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Donnerstag, 5. August 2021

Heimspiel Knyphausen, Eltville-Erbach, 29.07. - 01.08.21

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Festival: Heimspiel Knyphausen 2021
Ort: Draiser Hof, Eltville-Erbach
Datum: 29.07. - 01.08.2021
Zuschauer: 300 bis 500





Alles auf Anfang! Alles Neu!
- von Denis Schinner - 

Vier Tage. Zwei Bands je Tag. Maximal 500 Besucher. Alle sitzen. Wo soll dass alles noch ein Festivalfeeling entwickeln lassen? Und doch stellt sich (Vor)Freude ein. Bilder vom Aufbau der, zugegebenermaßen recht klein wirkenden, Bühne, das LineUp wird Spaß machen, freies und nicht vorzubestellendes Catering, ein kleines Rahmenprogramm und Wein, Wein, Wein…Irgendwie doch vieles wie früher. Ein kurzer Plausch mit Frederick, Benjamin, Stefan und Anna über die Vorbereitungen und ein paar Eckdaten. Es ist nicht ausverkauft. Für Donnerstag und Sonntag ist noch die Abendkasse geöffnet. Sicherlich ein Resultat der coronabedingten Umstellungen. Die Leute werden sich erst langsam wieder auf Menschenansammlungen einlassen können. Das Heimspiel dauert dieses Jahr vier Tage und Kinder zahlen erstmals den vollen Preis, aufgrund der Vorgaben des Gesundheitsamtes. Denn jede Person zählt. Das hat alles Konsequenzen. Aber die Branche muss starten und jedes wiedererwachende Festival versprüht Hoffnung, auch für diejenigen Macher und Organisatoren, die aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht wieder starten können oder dürfen. 

Tag 1 - Es startet noch entspannter als erwartet. Am Donnerstag waren nur ca. 300 Besucher über den VVK auf dem Gelände. Feste Platzierungen über markierte Tische und Bänke mit ausreichend Abstand sollen die Einhaltung der aktuell in Hessen geltenden Coronaregeln mit absichern. Dazu komplette Registrierung aller vor Ort. Nichts was störend wirkt. Nein, absolut nicht. Die Organisatoren vor Ort haben ganz Arbeit geleistet um ein möglichst unbeschwertes Festivalerleben möglich zu machen. Hut ab! 



Stefanie Shrnk
- dunkelschöner Sound mit Texten voller Schwermut…allein sein ist auch blöd aber zusammen fällt irgendwie auch noch schwer… Und wenn es dann doch noch möglich ist, sich auf der ohnehin kleinen Bühne sich nochmal zu verdichten, dann spricht das für, Ja wofür eigentlich? Der Sound und die Textur passten doch sehr zum Auftakt. Irgendwie tastend, irgendwie unsicher, irgendwie etwas wankelmütig. Steine im Schuh, schmerzende Knie, Wimpern im Auge - wann kommt der Flow zurück? Spucky Action und die Katze von Jesus… manchmal etwas verwirrende Texte, man muss dran bleiben im zu folgen. Geht sitzend fast gut. Zur Zugabe ergänzt endlich eine Gitarre den Sound und es wird leichter und heller. Die Überleitung zum Hauptact des 1. Tages, die Höchste Eisenbahn, mit denen Stefanie vor zwei Jahren zusammen noch auf Tour waren, gelingt nun doch unproblematisch. 



Die Höchste Eisenbahn - Die sommerlichen Festivalgefühle steigern sich beinahe ins fahrlässig Unermessliche, als das Kollektiv anspielt. Abstände verschwimmen kurzzeitig, die Masken fallen und pure Gesichtsnacktheit offenbart sich bei dieser absolut unterbewerten Band! Der ein oder andere spielerische Patzer wird selbstkritisch zwinkernd aufs Homeoffice geschoben. Aber die Kapelle feiert sich und den Abend und alle feiern mit! Erlösend! 

Tag 2 - der Tag startet tiefenentspannt auf der Campingwiese am Weingut. Noch keine 10 Mobile sind am Morgen vor Ort. Kein Gedränge an der Dusche. Alle gechillt! Also ein wenig den Rhein auf und ab. Irgendwo auf einen leichten Riesling einkehren und es sich gut gehen lasse. Auf dem Weg zur 16:00 Uhr Weinprobe dann noch ein bisschen Soundcheck von Gisbert & Kai lauschen und dabei feststellen, dass just auch Texte von Schubert eingespielt werden, die früher mal in der Schule zelebriert wurden. Dejavue quasi… 

Die kleine aber feine Weinprobe führt über vier Stationen mit vier Weinen durch die Geschichte des Gutes und des produzierten Weines. Zweimal an dem Wochenende führt die Weinprobe einen kleinen Kreis von Interessierten an Reben, Trauben, Kessel und Tank, Gährung und Reife heran. Diese netten kleinen Rahmenprogrammpubkte haben sich in all den Jahren des Heimspiels bewährt und wären unter normalen Umständen sicherlich üppiger ausgefallen. So aber - Lieben Dank an Stefan für die Führung und an Eila für die kunstvolle Öffnung der Flaschen! 

Die nun schon erprobte Platzzuordnung schafft weitere Entspanntheit. Des Deutschen liebste Beschäftigung im Urlaub, das Ausbreiten von Handtüchern auf Plätzen, Liegen oder Picknickdecken entfällt hier gänzlich. Alle 500 Besucher:innen (ausverkauft) schlendern entspannt durch die Reihen und suchen ihre gebuchten Tischnummern… 



Ole - Ich wünsche Dir alles Gute und viele Tage am Meer! Was braucht es mehr? Außer vielleicht ein Piano und einen Oli Schulz, der das Tape rauskramt und Gisbert nahe ans Ohr legt. Ein wunderbares leises, lautes, vor allem tiefes Konzert zum Mitlauschen und um dem Rauschen des Meeres hinterherzuhören. Danke! 



Gisbert zu Knyphausen & Kai Schuhmacher - das Schubert Programm, entstanden nach einer Anfrage vo Kai vor rund zwei Jahren, passte sicherlich in die Zeit. Himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt. So lässt sich sicherlich die Romantik treffend zusammenfassen. Opulent im Wort und mit dem Arrangement auch opulent im Spiel. Das gesamte Programm, mit Flügel, Streichern, Posaune, E-Gitarre und Drums begleitet, zeichnet das ständige Auf- und Ab zu Schuberts Lebzeiten und transportiert in die Neuzeit. Unterbrochen wird das Set durch etliche bekannte Stücke von Gisbert, zu denen das Publikum Platz immer wieder verlässt und tanzen möchte. Und so reagiert auch das Publikum entsprechend. Mal jauchzend - mal (zu Tode) betrübt. Mal sitzend - mal tanzend! Und man fragt sich, ob der Abend nicht doch noch mehr Leichtigkeit gebraucht hätte. 

