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um
09:18
Konzert: Mister & Mississippi
Ort: Marienplatz in Stuttgart
Datum: 3. Juli (erster Tag des Marienplatzfestes)
Dauer: 45 min
Zuschauer: einige hundert
Auf Stadtteilfesten ist es ja in der Regel wie bei der Kirmes auf dem Dorf: Es wird Musik geboten, die "allen" gefällt und damit für mich zum weglaufen ist. Am Stuttgarter Marienplatz wird gerade 4 Tage lang gefeiert und die Musikauswahl ist attraktiv genug, dass ich mich von Karlsruhe auf den Weg dorthin gemacht habe und bedaure, dass ich am Wochenende nicht noch öfter dort sein kann.
Aber am Donnerstag, dem ersten Tag, passte es noch in meinen Terminplan, wenigstens die ersten beiden Konzerte mit zu erleben. Konkret waren es Mister & Mississippi, die schon am Mittwoch im Café Galao zu Gast gewesen waren und nun am Donnerstag das Fest gewiss in gewohnt enthusiasmierender Art und Weise eröffnen würden. Anschließend stand die (franko-)kanadische Band Caracol auf dem Programm.
Als das Set von Mister & Mississippi begann, hatten sich nur ein paar Dutzend Hörer eingefunden, aber das änderte sich noch in den ersten Minuten. Danach war der Platz vor der Bühne gut gefüllt mit fröhlichen Menschen, die sich über das grandiose Wetter freuten und die einladende Aufmachung des sonst etwas leeren Platzes zu schätzen wussten.
Hier passte die Musik der niederländischen Gäste wirklich hervorragend. Es wurde nicht gespart. Mit insgesamt zehn Gitarren und einem Bass für Tom Broshuis und Danny van Tiggele, vier Tasteninstrumenten, Xylophon und extra Becken für Maxime Barlag und Drums für Lemuël Jacobs wurden die leisen wie die lauten Register gezogen. Das Set begann und endete wie in Bonn mit Shape shifter bzw. Northern Sky, wobei die Stadiontaugliche Reprise den Leuten vor der Bühne ordentlich einheizte.
Im Publikum gab es sicher viele, die die Band von ihrem Auftritt im Februar im gleichen Viertel kannten, oder sie gern kennengelernt hätten. Damals war die Kirche, wo das Konzert stattfand, so überfüllt, dass nicht alle hereingelassen werden konnten. Aber auch die Herzen aller, die zum ersten Mal mit den Songs konfrontiert waren, wurden im Sturm genommen. Es wurde von vorn bis hinten ordentlich abgefeiert und mitgegangen.
Deshalb hatte die Band anschließend am Infostand noch gut zu tun und viele CDs und Platten zu verkaufen. Immer wieder mal hörten sie: Ich wollte Euch ja in der Kirche schon sehen und stand dann davor...
Setlist:
01: Shape Shifter
02: Gloom
03: Happy
04: Same Room, different house
05: In between
06: Where the wild
07: We only part
08: Follow the sun
09: Northern Sky
Aus unserem Archiv:
Mister & Mississippi, Bonn (Crossroads Festival), 27.03.14
Mister & Mississippi, Karlsruhe, 22.09.13
Mitschnitt des Rockpalasts vom Crossroads Festival
Mehr Bilder:
um
11:01
Konzert: Kev Fox & The Last Dance
Ort: Marienplatz, Stuttgart (Marienplatzfest)
Zuschauer: einige hundert
Datum: 07.07.2013
Dauer: etwa 70 Minuten
Dass europäische Bands in der Hoffnung auf Erfolg nach England gehen, ist seit Jahrzehnten nichts Ungewöhnliches. Wenn jedoch ein talentierter Singer-Songwriter Middlesbrough den Rücken zukehrt, um nicht nach London oder Manchester, sondern nach Tuczno, einem 2000 Einwohner Städtchen in Hinterpommern, inmitten der polnischen Provinz zu ziehen, ist das zumindest überraschend.
Der Singer-Songwriter, der sich Kev Fox nennt, hat genau diesen Weg hinter sich. Zusammen mit The Last Dance, seiner ortsansässigen Begleitband, veröffentlichte er im vergangenen Jahr „King For A Day“ über das polnische Indie-Label Gusstaff Records. Das düstere Coverfoto zeigt Fox als Silhouette mit Hut aus ein Fenster schauend, durch das Sonnenlicht auf ihn scheint. Unwillkürlich lässt es einen an Tom Waitts denken, dabei schlägt seine Musik andere Wege ein.
