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Dienstag, 15. November 2011

Syd Matters, Paris, 14.11.11

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Konzert: Syd Matters (Nouvelle Vague)
Ort: Le 104, Paris
Datum: 14.11.2011
Zuschauer: erst 30 dann 300!!
Konzertdauer: eine gute Stunde, sowohl zeitlich als auch musikalisch


Facebook kann also letztlich doch sehr nützlich sein und dient nicht immer nur dem Verbreiten seiner momentanen Gemütszustände, der Promo seines eigenen verfluchten Blogs, oder dem effektheischenden Kundtun seiner politischen Korrektheit (die Posts über den Einsatz für den Tierschutz, die vegane Lebensweise, den Klima-und Umweltschutz, den Kampf gegen die böse Finanzwelt etc. sind zwar gut gemeint und gehen in die richtige Richtung, nerven aber auf Dauer gewaltig).

Gerade erst gestern hat sich die Nützlichkeit dieses umstrittenen sozialen Netzwerks erwiesen, als nämlich meine französischen Helden von Syd Matters ganz kurzfristig ein Überraschungskonzert ("un concert surprise") für den heutigen Montag ankündigten. Location war das Kulturzentrum (mir fällt gerade kein besser Ausdruck ein) namens 104, in das ich zuvor noch nie meine globigen Füße gesetzt hatte.

Syd Matters würden letzlich ein richtiges Konzert spielen und nicht nur eine kurzen Gastauftritt haben, wie das zu befürchten war. Die Sache fand in dem kleineren Raum der weitläufigen Anlage statt, was sich als äußerst intim erwies, zmindest am Anfang. Da saßen nämlich höchstens 30 bis vierzig Leute auf Sitzkissen auf dem Boden und lauschten den Wohlkängen des Herrn Jonathan Morali und seiner famosen Band. Dann aber strömten immer mehr Leute in den Turnhalle-artigen Saal und am Ende waren sicherlich 300 Leutchen da! Ich und einige andere standen ganz dicht an der kleinen Bühne und hätten den Musikern ins Piano greifen können. Sagenhaft.

Und auch das Konzert war wieder so etwas von schön, daß man es kaum in Worte fassen kann. Magisch, ja fast lebensverändernd!

Demnächst mehr Schwärmereien. Bonne nuit.

Aus unserem Archiv:

Syd Matters, Paris, 25.06.11
Syd Matters, Köln, 11.04.11
Syd Matters, Paris, 29.03.11
Syd Matters, Paris, 02.11.10
Syd Matters, Paris, 20.09.10
Syd Matters, Paris, 21.01.09
Syd Matters, Paris, 11.06.08
Syd Matters, Paris, 13.02.08
Syd Matters, Paris, 25.05.07
Syd Matters, Paris, 31.01.07








Sonntag, 26. Juni 2011

Syd Matters, 25.06.11

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Konzert: Syd Matters

Ort: Hippodrome de Longchamps, Paris (Festival Solidays)
Datum: 25.06.2011
Zuschauer: tausende
Konzertdauer: etwa eine Stunde


"Sag doch einfach, du seist an Aids erkrankt, dann lassen sie dich bestimmt umsonst rein".

Mein Bekannter Maxime (Name von der Redaktion geändert), den ich zufällig vor dem Eingang zum Festivalgelände traf, war mal wieder zu makabren Scherzen aufgelegt. Frei nach dem Motto: Aidskranke haben bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten der Aidshilfe freien und unbeschränkten Zugang, auch ganz ohne Karte oder Listenplatz. War natürlich nicht so und selbst wenn, dann galt das nicht für mich, denn ich bin HIV-negativ.

Somit musste ich also bei den Solidays 2011 draußen bleiben. Wie ein Hund in einem feinen Restaurant. Wie so oft zahlte ich den Preis für mein extremes Bedürfnis nach größtmöglicher Flexibilität und Spontaneität. Einen 3 Tages -Festivalpass hatte ich mir nämlich für die Veranstaltung nicht besorgt und mich erst ganz kurzfristig entschieden, heute am 2. Tag gegen 22 Uhr aufzukreuzen. Nur für Syd Matters. Der Rest des Line-Ups interessierte mich nicht sonderlich, da wollte ich Prioritäten setzen. Eine Akkreditierungsanfrage war deshalb für mich auch nicht in Frage gekommen.

Zu meiner Enttäuschung musste ich dann feststellen, daß auch keine Tageskarten mehr verkauft wurden, weil diese restlos ausverkauft waren. Und Leute, die überschüssige Tickets verscherbeln oder gar Schwarzhändler waren auch weit und breit nicht zu sehen. Mit Sicherheit lag das daran, daß der Festivaltag quasi gelaufen war und niemand mehr mit Nachfrage für ein Konzert um 10 Uhr abends rechnete.

Was nun tun? Unverrichteter Dinge die Rückreise antreten? Das wäre wohl die logische Lösung gewesen. Da ich aber vom Gelände kommend Töne vernahm, die eindeutig nach Syd Matters klangen, entschied ich mich, draußen vor dem Zaun einfach ein wenig zuzuhören. Wie damals in der DDR, als die Musikfans das Konzert von Michael Jackson vor dem Reichstag (19. Juni 1988) auf der falschen Seite der Mauer mitverfolgten, um wenigstens ein klein wenig das Gefühl zu haben, sie seien dabei gewesen.

Die ersten Lieder kamen ziemlich verschwommen herüber, aber Hi-Life konnte ich klar erkennen und sogar auf die Distanz fast genießen.


Syd Matters - Hi Life par val3rie-live

Mann, wie ich Syd Matters liebe! Für kaum eine andere Band auf dieser Welt würde ich wie ein räudiger Hund vor einem Zaun lungern, um wenigstens kleine Reste von einem Konzert zu erhaschen. Aber für diese sensationelle Gruppe machte ich gerne eine Ausnahme und konzentrierte mich enorm, um Liedfetzen zu erkennen. Keine so leichte Übung, denn ich musste den Krach, der von den anderen Bühnen kam, so gut es geht ausblenden. Was hörte ich da? Ach genau, Watcher! Ein Song vom zweiten Album, der lange Zeit ein Schattendasein fristete, aber in diesem Jahr live eine Rennaissance bzw. vielmehr eine absolut packende Neuinterpretierung erlebte. Eine psychedelische Bombe mit hypnotischer Sprengkraft, die auch auf die Distanz hin wirkte. Es galt die Phantasie zu bemühen, sich wieder dass umwerfende Konzert vom Olympia ins Gedächtnis zu rufen, wo sie diesen Song so faszinierend dargeboten hatten. "I'm just a watcher, trying to catch her, waiting for shadow behind the window...". Wahrlich der Hammer.

