Mittwoch, 12. November 2008

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-la-la Band, Paris, 11.11.08


Konzert: The Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-la-la-Band (Shearwater)
Ort: Le Bataclan, Paris
Datum: 11.11.2008
Zuschauer: fast ausverkauft
Konzertdauer: Shearwater: gut 40 Minuten, A Silver Mt-Zion: fast 2 Stunden



Als erstes fällt diese unglaublich markante Falsett-Stimme auf. Die klingt doch fast nach ..., ja richtig, Mark Hollis von Talk Talk! Als inzwischen 37 jähriger bin ich mit Songs wie Such A Shame und Dum Dum Girl groß geworden. Jemanden singen zu hören, der nach dem ein wenig in Vergessenheit geratenen Mr. Hollis klingt, lässt mich an meine mehr oder minder glorreiche Jugend in den 80 ern denken. Wenn ich nicht gerade zum tausendsten Male vergeblich versuchte, den Zauberwürfel zu lösen, legte ich damals sehr gerne die schöne Platte It's My Life auf. Allein das hübsche gemachte Cover mit den bunten Puzzleteilen war sein Geld wert.


Lange ist das her, um genau zu sein 24 Jahre! Fast ein viertel Jahrhundert, unglaublich! Viel hat sich in der Zwischenzeit verändert, Musik höre ich heutzutage über meinen I-pod, den es in den 80ern natürlich noch gar nicht gab, weil man schon die Erfindung des Walkmen für unglaublich revolutionär hielt. Vinyl-Platten werden interessanterweise aber wieder verstärkt gekauft und aufgelegt, auch von Rook von Shearwater konnte man optisch ansprechende Exemplare im Bataclan erwerben.

Und von Rook stammten natürlich auch die allermeisten Lieder des rund vierzigminütigen Sets von Shearwater, wenngleich auch vereinzelt Songs vom Vorgänger Palo Santo gespielt wurden. Aber bleiben wir bei Rook, denn dort gibt es genug Nektar zu saugen. On The Death Of The Waters war allein schon so tottraurig und wunderschön zugleich, daß es mir den Atem verschlug. Leise Passagen, in denen Sänger Jonathan Meiburg (zugleich Keyboarder von Okkervil River) ins Mikro winselte, wechselten sich mit rockigen Teilstücken ab und verströmten einen unvergleichlich melancholischen Charme. Noch besser war aber Rooks, von dem man auch eine Vinyl-Single am Merch kaufen konnte. Ein treibendes Stück mit herrlich melodischen Gitarren und einer Trompete, die man seit Calexico nicht mehr so wundervoll gehört hat. Über allem schwebte aber die wehklagende Stimme von Meiburg, die die Musikpresse in der Regel nicht wie ich mit Mark Hollis, sondern mit der von Jeff Buckley oder Anthony And The Johnsons vergleicht. Wie auch immer, Jonathan hat ein Goldkehlchen soviel steht fest! Auffällig war aber nicht nur der Sänger und Gitarrist, sondern auch der Drummer und Klarinettist mit seinen langen, strohigen Haaren und die hübsche junge Frau an Kontrabass und Gitarre. Eine mehrköpfige Kappelle, diese Band Shearwater also und weit mehr als ein Nebenprojekt von Okkervil River- Boss Will Sheff, der an den Alben mitbeteiligt war.

Schade, daß der Auftritt vergleichsweise kurz war, denn rockige und euphorisierende Stücke wie Century Eyes bewiesen, daß man sogar einen Vergleich mit Aracade Fire nicht zu scheuen braucht, dermaßen wuchtig und treibend kam dieser tolle Titel rüber. Und The Snow Leopard war der beste Radiohead Song, den Thom Yorke nie geschrieben hat! (nun ja eigentlich doch, aber da hieß er Pyramid Song)

Insgesamt also ein vorzügliches Set einer Band, die eigentlich nicht mehr ins Vorprogramm gehört.

