Mittwoch, 16. November 2011

The Cure, Leipzig, 04.08.90



Konzert: The Cure
Ort: Zentralstadion, Leipzig
Datum: 04.08.1990


von Katja

Mein historisches Konzerterlebnis begann am Abend des 26. oder 27. Juli 1990. Ich hörte Radio FFN Niedersachsen, obwohl ich im Ruhrgebiet wohnte. Radio FFN spielte zu bestimmten Zeiten Indie, und in einer Kleinstadt, ohne gut sortierten Plattenladen und ohne Internet, war man glücklich über jede Infoquelle. Irgendwann an diesem Abend lief ein Lied von The Cure, und danach kündigte der Moderator an, dass The Cure am Wochenende ein Konzert in Leipzig gaben - und außerdem jetzt sofort Karten unter denjenigen Hörern verlost würden, die eine Fachfrage zu The Cure richtig beantworteten.

Bis zu diesem Zeitpunkt war es ein ganz normaler, langweiliger Abend gewesen – bis ich aus einer verrückten Laune heraus zum Telefon griff und bei dem Sender anrief. Und völlig unerwartet durchkam. Und tatsächlich eine Karte gewann.

An dieser Stelle muss ich etwas zu meiner Beziehung zu The Cure sagen. 1987 veröffentlichten The Cure „Why can´t I be you“ aus dem Album „Kiss me Kiss me Kiss me“, und dies war der Beginn meiner musikalischen Existenz, wenn ich das mal so nennen darf. Ich kann das heute kaum noch erklären, und jeder „Seventeen Seconds“ und „Pornography“-Cure-Fan wendet sich wohlmöglich mit Grausen ab, aber diese Platte war der Grund dafür, dass ich in einem sehr kurzen Zeitraum den gesamten Backkatalog gekauft, und danach ungefähr zwei Jahre ausschließlich The Cure gehört habe. Natürlich allein und meist über Kopfhörer. Ich habe ihre Texte analysiert, mir über obskure Fanzines Bootlegs mit hohem Rauschanteil auf Kassette bestellt, und den Heizkörper in meinem Zimmer mit ausgesuchten Songzitaten in Fan-Art verwandelt (leider mit wasserfestem Edding, so dass der Heizkörper nach meinem Auszug komplett neu gestrichen werden musste).

1989 kam Disintegration heraus, eine der größten Cure-Platten, und ich war mit einer Freundin auf dem Bizarre Special am 13. Mai 1989 auf der Loreley Bühne. Mein erstes Cure Konzert überhaupt. Ich habe geheult, als das Set mit Plainsong gestartet hat. Heute weiß ich, dass auch die Pixies und die Sugarcubes dort aufgetreten sind, aber ich habe überhaupt keine Erinnerung daran, wahrscheinlich habe ich sie gar nicht wirklich wahrgenommen.

Und jetzt, ein gutes Jahr später, ein weiteres Cure-Konzert. Ich war glücklich, vollkommen überdreht, und ich würde alles daran setzen, dort hinzukommen.

Was sich in der Tat als nicht ganz einfach herausstellte. Das erste Problem war: man musste die Karte beim Sender in Hannover abholen. Also rief ich einmal, oder auch mehrmals, beim Sender an, wo man zunächst partout nicht verschicken wollte, bis sich ein Mitarbeiter dann doch irgendwann breitschlagen ließ; vielleicht weil er ein Herz für völlig verzweifelte Cure-Fans hatte, und sicher um mich endlich loszuwerden. Das nächste Problem: das Konzert war in Leipzig. Ich hatte den Führerschein erst ein halbes Jahr und meine Eltern weigerten sich schlichtweg, mir ihr Auto zu leihen. Alternativ kümmerte ich mich um eine Bahnkarte, Dortmund – Leipzig, zu einem horrenden Preis. Noch ein Problem: am Freitag war die Karte vom Sender noch nicht angekommen. Samstagabend, den 4. August, musste ich in Leipzig sein, und der einzig mögliche Zug fuhr relativ früh in Dortmund ab – viel zu früh, um noch auf den Postboten zu warten. Der Plan war nun wie folgt: ich würde zu nachtschlafender Zeit Samstag Morgen zur Post radeln, den Brief persönlich abholen, würde dann von meinem, wenig begeisterten, Bruder zum 30 km entfernten Bahnhof in Dortmund gebracht werden, um den Zug in letzter Minute zu erwischen. Die Ausführung war dann auch fast perfekt, allerdings fuhr ich zweimal zur Post, weil ich beim ersten Mal meinen Ausweis vergessen hatte, und der Postbeamte nicht gewillt war, einer völlig fremden Person einen Brief auszuhändigen. Am Ende saß ich dann, völlig fertig, mit meiner Konzertkarte in dem Zug nach Leipzig und konnte einfach nicht glauben, dass tatsächlich alles geklappt hatte.