Tag 3 - Seepferdchenprüfung. Auf ins Freibad! Bis zum Abend mit erneut 500 Besucher:innen ist viel Zeit und somit erreicht das Entspannungslevel ungekannte Tiefen. Überhaupt entwickelt sich dieses Festival zum entspanntestes Festival ever! 



Ätna - nach deren krankheitsbedingter Absage, wir waren wirklich untröstlich 😢, schickte sich mit Finn Ronsdorf einer an, die Festivalherzen zu erobern, den bislang nur Kenner oder Besucher des letzten ENES kennen mochten. Stimmlich herausragend, eröffnete er dem Publikum 45 Minuten zwischen Staunen, Schmunzeln und absoluter Gebanntheit. Sicherlich viel mehr als nur ein Ersatz!
 


Sophie Hunger - wie gewohnt mehrsprachig zieht die Schweizerin Ihr Publikum vom ersten Akkord an in Ihren Bann. Das neue Album Halluzinationen spielt sie in der Aufnahmebesetzung mit ihr an der Gitarre, Julian Satorius an den Drums, dazu Piano, Horn und fünf Sänger:innen um Marc Beriybill (Cliffs) im Back - der Zauberchor, am Stück und leitet zum Schluss mit dem Codewort „HOPE“ über in die Realität der Neuzeit. Sie schlägt sofort eine Brücke zu jedem, zu jeder Einzelnen im Publikum und genießt dabei die Präsenz. Nichts wird dem Zufall überlassen, neben dem obligatorischen Gitarrenwechsel, werden selbst die Becken an den Drums getauscht um andere Klangfarben erzeugen zu können, sprachlicher Wechsel, mal zart, mal wild und abrupt. Die Backupsingers mal ausgestellt, mal im Vordergrund wenn sich Sophie ans Piano setzt und die Sicht freigibt. 



Der Abend klingt aus mit einer wunderschönen Playlist, tönend aus einer vermeintlich herren-, oder damenlosen Tasche auf einer Weinzeltgarnitur. Es wird (mit Abstand) getanzt und da ist es wieder, das Gefühl der Leichtigkeit und des zu Hause seins. Danke den/derunbekannten Playlistersteller:in! 

Tag 4 - Nun doch etwas geschafft von den vorangegangenen Tagen, glücklicherweise ohne Ausfälle, was durchaus mit der Qualität der probierten Weine zu tun haben dürfte, geht es auf die Zielgeraden. Shopping in der Vinothek, noch ein Café in der Strandbar und ein wenig Soundchecklauscherei bei den wunderbaren Black Sea Dahu. WoMo abfahrbereit richten und auf zum legendären Tisch 32 mit neu gewonnen Musikfreunden aus Magdeburg und Darmstadt. Die feste Zuordnung der Tische und Plätze hätte auch ins Auge gehen können. Danke an Stefanie & Matthias, Petruna & Hanno, Helena oder Michael für die sehr kurzweilige Zeit und den gemeinsamen Spaß! 



Lúisa - feinster Indiepop aus Hamburg. Bereits das zweite Mal nach 2017 beim Heimspiel, damals noch solo, heute von Matze am Bass und Lasse an den Drums unterstützt. Lieder vom Kommen, Bleiben und Gehen. Mal als Chanson getarnt, mal kraftvoll tanzbar. Schöööön! 


Black Sea Dahu - Mein ganz persönliches Finale. Die Züricher Band um die drei Geschwister liefern seit Jahren wirklich, wirklich grandiose Konzerte ab. Dabei nehmen sie die Zuhören mit in ungeahnte Tiefen und tauchen mit ihnen ganz ein in das komplette Gefühlsspektrum. Das Ganze wird sorgfältig und dicht arrangiert mit einem hörbaren Verständnis für das Ganze. Die Zugaben beziehen alle mit ein. Die Bühne wird ins Dunkel gelegt, eine Passage mit dem Publikum wird eingeübt und die Band und die Musik verschmelzen mit dem gesamten Festival. Eine weitere Zugabe wird ohne Probe gespielt. Dass dies möglich wird, zeigt die ganze Qualität von Black Sea Dahu. Denn der Song erscheint erst in rund zwei Monaten ;) 




Was bleibt am Ende? Mich beschleicht das Gefühl einiges gerne in die „neue“ Festivalzeit mit hinübernehmen zu wollen. Weniger Besucher, mehr Platz, Genuss und Qualität, überhaupt mehr Qualität bei begrenzter Quantität! Und ich bemerke bei mir eine Veränderung dahingehend, dass ich Konzertbesuche wohl zukünftig eher nach Orten wähle und nicht mehr nur ausschließlich nach den Bands. So könnten sich die Orte mit den besten Konzepten durchsetzen. Konzepte die Sicherheit und Unbeschwertheit fördern und nicht noch den letzten Euro herausholen müssen. Eben Orte wie das Weingut Baron Knyphausen! Mein Dank gilt Frederick, Benjamin, Stefan, Anna und all den nicht genannten Macher:innen dieses famosen kleinen, feinen Festivals! See you I’m nächsten Jahr! Es war wunderbar! Fühlt Euch gedrückt! Die ganze Galerie in Kürze auf www.desc-photography.com




Samstag, 15. September 2018

Haldern Pop Festival, Rees-Haldern, 11.08.18

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Samstag, traditionell der letzte Tag in Haldern. Es gilt letzte Reserven zu mobilisieren und das Ganze noch mal richtig zu geniessen.






Ich war freilich in der Früh erneut platt, schlief gewohnt lange und verpasste den stündlichen Zug von Emmerich nach Haldern um 5 ärgerliche Minuten. So musste ich den um 14 Uhr 08 nehmen und der brauchte 16 Minuten. Verflixt, zu gerne hätte ich die Niederländer Lewsberg in der Pop Bar gesehen, denn die werden als die neuen The Velvet Underground gehandelt (eine Übertreibung, selbstredend)!



