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Dienstag, 1. Oktober 2024

Nick Cave & the Bad Seeds - Rudolf-Weber Arena - Oberhausen - 24.09.2024

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Konzert: Nick Cave + the Bad Seeds 
Ort: Rudolf Weber Arena, Oberhausen
Datum: 24.09.2024
Dauer: 145 min.
Zuschauer: ca. 10.000


Ein verregneter Abend im Spätsommer, ein grauer Anzug mit Krawatte und eine Multifunktionsarena im Ruhrgebiet sind normalerweise nicht die perfekten Zutaten für ein emotionales und musikalisch hochwertiges Konzert.

Aber wir reden ja hier von Nick Cave, der an diesem Abend seine neue Tournee mit den Bad Seeds, vier Backgroundsänger/innen und Colin Greenwood (Radiohead) am Bass in Oberhausen startet. Thematisch will das so gar nicht in diese schmucklose Halle am Centro passen. 

Wer meint, er bräuchte einen Liter Cola, kann ihn hier für 11,80 EUR erwerben. Ansonsten ist man froh, das grelle Licht des Umgangs zu verlassen und sich in der bereits dunklen Halle auf Dry Cleaning zu freuen. Die haben einen schweren Stand. 


Wer Florence Shaw noch nie live gesehen hat, wird natürlich zunächst etwas verwirrt sein. Die Band versucht gar nicht erst, die Vorfreude der Nick Cave Fans zu stören und spielt ihre 40 Minuten einfach dahin. Schade. Aber wer möchte schon bei Nick Cave als Support fungieren. 

Nichts weniger als eines der Konzerte des Jahres wird erwartet. Hier noch versehen mit der Stimmung des Ungewissen, da die Setlist ja noch nicht bekannt ist. Und ja, es wird viele Premieren geben an diesem Abend. Neun bisher nie live gespielte Songs des Albums "Wild God", dazu Raritäten wie Grindermans "Palace of Montezuma" und "Papa, won`t leave you, Henry". 

Das Konzert ist nicht weniger als ein Ereignis und die hohen Erwartungen werden mehr als erfüllt. Natürlich gleichen viele Elemente der letzten Tourneen mit den Bad Seeds, aber wer möchte darauf verzichten. Schon beim ersten Song nutzt Cave wieder den montierten Catwalk auf dem Wellenbrecher. 


Trotz der fast 2,5-stündigen Show gibt es keine Aufwärmphase. Joy, Frogs und Wild God eröffnen das Set und fühlen sich an wie alte Bekannte. In der bekannten Mischung aus Prediger und Hospitalismus macht Cave Meter um Meter, sucht sich starke Hände zum Abstützen und tadelt nicht textsichere Besucher mit Augenkontakt. 

All dies wäre unnütz, würde es nicht zur Musik, den Texten und der Band passen. Diese spielt in einer überbordenden Perfektion  und treibt Cave immer wieder an, lässt ihm dann wieder viel Raum, um ihn am Ende sicher durch den Wahnsinn der einzelnen Tracks zu begleiten. 


Wer jemals Zeuge einer Live-Version von Jubilee Street wurde, wird sie nie wieder vergessen. Hier zwingt sich Cave immer wieder an den Flügel um die bereits ikonischen Akkorde anzuschlagen, während die Bad Seeds sich dazu in eine Raserei aus Sound spielen. 

Es gibt nur wenige Minuten, die Zeit zum Luft holen lassen. Anders als bei seinen Solokonzerten wirken hier die Balladen, alleine am Klavier, allerdings fast störend. Eher muss man sich in diesen Minuten wieder etwas sammeln als die Ruhe und Klasse der Songs ausgiebig genießen zu können. Einzig "I need you" funktioniert hier für mich in diesem Rahmen, wunderschön illuminiert verliert sich das Licht langsam hinter dem Flügel. 

"Red right Hand" und "The Mercy Seat" treiben danach die Ekstase weiter voran, bevor bei den Zugaben der Gospel dominiert. Es ist ein universelles Stück Musikgeschichte, das hier präsentiert wird. Kein Verständnis der Texte ist notwendig, um die Emotionen zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit zu verstehen. 


Cave und seine Musiker erfinden nichts neu aber kreieren so viel Neues. Am Ende steht man wieder mit seinem leeren Mehrwegbecher im Regen vor der Mehrzweckhalle, aber mit einem Lächeln im Gesicht. Das Leben wird einem so schnell nichts mehr anhaben können.  



Samstag, 21. August 2021

Tocotronic, Trier, 20.08.21

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Konzert: Tocotronic - Let there be Tocotronic (The Hamburg years)
Ort: Arena Vorplatz, Trier
Datum: 20.08.2021
Dauer: ca. 105 min
Zuschauer: nicht ausverkauft




Liebes Tagebuch,

heute bin ich recht gut ausgeschlafen aufgestanden und nach Trier gefahren. Trier schien mir ein guter Ort für eines der Hamburg years Konzerte von Tocotronic zu sein, denn dort habe ich während des Studiums zum ersten mal Tocotronic-Lieder gehört und leise mitgesungen habe, wenn ich an den Jongleuren vor der Mensa vorbeigegangen bin. 

Das ist irrsinnig lange her, damals gab es noch keine Arena, Konzerte fanden im Exhaus statt. Oder in Köln. Das größte kulturelle Spektakel in Trier seit Abzug der Römer hatte ich damals dummerweise verpasst. Prince spielte 1992 im Moselstadion, die Tickets dafür waren mir viel zu teuer gewesen (55 DM). 


Als ich mein Ticket für Tocotronic (36,90 €) gekauft habe, war natürlich überhaupt nicht abzusehen, ob, wann und wie das Konzert stattfinden würde. Daran haben wir uns in den vergangenen Jahren gewöhnen müssen. Da ich zweimal geimpft bin und vor einigen Wochen meine ersten beiden Konzerte seit Corona-Beginn gesehen habe, erschien mir ein erstes großes Ding im Freien nicht verkehrt zu sein. Im Sommer letzten Jahres war das für mich vollkommen unattraktiv. Jetzt gibt es hohe Impfquoten und durchdachte Sicherheitskonzepte, warum also nicht! 

Ich war früh da, mein Konzerttiming funktioniert noch nicht wieder. Weil der örtliche Veranstalter (der damals bei Prince auch schon dabei war) auf Anfragen, was man als Gast zu beachten hat, nicht reagiert hat - jedenfalls nicht vor der letzten Zugabe* - wusste ich nicht, wie lange die Überprüfung von Impfstatus oder Tests und der Austausch der Steh- in Sitzplatztickets dauern würde. Die Organisation des Kartentauschs war perfekt. Für uns Stehplatzinhaber waren die ersten Sitzreihen reserviert. Später im Vorverkauf gab es wohl nur noch Sitzplätze mit festen Nummern. Ich war als dritte Gruppe da, also saß ich in der ersten Reihe leicht links vom Sänger. Die Corona-Checks waren zwar auch pragmatisch gelöst, waren aber auch aus meiner Sicht fragwürdig. Es gab nämlich keine. Keines der Gs wurde überprüft, auf Banden stand aber, daß man mit Symptomen nicht reindürfe. Nun denn. Grund für den laxen Umgang war wohl die niedrige Inzidenz in Trier. Daß sicher ein Großteil des Publikums nicht aus Trier oder Trier-Land kam, spielt dann eben keine Rolle. 




Um 19:15 Uhr ging es vorgruppenfrei los. "Wir spielen für euch Lieder aus den Jahren 1993 bis 2003 und zwar in chronologischer Reihenfolge." Also Stücke der ersten sechs Platten. "Chronologisch" war dabei als albenchronologisch zu verstehen, also in der Reihenfolge, in der sie auf den Platten sind, vom ersten Lied bis zu den Zugaben. Ich mag so etwas sehr! Nach Neues vom Trickser (letztes Lied, letzte Platte Hamburg years) kamen noch zwei Ausnahme-Zugaben, Hoffnung, die 2020er Single und Letztes Jahr im Sommer.

Natürlich war das Konzert brillant. Was könnte bei der Band und der Setlist schiefgehen? Der Klang war eine Spur breiig, aber hey, es findet wieder Livemusik statt! Auch an der Liedauswahl könnte man mäkeln, wenn man umbedingt mäkeln möchte. Die perfekte Liveshow der Hamburg years wären ohnehin drei Abende à zwei Alben gewesen (die Sparks haben das in London vor einigen Jahren gemacht und an 20+ Abenden jedes Album komplett gespielt, The Divine Comedy machen das irgendwann nach Corona auch - Tickets liegen hier). Aber als Auswahl taugten die 22 Lieder perfekt!

