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Sonntag, 30. Oktober 2016

New Fall Festival, Tag 2, Düsseldorf, 28.10.2016

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Konzert: New Fall Festival Tag 2
Ort: Düsseldorf
Datum: 28.10.2016


Am zweiten Abend des New Fall Festivals gab es gleich zwei Premieren. Nicht nur, dass mit der Verpflichtung von Regina Spektor ein einmaliger Coup gelungen war, auch die CCD Stadthalle wurde zum ersten Mal Mittelpunkt eines Konzertabends beim New Fall.

Glück hatte allerdings, wer in den beiden Mittelblöcken saß, am Rand sollte durch den zentral aufgebauten Flügel die Sicht auf die Künstlerin doch sehr eingeschränkt bleiben. 

Der von außen sehr kühl und außerhalb der Stadt liegende Bau, innerhalb der Messe Düsseldorf, bietet im Saal für seine Größe allerdings eine schöne Atmosphäre mit perfektem Klang. 

Mehr zu Regina Spektor folgt in den nächsten Tagen noch ausführlich von Christoph und Gudrun (Konzert in Stuttgart). Vorab nur soviel: Regina Spektor waren die lange Live-Pause und der Jet-Lag bei einigen Aussetzern anzumerken. Die charmante und liebevolle Art wie sie mit diesen Problemen umging, waren jedoch beeindruckender als ein perfekt durchgeplanter Abend. 



Danach war etwas Hektik angesagt. schließlich wollten viele noch um 22:30 Uhr zu Dillon in den Robert-Schumann-Saal. Gut beraten war, wer sich schon vorab den Weg zum Parkautomaten gemerkt hatte...

Am Ende aber klappte alles hervorragend. Dillon begann einfach etwas später und der ebenfalls fast vollständig gefüllte Saal blickte auf einen recht bizarren Bühnenaufbau.



Neben den erwarteten Mikrofonen für den angekündigten Chor und einem Keyboard gab es noch einen der üblichen "Apple"-Arbeitsplätze für die Beats und eine Art riesige Satellitenschüssel als Lichtinstallation in der Mitte der Bühne.

Ansonsten von einer echten Licht-"show" zu sprechen wäre wohl zuviel verlangt. Fast durchgängig schwarz blieb die Bühne während des ganzen Konzerts. Nur einzelne Spots, meist wie Suchscheinwerfer angeordnet, durchzuckten den dunklen Saal. 



Passend zur Musik war das allemal, und hier zeigte sich schnell das riesige Potential der immer noch sehr jugendlich wirkenden brasilianischen Sängerin, die ja schon seit längerem in Berlin ihr zu Hause gefunden hat.

Mit ihrer tiefen, und zutiefst souligen Stimme sorgt sie für eine unglaublich emotionale Performance inmitten der düsteren und schleppenden Beats. Der Chor ist präsent aber nicht zu sehr im Mittelpunkt und gibt den besten Songs der beiden Alben eine zusätzliche Intensität. 

Ein paar der besten Stücke kommen etwas früh im Set. Das immer noch bezaubernde "You are my winter" sowie eine wundervolle Version von "Tip Tapping", in der das Publikum im Kanon gegen den Chor singt, sind die Highlights des späten Abends. 

Vor den Zugaben wird es dann etwas beatlastiger und heller auf der Bühne, endlich kommt auch die "Sat"-Schüssel als Kaleidoskop zum Einsatz. 

Nach Ende des regulären Chor-Sets dann noch Dillon Solo am Keyboard mit ruhigeren Songs, die einen nach 24:00 Uhr in die Nacht entlassen.

Schluss war damit aber immer noch nicht...Im Club des Capitols wartete noch der Rest des NRW-Abends. Also rein in die gute Stube des Clubs, der eigentlich eine wunderschöne Halle ist.

Fünf Bands spielen hier auf, der NRW-Abend ist seit Jahren fester Bestandteil des Programms und auch an diesem Abend sehr gut besucht. Immerhin gab es hier bereits vor Jahren Perlen zu entdecken die bereits jetzt die großen Hallen füllen. 

Die "Giant Rooks" sind gerade auf der Bühne, und genau wie beim Haldern Pop können sie auf ganzer Linie punkten. Eine Band die ihren Weg machen wird. Toller Indiepop, gerade noch als Support für "The Tamper Trap" unterwegs, der einfach Spaß macht. Klaus Fiehe (1Live) hält sie für die beste Band aus Hamm seit 30 Jahren. Da hat er wohl wie immer recht.  

Die abschließenden "Moglebaum" sind dann leider gar nicht mein Geschmack. Gefälliger Elektropop mit Saxophon regt zwar grundsätzlich immer zum Tanzen an, weder die Songs noch das etwas anstrengende Bühnengehabe der Band wirken aber besonders einladend.

Doch das soll nicht den Abend voller toller Momente und erstaunlicher musikalischer Bandbreite schmälern. Bald mehr zum dritten Tag mit "Kate Tempest". 

Fotos Dillon: Michael Graef



Sonntag, 25. November 2012

Dillon, Paris, 21.11.12

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Konzert: Dillon (& Mesparrow)
Ort: Le Nouveau Casino, Paris
Datum: 21.11.2012
Zuschauer: geschätzte 300
Konzertdauer: eine Stunde


Musiker aus Deutschland sieht man in Paris nicht sehr häufig. Das schreibe ich jedes Mal, wenn wieder un allemand/une allemande à Paris ist, aber der Spruch passt einfach auch immer. Aber zählen wir doch mal ohne nachzugucken auf, welche deutschen Acts Paris in den letzten Jahren konzerttechnisch beehrt haben: Get Well Soon, Norman Plam, Wir Sind Helden, Stereo Total, Masha Qrella (Foto), Contriva, Sorry Gilberto, Noel, Garda, The Notwist, Anika, Mediengruppe Telekommander, Pubculies & Rebecca, Mohna, Haruko, Jack November, Bettina Köstner, Jack Beauregard, Hauschka, Nils Frahm, Body Bill, The Robocop Kraus, Kissogram, Nina Hagen, Einstürzende Neubauten, Die Sterne, Cluster, Faust, Tangerine Dream fallen mir spontan ein und die meisten dieser Konzerte habe ich gesehen. Lieber vertuschen sollte man, daß Tokio Hotel und Rammstein riesige Hallen gefüllt haben und die Killerpilze, La Fee, Silbermond und die fürchterlichen Beatsteaks schon da waren. Auf die Schulter kann ich mir hingegen klopfen, Entertainment For The Braindead und Karo in die Stadt der Liebe bzw. mein Wohnzimmer gelockt zu haben.



Heute also Dillon, die allerdings schon mindestens zwei Mal zuvor in Paris gespielt hatte. Kein unbeschriebenes Blatt in Frankreich also und dank guter Promoarbeit und einem Album, daß es irgendwie geschafft hat, die Landesgrenzen zu überschreiten, zumindest in Indiekreisen den Parisern ein Begriff ist.

Ohnehin ist ihr Stil, düsterer Elektropop, in Mode, Künstlerinnen wie Fever Ray, Likke Li, Soap & Skin und Zola Jesus haben dem Genre in den letzten Jahren neues Leben eingehaucht und ihren Labels Gewinne beschert.



Zielgruppe von Dillon sind junge, sehr hübsche und höchstwahrscheinlich aus begüterten Verhältnissen stammende Mädchen. Das schien mir zumindest so, als ich das Publikum im Pariser Nouveau Casino inspizierte. Da standen wirklich viele süße Lämmchen rum und warteten darauf, daß die nette Französin Mesparrow mit ihrem ungemein nervigen Set fertig wird.


Um 21 Uhr dann aber endlich Dillon. Zu gerne hätten wir Zuschauer sie auch mal richtig gesehen, aber die Musikerin hatte alles dafür getan, nicht enttarnt zu werden und so blieben sogar in den kurzen Pausen zwischen den Songs die Lichter komplett aus. Sie performte zusammen mit ihrem stoischen Keyboarder durchgängig im Dunkeln und im Halbschatten sah sie genau aus wie Soap & Skin bei ihrem Gig für France Inter. Gothische Mode und Düsterniss scheinen wieder sehr angesagt zu sein und so passte zur Erscheinung von Dillon die schwarze Kutte und die globigen schwarzen Plateauschuhe.


