Mittwoch, 14. November 2012

Sophie Hunger, Paris, 10.11.12


Konzert: Sophie Hunger
Ort: Café de la Danse, Paris
Date: 10.11.2012
Zuschauer: ausverkauft, also etwa 500
Konzertdauer: 90 Minuten




Sophie Hunger wurde von einem Fan auf ihrer Facebook Seite vorgeworfen, sie sei kindisch und unreif, weil sie in einem Interview wohl gleichzeitig Sympathien für gewisse kommunistische Ideen und den hochbezahlten Schweizer Tennisstar Roger Federer geäußert hatte. Schwärmereien für einen Sportler nur wegen seines Talents, seien etwas für Vierzehnjährige, sie könne demnächst ja gleich Teenager- Magazinen Interviews geben, so der Kommentator.

Den Vorwurf verstand ich nicht. Darf man als Erwachsener nicht für geniale Sportler schwärmen? Vor allem dann nicht, wenn man linke Ideen äußert? Hmm. Dann dürften, wenn man diese Sache ins Absurde weiterdenkt, Länderspiele der hochbezahlten deutschen Fußballnationalmannschaft oder von Dortmund und dem FC Bayern nur noch von Anhängern von konservativen und wirtschaftsliberalen Parteien besucht werden, oder wie?* Und selbst die dürften nicht schwärmen, weil das ja kindisch ist?



Nein, man sieht, daß dies absurd wäre. Ohnehin funktionieren heute oft alte Klischees und Rollenmodelle nicht mehr. Da gibt es den grünen Minister der gerne Porsche fährt, die Demonstranten gegen den Kapitalismus, die mit Coca Cola Dose in der Hand durch die Straßen ziehen und Sozis, die gerne Champagner saufen. Umgekehrt existieren auch Top Manager, die gerne mit einem alten (blauen) Bus durch die Gegend fahren, in einem Reihenhaus anstatt in einer Stadtvilla wohnen, und lieber zur Würstchenbude als in ein Gourmet Restaurant gehen. Und wer die Biographie über Steve Jobs gelesen hat, weiß auch, daß dem Apple Gründer, Geld so ziemlich scheißegal war, er in jungen Jahren immer barfuß und ungewaschen rumgelaufen ist und in Indien die Erleuchtung gesucht hat.


"30 ist das Neue 20, der Mann ist die neue Frau, Deutschland ist die neue Türkei, Nichtraucher sind die neuen Raucher etc.",  auch in Sophie Hungers Texten geht es darum, daß alte Vorstellungen und Regeln nicht mehr gelten. In dem neuen Lied Das Neue, welches sie etwa in der Mitte ihres Sets im Pariser Cafe de la danse spielte, kamen diese Texte vor. Um den Franzosen die Parolen verständlich zu machen, übersetzte sie sie vorher extra ins Französische. Etwas verwundert über diese Lyrics war ich schon, denn auf Anhieb machten sie keinen Sinn für mich. Erst nach einer gewissen Zeit des Überlegens dachte ich mir: "na ja, so stupide sind sie ja eigentlich nicht. Die Welt ändert sich eben, was früher galt, kann heute schon ganz anders sein."


Warum Sophie Hunger allerdings Mitleid mit der armen amerikanischen Freiheitsstatue (Z'lied Vor Freiheitsstatue*) hat, die laut der Sängerin ständig nur von Touristen abgeknipst wird, alleine in der Gegend rumsteht und sich persönlich nicht entfalten kann, ist mir bis heute ein Rätsel. War das jetzt ironisch gemeint? Oder hatte das Ganze doch einen tieferen Sinn? Bauwerke können sich nun einmal nicht bewegen, so ist das eben. Aber vielleicht muss man als Künstler ins Absurde denken, sich auch bizarre Dinge vorstellen können. Möglicherweise ist genau dies die infantile Sichtweise von Sophie (die bemerkte, daß sie sie das schon als Kind befremdet habe, die Freiheitsstatue so allein auf der Insel zu sehen), die oben kritisiert wurde, ihr aber ermöglicht, neue Songs zu schreiben. Schon Saint-Exupery hat in seinem kleinen Prinz deutlich gemacht, daß Erwachsene immer nur an Zahlen denken, keine Phantasie haben und nicht mit dem Herzen sehen.