Mehrere Tausend Kilometer habe die Band hinter sich, kündigt Galao-Betreiber Reiner das Abschlusskonzert des diesjährigen Marienplatzfests an. Am Vortrag habe die Band noch in Bosnien gespielt, heute steht Kev Fox mit The Last Dance offensichtlich müde, aber voller Tatendrang auf der hübschen Bühne im Stuttgarter Süden.
Der Live-Sound ist um einiges opulenter als ich erwartet habe, war im Programmheft noch von Minimal Folk die Rede, sorgen gleich zwei Streicher und zwei Keyboarder ergänzend zu Gitarren, Bass und Schlagzeug für einen dichten Gesamteindruck.
Spontan hat es mich heute noch einmal an den Marienplatz verschlagen, zuvor lauschte ich auf der Königsstraße aus der Distanz Jazz-Diva Dee Dee Bridgwater, die im Vorprogramm von Lang Lang auf dem Schlossplatz den letzten Abend des Jazz Opens einläutet.
Kurzerhand entscheiden wir uns erneut zum Marienplatz zu fahren, wo für 21 Uhr der Auftritt von Kev Fox angekündigt ist.
Mit „Afon Ddu“ beginnen die acht Musiker um den bärtigen, Sakko tragenden Frontmann mit Hut ihr Set.
Ein skurriles Bild bietet sich vor der Bühne; pausenlos bewegt sich ein älterer Mann in Jeansjacke mit einer Akustikgitarre ohne Saiten synchron zum Set, irgendwann entledigt er sich der Jacke, Fox reicht ihm eine Flasche Bier.
Während der Herr vor der Bühne wohl glaubt, ein Pink Floyd-Konzert zu erleben, erinnert die Musik vielmehr an Damien Rice und Nick Drake als an psychedelische oder progressive Klänge.
Angenehme Folkmusik ist es, die der Singer-Songwriter mit Sonnenbrille und seine Band gekonnt zelebrieren. Neu erfunden wird hier freilich nichts, aber für einen sonnigen Sonntagabend mit guten Freunden ist das alles ein gelungener Soundtrack.
Das Publikum ist heute weit aufmerksamer als noch am Vortag bei Kat Frankie, was vermutlich auch auf den satten Bandsound zurückzuführen ist, der trotz schwächelnder Technik zustande kommt. Auf größeren Veranstaltungen kommen Bands meist besser an als Solokünstler; erst recht, wenn sie dann noch entfernte Erinnerungen an Mumford & Sons wecken. Schade eigentlich.
So schlicht und ungewöhnlich die Lieder auch sein mögen, schlecht ist keines, das The Last Dance und ihr Frontmann heute servieren. „Winter“, „The Hit List“, „Pirates“, mir sagt das alles zu, der Popappeal ist immens, mit dem richtigen Marketing und einer starken Plattenfirma im Hintergrund könnte der Mann ein Star werden, ist gefälliger Folkpop doch seit Mitte der 00er Jahre wieder en vogue und sogar kommerziell erfolgreich.

Rau gehauchte Zeilen aus dem englischen Arbeitsalltag, von unerfüllter Liebe und traurigem Leben gehen eigentlich immer. Seine blonde Cellistin unterstreicht mit melancholischen Streicherspiel die Zeilen, das Schlagzeugspiel fällt angenehm reduziert aus, während der Leadgitarrist ein solider Handwerker ist, dem es gelingt sich gegen die Soundeffekte der beiden Keyboards mit nonchalantem Spiel hervorzutun.
Der Schwermut hält an, pünktlich um zehn verlässt die Band die Bühne, die Nachtruhe muss wohl eingehalten werden, was die englisch-polnische Formation nicht daran hindert, sich am vorderen Bühnenrand niederzulassen, um noch ein paar Stücke unplugged zu spielen. Die vorderen Reihen sind begeistert, der Rest hört nichts; die Band nimmt den Ausdruckstänzer mit der kaputten Akustikgitarre in ihre Mitte, es gibt Szenenapplaus, bevor nach Kev Fox das diesjährige Marienplatzfest würdig zu Ende geht.
Kurz darauf erscheint Schauspieler und Stuttgart 21 Gegner Walter Sittler, der um die Ecke wohnt, gibt Autogramme und unterhält sich mit Besuchern.