Die Musik selbst war so finster nicht. Nachdem ich kürzlich so richtig krasse Neo Gothik Künstler wie Bestial Mouths und Animal Bodies gesehen hatte, klang das heute fast poppig. Früh gebrachte Tracks wie Thirteen Thirtyfive und From One To Six Hundred Kilometers könnten auch noch auf einem Kindergeburtstag laufen. Aber ich blödele wieder zu viel rum, zumal ich Kindergeburtstage immer gemocht habe.


Nein, ernsthaft jetzt mal. Probleme bereitet mir in gewisser Weise die soulige Stimme von Dillon, weil sie mich immer wieder an Duffy erinnert. Das war mir schon bei früheren Konzerten von ihr aufgefallen, traf aber auch heute wieder zu. Kann man sich aber letztlich dran gewöhnen, genau wie an das Kindliche in ihrem Gesang. Und wenn man sich drauf einlässt, ist der infantile Singsang sogar ziemlich berührend.

Störender war aber die permante Dunkelheit (sollten wir uns gruseln oder was?) und die gewollte Kühle der Performance. Erst als sich die deutsche Künstlerin zur Mitte des Sets bei Contact Us ( "if you don't dance i dont sing") mal an den Bühnenrand wagte und ihre Hüften schüttelte, kam mehr rüber. Als dann kurze Zeit später ihr größter Hit Tip Tapping erklang, hatte das Set seinen Höhepunkt erreicht.

Nach einer weiteren Viertelstunde und einer Gesamtspielzeit von nur einer Stunde war das Konzert aber auch schon wieder beendet.

Dillon hatte insgesamt einen passablen Auftritt hingelegt und die deutsche Indiemusik im französischen Ausland auch recht würdig vertreten. Unvergesslich wird mir dieser Abend aber nicht bleiben, wenngleich die langen blauen Fingernägel der Musikerin ja schon ein Hingucker waren...



Dienstag, 9. Oktober 2012

Waves Vienna Tag eins, Wien, 04.10.12

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Waves Festival
Ort: verschiedene Locations am Donaukanal
Datum: 04.10.12
Zuschauer: viele und angenehme


Das Ende der Suche nach einem neuen Synonym für mörderdichtes Programm und dennoch entspannter Stimmung hat einen Namen: Waves Festival. Nach einem teilweise durchwachsenen Start letztes Jahr ist der erste Tag der heurigen Ausgabe hervorragend gelaufen. Viele Leute, gutes Wetter und prächtig gelaunte Bands haben dafür gesorgt, dass ich mich richtig ärgere, an den beiden anderen Tagen nicht dabei sein zu können.



Der - jedenfalls für mich - beste Tag der drei Festivaltage war jedoch die beste Entschädigung. Ein Eis in der Hand den Donaukanal entlang zum Clubschiff geschlendert, dort das Ticket eingetauscht, einen gratis Kaffee abgestaubt und solcherart endorphin- und koffeingeladen ab zum Brandwagen am Praterstern. Dort sollten Dust Covered Carpet spielen, eine hervorragende Wiener Truppe mit Hang zu hochmelodiösen Songwriting/Folk.
Der Brandwagen wiederum ist ein von einem Getränkehersteller umgebautes ehemaliges Feuerwehrfahrzeug, das zur mobilen Bühne wird. Und so konnten sich Passanten am belebten Platz des unerwarteten Anblicks einer Band auf einem Auto erfreuen, Schlagzeuger und Bassist nämlich sogar am Dach. Guitarstring marked fingerprints eröffnete das Set, etwa 100 Leute tummelten sich auf dem Gelände vor der ausgefallenen Bühne. Allerdings wurden es konstant mehr und auch die Besucher der "Wiener Wiesn" (über solche Festivitäten und deren Relevanz für Wien hüllen wir mal elegant den Mantel des Schweigens) bereicherten mit ihren Dirndl und ihrer Tracht den Anblick zumindest optisch.

Hautattraktion blieb jedoch weiterhin die Musik des Vierergespanns, die einen - ihrem Namen entsprechend - hübschen Klangteppich über dem Praterstern ausbreiteten, in dem die Hauptstimmte häufig wechselte. Cello, Gitarre, Trompete... es fehlte an nichts. Nicht an "Hits" wie Because gravity overpowers me, an Tanzeinlagen von Sänger Volker mit einer Kugellampe und an Zugaben auch nicht. Was aber keineswegs selbstverständlich war, denn "wir haben nur begrenzt Zeit, die Wiesn hat sich beschwert."
"Scheiß auf die Wiesn", stellte ein älterer Herr am Rand der Bühne, der sichtlich begeistert vom Set war, fest. Ein Kenner! Und ein vollkommen berechtigter Einwand.
Zwei Songs gingen sich dann für Dust Covered Carpet noch aus, die Ankündigung, spontan noch irgendwo (place to be announced) Merch zu verkaufen, hielt in weiterer Folge einen Security auf Trab: Eine durch einen fetten Spalt im Holz sehr mitgenommen wirkende Bierbank (vielleicht gar vom Nachbarfest?) wurde hastig mit Mineralwasser und einer Küchenrolle gesäubert und an den Rand des Zauns gestellt. Erster Gast an diesem Stand war dann ein Ex-Bandmitglied, das zu dem Auftritt gratulierte. Wahrlich ein sehr schöner Start ins Waves, vor allem die Kulisse war höchst stimmig: an einem belebten, bisweilen etwas verrufenen Ort aktuelle Kunst vor bunt durchgemischtem und interessierten Publikum zu bieten, das dürfte (neben einigen anderen Motiven) die Idee hinter dem Festival sein.

Eine zweite des Absicht des Waves: die Szenen der jeweiligen Gastländer zu präsentieren und dabei unbekannte Bands auftreten zu lassen. Also ab ins Café Dogenhof, ein - dem Äußeren nach - klassisches Wiener Kaffeehaus mit hoher Decke, Stuckverzierungen und Kristallluster, in dem die polnische Band Twilite auftrat. Zugeben, das Café ist eines von der Sorte, derer es in Wien wohl hunderte gibt. Eine Institution ist es wegen seiner Inhaberin, einer urigen alten Dame, die ehemals an einem Würstelstand bediente und bei der die im Gastronomiegeschäft vielzitierten goldenen Regeln "Wer zahlt, schafft an" und "Der Kunde ist König" keine Gültigkeit haben. "Der Dogenhof ist ein Ort autonomen Herrschens. Die Wirtin bricht keine Regeln, aber definiert sie."
Meine Bestellung (saisonbedingt: Sturm) wurde daher mit dem Klassiker "Hamma net" zurückgewiesen, drei weiße Spritzer in legendär schlecht ausgewaschenen Gläsern dienten als Ersatz. Man kann Frau Elenis Gastronomiepolitik lieben oder nicht (ich bin da hin und hergerissen), Style hat sie schon!
Dem Sänger von Twilite stieß jedenfalls sauer auf, dass die Gastgeberin während des Konzerts ununterbrochen herumkommandierte und die sowieso schon wenigen Gäste einer akustischen Multitaskingbelastung aussetzte. "Could somebody ask the lady to be quiet?"
Frau Eleni nahm es ihnen jedenfalls nicht übel, mäßigte ihre Lautstärke und ließ Twilite ihre Arbeit verrichten. Das Duo spielte netten, harmonischen Pop mit zwei Gitarren, der teilweise frappant an Kings of Convenience erinnerte und auch gut ins Ohr ging, ansonsten eher nicht so bleibende Erinnerungen hinterließ. Ich muss allerdings zugeben, dass meine Aufmerksamkeit stets zwischen Bühne und Schank hin- und herwechselte...
Als dann Frau Elenis Hund von seinen Dogsittern auch noch zurückkehrte, war es Zeit zu gehen: Soviel Legenden auf einem Haufen!

