert meiner Lieblinge im legendären Bataclan (Fassunsgvermögen 1500 Zuschauer) war somit Pflichttermin für den heutigen 2. November 2010. Das Dumme war bloß, daß ich die Sache regelrecht verpennt hatte. Es gibt im Spätherbst/Frühwinter einfach zu viele gute Konzerte auf einmal und ich frage mich ohnehin schon, wie lange ich die Strapazen körperlich und seelisch durchhalten kann. Die für das unsrige Konzerttagebuch durchgearbeiteten Nächte zähle ich schon gar nicht mehr. Langer Rede kurzer Sinn: unkoordiniert und müde wie ich war, hatte ich weder Karte noch Akkreditierung für das seit langem ausverkaufte Konzert. Und die Jungs von Syd Matters kurzfristig noch mit einer Bitte um einen Gästelistenplatz anzuhauen, wollte ich auch nicht. Schließlich waren sie mitten in der Vorbereitung auf diesen mit Spannung erwarteten Auftritt in einem der bekanntesten Konzertsäle der Stadt.
Reichlich traurig fuhr ich gegen 20 Uhr 30 Richtung Pop In, wo ich mich mit den Konzerten der Französin Sarah Jeanne Ziegler und dem Ami Setting Sun auf Gratisbasis trösten wollte. Mein Kohldampf befahl mir aber zunächst einen Besuch in einem indischen Schnellimbiss um die Ecke. Ich stopfte das scharf gewürzte Zeug hastig in mich hinein wie ein seit Tagen völlig ausgehungerter Bergarbeiter und kam plötzlich auf die Idee, doch mal vor dem Bataclan vorbeizuschauen. Der Konzertsal liegt wohlgemerkt nicht weit vom Pop In entfernt, ich konnte also zu Fuß hin-und herlaufen. Ich hoffte wie durch ein kleines Wunder, irgendwelche Bekannte aus dem Umfeld der Band zu treffen, die mich in letzter Minute einschleusen. Vor der Tür hingen aber nur noch ein paar Schwarzhändler rum, die die Tickets für 40 Euro verkaufen wollten. Ich lehnte dankend ab und sah plötzlich ein recht junges Mädchen, das mich fragte, ob ich ihr ihre überschüssige Karte zum Normalpreis abkaufen wolle. Sie habe sich gerade mit ihrem Freund gestritten und der Kerl sei dann einfach wutschnaubend abgehauen. Ursprünglich hatte sie vor, mit ihrem Lover das Konzert zu besuchen. Nun aber hatte sie eine Karte über. Ich bezahlte ihr die 24 Euro und wir wünschten uns beide ein schönes Konzert. Sie dachte nicht im Traum daran, sich den Abend komplett vermiesen zu lassen und ging auch mit rein.
Drinnen hatte die Show schon seit einer Weile begonnen. Meine Uhr war um kurz vor 21 Uhr stehengeblieben, aber es war nun schon bereits halb zehn. Eine knappe halbe Stunde hatte ich also dummerweise verpasst. Das Set sollte aber 105 Minuten dauern, so daß das nicht allzu tragisch war. Dass sich mein Kommen definitiv noch gelohnt hatte, stellte sich ohnehin schon nach wenigen Minuten heraus. Ein ungemein fein austarierter, glasklarer Sound erfüllte das Rund, die Gitarren klangen unverschämt melodiös und Jonathan Morali sang schön wie nie zuvor. Innerhalb von 10 Minuten war ich mental hundert Prozent bei der Sache und tauchte ganz tief ab in die wunderbaren Klangwelten, in die uns die Pariser entführten. Sensationell wie brillant hier aufgespielt wurde! Alles passte, das Zusammenspiel der fünfköpfigen Gruppe funktionierte wie am Schnürchen. Die Stimmung im Publikum war entsprechend prima. Syd Matters haben ohnehin die besten Fans der Welt. Alle sind sie nett, friedlich und rücksichtsvoll, keiner nervt, keiner kommt einem dumm. Ein Mädchen, das vor mir stand, bot mir sogar ihren Platz an, damit ich bessere Fotos schießen konnte. Es war wie an Weihnachten oder Neujahr, wo sich Fremde auf der