Konzert: Josh T. Pearson Ort: Rough Trade Store chez Agnes b, 6 rue du jour, Paris Datum: 12.11.11 Zuschauer: 40-50 Konzertdauer: etwa 35-40 Minuten
Eine Unsitte, die seit Jahren und allerorten grassiert, war auch der Grund für das heutige Konzert des überaus bärtigen Texaners Josh T. Pearson im nur eine Woche existierenden Rough Trade Store bei Agnes b. in Paris. Rough Trade England hat Pearson für The Last Of The Country Gentlemen die Krone des Album des Jahres 2011 aufgesetzt, obwohl das Jahr doch noch gar nicht zu Ende ist. Für mich persönlich sei auf Jahresrückblicke vor dem 1. Januar geschissen, mein 2011 geht bis zum 31.12.2011 24 Uhr!
Aber sei's drum, Journalisten sind nun einmal faule Säcke und rechnen schon im November ab, um dann im Dezember Urlaub (von was?) machen zu können. Wobei es natürlich stimmt, das Album von Josh ist in der Tat toll. Allerdings auch hier dir Einschränkung, daß mich Tonträger deutlich weniger interessieren als die Livedarbietung. "Ich esse gerne frische Kost und mag keine Konserven", dieser Spruch des Fernseh-Kochs Johannes Lafer trifft auch auf mich und meine Haltung zum Konsum von Musik zu. Echte Musikfans wählen also am besten am 1. Januar 2012 ihr Konzert des Jahres 2011 und behandeln die Liste der besten Alben eher stiefmütterlich.
Was die Livedarbietungen von Josh T. Pearson anbelangt, konnte ich mir dieses Jahr ein sehr gutes Bild machen. Ich habe ihn im Café de la Danse, beim Haldern Pop und im Bataclan als Support der Fleet Foxes gesehen und komme auf nunmehr 8 Konzerte insgesamt. Jedes Mal war der hagere Kerl mit dem Rauschebart fantastisch! Seine tottraurigen und unendlich langen Songs sind einfach wahnsinnig bewegend, atemberaubend intim und so tröstlich, daß man sie wie einen warmen Schal im Winter tragen kann (diese Metapher hatte ich glaube ich schon mehrfach, egal, passt zur Jahreszeit!). Zudem hat der Mann mit dem Kuhtotenkopf-Gürtel viel Humor und albert immer schelmisch grinsend rum, egal in welcher Sprache. Französisch, deutsch, englisch, er beherrscht sie alle. Auf deutsch sprach er mich dann auch plötzlich und unvermittelt von oben an ("hallo mein deutscher Freund"), fragte wie es mir geht und drückte seine Freuden darüber aus, daß ich gekommen bin.
Die Freude lang ganz auf meiner Seite, denn es ist immer wieder magisch, Josh zuzuhören. Wenn er es erst einmal geschafft hat, seine Gitarre ordentlich zu stimmen (das dauert bei ihm immer saulange!), dann ist er dermaßen in seinen Vortrag vertieft, daß man ihn gänzlich woanders wähnt. In diesen Momenten vergisst er dann sicherlich, daß er gerade in einem Modeladen vor einer Tannenbaumdeko spielt und erinnert sich stattdesen an seine schmerzlich zu Ende gegangene Beziehung zu seiner deutschen Frau. Die Texte strotzen voller Anspielungen an diese Geschichte, drücken seine ungeheuerliche Seelenpain ausund zeigen ein Mann voller Zweifel und Schuldgefühle. Ein schonungsloses Werk, dieses Last Of The Country Gentlemen, von dem er heute drei Songs (Smashhits wie ers selbst immer grinsend zu sagen pflegt) zum Besten gab. Vor allem Woman When I've Raised Hell ging unglaublich unter die Haut. Weit über 10 Minuten lang wimmerte er sich durch dieses Kleinod, hielt inne, intensivierte dann wieder Gesang und Gitarrenspiel und brachte die kleine Tochter des famosen Videofilmers Renaud von Le Cargo zum Schlafen. Die Kleine schlummerte ganz friedlich im Arm ihrer größeren Schwester und ließ sich von Pearsons Klagegesängen auch nicht mehr aufwecken.
Etwa 35 Minuten lang ging das so und dann war auch leider schon Schluß. Trotz des ausdrücklichen Wunsches eines Zuschauers wollte Josh auch keinen speziellen Weihnachtssong mehr spielen. "Weihnachten ist doch scheiße", murmelte er durch seinen langen Bart und kletterte die Treppenstufen zu den Fans runter, um CDs zu signieren (" you can buy the CD or you can give me the money and download that shit for free") und mit den Weibern zu flirten.Ob er wohl noch eine abgeschleppt hat?
Großartig wie immer, der Pearson!
Setlist Josh T. Pearson, Rough Trade Store chez agnes b., Paris:
01: Sweetheart I Aint Your Christ 02: Woman, When I've Raised Hell 03: Sorry With A Song
Ort: Haldern Pop Bar, Rees-Haldern Datum: 12.08.2011 Zuschauer: volle Bar, nicht jeder kam rein
Den bärtigen Texaner Josh T. Pearson hatte ich schon am Donnerstag Abend im Spiegelzelt getroffen. Ziemlich müde und ausgezehrt stand der hagere und baumlange Mann da, berichtete, daß er gerade aus Oslo gekommen sei und nach Haldern sofort in die Bretagne zur Route Du Rock aufbrechen werde. Er habe 2011 unzählige Konzerte gespielt und sei nun reichlich platt.