 

Abermaliger Standortwechsel jedenfalls: Dillon hatte sich für das Odeon Theater angesagt. Dieses alte Theater wird gelegentlich auch für Konzerte genutzt, wobei in der marmorbödigen Halle eine Tribüne errichtet wird. Die Kombination Dillon plus exquisites Ambiente lockte jedenfalls massig Leute an, viele mussten stehen. Im Dunkeln, da Dillon offensichtlich das Licht scheut (oder einfach nur Show machen wollte). Jedenfalls gabs zwar genug Nebel, jedoch nur vereinzelte Lichtkegel, was sich für Dillons Musik natürlich anbot. Düster und entrückt klingt ihr Sound, so gab sie sich auch. In der Mitte Ms. Dillon an Mikro und Keyboard, am Rand ein Mann an Synthies und sonstigen elektronischen Gerätschaften.
Schon der zweite Song war Thirteen thirtyfive, was durchaus die Wünsche des Publikums bediente. Recht unterhaltsam gab sich die Deutsch-Brasilianerin aber vorerst nicht, ein Fotografenfreund erzählte auch, dass sie recht zickig bei den Vorgaben für die Fotos gewesen sei.
Gegen Ende des Konzerts aber kam jedenfalls Tip Tapping und Dillon startete einen kollektiven Gesang, ermunterte das anfangs vorsichtige Publikum und schaffte es schließlich, einen sehr schönen Wechselgesang zwischen Männern und Frauen zu installieren.
Ohne größere Vorankündigung verschwand das Duo dann aber und konnte erst durch wirklich vehemente Comeback-Forderungen der Zuhörerschaft auf die Bühne zurück gebracht werden.
So toll das Konzert in manchen Momenten auch war, so bemüht wirkte es teilweise auch. Ganz konnte ich der gefeierten Dillon ihre Düsterheit nicht abkaufen. Aber eh egal, sehr gut war das Konzert allemal und vor allem ein großes Erlebnis, das sich von "normalen" Konzerten deutlich abhob.

Es folgte der obligatorische Marsch zu einer neuen Location, diesmal dem Flex. Ich hatte mich schon ziemlich auf Wedding Present gefreut, die gleichzeitig spielenden Tu Fawning hatte ich glücklicherweise bereits gesehen, im Flex angekommen tat sich aber erst mal eine Viertelstunde nichts, bis die Band leicht verspätet auf die Bühne kam.
Viel los war nicht im Flex, 200 Leute vielleicht, die die alten Herren sehen wollten. Wesentlich mehr dürften sich am Fm4 Riverboat getummelt haben, wo Tu Fawning gerade spielten. Zuvor getätigte Äußerungen eines Freundes, Wedding Present live seien etwas fad, muss ich hiermit leider bestätigen. Zwar war das Konzert relativ laut (gut so!) und die Band durchaus gewillt, die Leute für sich zu gewinnen, am Ende wollte der Funken dann aber doch nicht so recht überspringen. Ein bisschen schade.

Die letzten zwei Songs von Tu Fawning gingen sich dann noch aus, gestärkt durch Kaffee des höchst spendablen Waves-Teams und die euphorischen Kurzrezensionen der Konzertbesucher. Schon das Konzert im Mai war sehr toll gewesen, nunmehr dürften Tu Fawning aber eine richtig große Nummer in Wien geworden sein. Schöne Sache!

Der Kreis schloss sich, es ging zurück an den Praterstern: Letze Station für diesen Abend war das Fluc. Ghostpoet durfte man da bewundern, was durchaus das Gedrängel wert war.
Fast faszinierender aber war es, vor dem Fluc zu stehen und den Gesprächen der Ansammlung der Menschen dort zu lauschen: von Bands, Leuten aus dem Musikbusiness, guten Freunden und Wiesn-Besuchern war da alles dabei, es brachte den Charakter des Waves perfekt auf den Punkt: Ein urbanes Festival mit allerlei hochinteressanten, unbekannten, aufstrebenden Band, mit dem intellektuellen Diskurs der Musikkonferenz und doch ein wenig mit Dorffestcharakter, wo man von der Bierbar zum Grill spazieren kann und überall auf bekannte Gesichter trifft. So gut die Bands an diesem Tag auch waren - das Beste am Waves ist die Atmosphäre, das fröhliche Treiben am Donaukanal, das Hin- und Her-Schlendern zwischen den einzelnen Locations und der von Festivalteam, Künstlern und Publikum gelebte Anspruch, neue Horizonte zu erreichen. Man kann eigentlich nicht froh genug darüber sein, dass Wien endlich ein Clubfestival dieses Formats hat. Und nicht nur die, die großen Durst an den Tag gelegt hatten, spürten am nächsten Tag noch den ambitionierten Wellengang des Waves... Waves ahoi!


aus unserem Archiv: 
- The Wedding Present, Köln, 23.09.12
- The Wedding Present, Barcelona, 30.05.12 (Seamonsters)
- The Wedding Present, Köln, 15.10.10 (Bizarro)
- The Wedding Present, Köln, 15.11.07 (George Best)
- The Wedding Present, Paris, 02.11.07 (George Best)

- Dillon, Dortmund, 28.07.12
- Dillon, Paris, 24.03.12
- Dillon, Paris, 19.11.11
- Dillon, Wien, 29.03.10
- Dillon, Köln, 04.03.10
- Dillon, Köln, 17.05.08

Dank für die Fotos an:
Nr. 1: Richard Taylor
Nr. 2: Patrick Münnich
Nr. 3: Richard Taylor

Sonntag, 29. Juli 2012

Dillon, Dortmund, 28.07.12

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Konzert: Dillon
Ort: Westfalenpark Dortmund (Juicy Beats Festival)
Datum: 28.07.2012
Dauer: gut 45 min



Als Dillon sich zwei Stunden vor ihrem Auftritt die "Konzerthaus-Stage" im äußersten südwestlichen Zipfel des Westfalenparks anguckte, schien sie nicht begeistert zu sein. "Das ist es?" klang ernüchtert. Als die Künstlerin um kurz nach halb acht auftrat, schien ihre Laune zunächst auch nicht dolle zu sein, obwohl der kleine Vorplatz der Bühne knallvoll war. Die Sängerin mit der Paillettendeko um die Augen guckte reichlich motzig.

Entweder änderte sich ihre Laune im Laufe des Konzerts, oder ich habe zuviel in ihren Gesichtsausdruck interpretiert, nach einer Weile lachte die gebürtige Brasilianerin und hatte (plötzlich) blendende Laune. Vielleicht lag dies aber auch an der sehr positiven Aufnahme ihres Konzerts.

Es war heute mein drittes Dillon-Konzert, ich habe die Elektrokünstlerin im Zweijahresrhythmus gesehen, zuletzt 2010 als Tocotronic Support. Ihr letztjähriges Album This silence kills habe ich zu selten gehört, dabei mag ich es. Alle Lieder heute stammten von This silence kills, dazu kam Contact us mit dem schönen Refrain If you don't dance I don't sing.

Dillon hat einen zweiten Musiker (Thomas?) mit auf der Bühne, der wie sie ausschließlich elektronische Instrumente bedient. Im Fokus steht aber die Sängerin - nicht nur wegen der umbastelten Augen. Beats und wummernde Rhythmen hin oder her, die brüchige Stimme macht Dillon so leicht erkennbar. Mir geht das manchmal auf die Nerven, die guten Momente waren aber deutlich häufiger als die nervigen. Beste Stücke des Konzerts waren Tip Tapping und Your flesh against mine.


Setlist Dillon, Juicy Beats, Dortmund:

01: _________________
02: Thirteen thirtyfive
03: Frome one to six hundred kilometers
04: You are my winter
05: This silence kills
06: Contact us
07: Your flesh against mine
08: Tip tapping
09: Gumache
10: Abrupt clarity
11: Undying need to scream

Links:

- aus unserem Archiv:
- Dillon, Paris, 24.03.12
- Dillon, Paris, 19.11.11
- Dillon, Wien, 29.03.10
- Dillon, Köln, 04.03.10
- Dillon, Köln, 17.05.08



Montag, 26. März 2012

Dillon & Mirel Wagner, Paris, 24.03.12

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Konzert: Dillon & Mirel Wagner

Ort: Théatre de la Cité Internationle, Paris
Datum: 24.03.12
Zuschauer: 400, ausverkauft!


Kann so viel zu Show getragene Seelenpein echt sein, oder hat uns die Dillon da etwas vorgespielt?

Noch zwei Tage nach dem Auftritt der deutschen Künstlerin im wunderschönen Pariser Théatre de la Cité Internationale grübele ich über diese Frage nach. Ich bin hin und her gerissen, weiß nicht, ob ich das Konzert als ziemlich sensationell oder doch eher künstlisch und affektiert bezeichnen soll.