Und es wurde noch nachgelegt. Nach It's A Nickname erklang nun Bones, ein bedächtig startendes Stück vom ersten Album, daß 2011 ebenfalls ganz neu arrangiert wurde und mir im Olympia ein ekstatisches, postrockiges Ende par excellence beschert hatte. Auch heute wurde der Track bis zum Geht-nicht-mehr ausgereizt und dauerte sicherlich fast 10 furiose Minuten.


#31 Syd Matters - Bones par lecargo

Das Thema erstes Album war damit aber noch nicht erledigt, denn kurze Zeit später wurde auch der Stone Man zum Besten gegeben und auch dieser klang anders und aufregend, so als handele es sich um einen neuen Titel. Wahnsinn, dieses Talent von Syd Matters, dem alten Material neues Leben einzuhauchen und es frisch und quicklebendig zu performen!

Mit Anytime Now! wurde schließlich nach circa einer Stunde ein Festivalauftritt beschlossen, denn ich zwar nicht gesehen, dafür aber (halbwegs) gehört habe. Und nur ein paar Fitzel der genialen Syd Mtters sind immer noch besser als nichts.

À propos Fitzel. Nur ganz wenig Stoff hatten die Damen an, die mir auf meinem Fußweg zur nächsten U-Bahn über den Weg liefen. In dieser südlichen Gegend von Paris orientierungstechnisch nicht unbedingt sattelfest, wußte ich nicht, daß das Waldstück, in das ich eingebogen war, extrem lang war und von Damen (oder Transsexuellen?) des horizontalen Gewerbes bevölkert wird. Überall standen sie da, diese spärlich bekleideten Ladies (?) und hielten mich sicherlich für einen potentiellen Kunden. Statt sie eines Blickes zu würdigen, stapfte ich allerdings im Laufschritt an ihnen vorbei, den Kopfhörer mit Musik von Syd Matters auf den Ohren. Die französische Ausnahmeband bedeutet mir soviel mehr als käufliche Liebe. Ihre Songs sind schlechtweg unbezahlbar.

Das nächste Mal möchte ich sie allerdings auch wieder von Nahem sehen, meine Rolle als Zaungast soll keine dauerhafte bleiben...

Setlist Syd Matters, Solidays:

01: Obstacles
02: Wolfmother
03: Hi-Life
04: Watcher
05: It's A Nickname
06: Bones
07: Hadrian's Wall
08: Halalscillag
09: Stone Man
10: Anytime Now!
11: Me & My Horses

Fotos: Archiv.



Dienstag, 12. April 2011

Syd Matters, Köln, 11.04.11

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Konzert: Syd Matters
Ort: Studio 672, Köln
Datum: 11.04.2011
Zuschauer: ca. 70
Dauer: 65 min


Pariser Verhältnisse in Köln... Auf der Bühne eine französische Band, im Publikum viele Landsleute und Anfangszeiten, wie man sie in Köln nicht kennt. Und das alles war überhaupt nicht verkehrt!

Seit wir diese Seite machen, gibt es immer wieder Bands, die in der einen Stadt (Paris, Köln) regelmäßig, in der anderen nie spielt, die Indelicates sind ein Beispiel dafür., sie waren nie in Paris. Daß viele der französischen Lieblinge meines Kollegen Oliver nie nach Deutschland kommen, ist erklärbar. Wenn dann eine der Gruppen endlich auch einmal hier auftritt, habe ich in der Regel schon über zig ihrer Konzerte gelesen, die Band ist ein guter Bekannter, ohne, daß ich sie je gesehen hätte.

Mit Syd Matters geht es mir auch so, zu oft habe ich schon über deren Auftritte in Paris gelesen, trotzdem war ich vollkommen ahnungslos, wie das heutige Konzert im Studio 672 werden würde. Zuletzt hatten Syd Matters vor ein paar Wochen im Olympia gespielt, in großer Besetzung mit acht Musikern. Oliver hatte mir berichtet, daß die Band auf ihrer Deutschland-Tour nur zu dritt auftreten würde.

Und so war es auch, als es um kurz vor neun (!) spannend wurde. In Besetzung akustische Gitarre, Schlagzeug und Keyboard traten die Franzosen im Studio 672 auf, das glücklicherweise engegen meiner ersten Befürchtungen recht gut gefüllt war. In Paris füllt die Band immer größere Säle, zuletzt eben das Olympia (das heute vor 122 Jahren eröffnet wurde - Konzerttagebuch Trivia), in dem Syd Matters vor 2.000 Zuschauern spielten, davor das Bataclan (1.500). Daß in Köln rund 70 Zuschauer kamen, ist sicher keine Enttäuschung. Als wir reinkamen roch es noch nach einem Flop, da erst eine Handvoll Zuschauer da waren, obwohl wir eigentlich auf den letzten Drücker erschienen. Den Start eine Viertelstunde herauszuzögern, machte aber Sinn, es füllte sich in den nächsten Minuten merklich.

Sänger Jonathan Morali wurde von einem Schlagzeuger und einem Keyboarder begleitet. Er selbst spielte während des gesamten Konzerts akustische Gitarre, sein Keyboarder griff bei zwei oder drei Liedern zur elektrischen Klampfe.

Beim ersten Stück dominierten allerdings Stimmen. Ich kannte das Lied bzw. die
beiden ineinander gespielten Lieder nicht, sie gefielen mir aber auf Anhieb. Auch wenn die Musik sehr melacholisch klingt, kam mir in den Kopf, daß Syd Matters eine luftigere Version der Fleet Foxes sein könnten. Vermutlich ist das ein doofer Vergleich - und auch vollkommen unwichtig - jedenfalls waren die mir unbekannten Lieder sehr schön.

Erst das übernächste Stück (Hi life) erkannte ich, daß mir auch der Rest neu sein sollte, machte aber gar nichts, weil der Auftritt kurzweilig und musikalisch hervorragend war.

Die Grundstimmung der Stücke war ruhig. Nur ab und zu merkte man dem Schlagzeuger an, daß er auch gerne mal lauter auf seine Trommeln haut und die ewige Rührbesennutzung nicht sein eigentlicher Job ist. Aber nur selten machte das Trio richtigen Krach, bei Cloudflakes zum Beispiel, das mir ganz ausgezeichnet gefiel! Eine Idee, wie Syd Matters in der von Oliver beschriebenen großen Besetzung des Olympia klingen (acht Musiker, davon teilweise drei an Schlagzeugen) gab auch Bones, das in einem irre langen Instrumental-Teil mündete, das fast Postrockcharakter hatte. Großartig!