Sein smarter Manager Peter, der immer dabei ist, schien hingegen relativ frisch und berichtete, daß er sich auf den morgigen Tag freue, weil dann Warpaint auftreten würden, die er kürzlich kennen- und liebengelernt hatte (die Musik, nicht die Mädchen. Obwohl?...).
Glücklicherweise machte Josh aber bei seinem Auftritt in der proppevollen Haldern Pop Bar am Freitag aber noch einmal letzte Kraftreserven frei. Und er war zu Scherzen aufgelegt und dies nicht zu knapp! "Ich habe einen großen Schwanz!", oder "du bist doch verrückt", mit deutschen Satzfetzen wusste er großzügig zu dienen. Kein Wunder, hatte er doch eine Weile in Berlin gelebt und war zudem auch mit einer deutschen Frau verheiratet. Das Ende dieser Beziehung hat er kreativ genutzt und in tottraurigen Songs verarbeitet, die er heute auf atemberaubend intime Weise einem verzauberten Publikum zum Besten gab. Er ließ emotional die Hosen runter, freilich nur im übertragenen Sinne, denn die enge gerade geschnittene schwarze Hose blieb an und die Größe seines besten Stücks mussten die Frauen sich deshalb vor dem geistigen Auge vorstellen.
Die Größe seines Talentes und seiner Songwriterkunst dürften eh immenser sein, als sein Schniedelwoods. Ein wahrer Sternenhagel ging hernieder als in diesem Frühjahr das erste Soloalbum des ehemaligen Lift To Experience Sängers erschien. Mojo, Q, Uncut, alle renommierten Magazine waren sich einig, daß der Texaner ein veritables Meisterwerk veröffentlicht hatte. Der Künstler selbst hingegen äußerte sich oft irritiert hinsichtlich seiner Platte: "diese Lieder sind so traurig, daß ich sie eigentlich nie wieder hören will", soll er gesagt haben. Gut für uns, daß er sie trotzdem spielt. Sweetheart I Ain't Your Christ, Woman When I've Raised Hell (heuer gespielt für eine Zuschuerin namens Franzsika), Sorry With A Song, ein Stück war schöner als das andere und nur Hartgesottene konnten sich ein innerliches Schluchzen verkneifen. Sensationell wie Pearson die Inbrunst, Lautstärke und Intensität variierte. Mal zupfte er nur ganz sanft an den Saiten seiner Gitarre, mal ließ er seine langen Finger so schnell fliegen, daß seine Klampfe perlte wie ein frisch geöffneter Champagner. Er war in der Lage mit Stimme und Akustischer jede gewünschte Emotion auszudrücken. Vom winselnden Greinen bis zur barschen Anklage war alles dabei. Pearson versteht es immer wieder aufs Beste, seine Zuhörer zu fesseln und sie auf seine Reise durch sein Gefühlsleben mitzunehmen, Haldern machte da keine Ausnahme. Mir persönlich ging das wahnsinnig unter die Haut, auch deshalb, weil ich mich mit den Stücken bereits beschäftigt und den Amerikaner schon mehrfach live gesehen hatte. Wenn er da bei Sorry With A Song um Verzeihung bitte ("but please accept my humble song") dann ist das schon ein Frontalaufgriff auf die Tränendrüse, jedoch ohne Kitsch und schmalzige Attitüde. Man fragt sich ohnehin, was er falsch gemacht haben kann in seiner Beziehung. Wenn man ihn so sieht, ist es schwer vorstellbar, daß er mal ausrastet oder böswillig wird (du bist so gemein!") und er hat zudem ein solch entwaffnendes Lächeln, daß man ihm fast jeden Unsinn verzeiht.
Auch den Witz über die Deutschen ("how do you get 50 germans out of a swimming pool? you just go to the edge of the pool and say very loudly: please get out of the pool now!") nahm ihm niemand übel, schließlich traf der Kalauer ja die Sache auf den Punkt.
"Toll, klasse, prima", diese von Josh am Ende auf deutsch in die Runde geworfenen Vokabeln beschrieben das Abgelieferte ziemlich gut, das Konzert war in der Tat toll und dürfte sich auch in ein paar CD Verkäufe umgemünzt haben. Es sei denn die Leute sind vorgegangen wie ihnen Pearson das vorschlug: "you can give me the money and download this shit for free!"...
Setlist Josh T. Pearson, Haldern Pop Bar, Haldern Festival 2011:
01: Sweetheart I Ain't Your Christ
02: Woman, When I've Raised Hell...
03: Sorry With A Song
04: Country Dumb
05: The Singer To The Crowd (Thousand Cover)
Konzert: Haldern Pop, 2. Festivaltag mit Matthew & The Atlas, Josh T. Pearson, Dry The River, Gibstert zu Knyphausen und vielen anderen Ort: Haldern Pop Bar, Spiegelzelt und Hauptbühne, Rees-Haldern, Niederrhein Zuschauer: ausverkauftes Festival und allerorten viele Leute
Hatte ich erwähnt, daß mir ein übler Jetlag in den alten Knochen steckte? Dass ich seit vier Wochen nicht mehr in meinem eigenen Bett geschlafen hatte, ich inzwischen biblische 40 Jahre alt bin und für Festivals eigentlich nicht mehr genügend Kondition habe?