Die hübsche junge Dame war gegen 22 Uhr zusammen mit einem zweiten Keyboarder auf der Bühne erschienen und hatte knapp 80 Minuten lang das Publikum mit ihrem herzerweichenden brüchigen, manchmal aber auch sehr festen Kleinmädchengesang und bollernden Diskobeats windelweich gehauen. Ein paar der Zuschauer klatschten noch mintenlang nach der letzten Zugabe frenetisch weiter, freilich ohne die in eine schwarze Kutte gehüllte Muskerin noch einmal auf die Bühne zu kriegen. Waren diese Leute bekifft, oder war das wirklich so toll?

Es gab sie in der Tat, diese magischen Momente, wo man wirklich spürte, daß eine Symbiose zwischen Musiker und Publikum hergestellt wird, wo man den Atem anhielt und mit Spannung verfolgte, was man nun zu hören und zu sehen bekam. Gegen Ende gab es so eine Szene, wo Dillon ihr Keybaord verließ, sich an den Bühnerand setzte und das Publikum dirigierte.

Andererseits gab es auch Phasen, in den die Kühle der Synthies überhand nahm, der Sound (wahrscheinlich bewußt) steril und monoton klang. Aber da war ja immer diese Stimme. Dieses leicht soulige Kelchen, das nicht so recht zu dieser fragilen Künstlerin zu passen schien. Das schwebte und vibrierte. Das aber viele Emotionen transportierte, bis zu einem Punkt, wo man vom Kitsch nicht mehr zu weit entfernt war.

Letzlich also ein Konzert, das mich ziemlich aufwühlte und nicht indifferent ließ. Dafür waren auch die Songs einfach zu stark. Thirteen Thirty Five, As Much As I Ever Could oder der ohrwurmige Hit Tip Tapping, da gab es so einiges, was aufhorchen ließ.

Und ob die Emotionen echt oder gespielt waren, werde ich wohl nie erfahren. Zur Performance auf einer Bühne gehört fast immer auch ein gewisses schauspielerisches Talent, eine Inszenierung. Man ist da nicht wirklich der Gleiche, der man im normalen Leben ist.

Bei der aus Ätiophien stammenden Finnin Mirel Wager war die eingangs aufgeworfene Frage (zumindest auf den ersten Blick) viel leichter zu beantworten. Das war ein ganz schlichter, authentischer Vortag ohne Schnickschnack, Kostüme oder Effekte. Einfach nur Mirel mit ihrer Akustikgitarre und ihrer wundervollen Stimme und Songs, die pechschwarz aber nicht trostlos waren. Es ging häufig um Tod, Verzweiflung, Einsamkeit, aber der Gesang von Mirel war so sanft, so warmherzig, so voller Zärtlichkeit, daß man trotz der düsteren Lyrics angenehme Gefühle empfand. No Death, Red, oder Despair zitiere ich nur beispielhaft für ihr gekonntes, simples aber bewegendes Songwriting.

Und wem der Vortrag etwas zu monoton und gleichförmig erschien, der war wohl zu sehr Opfer der Pariser Hektik und konnte sich schwerlich in die langsam voranschreitende Welt der Mirel Wagner hineinversetzen. Ich jedenfalls hatte einen prima Abend. Mit beiden Künstlerinnen. Trotz oder gerade wegen iher Unterschiedlichkeit!




Sonntag, 20. November 2011

Loney Dear, u.a., Paris, 19.11.11

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Konzert: Loney Dear (Dillon, Oscar & The Wolf)
Ort: La Flèche d'or, Paris Datum: 19.11.2011
Zuschauer: am Anfang recht leer, zu Loney, Dear viele, etwa 400
Konzertdauer: Loney Dear: 50 Minuten die anderen kürzer



Es war fast als würde Emil Svanängen aka Loney, Dear heute noch einmal bei null anfangen. Jener Mann, der mit seiner Band in der Vergangenheit schon im renommierten Pariser Olympia und auf der Hauptbühne des Haldern Pop Festivals geglänzt hatte, kam nur in Begleitung seiner Backgroundsängerin Susanna Johansson (wo war Malin Stahlberg? Sie fehlte mir heute!) aber ohne Drummer oder Bassist und mit reduziertem Instrumentarium. In Socken mühte sich der etwas fülliger gewordene Schwede redlich ab, um seine melancholischen Balladen in die Herzen seiner Zuhörer zu befördern, scheiterte aber mehrfach an Konzentrationsschwächen und stimmlichen Ungenauigkeiten. Ungewohnt oft brach er Songs in der Mitte ab, entschuldigte sich für seine Patzer und setzte laut seufzend erneut an. Statt einer ausgewachsenen Band, benutzte er heute sehr häufig die bei mittellosen Musikern in Mode gekommene Looptechnik, war aber auf diesem Felde noch keineswegs sicher. Ziemlich verzweifelt schaute der lausbubenhafte Schwede deshalb oft ins Rund und man merkte, daß er heute dringend moralische Unterstützung brauchte. Ein paar Fans riefen daraufhin: "Emil, we love you" und der Angesprochene reagierte mit einem: I love you too, that's why I want to make this song to sound better."

Svanängen wiederholte also notgedrungen einige Stücke, konnte sich aber bis zum Schluß nicht richtig freischwimmen und verpatzte auch die abschließende Ballade Dear, John. Allerdings wusste er sich immer zu helfen, improvisierte, baute sogar in Dear John eine kurze Passage von Warm, Dark, Comforting Night mit ein, nur um kurz später wieder zu dem eigentlichen Song zurückzukehren. Er kam heute wirklich über den Kampf ins Spiel, anders kann man das gar nicht sagen. Besonders auffällig wurde das bei dem Stück My Heart, zu dem er am Ende im Sitzen Schlagzeug spielte und rackerte wie ein Minenarbeiter. In seinem engen weißen Hemd schwitzte er wie verrückt, gab aber dennoch alles und legte wahnsinnig viel Leidenschaft in seinen Gesang. Die tarzanhaften vokalen Eskapaden gingen mir durch Mark und Bein, nachdem ich über weite Teile des Konzertes eher mit unbewegter Miene da stand und mich fast ein wenig langweilte, da ich die neuen Stücke des aktuellen Albums Hall Music noch nicht kannte. Am Ende hatte mich aber Emil doch wieder gepackt, weniger als Musiker denn als Mensch mit sympathischen Schwächen und Unzulänglichkeiten. Gerade dies mitzuerleben war berührend und führte mir vor Augen, welch ein schwieriges Leben Indiemusiker führen. Schlafen meistens in schlechten Hotelbetten, verreisen auf unkomfortable Weise, verdienen nicht viel Kohle, sind ständig müde und ausgepowert und legen dennoch ihr ganzes Herzblut in ihre Konzerte. Das ist of purer Idealismus, aber trotzdem in jeder Hinsicht so viel mehr bereichernd als ein Leben, das nur auf schnöden Konsum ausgerichtet ist. Insofern gehören diese Künstler eigentlich unter Artenschutz, denn sie machen uns Fans Geschenke, die kaum wertvoller sein könnten: sie bringen uns zum Träumen, Lachen, Weinen. Und Loney Dear hat ein ganz besonderes Talent Emotionen zu schüren, weil er so unverblümt und ungekünstelt auftritt, ohne Netz und doppelten Boden arbeitet und so viel mit uns teilt. Seine Lieder sind manchmal erheiternd und hoffungsspendend, manchmal aber auch sehr trist und verzweifelt, immer aber authentisch und herzerwärmend.

Loney, Dear ist ein ganz Großer, auch an einem eher schwachen Tag wie heute in Paris! Danke dir Emil, du Träumer, du Melancholiker, du Idealist!

Setlist Loney, Dear, La Flèche d'or, Paris (merci à Philippe D.)

01: Name
02: Violent
03: Saturday Waits
04: Young Hearts
05: D Major
06: Calm Down
07: Loney Blues
08: My Heart

09: Sinister In A State Of Hope
10: Dear John

Aber Loney, Dear war heute nicht der Einzige, der auftrat. Zuvor hatten sich bereits die Deutsche Dillon und die Belgier Oscar & The Wolf dem Publikum gestellt.

