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Sonntag, 31. August 2014

Elbow, Köln, 23.08.14

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Konzert: Elbow
Ort: E-Werk, Köln
Datum: 23. August 2014
Dauer: ca. 105 Minuten
Zuschauer: ca. 1500





Ich habe natürlich keinerlei Erfahrung, wie es ist, in einer Band zu sein und auf Tour zu gehen. Wenn ich mir aber vorstelle, wie das so wäre, kann ich beim besten Willen den Entschluss viele Gruppen, Abend für Abend dieselbe Setliste zu spielen, nachvollziehen. Es kann doch so oder so nicht einfach sein, bei jedem Auftritt mehr oder weniger motiviert und freundlich weitgehend dasselbe zu machen, da würde es sich doch anbieten, die Dinge, die man in der Hand hat, abwechslungsreicher zu gestalten. Mal davon abgesehen, dass eine Variation des gespielten Songmaterials auch mehr Zuschauer reizen würde, mehrere Auftritte derselben Tour zu besuchen.


Elbow aus Manchester sind eine dieser Bands, die offenbar denken "Wir haben doch eine Setliste, die ist gut, die bleibt so." Und wie gesagt, ich kenne mich ja nicht aus, vielleicht gibt es gravierende Gründe für diese Vorgehensweise. Immerhin erleichtert sie mir auch das Mitschreiben der Songreihenfolge, man muss ja nur das vorab im Internet Gelesene vor Ort verifizieren.

Als die Band, verstärkt durch zwei Geigerinnen, die Bühne des E-Werks erklomm, war es also keine Überraschung, dass als erster Song "Charge" von 2014er-Album "The Take off and Landing of everything" gespielt wurde. Insgesamt hörten wir fünf Lieder dieses Albums live, der Rest setzte sich aus früheren Veröffentlichungen zusammen. Die Singles der ersten drei Alben blieben allerdings komplett außen vor, von "Asleep in the Back" und "Leader of the free World" spielte die Band jeweils einen Albumtrack, "Cast of Thousands" wurde gar nicht berücksichtigt.


Sänger Guy Garvey, der ein wenig nach Stephen Fry aussah und noch mehr nach Peter Gabriel klang, sah sich zwischen den Liedern ganz in der Rolle des Conferenciers und fragte mehrmals, ob es auch allen gut gehe. Leider forderte er auch häufig zum Klatschen oder Winken auf, was ich persönlich immer eher nervig finde. Dem Publikum an sich schien es aber zu gefallen.

Laut Garvey fand Elbows letzter Auftritt in Köln an dem Tag statt, an dem Barack Obama erstmalig zum US-Präsidenten gewählt wurde, außerdem habe sich Schlagzeuger Richard Jupp damals beim Versuch, eine Bierflasche zu öffnen, die Hand verletzt. Für das nachfolgende "The Bones of you" setzte sich Keyboarder Craig Potter an ein extra aufgestelltes zweites Schlagzeug, das Garvey später bei "Grounds for Divorce" noch einmal besuchen sollte.


Zu "Real Life (Angel)" erfuhren wir erstens, dass im Lied das Wort Ballett vorkommt und, scherzhaft, dass Bassist Pete ein ausgebildeter Balletttänzer sei. Zum anderen drehe sich das Lied textlich darum, jemand mit gebrochenem Herzen zu trösten, wobei es manchmal das beste sei, die Person zu nehmen, mit Alkohol oder Drogen zu füllen und auf eine Tanzfläche zu stellen. Folglich sei der Song Elbows Version von Roxy Musics "Dance Away".

Zu "The Night Will Always Win" erklärte Guy, man solle um verstorbene Freunde - um die sich das Lied dreht - nicht allein betrauern, sondern sie gemeinsam mit anderen Freunden und viel Alkohol feiern. Die Piano-Ballade wurde anschließend zu dritt von Garvey und den Potter-Brüdern (akustische Gitarre / Keyboard) vorgetragen.