Darauf war am Freitag, dem 12. Agust 2011 geschissen! Dann war ich eben müde, ausgelaugt und durch den Wind, die ersten Bands, die in der gemütlichen Haldern Pop Bar auftraten, wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen! Freilich rächte sich mein Ehrgeiz am Ende, denn den feinen Erased Tapes Special Abend im Spiegelzelt musste ich platt wie eine Flunder absagen, obwohl ich liebend gerne den feinfühligen Pianisten Nils Frahm und seine Labelkollegen, darunter die sublime Cellistin Anne Müller, erlebt hätte. 0 Uhr 45 war mir dann doch zu spät.
Aber rollen wir den Tag doch am besten chronologisch auf.
Zunächst brauchte ich Espresso und zwar in rauen Mengen. Fündig wurde ich beim Szeneitaliener in Bocholt (ja, so was gibt's da, Bocholt ist hip!), wo ich gleich zwei doppelte ("doppio" für Kenner) bestellte und so langsam wieder Mensch wurde. Dann war aber Zeit, nach Haldern aufzubrechen und Christoph und ich fuhren in den Ortskern, wo sich die inzwischen gut etablierte Haldern Pop Bar befindet. Die Schlangen vor der Tür waren gegen 12 Uhr/12 Uhr 30 bereits enorm, obwohl der Regen bereits jetzt viele Häupter benetzte. Glücklicherweise war ich als Presse akkreditiert und konnte mich deshalb vordrängeln. Viel von dem Konzert von Matthew & The Atlas sah ich dennoch nicht, da meine Vorderleute mich längemäßig deutlich überragten und die Bar proppenvoll war. Einige pfiffige Zeitgenossen hatten sich auf Stühle oder das Fensterbrett gestellt, um auch mit den eigenen Augen zu sehen, wer da vorne so schön sang. Es waren Matthew and The Atlas, fünf junge Menschen aus England, die mit Banjo und Akkordeon antraten und mit Lindsay West auch eine junge Frau in ihren Reihen hatten. Lindsay konnte ich allerdings nicht erkennen, da sie auf einem Stühlchen saß.
Die junge Band gehört zur neuen englischen Folkszene, in der Mumford & Sons die Leitwölfe, aber bei weitem nicht die eiizigen mit Herblut, Charme und Talent sind. Ein junger Musiker, der bei Mumford & Sons in Diensten steht, war es allerdings, der die Bewegung zusammen mit ein paar anderen ins Rollen gebracht hat. Die Rede ist von Ben Lovett, der im Jahre 2006 begann, in einem West Londoner Club monatliche Folkabende zu organisieren und schon sehr bald aufstrebenden Stars wie Noah & The Whale, Laura Marling, JJ Pistolet, Peggy Sue etc. eine Plattform bot. Communion war geboren und wurde im Jahre 2009 sogar ein Label, auf dem unter anderem Nathaniel Rateliff, Ben Howard (waren Donnerstag im Spiegelzelt), Marucs Foster und eben die uns an dieser Stelle interessierenden Matthew And The Atlas veröffentlichen.
Matthew und seine Mitstreiter machten ihrem Label Communion am heutigen Tage keine Schande, sondern vertraten es äußerst würdig. Die Stimmug in der Haldern Pop Bar hätte nicht besser sein können. Grund hierfür waren die ungemein eingängigen (aber nicht platten!) Melodien, die tollen Singalong Parts und nicht zuletzt die wahnsinnige Reibeisenstimme von Matthew, die neben Marcus Mumford auch ab udn zu an Bon Iver erinnerte.
Das Konzert entwickelte sich zu einem kleinen Trimuphzug, Titel wie I Will Remain, Within The Rose, In Winter oder Beneath The Sea wurden begeistert aufgenommen. Matthew and The Atlas fanden genau die richtige Mischung zwischen herzerwärmenden Balladen und schmissigen Gassenhauern. Besonders der Song Within The Rose hatte es mir ganz außerordentlich angetan. Ich bekam ihn in den nächsten Tagen nicht mehr aus dem Ohr: "ohohohoho, you 'll find me in the morning hidden within the rose, down beneath the great lake... my grandfather did ask me: "did you know what you have done?", diese Songfetzen schwirren mir noch heute durch den Schädel. Himmlisch wie sich hier die Stimmen ergänzen, auf der einen Seite die brüchige Stimme von Matthew, auf der anderen das liebliche Kehlche von Lindsay. Ein Lied, das einen Schwärmen lässt und bei weitem nicht die einzige Perle im feinen Repertoire der Band war. Logisch also, daß etliche EPs nach dem Konzert einen neuen Besitzer fanden und viele von dem besten Konzert des Tages sprachen.
Für mich hatte dieses aber trotz geteilter Begeisterung für Matthew And The Atlas der bärtige Texaner Josh T. Pearson abgeliefert. Denn der Bursche hat nicht nur einen großen Schwanz ("eigene Aussage"), sondern jede Menge unfassbar nahegehender Lieder.
Zu diesem Konzert und zu den anderen am Mittwoch mehr...
Konzert: Fleet Foxes (Josh T. Pearson) Ort: Le Bataclan, Paris Datum: 30.05.2011 Zuschauer: ausverkauft: Konzertdauer: 95 Minuten Temperatur: 55 ° Celsius
Die Innigkeit sei verloren gegangen, bemängelte Bloggerfreund Eike vom Klienicum bezüglich des aktuellen Albums von Iron & Wine. Obwohl ich das in diesem Falle anders sehe, verstand ich sehr gut, was er meinte. Wenn ein Singer/Songwriter, der zu Beginn seiner Karriere intimste Lofi-Alben aufgenommen hat, plötzlich stärker instrumentiert und radiotauglicher daherkommt, kann das Puristen und Anhänger reduzierten Folks schon verschrecken.