Von Dillon bekam ich aber nur 3 Lieder mit.

Ein Mädchen mit motziger, kleimädchenhafter Björkstimme, die wie eine Kreuzung aus Björk (logisch nach dem Zuvorgesagten!), Soap & Skin, Lykke Li und Zola Jesus wirkte. Sie spielte bei schummrigsten Licht zusammen mit einem männlichen Mitmusiker und hat mit ihrer Show zumindest meine Neugierde geweckt. Mein erster, zwangsläufig oberflächlicher Eindruck ist aber: die Hamburgerin Mohna bewegt sich stilistisch auf einem ähnlichen Feld, gefällt mir aber besser und bekommt dennoch deutlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Legt statt dem Album This Silence Kills also lieber 1985-1994 auf.

Die Flamen Oscar & The Wolf schließlich spielten heute zwischen Dillon und Loney, Dear und sagten mir auf Anhieb zu. Ihr an Damien Rice oder Moddi (der Gesang!) erinnernder Melancholiefolk klang zwar nicht unbedingt neu und originell, besaß aber genügend Tiefgang und Anmut, um zu betören. Und am Ende legte die um eine Blondine aufgelockerte Männerband mehr als einen Zahn zu und wurde richtig rockig und psychedelisch. Insgesamt: beobachtenswert. Ich könnte sie mir gut auf dem Haldern Pop 2012 vorstellen. Nein mehr noch: ich wette, daß Oscar & The Wolf 2012 in Haldern spielen!

Konzerttermine Dillon:

07.12.2012: Studio 672, Köln
09.12.2012: Karlstorbahnhof, Heidelberg
12.12.2012: Moods, Zürich,
13.12.2012: Künstlerhaus,Mousonturm, Rocker 33, Stuttgart

Unbedingt diese grandiose Akustiksession von Loney, Dear ansehen! Sie stammt von le-hiboo.com





Aus unserem Archiv:

Loney, Dear, Paris, 03.07.10
Loney, Dear, Paris, 02.07.10
Loney, Dear, Haldern, 14.08.09
Loney, Dear, Paris, 03.03.09
Loney, Dear, Paris, 18.01.09
Loney, Dear, Köln, 12.11.08
Loney, Dear, Haldern, 08.08.08
Loney, Dear, Frankfurt, 11.05.08
Loney, Dear, Paris, 12.11.07
Loney, Dear, Haldern, 04.08.07
Loney, Dear, Paris, 15.05.07

Dillon, Wien, 29.03.10
Dillon, Köln, 04.03.10
Dillon, Köln, 17.05.08




Donnerstag, 1. April 2010

Tocotronic, Wien, 29.03.10

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Konzert: Tocotronic, Dillon
Ort: Arena, Wien
Datum: 29.03.2010
Besucher: ausverkauft, also 1000 (gefühlt warns noch ein paar Hundertschaften mehr)
Dauer: Dillon 30 Minuten, Tocotronic 100 Minuten


- von Julius aus Wien -

Von den viel beschworenen Trainingsjacken zu leger geknöpften Hemden, von „Drüben auf dem Hügel“ zum „Graf von Monte Schizo“. So sieht Evolution aus, wie Tocotronic sie leben. Vermutlich die Band Deutschlands, auf die sich vielleicht nicht alle, aber wohl doch die meisten einigen können. Von den Feuilletons der renommierten Qualitätspresse ebenso wie von den Covers aller namhaften Musikzeitschriften, als auch von der Titelseite der Gratiszeitung in der U-Bahn blickte einem ein Quartett, angeführt von Dirk von und zu Seitenscheitel mit seinen drei Bandkollegen, die sich einander an den Händen hielten, entgegen. Tocotronic sind zur Institution im deutschsprachigem Kulturbetrieb geworden, ihre Songs zu Standards. Eine ganze Generation ist mittlerweile mit Tocotronic sozialisiert worden, ich zähle mich dazu.„Sag alles ab“ war eine zentrale Ansage des „Schall und Wahn“-Vorgängeralbums „Kapitulation“ und ich gehorchte. Auch wenn meine Schwester Geburtstag hatte und ich abends eigentlich hätte arbeiten sollen, der Pflichttermin 29.03 blieb unumstößlich. Geschenke, sofern man sie zeitgerecht besorgt, kann man schließlich auch beim Frühstück überreichen, Arbeitsstunden durch Zeitausgleich sausen lassen. Als ähnlich obligatorisch sahen sehr schnell auch 999 andere Toco-Fans den Besuch des Gastspiels der Hamburger Schüler (o welch Wortspiel) an, womit bereits Anfang Jänner ein zweiter Konzerttermin nötig wurde. Gemeinsam mit Berlin und –eh klar- Hamburg, war Wien in der glücklichen Lage, Tocotronic im Doppelback zu bekommen.

An diesem ersten Abend standen schon gut 200 Leute vor den noch geschlossenen Toren der Arena, als ich gegen acht dort eintraf. Ein Potpourri verschiedenster Slogans der gesamten Tocotronic-Geschichte bot sich einem, wenn man sich die T-Shirts der Besucher besah. Von „Let There Be Rock“ bis zum bereits erwähnten „Sag alles ab“ reichte diese alternative Diskografie auf Textil, aber auch das neue, auf blutrotem Stoff prangende „Die Folter endet nie“ fand sich bereits in großer Zahl.

Eine Stunde später war die Arena schon längst geöffnet, bummvoll und von Dillon bespielt. Phonetisch dem großen Namen Dylan ähnlich, musikalisch eher Vertretern wie Dear Euphoria
oder Lykke Li zuzurechnen, hatte das Mädchen-Bursche-Duo etwas Probleme mit der offensichtlichen Gesprächigkeit des Publikums, spulte aber solide das recht hübsche Set herunter, bis sie den, Dillon gegenüber etwas unhöflichen, Tocotronic-Sprechchören nachgaben und Platz für Schall und Wahn.

„Ihr habt mir viel zu oft auf die Schulter geklopft und ich glaub nicht daran, dass ich ohne das Klopfen noch kann“ hieß es einst in „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“, im neuen Stück „Eure Liebe tötet mich“ findet man diese Zeilen: „Eure Liebe tötet mich und doch bin ich unersättlich“. Ähnliche Thematik also, etwas feinsinniger gestaltet vielleicht, aber mit demselben Potenzial zum Tocotronic-Klassiker.„Ein Stück über Sprache, über Töne, über Musik selbst“ sei „Ein leiser Hauch von Terror“, kündigte von Lowtzow an, eine weitere Bestätigung des Weges, den Tocotronic mit dem neuen Album eingeschlagen haben: artifizieller, philosophischer, aber mit dem gleichen Hang zu einprägsamen Slogans wie immer.

Wie zum Beispiel „Die Folter endet nie“, den von Lowtzow in direkten Bezug zu Tocotronics mittlerweile mindestens 15-jährige Karriere stellte. „Die Folter endet nie, wir sind für sie geboren.“ Nicht ernst gemeint, natürlich nicht, denn was die Hamburger (und mittlerweile auch Berliner) Band entscheidend mitgeprägt hat, ist ja die enorme Unterstützung von den Fans. Was sie als durchaus nicht selbstverständlich ansehen und so gibt’s nach beinahe jedem Song eine Begeisterungsbekundung von der Bühne herab. Keiner kann so überzeugend und unumstößlich „Wien“ sagen, und auch wenn wohl Unterstinkenbrunner und Mürzzuschlager mit von der Partie waren, war die Arena für heute ein einziges Wien, generell ist ja Tocotronic ja eine Band, die sich die Heimatlosigkeit und die Freiheit als höchstes Gut auf die Fahnen (und T-Shirts) geheftet hat, und da ist es gar nicht mal so schlecht, wenn man daran erinnert wird, was das Hier und jetzt betrifft.

Drei Songs später manifestierte sich diese Haltung mit Mitteln, die für gewöhnlich eher patriotischen und simplen Ideologien eigen sind. Aufgerufen zum Mitskandieren ragten geballte Fäuste in die stickige Luft, „Aber hier leben…Nein Danke!“ schallte es, wie im Stadion. Es herrschte beinahe Festivalstimmung, als mit „Imitationen“ mein persönlicher Favorit des Abends nachgereicht wurde.