Dirk von Lowtzow schien gut gelaunt. Er hielt uns unterwegs immer wieder auf dem Laufenden, sagte wo wir uns gerade befanden ("wir sind jetzt im Jahr 1999" oder "wir kommen jetzt zum ersten Lied, das wir als Tocotronic geschrieben haben, glücklicherweise gleich eines der besten Stücke aller Zeiten! Die Idee ist gut, die Welt noch nicht bereit"), dirigierte viel, was ich anfangs als Aufforderung verstand, aufzustehen. Bei einem der letzten Konzerte hatte die Band aber wohl darauf hinweisen müssen, daß das Publikum sich wieder setzen müsse. 

Auch wenn Konzerte im Sitzen die Pest sind (Seuchenvergleiche aber auch), haben sie einen Vorteil: das Publikum ist aufmerksamer. Das dämliche Quatschen mit dem Nachbarn, das noch dämlichere Zusammenschlagen von Flaschen vor jedem Schluck waren nicht zu hören. Wie bei Fußballgeisterspielen hört man plötzlich Dinge, die sonst untergehen. Hier waren es ein paar schöne Reaktionen des Publikums. Dirks "wir spielen jetzt einen postmodernen Song" kommentierte jemand mit "die sind doch alle postmodern!" "Ja, scheiße!" Oder - mein Liebling - nach der Ansage "es folgt ein selten gespielter Protestsong" ein von Herzen kommendes "oh!"

Mehr kann ich mir ein Konzert im Sitzen aber nicht schönreden. In einem Club oder auf einer matschigen Wiese stehend hätte ich den Auftritt geliebt. So war es ein DVD-Abend auf einem unbequemen Stuhl. Das coronabedingte Konzept Großkonzert sitzend funktioniert bei mir nicht. Oder richtiger: ich funktioniere da nicht. Band, Songs, Wetter, Bandlaune, Publikum, Organisation (von der 3G-Sache und der Kommunikation abgesehen), alles perfekt! An mir ging das aber leider komplett vorbei. Wie Prince 1992. 

Setlist Tocotronic, The Hamburg years, Trier:

01: Freiburg 
02: Digital ist besser 
03: Drüben auf dem Hügel 
04: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit 
05: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein 
06: Du bist ganz schön bedient 
07: Michael Ende, du hast mein Leben zerstört 
08: Die Welt kann mich nicht mehr verstehen 
09: Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst 
10: Nach Bahrenfeld im Bus 
11: Sie wollen uns erzählen 
12: Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen 
13: Let there be rock 
14: Die neue Seltsamkeit 
15: Jackpot 
16: Die Grenzen des guten Geschmacks 2 
17: Jenseits des Kanals 
18: Das Geschenk 

19: This boy is Tocotronic (Z) 
20: Hi freaks (Z) 
21: Neues vom Trickser (Z) 

22: Hoffnung (Z) 

23: Letztes Jahr im Sommer (Z)

* Das Antwortmail kam um 21:15.








Sonntag, 7. Mai 2017

The xx, Berlin, 25.02.17

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Konzert: The xx
Ort: Arena Berlin
Datum: 25.02.2017
Dauer: knapp 85 min
Zuschauer: 9.000 (ausverkauft)



Ich habe noch nie lauteren Jubel am Ende eines Konzerts erlebt. Es war nicht einfach lauter Applaus, es klang nach Stadion und entscheidenden Toren. Dabei schien das Publikum um uns rum nicht wegen The xx sondern wegen des Events gekommen zu sein. Klassenfahrt nach Berlin- und Städtetrip-Publikum. Die Gruppe niederländischer Frauen vor, neben und hinter uns, die viel eher Zielgruppe der Band war als ich, unterhielt sich (und uns) ununterbrochen. Normalerweise verdirbt mir alleine das schon ein Konzert, auf das ich mich so gefreut hatte. Eine riesige Halle auch. Und die immer zu der gehörenden anstrengenden Menschen, die irgendwie noch in die kleinsten Lücken zu passen glauben (tun sie nicht). Und rhythmisches Klatschen natürlich! Von all dem gab es zu viel. Trotzdem wurde der Auftritt von The xx so viel besser als objektiv eigentlich möglich. Romy, Oliver und Jamie sind schließlich im Mainstream angekommen und das wird man in der Regel nicht mit unverändert guter Musik, dafür ist der kollektive Geschmack bei uns viel zu mies.



The xx sind jetzt seit acht Jahren auf unserem Live-Radar. Natürlich waren die ersten Konzerte in Deutschland auch schon ausverkauft, sie fanden aber in Clubs wie dem Luxor in Köln (noch zu viert) oder dem Nachtleben in Frankfurt statt. Jetzt ist die Band in den riesigen Sälen angekommen, eine Stufe vor der Sporthalle. Schon am Anfang waren The xx live fantastisch. Mit der zweiten Tour, also wenigstens der zur zweiten Platte packten sie da noch eine ordentliche Schippe drauf. Natürlich war es da schon vielen nicht mehr indie genug. Wenn eine vierstellige Zahl Leute mit mir bei einem Konzert ist, kann die Band ja nicht mehr gut sein. Also las man immer häufiger davon, daß The xx "zu steril" seien, daß die Konzerte langweilig wären, man auch eine CD hören könne. Das ist alles großer Unsinn. So 2012 waren The xx auf dem Zenit. Steril? Ja, das gehört zum Konzept. Dieser gelangweilt klingende Gesang von Romy und Oliver, die meist aneinander vorbei singen (wundervoll!), das mag man oder nicht. Aber langweilig und wie auf CD? Wer das so empfindet, steht vermutlich während des Konzerts an der Bar. Jamie xx, der für all die elektronischen Geräusche (oder eher für alles außer Bass und Gitarre) zuständig ist, zuzugucken, ist spannender als alle Tatorte zusammen. Als ich die Band 2012 in Luxemburg zuletzt erlebt habe, klebten meine Augen auf dem Mann hinten. Ihn zu beobachten, wie er jeden kleinen Beat live erzeugte, war toll! Nein, besser als 2012 würde es heute in den noch größeren Hallen nicht mehr werden können.

85 Minuten später war meine Einschätzung korrigiert. Die können wirklich noch mehr. Selbst die Lieder der neuen Platte, die mir bei den ersten Malen noch nicht so gut gefielen wie die von den ersten beiden, waren live riesige Knüller. Aber vor allem war die Dramaturgie des Konzerts überragend. Es begann eher langsam, am deutlichsten beim von Romy Madley Croft alleine vorgetragenen Performance, dann kam ein Drake Cover und es wurde von Lied zu Lied danciger. Hätte ich vor dem Konzert "dann kam ein Drake Cover und es wurde von Lied zu Lied danciger" gelesen, ich hätte mein Ticket noch verkauft (nein). Aber erstaunlicherweise waren gerade die Lieder mit treibendem Beat besonders grandios. Am meisten entsetzte mich, daß das an den ESC erinnernde Jamie xx Lied Loud places, diese Eurodisco-Hymne, vielleicht das beste Stück des Abends war. Oder Shelter, das einen Techno-Beat verpasst bekommen hat, fastastisch! The xx scheinen wirklich nichts falsch zu machen und ein Gespür für musikalischen Stil zu haben wie kaum eine andere Band zur Zeit. Daß sie damit Nummer eins in zig Charts waren - selbst in Deutschland (und den Niederlanden), sollte man feiern. Die Band dafür zu bestrafen, daß sie den Musikgeschmack in Deutschland verbessert, ist ziemlich dumm. 

Vermutlich war das mein einziges The xx Konzert für eine Weile, so oft ist die Band ja nicht mehr unterwegs, je kleiner die Welt für sie wird. Aber in meinen Jahres Top-10 kommt jede Band eh nur mit einem Konzert vor. Und in meine Bestenliste kommt dieses Konzert auf jeden Fall! Ein perfekter Abend!