Auch zu anderen Liedern wurde viel erzählt, wobei ich mich unwillkürlich fragte, ob die Geschichten auch jeden Abend wiederholt werden. "New York Morning" erwähnt Yoko Ono, die sich dafür anscheinend per Brief bei der Band bedankt hat - wobei Guy Garvey sich beim Schreiben des Texts bewusst war, dass das passieren könnte. Und "Great Expectations" handelt von einer Hochzeit auf dem Oberen Stockwerk eines Doppeldeckerbusses, die so geheim war, dass die Braut bis heute nichts davon weiß. 


Der Mittelteil des Konzertes wurde von der Songauswahl her ein wenig langweilig, das änderte sich wieder mit "Mirrorball" und dem sehr prog-rockigen "The Birds". Nachdem für "Mirrorball" passenderweise die Discokugel über der Bühne zum Einsatz gekommen war, musste das Publikum für "Grounds for Divorce" ein Gesangstraining durchlaufen, das erst nach einigen Versuchen (und Witzen) erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Immerhin waren wir so geübt, denn vor "My Sad Captains" erfuhren die, die es noch nicht wussten, dass es sich um das letzte Lied handelte und die Band nur zurückkehren werde, wenn das Publikum ein Lied sänge. Guy Garvey fragte, welches Lied wir singen wollten, und die Menge entschied sich per Zwischenruf für "Mer losse d'r Dom en Kölle". 


Das Lied wurde zu großen Teilen als "Probe" gesungen, Guy erklärte, dass wir nun so tun sollten, als habe das Gespräch nie stattgefunden. Als die Band dann tatsächlich weg war, ließ sich das Lied aber nicht so richtig anstimmen und versackte immer wieder, ohne, dass man es hinter der Bühne hätte hören können. Gut, dass man auf die vorher eingeübte Passage aus "Grounds for Divorce" zurückgreifen konnte, so dass wir doch noch in den Genuss der beiden Zugabesongs ("Lippy Kids", One Day Like This") kamen.

Insgesamt ein durchaus unterhaltsames Konzert einer spielfreudigen und gut gelaunten Band, an dem mich lediglich die ständigen Klatschaufforderungen störten. 


Setliste:

01: Charge 
02: The Bones of You 
03: Fly Boy Blue / Lunette 
04: Real Life (Angel) 
05: The Night Will Always Win 
06: New York Morning 
07: The Loneliness of a Tower Crane Driver 
08: Great Expectations 
09: Scattered Black and Whites 
10: Mirrorball 
11: The Birds 
12: Grounds for Divorce 
13: My Sad Captains 

14: Lippy Kids (Z)
15: One Day Like This (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Elbow, Paris, 15.11.11
- Elbow, Loreley, 20.08.08

Bilder: Dirk von Platten vor Gericht


Mittwoch, 16. November 2011

Elbow, Paris, 15.11.11

1 Kommentare

Konzert: Elbow (Howling Bells)
Ort: Le Bataclan
Datum: 15.11.2011
Zuschauer: gut gefüllt, aber nicht ausverkauft
Konzertdauer: Howling Bells 30 Minuten, Elbow 2 Stunden


Erkenntnisse, Fakten, Beobachtungen zum Konzert von Elbow im Bataclan, Paris:

- Elbow sind irgendwie nix mehr für mich! Leider.

- Ich hatte sie zuvor erst einmal gesehen und mochte sie. Das ist lange her und war am 27. Juni 2006. Damals gab es das Konzerttagebuch noch nicht.

- Was es auch nicht gab - und das war auch gut so - war die permanente Aufforderung von Sänger Guy Garvey an das Publikum mitzuklatschen oder die Hände in die Höhe zu recken.

- Schlimm diese penetrante Animation. Kommt sicherlich davon, daß Elbow in England in ekligen Mehrzweckhallen vor zigtausend Leuten spielen. Der Mainstream steht auf so eine Kacke.