Es folgte im Wesentlichen der Rest des aktuellen Albums, inklusive des Mega-Schrammel-Songs „Gift“, der mit acht Minuten die Grenzen der Belastbarkeit auslotete.

Weitere Längen hatte der Abend stellenweise während der älteren, aber überaus hörenswerten Songs aus den 90ern, mit einer solchen Länge traten Tocotronic dann ab, nicht ohne nochmal ihre Wien-Affinität (besonders das Nachtleben betreffend, so munkelt man) bekundet zu haben: „Wir sind, waren und bleiben in Wien. Und das nicht zu knapp!“

„Mein Ruin“ eröffnete den ersten Zugabenblock und sofort herrshcte wieder blendende Stimmung. Trotz mäßiger Kritiken scheint „Kapitulation“ für die Fans ein hochsympathisches Werk gewesen zu sein. Nicht zu diskutieren ist über die Beliebtheit des Klassikers „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“, der ja bereits zu Anfang angesprochen wurde.

Mit „Sag alles ab“ endete die erste Zugabe.

Der wesentlich kürzere zweite Zugabenblock bestand aus „Die Idee ist gut, doch Welt noch nicht bereit dafür“, ebenfalls ein Oldie und ebenfalls ein Song (auch) über Einsamkeit.

Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten, dieser Fußballweisheit sind schon viele zum Opfer gefallen, die wie aus dem Nichts in der Nachspielzeit einen Gegentreffer hinnehmen mussten. Ebendies gilt für Konzerte. Und so wagten sich Tocotronic nach etwa 15 Minuten hoffnungsvoller Sprechchöre noch einmal auf die Bühne und gaben „Pure Vernunft darf niemals siegen“ zum Besten. Wunderbare Momente waren das.Wien liebt Tocotronic und Tocotronic lieben Wien. Mit dieser banalen, an TV-Melodramen erinnernde Feststellung schließe ich. Denn wenn auch nicht die Vernunft den Siegeskranz bekam, durften sich doch alle anderen Beteiligten als Sieger betrachten. Eine Band auf der Höhe ihrer Kunst und gewohnt stark in der Livedarbietung. Und ein Publikum, das sich hingeben will und es auch tut. „Keine Meisterwerke mehr?“ Der Gegenbeweis wurde erfolgreich angetreten.

Setlist Tocotronic, Arena, Wien:

01: Eure Liebe tötet mich
02: Ein leiser Hauch von Terror
03: Die Folter endet nie
04: Die Grenzen des guten Geschmacks
05: Verschwör dich gegen dich
06: Schall & Wahn
07: Aber hier leben, nein danke
08: Imitationen
09: Jenseits des Kanals
10: Ich werde nie mehr alleine sein
11: Bitte gebt mir meinen Verstand zurück
12: Jungs, hier kommt der Masterplan
13: Let there be rock
14: Macht es nicht selbst
15: Drüben auf dem Hügel
16: Keine Meisterwerke mehr
17: Stürmt das Schloß
18: Gift

19: Mein Ruin (Z)
20: Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen (Z)
21: Sag alles ab (Z)

22: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit (Z)
23: Outro: (Ingrid Caven - Die großen weißen Vögel) (Z)

24: Pure Vernunft darf niemals siegen (Z)



Donnerstag, 4. März 2010

Tocotronic, Köln, 04.03.10

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Konzert: Tocotronic (& Dillon)
Ort: E-Werk, Köln
Datum: 04.03.2010
Zuschauer: sehr voll
Dauer: Tocotronic gut 90 min, Dillon 30 min


Mit einer Ausnahme kam ich bei jedem meiner bisherigen Tocotronic-Konzerte zu dem Schluß, daß die Hamburger eine exzellente Studioband sind. Mir ging es heute anfangs genauso. Ich mag Schall & Wahn, die neue Platte, sehr gerne, trotzdem
sprang der Funke selbst bei großartigen Stücken wie Eure Liebe tötet mich oder Die Folter endet nie, die am Anfang gespielt wurden, so gar nicht auf mich über. Komisch! Als ich schon schulterzuckend "da kannste nix machen" dachte, drehte sich alles, das Konzert packte mich komplett und dauerte glücklicherweise noch lange genug. Am Ende stand ich perplex da, während vom Band das wundervolle Die großen weißen Vögel von Ingrid Caven lief. Unterm Strich ein aufregender Abend mit vielen Lieder, mit denen ich nicht gerechnet hatte.

Aber jetzt der Reihe nach:

So leer wie heute, habe ich die Straßen rund um Palladium und E-Werk wohl noch nie erlebt. Direkt vor den gegenüberliegenden Sälen waren 30 Minuten vor Beginn einige freie Parkplätze. Der Eindruck bestätigte sich im E-Werk dramatisch. Es war enorm leer, allerdings hatte man die Empore geöffnet.

Die heutige Vorgruppe, die ein wenig euphorisch als Special guest angekündigt worden war, wollte ich nicht verpassen, weil ich Dillon vor zwei Jahren einmal im
Melt! Klub im Gloria gesehen hatte und danach nicht so recht wußte, wie mir das denn nun gefallen hatte.

Dillon ist eine Band, ein Projekt der
ursprünglich aus Köln stammenden Berlinerin Dominique Dillon de Byington. Die Sängerin und Pianistin hatte einen zweiten Musiker dabei, den sie als Leon vorstellte. Gewonnen hatte mich die junge Frau, als sie das E-Werk nach dem ersten Lied begrüßte: "Hallo Köln, hallo Mama!"

Musikalisch ist Dillon nicht ganz leicht einzuordnen. Zu Dominiques meist einhändigem Klavierspiel kamen Beats von Band, sowie Leons unglaublich klar klingende Trommeleien. Aber es könnten auch Flöte, Fagott oder Zither dabei sein, das Außergewöhnliche an dieser Band bliebe trotzdem vor allem die Stimme der
Berlinerin, die mit ihrem starken Oszillieren an Kate Bush erinnert. Die zweite, freie Hand nutzte Dillon für gestenreiche Unterstützung ihres Spiels. Sie schlug sie sich aufs Herz, streckte sie, fast, als wäre die Hand ein zusätzliches Instrument.

Die komplexen Stücke der Sängerin sind ohne Zweifel reizvoll. Einige der Lieder gefielen mir sehr gut, allen voran das ausgezeichnete Duett
Not together but alone am Schluß des Sets. Einfache Kost, die man mal so nebenher (oder vorher) hört, ist die Musik von Dillon aber sicher nicht. Für den großen Erfolg ist Dominique auch sicher zu verhutschelt. Ich fand charmant, wenn ihre Texte oft nach einer Phantasie-Sprache klangen, sie mit den Händen fuchtelte oder beim ihrer Mutter gewidmeten Dominique die Fassung (und ein paar Tränen) verlor. Aber es war schon speziell. Womit die Euphorie des Veranstalters berechtigt war: Dillon war aus verschiedenen Gründen ein Special guest.

Setlist Dillon, E-Werk, Köln:

01: ?
02: In the dark in the park
03: Ausgabe II
04: Texture of my blood
05: Dominique
06: Your flesh against mine
07: Tiptapping
08: Not together but alone


(vollkommen ohne Gewähr)


Wann genau aus dem guten aber irgendwo egalen Tocotronic-Konzert ein sehr gutes, fesselndes wurde, weiß ich nicht mehr. Vermutlich aber endgültig mit dem Bruch im Programm, als Gitarrist Rick McPhail sein Instrument abstellte und Schlagzeuger Arne Zank aufstand. Ich dachte da ernsthaft, der reguläre Teil sei damit vorbei. Tocotronic hatten 40 Minuten gespielt, und das schien mir nicht zu unrealistisch.
Rick und Arne tauschten aber nur die Plätze, um Arne zwei sehr alte Tocotronic Songs singen zu lassen, Ich werde nie mehr alleine sein und Bitte gebt mir meinen Verstand zurück, ineinander gespielt und herrlich schief.

Danach war alles nur noch großartig! Das distanzierte, oft arrogant wirkende Gebaren von Sänger Dirk v. Lowtzow störte mich gar nicht mehr, genauso wenig die Posereien von Dirk und Bassist Jan Müller. Es machte auf einmal alles ganz schrecklich viel Spaß. Daß die Tocotronic-Lieder überzeugen, mußte man mir nie einreden, jetzt war es aber auch live wieder so, wie ich die vier auf dem Highfield-Festival vor drei Jahren erlebt hatte.