Straße ein frohes Fest, oder ein gutes neues Jahr wünschen. Es fehlte nur noch, daß wir uns alle wie in der Kirche an die Hand nahmen. Mit leuchtenden Augen blickten die Leute nach vorne, wo sich die fünf hochsympathischen und angenehm bescheiden gebliebenen Musiker alle Mühe dieser Welt gaben, um ihren Fans etwas zu bieten. Dieser Einsatz kam wahnsinnig gut an und nach jedem beendeten Lied gab es lange Ovationen für die Helden auf der Bühne. Fast eingeschüchtert bedankten sich die Musiker mit einem kurzen Kopfnicken. Dann konzentrierten sich wieder auf ihr feines Programm. Wenn ich eben die peacige Atmosphäre erwähnte, so lag das sicherlich am Sound von Syd Matters. Der Gesang von Jonathan Morali war (wie immer) fast pastoral zu nennen, die traumhaft schönen Chorgesänge hätten genauso gut von einem Kirchenchor stammen können und die Orgel gab dem Ganzen eine feierliche Note. Eine angenehme Wärme durchflutete meine ganzen Körper und ich erlebte das Konzert wie einen schönen Traum. Die Songs vom neuen Album Brother Ocean funktionierten prächtig und besonders Lost sorgte für einen mächtigen Klos in meinem Hals. So muss es wohl klingen wenn man im Paradies aufgenommen wird. Chöre so profund schön, daß kein Dichter dieser Welt sie mit Worten beschreiben könnte, ein Refrain der im Ohr hängenbleibt ("what a strange feeling to be lost") und ein perfektes, elegantes Zusammenspiel wie bei Real Madrid. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatten sie mich völlig um ihren Finger gewickelt. Die guten Songs reihten sich wie Perlen auf einer Kette, End & Start Again bot die melodischsten Gitarren der Welt, It's a Nickname swingte ungeheuerlich, Anytime Now! rockte ungewohnt laut und bei Obstacles andymöllerte ich wie blöd. Es war einfach zu ergreifend, ich konnte nicht anders als heiße Tränen zu vergießen. "Let's say sunshine for everyone, but as far as I can remember we've been migratory animals, living under changing weather", da bleibt einfach kein Auge trocken. Glasigen Blickes sah ich die Band zum ersten Mal die Bühne verlassen...
Nach einer Weile kam zunächst Jonathan alleine zurück und trug die reduzierte Balade Shore* vor, bevor die andern vier wieder mit hinzustießen und gemeinsam den Seelentröster Everything Else zelebrierten. Ein Fest. Dann trat Olivier Marguerit nach vorne und heizte dem Publikum klatschenderweise ein, um es bei Me & My Horses zum Mitmachen zu bewegen. Der Song war an Dramatik kaum zu überbieten und katapultierte sich von Minute zu Minute weiter nach oben. So etwa Fulminantes hatte ich schon lange nicht mehr gehört, das hatte fast epische Ausmaße wie bei A Silver Mount Zion! Die Zuschauer jubelten wie unter Droge. Dann war wieder Schluß. Oder doch nicht? Nein, es ging weiter. Lost Bird erreichte Werte auf der Melancholieskala, die man eigentlich nur von Genies wie Nick Drake (Fruit Tree) oder Elliott Smith her kennt. Aber Syd Matters müssen keinen Vergleich scheuen, sie spielen in einer ganz hohen Liga. Nach dem David Bowie Cover Space Oddity räumten sie mit To All of You, einem für die Serie Oc California beutzten Song, noch einmal auf ganzer Linie ab. Was für ein unfassbares Konzert! Weltklasse, absolute Weltklasse!
Nächster Halt auf dem Weg in den französischen Pop Olymp: das Olympia.! In dieser Kultstätte spielen Syd Maters am 29. März 2011. Ich bin wieder dabei. Logisch!In spätestens 20 Jahren wird man Syd Matters eh in einem Atemzug mit Serge Gainsbourg nennen.