Stuttgart ist gar nicht so schlimm, wie viele denken, im Gegenteil, ich fühle mich hier nach knapp zwei Jahren absolut wohl. Was das kulturelle Angebot angeht, können nur wenige deutsche Städte mithalten.
um
20:26
Konzert: Kat Frankie
Ort: Marienplatz, Stuttgart (Marienplatzfest)
Zuschauer: einige hundert
Datum: 06.07.2013
Dauer: 62 Minuten
Wäre ich Kat Frankie, hätte ich dieses Konzert aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu Ende gespielt. Spätestens der zerplatzende Luftballon fast direkt vor dem Gesicht hätte mir den Rest gegeben und die Spielfreude vollends in Luft aufgelöst, nachdem es bereits die Technik nicht gut meinte.
Ja, Kat Frankie, 34-jährige Wahlberlinerin, hat es bei einsetzender Dämmerung nicht leicht auf dem Marienplatzfest im Stuttgarter Süden. Das Publikum ist hip, hipper als sonst irgendwo in Stuttgart, wendet aber leider nicht das selbe Maß an Aufmerksamkeit für die Künstlerin wie für das richtige Zurschaustellen der tätowierten Schwalben am Hals auf.
Trotzdem wollen viele Kat Frankie sehen, die mit Keyboards, Akustikgitarre und Loop-Station gegen massive technische Probleme ansingt.
Reiner Bocka vom Café Galao um die Ecke hat ein tolles Line-Up für das viertägige Szenestadtteilfest auf die Beine gestellt - kein Wunder gelingt es ihm doch Woche für Woche zwei kostenlose Konzerte in seinem Laden zu veranstalten.
Als namhafte Konstante der unabhängigen Berliner Musikwelt ist die Australierin, die Sydney vor etwa neun Jahren den Rücken zukehrte, ein würdiger Abschluss für den vorletzten Abend des Fests. Abendsonnenschein taucht den gut besuchten Marienplatz in angenehm warmes, sattes Licht, auf dem Bühnenrand vor Kat Frankie sitzen zahlreiche Kinder; es ist einer ihrer Luftballons, der schließlich vor dem Gesicht platzte.
Schon zu Beginn erkennt man die Souveränität Frankies in bunt gesprenkelter Bluse; „Blameless“, ihr erstes Stück wird bereits von einem scheppernden Sound empfindlich gestört, aber man darf auf einem öffentlichen Fest auch kein High-End-Konzert erwarten.
Ich versuche mich mit dem miesen Klang abzufinden, doch auch Kat Frankie weist immer wieder den Tontechniker auf Missstände hin.
Mit zunehmender Konzertdauer gewinnt sie nach und nach die Überhand und die störenden Rahmenbedingungen treten in den Hintergrund; die Gespräche verstummen, das Publikum wird aufmerksamer. Ein schönes Fest hat er da, der vornehme Stuttgarter Süden, der Prenzlauer Berg Schwabens, das in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindet.
Ich behaupte schon im Vorfeld, obwohl ich Kat Frankie heute zum ersten Mal sehe, dass nur ganz wenige andere Musiker in Deutschland besser mit Loop-Stationen umgehen können. Sie ist die Loop-Queen dieses Landes, umso erfreulicher war ihre Beteiligung am letzten Tim Neuhaus-Album, der so etwas wie ihr männliches Pendant in dieser Hinsicht ist.
Wie famos es ihr gelingt aus Klatschen, Klopfen, eingesungenen Zeilen und Tönen ein erhabenenes Klanggewebe zu erzeugen, zeigt sich überaus deutlich bei „Please Don't Give Me What I Want“, ihrem dritten Lied auf dem Marienplatz.
Eine Stimmungskanone ist die Australierin sicherlich nicht und das ist auch gut so, dennoch wünsche ich mir, dass doch noch weitaus größere Teile des Publikums zuhören würden. Der Rahmen ist schwierig für ruhige Musiker, umso schöner, dass es Kat Frankie ohne Begleitband gelingt ein souveränes Set zu spielen.
Ihre Ansagen wechseln zwischen Deutsch und Englisch hin und her, immer wieder offenbart ihr Lächeln aparte Grübchen an den Mundwinkeln und Wangen. Die Haare sind länger geworden, „sie hat sich richtig hübsch gemacht“, meint meine Freundin, die Kat Frankie wenige Wochen zuvor beim Maifeld Derby in Mannheim sah. Ein Bekannter und ich bejahen.