Setlist The xx, Arena Berlin:

01: Say something loving
02: Crystalised
03: Islands
04: Lips
05: Basic space
06: Performance
07: Too good (Drake Cover - mußte ich googlen)
08: Brave for you
09: Infinity
10: VCR
11: I dare you
12: Dangerous
13: A violent noise
14: Fiction
15: Shelter
16: Loud places (Jamie xx Cover)

17: On hold (Z)
18: Intro (Z)
19: Angels (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
-
The xx, Esch-sur-Alzette, 23.11.12
- The xx, Barcelona, 31.05.12
- The xx, Köln, 26.08.10
- The xx, Barcelona, 27.05.10
- The xx, Paris, 18.02.10
- The xx, Frankfurt, 03.11.09
- The xx, Köln, 15.10.09

Fotos:

- Archiv und Handy
 



Sonntag, 13. Oktober 2013

Anna von Hausswolff, Wien, 09.10.13

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Konzert: Anna von Hausswolff
Ort: Arena, Wien
Datum: 09.10.2013
Dauer: ca. 75 min
Zuschauer: ca. 100 



von Ursula von neulich als ich dachte

Nach beachtlichen vier Konzertabenden in Wien war es schon fast Zeit, die Heimreise anzutreten und das hiesige Konzertfeld an seinen Eigentümer Julius zurückzugeben. Am letzten Abend nahmen wir dann aber noch als zwölften Bandauftritt Anna von Hausswolffs Konzert mit. 

Wenn man in letzter Zeit Berichte beim Konzerttagebuch gelesen hat, ist man des Öfteren über den Namen der Schwedin gestolpert, ihr Album Ceremony wurde auch bereits im August 2012 bei Platten vor Gericht vorgestellt. In Österreich erscheint es dagegen erst 2013, was wohl erklärt, warum ihr Konzert auf der Homepage des Veranstaltungsortes Arena als „Geheimtipp unter Eingeweihten“ bezeichnet wurde. 

Als Geheimtipp unter Eingeweihten entpuppte sich dann aber erst einmal die Lage des Konzertsaals. Obwohl wir den auch nicht unbedingt selbsterklärenden Fußweg zwischen U-Bahn und Arena bereits von früheren Wien- und Konzertbesuchen kannten, standen wir nach unsere Ankunft vor der nicht trivialen Aufgabe, die konkrete Räumlichkeit auf dem dunklen, unübersichtlichen und unbeschilderten Gelände zu finden, das mehrere Konzert-Locations sowie Bars, Getränkestände sowie jede Menge düstere Nischen aufweist. 

Nach erfolgloser Suche folgten wir einfach den einzigen Besuchern außer uns, die keine Lederjacken trugen, um nicht doch zu den norwegischen Rockern von Bloodlights zu gelangen, deren Konzert ebenfalls irgendwo auf dem Gelände stattfand und das wir wenig später auch gut hören konnten. Anna von Hausswolff konnten wir, nachdem wir endlich den richtigen Raum gefunden hatten, ebenfalls bereits singen hören – beim Soundcheck. Das Konzert sollte, wie wir nun per Aushang erfuhren, nämlich erst um 22 Uhr beginnen, also hieß es zunächst warten, während sich nach und nach etwa 100 Besucher um uns versammelten. Der Auftrittsraum war mittlerweile ebenfalls zugänglich gemacht worden und erwies sich als sehr heruntergekommen. Dabei hätte die „Kirchenmusik“ der Künstlerin einen ganz anderen räumlichen Rahmen verdient. 

Irgendwann hatten wir dann genug gewartet, und die Künstlerin, die mit vollem Namen Anna Michaela Ebba Electra von Hausswolff heißt, betrat im bodenlangen schwarzen Samtkleid und in Begleitung von vier männlichen Musikern, die sie im Laufe des Abends nach und nach vorstellte, die Bühne – es handelte sich um Karl Vento und Joel Fabiansson (jeweils Gitarren), Ulrik Ording (Schlagzeug) und Filip Leyman (Synthesizer). Zunächst begann Anna an der Orgel jedoch allein, Epitaph of Theodor zu spielen, während die anderen Musiker erst nach und nach einsetzten. 

Die ersten drei gespielten Titel entsprachen dann dem Beginn ihres Albums Ceremony, was auch bedeutete, dass es circa 10 Minuten dauerte, bis die erste Note gesungen wurde. Die Mitmusiker verharrten manchmal minutenlang, bis sie wieder einen Einsatz hatten, die gespielten Titel waren generell lauter und prog-rockiger als in ihren Album-Versionen. Hinter mir wurde angemerkt, das sei ja alles ganz schön, es wäre aber noch besser, wenn es zehnmal so schnell gespielt würde – aber dann wären wir wohl bei einem Speed Metal-Konzert gewesen... 

Titel Nummer vier wurde auf der Setliste als Noise bezeichnet und ließ sich später per Internetrecherche nicht weiter zuordnen. Danach folgte Liturgy of light, das mit gewaltigem Rasseleinsatz eingeleitet wurde und für das Anna von ihrer Sitzbank an der Keyboard-Orgel aufstand, um den Song im Stehen mit Akustikgitarre vorzutragen. 

Anna selbst wirkte häufig in sich selbst und ihre Musik versunken, wobei man außer vielen blonden Haaren wenig von ihr sehen konnte – ein bisschen war es manchmal, als säße „Cousin It“ aus der Addams Family an der Orgel. Sie machte aber gelegentlich sehr liebenswürdige Zwischenansagen: Sie freue sich so, in Wien und hier zu sein, was bei ihr gar nicht phrasenhaft, sondern aufrichtig und nett klang. Auch für ihre Mitmusiker hatte sie viele freundliche Worte und berichtete, dass sie mit Carl schon seit 12 Jahren musiziere. Die beiden hatten zusammen ihre erste Band, aber nur drei Songs, die das Publikum irgendwann nicht mehr hören konnte – da ihnen keine weiteren einfielen, besiegelte dieses Problem das Ende des Projekts. Filip ist ebenfalls ein alter Bekannter, Produzent des Albums und Synthesizer-Guru. Die anderen Bandkollegen sind neu, aber genießen ebenfalls Annas Sympathie. Und auch den Soundmann erwähnte sie später noch gesondert als großartigen Kollegen. 

Wenn Anna einmal nicht die Haare im Gesicht hatte, glühten die Fotoapparate in den ersten beiden Reihen. Hier hatten sich beinahe ausschließlich Männer eingefunden, die ihre zum Teil gewaltigen Kameraobjektive ohne Unterlass auf die hübsche blonde Schwedin richteten – sie wurde an dem Abend sicherlich einige tausend Mal fotografiert. 

Das nun folgende Lied – auf der Setliste als New song bezeichnet – ist noch titellos und wir wurden eingeladen, später am Merchandise-Stand auf Zetteln Titelvorschläge einzureichen. 

Nach Funeral for my future children verbeugte sich die Band und verließ die Bühne, kam aber mehr oder weniger sofort wieder zurück. Anna erklärte, es sei manchmal „awkward“ an einem neuen Ort aufzutreten, das sei heute aber gar nicht der Fall. Danach bekamen wir noch eine extrem lange Version von Come wander with me (anscheinend eine Coverversion eines Songs aus der Serie Twilight Zone von Jeff Alexander und Antony Wilson) zu hören und wurden nach einem rund 75minütigen Konzert eingeladen, uns zu Gesprächen mit Anna und Band am Merchandise-Stand einzufinden. 

Ich war als Begleitung bei dem Konzert, und nicht, weil ich selbst unbedingt hinwollte, und so überrascht es auch nicht, dass mich die Livedarbietung von Musik, die ich schon auf CD eher schwierig anzuhören finde, ebenfalls nicht überzeugen konnte. Wer wie ich keine Freundin des niemals endenden Instrumentalteils ist, ist bei einem Anna von Hausswolff-Konzert sicherlich falsch. Dennoch eine sehr sympathische Musikerin. Vielleicht macht sie ja eines Tages ein Popalbum und erweitert ihre Kate Bush-Anklänge, dann kann ich mich eventuell auch begeistern. 

Mein Begleiter, halt, die Begleitung war ja ich, also: Der Hauptkonzertbesucher fand das Konzert übrigens sehr gut. 

Setlist Anna von Hausswolff, Arena, Wien: 

01: Epitaph of Theodor 
02: Deathbed 
03: Mountains crave 
04: Noise 
05: Liturgy of light 
06: New song 
07: Sova 
08: Funeral for my future children 

09: Come wander with me (Z) 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Anna von Hausswolff, Frankfurt, 24.09.13
- Anna von Hausswolff, End Of The Road Festival, 31.08.13
- Anna von Hausswolff, Haldern Festival,10.08.13


Fotos: Dirk von Platten vor Gericht

 


Dienstag, 11. September 2012

Sigur Rós, Wien, 04.09.12

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Konzert: Sigur Rós
Ort: Arena, Wien
Datum: 04.09.2012
Zuschauer: ca. 3000

Dauer:etwa zwei Stunden

The return of the king. König Jonsí kehrt mit Sigur Rós nach Wien zurück und wer diesen Satz noch nicht toll genug findet, kriegt hier einen ganzen Bericht des Triumphs. (Dass ich dafür eine Woche gebraucht habe führen wir bitte großzügigerweise auf die konzertbedingte Sprachlosigkeit zurück.)