Ich kam aber dennoch in den Genuss einer mir neuen Band und zwar in der Gestalt von Landlady, einer 5 köpfigen Formation aus Brooklyn mit dem Sänger Adam Schatz an der Spitze. Die Bar war wie immer gut gefüllt, aber ich kam zumindest rein und beobachtete mit Freude das Geschehen von hinten. War ungemein flott und schmissig was die Amis da boten! Ein frischer Indierock mit ein paar klassischen Einflüssen des Genres (genannt seien an dieser Stelle die Pixies) und ein paar schrägeren Vorbildern (Dirty Projektors vielleicht?). Der Sänger hatte eine markante, leicht soulige Stimme, ohne dass man den Sound der Band wirklich als Soul bezeichnen könnte.

Das Set war ganz ausgezeichnet und ideal um den letzten Festivaltag zu beginnen. Hinterher kaufte ich mir glatt eine CD von der Band, Upright Behavior von 2014, die von Pitchfork positiv aufgenommen worden war.


Danach wanderte ich vom Dorfkern zum Festivalgelände. Ein Fussmarsch den manche Schlauberger mit Fahrrädern bewältigten, weil sich der Weg ganz schön zieht. Dennoch kam ich auch per pedes pünktlich zu Protomartyr auf der Hauptbühne an. Eine Post- Punk Band aus Detroit die ich in Frankreich bereits vor ein paar Jahren live gesehen hatte, die aber laut Angaben ihres Sängers nie zuvor in Deutschland aufgetreten war. (was aber nicht stimmt, da sie bereits 2016 durch Germany getourt waren).



Pechschwarz und schleppend aggressiv ihr Sound, pennerhaft das Gehabe ihres Sänger Joe Casey. Der rothaarige Mann mit der blassen Haut eines Engländers trug in der prallen Hitze einen Anzug und wankte wie ein Clochard langsamen Schrittes mit einer Bierflasche hin und her. Manchmal steckte er die Pulle kurzzeitig sogar in seine Jackettasche!


Bedrohlich und spannungsgeladen bewegten sich die Songs nach vorne, wurden teilweise deutlich schneller, aber nicht immer.



Man dachte sofort an The Fall und Mark E. Smith, wenngleich stimmlich der Vergleich nicht passte. Mark E. Smith singt giftiger, bissiger, die Baritonstimme von Joe Casey blieb meistens ruhig.

Obwohl die Band in Deutschland noch recht unbekannt ist, hat sie schon 4 Studioalben veröffentlicht, 2018 zudem noch die EP Consolation. Hits im eigentlichen Sinne haben sie keine.



Hier in Haldern spielten sie überwiegend Stücke von Relatives in Descent und The Agent Intellect, Outputs von 2017 und 2015. Am Besten fand ich die Songs die etwas mehr Tempo und Feuer hatten wie beispielsweise Wheel of Fortune, oder das mit einem Trommelwirbel beginnende A Private Understanding, das sozialkritische Texte und brutale Gitarren miteinander verband.



Dem Publikum in Haldern gefiel der Auftritt offensichtlich, wenngleich aufgrund der recht frühen Ansetzung noch keine Extase auszumachen war.

Für mich ging es nun rüber ins Spiegeltent und stilistisch passten Love A aus Wuppertal und Köln ganz gut zu Protomartyr. Auch hier war musikalisches Thema der gute alte Post-Punk, allerdings klang das Ganze vor allem stimmlich doch anders. Allein der Klang der deutschen Sprache und das Verstehen der Texte schaffte einen anderen Bezug zu der rasant schnell gespielten Musik.

Allerdings hat es auch gewisse Nachteile wenn man die Texte versteht, dann ist man viel kritischer diesbezüglich. Ging mir bei Love A nicht anders, das war alles etwas holzschnittartig, alles etwas zu direkt und wenig subtil.

Ein zweischneidiges Schwert. Irgendwie wirkte die Band sehr sympathisch und stilistisch machen sie auch Musik mit der man mich ködern kann, aber alles war doch etwas simpel gehalten.

Als Love A durch waren, war das Konzert von Jenny Lewis auf der Hauptbühne schon in vollem Gange. Ich bekam nur noch etwa die letzten 20 Minuten mit, zu wenig um fundiert urteilen zu können, was das Set der ex-Rilo Kiley Sängerin wert war. Manche Stücke erschienen mir etwas lahm, die dynamischen Sachen konnten mich hingegen mehr überzeugen. Ein Pluspunkt aber definitiv für die schöne Cowgirltracht der Musikerin.

Etwas traurig war auch, dass ich das sicherlich wundervolle Set von Hatis Noit im Tonstudio verpasst hatte, aber bei einem Festival kann man nie alles sehen, ist eben in Haldern auch nicht anders.

White Wine aus Leipzig, die von 17 bis 17 Uhr 45 das Spiegeltent bespielten, guckte ich mir nur kurz von der Leinwand aus an, weil ich früher zu den Lemon Twigs wollte. White Wine werden von Joe Hage angeführt, einem Amerikaner der vorher schon mit Formationen wie 31 Knots oder Tu Fawning Highlights setzen konnte und seit ein paar Jahren nun mit dem Projekt White Wine zusammen mit dem Deutschen Fritz Brückner unterwegs ist. Inzwischen gibt es einen dritter Musiker. Ich mag diese Formation mit ihrer sehr speziellen, unkonventionellen Indiemusik, in Haldern konzentrierte ich mich aber auf andere.



Zum Beispiel auf die Lemon Twigs. Zwei spindeldürre Burschen mit Wespentaillen und 70er Jahre Fummel. Die beiden Brüder namens Michael und Brian d'Addario werden seit ihrem ersten Album Do Hollywood zum "grossen Ding" erklärt (oder "hochsterilisiert" wie Fussballer sagen würden) und die Euphorie wird gerade mit einem zweiten Album weiter geschürt.



Ich hatte sie in der Vergangenheit bereits live gesehen und zwar bei Rock en Seine in Paris 2017. War ein unterhaltsames, aber nicht unvergessliches Konzert. Unvergesslich wurde es auch beim Haldern Pop nicht, denn trotz einiger starker Songs sind die beiden Brüder, die auch 3 Begleitmusiker mit auf der Bühne hatten, noch nicht so routiniert, ein gleichmässig gutes Set hinzulegen. Manchmal stimmte der Rhythmus nicht so richtig, manchmal war der Gesang arg windschief. Und oft war auch die Bühnenpräsenz noch nicht optimal. Zwar beherrschen die jungen Männer alle Rockstarposen, aber die Fähigkeit ein Publikum mitzureissen, konnte man hier und heute höchstens ansatzweise erkennen.