Nach dem heutigen Konzertabend frage ich mich deshalb, was Eike wohl zu seinen alten Lieblingen Fleet Foxes sagen würde. Von Innigkeit, Intimität und Reduziertheit war nämlich so gut wie gar nichts zu spüren. Stattdessen wurde überaus wuchtig, ohrenbetäubend laut und stark orchestriert aufgespielt. Die Fleet Foxes wirkten wie eine vulgäre Stadionband, die sich für das Stade de France empfehlen wollte. Über weite Strecken klang das für mich wie Bruce Springsteen in seiner Born In The USA -Phase. Überflüssig zu sagen, daß dies enorm abschreckend war.
Was ist bloß aus dieser barocken Folkband geworden, die zu Beginn ihrer Laufbahn mit soviel Gefühl, Filigranität und Charme begeistern konnte? Wo ist sie hin, diese Magie, die von den choralen Gesänge ausging? Nicht viel übrig geblieben ist von diesen einstigen Qualitäten. Leider. Am heutigen Tage konnten mich die Amerikaner in keiner Phase fesseln. Zu wuchtig und brachial performten sie, um Wärme und Emotionen aufkommen zu lassen, zu dumpf und schwer allein das Schlagzeug von Josh Tillman. Bumm, bum, bumm, donnerte es von hinten und es klang als würden einem Ziegelsteine an den Kopf geschleudert. Die Sensationstimme von Pecknold oft zugekleistert von diesem alles übertönenden Bombastsound, der aber (und dies war nicht sonderlich überraschend) dem Publikum ausgezeichnet gefiel. Und dann die Chöre. Auch hier zu viel des Guten. Schematisch und schablonenhaft wurden sie einem aufs Ohr gehetzt, bei jedem Lied klangen sie gleich und echte Emotionen konnten auch durch die extreme Inbrunst und Lautstärke mit der sie geschmettert wurden, nicht erzeugt werden.
Höhepunkte waren rar gesät, im Grunde genommen gab es sie nicht. Einzig und allein dann, wenn Pecknolds Stimme mal mehr Luft zum Atmen hatte, kam mehr rüber. Bei Montezuma zum Beipiel, oder bei Blue Spotted Tail. Da entstand zumindest ansatzweise etwas von der Magie, die ich mir vorher erhofft hatte.
Regelrecht fürchterlich dann der Abschluß mit Blue Ridge Mountains. Wummernder Bombastfolk schallte durch das unerträglich heiße und schwüle Bataclan und es klang fast wie ein Hit für das Oktoberfest. Wenn man den Kaiser Chiefs damals den Vorwurf der Kirmesmusiktruppe machte, dann muss man dieses Etikett konsequenterweise nun auch den Fleet Foxes an die Brust heften.
Schade auch, daß der reduzierte Song Oliver James bei der Zugabe vom rhythmischen Klatschen der Zuschauer ruiniert wurde und so nicht seine anziehende Wirkung entfalten konnte.
Als ganz zum Ende der Helplessness Blues ertönte, war mein Urteil schon gefallen: enttäuschend! Robin Pecknold hatte zwar erneut bewiesen, was für ein Ausnahmesänger er ist, aber die inzwischen sechsköpfige Band ( Morgan Henderson als neues Mitglied an Kontrabass, Querflöte und: (würg!) Saxofon) war leider mit der Brechstange zu Werke gegangen.
Die Innigkeit ist verloren gegangen, wie sehr dieser Satz heute stimmte. Schade!
Zum Glück gab es aber den famosen Bartträger Josh T. Pearson im Vorprogramm. Der Texaner zeigte vortrefflich, was Folk, wenn er authentisch und mit einer gewissen Demut vorgetragen wird, vermitteln kann. Hier gab es keine Note zuviel, keine massentauglichen Bubblegumrefrains wie bei den Fleet Foxes, sondern tottraurige, aber gerade deshalb enorm bewegende Songs und ein komplexes und ungewöhnlich kreatives Gitarrenspiel. Ein Storyteller im Geiste von Bob Dylan, dieser Pearson, der mit einer Stimme und einem Charisma gesegnet ist, wie kaum ein Zweiter. Gleich mehrfach traf er mit seinen reduzierten Endlosliedern mitten in mein Herz. Kein Wunder, daß alle renommierten Musikzeitschriften sein Werk Last Of The Country Gentlemen mit Sternen überhäuften und Josh über den grünen Klee lobten. Der neue Shooting Star der Folkszene hat aber dennoch nicht den Bodenkontakt und seinen trocken Humor verloren. "I'm not Fleet Foxes" sagte er gleich zur Beginn zu Vorstellung schmunzelnd und schickter hinterher: "Die Fleet Foxes fallen heute aus, ich übernehme ihren Part, wenn das ok für euch ist." Zynisch und witzig auch, daß er zwischen den Liedern immer wieder mit Hinblick auf den Merchandise sagte: "Please buy my shit!"
Habe ich dann auch glatt gemacht, Zwar kannte ich die Lieder alle schon von Konzerten her, den Tonträger hatte ich aber noch nicht. Ich bin sicher, daß ich mich daran gütlich tun werde.