Konzert: Black Rebel Motorcycle Club Ort: Le Bataclan Datum: 12.05.2010 Zuschauer: ausverkauft Konzertdauer: circa 100 Minuten
Concert solide, puissant et lourd de Black Rebel Motorcycle Club dans un Bataclan plein comme un oeuf. Les dignes héritiers des Jesus et Mary Jane et Stooges ont enflammé la foule avec leurs riffs sanglants et leur batterie sèche et lourde. Habillés tout en noir comme la majorité du public (souvent assez jeune et féminin) ces trois "angry young men"* ont parfois montré leur côté doux. Pour la ballade Visions Of Johanna (une reprise de Bob Dylan) Robert Turner a montré qu'il ne sait pas simplement brailler comme s'il buvait du whiskey toute la journée, mais aussi chanter calmement d'une voix chaude et profonde. Mais les morceaux lents restent l'exception bien sûr, on est là pour écouter du rock'n roll sec et direct, souvent teinté de blues comme le fabuleux Beat The Devil's Tattoo titre éponyme du très bon nouvel album. Autres moments forts: la performance des classiques Love Burns et Berlin. A noter aussi que la lumière était parfaitement adaptée au style sombre du groupe avec quelques rayons laser verts et bleus. En somme, le public a eu le concert attendu et les BRMC ont prouvé qu'ils ont toujours la pêche, même après 15 ans de carrière sur le dos. Comme quoi le Rock'n Roll n'est pas encore mort!
Mais j'aimerais savoir: "pourquoi y-avait-il cette pause de quelques minutes au milieu d'un morceau? Une fille est tombée dans les pommes ou quoi? Si oui, j'espère qu'elle va mieux!
Setlist Black Rebel Motorcycle Club, Le Bataclan, Paris (tausend Dank an Uschi!):
01: War Machine 02: Mama Taught Me Better 03: Bad Blood 04: Beat The Devil's Tattoo 05: Love Burns 06: Ain't No Easy Way 07: Aya 08: Berlin 09: Weapon Of Choice 10: Annabel Lee 11: Whatever Happened To My Rock'n Roll
12: Visions Of Johanna (Dylan) 13: Shuffle Your Feet 14: River Styx
15: Half-State 16: Conscience Killer 17: Six Barrel Shotgun 18: Spread Your Love
19: Stop 20: Shadow's Keeper 21: The Line
Deutscher Bericht folgt. Cool bleiben!
More pictures of Black Rebel Motorcycle Club (BRMC) @ Bataclan, Paris, klick!
* Pas tout à fait correct, parce qu'avec Leah Shapiro il y a une fille à la batterie. Ici une super photo d'elle de Robert Gil.