Und es gab noch ein Problem: ich kannte die Mehrheit der Stücke nicht, denn die meisten Sachen stammten vom Neuling Go To School, ein Album, das als Rockoper (Hilfe!) bezeichnet wird und in Deutschland zum Zeitpunkt des Festivals noch gar nicht erschienen war. Wie man lesen kann geht es inhaltlich um die Geschichte eines Schimpansen...



Nach dem Ende des Konzerts der Lemon Twigs rannte ich rüber Richtung Spiegeltent zu Marlon Williams, ging jedoch nicht rein, sondern hörte und sah mir draussen das Konzert auf der Leinwand an. Marlon, der mit seiner neuseeländischen Landsfrau Aldous Harding liiert war, die letztes Jahr an gleicher Stelle auftrat, wird in Europa immer bekannter. In den nächsten Jahren hat er sicherlich das Zeug zum Headliner mittelgrosser Festivals, aber beim Haldern 2018 musste er sich mit dem Zelt begnügen. Wenn ich ehrlich bin, gefiel mir sein Auftritt in musikalischer Hinsicht nur so halb. Es war mir alles ein wenig zu bluesig-soulig, zu theatralisch, zu effektheischend. Die Stücke die überwiegend von Make Way for Love stammten, kannte ich zudem nicht richtig. Ich hatte ihn zwar 2017 live in Paris gesehen, aber davon war nicht so viel hängen geblieben. Der gutaussehende, charismatische, gross gewachsene junge Musiker spielt neben eigenen Sachen auch immer Cover, auch heuer in Haldern war das so. Dieses Mal waren das Carried Away von Barry Gibb, First Time I Ever Saw your Face von Roberta Fleck als Opener und Portrait of a Man von Screamin' Jay Hawkins als Closer.



Nach Marlon Williams ging ich rüber auf die Hauptbühne um mir ein wenig Gisbert zu Knyphausen und seine Band anzusehen. Da ich seit 16 Jahren in Paris wohne, habe ich so gut wie nie die Gelegenheit deutsche Musiker wie Gisbert live zu sehen. Wenn dann passiert das meistens in Haldern. So wie 2008, 2011 und nun eben 2018.

Ich schätze die Musik des Hessens, mag auch seine Stimme. In seiner Diskografie kenne ich mich allerdings nicht gut aus. In den Weihnachstferien 2017 habe ich allerdings in einem grossen Plattenladen in Berlin gesehen, dass er eine neue Platte namens Das Licht dieser Welt herausgebracht hat.



Positiv aufgefallen ist bei mir davon beim Haldern 2018 Unter dem hellblauen Himmel. Eine heiter- melancholische Ballade, bei der sogar das Wetter mitspielte und ... ja genau!, einen hellblauen Himmel freilegte! Lustigerweise waren Gisbert und seine komplette Band ganz in schwarz gekleidet, wie im übrigen später auch Kettcar.

Erwähnen möchte ich auch Cigarettes & Cigarettes. Diesen englischen Song spielte der Weinliebhaber sowohl auf der grossen Bühne als auch in einer charmanten Akustiksession, die man sich beim WDR angucken kann.

Als vorletztes Stück hörten wir Neues Jahr, ein wunderbar warmes und sentimentales Lied mit herrlicher Trombone in Element Of Crime Manier (oder Sophie Hunger Manier?), die die Zuschauer zum Johlen brachte. Das Finale des Liedes war sehr rockig und fulminant.



Mit viel Dampf wurde dann zum Abschluss auch noch Das Leichteste der Welt gespielt, ein Uptempo Song mit toller Melodie, witzigen Textzeilen ("jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheisse verpackt") und fetzigen Gitarren, zu dem das Publikum sehr gut mitging und tanzte. "Rock'n' Roll" waren die letzten gesungenen Worte von Gisbert und zumindest teilweise war es das Ganze musikalisch auch, wobei mir die ruhigen Momente des Sets fast am besten gefielen.


Noch energischer waren später (20 Uhr 45) King Gizzard and The Lizard Wizard auf der Hauptbühne. Kein Wunder, den sie hatten gleich zwei sich gegenüber sitzende Drummer dabei, die mächtig Dampf machten! 7 Leute auf der Bühne, darunter der Sänger mit Metallica T-Shirt beballerten das Publikum mit psychedelischen Rocksongs, die visuell mit knallbunten, hypnotischen Videos untermalt wurden.

Eine Band die weltweit klar auf dem aufsteigen Ast ist, obwohl kaum einer ihrer Diskografie folgen kann. Wieviele Alben haben die allein 2017 rausgehauen? 5! Kann so was überhaupt sein? Bei dieser Band scheint alles möglich!



Zumindest kannte ich immerhin Rattlesnake. Ihr vielleicht direktestes Stück mit kratzigen Gitarren und einem smarten Refrain. Ein Indiehit. Wir werden von der Band in den nächsten Jahren sicherlich noch einiges hören.

Konzentrieren möchte ich mich nun aber erst einmal auf das Geschehen im Mirrortent, denn dort war das Programm an jenem 11. August besonders gut.


Die Amerikanerin Phoebe Bridgers hatte ein Set von 20 Uhr bis 20 Uhr 45. Entdeckt im Vorprogramm von Bright Eyes und auch von Ryan Adams sehr gelobt, war die blonde Gitarristin bereits 2017 in Europa in kleinen Clubs unterwegs und 2018 nun also erfreulicherweise in Haldern.



Sie trat mit Band auf, zu der auch eine blonde Bassistin gehörte, die neu hinzugestossen war. Der alte Basser Christian Lee Hutson war amüsanterweise auch beim Haldern 2018 dabei, allerdings in der Band von Jenny Lewis. Da Jenny schon früher mit ihrem Set auf der Hauptbühne durch war, hatte der Basser die Zeit ein Stück a' cappella zusammen mit Phoebe anzustimmen, ein witziger Zufall, der alle zum Schmunzeln brachte.



Gelacht wurde ansonsten eher selten, denn die Stücke von Bridgers waren allesamt ziemlich düster und trieben ein paar sensiblen Zuschauern gar Tränen in die Augen (ich übertreibe nicht). Schnulzig wurde es dennoch nie, dafür sorgte schon Bridgers mit ihrer ehr trockenen, selbstironischen Art.



Interessant, dass sie mich mit ihren Sonst fesseln konnte, denn die musikalisch nicht weit entfernte Julien Baker beispielsweise ist gar nichts für mich, warum auch immer. Oft schwer zu erklären warum man eine Singer-Songwriter bewegend findend und eine andere nur seicht.