Setlist Fleet Foxes, Le Bataclan, Paris: 01: Cascades 02: Grown Ocean 03: Drops In The River 04: Battery Kinzie 05: Bedouin Dress 06: Sim Sala Bim 07: Mykonos 08: Your Protector 09: Tiger Mountain Peasant Song 10: White Winter Hymnal 11: Ragged Wood 12: Lorelai 13: Montezuma 14: He Doesn't Know Why 15: The Shrine/An Argument 16: Blue Spotted Tail 17: Blue Ridge Mountains
Konzerte: Josh T. Pearson (+ Lisa Germano) & Troy von Balthazar Orte: Le Café de la Danse (Josh), La Machine Du Moulin Rouge (Troy), Paris Datum: 15.04.11 Zuschauer: jeweils etwa 400-500
"Man soll nicht auf zwei Hochzeiten tanzen", so das Sprichwort.
Selbstredend, daß solch althergebrachte Weisheiten für mich nicht gelten. "Man kann nicht alles haben", auch diesen Spruch habe ich schon als Kind gehasst, ich wollte immer alles haben und dachte nicht daran, mich mit der Hälfte zu begnügen.
Gleichzeitig auf zwei Konzerten zu sein, ist aber selbst bei größtem Ehrgeiz nicht möglich. So musste ich dann zähneknirschend hinnehmen, daß ich von den Konzerten von Josh T. Pearson respektive Troy von Balthazar jweils nur die Hälfte mitbekam, weil die beiden Herren an relativ weit auseinanderliegenden Orten ihre schöne Kunst zur Schau stellten.
Begonnen hatte den Konzertabend des 15. April 2011 allerdings eine Dame. Lisa Germano hielt sich gegen 20 Uhr 15 im Café de la Danse am wundervollen Flügel bereit und ließ etwa 40 Minuten lang ihre Finger samtweich durch die Tasten gleiten. Ihre sehnsüchtigen Pianoballaden begleitete sie mit einer herzerweichenden Hauchstimme und schaffte es mit dieser Rezeptur tatsächlich, meinen überdrehten Puls deutlich nach unten zu fahren. Sie schien optisch vom Leben angegangen (kein Wunder, sie ist Jahrgang 1958), stimmlich war sie aber nach wie vor top. Zum Vortrag kamen Stücke von verschiedenen Werken ihrer umfangreichen Diskografie, vor allem vom aktuellen, noch nicht erschienenen Ouput und dem Vorgänger Magic Neighbor. Zwischen den Songs gab es immer mal wieder Erklärungen zur Entstehungsgeschichte der Stücke und auch ein paar Anekdoten, an die ich mich aber nicht mehr so genau erinnern kann (Alzheimer lässt grüßen!). Auf jeden Fall ging es in der witzigsten Szene um ihren bösen Nachbarn und auch eine Katze spielte in der Anekdote eine Rolle (oh je, Oliver, wo warst du mit deinen Gedanken, als sie das alles erzählte?).
Nach etwa 40 Minuten hatte die gute Lisa dann ausgeklimpert, schnappte sich die Setliste und ihr Glas Rotwein und überließ die Bühne dem Texaner Josh. T. Pearson, der in der Kabine schon mit den Hufen (ähem den Cowboy-Boots) scharrte.
Der hagere, hochaufgeschossene Bartträger ließ sich dann gegen 21 Uhr 15 auf der Bühne blicken, fragte zynisch, ob wir Pariser an einem Freitag abend nichts Besseres zu tun hätten, als einem traurigen Singer/Songwriter zuzuhören und legte mit einem Boney M Cover (!) los. The Rivers Of Babylon verhunzte er aber dreimal, weil er von Lachkrämpfen geplagt wurde und sein Manager Peter schüttelte am Bühnenrand schon entsetzt mit dem Kopf. Aber der verpatzte Start war (vermutlich) Teil der Show, die in der weiteren Folge wunderbar flutschte. Josh schafte es ganz alleine mit seine Akustikgitarre und seiner markanten Stimme, eine knisternde Atmosphäre zu kreieren und die Leute zum Schweigen und Zuhören zu bringen. Keiner muckte und dies obwohl die Stücke in der Regel mindestens 10 Minuten lang und oft sehr karg instrumentiert waren. In einzelnen Momenten kitzelte Josh die Saiten seiner Klampfe nur ganz leicht, bloß um kurz später perlende Riffs hinterherzujagen, die aufbrandeten wie eine hohe Welle im Meer. Tottraurig die Texte, in denen es um Trennungsschmerz, Einsamkeit und Depresisonen geht, Themen mit denen sich Josh in den letzten Jahren auseinandersetzen musste. Schmerzliche Erfahrungen, die allerdings der perfekte Näbroden für seine verzweifelten Bildhübsch-Songs waren und den Mann mit der Totenkopf Gürtelschnalle inspiriert haben. Aufgenommen wurden sie zum Großteil in Berlin, wo Josh ein paar Jahre lang lebte und wo er sogar eine deutsche Frau geheiratet hatte, von der inzwischen geschieden ist. In den letzten eineinhalb Jahren kampierte Pearson in Paris, genauer gesagt in der Wohnung über der Créperie West Country Girl. Der Patron Erwan Le Floch ließ ihn dort völlig mietfrei leben, ihm genügte es, daß der Texaner Akustik-Sessions in seinem Restaurant abhielt und famose Künstler aus Texas einlud, darunter Bosque Brown und Micah P. Hinson. Diese West Country Girl Night Sessions sind legendär geworden und inzwischen interessieren sich selbst britische Musikjournalisten genauestens für diese originellen Veranstaltungen, das Restaurant und die Pariser Vagabunden Zeit von Pearson (selbst Mojo berichtete).