Im Februar war das Konzert bekanntgegeben worden, eine Woche zuvor allerdings auch schon ein Termin im Schweizer Winterthur, was mir zwei Tickets innerhalb einer Woche bescherte. Und ich hätte keines missen wollen. Aber hier gehts um das Wiener Konzert (auch damit irgendwann mehr Konzerttagebucheinträge aus Österreich als aus England zu Buche stehen): Für dieses war schon im Vorfeld alles angerichtet: Open Air-Konzert, früh ausverkauft, unzählige Leute, die auf diverse Art ihrer Vorfreude freien Lauf ließen. Da machte es auch keinen traurig, dass die Vorband (Nik Void oder so ähnlich) doch nicht spielen konnte. Und so gut der Dauerregen beim Schweizer Konzert zu den Klangwelten der Isländer gepasst hatte, so war ich dennoch sehr froh über das perfekte Wetter, ein lauer Spätsommerabend, wie er besser nicht sein könnte. Was ein bisschen abging: Ein Sonnenuntergang, wie er an gleicher Stelle 2008 die Band die ersten Minuten begleitete.
Hat diese komische Aufzählung von Sigur Rós-Konzerten eigentlich eine Bedeutung? Soll hier gar ein Vergleich angestellt werden? No - genau das Gegenteil. Solch schöne Konzerte soll man gar nicht gegeneinander ausspielen, die genau im Moment des Stattfindens das so ziemlich Schönste sind, was man sich gerade vorstellen kann. Deshalb zurück zum Wiener Konzert und von den Schwärmereien weg hin zur Königsdisziplin des Konzerttagebuchs: Leute beobachten.


Da gab es nämlich genug zu sehen, Hipsterkinder in Federkleidern, viele Engländer und Slowaken, Leute mit Sigur Rós-Tourshirts aus dem letzten Jahrtausend, Securities mit erhöhtem Sendungsbewusstsein und viele mehr, die zweierlei gemeinsam hatten: eine Karte und massig Vorfreude. Und die wurde rasch gestillt, schon kurz nach halb neun standen die Isländer elf Mann/Frau hoch und begleitet von dichtem Kunstnebel auf der Bühne und machten sich umgehend an die Arbeit.
Í Gær aus dem vorvorletzten Album Hvarf/Heim eröffnete mit betörendem Glockenspiel den Abend, schwang sich hoch in fragile Höhen, bis dann die langerwartete und doch überraschende Eruption die Arena mächtig erbeben ließ. Besonders herrlich ist dabei immer der Schlagzeuger Orri, der voller Einsatz und ohen Augen für das Rundherum seine Becken und Trommeln bearbeitet, als gäbe es (zumindest für die Ohren) kein Morgen mehr.

Es folgte Vaka, ebenfalls auf dem 2007er-Album und das erste absolute Highlight. Allein der Moment, wenn das nach Ringelspiel klingende Keyboard einsetzt, scheinbar eine Ewigkeit die schlichte Tonfolge wiederholt, sich dann irgenwann das Glockenspiel ins Boot holt, schlussendlich auch Jonsí und seinen per Geigenbogen bearbeitete Gitarre - zu gut!
Aber welcher Song war denn kein Highlight?! Eine rhetorische Frage, die mit der Setlist zur Genüge beantwortet sein dürfte. Spricht man bei anderen Konzerten von Songperlen, die in der Setlist zu finden gewesen seien, muss an dieser Stelle von einer ganzen Perlenkette die Rede sein. Sæglópur und Ný Batterí. Hoppípolla und Olsen Olsen. Kein Wunder, dass nach dem Konzert nicht das Fehlen bestimmter Songs (und tatsächlich wurden einige sehr populäre Songs nicht gespielt) beklagten, sondern sich über die gespielten freuten. Spannungsbogen im eigentlichen Sinn haben Sigur Rós-Konzerte nicht, sie geben sich von Anfang bis Ende unverändert. Elegisch, mächtig und weltvergessen.


"Vergessen" wurde weitestgehend auch auf die neuen Songs aus Valtari. Gerade einmal zwei wurden gespielt, die dafür dann mit eigen Visuals auf drei großen Leinwänden entlang der Bühne. Im Grunde genommen war dieses Konzert ein hervorragend zusammengestelltes Best of-Programm, das alte wie neue Fans gleichermaßen zufriedengestellt haben dürfte. Dass die "eher" massenkompatiblen Songs Gobbledigook und Inní mér syngur vitleysingur nicht mit von der Partie waren, stellte sich als kein Manko heraus.

Ebenso wenig die sehr gering vollführten Kommunikationsversuche zwischen Band und Publikum. Kein Hallo, kein Baba, kein Takk. Jedoch bestens bekannt, dass Sigur Rós nicht die extrovertiertesten unter der Sonne sind. Würde wohl auch viel von der Stimmung zerstören, gäbe es zwischen den Songs ständig halb-relevante Ansagen, Mitglieder-Vorstellungen und Dankesarien. Umso mehr Bedeutung maß man daher kleinen Gesten bei, etwa wenn Jonsí sich aus seiner starren Position löst und einen kleinen Schritt auf das Publikum zu macht. Oder in einem Song einen Ton über eine Minute lang hält und das Publikum zu vollkommener Stille bewegt.

Richtig ausgelassen gestaltete sich jedenfalls Hoppípolla, über die Leinwand rauschte ein Funkenschauer, Orri holte mit gesenktem Kopf wieder alles aus sich und seinem Instrument heraus und Jonsí ließ sich sogar zu einladenden Gesten hinreißen.
Viel zu schnell waren die zwölf Songs vergangen, das Zeitgefühl hatten sie einem im Vorbeigehen geraubt. Einer nach dem anderen legte sein Instrument ab und verließ die Bühne, bis nur noch Jonsí seiner Gitarre die letzten Töne abverlangte und sich mit kurzem Nicken vom Publikum verabschiedete.
Was diesem allerdings ein bisschen zu schnell ging: Minutenlange Applausstürme und Sprechchöre brachten die Band zurück und mit Ekki Múkk auch gleich einen neuen Song mit.
Das furiose Ende war dann P
opplagið überlassen, das eine gefühlte halbe Stunde dauerte und in richtigem Postrock ausartete, mit stampfendem Schlagzeug, kräftigem Bass und zartem Gitarrengestreichle. Um einen herum standen Menschen mit geschlossenen Augen, die letzten Momente eines wunderbaren Abends genießend, mancherorts floßen Tränen und was halt noch so alles zu kitschigen Augenblicken gehört.

Sigur Rós verabschiedeten sich, wurden nochmals zurückgerufen, verbeugten sich feierlich und traten den Rückzug an. Und kamen wieder - weil sich das Publikum nicht satt sehen konnte an dieser wunderbaren Band, niemand dem Ende ins Auge sehen wollte. (Ok, in der Nähe fiel schon eine ältere Frau einem Schwächeanfall zum Opfer, ihr Begleiter sehnte das Ende des Konzerts vielleicht doch herbei.)
Jonsí ging wiederum als letzter, hielt seine Hände an den Mund und schien Wolfsgeheul in den Nachthimmel auszustoßen - hören tat man leider nichts.
Man durfte das Gefühl haben, er sei glücklich und auf einer Wellenlänge mit den 3000 Menschen vor ihm. Ein wunderbarer Gedanke, der den simplen Charakter des Konzerts auf den Punkt bringt: Beglückend.

Und wenn man eine halbe Stunde und einmal Umsteigen später wieder bei der eigenen Ubahn-Station angelangt ist und noch immer von wildfremden, strahlenden Leuten umgeben ist, die vom gleichen Konzert kommen, dann lässt sich nur mehr eines sagen: Takk.


Setlist Sigur Rós, Wien:

01 Í Gær
02 Vaka
03 Ný Batterí
04 Svefn-g-englar
05 Sæglópur
06 Viðrar Vel Til Loftárása
07 Hoppípolla
08 Með Blóðnasir
09 Olsen Olsen
10 Festival
11 Varúð
12 Hafsól

13 Ekki Múkk (Z)
14 Glósóli (Z)

15 Popplagið (Z)

Vielen Dank für die Fotos an Elisabeth!