Phoebe Bridgers war auf jeden Fall überzeugend und ich hatte das Gefühl, dass fast jeder im Spiegelzelt ihrem Auftritt viel abgewinnen konnte, die gerührten Gesichter und der warme Applaus sprachen dafür.



Einen musikalisch und bühnentechnisch ganz anderen Auftritt als Phoebe legte die Australier Amyl & The Sniffers danach hin. Die blonde Frontfrau Amyl Taylor und ihre Männerband rockten im Siebziger Jahre Stil, als Gruppen wie Girl School, Blondie und Suzi Quatro angesagt waren. Auch optisch passte die Band in diese Zeit. Jeans mit Schlag und Männer mit Vokuhila Frisuren, wie seinerzeit in der deutschen Fussballnationalelf.


Aber die Masche kam bei den Leute an, schon ziemlich am Anfang des Sets crowdsurfte Amyl über die Köpfe der johlenden Menge hinweg und sang trotzdem weiter. Vom Gaspedal gingen die Aussies dann auch nicht mehr runter und am Ende tanzte das ganze Zelt mit.

Amyl ist 'ne Rampensau, aber musikalisch war es mir doch ein wenig altbacken.

Das Spiegeltent hatte an jenem Sonntag noch mehr zu bieten. Ich denke da im Besonderen an die aufstrebenden Australier Rolling Blackouts Coastal Fever.



Der Fünfer aus Melbourne performte in Haldern seinen ersten Longplayer Hope Downs, der bei dem renommierten Indie Label Sub Pob im Juni 2018 erschienen war. Ein Album voller Hits, von Anfang bis Ende.


Seit den glorreichen Go-Betweens, mit denen die Band auch oft verglichen wird, hat wohl kaum eine Formation aus Australien so viele catchy Lieder auf ein Album gepackt. Alle sind sie rasant schnell, melodienverliebt und auf den Punkt gespielt und bei dem Halderaner Publikum zündeten sie direkt.

Interessant ist, dass wir hier von einer Band sprechen, die 3 verschiedene Sänger hat. Fran Keane, Tom Russo, Joe White, all diese 3 hatten ihre eigene Vocalparts und spielten auch Gitarre und nur Drummer Marcel Aussie und Basser Joe Russo blieben stumm.


Die Zeit verging wie im Fluge, kein Wunder bei solch starken Songs wie Talking Straight und Bellarine, oder auch French Press und Sick Bug, die von der EP The French Press stammten.

Wir werden noch viel von den Aussies hören, dessen bin ich mir sicher. Und in Haldern sehen wir sie höchstvermutlich in den nächsten Jahren auf der Hauptbühne wieder.



Inzwischen war es in Haldern bereits nach 23 Uhr. Das Festival neigte sich bereits wieder dem Ende zu, aber Kettcar hatten noch einen attraktiven Slot und nutzen diesen auch, um das Publikum zu begeistern. Kettcar sind ja so eine Band, die jeder sympathisch findet, weil sie keine Allüren haben und bodenständig wirken und man nahm es ihnen sofort ab, dass das Haldern Pop für sie dieses Jahr eine Priorität im Terminkalender war. Sänger Marcus Wiebusch lobte die Veranstalter und das fachkundige Publikum und sagte in Anlehnung an den Spruch von Frank Sinatra gar: "wer es in Haldern schafft, schafft es überall".



Witziger fand ich allerdings noch, dass er uns eine Anekdote von seinem Jugendschwarm Karen Schulz erzählte, die damals als Marcus 17 war, beim Tennisturnier am Hamburger Rothenbaum jobte. Marcus war verknallt in das Mädel, doch Karen liess sich zu Marcus riesiger Enttäuschung zu Boris Becker auf sein Hotelzimmer einladen, was Marcus rückblickend mit den trockenen Worten kommentierte: "hätte sie mal mich genommen, keine Schulden, ausgeglichenes Konto, hätte sie alles haben können!"

Liedertechnisch gab es einen bunten Mix aus Stücken vom letzten Album Ich vs. Wir und alten Klassikern wie Deiche und Landungsbrücken raus und das Ganze gefiel mir richtig gut. Ich genoss es mal qualitativ gute deutsche Musik live zu hören, eine Sache die mir in Paris nie möglich ist.

Die Ehre, den letzten Festivaltag auf der Hauptbühne zu beschliessen, hatte eine englische Band, die Sleaford Mods.



Auf die hatte ich ich riesig gefreut, obwohl ich sie in Frankreich schon ein paar Mal gesehen hatte und zusätzlich auch noch auf dem wundervollen Green Man Festival in Wales.



Diejenigen, die in Haldern das Glück hatten, die Working class heroes" aus Nottingham, also Jason Williamson (Gesang) und Andrew Fearn (Keyboards), zum ersten Mal live zu erleben, waren schnell aus dem Häuschen und konnten sich oft vor Lachen nicht mehr einkriegen! Jason lief wie ein Gockel über die Bühne, hielt sich gekrümmt und kratzte sich am Sack (wirklich jetzt), während Andrew kappetragend nur rumstand und Bier aus der Flasche soff. Jason schrie wie ein gequältes Ferkel, hatte im Nu einen knallroten Kopf und lief immer im Kreis, während Andrew hinten immer nur ein wenig mitwippte.  Bissige, zynische Texte über das Leben der britischen Fabrikarbeiter wurden fast rappenderweise vorgetragen, aber die Sleaford Mods kamen nie moralisierend und belehrend rüber, weil sie "keinen Bock haben wie Bono zu werden" (so Williamson in einem Interview).

Musikalisch erinnerte das Ganze oft an Mark E. Smith und The Fall, an seinen nörgeligen Gesang, seine genervte Attitüde und seinen minimalistischen Post Punk, wobei die Sleaford Mods vergleichsweise elektronischer sind und nicht als Gitarrenband zählen können.

Obwohl noch nicht ewig lange auf grösseren Bühnen unterwegs, ist die recht "neue" (oder besser vom Mainstream neu entdeckte) Band in einer auf Jugend getrimmten Musikszene steinalt. Williamson ist Jahrgang 1970, während ein Alex Turner von den Arctic Monkeys 1986 geboren wurde und mit seiner Gruppe schon seit 2005 bekannt ist. Aber sicherlich führt gerade diese Reife dazu, dass die Nottinghamer die nötige Distanz zur Szene haben und deswegen auch den Musikmarkt ungeniert beleidigen können.