Aber insgesamt dominierten die leisen, zurückhaltenden Töne, die mehrstimmigen Gesänge, wobei Jonathans Kollegen ganz deutlich im Hintergrund agierten.

Zu den anderen Lieder kann ich wenig sagen, weil ich sie zum ersten Mal gehört habe. Bei dem ein oder anderen kam mir zwar in den Sinn, daß es vermutlich für mehr Instrumente geschrieben worden war, insgesamt war der Abend aber vorzüglich!

Beim Fotografieren war uns irgendwann aufgefallen, daß die Musiker irgendwelche Dinge auf ihre Arme gemalt hatten. Der Schlagzeuger, der in unserer Nähe saß, hatte
sich "Danke" auf den linken Unterarm geschrieben. Später sah ich dann, daß auf dem Arm des Keyboarders "@Köln" und die Setlist vermerkt waren! Mit schwarzem Filzstift!

Nach einer guten Dreiviertelstunde endete das reguläre Set, und die Band kam zurück, um eine akustische Zugabe vor der Bühne zu spielen, Black & white eyes vom 2003er Debüt-Album.

Wegen des sehr euphorischen Applauses kamen die drei aber auch danach noch einmal wieder, hatten allerdings keinen Song übrig. "Wir spielen sonst nicht zu dritt, wir haben nicht mehr Lieder. Also spielen wir ein Stück noch einmal, das ist aber auch sehr gut." Das stimmte, auch in der akustischen Version war Hi life toll!

Schick ruhig öfter Bands aus Paris rüber, Oliver! Bis auf Soko war bisher alles sehr gut!

Setlist Syd Matters, Studio 672, Köln:

01: Heartbeat detector / Everything else
02: Wolfmother
03: Hi life
04: Cloudflakes
05: To all of you
06: Bones
07: I might float
08: Hadrian's wall
09: Halalcsillag
10: Anytime now
11: Obstacles

12: Black & white eyes (akustisch) (Z)

13: Hi life (akustisch) (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Syd Matters, Paris, 29.03.11
- Syd Matters, Paris, 02.11.10
- Syd Matters, Paris, 20.09.10
- Syd Matters, Paris, 21.01.09
- Syd Matters, Paris, 11.06.08
- Syd Matters, Paris, 13.02.08
- Syd Matters, Paris, 25.05.07
- Syd Matters, Paris, 31.01.07



Mittwoch, 30. März 2011

Syd Matters, Paris, 29.03.11

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Konzert: Syd Matters

Ort: L'Olympia, Paris (!)
Datum: 29.03.2011
Zuschauer: fast ausverkauft
Konzertdauer: etwa 2 Stunden



Unglaublich bewegende Szenen, die sich während und nach dem sensationellen Konzert von Syd Matters im und vor dem Olympia in Paris abspielten. Sänger und Songwriter Jonathan Morali, der kurz vor Schluß sein Herz öffnet und von den Albträumen erzählt, die ihn in den Wochen vor diesem Auftritt heimgesucht haben. Vor allem von der Wahnvorstellung, daß er und seine Band vor fast leerem Hause spielen würden. Sich dann aber ob des regen Andrangs sichtlich erleichtert herzlich bei seinen Großeltern fürs Kommen bedankt und Richtung Loge zeigt, wo die alten Herrschaften sitzen. Gitarrist Remi Alexandre, der bei der Verabschiedung der Band seine ganze Anspannung herausschreit und über beide Ohren grinst. Pianist und Gitarrist Olivier Marguerit, der sich sehr höflich, ja fast demütig, beim Publikum bedankt und ein wunderbares Glänzen in seinen blauen Augen hat. Die beiden hübschen Backgroundsängerinnen, die ihr schönstes Lächeln zeigen. Drummer Clement und Bassist Yean-Yves, die wie immer mannschaftsdienlich, aber hocheffizient gespielt haben und sich auch bei der Verabschiedung dezent zurückhalten. Stéphan Milochevitch aka Thousand, der nicht nur als zweiter Drummer zum Einsatz kam, sondern auch das feine Artwork der CD und der exklusiven Poster gestaltet hat. Und natürlich nicht zu vergessen das Publikum, das den Helden des Abends minutenlange Ovationen bereitet und mit Schmetterlingen im Bauch den Saal verlässt.

Draußen vor der Tür geht es dann emotional aufgeladen weiter. Alle sind begeistert, alle schwärmen in höchsten Tönen. Sylvain, der selbst in einer Band (Game & Watch) spielt und Syd Matters so einige Male gefilmt hat und sagt, daß Jonathan Morali und seine Jungs die Allerbesten in Frankreich sind. Dorothée von The Rodeo, die neidlos die große Klasse von Syd Matters anerkannt. Laurie, die Duopartnerin von Gitarrist Olivier Marguerit, die gekommen ist, obwohl (bestätigten) Gerüchten zu Folge, die Partnerschaft und das musikalische Projekt mit Olivier (My Girlfriend Is Better Than Yours) beendet ist.

Vor allem aber die Eltern von Olivier Marguerit, die einfach rührend sind. Obwohl ihr Sohn drinnen mit seinen Bandkumpels anstößt und feiert, harren sie noch eine halbe Stunde aus, zeigen sich gegenüber ihren Bekannten keine Spur eingebildet oder überheblich, sondern können selbst kaum fassen, daß ihr Sohn im Olympia, dem prestigeträchtigsten Konzertsaal Frankreichs, gespielt hat. Der Vater scheint das Ganze noch gar nicht so recht glauben zu wollen, schießt immer wieder mit seinem Handy Fotos von der Leuchtreklame. Dort steht auf roten Lettern vor schwarzem Hintergund: Syd Matters. Oben strahlt in weißen Buchstaben: Olympia

Ja, sie haben es wirklich geschafft, sind im Olymp des Pophimmels angekommen. Ganz ohne Medienrummel, Majorlabel, Werbekampagnen, Fernsehauftritte, Powerplay im Radio und ähnliche Dinge. Einfach nur, weil ihre Musik überragend gut ist und für sich selbst spricht. "Hier wollte ich schon als kleiner Junge hin" hatte Jonathan Morali in einer der bewegendsten Szenen sichtlich gerührt zugegeben. Aber sie haben nicht nur hier gespielt, sondern das beste Konzert geboten, das ich hier je sehen durfte. Es war grandios und einfach irreal stark. Auf einen Sportler gemünzt: sie haben nicht nur an den olympischen Spielen teilgenommen, sondern sogar die Goldmedaille gewonnen.