Und dann warteten alle auf A Silver Mt. Zion. Es gibt Gerüchte, die besagen, daß dies heute eines der letzten Konzerte der Kanadier sein wird, möglicherweise das allerletzte in Paris. Grund seien Differenzen innerhalb der Band, so zumindest wurde es mir von einem Fan gesagt, der mir eigentlich ziemlich glaubwürdig und gutinformiert zu sein scheint. Trotzdem hoffe ich sehr, daß die Gerüchte nicht wahr sind und es mit der Geschichte von A Silver Mt. Zion weitergehen wird. Ohnehin erstaunlich, daß ausgerechnet eine Band, die so stark das Kollektiv, die Solidarität und den Zusammenhalt beschwört, sich dermaßen fetzt, daß man nicht mehr miteinander kann...

Aber machen wir uns da von Anfang an nichts vor, das anarchistische Gesülze von Ober-Mount Zion Efrim Menuck ist nicht allzu ernst zu nehmen, er selbst zieht ja seine Sprüche immer wieder ins Lächerliche und beweist damit auf wunderbare Weise eine gehörige Portion Selbsthumor, was mir schon immer sympathisch war.

Was nicht heißen will, daß er nicht an seine Sprüche glaubt, nein, nein, ich nehme ihm dass schon ab, was er da so erzählt. Alle Länder durch sie in letzter Zeit gereist seien, hätten eines gemeinsam, eine kollabierende Wirtschaft und Soldaten, die in Kriegsgebiete entsendet werden. Die Geschichte mit der kollabierenden Wirtschaft ist natürlich trotz der aktuellen heftigen Finanzkrise Unsinn. Zumindest in Frankreich kollabiert gar nix, das Land ist noch nicht einmal in eine kurzfristige Rezession abgesackt, wie es in Deutschland bereits geschehen ist. Bester Beweis dafür ist trotz aller nicht zu leugnenden Schwierigkeiten ein hervorragend gefülltes Bataclan am heutigen Abend. Und davon profitiert auch eine Band wie A. Silver Mt. Zion, ansonsten könnten sie eine Europa-Tournee gar nicht machen. So. Und CDs haben sie auch ordentlich verkauft nach dem Konzert und wenn das Geld über den Tresen ging, leuchteten auch ihre Augen. Verschenkt haben sie die Scheibchen jedenfalls nicht und mich hätte interessiert, ob sie sich auf einen Tauschhandel eingelassen hätten, so nach dem Motto: "Ich trag Euch den schweren Kontrabass in den Tourbus und ihr überlasst mir daraufhin im Gegenzug eine CD für lau." Für mich wäre das aber ohnehin nicht so interessant gewesen, denn ich habe ja schon fast alles von A Silver Mt. Zion und was in der Sammlung fehlt, hatten sie heute nicht dabei.

Den Schmarrn von der kollabierenden Wirtshaft erzählte Efrim übrigens an zwei Stellen und er wünschte den Zuschauern sogar nicht ohne Schadenfreude viel Spaß beim Untergang. Sie selbst seien dagegen autark und kämen irgendwie durch. Hmm, wenn er meint...

Ich lese gerade Drop City von T.C. Boyle, da geht es um eine Hippie-Kommune und da läuft auch nicht alles so reibungslos wie erhofft. Irgednwie muss man sich ja was zum Beißen beschaffen und zum Jäger ist nicht jeder berufen und Beeren machen auf Dauer auch nicht satt!