- die Stimmung erinnerte mich an die Atmosphäre in einem Fußballstadion. Das Problem: ich mag keinen Fußball.

- Obwohl, der Sport an sich ist in Ordnung. Abstoßend finde ich hingegen, daß Mitgegröhle beim Spiel und- noch viel schlimmer- nach dem Spiel.

- Gegröhlt und mitgesungen wurde heute auch viel. Viel nerviger war aber das scheiß Mitgeklatsche. Bei jedem verfluchten Lied! Wie bei Dieter Thomas Heck!

- Mitsingen konnte ich persönlich nicht, ich kannte keinen einzigen Song.*

- Das lag daran, daß mir nur die gelungenen ersten beiden Alben Asleep In The Back und Leaders Of The Free World geläufig waren.

- Die letzten beiden Outputs The Seldom Seen Kid Und Build A Rocket Boys! habe ich nicht gekauft. Irgendwie hatte ich die Vermutung, daß die mir zu bombastisch, hymnisch und radiotauglich wären.

- Und meine Vermutung wurde letztlich bestätigt. Aus der netten kleinen Indieband aus Manchester ist eine Stadionband mit opulentem Sound und großer Geste geworden.

-Besonders negativ fiel mir Open Arms am Ende auf. Was war das denn für ein käsiger Refrain? Zum Weglaufen!

- Das Publikum mochte das. Es bestand zum Großteil aus Engländern.

- Stilistisch Typ Normalo (im Klartext: teilweise recht häßlich und bieder) und teilweise ziemlich alt.

- Das Publikum sieht halt eben oft aus wie die Band oben auf der Bühne. Und Guy Garvey ist nun einmal nicht Brad Pitt. Er wirkte vielmehr aus wie eine Mischung aus Joe Cocker, Ivan Rebroff und dem Typ von The Soundtrack Of Our Lives.

- Er hat auch etwas von einem Priester. Wenn er immer die Arme so ausbreitet.

- Ist aber schon ein netter Typ. Jovial, aber ein lieber Teddybär.

- Eine Art Michael Schanze der britischen Musikszene. Einen kleinen Jungen im Publikum schäkerte er an und fragte ihn, welches Instrument er denn spiele. Der Knirps antwortete: "Gitarre." Daraufhin Guy: "für einen Bassisten sähst du auch viel zu gut aus."

- Guy Garvey würde sich auch gut als Politiker machen, vor allem in Rheinland-Pfalz. Er ist volkstümlich und schüttelte oft während (!) der Lieder die Hände der Fans in den ersten Reihen.

- Ich habe meine Hand nicht hingehalten, obwohl ich ganz vorne stand. Ich wollte nicht heucheln.

- Allerdings gab es auch ein paar gute Momente. Positiv vermerkt habe ich The Seldom Seen Kid und die zwei Lieder danach, Dear Friends Und Lippy Lips.

- Elbow sind ja auch eigentlich nicht schlecht. Die Stimme von Garvey ist famos und die Arrangements gekonnt.

- Es ist bloß inzwischen alles mindestens eine Nummer zu groß geworden (und damit meine ich nicht die Leibesfülle des Sängers). Weniger wäre in diesem Falle wesentlich mehr. Verdammt schade.

- Was Guy trank? Tee mit irischem Whiseky drin.

- Er erklärte die Zusammensetzung seines Gesöffs lang und breit. Auch dies eine Sache, die eher störend war. Es wurde zwischen den Liedern zuviel geredet, der Fluß und die Spannung gingen so verloren.

- Das Beste an dem Konzert von Elbow: die blonde Geigerin. Sie sah enorm süß aus und hatte ein charmantes Lächeln.

- Es gab auch noch zwei andere Geiger, ein Männlein und ein Weiblein.

- Auch Drummer waren teilweise doppelt vertreten und Garvey spielte selbst in einer (guten) Szene Drums.

