Montag, 5. Mai 2008

Tindersticks, Paris, 05.05.08


Konzert: Tindersticks
Ort: Folies Bergères, Paris
Datum: 05.05.2008
Zuschauer: schätzungsweise 1300-1500 (warum findet man nirgendwo im Internet das Fassungsvermögens dieses Theaters?) und somit ausverkauft.
Konzertdauer: ca. 100 Minuten


"Was hören wir da gerade, Oliver?"

Immer wenn meine Frau mit diesem Unterton in der Stimme fragt, weiß ich schon, daß ihr nicht gefällt, was ich in den CD-Player geschoben habe. Trotzdem stelle ich mich ahnunglos: "Wieso, hast Du etwas gegen meine Musik-Auswahl einzuwenden?" - "Ja, das ich seicht und furchtbar schmalzig, lass uns die CD wechseln! Ich gebe mich geschlagen und wir hören zum x-ten Male "Employment" von den Kaiser Chiefs.

Diese Szenen spielten sich im Sommer 2005 ab, als ich mit meinem Schätzchen mit dem Mietwagen durch die unendlich weiten und schönen Landschaften der Vereinigten Staaten von Amerika fuhr. Im Auto liefen übrigens... die Tindersticks. Oder das Soloalbum von Sänger Stuart Staples ("Lucky Dog Recordings o3-04"), ich weiß es nicht mehr so genau...

Seitdem sind fast drei Jahre ins Land gegangen und bis vor kurzem habe ich tatsächlich kein einziges Mal mehr die Tindersticks aufgelegt. Meine Frau würde mir wahrscheinlich die Bratpfanne über den Kopf ziehen, wenn ich das mal wieder einlege.

Aber, wie der Zufall so spielt, zur Zeit habe ich sturmfreie Bude und diese Tatsache mußte ich natürlich ausnutzen. Am vergangenen Sonntag lief dann auch konsequenterweise "The Hungry Saw", das erste Album der Tindersticks seit 2003 auf unserer heimischen Anlage im Wohnzimmer und meine Katze schnurrte wohlig und zufrieden. Hach, ein schönes Stück Musik, wieder einmal! Natürlich etwas seicht, da hat meine Frau nicht ganz unrecht, aber gleichzeitig auch so niveauvoll und gediegen. Wahrscheinlich die richtige Musik für mein fortgeschrittenes Alter. Altherrenmusik sozusagen, da heulen keine Gitarren, alles ist auf Wohlklang getrimmt, die Nachbarn kann man mit so etwas nicht ärgern.

Heute also der Tag des Konzertes und gleich eine doppelte Premiere. Mein erstes Tindersticks-Konzert und gleichzeitig auch mein erster Besuch im weltberühmten Theater Folies Bergères (Bevor ich mich zu diesem legendären Konzertsaal in Einzelheiten verliere, empfehle ich interessierten Lesern und künftigen Paris-Touristen die offizielle Webseite dieses schönen Etablissements. Man kann sogar den Saal virtuell besuchen ("visite virtuelle"), muß allerdings ansonsten des Französischen mächtig sein, um den Text zu verstehen. Wer die Sprache Molières nicht beherrscht, kann aber auch in der informativen deutschen Wikipedia Seite schmökern und weiß dann bestens Bescheid).

Etwas aufgeregt angesichts jener Premiere fuhr ich mit der Metro Linie 8 zum Ort des Geschehens. Schon als ich aus der U-Bahn, Station Grands Boulevards, ausstieg, fiel mir ein Pärchen auf, daß nicht wie das übliche Indie-Publikum aussah, aber ebenfalls zu dem Theater wollte. Die beiden konservativen Geister (er mit Oberhemd und darüber gebundenem Pulli, wie ein Anwalt, der sich etwas locker macht) suchten krampfhaft auf dem Plan nach Austragunsort. Auch ich wußte nicht, wo es langging, ließ mir aber von dem netten Herren am nächsten Kiosk helfen. Erste links und dann die dritte rechts. War einfach und stimmte auch so. Von weitem fiel mir schon die schöne Art Deco Fassade auf und auch das Innere (aber das seht ihr ja dann in der erwähnten "visite virtuelle") war beeindruckend, vor allem diese Pferdchen im Foyer. Es klingelte bereits, die Vorstellung würde also unverzüglich beginnen. Die Vorgruppe (wenn es denn eine gab) hatte ich verpasst, aber das war mir schnuppe. Jetzt galt es nur noch mein Plätzchen auf dem Balkon zu finden, gar nicht so leicht für einen Novizen, aber dafür hatten sie hier zum Glück Anweiser, die Deppen wie mir ihren Sessel zuweisen, damit man nicht ewig rumeiert und die anderen stört.