Aber kommen wir einfach zur Musik, die ist eh das Beste bei A Silver Mt. Zion und man muss eigentlich gar nicht die Texte großartig hinterfragen, um die Message zu verstehen. Wenn Efrim mit seiner weinerlichen Stimme greint und winselt wie ein getretener Hund, wird schon deutlich, daß das so eine Art Anklage sein sol, die in etwas folgendermaßen lautet: "Die Welt ist scheiße, korrupt und hundsgemein", aber zusammen sind wir stark (Beispiel:das eindringliche together, togehter, togehter in dem famosen Mountains Made Of Steam, das aber heute leider nicht gespielt wurde). Wenn dann noch die beiden Frauen der Band (die dritte, die Cellistin Becky Foon fehlte und ist wohl grundsätzlich nicht mehr dabei, genau wie der ehemalige Drummer Eric Craven, der heute durch einen jüngeren Burschen ersetzt wurde) im Chor lieblich mitsingen und mit ihren Geigen zunächst langsam, dann immer schneller und eindringlicher losfiedeln, bekommen die Klagegesänge zusätzliche Wucht und Schärfe. Das ist depressiv und hoffnungsspendend zugleich, wie überhaupt die Musik der Kanadier süß-saure Gefühle hinterlässt. Brachiale Gitarren und ein donnerndes Schlagzeug wechseln sich mit den wunderschönen Geigen ab und Kontrabassist Thierry Amar läßt sein Instrument düster durch die Lieder poltern. Überhaupt dieser Kontrabassist: Wenn man ihm, der ebenso wie Sophie Trudeau und Efrim schon zur Formation von Godspeed You! Black Emperor gehörte, zusieht, hat man das Gefühl, er würde einem äußerst kraftraubenden Handwerk nachgehen. Er verzieht dann sein Gesicht zu Grimasse, der Schweiß rinnt von seiner lichten Stirn und die Finger greifen beherzt in die widerborstigen Saiten. Jessica Moss, die dunkelgelockte Geigerin ist da filigraner, ihre Gesichtszüge sind immer lieblich und wenn sie eines dieser endlosen Stücke zu Ende gebracht hatte, strahlte sie immer über ihr ganzes Gesicht. Ein sehr hübscher Anblick, weswegen ihr Efrim auch während des Konzertes den Spitznamen James Blunt gab. Wieso James Blunt? - "She's beautiful!"...

Eine natürliche Schönheit, die immer barfuß spielt, wahrscheinlich um die Erde zu fühlen und nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, wenn die Lieder wieder in dramatische Endlosschlaufen eigetaucht sind, um am Ende mit voller Wucht zu explodieren. Sie gefällt mir wirklich, ich konnte kaum meine Augen (und meine Kamera) von ihr lassen und ich fahre auch total auf ihr Vogeltattoo auf ihren beiden Schulterblättern ab. Das sieht so stark aus, daß ich ihr noch nicht einmal übel nehme, daß sie sich nicht unter den Achseln rasiert. Vielleicht haben ihr deutsche Fans die Bravo geschickt, mit alten Fotos von Nena und ihrem Teppich unter den Armen und da dachte sie sich vielleicht, daß das cool ist...

Aber kommen wir noch einmal zu Oberindianer Efruk. Der sieht mit seinen langen Locken immer ein wenig aus wie das Leiden Christi und seine Augen erkennt man meistens gar nicht, weil die Mähne ihm wie ein Vorhang im Gesicht hängt. Ich mag ihn, er ist ein humorvoller Kerl, der dem Publikum erzählte, daß der zweiteilige Song Black Waters Blowed/Engine Broke Blues von Saddam Hussein handele, zumindest der erste Teil, der zweite eigentlich nicht und der bei Reinrufen aus dem Publikum immer zurückblökte: "What was that?" In der witzigsten Szene verstand er den Akzent des Franzosen nicht so richtig und meinte daaraufhin ironisch:"I think he wanted to say, that he dedicated his ass to us!" Darauf würde ich zwar jetzt nicht meinen Arsch verwetten, um beim Thema zu bleiben, aber das war auch ganz egal, denn Efrim hatte die Lacher auf seiner Seite.