Freitag, 3. August 2012

Bon Iver, Wien, 01.08.12

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Konzert: Bon Iver & Sam Amidon
Ort: Arena, Wien
Datum: 01.08.2012 
Dauer: 90 Minuten Bon Iver, 40 Minuten Sam Amidon

"What might have been lost"
, tönte es am Ende eines tollen Konzertes in Sprechchören durch die Arena. Verloren gegangen sind auch einige mögliche Konzertberichte, die ich mir in letzter Zeit vorgenommen hatte, deren Geburt dann aber alle möglichen Umstände einen Strich durch die Rechnung machten. (Abtreibung sag ich jetzt nicht dazu, wir wollen ja nicht unsere starke Leserfraktion aus dem Vatikan vergraulen.) Jedenfalls sind Bon Iver ein perfekter Grund, dem lieben Tagebuch wieder einen Wiener Bericht
anzuvertrauen!

 
Irgendwie zählt der erste Eindruck ja doch auch: Auf dem Hüpfer von der U-Bahn zur Arena wurden gleich zwei wesentliche Charakteristika des Abends sichtbar: Höchst heterogene Menschengruppen säumten den Weg mit "Suche Karte"-Schildern. Was das zeigen soll: Erstens war das Konzert schon wochenlang gnadenlos ausverkauft, zweitens war die Besucherschaft ausgesprochen bunt und unterhaltsam: vom 60-jährigen, barfüßigen Routinier bis zur blutjungen Indie-Queen mit hohen Absätzen, von gelassenen "An der Bar-Lehnern" bis zum Hardcore-Fan in der ersten Reihe, von Amerika bis Kärnten und so weiter war alles dabei. Mein Favorite war dabei der der Mann, der über der Schulter eine Tasche mit der Aufschrift "I ♥ Riesling" trug und in der Hand ein großes Bier - ein Hoch auf die Selbstironie! Kurzum, es gab viel zu schauen, vor allem wenn man überpünktlich angerückt war.

Gegen dreiviertel acht begann dann allerdings Sam Amidon, der alleine auf die Bühne schritt und sich mit "We are Sam Amidon" seinen ersten Beifall abholte. Etwa 40 Minuten spielte sich der Amerikaner dann durch seine zwischen brav und unkonventionell divergierenden Songs, in denen er den Begriff "Folk" bis zum Anschlag ausreizte.
Bisweilen lieferte der wilde Sam auch richtige Showeinlagen, in denen er Vogelkrächzen und komische Verrenkungen zum Besten gab. Unterstützung erhielt er dabei von Schlagzeug und Blasinstrument, dem Publikum gefiels sichtlich und Mr. Amidon hatte sowieso Spaß. Ob seine "normalen" Konzerte auch so spaßig sind?

Justin Vernon weiß das vielleicht, rückte damit aber nicht heraus. Dafür bedankte er sich gleich bei Betreten der Bühne um Punkt neun Uhr bei seinem Support und fand unter den gut 3000 Anwesenden massig Zustimmende.
Ansonsten verlor der Waldschrat wenig Worte und konzentrierte sich auf seine musikalischen Qualitäten. Ihm zur Seite standen acht weitere Musiker, von denen besonders der der Perkussionist ganz rechts modisch zu gefallen wusste. (Ich mag Haarbänder, das ist wohl in etwa so, wie Oliver und seine Vorliebe für lange Frauenbeine.)










Die ersten vier Songs stammten allesamt von Bon Iver, dem zweiten Album der Band. (Wieso nennt man eigentlich nicht gleich sein erstes Album nach sich selbst und lässt sich dann originelle Titel einfallen statt umgekehrt? Vielleicht hat man sich da einfach an Heroen wie Portishead orientiert...)
Dabei wurde auch gleich die Marschrichtung vorgegeben, durchaus fette Arangements dominierten. Wie auf dem aktuellen Album eben, eine andere Sorte Bon Iver. Wobei gleich mal festgehalten werden soll, dass beide Sorten, die reduzierte und die opulente, überzeugen können. So wie Kuchen manchmal mit Schlagobers, mal ohne besser schmeckt.

Der erste Song von For Emma, Forever Ago war dann Creature Fear, ein Lied, das ich noch vom Haldern 2009 kannte. Oder auch nicht, denn Vernon verpasste seinem guten Stück mehr als nur ein Facelifting und frisierte es gleich ordentlich um. Quasi Waschen, Schneiden, Färben und Fönen all inclusive - fast wie im Haarsalon.
An einen solchen erinnerten übrigens die Gespräche der ganzen Leute rundherum, die ich aber keinem verdenken kann: das Konzert von Bon Iver in der Arena verbreitete lauschiges Flair wie in der besten aller Pergolas.
Dem guten Winter war das sowieso eher wurscht, der war versunken in Perfektion und schwelgerische Sounds.
Besonders freuen konnte ich mich über Blood Bank von der gleichnamigen EP, das sehr ungestüm daherkam und doch herzzerreißend herrlich. Über Woods braucht man sowieso keine Worte verlieren und das neue Calgary hat schon als Single seine absolute Qualität unter Beweis gestellt.
Große Worte gab es auch von Justin Vernon nicht mehr, der Kollege machte aber auch mit dem wenigen Verbalen, das er von sich gab, klar, dass es ihm "fucking" gut gefalle.


So ging es wohl auch dem Publikum, dass zumeist sehr konzentriert lauschte und sich unaufgeregt begeistert verhielt. So enorm die Musik von Bon Iver mittlerweile sein mag, so verweigerte sie doch den Sturz vom schmalen Grat zwischen sympathischen Pathos und Stadionrock. Allein das Bühnenbild - von oben herabhängendes Gewebe, das aussah wie zusammengenähte Kartoffelsäcke - wies schon auf den bodenständigen Charakter des besten aller Justins (gleich nach Timberlake und Bieber natürlich) hin. Wer sich wochenlang in Waldhütten zurückzieht, der wird es wohl kaum auf einen Auftritt im Praterstadion abgesehen haben.
In dieser Hinsicht ist auch zu verstehen, was während der Zugabe The Wolves (Act I & II) folgte, nämlich astreine Massenchöre. Aber andere als bei den Bands mit ihren Eintrittspreisen jenseits der 60€, nämlich wunderbar entspannte, kollektiv glückliche Gesänge, die nicht alles übertönendes Gegröle, sondern ein kleiner Beitrag zum Abschluss eines tollen Konzerts sein wollten.
"What might have been lost"...

Mit For Emma ging dann ein Abend zu Ende, der sich ständig steigern konnte und einen sehr zufrieden in die Nacht entließ. "Es wohnen, ach, zwei Seelen in meiner Brust", hört man noch im Deutschunterricht - Bon Iver kann sie zusammenführen: Die leise folkige und die auffallend poppige - sie verschafften Wien im Team ein wunderbares Debüt des Burschen aus Wisconsin. Hoffentlich nicht forever ago.

Setlist Bon Iver, Arena Wien:

01: Perth
02: Minnesota, WI
03: Michicant
04: Towers
05: Creature Fear
06: Hinnom, TX
07: Wash.
08: Holocene
09: Blood Bank
10: Woods
11: Bracket, WI
12: Skinny Love
13: Calgary
14: Beth/Rest

15: The Wolves (Act I & II) (Z)
16: For Emma (Z)

Danke für die schönen Fotos an Elisabeth!

Dienstag, 14. Februar 2012

Soap&Skin, Wien, 10.02.12

2 Kommentare

Konzert: Soap & Skin
Ort: Arena, Wien
Datum: 10.02.12
Zuschauer: ausverkauft - 1000
Konzertdauer: 80 Minuten


Den Beginn eines Konzerts am Tag selber erst mit acht Uhr festzusetzen ist schon eine komische Taktik. Besonders, wenn Konzerte in der Arena sonst allerfrühestens um halb zehn beginnen. Ob da wohl alle rechtzeitig kamen?
Die Schlange vor der Garderobe war jedenfalls auch um halb acht schon elendig lang, weswegen ich auf die gebührenintensive Erleichterung verzichtete und mich lieber dem Merchstand zuwandte. Weil nämlich: spannender. Von der Soap&Skin-Schokolade, die der steirische Konfektkünstler Zotter zusammengemixt hat, hatte ich schon gehört, eine höchst skurrile Mischung: Weihrauch, Schweineblut (1,2% oder so), Rotwein, Kornblumen und dunkle Schokolade. Ähm ja, klingt reichlich grauslich, aber wer Zotter-erprobt ist, weiß dass das mit Sicherheit eine wie die Faust aufs Auge passende Kreation ist. Weniger schmecken tut da der Preis: 4€ für 70g.
Umsonst gabs dafür rötliche Locken der Anja Plaschg, aufgetürmt in einem kleinen Schälchen, feuerrot leuchtend. Will da jemand seinem Personenkult mit einem ironischen Wink begegnen? Oder war diese Aktion ernst gemeint? Wenn ja, dann ist das wirklich Haar-dcore.