- was den Abends halbwegs gerettet hat: die Vorgruppe Howling Bells aus Australien war richtig gut. Zu ihnen möchte ich morgen auch noch ein paar Sätze mehr schreiben.

Bonne nuit aus Paris!

Setlist Elbow, Le Bataclan, Paris:

01: The Birds
02: The Bones Of You
03: Mirrorball
04: Neat Little Rows
05: Grounds For Divorce
06: The Loneliness Of A Tower Crane Driver
07: The night Will Always Win
08: The River
09: The Seldom Seen Kid
10: Dear Friends
11.Lippy Kids
12: Wheather To Fly
13: Open Arms

14: Starlings
15: Station Approach
16: One Day Like This

Frank von Pretty Paracetamol mochte das kürzlich gelaufene Konzert von Elbow in Köln sehr. Hier geht es zu seinem euphorischen Bericht.

* stimmt so nicht ganz. Einen kannte ich. Station Approach, der als Zugabe kam.



Donnerstag, 21. August 2008

R.E.M. & Elbow, Loreley, 20.08.08

12 Kommentare

Konzert: R.E.M. & Elbow
Ort: Freilichtbühne Loreley, Rhein
Datum: 20.08.2008
Zuschauer: etwa 15.000 (vermutlich nicht ganz ausverkauft)
Dauer: R.E.M. 120 min, Elbow 40 min

Als hätte Elbow-Sänger Guy Garvey meine Gedanken lesen können, beschrieb er, wie
es ihm ging, bevor er R.E.M. traf: "Das ist so eine Sache, wenn man seine Helden trifft, es kann furchtbar enttäuschend sein." Denn das war die Band aus Athens, Georgia für mich viele Jahre lang, meine ganz großen musikalischen Helden. Allerdings war das in den späten 80er und frühen 90er Jahren. Spätestens mit Monster hatten wir uns auseinandergelebt, mit Ausnahme der Sachen, die ich passiv im Radio aufschnappte, ist mir R.E.M. in den letzten zehn, zwölf Jahren fremd geworden. Nicht aus mangelnder Sympathie, nur aus Unkenntnis. Aber so richtig gestorben ist meine Zuneigung nicht, ich zögerte nämlich keinen Moment, eine der schrecklich teuren Karten für das Open Air Konzert auf der Loreley zu kaufen (obwohl ich für den Preis zehnmal die Indelicates sehen könnte).

Dann begannen irgendwann die Spekulationen über die Vorgruppe. Ich bekam eine sms, daß es vermutlich die Editors wären, ein Hauptgewinn - und die Hoffnung, an einem Abend zweimal das großartige Orange crush zu hören (das die Editors vorzüglich gecovert haben).* Die Band aus Birmingham war aber leider nur bei einigen früheren Terminen Support, der "Ersatz" sollte dann auch alles andere als schlecht sein, es wurden Elbow aus Manchester bestätigt.

Also wollten wir pünktlich sein... Auch nicht ansatzweise sah es danach aus, als wir
die Fährstation in Sankt Goar erreichten. Neben uns wollten etwa 100 andere Wagen von da nach Sankt Goarshausen übersetzen. In Kaub, etwas weiter rheinaufwärts erwischten wir den ersten Kahn und bekamen ungefragt die Auskunft, daß man so lange den Fährbetrieb aufrechterhalte, bis alle nach dem Konzert wieder über den Rhein geschiffert wären. Welch ein Service!

Wir hatten es also noch pünktlich auf den Parkplatz vor dem Felsen geschafft, die Kontrollen schnell passiert und waren genau zum richtigen Zeitpunkt im steinernen Amphitheater auf dem Loreleyfelsen. Mit diesem wirklichen eindrucksvollen
Veranstaltungsort verbinden mich viele tolle musikalische Erinnerungen, vor allem an die Bizarre Festivals Ende der 80er Jahre. Der Rahmen stimmte.