Bevor ich das Konzert zusammenfassen kann, muss ich aber erst einmal eine Nacht drüber schlafen. Zu viele, zu überwältigende Emotionen. Ich bin erst einmal sprachlos. Ich glaube ich habe an jenem 29. März die beste Band der Welt gesehen...

P.S: Super der Kommentar einer Besucherin auf der Facebook Seite von Syd Matters: "Ihr habt mich schlicht und einfach umgehauen! Super Sound, diabolisch gutes Licht und ihr mit zwei Backgroundsängerinnen. Einfach nur eine perfekte Nacht! Wahnsinn dieses Konzert! Danke von ganzem Herzen. I Love Syd Matters."







Mittwoch, 3. November 2010

Syd Matters, Paris, 02.11.10

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Konzert: Syd Matters

Ort: Le Bataclan, Paris
Datum: 02.11.10
Zuschauer: ausverkauft, also 1500!
Konzertdauer: 105 Minuten


Ein verrückter Konzertabend. Wieder einmal.

Wer uns regelmäßig liest, weiß, daß ich riesiger Fan der Pariser Band Syd Matters bin. Das Konzert meiner Lieblinge im legendären Bataclan (Fassunsgvermögen 1500 Zuschauer) war somit Pflichttermin für den heutigen 2. November 2010. Das Dumme war bloß, daß ich die Sache regelrecht verpennt hatte. Es gibt im Spätherbst/Frühwinter einfach zu viele gute Konzerte auf einmal und ich frage mich ohnehin schon, wie lange ich die Strapazen körperlich und seelisch durchhalten kann. Die für das unsrige Konzerttagebuch durchgearbeiteten Nächte zähle ich schon gar nicht mehr. Langer Rede kurzer Sinn: unkoordiniert und müde wie ich war, hatte ich weder Karte noch Akkreditierung für das seit langem ausverkaufte Konzert. Und die Jungs von Syd Matters kurzfristig noch mit einer Bitte um einen Gästelistenplatz anzuhauen, wollte ich auch nicht. Schließlich waren sie mitten in der Vorbereitung auf diesen mit Spannung erwarteten Auftritt in einem der bekanntesten Konzertsäle der Stadt.

Reichlich traurig fuhr ich gegen 20 Uhr 30 Richtung Pop In, wo ich mich mit den Konzerten der Französin Sarah Jeanne Ziegler und dem Ami Setting Sun auf Gratisbasis trösten wollte. Mein Kohldampf befahl mir aber zunächst einen Besuch in einem indischen Schnellimbiss um die Ecke. Ich stopfte das scharf gewürzte Zeug hastig in mich hinein wie ein seit Tagen völlig ausgehungerter Bergarbeiter und kam plötzlich auf die Idee, doch mal vor dem Bataclan vorbeizuschauen. Der Konzertsal liegt wohlgemerkt nicht weit vom Pop In entfernt, ich konnte also zu Fuß hin-und herlaufen. Ich hoffte wie durch ein kleines Wunder, irgendwelche Bekannte aus dem Umfeld der Band zu treffen, die mich in letzter Minute einschleusen. Vor der Tür hingen aber nur noch ein paar Schwarzhändler rum, die die Tickets für 40 Euro verkaufen wollten. Ich lehnte dankend ab und sah plötzlich ein recht junges Mädchen, das mich fragte, ob ich ihr ihre überschüssige Karte zum Normalpreis abkaufen wolle. Sie habe sich gerade mit ihrem Freund gestritten und der Kerl sei dann einfach wutschnaubend abgehauen. Ursprünglich hatte sie vor, mit ihrem Lover das Konzert zu besuchen. Nun aber hatte sie eine Karte über. Ich bezahlte ihr die 24 Euro und wir wünschten uns beide ein schönes Konzert. Sie dachte nicht im Traum daran, sich den Abend komplett vermiesen zu lassen und ging auch mit rein.

Drinnen hatte die Show schon seit einer Weile begonnen. Meine Uhr war um kurz vor 21 Uhr stehengeblieben, aber es war nun schon bereits halb zehn. Eine knappe halbe Stunde hatte ich also dummerweise verpasst. Das Set sollte aber 105 Minuten dauern, so daß das nicht allzu tragisch war. Dass sich mein Kommen definitiv noch gelohnt hatte, stellte sich ohnehin schon nach wenigen Minuten heraus. Ein ungemein fein austarierter, glasklarer Sound erfüllte das Rund, die Gitarren klangen unverschämt melodiös und Jonathan Morali sang schön wie nie zuvor. Innerhalb von 10 Minuten war ich mental hundert Prozent bei der Sache und tauchte ganz tief ab in die wunderbaren Klangwelten, in die uns die Pariser entführten. Sensationell wie brillant hier aufgespielt wurde! Alles passte, das Zusammenspiel der fünfköpfigen Gruppe funktionierte wie am Schnürchen. Die Stimmung im Publikum war entsprechend prima. Syd Matters haben ohnehin die besten Fans der Welt. Alle sind sie nett, friedlich und rücksichtsvoll, keiner nervt, keiner kommt einem dumm. Ein Mädchen, das vor mir stand, bot mir sogar ihren Platz an, damit ich bessere Fotos schießen konnte. Es war wie an Weihnachten oder Neujahr, wo sich Fremde auf der Straße ein frohes Fest, oder ein gutes neues Jahr wünschen. Es fehlte nur noch, daß wir uns alle wie in der Kirche an die Hand nahmen. Mit leuchtenden Augen blickten die Leute nach vorne, wo sich die fünf hochsympathischen und angenehm bescheiden gebliebenen Musiker alle Mühe dieser Welt gaben, um ihren Fans etwas zu bieten. Dieser Einsatz kam wahnsinnig gut an und nach jedem beendeten Lied gab es lange Ovationen für die Helden auf der Bühne. Fast eingeschüchtert bedankten sich die Musiker mit einem kurzen Kopfnicken. Dann konzentrierten sich wieder auf ihr feines Programm. Wenn ich eben die peacige Atmosphäre erwähnte, so lag das sicherlich am Sound von Syd Matters. Der Gesang von Jonathan Morali war (wie immer) fast pastoral zu nennen, die traumhaft schönen Chorgesänge hätten genauso gut von einem Kirchenchor stammen können und die Orgel gab dem Ganzen eine feierliche Note. Eine angenehme Wärme durchflutete meine ganzen Körper und ich erlebte das Konzert wie einen schönen Traum. Die Songs vom neuen Album Brother Ocean funktionierten prächtig und besonders Lost sorgte für einen mächtigen Klos in meinem Hals. So muss es wohl klingen wenn man im Paradies aufgenommen wird. Chöre so profund schön, daß kein Dichter dieser Welt sie mit Worten beschreiben könnte, ein Refrain der im Ohr hängenbleibt ("what a strange feeling to be lost") und ein perfektes, elegantes Zusammenspiel wie bei Real Madrid. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatten sie mich völlig um ihren Finger gewickelt. Die guten Songs reihten sich wie Perlen auf einer Kette, End & Start Again bot die melodischsten Gitarren der Welt, It's a Nickname swingte ungeheuerlich, Anytime Now! rockte ungewohnt laut und bei Obstacles andymöllerte ich wie blöd. Es war einfach zu ergreifend, ich konnte nicht anders als heiße Tränen zu vergießen. "Let's say sunshine for everyone, but as far as I can remember we've been migratory animals, living under changing weather", da bleibt einfach kein Auge trocken. Glasigen Blickes sah ich die Band zum ersten Mal die Bühne verlassen...