Gespielt wurden Songs quer durch den Garten der Diskografie, natürlich mit einem Schwerpunkt auf dem aktuellen Album "English Tapas". Mein Liebling im Set stammte aber nicht von diesem Werk. Er hiess Jolly Fucker und war mit Schimpfwörtern nur so gespickt.

Insgesamt glänzende Unterhaltung, trotz aller Sozialkritik, und ein Publikum, dass auf seine Kosten gekommen ist. Headlinerrolle gut gespielt die Herren!

Setlist:

01: Army Nights
02: Stick In A Five And Go
03: Moptop
04: Just Like We Do
05: Dull
06: Giddy On The Ciggies
07: TCR
08: Bang Someone Out
0: Routine Dean
10: Jolly Fucker
11: You're Brave
12: Drayton Manored
13: B.H.S.
14: Fizzy
15: Tweet Tweet Tweet

Haldern, wir sehen uns 2019 wieder! Tschüss!



Montag, 20. Juni 2016

Song conversation, Ludwigsburg, 19.06.16

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Song conversation mit Judith Holofernes, 
       Robert Gwisdek (aka Käptn Peng) & Gisbert zu Knyphausen
Ort: Reithalle in der Karlskaserne in Ludwigsburg
Datum: 19. Juni 2016
Dauer: 120 min
Zuschauer: über 500 (ausverkauft)


Unter dem Namen Song Conversation hatten zwei meiner Helden, nämlich Judith Holofernes und Käptn Peng  gemeinsam mit Gisbert zu Knyphausen für zwei Abende eingeladen. Und alle, alle kamen. Der Samstag in Stuttgart war fix ausverkauft, aber für den zweiten Tag in Ludwigsburg gab es noch kurz länger Karten. Passte eigentlich sowieso auch besser und gab obendrein die Chance, schließlich in Sternfahrt von Karlsruhe und Stuttgart nach Ludwigsburg aufzubrechen. Außer uns waren noch 500 andere Leute gekommen und auch die drei Musiker hatten noch Unterstützung dabei, nämlich Felix Weigt an Bass und Piano und Max Schröder  am Schlagzeug (beide spielen auch in der Höchsten Eisenbahn, mit der sowohl Judith als auch Gisbert schon zusammengearbeitet haben).


Der Abend begann wirklich verheißungsvoll, denn die Sonne hatte es am Nachmittag endlich geschafft, für etwas länger die Wolken vom Himmel zu verbannen. Fast schon hatte ich vergessen, wie Sommer auch sein kann! So konnte das Areal an der Karlskaserne seinen ganzen Charme ausspielen und ich kann mich kaum erinnern, wann ich zuletzt so tiefenentspannt in ein Konzert gegangen bin. Bis kurz nach 19 Uhr noch genossen wir die heitere Atmosphäre und die Vorfreude auf einen ganz gewiß besonderen Abend. Zum Einlass wurde schließlich im Rund gegongt und gefühlte fünf Minuten später schon saßen alle auf ihren Plätzen. Die Wartezeit bis zum Konzertbeginn wurde nicht überstrapaziert und zu großem Applaus betraten die fünf Künstler knapp vor 19:15 Uhr die Bühne.


Was sollte man sich nun erwarten? Ich hatte im Vorfeld darüber nicht arg nachgedacht, denn einerseits war dafür nicht recht Zeit gewesen und andererseits war ich mir sicher, dass sich auch die Künstler mit dem Abend ein Geschenk machen wollen würden. Eine Chance aus der sie etwas spannendes bauen würden. Dabei zuzusehen würde in jedem Fall die Fahrt gelohnt haben. Tatsächlich gaben sie ihrem Affen Zucker und kramten uns Lieder hervor, die sie selber sehr mögen, die sie sich anverwandelt haben (z.B. in Textübertragungen) oder mit denen sie schon lange innerlich leben. Unweigerlich dabei auch eigene Herzenslieder wie Henry Lee, I follow you into the dark oder Masters of War.


Sie schafften es aber auch, in interessanter und mitunter herrlich überraschender Weise ihre Songs miteinander reden zu lassen. Gleich zu Anfang gab es so einen Wunder-Moment mit einer Symbiose vom Monster-Lied von Käptn Peng, das als Refrain das Kannst Du mein Monster halten der ersten Heldenplatte beigefügt bekam (großer Achja-Moment in meinem Herzen, der fast bittersüß wurde, als Judith darauf hinwies, dass ihr Monster schon 16 Jahre alt ist).

Dabei wurde schön mit Rollen gespielt, indem Instrumente rund gingen, Lieder der jeweils anderen gesungen wurden, Duette gebildet wurden und zwischendurch auch echt abgerockt wurde in glückseliger Dreieinigkeit. Faszinierende Einigkeit in gewissen Themen wie gruselige Lieder oder unkitschige Liebeslieder oder der Veehrung von Conor Oberst. Auch dass Herr Gwisdek und Frau Holofernes nicht im klassischen Sinn toll singen können machte neben dem Stimm-stärkeren Herrn zu Knyphausen nichts aus.  Es machte auch nichts, dass Käptn Peng ohne "seine" Tentakel deutlich weniger anarchistisch agieren muss. Dafür rückte in den Mittelpunkt, was die Texte zu sagen haben und was sie mit den Künstlern machen und auch mit uns, dem Publikum. Und die zwei Bandmusiker zusätzlich gaben gerade genug Bums obendrauf, dass es auch mal herrlich laut werden konnte.



Das kam beim Publikum an und so musste es Zugaben geben. Die Lösung auf der Bühne war, dass Gisbert eines seiner Lieder sang (er fragte nach Wünschen, aber richtete sich dann doch nach dem eigenen Gusto) und Judith Holofernes einen anverwandelten Country-Song (mit vielen Strophen) mit der Band vortragen konnte. Käptn Peng ergriff die Gelegenheit, einen herrlichen fast 10 min langen Knaller mit Socke zu geben, der - wie immer - ordentlich gefeiert wurde. Danach war definitiv Schluß, was irgendwie schade war, andererseits aber auch ok. Denn mit zwei Stunden Programm hatten sie sich nicht gerade lumpen lassen und man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist....

Außerdem bleibt die Hoffnung dass die Schloßfestspiele in Ludwigsburg weiter solche interessante Ideen umsetzen, wenn diese vom Publikum so begeistert aufgenommen werden!