Nebelschwaden waberten über die Bühne und aus den Boxen erklangen schon Songs von "Narrow", während sich die große Halle der Arena langsam füllte. Spoileralarm! Wo werden denn bitte schon vor dem Konzert Songs der Künstlerin gespielt?!
Viertel nach acht wurde es dann finster, der Nebel dichter und Plaschg kam in einem beinlangen Mantel auf die Bühne, in der Hand ein Weihrauchfass, das sie an der vordersten Kante der Bühne zum Einsatz brachte.

Mit Deathmental begann daraufhin das Konzert, Plaschg stand zentral hinter einem Mikrofon, spärlich angestrahlt - der düsteren Atmosphäre des Songs absolut entsprechend. Dazu lieferte sie Tanzeinlagen, die vor allem an den Stellen, die so sehr an Portishead - Machine Gun erinnern, ausarteten.
Cradlesong wirkte dagegen beinahe einschlummernd, richtig ausgeglichen. Kein Wunder eigentlich, wenn ein Song schon "Wiegenlied" heißt. Dieser beruhigende Ausgleich war aber vermutlich sowohl für das Publikum als auch für die Künstlerin selbst notwendig.

Vor Big Hand Nails Down betrat dann das Ensemble den Ort des Geschehens, bestehend aus sechs Vokalisten, zwei Violinisten, zwei Cellisten (darunter Lukas Lauermann von A Life, A Song, A Cigarette), einer Kontrabassistin und einem Trompetenspieler. Auch Plaschgs Schwester war wieder dabei. Diese kleine Armee an Instrumentalisten fand ihren Platz auf einem treppenförmig aufgebauten Podest und war gänzlich in schwarz gekleidet. (Mein Favourite übrigens: das Eric Cantona-Lookalike an der Geige.)

Dadurch aufgefettet erfuhren die Songs neue Interpretationen, zudem reizt Soap&Skin anscheinend nicht mehr ihre Stimme bis zum Anschlag aus, sondern geht wesentlich zurückhaltender zur Sache. Ebenfalls eine Auswirkung des Ensembleeinsatzes könnte die große Unsicherheit gewesen sein, die Plaschg zu einigen Fehlern, Zeilensprüngen und stimmlichen Brüchen verleitete.
Teilweise wirkte sie ob dieser Unplanmäßigkeiten richtig verzweifelt, entschuldigte sich kurz, um sich am Rand der Bühne zu sammeln und warf immer wieder suchende Blicke Richtung Techniker und Schwester.

Andere Songs, wie Wonder beispielsweise, gelangen auf Anhieb und zeigten richtig gut die Möglichkeiten der Kombination Solokünstlerin + Begleitensemble auf. In Meltdown, bei dem Plaschg im rhiz beinahe ihr Piano ruiniert hatte, spießte sich dagegen wieder ordentlich. Vater wiederum, von dem man annehmen könnte, dass es die meisten Schwierigkeiten bereitet, bestritt Plaschg souverän und zielsicher.

Das alles passte gut ins Bild der Soap&Skin, wie ich sie kannte. Etwas sperriger sind die neuen Songs zwar, dennoch eine konsequente Weiterentwicklung des Begonnen. Was es mir schwer macht, ein länger als 5 Minuten gültiges Urteil über das Konzert z fällen waren die Show-Elemente und der Stil der Umsetzung mancher Songs. Da stand Plaschg dann wieder ohne Klavier und damit quasi ungeschützt und an vordester Front am Mikrofon, ließ ihren Mantel wallen, krümmte sich zu düsteren Electronic-Flächen und sang schmerzverzerrt. Show? Ablenkung? Schock? Ganz abkaufen konnte ich ihr diese Darbietungen nicht.

Völlig authentisch war dagegen ihr sichtliches Bemühen, der absolute Wille, dem Publikum etwas zurückzugeben. "Wir lieben dich trotzdem", rief jemand aus dem Publikum nach einem ihrer Fehler und rührte sie damit.
Als sie nach sicherlich 3-4 Minuten alleine zur Zugabe zurückkam, setzte sie sich ans Klavier und sprach: "Ich weiß nicht, ob ich das jetzt noch schaffe. Aber danke...", wobei ihre Stimme beim letzten Wort erstickte. Sie schaffte es. "Es": Born to lose. Nachdem sie im rhiz The End gecovert hatte, ein weiteres hundertprozentig passendes Stück. The End und Born to lose - zwei Songs, die zu Soap&Skin passen, Musik, mit der auch ein zwischenzeitlich etwas skurriles Konzert in seine Bahn zurückfindet bzw. sich schön abschließen lässt.
Soap&Skin verabschiedete sich mit einem erleichtert und dankbaren Lächeln, es folgte begeisterter Jubel, nachdem der Applaus während des gesamten Konzerts eher Konzerthausatmosphäre hatte, und weitere Minuten mit geklatschen Zugabewünschen, Plaschg kam aber nicht mehr.

Eine gute Entscheidung. Der Abschluss des Konzerts war famos gelungen. Zudem stellt sich die Frage, wie lange ein Mensch und seine Psyche das aushalten können, was Soap&Skin auf der Bühne vorbringt.
Kurz und bündig: Soap&Skin ist eine fantastische Musikerin, das Konzert war etwas unrund konzipiert, Marche Funèbre war ein absolutes Highligh, das Enemble eröffnete neue Möglichkeiten. Dennoch gefiel mir das ungleich intimere Konzert im rhiz wenige Tage zuvor um einiges besser, es erlaubte auch ein viel leicheres Urteil als diesen doch ein wenig dahingekrampften Bericht. Und das beste folgte wie immer ganz zum Schluss: Der Crêpes-Stand vor der Arena.

Hier übrigens eine schöne Videosession mit Soap&Skin: "Rotwein und Blut"

Setlist Soap&Skin, Arena Wien:

01: Deathmental
02: Cradlesong
03: Big Hand Nails Down
04: Cynthia
05: Extinguish Me
06: Wonder
07: Surrounded
08: Pray
09: Fall Foliage
10: Meltdown (Clint Mansell Cover)
11: Voyage Voyage (Desireless Cover)
12: Lost
13: The Sun
14: Vater
15: Thanatos
16: Mr. Gaunt Pt. 1000
17: Marche Funèbre
18: Sugarbread

19: Born to Lose (Shirley Bassey Cover) (Z)


Soap&Skin live (Auswahl):
27.02. - Freiheizhalle, München
17.04. - Le Trabendo, Paris
18.04. - AB, Brüssel
21.04 - Kampnagel, Hamburg

Die absolut großartigen Fotos wieder mal vom guten Patrick, vielen Dank!



Montag, 11. Juli 2011

Bright Eyes, Wien, 05.07.11

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Konzert: Bright Eyes (Jenny and Johnny & Two Gallants)
Ort: Arena Open Air, Wien
Datum: 05.07.2011
Zuschauer: voll, etwa 3000
Konzertdauer: Bright Eyes 130 Minuten


Als Conor Oberst samt Musikerschaft die Bühne des Arena-Geländes betrat, klang der Regen langsam ab, der Himmel brach auf und warmes Sonnenlicht der letzte Strahlen tauchte alles in ein tolles Licht.

Klingt kitschig, war es auch, passt außerdem ganz gut zu Bright Eyes. Falls Herr Oberst samt (dieser) Band zur Zeit seine letzte Tour bestreitet, dann war dieser Abend ein würdiger Abschied.

Zuerst waren aber mal die Kalifornier von Two Gallants dran, eine Zweimannband mit der interessanten Besetzung Gesang/Schlagzeug.

Mit einigen großartigen Auftritten haben sich die beiden in Wien eine durchaus beachtliche Fangemeinde erspielt, die Tatsache, dass sie auf Conor Obersts Label Saddle Creek gesigned sind, dürfte zusätzlich den Ausschlag für die Entscheidung des Veranstalters, eine weitere Vorband zu engagieren, gegeben haben.