Um 19.45 Uhr erklangen dann die ersten Gitarrentöne der Vorgruppe. Ich hatte Elbow leider bisher noch nie gesehen und wußte auch ehrlich gesagt gar nicht, wie die Band aussieht. Die erste Überraschung waren zwei Background Musikerinnen, die erst nur sangen und rasselten, später Geige spielten! Die
eigentliche Band sieht aus, wie nordenglische Bands eben aussehen. Und sie machen die Musik, die nordenglische Bands spielen, was außerordentlich nach meinem Geschmack ist. Dabei haben Elbow sicher mehr Nähe zu I Am Kloot (deren erstes Album Guy produziert hat) als zu Oasis beispielsweise - oder zu Madchester Bands, obwohl Elbows musikalische Karriere genau in dieser Phase begann.

In ihrem 40 minütigen Auftritt spielten die Engländer Lieder von ihren letzten beiden Platten, vier vom in diesem Jahr erschienenen The seldom seen kid, drei von Leaders of the free world von 2005. Alle sieben Stücke
waren wundervoll und passten perfekt in Kulisse und Rahmen des Abends, besonders toll war das Titelstück von Leaders of the free world! Auch die neuen Lieder, die ich noch nicht gut kannte, haben mich überzeugt. Was für eine großartige Band! Und wieder einmal die Frage, warum Leute aus Manchester nicht nur besser Fußball spielen, sondern auch Musik machen können, als Essener, Herner oder Bochumer...

Guy hatte sich zwischendurch nach der Übersetzung von "Cheers" erkundigt und beendete das Konzert viel zu früh mit einem "Great evening everybody. Prost!"

Setlist Elbow, Loreley:

01: Station approach
02: The bones of you
03: The stops
04: Leaders of the free world
05: Grounds for divorce
06: The loneliness of a tower crane driver
07: One day like this


Die folgenden 40 Minuten Umbaupause waren auf der Loreley erträglicher als sonst.
Es gab immerhin viel zu sehen, lustige Getränkemänner, die mit "lecker Bier und Cola" unterwegs waren zum Beispiel - oder ein ganz heterogenes Publikum, ganz anders als bei Indiekonzerten. R.E.M. ist seit vielen Jahren eine der größten Mainstreambands, steht für Radiohits wie Losing my religion und spielt in der U2- (aber nicht so eklig) und Coldplay- (aber älter) Liga. Also erreicht die Band ein sehr breites Spektrum. Es waren vor allem Leute über 30 da, viele aber auch ganz deutlich älter. Die meisten von ihnen erwarteten sicher ein grandioses Konzert einer Band, die sie lieben - ich war mir da weit weniger sicher. Eben dieses Treffen mit den alten Helden, das so schrecklich schiefgehen kann...

Ein paar meiner Lieblingslieder wollte ich hören, dann würde es sich gelohnt haben.

Auf den Videoprojektoren erschien: "Loreley, guten Abend". Wie nett!

Weil R.E.M. in meiner kleinen Musikwelt in den letzten Jahren nicht stattfand,
kannte ich das erste Lied nicht. Living well is the best revenge vom aktuellen Album Accelerate. Das Stück war wohl ok, so richtig konnte ich mich aber noch nicht konzentrieren, weil ich erst einmal von unseren sichtbeschränkten Plätzen aus versuchte, etwas auf der Bühne zu erkennen. Michael Stipe trug einen Anzug und hatte sein Gesicht nicht albern bemalt. An der Rückseite der Bühne waren Displays angebracht, auf denen (so wie man das jetzt gerne macht) schnell geschnittene Live-Bilder der Gruppe, abwechselnd mit Animationen zu sehen waren.

Es folgte mit These days ein Uralt-Lied von Lifes rich pageant, an das ich mich nicht erinnerte. Irgendwie war der Abend wieder wie ein Klassentreffen. Man sieht all die Leute nach vielen Jahren wieder, ein paar von ihnen hat man immer wieder mal gesehen, an ein paar erinnert man sich aber nur noch sehr
dunkel. Die nächsten beiden waren ehemalige Banknachbarn. What's the frequency, Kenneth? und Drive waren sehr vertraut und sehr schön.