Konzert: Tindersticks (The Unthanks) Ort: Le Bataclan, Paris Datum: 03.05.2010 Zuschauer: ausverkauft Konzertdauer: Tindersticks 90 Minuten
Verflixt! Die doofe U-Bahn ist mir vor der Nase weggefahren. Konsterniert blicke ich auf die Anzeige und stelle betröpfelt fest, daß die nächste erst 13 Minuten später eintreffen wird. Üblich sind 4 Minuten, da gab es wohl irgendwo Probleme. Der nächste Schock ereilt mich, als ich im U-Bahnschacht ein Mädchen sehe, mit der ich vor 15 Jahren zusammen in Südfrankreich Jura studiert habe. Damals war sie süß und zierlich, heute ist sie fett und ihre Schönheit bereits mit 35 verblüht. Zum Glück habe ich nicht sie, sondern meine spätere Ehefrau angegraben. Die sieht nämlich immer noch top aus und ist schöner denn je. Hahaha, ich bin schon ein unverschämter Bastard! Sitze da mit meiner fetten Plautze hinter dem Computer und hacke gemeine Zeilen in die Tasten. Aber ein bißchen hämischen Spaß muss man mir schon lassen, schließlich bin ich mittendrin in der Midlife Crisis. Mein Spiegelbild kann ich nur noch schwerlich ertragen. Den dicken Mann mit dem schütteren Haar und den tiefen Augenringen von den nächtlichen Konzerten gucke ich mir lieber erst gar nicht mehr genauer an. Zu dumm nur, daß das Publikum bei den Tindersticks deutliche Ähnlichkeiten mit mir aufweist. Ebenfalls schon leicht ergraut, dünnes Haar, das sich immer weiter hinter die Stirn zurückzieht und mit kleinem Wohlstandsbäuchlein ausgestattet. Welche Schmährufe liest man da immer über Fußballer: "Die sind alle zu satt!" Würde auch zu dem Tindersticks Publikum (mich eingeschlossen, natürlich) passen, dieser Spruch. Die jungen hungrigen Leute, die Heißhunger auf wilden und ungestümen Rock'n Roll haben, sieht man hier jedenfalls nicht. Noch schlimmer: der Frauenanteil ist zu gering und diejenigen, die da sind, schauen auch nur mittelmäßig prickelnd aus. Irgendwie scheint es, als könne sich eine breite, gutsituierte und gebildete soziale Schicht über dreißig auf die Tindersticks einigen. Man sieht sowohl die typischen Linksintellektuellen, als auch die konservativen Aktenköfferchenträger mit ihren dooofen Blackberrys. Ein paar Herren im Publikum stehen im Anzug da, die sind direkt vom Büro gekommen und haben nur schnell ihren Schlips abgestreift. Andere wieder rechne ich den Kulturschaffenden zu, wie zum Beispiel den kleinen dicken Mann mit Bart und Brille, der für ein Print- Musikmagazin schreibt. Sie alle warten wie ich darauf, daß es endlich anfängt. Es ist gerade einmal 20 Uhr 30 und die Vorgruppe ist schon durch. Durch die Verspätung meiner U-Bahn habe ich die Unthanks aus England verpasst. Gerne hätte ich die Schwestern Rachel und Becky zusammen mit ihrer Band im Einsatz gesehen, so aber treffe ich sie lediglich hinterher am Merch, kaufe ihre letzte CD und knipse ein paar Erinnerungsfotos von den beiden Grazien. Ihr Folk sei sehr traditionell sagen mir Leute, die sie gesehen haben, aber das wußte ich schon vorher. Was ich allerdings nicht wußte: Sie fahren mit dem riesigen Amy MacDonald Reisebus durch die Gegend!Wow, schick!
Gegen 20 Uhr 50 geht bereits das Licht aus und der Hauptact beginnt. Im Bataclan ist es wie üblich schwülwarm und stickig und dies obwohl man sich draußen den Arsch abfriert (so viel zum Thema Wonnemonat Mai!). Zwei Frauen im Publikum schlägt die Gewächshausluft dermaßen aufs Gemüt, daß sie torkelnd an die Seite gebracht werden. Der muskelbepackte Gorila von der Security bringt Wasser und macht sich endlich mal nützlich, denn die andere Zeit steht er nur doof rum und glotzt auf das Display seines Handys. Wozu braucht man ihn auch schon hier? Als würde es Randale bei den Tindersticks geben! Bei dieser Schlafwagenmusik! Die ersten zwei Lieder sind gähnend langweilig und ich wäre jetzt am liebsten bei Slayer. Wenn sich noch jemand fragt, wie sich Altherrenmusik anhört, dann bekommt er hier die Antwort auf dem Tablett geliefert. Mir fallen fast die Augen zu, wegen der Schwüle und der lahmarschigen Musik da vorne. Ich hätte auf meine Frau hören sollen. Die hasst die Tindersticks, kann diese manikürte Baritonstimme von Stuart A. Staples auf den Tod nicht ausstehen. Immer wenn ich bei gemeinsamen Urlauben, CDs von den Tindersticks in den Player schieben wollte, hat sie die nach zwei Minuten rausgeschmissen und stattdessen zum x-ten Male die Kaiser Chiefs eingeschoben...