Nach einer Weile kam zunächst Jonathan alleine zurück und trug die reduzierte Balade Shore* vor, bevor die andern vier wieder mit hinzustießen und gemeinsam den Seelentröster Everything Else zelebrierten. Ein Fest. Dann trat Olivier Marguerit nach vorne und heizte dem Publikum klatschenderweise ein, um es bei Me & My Horses zum Mitmachen zu bewegen. Der Song war an Dramatik kaum zu überbieten und katapultierte sich von Minute zu Minute weiter nach oben. So etwa Fulminantes hatte ich schon lange nicht mehr gehört, das hatte fast epische Ausmaße wie bei A Silver Mount Zion! Die Zuschauer jubelten wie unter Droge. Dann war wieder Schluß. Oder doch nicht? Nein, es ging weiter. Lost Bird erreichte Werte auf der Melancholieskala, die man eigentlich nur von Genies wie Nick Drake (Fruit Tree) oder Elliott Smith her kennt. Aber Syd Matters müssen keinen Vergleich scheuen, sie spielen in einer ganz hohen Liga. Nach dem David Bowie Cover Space Oddity räumten sie mit To All of You, einem für die Serie Oc California beutzten Song, noch einmal auf ganzer Linie ab. Was für ein unfassbares Konzert! Weltklasse, absolute Weltklasse!

Nächster Halt auf dem Weg in den französischen Pop Olymp: das Olympia.! In dieser Kultstätte spielen Syd Maters am 29. März 2011. Ich bin wieder dabei. Logisch! In spätestens 20 Jahren wird man Syd Matters eh in einem Atemzug mit Serge Gainsbourg nennen.





Setlist Syd Matters, Bataclan, Paris, klick!

Aus unserem Archiv:

Syd Matters, Paris, 20.09.10
Syd Matters, Paris, 21.01.09
Syd Matters, Paris, 11.06.08
Syd Matters, Paris, 13.02.08
Syd Matters, Paris, 25.05.07
Syd Matters, Paris, 31.01.07


- * Top Video, Syd Matters Shore akustisch auf le hiboo.com. Unbedingt angucken. Klick!



Montag, 20. September 2010

Syd Matters, Paris, 20.09.10

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Konzert: Syd Matters

Ort: Le Point Ephémère, Paris (Concert privé de la Fnac)
Datum: 20.00.10
Zuschauer: ausverschenkt
Konzertdauer: 75 Minuten


Beau, touchant, envoûtant. Un concert sublime qui m'a emporté loin. Une fois de plus. Syd Matters sont la garantie pour des soirées de reves...


Nachdem ich am vergangenen Samstag wie ein stinkender Fischer vor dem Pariser Point FMR abgewiesen worden war, startete ich heute einen neuen Anlauf. Die Gefahr erneut einen Korb zu kriegen, war gegeben, aber no risk no fun! Das Konzert von Syd Matters war nämlich eine exklusive Angelegenheit. Karten konnte man nur bei einem Gewinnspiel des Kulturkaufhauses Fnac gewinnen und ich hatte selbstredend gar nicht an der Verlosung teilgenommen. Dennoch kam ich diesmal rein, denn ich kenne die Bandmitglieder persönlich und traf zufällig vor dem Hintereingang auf den Gitarristen Olivier. Der schleuste mich durch, als würde ich zur Band gehören. Eine coole Sache, denn ich hatte die Chance, die fünf Musiker in der Kabine zu sehen, wo sie sich gerade mental auf das Konzert einstimmten. Ich wünschte ihnen viel Glück und latschte von der Kabine aus einen Gang entlang, der direkt zur Bühne führte. Über diese stolzierte ich wie ein Prinz, genoß einen Moment das Scheinwerferlicht, bevor ich mich triumphierend in die vordere Stehplatzreihe einordnete. Eine witzige Szene, die mich an meine Studentenzeit in Berlin erinnerte. Dort hatte ich über meinen Tennisverein einen renommierten Musiker der Berliner Philharmonie kennengelernt, der mich auch einmal zu einem von Claudio Abbado geleiteten Konzert eingeschleust hatte. Ich war durch den Künstlereingang reingekommen und stand zunächst eine Weile zwischen Musikern im Frack, die an der Bar heftig Bier und Schnaps in sich reinkippten, um das Lampenfieber zu drosseln. Dann gelang ich durch einen dunklen Gang in die oberen Zuschauerreihen und setzte mich einfach auf einen freien Platz...