Eine Zugfahrt nach Leipzig war 1990 nicht das, was es heute ist. Irgendwann nach der Grenze fing der Zug aufgrund der alten Gleise an zu schleichen, und die Fahrt hat insgesamt wohl 8 Stunden gedauert. Dann stand ich in Leipzig am Bahnhof, der auch noch nicht so schön war, wie er heute ist, und kam schließlich irgendwie in das Sportstadium, wo das Konzert stattfand, zusammen mit einem ganzen Tross von Cure-Fans.

Heute weiß ich, dass dieser Auftritt von The Cure in Leipzig, und einen Tag später in Dresden, eine wirkliches historisches Ereignis für die schwarze Szene war, die sich in der DDR entwickelt hatte, und von der Regierung, vorsichtig ausgedrückt, misstrauisch beäugt wurde. Für derartige zeitgeschichtliche Erwägungen hatte ich damals allerdings keinen Sinn, und ich weiß auch nicht mehr, ob ich überhaupt darüber nachgedacht habe, dass dies für mich die erste Reise nach Ostdeutschland nach dem Mauerfall war, der zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal ein Jahr alt war. Für mich zählte nur das Jetzt ,und da stand ich nun, eingequetscht zwischen lauter anderen, enthusiastischen Cure-Fans mit lustigen Frisuren, die aufgrund der langen, politisch begründeten, Abstinenz, ein großes Nachholbedürfnis nach The Cure hatten und dementsprechend genauso bekloppt waren wie ich. Von dem Konzert weiß ich heute nicht mehr so viel, außer dass es eine gute Version von Lovecats gab; aber als ich wieder zu hause war, besorgte ich mir eine VHS, wieder mit hohem Rauschanteil, die ich in einer Art Dauerschleife laufen ließ, und auf der man mich für einen Sekundenbruchteil im vorderen Teil des Zuschauerraums erkennen kann.

Dann war das Konzert zu Ende, und als ich mich mit der Menge in Richtung Ausgang schob, wurde mir langsam klar, dass mein Zug erst am nächsten Morgen wieder zurück nach Dortmund fuhr, und ich mich natürlich nicht um einen Platz zum Schlafen gekümmert hatte. Vielleicht wäre das eine gute Möglichkeit gewesen, sich mal das Nachtleben in Leipzig anzuschauen, aber da ich definitiv genug von Abenteuern hatte, beschloss ich zum Bahnhof zurück zu gehen und dort einfach auf einer Bank zu schlafen.

Im Nachhinein glaube ich, dass das Leipziger Nachtleben die weniger aufregende Variante gewesen wäre. Der Bahnhof war voll von schwarz gekleideten Cure-Fans, die dort auf ihre Züge warteten. Allerdings war nicht nur die schwarze Szene anwesend, sondern auch die rechte Szene. Ein paar minderbemittelte Kahlköpfe fanden das gesamtdeutsche Samstag-Abend-Fernsehprogramm anscheinend wenig überzeugend und hatten stattdessen viel Spass daran, die Schwarzen aufzumischen. Auf dem Bahnhof ist jedoch in dieser Nacht außer Pöbeleien glücklicherweise nichts passiert. Als die Glatzen keine Lust mehr hatte, wurde es wieder ruhiger, ich fand ein paar Leute zum Quatschen und verbrachte letztlich noch eine unterhaltsame Nacht auf dem Leipziger Bahnhof. Irgendwann fuhren alle ab und am Ende blieb nur noch ich übrig und wartete, bis mich der Zug nach Dortmund zurück brachte.

Setlist The Cure, Zentralstadion, Leipzig:

01: Shake dog shake
02: A strange day
03: A night like this
04: Catch
05: Pictures of you
06: Fascination street
07: Lullaby
08: Dressing up
09: The same deep water as you
10: The perfect girl
11: Just like heaven
12: The walk
13: Primary
14: Inbetween days
15: A forest
16: Disintegration

17: Close to me (Z)
18: Let's go to bed (Z)
19: Why can't I be you? (Z)

20: Lament (Z)
21: M (Z)
22: In your house (Z)
23: Faith (Z)

24: Boys don't cry (Z)
25: 10.15 Saturday night (Z)
26: Killing an arab (Z)
27: Never enough (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Cure, Oberhausen, 16.03.08
- The Cure, Paris, 12.03.08



7 Kommentare :

Oliver Peel hat gesagt…

Das ist einer der schönsten und lebendigsten Berichte den wir je hier hatten. Ganz großartig, Kompliment!

Christoph hat gesagt…

Absolut!

Katja hat gesagt…

Vielen Dank! Das Schlimme ist nur, das ist alles wirklich genauso passiert und im Rückblick wird das ganze Chaos auch nicht besser :-)

Annett hat gesagt…

Wirklich toll, diesen Bericht zu lesen. Ich war auch auf diesem Konzert, mein erstes Cure-Konzert, von dem ich bis dahin nicht glauben konnte, es jemals zu erleben. Bin ich doch eine von den "ausgehungerten" schwarzen Seelen aus dem Osten dieser Republik. Selbst auf dem Bahnhof war ich, weil ich auf meinen Zug wartete, genau wie Du. Leider hatte ich (bzw. wir) ein schreckliches Erlebnis mit den Skins, weil wir kurz das Bahnhofsgebäude verlassen hatten ...
Jedenfalls haben die Cure-Songs und natürlich Robert mein Leben geprägt, so dass ich mich gefreut habe, ihn auf dem hurricane sehen zu können.