Diese Rechnung sollte aufgehen, Two Gallants spielten sich und das Publikum in einen kleinen Rausch, am Ende der 50 Minuten setzte es heftigen Jubel. Ob Jenny and Johnny dieser Vorlage nahekommen konnten?

Das Pärchen Jenny Lewis und Jonathan Rice bot recht netten, countryesken Folkpop (reichlich beliebig kategorisiert, ich weiß), der irgendwie nicht zu überzeugen wusste. Mich nicht und die meisten anderen auch nicht. Jedenfalls war auf dem überdachten Balkon und der angeschlossenen Bar defintiv mehr los, als vor der Bühne - auch weil es zu regnen begonnen hatte.

Gegen Ende hin gefielen mir die beiden Engländer und ihre Band zwar schon besser, dennoch war ich ganz froh, als sie das Feld räumten. Vielleicht bietet sich mal die Chance, in einem anderen Ambiente eins ihrer Konzerte neu zu erleben, an diesem Abend hatten Jenny and Johnny aber eher den Charakter einer Hintergrunduntermalung.

Zurück an den Anfang: Zu der etwas entrückten Stimme aus dem Off zu Firewall kamen Bright Eyes auf die Bühne, was ihnen entgegenschlug waren gewaltige Vorschusslorbeeren. Zu lange waren die Amerikaner nicht mehr in Wien gewesen, das merkte man deutlich.

Anfangs war Conor Oberst allerdings noch nicht sehr auf Interaktion mit dem Publikum aus, auch wenn besonders das ältere Four winds enthusiastisch aufgenommen wurde. Er antwortete auf seine Weise: War es auf der gesamten Europa-Tour bislang (sehr zum Missfallen der meisten Fans) ausgespart worden, schüttelte er völlig überraschend We are nowhere and it's now aus dem Ärmel. Was für eine schöne Geste! Dabei hatte ich die Hoffnung, meinen Lieblingssong beim Konzert zu hören, nach Betrachtung der in den Wochen zuvor gespielten Setlists, schon aufgegeben. Aber jetzt flatterte er doch, der yellow bird und verbreitete eine grandios fragile Stimmung. Glück und Gänsehaut - "I don't know if it's true, but I keep it for good luck."

Die folgenden zwei Songs, das live sehr überzeugende Lover I don't have to love und die derzeitige Single Shell Games (für die Gleiches gilt) setzten diese Stimmung fort, dann folgte aber eine Länge-Phase, in der Intensität und Größe der Darbietung etwas abnahmen. War egal, hinter mir lieferten sich der Verkäufer des Würstelstandes und der Crêpes-Bäcker eine interessante Auseinandersetzung, ihr Wienerisch ließ meine Gedanken zum Lua-Cover der Neigungsgruppe Sex, Gewalt & Gute Laune abtreiben...



Es dauerte allerdings nicht lange, bis Bright Eyes den Faden wieder fanden, Conor Oberst wagte sich an immer längere Geschichten und freute sich sichtlich über die Freude und die Konzentration, die das Publikum an den Tag legte.
Insgesamt war beinahe kein Unterschied zwischen der Rezeption alter und neuer Songs feststellbar, alte Klassiker wurden ebenso mitgesungen, wie das neue Material verinnerlicht wurde. Man hatte ein wenig das Gefühl, Conor Oberst könne fast nichts Neues bieten, so gut kannten alle ihn und sein Werk.

Konnte er aber: Nachdem mit dem Ladder Song der reguläre Teil des Konzerts zu Ende gegangen war, zog er eine verblüffende, beinahe befremdliche Show ab. Jeder Musiker wurde eigens vorgestellt und durfte ein kleine Solo zum Besten geben. So weit, so gewöhnlich. Nur die Art, wie Mr. Oberst das tat, erinnerte wahlweise an Stadionrock und die großen Egos von Hip Hop-Superstars: "All the way from fucking Kuhdorf, in the flash....", shoutete er und führte dabei komische Tänzelbewegungen vor.
Ob da wohl eine gewaltige Portion Ironie dahinter steckte? Weiß man bei ihm nie, aber gerade das macht diese interessante Persönlichkeit ja (mit) aus!

Die folgenden Zugaben unterstrichen jedenfalls die unantastbare Bedeutung dieses Musikers: Das schon erwähnte Lua war darunter, mit der immanenten Frage nach der Kluft zwischen Abend und Morgen. Würde man am nächsten Morgen auch noch so angetan von diesem Konzert sein? "Aufd Nacht is immer alles leiwand...", dolmetschte die genannte Neigungsgruppe, leiwand fand ichs am nächsten Morgen auch noch.

Vor allem auch wegen der letzten zwei Songs, die nach einem gemeinsam mit Jenny and Johnny performten Gillian Welch-Cover dran kamen: Das epische Road to joy und One for you, one for me.

"One for the people, one for the parliament. One for the weary, one for the malcontent. One for the master, one for the protégé. One for you, and one for me."
In der Tat war an diesem Abend für jeden was dabei. Für den Fan der ersten Stunde, für Neulinge, für Romantiker und für alte Rocker, für Melancholiker und für lebensfrohe Naturen. Wie es eine Freundin ausdrückte: "Tanzen, lachen, weinen - alles dabei."

Sollte dieser Abend wirklich eine Abschiedsvorstellung gewesen sein, dann darf man sich einerseits glücklich schätzen, dem beigewohnt zu haben, andererseits ist eine große Portion Wehmut angesagt. Die Bühne, von der Conor Oberst abtreten will, wird so einen Ausnahmemenschen nicht so schnell wiederfinden... Wien sagt danke!

Setlist Bright Eyes, Wien, 05.07.2011:

01: Firewall
02: Jejune stars
03: Take it easy (Love nothing)
04: Four winds
05: Bowl of oranges
06: Something vague
07: We are nowhere and it's now
08: Lover I don't have to love
09: Shell games
10: Approximate sunlight
11: Arc of time (Time code)
12: Falling out of love at this volume
13: Triple spiral
14: Cartoon blues
15: Beginner's mind
16: Landlocked blues
17: Hot knives
18: Poison oak
19: The calendar hung itself
20: Ladder song

21: Lua (Z)
22: Wrecking ball (Gillian Welch-Cover) (Z)
23: Road to joy (Z)
24: One for you, one for me (Z)

Aus unserem Archiv:

Bright Eyes, Köln, 21.06.11
Bright Eyes, Wiesbaden, 20.06.07
Bright Eyes, Paris, 30.03.07
Conor Oberst And The Mystic Valley Band, Paris, 13.09.08
Conor Oberst And The Mystic Valley Band, Köln, 11.09.08

Vielen Dank für die Fotos an Christoph!

Dienstag, 30. November 2010

Get Well Soon & Menomena, Wien, 23.11.10

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Konzert: Get Well Soon & Menomena
Ort: Arena, Wien
Datum: 23.11.2010
Zuschauer: gut gefüllt, wahrscheinlich nicht ganz ausverkauft
Dauer: Get Well Soon 90 Minuten


Eieiei - Konzertbericht schreiben und dann nicht auf veröffentlichen klicken, das geht mal gar nicht. Sorry dafür - aber umso schöner sind die Fotos von Elisabeth. Danke!

"Get Well Soon!" sagt ein Vogel zu einem Artgenossen mit Schal um den Hals auf der Tasche, die ich vorhin gerade erstanden habe. Würde man mir das gleiche in diesem Moment wünschen, könnte ich dankend auf mein derzeitiges Wohlbefinden verweisen. Und daran sind Get Well Soon alles andere als unschuldig!

Begonnen hatte der Abend aber nicht so toll. Schweinekalt war es und dank eines verlängerten Uni-Tages kam ich auch erst sehr spät in die Arena, wo ja Menomena als Support auf der Bühne stehen sollten. Taten sie auch, leider schon etwas zu lange, sodass mit Wet And Rusting, einem der fast-schon-Hits der Band, bereits das Finale eingeläutet war. In den Genuss zweier mickriger Songs (ja ich weiß eh, selber schuld - kein Mitleid) kam ich noch, alle sehr dicht atmosphärisch und auf der anderen Seite wieder quicklebendig vorgetragen, bevor die Portlander das Feld räumten.

Man könne sich gar nicht festlegen, welche Band besser sei, hatte ich im Vorfeld des Konzerts mehrmals von Freunden und Bekannten gehört, es sei zwar ein Ding der Unmöglichkeit, aber dieser Abend hätte zwei einfach Headliner verdient.

Und diese Dichte an Qualität hat einen Namen und der fiel in den letzten Tagen doch recht häufig. Es ist dies Cityslang. Ein Label, das man durch die Bank ins Herz geschlossen hat, das für ganze Bandkollektive Heimat geworden ist und dem man, als einem der wenigen richtigen Indies, guten Gewissens attestieren kann, dass hier noch hin und wieder das Herz über den Verstand siegt. Ökonomischen Imperativen wird hier auf draufgängerische Art und Weise eine lange Nase gedreht, mit so tollen Bands in der Hinterhand wie Notwist, Stars, Sophia, Arcade Fire, Health...kann man sich das auch leisten!
Nun gut, ich will mal nicht romantisch werden, das wurde es bei Get Well Soon eh noch, kurz und bündig, pressemeldungsfähig und -reproduzierbar festgehalten: Das deutsche Indie-Label Cityslang feierte dieser Tage seinen 20. Geburtstag.
In Berlin gabs aus diesem Anlass eine große Sause mit fantastischem Lineup, quasi einem Best Of des Labels, in Wien gabs eine kleinere Ausgabe der Cityslang-Schau.

Etwa eine halbe Stunde Umbau, begleitet von schrecklichem Metal-Gegrunze aus den Boxen, folgte nach Menomena, dann wurde es finster und Nausea wurde eingespielt. Es blieb finster und Get Well Soon kamen auf die Bühne, was aber die wenigsten bemerkten, der Begrüßungsapplaus also recht spärlich ausfiel. Erst als es zeitgleich hell wurde und We Are Safe Inside While They Burn Our House angestimmt wurde bekamen die Deutschen den Einstand, den sie verdienen.

Eine hübsche Sache, mit einem alten Song zu beginnen, die nächsten Songs entstammten dann aber dem jüngeren Album.
Die Singles Seneca's Silence, We Are Free und 5 Steps/7 Swords hatten schon im Jänner beim FM4-Geburtstagsfest am Open-Air-Gelände der Arena überzeugt, als der bei zweistelligen Minusgraden gefrierende Atem Groppers sich perfekt an die kühle Eleganz von Vexations geschmiegt hatte.

Nach 5 Steps/7 Swords, das vor ziemlich genau einem Jahr noch der erste Vorbote auf das Album gewesen war, entledigte sich Konstantin seines Sakkos (und damit auch ein wenig der liebenswerten Streber-Attitüde), freute sich, dass es "gefühlte 45°C mehr als im Janu...äh Jänner" habe und fragte, ob sich die Friererei wenigstens ausgezahlt hätte. Das wurde entschieden bejaht, auch wenn sich wohl die meisten Anwesenden so wie ich erbärmlichst ihre Zehen erforen hatten.
Über die angenehme Wärme in der Halle war man aber dennoch sehr froh. Auch Konstantin ("Wien hält jedesmal andere Klimazonen für uns bereit"), der sich für die vielen Besucher dieses "ersten richtigen Konzerts der Tour" (stimmt nicht ganz, aber ehrt uns natürlich) bedankte, er wisse vor Tourbeginn nie so genau, ob wieder Leute kommen würden oder ob diesmal der große Einbruch folge.

Dieser Einbruch dürfte noch länger auf sich warten lassen, jedenfalls solange Get Well Soon weiter so tolle Konzerte abliefern. Wunderbare Gänsehaut-Momente in denen man fast nicht zu atmen wagte wechselten mit wuchtigen Klanglandschaften, wo es einem niemand übel nahm, wenn man versehentlich auf einen der herumliegenden Plastikbecher (Hallo Arena - Öko, Mehrweg, Müllvermeidung - anyone?) trat. Akustische Gitarre und Breitwand-Instrumentarium, Flüstergesang und die Halle erfüllende Vollbrustkehlen - ein Konzert wie Winter und Frühling in einem. Alleine wie andächtig und mit gesenkten Köpfen die übrigen Bandmitglieder Konstantin bei Soli lauschten... toll!

Nach That Love kam Konstantin dann auf den eigentlichen Anlass der Tour zu sprechen - die kürzlich veröffentlichte Live-Aufnahme aus dem Dortmunder Konzerthaus, wo damals übrigens auch Kollege Christoph sehr angetan war.
"Wir machen ja jeden Blödsinn mit...", begann Konstantin, was ich so eigentlich nicht bestätigen kann, Get Well Soon sind in meinen Augen eine der besonnensten, unaufgeregtesten und geradlinigsten Bands made in Germany, und verkündete, dass jeder Besucher beim Merch-Stand eine 3D-Brille abholen dürfe, mit der man den Auftritt im Internet nacherleben könne (bereits erfolgreich getestet - eine sehr nette Spielerei!). Der Applaus war ein wenig verhalten, vermutlich wussten die meisten auch gar nicht, von was da die Rede war, was Konstantin auf den mangelnden Einsatz von Pyrotechnik bei der Präsentation zurückführte und damit Gelächter erntete: "Avatar war gestern!"

Als dann auch noch Maxis Vater gedankt wurde, der den Banner im Hintergrund gemalt hatte ("ein echter Künstler") und Konstantin erzählte, dass er heute schon auf dem Adventmarkt am Karlsplatz gewesen sei, war endgültig jegliche Distanz zwischen Band und Publikum verschwunden. Jemand rief dann laut nach Punsch, dürfte damit aber nicht ganz Konstantins Geschmack getroffen haben ("Äh ja, kann man machen").

Egal, man einigte sich auf ein Weihnachtslied, eines der besseren aus diesem kitschanfälligen Sektor, die je geschrieben wurden, nämlich
Listen! Those At Sea Sing A Song On Christmas Day und schritt so gemeinsam Richtung Ende, welches mit Angry Young Man den mit Abstand meisten Applaus erntete.

Doch auch die Zugabe war nicht von schlechten Eltern, altes Material wurde aus der Schatztruhe gefischt, persönliches Highlight war da Tick Tack! Goes My Automatic Heart, einfach ein toller Song. Tolle Band sowieso.

"This life ain't got no future" hieß es schlussendlich noch in
If This Hat Is Missing I've Gone Hunting. Auf ein Leben ohne solche Konzerte wie heute dürfte das wohl zutreffen. Aber so...


Routine und perfektes Handwerk waren selten so ergreifend schön, Nüchternheit selten so begeisternd. Ich will nur hoffen, dass die Aussage Groppers, man werde jetzt längere Zeit nicht mehr die Gelegenheit haben, Get Well Soon zu sehen, des Wahrheitsgehalts entbehrt.
Get Well Soon - please get back soon!


Setlist Get Well Soon, Wien:

01: Nausea
02: We Are Safe Inside While They Burn Our House
03: Seneca's Silence
04: We Are Free
05: 5 Steps/7 Swords
06: A Voice In The Louvre
07: Werner Herzog Gets Shot
08: Lost In The Mountains (Of The Heart)
09: A Burial At Sea
10: That Love
11: Listen! Those At Sea Sing A Song On Christmas Day
12: Angry Young Man

13: I Sold My Hands For Food So Please Feed Me (Z)
14: Tick Tack! Goes My Automatic Heart
(Z)
15: If This Hat Is Missing I've Gone Hunting (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Get Well Soon, Rüsselsheim, 09.07.10
- Get Well Soon, Dortmund, 05.05.10
- Get Well Soon, Paris, 16.03.10
- Get Well Soon, Heerlen, 07.03.10
- Get Well Soon, Frankfurt, 02.03.10
- Get Well Soon, Paris, 26.01.10
- Get Well Soon, Wiesbaden, 22.08.09
- Get Well Soon, Bonn, 04.07.09
- Get Well Soon, Paris, 06.05.09
- Get Well Soon, Nijmegen, 25.04.09
- Get Well Soon, Paris, 14.10.08
- Get Well Soon, Wiesbaden, 30.08.08
- Get Well Soon, Melt!, 20.07.08
- Get Well Soon, Evreux, 28.06.08
- Get Well Soon, Frankfurt, 15.04.08
- Get Well Soon, Köln, 09.04.08
- Get Well Soon, Berlin, 21.09.07
- Get Well Soon, Haldern, 02.08.07

Danke für die wunderschönen Fotos an Elisabeth Voglsam! Hier gibts noch mehr Fotos.

 

Konzerttagebuch © 2010

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