„Not myself“ gefällt mir gut. „Es ist mein einziges Liebeslied“, merkt die Protagonistin an. Verspielt ist es, ein passenderes Wort fällt mir nicht ein. Ein entspannter Popsong mit einer gewissen Portion Jack-Johnson-Appeal – und das meine ich in diesem Kontext gar nicht negativ. Fast schon offensiv fröhlich ist das Lied verglichen mit den meisten anderen Songs Frankies, die in der Regel graue Übungen in sanfter Melancholie sind. Es ist der Moment, an dem die Stimmung spürbar besser wird, die Zuschauer aufmerksamer scheinen; kein Wunder an einem lauen Sommerabend.
Besser als in „The Wild One“ ist es selbst der Loop-Queen wohl nie gelungen diese stimmig einzusetzen. Wieder nähern sich die technischen Bedingungen dem Zustand eines Totalausfalls an, die 34-jährige zeigt sich zwei Tage vor ihrem 35. Geburtstag weiterhin ziemlich unbeindruckt von allen Problemen, zumindest lässt sie sich keinen Groll anmerken.
Der Folkbackground der Sängerin ist allgegenwärtig; Paul Simon ist immer wieder präsent. Doch ist Kat Frankie auch ein chick with attitude, wie man so schön sagt; eine selbstsichere souveräne Künstlerin mit klarem Konzept, eine Musikerin in der Tradition von Björk, einer PJ Harvey oder Sophie Hunger.
Dezent gelingt es ihr in „Frauen verlassen“ einen englischen Song immer wieder mit deutschen Worten und Satzfetzen zu unterlegen, das Zusammenspiel passt hier.
Ein Lied schrieb Kat Frankie bisher komplett in deutscher Sprache, „Der Ertrag“, ein sperriges Stück Popmusik, das mir nicht ganz behagt; in Stuttgart quittiert der bislang größte Applaus des Abends dennoch die Qualität.
Als TV Noir Stammgast baute sie sich ein landesweites Publikum auf, „Too Young“, das wohl populärste Stück, wurde von TV Noir in angemessen schlichter Ästhetik aufgenommen. Auf dem Marienplatz verabschiedet sich Kat Frankie damit.
Der Funke springt endgültig über, die Zuschauer applaudieren lautstark, Frankie verneigt sich unaufdringlich.
Ein Annie Lennox – Cover gibt es als Zugabe; „Walking On Broken Glass“ wird in seine Bestandteile zerlegt und überraschend schlicht erneut zusammengesetzt. Originell ist ihre Interpretation, anfangs gefällt sie außerordentlich gut, gegen Ende kippt mein Empfinden. Das allerdings nicht im Hinblick auf das gesamte Konzert, das nämlich war an den technischen Umständen gemessen ausgesprochen gelungen. Gut, dass Kat Frankie nicht wie ich ist, gut, dass sie das Konzert 62 Minuten lang durchgezogen hat.
Im Oktober geht sie wieder auf eine ausgedehnte Clubtour und wird auch im Stuttgarter Schocken auftreten, auf das Clubkonzert der melancholischen Königin der Loop-Stationen freue ich mich wirklich.
Setlist, Kat Frankie, Stuttgart:
01: Blameless
02: The Tops
03: Please Don't Give Me What I Want
04: "Depressing ballad of being drunk" (?)
05: Not Myself
06: The Wild One
07: Frauen verlassen
08: Der Ertrag
09: Love Me
10: (?)
11: Too Young
12: Walking On Broken Glass (Annie Lennox - Cover) (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Kat Frankie, Karlsruhe, 25.01.2013
Tourdaten, Kat Frankie:
20.08.2013 Jena, Kulturarena
07.09.2013 Chemnitz, Marianne Brandt Wettbewerb
15.10.2013 Berlin, Volksbühne
17.10.2013 München, Feierwerk
18.10.2013 Augsburg, Beim weißen Lamm
19.10.2013 Stuttgart, Club Schocken
21.10.2013 Bochum, Bahnhof Langendreer
22.10.2013 Hamburg, Kampnagel
23.10.2013 Hannover, Café Glockensee
24.10.2013 Frankfurt, Brotfabrik
25.10.2013 Altdorf, Auditorium