Das Café de la Danse ist allerdings keine urige Crêperie und so war das heutige Konzert doch mit wesentlich mehr Druck verbunden, als die improvisierten Konzerte, die vor Augen von wohlwollenden Freuden stattfanden. Druck, dem Pearson nach den oben geschilderten anfänglichen Problemen auf beeindruckende Weise stand hielt. Dier Vortrag war intensiv, knisternd, packend und trotz der Länge der Stücke nie langweilig oger gar einschläfernd. Geradezu magisch, wie der baumlange Kerl das Publikum in seinen Bann zog.
Trotzdem: nach etwa 40 Minuten zog es mich weiter, denn ich wollte unbedingt noch das Ende des Konzertes von Troy von Balthazar mitbekommen. Ich rannte aus dem Café de la Danse Richtung U-Bahn, beeilte mich so gut wie ich konnte, kam aber dennoch mit massiver Verspätung in der Machine du Moulin Rouge an. Troy war bereits bei den Zugaben angelangt, aber die hatten es in sich und rechtfertigen die Hetzerei vollkommen. Wings ist eine der schönsten Balladen, die in den letzten Jahren geschrieben wurde. Der Hawaiianer trug dieses Kleinod mit solch brüchiger Falsett Stimme vor, daß sein Weltschmerz förmlich ertastbar war. Von Balthazar hatte Wings auch damals bei meiner Oliver Peel Session performt und schon zu diesem Zeitpunkt war ich hin und weg von dem Track, den man auf seinem aktuellen Album How To Live On Nothing finden kann. Der endgültig letzte Songs stammte dann allerdings vom ersten Solo Output des ehemaligen Chokebore Sängers. Heroic Little Sisters, fast schon ein Klassiker.
Hinterher hatte ich zumindest kurz die Gelegenheit mit Troy und seiner Begleitband, bestehend aus der französischen Bassistin Adeline und dem amerikanischen Drummer Christian (Chokebore), zu plaudern. Die drei Musiker waren vom Touren geschlaucht und urlaubsreif, was man verstehen kann, wenn man weiß, wie stark sie sich immer ins Zeug legen.
Setlist Troy von Balthazar, La Machine du Moulin Rouge, klick!
Konzert:West Country Night mit: Josh T. Pearson & Bosque Brown & Thousand & H-Burns & Tom Cooney Ort: Le Nouveau Casino, Paris Datum: 24.06.10 Zuschauer: gut besuchte Veranstaltung Konzertdauer: insgesamt mindestens 2 1/2 Stunden
"Texas is bigger than France"
Der in Paris lebende Texaner Josh T. Pearson wußte genau wie er die Franzosen in ihrem Nationalstolz treffen kann. Aber er meinte das natürlich mit einem Augenzwinkern und keiner nahm ihm seinen (in der Sache zutreffenden) Spruch übel. Schließlich feierte man hier ja auch so eine Art französisch -amerikanischer Freundschaft, oder genauer gesagt ein texanisches Fest in Paris. Mit dem Film Paris, Texas hatte das Ganze aber nichts zu tun. Hier und heute ging es nicht um den Kultstreifen von Wim Wenders, sondern um das Zelebrieren von Countrymusik. Die ungemein netten Crêperie- Betreiber Sophie und Erwan (Bretonen wie sich das für Crêpesbäcker gehört!) hatten zur ersten West Country Night außerhalb ihrer eigenen vier Wänd geladen und ein Starensemble aus französischen und amerikanischen Folkmusikern aufgeboten, um das Nouveau Casino für fast drei Stunden in eine Wüstenlandschaft zu verwandeln. Die eingespielte Truppe, bestehend aus Bosque Brown (Forth Worth, Texas), Josh. T. Pearson (Texaner im Pariser Exil), Thousand (Paris), H-Burns (Valence, Frankreich) und Tom Cooney (Australien) betörte mit zauberhaft schönen Herzenswärmern, mit denen man die nächsten drei Winter die geschundene Großstadt-Seele trösten kann. Eigentlich war es im Nouveau Casino ja schon warm genug, aber vermutlich gehört die Schwitzerei zum Texas-Feeling einfach dazu.
Aber welcher Musiker hat mir am besten gefallen? Die Antwort gibt es in Kürze...
So, machen wir es nicht weiter spannend. Der Musiker, der mir in dieser wunderbaren West Country Night Session am besten gefallen hat, kommt nicht aus Texas, ja noch nicht einmal aus Paris. Nein, er stammt aus dem südfranzösischen Valence und wohnt (bzw. wohnte) in Grenoble. Ich rede von Renaud Brustlein aka H-Burns, der zusammen mit einer mehrköpfigen Band ein fulminantes Konzert ablieferte! Sein Auftritt verfügte über alle Ingredienzen eines gelungenen Sets. Es gab mehrere rockige und dennoch hochmelodische Stücke, aber auch betörende Balladen, die nie ins Kitschige abdrifteten und mir sehr nahe gingen. Are You Scared Of The Dawn, das den brillanten Gig abschloß, war allein das Kommen wert. So etwas von schön dieser Song! "Are you scared of the dawn, can I borrow your time?" croonte der kräftig gebaute Symphat und in meinen Herz ging die Sonne auf! Da war es zu verschmerzen, daß H-Burns nicht meinen Wunschsong Horses With No Medails vom Vorgängeralbum spielten, sondern sich stattdessen auf Material vom dritten Longplayer We Go Way Back konzentrierten. Und auf diesem Meisterwerk (das ist es wirklich!) an dem auch der geniale Jonathan Morali aka Syd Matters mitgewerkelt hat, finden sich ohne Zweifel zahlreiche Zungenschnalzer. Half A Man, Half A Freak, We Go Way Back oder das granatenhafte Fires In Empty Buildings, zu dem Organistor Erwan abging wie ein Wahsinniger, an starkem Material, das auch live prima zog, mangelt es wahrlich nicht!