Ich bewege mich zur Seite und setze mich gegen eine Wand. Abdösen ist angesagt. Erst als der Song Peanuts erklingt, werde ich wieder wacher. Passt ja auch irgendwie zu den Kaiser Chiefs. Aber wir haben es hier nicht mit Spaßmusikern aus Leeds, sondern ernsthaften Künstlern aus Nottingham zu tun. Da wird nicht gelacht. Die Tindersticks waren schon immer düster, melancholisch und schwermütig, dafür werden sie von ihren ebenso depressiven Fans geliebt. Peanuts (ein guter Song, auch ohne Mary O'Hara, die auf Platte mitsingt!) stammt von dem neuen Album Falling Down A Mountain, das insgesamt wieder hervorragende Kritiken bekommen hat. Ich habe es nicht, tue mich stattdessen immer noch an dem absolut glänzenden Vorgänger The Hungry Saw gütlich. Davon kommt dann auch kurze Zeit später der übernächste Song des Sets. The Other Side Of The World ist zwar schnarchnasig wie der überwiegende Teil des Sets, dafür aber ungemein gediegen, harmonisch instrumentiert (dieses Cello, toll!) und lange im Abgang wie ein süffiger Rotwein. Der farbige Schlagzeuger rührt sein Instrument gewissermaßen, so als würde er Rühreier vorbereiten. Stuart croont dazu wie so ein Welmeister: "If I could touch you down and tell you all the things I never said of how you hide those tears away from me like I couldn't hear"...
Bei Lied Nummer 13 wird es ganz besinnlich. Ein Piano ertönt aus dem Hintergrund, bevor Stuart mit Klampfe unter dem Arm an sein Mikro schlafwandelt und die berührende Ballade Factory Girls vorträgt. Hier erinnert mich Staples an David Bowie, aber auch Leonhard Cohen. Bewegend der Text: "It's is the wine that makes me sad/Not the love I never had/Or the things I've never seen/Or the places I've never been." Für mich der emotionale Höhepunkt des Konzertes, das mir nun immer besser gefällt. Manchmal wird sogar fast ein wenig gerockt, aber diese Passagen bilden doch eher die Ausnahme. Mit Harmony Around My Table fällt auch der vorläufige Abgang recht verhalten aus, wenngleich das Lied mit dem Nananana-Singalong in der Mitte fast fröhlich und beschwingt klingt.
Das Publikum klatscht lange und ausgiebig und bekommt zur Belohnung Can We Start Again. Nun klatschen die Bandmitglieder ihrerseits in die Hände und performen den Klassiker vom 1999er Album Simple Pleasure. Das Publikum geht relativ gut mit, aber von Extase kann man nicht gerade reden. Gutsituierte Bildungsbürger feiern eben gediegen und nie zu wild. Nach No Man In The World scheint dann wirklich Schluß zu sein, aber das Hallenlicht bleibt dunkel. Stuart und seine Truppe kommen tatsächlich noch einmal wieder und spielend das schöne All The Love von meinem Lieblings Tindersticks Album The Hungry Saw.
Unter dem Strich bleibt ein Konzert mit guten Momenten, das mich aber nicht durchgängig gepackt hat, dafür gab es einfach zu viele Phasen gepflegter Langeweile. Vielleicht war ich selbst zu lahm drauf, oder es war einfach zu stickig im Bataclan. Ändert aber rein gar nix daran, daß die Tindersticks eine essentielle Band sind und Stuart Staples ein brillanter Sänger!
Setlist Tindersticks, Le Bataclan, Paris:
01: Falling Down A Mountain 02: Keep You Beautiful 03: Sometimes It Hurts 04: Marbles 05: Bath Time 06: MarseillesSunshine 07: Hubbard Hills 08: Peanuts 09: She Rode MeDown
10: The Other Side Of The World 11: Tyed 12: Black Smoke 13: Factory Girls 14: A Night In 15: Harmony Around My Table
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