Auch wenn es vermutlich den meisten Zuschauern anders als mir ging, ich meine mich zu erinnern, daß die ganz ausgelassene Stimmung mit Gepoge und allem erst im Lauf des Konzerts entstand. Als Dirk dann vor dem zweiten Zugabenblock (Blöckchen, es war nur noch ein Lied) sagte: "Ihr beschämt uns, ihr Jecken!", hatte er zumindest mit dem Jecksein vollkommen recht.

Ein tolles Konzert unterm Strich, gar keine Frage! Warum es so ausging und kein vergeudeter Abend war, weiß ich nicht. Ob es an mir oder an denen lag, keine Ahnung. Aber das ist doch auch egal.

Setlist Tocotronic, E-Werk, Köln:

01: Eure Liebe tötet mich
02: Ein leiser Hauch von Terror
03: Die Folter endet nie
04: Die Grenzen des guten Geschmacks 2
05: Verschwör Dich gegen Dich
06: Schall & Wahn
07: Aber hier leben, nein danke
08: Imitationen
09: Jenseits des Kanals
10: Medley: Ich werde nie mehr alleine sein - Bitte gebt mir meinen Verstand zurück
11: Jungs, hier kommt der Masterplan
12: Let there be rock
13: Macht es nicht selbst
14: Drüben auf dem Hügel
15: Keine Meisterwerke mehr
16: Stürmt das Schloß
17: Gift

18: Mein Ruin (Z)
19: Ich bin viel zu lange mit Euch mitgegangen (Z)
20: Sag alles ab (Z)

21: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit (Z)

Links:

- Tocotronic, Köln, 07.06.08
- Tocotronic, Hohenfelden, 17.08.07




Sonntag, 18. Mai 2008

Klee, Ladyhawke & Dillon, Köln, 17.05.08

14 Kommentare

Konzert: Klee, Ladyhawke & Dillon (Melt! Klub)
Ort: Gloria, Köln
Datum: 17.05.2008
Zuschauer: bei Klee sehr gut gefüllt
Konzertdauer: Klee 60 min, Ladyhawke & Dillon je 30 min


Klee im Gloria weckte bei mir gleich gute Erinnerungen. Vor anderthalb Jahren beendete die Kölner Band ihre Tour hier mit einem traumhaften Konzert. Viel zu selten habe ich Suzie Kerstgens und Kollegen seitdem auf der Bühne gesehen, zuletzt im vergangenen Mai bei einem Radiokonzert bei "Unser Ding" in Saarbrücken. Im Gloria traten Klee nun im Rahmen des Melt! Klubs (mit K) auf, der Promotiontour zum Festival in Gräfenhainichen.

Erst sah es wieder so aus, als sollte es viel zu leer sein. Wir kamen pünktlich zur ersten Band und hatten Platz - viel Platz. Aber bei diesen Minifestivals ist so etwas ja nicht unüblich, vor allem dann nicht, wenn die ersten Bands nicht so furchtbar
bekannt sind (mir jedenfalls sagte "Dillon" nichts, sollte das als Maßstab gelten).

Dillon waren zu Dritt: Sängerin und Keyboarderin Dillon aus Berlin, die sich früher Ladybird nannte (da kannte ich sie aber auch noch nicht), ein Schlagzeuger, der mir bekannt vorkam, und ein Notebook, das zuerst die Hauptrolle spielte und Samples produzierte. Das Melt! Festival legt einen Schwerpunkt auf Elektro-Bands und
Musik, daher war es für mich nicht überraschend, daß eine elektronisch-experimentelle Gruppe bei der Klubgeschichte auftreten würde. Dillon (ich hasse es, Leute mit dem Nachnamen anzusprechen, aber wie heißt sie denn nun wirklich?) ist eine junge nicht sonderlich große Frau, die entweder nervös oder motzig war, richtig fröhlich sah sie nicht aus. Auch mochte sie wohl nicht viel reden. Außer einem hingehauchten Hinweis auf den Bandnamen gab es da nichts.

Es war experimentell... Manchmal erinnerten mich die Lieder an die Dresden Dolls, manchmal auch an MIT, die die letzte Band dieser Art waren, die ich live gesehen habe. Und da fiel mir auch ein, woher ich den Trommler zu kennen glaubte, es war derjenige, der auch bei den Kölner MIT die gleiche Funktion hatte. MIT hatte ich bei einem Intro Intim im Gebäude 9 im Januar gesehen, da hatte Tamer Özgönenc
auch Notebook und Toms bedient.

Der kurze Auftritt war interessant, wenn auch mir meist zu elektronisch, das ist aber
selbstverständlich Geschmacksache*. Richtig gut gefiel mir das vorletzte Lied der 19 oder 20jährigen Dillon, das etwas popigere Songstrukturen hatte (vielleicht bekomme ich den Titel noch raus). Einer der Refrains des Stücks war "If you don't dance I don't sing", eine Drohung, die sie nicht wahrmachte, es tanzte nämlich genau einer vor der Bühne, ansonsten war das wenige Publikum sehr zurückhaltend. Es ist eben der Nachteil bei solchen von Musikzeitungen veranstalteten Minifestivals, bei denn so grundverschiedene Bands auftreten, daß viele mit den Gruppen nichts anfangen können.

Vorher hatte es einmal so ausgesehen, als gäbe es Probleme bei dem Auftritt, Dillon drehte sich irgendwann von der Bühne weg, Tamer fragte "are you ok?", die Sängerin
war aber offenbar ok genug, um weiterzumachen. Nach dem mir so gut gefallenden Stück verließ Tamer den Saal (er hatte sich vorher, wenn er nicht gebraucht wurde, irgendwo auf der Bühne hingesetzt). Dillon schnappte sich ein Megaphon, kletterte von der Bühne und lief durch den Saal und sang/sprach irgendwas, was ich nicht verstand. Dazu lief Musik vom Notebook. Und dann war es vorbei, Dillon verließ (singend oder so) den Saal durch den Künstlerzugang. Ganz vorbei war es aber noch nicht, weil in den kommenden Minuten irgendwer backstage mit dem Megaphon rumspielte, das war noch angeschlossen...

Einen ganz kurzen Umbau später waren wir sehr erleichtert, daß ein Keyboard auf
der Bühne stand. Es gibt nämlich mal wieder mehrere ähnlich klingende Bands - "Ladyhawk" und "Ladyhawke", die ohne E haben wohl auch kein Keyboard und bei Youtube keinen guten Eindruck hinterlassen.

Ladyhawke ist vermutlich wieder der Name der Sängerin, nicht der Band, ähnlich wie im Falle Dillon. Zumindest deute ich die Aussagen der jungen Frau aus Neuseeland so. Neben Ladyhawke waren drei Musiker auf der Bühne, ein Schlagzeuger, ein Bassist und ein Gitarrist. Die Sängerin, die aussah wie Bob Geldorf in der Kleidung von Jamie T, spielte eine schneeweiße Gitarre und Keyboard. Die Hauptarbeit des Auftritts machte aber irgendeine CD im Hintergrund - und das war auch schon mein Problem mit den wohl sehr hippen (glaubt man den üblichen Hypemeldungen) Neuseeländern. Der unterlegte Eurodisco-Beat vergraulte mir die Poplieder vollkommen, die "konservativ gespielt" gut hätten sein können. "Paris is burning" (schon wieder? Die arme Stadt!) wäre ein schönes Indieliedchen, wenn es mich nicht - wie alles - fatalerweise an Robyn, die Schwedin, die ich am gleichen Tag wie MIT gesehen habe, erinnert hätte.

Ladyhawke mögen unglaublich modern und angesagt sein (oder werden), für mich war das nichts. Es hat nicht wehgetan, sich das anzusehen, der Auftritt war nicht lästig oder Zeitverschwendung (das unterscheidet Ladyhawke von Robyn), mehr aber auch nicht.