Setlist:
01: M.I.L.F. (JH)
02: Kannst Du mein Monster halten (WsH) vs Monster (KP)
03: König Alkohol (Spinvis, übersetzt
GK)
04: Henry Lee  (Nick Cave)
05: neues Lied ohne Titel (GK) vs Sie mögen sich (KP)
06: Liebe Teil 2 - Jetzt erst recht (JH)
07: Ofen aus Glas (Element of Crime)
08: Nichts was wir tun könnten (WsH) 

09: I Will Follow you into the dark (Death Cab for Cutie)
10: Danke, ich hab schon (JH) vs Kündigung (KP)
11: Verschwende deine Zeit (GK)
12: Stiller (WsH) vs Sein Name sei Peng (KP)
13: Bowl of Oranges (Bright Eyes)
14: Masters of war (Bob Dylan)
15: Liebes Leben (KP)
16: Das Leichteste der Welt (Kid Kopphausen)


17: Flugangst (GK)

18: Wenn ich ein Boot hätte (Lyle Lovett, übersetzt von JH)
19: Sockosophie (KP)

(JH) Judith Holofernes
(WsH) Wir sind Helden
(KP) Käptn Peng
(GK) Gisbert zu Knyphausen

Aus unserem Archiv:
Judith Holofernes, Stuttgart, 14.04.14
Wir sind Helden, Haldern, 13.08.11
Wir sind Helden, Paris, 20.09.07  

Gisbert zu Knyphausen, Erbach, 15.07.12
Gisbert zu Knyphausen, Haldern, 12.08.11
Gisbert zu Knyphausen, Rüsselsheim, 10.07.10 
Käptn Peng und die Tentakel von Delphi, Karlsruhe, 07.08.14  
 

Montag, 16. Juli 2012

Gisbert zu Knyphausen, Erbach, 15.07.12

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Konzert: Gisbert zu Knyphausen (Heimspiel)
Ort: Weingut Baron Knyphausen, Erbach
Datum: 15.07.2012
Dauer: Gisbert zu Knyphausen 115 min, Cäthe gut 70 min, Mika Doo knapp 30 min
Zuschauer: sicherlich gut 1.000 (ausverkauft)


Von einem wahrgewordenen Kindheitstraum sprach Gisbert zu Knyphausen, als er zum ersten Mal die Bühne im Garten seines Elternhauses betrat, um uns zu begrüßen. Das breite, etwas verlegene Strahlen im Gesicht unterstrich das, es war keine Koketterie zu spüren. Auch wenn es nicht das erste Heimspiel auf dem Familiengut im Rheingau war, begeisterte es den Sänger sichtlich. "Die Bühne sieht viel größer aus... als im Prospekt."

"Heimspiel" auf dem elterlichen Weingut trifft es zwar genau, vermittelt aber auch einen etwas falschen Eindruck. Es beschreibt es gut, weil die Veranstaltung den Charme eines Sommerfestes unter Freunden hatte (von denen einer Platz im Garten hat); es täuscht aber auch ein wenig, weil der Tag viel zu perfekt und charmant organisiert war, als man das erwarten durfte. Das Weingut der zu Knyphausens liegt im kleinen Erbach am Rhein und war trotz zahlreicher Straßensperrungen unterwegs gut erreichbar. Da die Parkplätze neben der Einfahrt schon belegt waren, wurden wir zwischen Weinreben auf eine Wiese auf der anderen Seite des Anwesens geleitet. Am Einlaß wurde auf Posereien wie Bändchen verzichtet, dafür bekam jeder ein Weinglas mit eingeätztem Logo der Veranstaltung in die Hand gedrückt- als Souvenir und Hilfsmittel. Irgendwer von den sicher gut 1.000 Zuschauern hatte zwar auch ein Bier in der Hand, getrunken wurde aber natürlich Wein - in ordentlichen Mengen. So was kennt man wohl sonst nur von Hannes Wader Liederabenden. An den Weinständen verzichtete man auf Gläser, die hatten ja alle Besucher bekommen. Ein praktisches und schönes System!

Als wir ankamen, schien die Sonne (Sommer Euphemismus: es regnete nicht, wäre treffender!). Auf dem sehr großen und sehr gepflegten Gelände, das von Weinstöcken begrenzt wird, standen Pavillons mit Ess- und Weinständen - der Großteil der Besucher hatte sich aber schon versorgt und saß auf der Wiese. Nachdem wir unsere Weineinkäufe ins Auto gebracht hatten (und beim Verlassen des Hofs ein Bändchen für den Wiedereintritt bekamen - so geht das auch, liebes Open Source Festival), kamen wir rechtzeitig zu ersten Band wieder.

Mika Doo, Sängerin Mika und Gitarrist Gordon, eröffnete mit einer halben Stunde Bluesrock im Stile der Kills, mit Regentänzen der Sängerin und mit einer etwas affigen Attitüde, die so gar nicht in das entspannte Ambiente des Weinguts passte. Mika lebt offensichtlich in London - allerdings noch nicht lange genug, um nicht mehr Deutsch zu sprechen, das machte sie nämlich akzentfrei. Es war auch nicht davon auszugehen, daß ihretwegen furchtbar viele Engländer angereist waren. Das sie ihre Ansagen komplett Englisch hielt, war also ein wenig merkwürdig ähh strange. Vor dem letzten Stück steigerte sie es so weit, daß sie eine deutsche Übersetzung im Anschluß ankündigte. Wahrscheinlich hätte ich mich darüber weniger mokiert, wenn ihr nicht auch ihr britischer Gitarrist Gordon ganz am Anfang ein "speak German!" zugezischt hätte. Das passte aber wohl nicht zum Selbstbild der Diva mit der Sonnenbrille, die wahrscheinlich ursprünglich aus Hildesheim oder Fulda stammt.

Mit Cäthe aus Hamburg ging es weiter. Den Namen der Sängerin hatte ich irgendwann im vergangenen Jahr aufgeschnappt. Das, was da zu lesen war, klang interessant, reichte aber nicht, mir ihre Debütplatte Ich muß gar nichts zuzulegen. Irgendwann schnappte ich dann ein Lied im Radio auf, das ich aber schnell wieder aus dem Ohr verlor. Trotzdem war ich gespannt auf die Sängerin, die in Gisberts Garten mit Band auftreten sollte. Das verzögerte sich aber noch, weil es technische Probleme gab. Die Monitordatei konnte nicht mehr geladen werden (für die, die schon mal von so Sachen wie Monitordateien gehört haben). Der Gitarrist lieferte beim Bemühen, die Technikprobleme zu lösen, meinen Lieblingssatz des Tages. "Es ist relativ topfig vom Klang und feedbackt ein wenig." Sowas hätte ich gerne mal in einem Liedtext!