Dann wieder etwas Neues, Man-sized wreath von 2008, gefolgt von einem Schätzchen der ganz jungen R.E.M. von 1985 (Driver 8), Ignoreland und Hollowman (wieder neu). Ganz fabelhaft, wie R.E.M. ihre Bandgeschichte durchgewürfelt haben, ohne ein bloßes Best-Of-Konzert zu spielen mit all den abgenudelten Songs. Vermutlich machen einer Band, die so lange existiert, auf diese
Weise auch nach 25 Jahren Konzerte noch Spaß. Es wirkte nämlich so (böse Unterstellung), als liebten R.E.M. in erster Linie ihre Musik und nicht dieses Angehimmeltwerden und Weltstargetue, das Bono so einzigartig macht. Die Songauswahl kam mir wirklich vor wie ein mp3-Player im Zufallsmodus, großartig! Aber natürlich steigerte das auch meine Angst, meine Lieblinge nicht zu hören. Wenigstens zwei oder drei dieser Songs (Perfect circle, Orange crush, Fall on me, World leader pretend, The one I love, It's the end of the world...) wollte ich unbedingt erleben.

Und genau in dem Moment als ich darüber nachdachte, klimperten die ersten Töne von Fall on me los. Wie grandios! Fall on me ist eines der Lieder, die ich unbedingt einmal live sehen wollte. So wie Sit down von James, Panic von den Smiths, Blue Monday von New Order und und und...

Es war auch nicht schlimm, daß Fall on me schneller und etwas schiefer klang, als ich es kenne. Egal! Es war trotzdem der musikalisch schönste Augenblick des Abends!

Der charmanteste Moment folgte unmittelbar danach. Wir sollten unsere Handys hochhalten, bat Michael Stipe, und sie beleuchten. Von vorne sollte es dann so aussehen, als blicke man von den Hollywood Mountains runter auf Los Angeles. Wundervoll! Obwohl nicht viele mitgemacht haben. Hinterher sagte der Sänger leise, es habe eher nach Tulsa, Oklahoma ausgesehen...

Es kann enttäuschend sein, seine Helden zu treffen... Spätestens hier konnte ich den
zweiten Satz des Elbow-Sängers unterschreiben. "But R.E.M. are amazing!" Oh ja, das sind sie!

Und wieder passierte etwas... Stipe übergab an Bassist Mike Mills, der (Don't go back to) Rockville sang. Er hatte den Song irgendwann für seine Freundin geschrieben.
Urprünglich hat wohl Michael Stipe Rockville gesungen, in dieser Loreley Version klang es mehr nach Country und war ein Erlebnis! Michael Stipe hatte in der Zeit nichts zu tun. Sänger, die kein Instrument spielen, wissen ja oft nicht, was sie mit ihren Händen tun sollen, der R.E.M. Mann stand klatschend am linken Bühnenrand und sah seinem Bassisten zu.

Danach das erste Lied von keiner der Studioplatten, The great beyond vom Soundtrack von Man in the moon - kannte ich nicht. Offenbar brüllte zwischendrin jemand eine Liebeserklärung nach vorne, der Frontmann antwortete nach dem Lied mit einem "We love you, too, Peter!"

Um einen anderen Peter ging es nach Country feedback. Stipe lobte da Gitarristen Peter Buck. "Ich liebe Dich, Peter" - um dann The one I love zu beginnen. Auch wenn
das tausendfach einstudiert ist, es funktionierte bei mir... Hach...! Während des Lieds (Top 5!) lief der Sänger zum Publikum vorne.

Let me in von Monster spielten R.E.M. in einem Kreis, links hinten auf der Bühne stehend, so als hätten sie gerade mal vergessen, daß sie vor 15.000 Leuten spielten. Nach einem neuen Lied und der 85er Single Bad day, die auf keinem Album ist, folgte dann das nächste Lieblingsstück, Orange crush, immer mal wieder mein ganz großer Allzeit-Favorit und auch live ganz wundervoll.