Setlist Ladyhawke, Gloria, Köln:

01: Professional suicide
02: Manipulating women
03: Dusk till dawn Ladyhawke
04: Magic
05: Love don't live here
06: Back of the van
07: Pars is burning
08: My delirium

Als dritte Band erwarteten wir dann den Grund meines Kommens, Klee aus Köln. Klee haben das Label gewechselt und in den vergangenen Monaten an einer neuen Platte gearbeitet. Obwohl einige der Lieder schon im Netz zu hören sind, hatte ich mir vorher eine Selbstbeschränkung auferlegt, um die neuen Stücke live zum ersten Mal zu hören. Ich weiß nicht, ob das klug (und nachvollziehbar), mir erschien das aber genau richtig so.

Neu war schon einmal der zusätzliche Musiker. Neben Tom (Gitarre), Daniel (Schlagzeug), Suzie (Gesang & Entertainment), Pele (Bass) und Sten (Keyboard) v.l.n.r. war ein Percussionspieler dabei. Der Neuling war Alex Overschmidt, den ich schon einmal bei einem herausragenden Coverabend erlebt hatte. Die zusätzlichen
Rasseln und Getrommel gaben dem Sound der Lieder einen zusätzlichen Kick, der mir außerordentlich gut gefallen hat!

Sonst war es wie immer wundervoll. Es begann mit den drei Lieblingen "Für alle, die", "2 Fragen" und "Tausendfach". Klee hatten damit ganz deutlich klargestellt, wer hier Headliner des Abends war, auch wenn die Infadels nachfolgen sollten. Aber wie singen die Indelicates schon: Alles was nachfolgt, ist bloß Randnotiz. Das Publikum war zum Großteil wegen Klee da, daran gibt es für mich keinen Zweifel. Vorne war es zwar auch bei den Kölnern noch angenehm, der Saal sah aber voll aus (und war es weitestgehend). Vorher (und dann auch bei der nachfolgenden Footenote) standen in den ersten Reihen sichtbar weniger Zuschauer.

"Mein Geheimnis" empfand ich als überraschend hart und gitarrenlastig am Ende. Nicht, daß ich falschverstanden werde: Ich mag das so sehr gerne. Klee klingen live ohnehin rauher als auf Platte. Trotzdem meine ich, "Mein Geheimnis" so noch nicht
erlebt zu haben. Klasse war das! Nach "Solang du lebst" und dem immer wieder effektvollen (obwohl mit einfachen Mitteln erzeugt) "Lichtstrahl" (dabei ist der Raum dunkel bis auf zwei Handscheinwerfer, mit denen Suzie durch die Dunkelheit leuchtet), kam der Höhepunkt des Abends... "Zwei Herzen", die neue Single, hat mich beim ersten Hören locker erobert, eines der besten Klee-Lieder bisher. Mir ging es dabei wie beim ersten Hören von "Erinner dich" (bei 1Live auf der Fahrt an Oberhausen vorbei, falls das jemanden interessiert). "Zwei Herzen" ist und wird ein Hit und vielleicht der lange verdiente große Durchbruch der Band. Ich mag zwar manchmal ungerne teilen, Klee götte ich aber größere Hallen und (wenn es nicht so eklig wäre) die unvermeidlichen Wetten Dass Auftritte, auch wenn dann künftige Konzerte weniger intim würden. Sie würden nämlich, daran habe ich keinen Zweifel, nur wegen der größeren Anzahl der Zuschauer unintimer, und nicht etwa uncharmanter. Daher habe ich keine Angst, eine Lieblingsband an den Erfolg zu verlieren, ich würde Klee gerne teilen!

Also... "Zwei Herzen", der Riesenhit... Das Lied klingt nach Klee, nach Gitarren und nach Britpop. Hätte es einen englischen Text, wäre es in England sicher hitfähig. Als wollten sie noch einmal verdeutlichen, was für ein Knaller das Lied ist, wurden mitten im Lied Silberglitterkanonen abgeschossen.

Auch wenn der Rest Mist wäre, rechtfertigte das Lied schon den Kauf der CD. Aber
der Rest wird ja nicht schrecklich, denn eine zweite Kostprobe folgte nach "Standard kompakt", ein Lied namens "Zwischen Glauben und Vertrauen", das auch beim ersten Hören einen ganz fabelhaften Eindruck machte! Stilistisch liegen die beiden neuen Stücke etwa in der gleichen Kategorie.

Zwei Knüller also schon einmal - mehr als die aktuelle Long Blondes CD aufzuweisen hat. Im Gegensatz zu früher sind die Long Blondes ja auch nicht mehr sonderlich glamourös. Suzie hat sich da nicht geändert. Die Sängerin trug ein goldenes (um genau zu sein ein güldenes) Kleid, dessen Schichten übereinander lagen (das Foto kann es besser beschreiben als ich), dazu am Anfang einen goldenen Haarring. Sie sah nach einer 20er Jahre Filmdiva aus, was sich ganz prima im eleganten Gloria machte!

Zwei weiter ein drittes neues Lied, "Die Königin". Wenig überraschend auch das ein großer Knüller... Aber der Stil ist ein anderer. "Die Königin" klingt mystisch und ruhig - und gefällt mir sehr! Mehr kann ich auch dazu nach dem ersten Mal nicht sagen, dafür ist der Titel noch zu frisch.

"Nicht immer aber jetzt" und "Gold" noch - und das einstündige Konzert war leider zu früh vorbei, dem Festivalcharakters des Abends geschuldet.

Es wäre aber kein Kleekonzert gewesen, wenn ich hier nur über Musik schreiben
könnte. Natürlich gehört noch der Suzie-Faktor zu einem solchen Auftritt. Die Sängerin gratulierte dem großartigen FC ("1.FC Köln" für Auswärtige) zum Aufstieg und wollte eigentlich mit uns dazu "Nie mehr 2. Liga" singen. Leider ging das Publikum darauf nicht ein. Hey! Fußball mag man als prollig und ganz und gar undandyhaft empfinden. Aber Fußball und Popmusik sind doch nach der Geburt getrennte Zwillinge! Kaizer Chiefs, George Best, "You'll never walk alone", "Lukas Podolski never meant anything to me"... es lassen sich beliebig viele Beispiele finden. Pele (!) jedenfalls hatte schon auf seinem Bass die "Nie mehr 2. Liga" Melodie angestimmt, leider ohne unsere Reaktion. Als dann Suzie noch von den Urlaubsplänen von Thomas Broich (einer der Aufstiegshelden) erzählte und sie auf Zuruf antwortete, daß sie davon im Express gelesen habe, war der heimische Fußballverein gut gewürdigt.

Klee waren perfekt! Was freue ich mich auf die nächsten Konzerte dieser Lieblingsband. Die nächste Chance wird das Melt! Festival sein (sie sind für mich neben Franz Ferdinand und Los Campesinos! der Grund, dahin zu fahren), danach die Clubtour im Oktober. Und bis zu der Herbsttournee kenne ich dann auch schon die CD in- und auswendig.

Setlist Klee, Gloria, Köln:

01: Für alle, die
02: 2 Fragen
03: Tausendfach
04: Mein Geheimnis
05: Solang du lebst
06: Lichtstrahl
07: Zwei Herzen (neu)
08: Standard kompakt
09: Zwischen Glauben und Vertrauen (neu)
10: Dieser Fehler
11: Die Königin (neu)
12: Nicht immer aber jetzt
13: Gold

Ob der anwesende prominente Musikjournalist sich Klee angesehen hat, weiß ich nicht, jedenfalls stand er bei den Infadels in der Bar und ersparte sich diese (die Band, nicht die Bar, just in case). Das konnte ich nur wissen, weil deren Auftritt für mich während des ersten Lieds schon beendet war. Zum einen war es spät (sie begannen um halb eins), zum anderen hatte ich keine Lust, mir nach einem großartigen Konzert "Right Said Fred spielen Placebo-Cover" anzusehen. Vielleicht ist das ungerecht, der Anfang war aber scheußlich und der Habitus des Sängers ließ nicht erkennen, daß es besser würde. Also habe ich alles richtig gemacht, den Abend hier zu beenden.

Links:

- Fotos vom Melt! Klub im Gloria
- aus unserem Archiv:
- Klee, Saarbrücken, 30.05.07
- Klee, Köln, 22.03.07
- Klee, Köln, 26.10.06

Konzertbesucher von Dillon könnten auch mögen:

- MIT, Köln, 14.01.08
- Battles (mehrfach)


* Ich weiß nicht mehr, was ich hier anmerken wollte.



 

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