Anonym hat gesagt…

Hallo Katja,

bin grad zufällig im Internet auf Deinen Konzertbericht gestossen.
Ist schon komisch: ich war zwar damals nicht bei diesem Konzi, aber es ist eines derjenigen, welches ich mir von The Cure besonders gern und oft anhöre und ansehe. Grad eben läuft es wieder ;-)
Irgendwie kommt bei diesem Konzi die von Dir geschilderte Stimmung als ein "historisches Ereignis" bei den TV-/Radioaufnahmen wirklich gut rüber. Anders ist es für mich nicht zu erklären, warum ich mir gerade dieses Konzi immer wieder besonders gern ansehe/-höre.

Danke für Deinen Bericht, der mir prima einen Live-Eindruck vom damaligen Konzi mit seinem Drumherum vermittelt.

VG Jörg G.

Andreas hat gesagt…

Da uns die Glatzen damals auch durch die Innenstadt und rund ums Stadion jagten, fanden wir kurzfristig Zuflucht im damaligen Merkur Hotel. Uns war bis dahin überhaupt nicht bewusst, dass das damals das einzige Hotel mit "Weststil" war und dort unweigerlich die "Stars" absteigen müssten. Und auf einmal stand da ein riesiger schwarzer Tour Bus mit UK Plates in front of us und wir brachen in Freudentränen aus, als Robert Smith sturzbesoffen und mit Rotweinbuddl in der Hand aus dem Bus stürzte und wir sichtliche Probleme hatten, ihn zu verstehen.(Wir wussten somit auch, warum er auf der Bühne die Texte manchmal nicht mehr rüberbringen konnte :-))
Aber alles wandte sich zum Guten. Wir durften mit unserem abgefuckten Mitsubishi Colt hinter dem Tour Bus Backstage fahren und wurden über die Bühne ins Stadion gelassen. Heute unvorstellbar, damals die Erfüllung eines Traumes, für den Rest meines Lebens. Es war, wie Katja beschrieb, einzigartig und anarchistisch. Das, Freunde, kommt nie wieder...... Andreas

Anonym hat gesagt…

Hallo Katja,
habe deinen Artikel auch mit Begeisterung gelesen, weil auch ich dabei war!

Ich war gleich alt wie du, für mich war es aber leichter, hinzukommen, aber auch aufregend:
Für mich war es auch ein absolut historisches Ereignis: 1988 bin ich zu The Cure gestoßen und erlebte das Disintegration Album (April 1989) von Anfang an mit:
Radio FFN spielte vor der Tour zur Veröffentlichung von Disintegration ein 2 Stunden-Special, das ich mir auf Kase aufnahm und unzählinge Male hörte, auch wenn gar nicht die ganze Platte gespielt wurde, erst danach hatte ich die CD.
Sie prägte mich wie keine andere Platte.
Plainsong ist für mich ein Ereignis von "religiöser" Tiefe. Immernoch.

Am 08.05.89 ging ich in Hannover zu meinem ersten Konzert und war natürlich hin und weg. Mit dem letzten Regionalzug heim, Fahrrad gestohlen, zu Fuß nach Haus, es war mein 17. Geburtstag.
Nächsten Tag Schule: Gemeinschaftskundearbeit bei Bernd Lange (heute MdEP): 4 Punkte.
Als ich erfuhr, dass es 1990 ein Konzert in Leipzig geben sollte, hatte ich mit Freunden schon einen Zelturlaub in Jugoslawien geplant, der kurzerhand 3 Tage geschoben wurde und Leipzig am Anfang lag.
Wir fuhren direkt nach Leipzig und dann nach Rab, Kroatien.
Vor dem Konzert erlebten wir ca. 6 Jungs aus der Region Hannover auch Unschönes:
Die Vopo standen zahlreich mit Hunden um das Stadion und sahen zu, wie die Skins uns (Normalos) jagten und irgendwelche augenreizendenn Flüssigkeiten auf uns versprühten, ich bekam etwas ins Auge und sah nach wenigen Sekunden nichts mehr, lief blind weiter, kam schließlich zu den Sanis am Seiteneingang und bekam umgehend die Augen gespült. Danach: Wir waren im Stadion! Zum Glück ging das schnell wieder weg und wir konnten das Konzert voll genießen: Auf manchen Videos sind wir mit weißen Papiertüchern wedelnd zu sehen (DFF Why can't I be you 2:13Min.).
Danach war ich noch auf drei Konzerten der Wish-Tour, wo wir Robert sogar noch mal nach dem Konzert abpassten und Fotos machten, und zweien 1996 und einem 2000. Heute höre ich überwiegend andere Musik, aber die Musik ist immernoch in mir und berührt mich sehr.... sie ist Synonym für meine späte Jugend.

 

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