Mit dem Herzen sehen. Ein recht kitschiger Satz, aber dennoch sehr schön. Ich glaube Sophie Hunger kann das und daß sie kein Herzblut und Gefühl in ihre berührenden Lieder legt, kann ihr ja nun wirklich keiner vorwerfen. Es ist immer wieder fantastisch zu sehen, wie sie live ihre Lieder lebt (auch so ein sülziger, aber gleichwohl passender Satz). Da wird aus der eigentlich so schüchtern wirkenden jungen Frau, eine richtig feurige, wilde Person. Eine die nicht nur die leisen, die weichen Töne beherrscht, sondern auch laut Schreien kann ( man höre nur den Refrain: "lalalalala I like to see you", von dem bluesigen Like Like Like) Mithilfe ihrer eigenwilligen Mimik (das weite Aufreißen der Augen, das nach oben Schauen) unterstützt sie noch nonverbal ihren Gesang und wenn sie dann beherzt in die Saiten ihrer Akustikgitarre greift, dann wird es richtig packend.

Auch im Café de la Danse in Paris war das wieder so, wurde man als Zuschauer und Zuhörer Zeuge ihres facettenreichen Wesens, ihrer ungemeinen Aura auf der Bühne, ihrer Anmut, ihres Stolzes, ihrer Leidenschaft. Eine Performerin vor dem Herrn, die Sophie, das würde keiner vermuten, der nur die Pressefotos der so unschuldig dreinblickenden Schweizerin kennt.


Logisch, daß deshalb ihre Konzerte immer spannungsgeladen und höchst emotional werden und extrem faszinierend sind. Man wird perfekt in das Spiel mit eingebunden, hält den Atem an und erlebt ein Wechselbad der Gefühle. Manche Lieder deprimieren einen, wühlen auf, bringen einen zum Weinen. (z.B. Walzer für Niemand, der aber nicht gespielt wurde). Andere lösen Spannungen, lassen einen begeistert mitgehen wie zum Beispiel das rockige und sehr hymnische Fischer Cover Speech oder Citylights vom Vorhängeralbum 1983



In Paris hatte Hunger übrigens eine ganz neue Begleitband dabei. Von der alten Gruppe um Flury ist keiner mehr übrig geblieben (nur der Herr Gerber vielleicht?), dafür gibt es aber nun einen Musiker aus Paris und eine schweizer Cellistin namens Sarah Oswald. Wie üblich hatte Sophie in aller Ausführlichkeit und epischen Breite jeden Musiker mit Namen vorgestellt, gesagt aus welcher Stadt er kommt und bis ins Detail aufgelistet, welches Instrument er spielt. Da lässt sie sich immer alle Zeit der Welt und bestätigt ein wenig das Klischee, das Schweizer ziemlich langsame Leute sind. Aber gerade diese Entschleunig tat in einer hektischen Stadt wie Paris sehr gut und trug wesentlich zu einem relaxten Konzerterlebnis mit bei.



Aber was war nun von den neuen Liedern zu halten, die es sehr reichlich gab? Was waren davon die Highlights? Ohne lange zu überlegen, würde ich da Heharun nennen. Ein gefühlvolles, eher baladeskes Piano- Lied, das mit einem formibalen Trombonenpart glänzen konnte, dann aber auch das dynamische Holy Hells, bei der die Hammond Orgel einen prominenten Einsatz hatte und das beatleske Souldier, bei der mir sowohl der Cello-als auch der Trompetenpart sehr gut gefielen.



Bezüglich der alten Sachen rammte mir vor allem Train People einen Stich in die Brust, hier war die Melancholie fast greifbar, das Klavierspiel so herrlich sanft, der Gesang von Sophie einfach wunderschön. Wie immer wurde das abrupt Stück beendet und darauf gewartet, bis das Publikum klatscht. Hier dauerte dies aber nur wenige Sekunden, weil ein Zuschauer diesen Gag wohl schon kannte.


Auf andere Lieblinge wie den Walzer für Niemand , 1983, oder D'red wartete ich allerdings vergeblich.

Dafür war der fetzige Anschluss mit dem Fisher Cover Speech aber geradezu perfekt, ein bißchen Indierock, das konnte nicht schaden.

Alles in allem wieder ein wundervolles Konzert von Sophie. Dieses unreife Kind kann halt nicht anders als toll!

Setlist Sophie Hunger, Café de la Danse, Paris:

01: Can You See Me?
02: Manhattan
03: Holy Hells
04: The Fallen
05: Heharun
06: Take A Turn
07: Protest Song
08: Le Vent Nous Portera (Noir Desir)
09: Das Neue
10: Personal Religion
11: City Lights
12: Souldier
13: Z'Lied Vor Freiheitsstatue

14: Hotel Belfort
15: Like Like Like
16: Broken English 

17: Rererevolution
18: Train People

19: Speech (Fisher)


* Sophie spielt ja auch hervorragend Fußball, selbst mit Stöckelschuhen, guckt mal das Video!
*ein schweizerdeutsches a capella Lied, das im Chor gesungen wurde.








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