Da saß ich nun also, recht bequem, aber mit eingeschränkter Sicht. Mein Fauteuil befand sich in einer Kurve, die Bühne war von hier oben gar nicht so weit entfernt, aber die Blondine rechts von mir reckte sich dauernd nach vorne, so daß ich wenig sah. Erkennen konnte ich allerdings, daß zunächst die ganzen Musiker, die für dieses Spektakel benötigt wurden, eintröpfelten. Zwei Streicherinnen, ein Trompeter, Cellos (Celli, ich weiß!), Piano, Glöckchen etc., hier wurde einiges aufgefahren, was Wohlklang erzeugt. Und dann kam auch endlich Stuart Staples, inzwischen glattrasiert (damals trug er auf Fotos immer Bart) und mit recht eleganter Anzugsweste. Hier war wirklich alles gediegen. Zunächst erklang ein vierminütiges Intro (das gleiche wie auf der neuen Platte) und dann machte sich der Chef am Tambourin zu schaffen und ließ zum ersten Male seine samtene Stimme erklingen. Was für ein Kehlchen, warm und sanft, ein Genuß! Dann griff er zur akustischen Gitarre und es ging weiter im Text, vorgestellt hatte er sich noch nicht und auch im Laufe des Konzertes erwies er sich zwischen den Liedern als Schweiger. Keine großen Gesten, keine Anekdoten, oder gar Anbiederungen, sondern in den meisten Fällen nur eine kurze Konzentration und das Anzählen des Taktes, "One, Two, Three, Four" und das Orchester gehorchte seinem Dirigenten. Bei Lied vier sang eine der beiden Geigerinnen gefühlvoll im Background mit, das war eine Wonne. Alles klang harmonisch, ausgefeilt und soundtechnisch gut ausgetüftelt. Es war weder zu leise, noch zu laut. Nur die Blondine neben mir nervte etwas. Konnte sie nicht einfach normal auf ihrem Sessel sitzen, sprich ihren Rücken gegen die Lehne drücken? Anscheinend ging das nicht. Ich überlegte, ob ich sie darauf ansprechen sollte, brauchte aber eine ganze Weile, um Mut zu fassen. Vielleicht würde sie gereizt reagieren und dann säße ich schmollend neben ihr und könnte nicht mehr weg... Stehplätze gab es hier ja keine, auch unten nicht, alle lümmelten auf ihren rotbezogenen Sofas. Irgendwann tippte ich dann aber die Frau neben mir an und sie verstand sofort und stellte ihre "Rückenlehne senkrecht". Jetzt erst merkte ich, daß die Schuld an der Misere von ihrem Vordermann, einem Typ,der mit seinem blütenweißen Hemd auf gebräunter Haut wie ein Surf-Lehrer aussah, ausging. Was für ein Schnösel! Aber egal, davon ließ ich mir nicht die Laune verderben. Irgendwie kam ich mit jedem Stück besser rein, fing an das Konzert zu genießen und abzuschalten. Stuart traf jeden Ton, sang genau wie auf CD (und hielt sich auch genau an die Titelreihenfolge des neuen Werkes!) und war auch in der Lage über sein Orchester hinwegzucroonen, wenn dieses Mal etwas lauter und stürmischer agierte. Erfreulicherweise war dies immer mal wieder der Fall, obwohl der Großteil der Songs natürlich ruhig und getragen war. Irgendwann kamen mir Assoziationen zur Band The National und ihrem Sänger..., auch diese Band gilt als düster und melancholisch, aber gleichzeitig sehr harmonisch und ausgewogen. Und hier wie dort gibt es immer wieder Trompeten, bei den Tindersticks, von denen neben Stuart nur noch zwei Mitglieder der ehemaligen Bandbesetzung dabei sind (die Gruppe hat sich somit halbiert), auch ab und zu eine Orgel (Beispiel "The Organist Entertains").

Und als zu süßlich empfand ich das Ganze nicht. Natürlich hätte ich mir manchmal etwas mehr Feuer gewünscht, ein häufigeres Ausbrechen aus der Schwermut, aber insgesamt fiel positiv auf, daß die Lieder keineswegs eintönig waren, trotz ihres meist getragenen Charakters. Die stürmischste und dramatischstePhase hatte das Set ab der Mitte des Liedes Nummer 10, "Sleepy Song", das alles andere als zum Einschlafen war. Es fing zunächst langsam an, steigerte sich dann aber bis zur Extase inklusive eines herrlichen Trompetensolos. Das gleich anschließende "Say Goodbye To The City" konnte dann nahtlos an die aufgebaute Dramatik anschließen. Mit dem vom Publikum früh erkannten "Travelling Light" endete dann aber der Exkurs zu alten Titel und man stieg wieder in "The Hungry Saw" ein und zwar genau dort wo man nach Lied Nummer sieben "The Organist Entertains" aufgehört hatte. Es folgte also der Titeltrack des neuen Albums und von da ab wurde "The Hungry Saw" bis zum Ende durchdekliniert, sprich es kamen "Mother Dear", "Boobar", "All The Love" und "The Turns We Took" genau in der Reihenfolge der Platte. Absoluter Renner war hierbei "Boobar" mit der herzerweichenden Textstelle "Come Back To Me", die Stuart mit seiner weichen Grabesstimme auf das Gefühlvollste sang. Gänsehaut pur und ein nicht enden wollender, absolut verdienter Applaus waren der Lohn!

Der erste Zugabenteil wurde schließlich mit dem gewisperten Stück "My Sister" eingeläutet, worauf eine mir unbekannte Ballade folgte, die beim Publikum ebenfalls sehr gut ankam. Danach wurde der Abgang geprobt, aber der Theaterapplaus war derart stürmisch, daß unmöglich Schluß sein konnte. Die vielköpfige Band kam noch einmal schwungvoll zurück und bot den Besuchern mexikanisch anmutende Klänge. Sie stammten von dem flotten, an Calexico erinnernden Song "Her", bevor die wundervolle Ballade "She's Gone" den gelungenen Abend beendete.

Und ich muß diese Woche unbedingt noch ein paar Mal die Tindersticks laufen lassen, bevor meine Frau wiederkommt und die CD aus der Anlage bugsiert!

Setlist Tindersticks, Folies Bergères, Paris:

01: Intro
02: Yesterday Tomorrows
03: The Flicker Of A Little Girl
04: Feel The Sun
05: E Type
06: The Other Side Of The World
07: The Organist Entertains
08: Dying Slowly
09: If You're Looking For A Way Out
10: Sleepy Song
11: Say Goodbye To The City
12: Travelling Light
13: The Hungry Saw
14: Mother Dear
15: Boobar
16: All The Love
17: The Turns We Took
18: ?

19: My Sister (Z)
20: ? (Z)

21: Her
22: She's Gone



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