Um 20 Uhr 45 ging es heute los. Syd Matters haben gerade ihr neues, viertes Album mit dem Titel BrotherOcean auf den Markt gebracht. Gleich der Auftakt stammte von diesem aktuellen Output und im Laufe des Konzertes sollten auch noch andere Neuheiten präsentiert werden. Ich muss ganz ehrlich zugeben, daß ich mit Brother Ocean noch nicht so ganz vertraut bin. Nach etwa 5 Hördurchläufen fehlt mir nach wie vor ein wenig der Zugang. Das ist aber im Grunde genommen gar nicht problematisch, denn schon der sublime Vorgänger Ghost Days erschloss sich mir erst nach dem 20. Durchlauf. Dafür aber habe ich langfristig etwas davon, denn ich kann das Werk immer noch in einem Rutsch durchhören, ohne daß ich Titel skippen muss. Syd Matters sind keine Singlesband, ihnen geht es nicht unbedingt um den direkten Hit. Dennoch kann man Hi Life gut und gerne als Hit des aktuellen Albums bezeichnen. Es ist der Song, der am schnellsten ins Ohr geht. Schon an zweiter Stelle performte die Band dieses Kleinod, das durch wunderschönen, harmonischen Chorgesang, eine kleine feine Gitarrenmelodie und einen nahegehenden Text besticht. Syd Matter at it's best sozusagen. An diese Perle kam von den neuen Sachen nur Halalcsillag ran, obwohl Lost und I Might Float keineswegs schlecht waren, sondern lediglich Hi Life und Halalcsillag so ungemein gut. Wahnsinn wie komplex, fein arrangiert und ausgewogen sie hier wieder klangen! Aber auch das frühere Werk wurde gewürdigt. Das Publikum dankte es der Band, denn welcher Fan möchte schon gerne auf den Herzenswärmer (toll wie immer die Querflöte!) Obstacles verzichten? Und alle wollten natürlich auch noch einmal Middle Class Men hören, der wie Obstacles das zweite Album Someday We Will Foresee Obstacles zierte.

Ansonsten war auffällig, wie rockig und beherzt zur Sache gegangen wurde. Wer einen ruhigen Liederabend erwartet hatte, wurde auf dem falschen Fuß erwischt. Besonders bei Anytime Now! heulten die Gitarren um die Wette und das Schlagzeug donnerte satt und schwer aus dem Hintergrund. Die erste Zugabe dann aber leise und besinnlich. Mit leuchtenden Augen guckte das ungemein friedfertige und angenehme Publikum auf die Bühne und sah Sänger Jonathan Morali zunächst alleine die feine Ballade Louise vortragen, die ihn stilistisch in die Nähe eines Nick Drake rückte. Bei Everything Else wurde es dann wieder choral. Fast wie ein Priester in der Kirche intonierte Morali dieses nebenwirkunsgfreie Beruhigungsmittel. Balsam für die gestresste Großstadtseele. Einfach zum Dahinschweben!

Der Schlußpunkt wurde schließlich mit Me and My Horses gesetzt. Gitarrist Rémi Alexandre heizte dem Publikum klatschenderweise ein und die Leute reagierten umgehend mit rythmischen Handclaps. Nun wurden alle Zügel gelockert und zum Ende hin minutenlang auf den Gitarren geschrammelt. Ein Finale wie bei einer Postrockband und der Beweis davor, daß Syd Matters nicht nur Leisetreter sind, sondern auch die lauten Töne beherrschen.

Was soll ich sagen? Syd Matters waren toll wie immer! Die beste Band Frankreichs, gar keine Frage!

Setlist Syd Matters, Concert prive de la Fnac, Point Ephémère:

01: Wolfmother
02: Hi Life
03: Cloudflakes
04: Hadrian's Wall
05: I Might Float
06: My Lover's On The Pier
07: It's A Nickname
08: Obstacles
09: Anytime Now
10: Lost
11: Middle Class Men
12: Halalsillag

13: Louise
14: Everything Else

15: Me & My Horses

Aus unserem Archiv:

Syd Matters, Paris, 21.01.09
Syd Matters, Paris, 11.06.08
Syd Matters, Paris, 13.02.08
Syd Matters, Paris, 25.05.07
Syd Matters, Paris, 31.01.07




Freitag, 23. Januar 2009

Syd Matters, Paris, 21.01.09

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Konzert: Syd Matters, u.a. (anniversaire 3rd side records)

Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 21.01.2009
Zuschauer: (fast) ausverkauft
Konzertdauer: ca. 45 Minuten



Zweiter und letzter Tag der Geburtstagsfete zu Ehren des siebenjährigen Bestehen des Pariser Lables 3rd side records. Gleich vier Bands mit unterschiedlicher musikalischer Ausrichtung sollten heute für Feierstimmung sorgen. Erneut wurden Blumenketten Im Hawaiistil an die Besucher ausgeteilt, von dem grauen Wetter wollte man sich schließlich nicht die Party vermiesen lassen!

Der Zulauf war heute deutlich größer als gestern, schon bei der ersten Künstlerin, der französischen Blondine Austine, waren die Ränge gut gefüllt und sogar musikalische Prominenz war im Publikum auszumachen. Die Folk/Pop-Künstlerin Rose, eine charmante Brünette, die selbst in Zeiten der Krise der Musikindustrie unglaublich viele CDs verkauft, stand gleich neben mir und als ich den Kopf drehte, erkannte ich auch eine gothisch anmutende junge Frau, Brisa Roché, eine in Paris lebende Amerikanerin, die vielleicht etwas weniger CDs als Rose verkauft, dafür aber bei den Kritikern einen Stein im Brett hat ( sowieso immer besser als ein Brett vor dem Kopf!).

Auch die Künstlerin auf der Bühne, die erschreckend dürre Austine, hat schon gute Kritiken für ihre Musik bekommen. Am Merchandising Stand konnte man auf einer ihrer zwei CDs eine Lobschrift der renommierten Zeitschrift Les Inrockuptibles lesen, die die Chanteuse gar mit Nico und Françoise Hardy verglich. Und selbst wenn der Schatten dieser beiden klassischen Sängerinnen doch ein wenig arg lang sein dürfte, kann ich ebenfalls konstatieren, daß Austine eine hübsche Stimme und feine Folk Popsongs zu bieten hatte. Die Auftrittszeit war mit gerade einmal knpap 30 Minuten aber zu kurz bemessen, um ein fundiertes Urteil abzugeben; daß die Gitarristin, die übrigens, als eine der wenigen Künstler bei dieser Veranstaltung französisch sang, eine angenehme Entdeckung für mich war, kann ich jedoch mit Fug und Recht behaupten.

Setlist Austine, La Maroquinerie, Paris (anniversaire 3rd side records):

01: Cupide et Stupide
02: Mais
03: Mars
04: Bottom
05: Rhume
06: Au Soleil


Im Anschluß wurde es deutlich lauter und testosterongetriebener. Steeple Remove, vier französische Rauhbeine, enterten die Bühne und machten gleich von Beginn an einen Höllenlärm. Einer der Typen, der Bassist und Keyboarder, sah wirklich krass panne aus! Er trug ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck "Hash Ultra" (natürlich eine Anspielung auf das Waschmittel) und dazu eine Retrofliegerkappe mit der passenden Brille. Die anderen drei waren optisch weniger auffällig. Der Gitarrist und der Schlagzeuger schienen schon reiferen Alters zu sein, während der smarte Sänger und Keyboarder Arno mit seiner schwarzen Lederjacke britrockiger wirkte.