Wenn gesungen und gepostrockt wurde, war allerdings wieder Schluß mit lustig und es wurde aufs Schönste gelitten. 1 000 000 Died To Make This Sound, gewidmet allen Straßenmusikern, die einsam und alleine sterben (ob er damit die Typen in der Metro meint, die auf ihrer Gitarre rumkratzen, bis sie irgendwann den Löffel abgeben?), beginnt sanft und lieblich, verdichtet sich dann aber immer mehr, wird laut und brachial und entwickelt sich so zu einem wahren Shocker, bei dem man besser seine Ohrenstöpsel tief in seine Gehörgänge gedrückt haben sollte. Ein abschließendes, fast zwanzigminütiges Highlight, das allein schon das Kommen gerechtfertig hätte, so imposant und wuchtig war es!

Dabei hatte ich fast gar nicht mehr mit einer Zugabe gerechnet, denn jedes Lied dauert so lange, daß nur eine einzige Zugabe längenmäßig 4 Liedern bei anderen Gruppen entsprechen würde. Vom regulären Set beeindruckte mich Horses In The Sky am meisten. Der behutsame melancholische Aufbau und die profund schönen Chorgesänge jagten mir ein Schauer über den Rücken und versetzten mich an einen anderen Ort, vielleicht in den Himmel...

An den wandte sich übrigens auch Efrim in einer Szene einmal und erklärte, daß er früher sehr gläubig gewesen sei. Ich erspare mir an dieser Stelle allerdings die Erläuterungen über den jüdischen Glauben von Efrim über den man bei Wikipedia lesen kann, denn der Sänger sagte wohl selbst einmal, daß Wikipedia hinsichtlich seiner Person, seinen Überzeugungen und seiner Aussagen so dermaßen voller Fehler sei, daß er Stunden bruchen würde, um das Ganze richtigzustellen.

Halten wir uns also einfach an die Fakten: A Silver Mt. Zion (ich bin bewußt in diesem Artikel nicht auf die vielen unterschiedlichen Abwandlungen des Bandnamens eingegangen) sind eine grandiose Gruppe, die live ihre bereits auf CD atemberaubenden Songs auf beeindruckende Art und Weise umsetzen. Und dies hoffentlich noch sehr lange!

Setlist A (The(e) ) Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Le Bataclan, Paris:

01: Take These Hands And Throw Them In The River

02: God Bless Our Dead Marines
03: Black Waters Blowed/Engine Broke Blues
04: Microphones In The Trees
05: Horses In The Sky
06: There Is A Light
07: Metal Bird

08: 1,000,000 Died To Make This Sound (Z)




4 Kommentare :

Anonym hat gesagt…

I am not surprised to read that Shearwater was one of the best supporting group of the year since, from my point of view, their show on September 12 was one of the best overall of the year. The September 12 show was short (50 minutes and approximately 20 minutes for the encores), precise, intense and wonderful.

By the way, did you attend the beautiful Ron Sexsmith show on November 9?

Phd

oliver r. hat gesagt…

I still regret that I missed Shearwater playing @ La Maroquinerie.

Unfortunately I couldn't go to see Ron Sexmith, but my friend Robert has great photos of this show:

http://www.photosconcerts.com/index.php?ai=acg&aiml=acg&cid=3038&a=R&pn=2008-11-09-0038&s=1

Anonym hat gesagt…

Too bad you missed Ron Sexsmith as well because it was really great. In case you are interested I got the setlist.. and I also had the chance to exchange a few words with Ron after the show.

Actually, I tried to find you to say hello and I identified half a dozen possible Oliver (I am not a good physionomist!) but none was close enough to your myspace picture...(your friend Robert, whom I see at almost all the concerts, is much easier to find!)

Maybe next time (Get Well Soon/Franz Ferdinand on Thursday or Sigur Ros on Saturday?)


Phd

oliver r. hat gesagt…

Yes, I'm interested in Ron Sexsmith's Setlist, would be great to have it. Thanks!

I'll go to see Sigur Ros, and maybe to Franz Ferdinand as well, so this time I hope to meet you! But I don't even know if you are a boy or a girl and what you look like :)

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates