Mittwoch, 3. November 2010

Syd Matters, Paris, 02.11.10


Konzert: Syd Matters

Ort: Le Bataclan, Paris
Datum: 02.11.10
Zuschauer: ausverkauft, also 1500!
Konzertdauer: 105 Minuten


Ein verrückter Konzertabend. Wieder einmal.

Wer uns regelmäßig liest, weiß, daß ich riesiger Fan der Pariser Band Syd Matters bin. Das Konzert meiner Lieblinge im legendären Bataclan (Fassunsgvermögen 1500 Zuschauer) war somit Pflichttermin für den heutigen 2. November 2010. Das Dumme war bloß, daß ich die Sache regelrecht verpennt hatte. Es gibt im Spätherbst/Frühwinter einfach zu viele gute Konzerte auf einmal und ich frage mich ohnehin schon, wie lange ich die Strapazen körperlich und seelisch durchhalten kann. Die für das unsrige Konzerttagebuch durchgearbeiteten Nächte zähle ich schon gar nicht mehr. Langer Rede kurzer Sinn: unkoordiniert und müde wie ich war, hatte ich weder Karte noch Akkreditierung für das seit langem ausverkaufte Konzert. Und die Jungs von Syd Matters kurzfristig noch mit einer Bitte um einen Gästelistenplatz anzuhauen, wollte ich auch nicht. Schließlich waren sie mitten in der Vorbereitung auf diesen mit Spannung erwarteten Auftritt in einem der bekanntesten Konzertsäle der Stadt.

Reichlich traurig fuhr ich gegen 20 Uhr 30 Richtung Pop In, wo ich mich mit den Konzerten der Französin Sarah Jeanne Ziegler und dem Ami Setting Sun auf Gratisbasis trösten wollte. Mein Kohldampf befahl mir aber zunächst einen Besuch in einem indischen Schnellimbiss um die Ecke. Ich stopfte das scharf gewürzte Zeug hastig in mich hinein wie ein seit Tagen völlig ausgehungerter Bergarbeiter und kam plötzlich auf die Idee, doch mal vor dem Bataclan vorbeizuschauen. Der Konzertsal liegt wohlgemerkt nicht weit vom Pop In entfernt, ich konnte also zu Fuß hin-und herlaufen. Ich hoffte wie durch ein kleines Wunder, irgendwelche Bekannte aus dem Umfeld der Band zu treffen, die mich in letzter Minute einschleusen. Vor der Tür hingen aber nur noch ein paar Schwarzhändler rum, die die Tickets für 40 Euro verkaufen wollten. Ich lehnte dankend ab und sah plötzlich ein recht junges Mädchen, das mich fragte, ob ich ihr ihre überschüssige Karte zum Normalpreis abkaufen wolle. Sie habe sich gerade mit ihrem Freund gestritten und der Kerl sei dann einfach wutschnaubend abgehauen. Ursprünglich hatte sie vor, mit ihrem Lover das Konzert zu besuchen. Nun aber hatte sie eine Karte über. Ich bezahlte ihr die 24 Euro und wir wünschten uns beide ein schönes Konzert. Sie dachte nicht im Traum daran, sich den Abend komplett vermiesen zu lassen und ging auch mit rein.

Drinnen hatte die Show schon seit einer Weile begonnen. Meine Uhr war um kurz vor 21 Uhr stehengeblieben, aber es war nun schon bereits halb zehn. Eine knappe halbe Stunde hatte ich also dummerweise verpasst. Das Set sollte aber 105 Minuten dauern, so daß das nicht allzu tragisch war. Dass sich mein Kommen definitiv noch gelohnt hatte, stellte sich ohnehin schon nach wenigen Minuten heraus. Ein ungemein fein austarierter, glasklarer Sound erfüllte das Rund, die Gitarren klangen unverschämt melodiös und Jonathan Morali sang schön wie nie zuvor. Innerhalb von 10 Minuten war ich mental hundert Prozent bei der Sache und tauchte ganz tief ab in die wunderbaren Klangwelten, in die uns die Pariser entführten. Sensationell wie brillant hier aufgespielt wurde! Alles passte, das Zusammenspiel der fünfköpfigen Gruppe funktionierte wie am Schnürchen. Die Stimmung im Publikum war entsprechend prima. Syd Matters haben ohnehin die besten Fans der Welt. Alle sind sie nett, friedlich und rücksichtsvoll, keiner nervt, keiner kommt einem dumm. Ein Mädchen, das vor mir stand, bot mir sogar ihren Platz an, damit ich bessere Fotos schießen konnte. Es war wie an Weihnachten oder Neujahr, wo sich Fremde auf der Straße ein frohes Fest, oder ein gutes neues Jahr wünschen. Es fehlte nur noch, daß wir uns alle wie in der Kirche an die Hand nahmen. Mit leuchtenden Augen blickten die Leute nach vorne, wo sich die fünf hochsympathischen und angenehm bescheiden gebliebenen Musiker alle Mühe dieser Welt gaben, um ihren Fans etwas zu bieten. Dieser Einsatz kam wahnsinnig gut an und nach jedem beendeten Lied gab es lange Ovationen für die Helden auf der Bühne. Fast eingeschüchtert bedankten sich die Musiker mit einem kurzen Kopfnicken. Dann konzentrierten sich wieder auf ihr feines Programm. Wenn ich eben die peacige Atmosphäre erwähnte, so lag das sicherlich am Sound von Syd Matters. Der Gesang von Jonathan Morali war (wie immer) fast pastoral zu nennen, die traumhaft schönen Chorgesänge hätten genauso gut von einem Kirchenchor stammen können und die Orgel gab dem Ganzen eine feierliche Note. Eine angenehme Wärme durchflutete meine ganzen Körper und ich erlebte das Konzert wie einen schönen Traum. Die Songs vom neuen Album Brother Ocean funktionierten prächtig und besonders Lost sorgte für einen mächtigen Klos in meinem Hals. So muss es wohl klingen wenn man im Paradies aufgenommen wird. Chöre so profund schön, daß kein Dichter dieser Welt sie mit Worten beschreiben könnte, ein Refrain der im Ohr hängenbleibt ("what a strange feeling to be lost") und ein perfektes, elegantes Zusammenspiel wie bei Real Madrid. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatten sie mich völlig um ihren Finger gewickelt. Die guten Songs reihten sich wie Perlen auf einer Kette, End & Start Again bot die melodischsten Gitarren der Welt, It's a Nickname swingte ungeheuerlich, Anytime Now! rockte ungewohnt laut und bei Obstacles andymöllerte ich wie blöd. Es war einfach zu ergreifend, ich konnte nicht anders als heiße Tränen zu vergießen. "Let's say sunshine for everyone, but as far as I can remember we've been migratory animals, living under changing weather", da bleibt einfach kein Auge trocken. Glasigen Blickes sah ich die Band zum ersten Mal die Bühne verlassen...

Nach einer Weile kam zunächst Jonathan alleine zurück und trug die reduzierte Balade Shore* vor, bevor die andern vier wieder mit hinzustießen und gemeinsam den Seelentröster Everything Else zelebrierten. Ein Fest. Dann trat Olivier Marguerit nach vorne und heizte dem Publikum klatschenderweise ein, um es bei Me & My Horses zum Mitmachen zu bewegen. Der Song war an Dramatik kaum zu überbieten und katapultierte sich von Minute zu Minute weiter nach oben. So etwa Fulminantes hatte ich schon lange nicht mehr gehört, das hatte fast epische Ausmaße wie bei A Silver Mount Zion! Die Zuschauer jubelten wie unter Droge. Dann war wieder Schluß. Oder doch nicht? Nein, es ging weiter. Lost Bird erreichte Werte auf der Melancholieskala, die man eigentlich nur von Genies wie Nick Drake (Fruit Tree) oder Elliott Smith her kennt. Aber Syd Matters müssen keinen Vergleich scheuen, sie spielen in einer ganz hohen Liga. Nach dem David Bowie Cover Space Oddity räumten sie mit To All of You, einem für die Serie Oc California beutzten Song, noch einmal auf ganzer Linie ab. Was für ein unfassbares Konzert! Weltklasse, absolute Weltklasse!

Nächster Halt auf dem Weg in den französischen Pop Olymp: das Olympia.! In dieser Kultstätte spielen Syd Maters am 29. März 2011. Ich bin wieder dabei. Logisch! In spätestens 20 Jahren wird man Syd Matters eh in einem Atemzug mit Serge Gainsbourg nennen.





Setlist Syd Matters, Bataclan, Paris, klick!

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- * Top Video, Syd Matters Shore akustisch auf le hiboo.com. Unbedingt angucken. Klick!



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