H-Burns hat internationale Klasse, das hat er erneut bewiesen. Selbst Tony Dekker von den fabelhaften Great Lake Swimmers ist Fan und hat auf dem Album bei dem Titel Lonely Nights On Queens St mitgesungen. Wenn das kein Ritterschlag ist!
Zweitbester Künstler des Abends war für mich Josh T. Pearson. Endlich ein waschechter Texaner! Und dann spricht der Kerl auch ncoh deutsch! Er war (ist?) mit einer Bajuwarin verheiratet und da lernt man die Sprache der Teutonen natürlich um so schneller. Auch seine Französischkenntnisse sind berühmt berüchtigt: "Fermez la bouche!" ("haltet den Mund") zischte er augenzwinkernd das Publikum an und als immer noch Leute plapperten: "Ta geule!" (Schnautze!). Alle lachten, denn aus dem Munde dieses baumlangen Kerls mit dem schwarzen Cowboy-Hut und der extravaganten Gürtelschnalle wirkte das Ganze besonders komisch. Aber sein Vortrag brauchte in der Tat totale Ruhe, denn sein Gitarrenspiel ist so fein und leise, daß schon das kleinste Geräusch stören würde. Heute fesselte mich Josh. T Pearson von der ersten bis zur letzten Minute. Alles war so intim, so bewegend, so authentisch, da kam wirklich was rüber. Ohne großen Aufwand und ohne zu forcieren erreichte Josh die maximale Wirkung. Ein äußerst charismatischer Kerl, der eine Menge auf dem Kasten hat. Besonders gelungen war sein Cover von Thousand, The Singer To The Crowd. "You can have me now", sang er flehentlich und alle Augen waren auf ihn gerichtet. Da stand er da, dieser schöne und riesengroße Cowboy und schüttete sein Herz aus. Ein paar Leute waren von diesem betörenden Vortrag sehr ergriffen und schluchzten leise vor sich hin. Als Josh das letzte Lied des Abends vortrug, ring auch er selbst um Fassung. "This one is hard for me" gab er zu und trug Sweetheart I Ain't Your Christ vor, in dem es um den Trennungschmerz von seiner Frau ging. Etwa zehn Minuten lang streichelte er die Gitarre, sang hingebungsvoll und ließ ein entzücktes Publikum zurück. Ganz groß!
Schön auch die Auftritte von Bosque Brown, Thousand und Tom Cooney. Die einzige Frau in der Runde und die einzige, die extra aus Texas angereist kam, war Mara Lee Miller, die unter dem Pseudonym Bosque Brown agiert und eigentlich ein paar Begleitmusiker hat. Heute aber trug sie vier Lieder ganz alleine auf der Akustischen vor, darunter der fabelhafte Opener White Dove vom Album Baby. Natürlich spielte sie auch ein Duett ein und ihr Song Fine Lines vom ersten Album wurde durch die rauhe Stimme von H-Burns bestens neu interpretiert. Thousand hingegen hatte keine lange Anreise. Der wahnsinnig nette Pariser, der eigentlich Stephane Milochevitch heißt, spielte mit einer ausgewachsenen Band, in der auch eine sehr hübsche Backgroundsängerin stimmlich und optisch zu gefallen wusste. Tom Cooney schließlich kam sogar aus Australien eingeflogen, weilt aber schon seit ein paar Wochen in Paris und war somit bereits akklimatisiert. Mit Stephane versteht er sich prima und zusammen musizierten die beiden Freude sehr harmonisch und ausgewogen.
Letztlich hatte also jeder seinen Teil zum Gelingen dieser vorzüglichen Veranstaltung beigetragen, die Crêperiebetreiber Sophie und Erwan, das Nouveau Casino, die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, die bei der Promo der Platte mithalfen (West Country Night Session One), die Verkaüfer am Merch, die neben CDs und Vinyl auch T-Shirts mit Eulenaufdruck feilboten und natürlich die exquisiten Künstler. Tolll! Wann gibt es die nächste West Country Night??
Konzert: Bosque Brown, Josh T. Pearson, Tom Cooney, H-Burns, Thousand Ort: Fargo Store Paris Datum: 21.06.10 Zuschauer: etwa 25Konzertdauer: eine gute halbe Stunde
Eine Pariser Crêperie mausert sich zum Konzertveranstalter und Plattenlabel! In der Tat eine kuriose und spannende Geschichte, die sich gerade ereignet. Wie das Ganze in Gang kam? Nun, der Bretone Erwan und seine Frau Sophie führen ein schönes kleines Bistro namens West Country Girl im trubeligen Oberkampfviertel und bieten dort ihre mit viel Liebe zubereiteten Pfannküchlein feil. Einer ihrer Stammgäste ist der texanische Folksänger Josh T. Pearson, der im gleichen Haus lebt. Da kam ihnen spontan die Idee, Akustiksessions in der Crêperie zu organisieren, denn Josh kennt etliche musizierende Landsleute, die bei Konzerten in der französischen Metropole gerne mal bei Erwan und Sophie vorbeischauen, um bei Crêpes und Cidre über die Liebe, das Leben und die Musik zu plaudern. Künstler, die sich vor einem folkverliebten Publikum bereiterklärten, ohne Bezahlung auf der Klampfe zu kratzen, fanden sich sehr rasch. Die West Country Night Sessions waren geboren.* Aus Frankreich rekrutierte man Thousand und den grandiosen H-Burns, aus den USA neben dem Gastgeber Josh T.Pearson die ungemein talentierte Mara Lee Miller aka Bosque Brown und sogar Micah P. Hinson (Letztgenannten allerdings nur für einen Abend). Australien schickte zudem Tom Cooney ins Rennen.