Amüsterweise hörten sich dann auch die ersten beiden Stücke recht stark nach Oasis oder den Sterophonics an. Yellow Loop, von dem neuen Album Electric Suite, rockte wie Hölle! Ein wahnsinnig tightes Stück mit noisigen Gitarren und psychdelischen Windungen. Seit My Bloody Valentine hatte ich nicht mehr solche Noisekeulen um die Ohren gepfeffert bekommen! Die Lautstärke lag wirklich an der obersten Grenze des noch ertäglichen Bereichs. Hatte der Beginn des Sets noch konventionelle Songstrukturen, wurde es im weiteren Verlaufe immer krautrockiger und experimenteller. Der Geist von deutschen Pionieren des Genres wie Can oder Faust durchdrang den französischen Club. Vieles hatte einen stark hypnotischen, psychedelischen und mystischen Charakter, der auch durch den grünlichen, bläulichen oder rötlichen Nebel unterstrichen wurde. Der Song Cathedrale war schließlich gänzlich instrumental gehalten, bevor auf Love Machine, einem der bekannesten Songs der Band, entnommen von dem Album Radio Silence, wieder gesungen wurde. Ein äußerst (schweiß) - treibendes Stück, bei dem dem glatzköpfigen Gitarristen der Schweiß nur so von der Stirn tropfte. Auch mich hatten die vier Bastarde inzwischen weichgeprügelt, ich ließ mich von dem wuchtigen und intensiven Sound dahintragen und genoß den Trip, der ganz ohne Drogen zustande kam. Nach circa. 40 Minuten hatten Steeple Remove dann irgendwann alle Zuschauer taub gerockt und bei mir einen ziemlichen starken Eindruck hinterlassen. Ich muss hier am Ball bleiben, eine interessante Sache ist das...

Setlist Steeple Remove, La Maroquinerie, Paris (anniversaire 3rd side records):

01: Intro
02: Yellow Loop
03: Gonzo Gazing
04: Images
05: Unclean
06: Cathedrale
07: Love Machine
08: Free U Part
09: Sex
10: Banana


Cocosuma, ein Trio aus Paris, gingen als vorletzte Band ins Rennen. Bevor ich auf die drei Akteure näher eingehe, muss ich aber zunächst einmal ein paar Worte zu dem Drummer verlieren, der live aus dem Trio ein Quartett macht. Jean heißt der Bursche und er ist derjenige Schlagzeuger, den ich in den letzten Jahren mit Abstand am häufigsten auf Pariser Konzertbühnen in Aktion gesehen habe. Der sympathische Bursche spielt nämlich bei unzähligen lokalen Bands mit. Jean trommelte breits für Soko, The Rodeo, Fugu, Mina Tindle, Constance Verluca, Tahiti Boy and The Palmtree Family, Joseph D'Anvers, Robin Le Duc, My Girlfriend Is Better Than Yours, Toyfight und wahrscheinlich auch noch anderen Bands, die ich vergessen habe. Unglaublich, oder!? Vor allem, wenn man bedenkt, daß die vorgenannten Gruppen wirklich regelmäßig Konzerte geben und zudem auch tourneebedingt reisen. Ein Wahnsinnspensum! Jean, die Allzweckwaffe an den Drumms, der mit Abstand meisteingesetzte Trommler von Paris! Heute nun also mit Cocosuma am Start und auch bei diesem Konzert machte er mächtig Druck. Während andere Schlagzeuger oft vorbildlich mit geradem Oberkörper ihr Instrument bedienen, spielte er regelmäßig mit vollem Körpereinsatz und rudert mit dem Rücken und den Armen wie ein Wilder. Wie er es schafft, diese Dauerbelastung auszuhalten, ist mir ein Rätsel, aber anscheinend spielt da sein Körper problemlos mit...

Nun zur Stammband selbst: diese besteht aus den beiden Gründungsmitgliedern Michelle (Bass) und Chab (Gitarre) und seit ihrem aktuellen vierten Album We'll Drive Home Backwards auch der blonden Engländerin Amanda, die die vorherige Sängerin Kacey ersetzte.

Kacey selbst kannte ich nicht, aber beim Blick auf die unglaublich charmante und schnucklige Amanda, war mir dies auch ziemlich egal! Was für eine Zuckerschnecke! Und dazu dann noch diese süße, kindliche Stimme, wahrlich ein Frontalangriff auf einen Burschen wie mich, der sich innerhalb von ein paar Sekunden zumindest für die Dauer eines Konzertes in eine Künstlerin verknallen kann! Bei Last Fm wird behauptet, daß sich Amanda stimmlich wie Land Of Talk oder Metric anhöre, aber ich persönlich dachte hinsichtlich des Gesangs vor allem an die Tante von den schwedischen Cardigans. Wie auch immer, Amanda klang jedenfalls gut!

Und auch die indiepoppigen Lieder des Trios wussten meistens zu gefallen. The Servant beispielsweise, ein Song von dem 2005 er Machwerk Reindeer Show The Way, bestach durch seine zarte Melancholie, die man so ähnlich von Stereolab her kennt. Ältere Lieder wie dieses, bildeten aber eine seltene Ausnahme im Set, der Hauptschwerpunkt wurde auf neue Sachen von We'll Drive Home Backwards gelegt. Bester Titel jenes Outputs aus dem Jahre 2008 ist wohl Charlotte's On Fire, ein herrlich luftiger und beschwingter Popsong, der klare Hitqualitäten hat und mir auch live auf Anhieb gefiel. Bei solchen Knüllern wundert man sich, warum Cocosuma eigentlich international noch nicht bekannter sind und nicht auch außerhalb Frankreichs für Schlagzeilen sorgen. Allerdings scheinen auch deutsche Indie-Fans so langsam von Cocosuma Notiz zu nehmen, denn die Band hat gerade erst im vergangenen Dezember sechs Konzerte in Deutschland absolviert, darunter Gigs im Grünen Jäger in Hamburg und im Intersoup in Berlin. Es läuft also zur Zeit recht gut für die zwei bärtigen Männer und die eine blonde Frau und wenn es im Set nicht den ein oder anderen Hänger gegeben hätte, würde ich sogar noch einen Tick mehr von Cocosuma schwärmen. Aber auch so konnte ich unter dem Strich ein ansprechendes und gefälliges Konzert verbuchen, das am Ende noch ein wahres Glanzlicht zu bieten hatte: In einer wirklich tollen Coverversion wurde The Model von Kraftwerk noch einmal aufgewärmt und alleine für diese spitzenmäßige Neuinterpretation des Hits der kultigen Düsseldorfer Elektropioniere hatte es sich gelohnt, hier und heute mit dabei zu sein!...