In Cäthes Texten kamen dagegen ziemlich viele Babies vor. Babe hier, Baby da; die zogen sich wie ein roter Faben durch die Musik der jungen Frau.

Cäthe machte einen extrem sympathischen Eindruck und wird ganz sicher eine gute Karriere vor sich haben, für mich ist ihre Musik allerdings nichts. Mir ist während ihres gut 70-minütigen Auftritts auch aufgefallen, woran das liegt. Ich mag keine weiblichen Rockstimmen. Ich mag weiblichen Punk, weiblichen Wave, weiblichen Pop und weiblichen Folk. Aber Rock mit Frauenstimme löst vermutlich tief sitzende Traumata aus, hervorgerufen durch schreckliche Erscheinungen wie Melissa Etheridge oder Ina Deter. Darunter muß jetzt auch Cäthe leiden, kann ich leider nicht ändern, liebend gerne würde ich ihre Musik mögen, es klappt aber nicht. Glücklicherweise wird die Sängerin aber auch ohne mein Fantum auskommen, Potential für viel Erfolg ist (ganz wertfrei) nämlich da.

Neben eigenen Liedern (vor allem vom Debütalbum) spielte Cäthe auch ein Einstürzende Neubauten Cover (Nagorny Karabach), das mir gut gefiel.

Ich bin froh, daß ich Cäthe jetzt auch live gesehen habe, auch wenn es nicht meine Musik ist. Aber daß dies wirklich nur an mir lag, zeigte sich daran, wie begeistert viele Zuschauer waren.

Setlist Cäthe, Weingut Baron Knyphausen, Erbach:

01: Bleib hier
02: Ding
03: Tiger Lilly
04: Wahre Liebe
05: Kaugummi
06: Bye bye
07: Senorita
08: Leicht schwer zu sein
09: Ewige Braut
10: Nimm mich mit
11: Tu was du willst
12: Nagorny Karabach (Einstürzende Neubauten)
13: Tabularasa
14: Spirituell
15: Unter meiner Haut
16: 105
17: Ich muß gar nichts

Zwischen den Bands lief ein Mixtape mit zum Teil wundervollen Coverversionen fieser Songs. Besonders eine easy listening Super Trouper Version hat es mir mächtig angetan!

Zwischen den Auftritten kamen aber auch Gisberts Bruder Dodo und Vater zu Knyphausen zu Wort. Während Dodo eine Tombola zugunsten der Ortskirche und des Kindergartens veranstaltete, erklärte Gerko Freiherr zu Knyphausen die Geschichte des Weinguts. Auch dies machte einen Teil des Charms der Veranstaltung aus. Die Musik war mir da schon erstaunlich unwichtig geworden, der Tag war wundervoll angenehm und machte Spaß. Obwohl die beiden ersten Bands mich nicht vom Hocker gerissen haben, war der Sonntag so viel angenehmer als mancher Festivaltag mit Bands, die ich liebe. Vermutlich hätte jetzt auch beispielsweise Cro als Headliner den Tag nicht versauen können, ganz schlecht war es aber trotzdem nicht, daß mit Gisbert noch ein Knüller kommen sollte.

Der freudestrahlende Sänger trat um Punkt neun auf. Verschwende deine Zeit bestritt er noch solo, bevor zu Hey die Band auf die Bühne kam. Daß er nicht alleine spielen würde, war angekündigt, konnte aber auch nicht übersehen werden, da Bassist Frenzy Suhr in seinem weißen Sommeranzug auf dem Gelände nicht zu übersehen war (und frisch einer Raffaello Werbung entsprungen schien). Beim dritten Lied (Herzlichen Glückwunsch) verschwimmen meine Notizen, es fing nämlich doch noch an zu regnen. Ein kurzer kräftiger Schauer, der nach den Wasserflecken in meinem Büchlein zweieinhalb Lieder lang anhielt. Dabei blieb es; der Rest des fast zweistündigen Konzerts war trocken (jedenfalls was das Wetter anging).

Gisbert zu Knyphausen hat viele tolle Lieder im Repertoire. Kräne oder So seltsam durch die Nacht oder Sommertag waren auch heute wundervoll (auch wenn ich die gerne einmal in Soloversionen erlebte). Besonders gut gefielen mir aber natürlich die Stücke, die einen direkten Bezug zum Tag hatten (Sommertag gehört nicht in die Kategorie, gibt's ja 2012 nicht). Wenn Gisbert vom Fluß, an dem er geboren wurde, sang (Der erste Mensch heißt das Kid Kropphausen Lied wohl, habe ich irgendwo gelesen) - und dabei auf den 100 m entfernten Rhein deutete, oder es bei Wer kann sich schon entscheiden? "es ist schön, so schön, zu Hause zu sein" hieß, waren das schon die ganz besonderen Momente des Tages. Auch das (vermutlich) sehr persönliche Seltsames Licht gehörte dazu.

Zwischendurch hatte übrigens auch die Zeile "meine Füße tun mir so weh" aus Wer kann sich schon entscheiden? sehr viel Wahres, meine Gummistiefel waren doch nicht die richtige Schuhwahl.

Der Tag bei zu Knyphausens war ein echter Gewinn; die künftigen Ausgaben sind jetzt Pflichttermine! Besser kann man einen Sonntag nicht verbringen!

Lyrics Gisbert zu Knyphausen, Heimspiel, Erbach:

01: Verschwende deine Zeit
02: Hey
03: Herzlichen Glückwunsch
04: Erwischt
05: Der Blick in deinen Augen
06: Kräne
07: Hurra! Hurra! So nicht
08: Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten
09: Der tödliche Schlag
10: Flugangst
11: Grau, grau, grau
12: Morsches Holz
13: Dreh dich nicht um
14: Frau Himmelblau bittet zum Tanz
15: Sommertag
16: So seltsam durch die Nacht
17: Neues Jahr

18: Melancholie (Z)
19: Wer kann sich schon entscheiden? (Z)
20: Seltsames Licht (Z)
21: Der erste Mensch (?) (Kid Kopphausen) (Z)

22: Kleine Ballade (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Gisbert zu Knyphausen, Haldern, 12.08.11
- Gisbert zu Knyphausen, Rüsselsheim, 10.07.10
- mehr Fotos vom Heimspiel 2012



 

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