Nach Imitation of life endete der Hauptteil des Konzerts. Mittlerweile waren die Wolken weg und Sterne zu sehen... Die anderthalb Stunden bis dahin waren extrem
kurzweilig. Daß der Auftritt schon so lange dauerte, merkte man aber Michaels Stimme an, die ab und zu wegkippte. Mich störte das nicht weiter, auch nicht die Tatsache, daß R.E.M. eine solide aber keine herausragende Liveband sind. Das Sympathische ihres Auftretens macht das locker wett. Es kann eben nicht jeder live so brillant wie Interpol oder zuletzt die Editors sein.

Die Videoleinwände fragten nach "Encore?" Wir wollten und bekamen. Zunächst Supernatural
superserious, dann das unvermeidbare Losing my religion (neben Imitation of live war dabei die Stimmung am besten). Den Refrain ließ Michael Stipe Zuschauer in den ersten Reihen singen!

Das mit Abstand spektakulärste Lied des Abends kam dann aber erst im Anschluß. Michael stellte den zweiten Gitarristen Scott McCoy vor, der uns dann etwas mitteilen
wollte. McCoy stimmte dann erstaunlich akzentfrei Heines Loreley an und sang "Ich weiß nicht was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin; ein Märchen aus uralten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn. Die Luft ist kühl und es dunkelt, und ruhig fließt der Rhein; der Gipfel des Berges funkelt im Abendsonnenschein." Wundervoll! Nicht vorstellbar, daß selbstverliebte Megastars so liebevolle Einlagen darbieten würden!

Offenbar hatte die einzigartige Lage des Areals die Band kräftig inspiriert. Auch Michael Stipe erzählte, daß der Blick auf den Rhein einer der schönsten Ausblicke sei, den er je gesehen habe. Wie wahr...

Man on the moon war dann das endgültig letzte Lied des Abends. Nach ziemlich genau zwei Stunden verschwanden die Helden aus Georgia im Trichter der Bühne. Schön war es, gar keine Frage. Mein Verhältnis zu Monster und später konnte ich zwar nicht klären, R.E.M. haben mir aber deutlich gemacht, warum ich sie einmal so sehr geliebt habe. Was kann so ein Abend Besseres bringen?**

Setlist R.E.M. Loreley:

01: Living well is the best revenge
02: These days
03: What's the frequency, Kenneth?
04: Drive
05: Man-sized wreath
06: Driver 8
07: Ignoreland
08: Hollowman
09: Fall on me
10: Electrolite
11: (Don't go back to) Rockville
12: The great beyond
13: Walk unafraid
14: Begin the begin
15: Country feedback
16: The one I love
17: I've been high
18: Let me in
19: Horse to water
20: Bad day
21: Orange crush
22: Imitation of life

23: Supernatural superserious (Z)
24: Losing my religion (Z)
25: 7 Chinese bros. (Z)
26: I'm gonna DJ (Z)
27: Man on the moon (Z)

* Die Editors haben bei ihren Terminen Orange crush nicht gespielt. Gitarrist Chris hat uns in einem Interview verraten, daß sie dies aus Respekt vor dem Original nicht gemacht hätten. Ihre Version sei so viel schlechter. Unsinn!

**
"Was kann so ein Abend Besseres bringen?" Schlechteres konnte er noch bringen. Und davon reichlich. Nach zwei Stunden Konzert, die um kurz nach elf vorbei waren, brauchten wir noch einmal zwei Stunden (!), um von dem zu einem Parkplatzt umfunktionierten Feld runterzukommen. 120 Minuten nur für die Ausfahrt, um dann auf einer ersten befestigten Straße zu sein. So professionell die Anfahrt organisiert war, so stümperhaft lief es nachts. Unfassbar, wie so etwas passieren kann.




 

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