Diese Fünfer- Truppe ist inzwischen so eng zusammengewachsen, daß man sich entschloss, ein ganzes Album von den Sessions aufzunehmen und dieses auch außerhalb der Crêperie zu promoten. Bei der Fête de la Musique am Montag (ich berichtete hier) war bereits die gesamte Mannschaft versammelt und heute war der Anfang 2010 eröffnete Recordstore des Labels Fargo an der Reihe. Am Donnerstag wird die Promotour dann mit einem Konzert im Nouveau Casino feierlich beschlossen.
Als ich gegen 18 Uhr 30 in den Plattenladen von Fargo eintrat, war die Truppe bereits seit ein paar Minuten zu Gange. Der Franzose Renaud Brustlein aka H-Burns sang gerade mit seiner whiskeygetränkten Stumme und die anderen saßen um ihn rum, steuerten bisweilen Backgroundvocals und Percussions hinzu. Stephane Milochevitch aka Thousand saß mit Sisters Of Mercy- T Shirt ganz links (vom Zuschauer aus), dann folgten Tom Cooney, H-Burns (T-Shirt The Saints), Josh T. Pearson mit seinem obligatorischen schwarzen Cowbyhut und Bosque Brown. Das Quintett gab den Staffelstab der Reihe nach weiter, jeder durfte einmal singen. Besonders erfreut war ich, als die einzige Frau in der Runde dran war. Sie sang ein Towns Van Zandt Cover namens Fort Worth Blues und legte wie immer jede Menge Inbrunst und Leidenschaft in ihren Gesang. Obercowboy Josh T. Pearson sorgte hingegen immer wieder für die richtige Vermarktung: "Kauft dieses schöne Album, für 20 kleine Euros habt ihr ein Werk, das euch das ganze Lebne begleitet. Ihr könnt es schon heute abend hören. Und wenn ihr keinen Plattenspieler habt, auch kein Problem, es ist eine CD beigefügt. Alle Smash Hits, die wir hier und heute spielen, sind da drauf." Dieses Werbesprüchlein wiederholte der rauschebärtige Mann, der mit einer deutschen Fotografin verheiratet ist (war?) gleich mehrfach und alle schmunzelten. Aber auch ohne Kaufdruck stand mein Entschluss zum Erwerb dieses schönen Machwerks schon vorher fest. Die knisternden und intimen Countrysongs, die darauf enthalten sind, sind nämlich wirklich zum mit der Zunge schnalzen und ungefähr 25 Zuschauer im Fargo Store waren in der glücklichen Lage, ein paar feine Kostproben davon geboten zu bekommen.Schön!
Aftershow: Nach dem Instore Gig inspizierte ich den Fargo Laden ganz genau. Es gibt eine ungemein gute Auswahl an exzellenten Folk-und Indierock CDs und auch Vinyliebhaber kommen auf ihre Kosten. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht in einen Kaufrausch zu verfallen. Neben den Tonträgern (die nicht ausschließlich von ihrem Label stammen) bieten die Leute von Fargo ihr hauseigenes Fachmagazin namens Eldorado an und auch Rockbücher, DVDs und T-Shirts gibt es zu kaufen. Darüber hinaus kann man sich mit sehr hübsch gemachten Postern und kunstvollen Drucken eindecken und wer auf Nippes steht, wird mit Plastikfiguren von den Beatles, ZZ Top, Doors und Jimi Hendrix bedient. An den Wänden hängen bunt bemalte Gitarren, Bilder von Johnny Cash und June Carter Cash und Elvis. Ein Ambiente, da wirklich Lust aufs Verweilen, Stöbern, Kaufen und Fachsimpeln macht!Ich könnte hier gleich mehrere Stunden verbringen und wenn es einen Schwachpunkt gibt, dann ist es die Tatsache, daß ich Angst habe in einem solchen Laden in einen Kaufrausch zu verfallen und mit 27 CDs,3 Musikbüchern, sämtlichen Eldorado Magazinen und 5 Postern rauszugehen.
Und demnächst soll hier auch Alela Diane spielen. Der Termin ist aber noch "top secret".Mir werden die Leute von Fargo doch hoffentlich früh genug Bescheid sagen? Meine Güte, man kann sich jetzt schon vorstellen, wie eng und heiß es in dem Laden sein wird, denn schon heute schwitzte man sich fast zu Tode und war froh an die frische Luft zu kommen! ...
Boutique Fargo, 42 rue de la Folie Méricourt, Paris 11 ième, Metro Oberkampf, geöffnet von Dienstag bis Samstag 11-19 Uhr.
Mehr Fotos vom Fargo Store und dem Showcase, klick! * hier gibt es einen ausführlichen Konzertbericht davon.
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