Setlist Cocosuma, La Maroquinerie, Paris:

01: Twilight Zone
02: The Servant
03: My My My
04: Polly (Has My Disease)
05: Athletes!
06: Broken Glass
07: Charlotte's On Fire
08: Must Try Harder
09: The Model (Kraftwerk)
10: Minefield


Austine, Steeple Remove und Cocosuma waren allesamt gut und sehenswert, aber insgeheim sehnte ich doch den baldigen Auftritt meiner Lieblingsband Syd Matters herbei. Ich mußte bis kurz nach 23 Uhr warten, bis meine Helden endlich loslegten. Wurde aber auch wirklich höchste Zeit, länger hätte man mich nämlich nicht mehr auf die Folter spannen dürfen! Zunächts gab es noch gewisse technische Probleme auszuräumen, aber dann war alles für das große Finale angereichtet, hurra!

Gestartet wurde mit Filmmusik. Das Stück Heartbeat Detector befindet sich auf dem komplett von Syd Matters geschriebenen Soundtrack des Filmes La Question Humaine. Es handelt sich um eine traumhafte Ballade mit wunderschönen Chorgesängen und reduziertem Gitarrenspiel. Ein kurzer Song, den die Pariser gerne verwenden, um ihre Konzerte stimmungsvoll einzuleiten. Auch heute diente Heartbeat Detector wieder nur als eine Art Intro, denn schon nach wenigen Minuten mischte sich die herrliche Gitarrenmelodie von Everything Else, der Singleauskopplung vom aktuelen Album Ghost Days in die Klänge des Openers. Ein paar junge Mädchen in meiner Nachbarschaft seufzten vor Freude laut auf und auch mir wurde schnell ganz warm ums Herz! Desöfteren schon habe ich mich gefragt, wie die Franzosen es schaffen, solche himmlischen Lieder aus dem Ärmel zu schütteln. Immer wenn ich Everything Else höre, fühle ich mich schwerlos, fange fast an zu fliegen. Ein hypnotischer Zustand, der alle Sorgen und Schmerzen kurzfristig vergesen lässt und dafür sorgt, daß ich mich wie ein frisch gewickeltes Baby fühle. Ein fast überirdisch schönes Lied, bei dem ich mich immer zusammenreißen muß, nicht wie ein kleiner Junge loszuheulen! "I remember I cried a lot, for all the things you said"besagt der Text an einer Stelle und immer wenn ich diese höre, rast mein Herz wie verrückt...

Auch bei folgenden Cloudflakes ist mein Puls erhöht und ich gebe mich ganz dem melancholischen Spiel der Franzosen hin, das sie gekonnt mit psychedelischen Elementen würzen. Auf der CD ist der Song durchgängig ruhig, live entwickelt er aber in der zweiten Hälfte eine unglaubliche Wucht und Dramatik, die man nur schwer erahnen kann, wenn man Syd Matters noch nie auf einer Konzertbühne gesehen hat.

Cloudflakes kam für eine Singleauskopplung in Frage, aber letzten Endes kam es nicht zu diesem Relase, weil es schwierig ist, solch ein filigranes Stück im kommerziellen Radio unterzubringen. Massenkomptabiler -ohne dadurch scheiße zu werden - war hingegen der Klassiker To All Of You vom Album Someday We Will Foresee Obstacles .Er wurde sogar wegen seines Textes (" I wish I had american girlfriends) in Amerika recht bekannt und diente in der Serie OC California als Hintergrundberieselung. Amüsanterwesie ist das Stück aber ironisch gemeint, wenn Jonathan textlich von den Amerikanerinnen "schwärmt" - "American girls like dollies, with shiny smiles and plastic bodies" - ist das natürlich als Seitenhieb auf die dortige Schönheitsindustrie zu sehen und kritisiert, daß sich Frauen in den Staaten die Zähne bleichen und die Brüste operieren lassen. Bei einem Auftritt beim Festival SXSW im texanischen Austin klopften ihm aber viele Amis hinterher für den Song auf die Schulter, frei nach dem Motto: "Toll, daß diese Franzosen so von unseren Frauen schwärmen!"...

An einer Stelle schwärmte Jonathan allerdings seinerseits für Amerika, denn er wandelte den Text von To All Of You spontan ab und ersetzte "girlfriend" einfach durch "president" - I"wish I had an american president." Nicht jeder in der Maroquinerie hatte das mitbekommen, aber angesichts des Obama- Fiebers in Frankreich und der harschen Kritik der kunstschaffenden Franzosen an ihrem Präsidenten Sarkozy hätte ihm wohl kaum jemand widersprochen.

Das Ende des kurzen Sets dann noch einmal deutlich rockiger als der Beginn. Mit Anytime Now und Me and My Horses hatte man sich für die schmissigsten Albentitel entschieden und durch Handclaps und Fingerschnipsen brachten die Bandmitglieder auch das Publikum zum Mitmachen. Langsam aber sicher hatte sich eine ausgelassene Partystimmung aufgebaut, die dadurch auf den Gipfel getreiben wurde, daß sämtliche Künstler des Labels 3rds side records jetzt auf die Bühne stürmten. Luftschlangen wurden ins Publikum gefeuert und auf den Gesichtern aller Beteiligten breitete sich allerbeste Laune aus. Geschmettert wurde der alte Buffalo Springfield Klassiker For What It's Worth un den Refrain kannte irgendwie jeder hier.

Leider war damit dann auch schon Schluß, denn obwohl die Band noch einmal aus der Kabine geklatscht wurde, gab es statt eines eigenen Titels nur noch das Summen von "Bon Anniversaire".

Alles in allem eine sehr gelungene Zweitagesveranstaltung. Lange lebe das Label 3rd side records!

Setlist Syd Matters, La Maroquinerie, Anniversaire 3rd side records:

01: Heartbeat Detector
02: Everything Else
03: Cloudflakes
04: It's A Nickname
05: To All Of You
06: Anytime Now
07: Me And My Horses
08: For What It's Worth (Buffalo Springfield Cover)

Links:

- Syd Matters Everything Else in einer äuerst charmanten Wohnungssession
- Syd Matters Heartbeat Detector live, traumhaft!
- Syd Matters, Anytime Now live @ For Noise Festival, Auguts 2008
- Cocosuma- Videoclip Charlotte's On Fire
- Steeple Remove- Videclip Love Machine




 

Konzerttagebuch © 2010

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