Posts mit dem Label Tocotronic werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Tocotronic werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 21. August 2021

Tocotronic, Trier, 20.08.21

1 Kommentare

Konzert: Tocotronic - Let there be Tocotronic (The Hamburg years)
Ort: Arena Vorplatz, Trier
Datum: 20.08.2021
Dauer: ca. 105 min
Zuschauer: nicht ausverkauft




Liebes Tagebuch,

heute bin ich recht gut ausgeschlafen aufgestanden und nach Trier gefahren. Trier schien mir ein guter Ort für eines der Hamburg years Konzerte von Tocotronic zu sein, denn dort habe ich während des Studiums zum ersten mal Tocotronic-Lieder gehört und leise mitgesungen habe, wenn ich an den Jongleuren vor der Mensa vorbeigegangen bin. 

Das ist irrsinnig lange her, damals gab es noch keine Arena, Konzerte fanden im Exhaus statt. Oder in Köln. Das größte kulturelle Spektakel in Trier seit Abzug der Römer hatte ich damals dummerweise verpasst. Prince spielte 1992 im Moselstadion, die Tickets dafür waren mir viel zu teuer gewesen (55 DM). 


Als ich mein Ticket für Tocotronic (36,90 €) gekauft habe, war natürlich überhaupt nicht abzusehen, ob, wann und wie das Konzert stattfinden würde. Daran haben wir uns in den vergangenen Jahren gewöhnen müssen. Da ich zweimal geimpft bin und vor einigen Wochen meine ersten beiden Konzerte seit Corona-Beginn gesehen habe, erschien mir ein erstes großes Ding im Freien nicht verkehrt zu sein. Im Sommer letzten Jahres war das für mich vollkommen unattraktiv. Jetzt gibt es hohe Impfquoten und durchdachte Sicherheitskonzepte, warum also nicht! 

Ich war früh da, mein Konzerttiming funktioniert noch nicht wieder. Weil der örtliche Veranstalter (der damals bei Prince auch schon dabei war) auf Anfragen, was man als Gast zu beachten hat, nicht reagiert hat - jedenfalls nicht vor der letzten Zugabe* - wusste ich nicht, wie lange die Überprüfung von Impfstatus oder Tests und der Austausch der Steh- in Sitzplatztickets dauern würde. Die Organisation des Kartentauschs war perfekt. Für uns Stehplatzinhaber waren die ersten Sitzreihen reserviert. Später im Vorverkauf gab es wohl nur noch Sitzplätze mit festen Nummern. Ich war als dritte Gruppe da, also saß ich in der ersten Reihe leicht links vom Sänger. Die Corona-Checks waren zwar auch pragmatisch gelöst, waren aber auch aus meiner Sicht fragwürdig. Es gab nämlich keine. Keines der Gs wurde überprüft, auf Banden stand aber, daß man mit Symptomen nicht reindürfe. Nun denn. Grund für den laxen Umgang war wohl die niedrige Inzidenz in Trier. Daß sicher ein Großteil des Publikums nicht aus Trier oder Trier-Land kam, spielt dann eben keine Rolle. 




Um 19:15 Uhr ging es vorgruppenfrei los. "Wir spielen für euch Lieder aus den Jahren 1993 bis 2003 und zwar in chronologischer Reihenfolge." Also Stücke der ersten sechs Platten. "Chronologisch" war dabei als albenchronologisch zu verstehen, also in der Reihenfolge, in der sie auf den Platten sind, vom ersten Lied bis zu den Zugaben. Ich mag so etwas sehr! Nach Neues vom Trickser (letztes Lied, letzte Platte Hamburg years) kamen noch zwei Ausnahme-Zugaben, Hoffnung, die 2020er Single und Letztes Jahr im Sommer.

Natürlich war das Konzert brillant. Was könnte bei der Band und der Setlist schiefgehen? Der Klang war eine Spur breiig, aber hey, es findet wieder Livemusik statt! Auch an der Liedauswahl könnte man mäkeln, wenn man umbedingt mäkeln möchte. Die perfekte Liveshow der Hamburg years wären ohnehin drei Abende à zwei Alben gewesen (die Sparks haben das in London vor einigen Jahren gemacht und an 20+ Abenden jedes Album komplett gespielt, The Divine Comedy machen das irgendwann nach Corona auch - Tickets liegen hier). Aber als Auswahl taugten die 22 Lieder perfekt!

Dirk von Lowtzow schien gut gelaunt. Er hielt uns unterwegs immer wieder auf dem Laufenden, sagte wo wir uns gerade befanden ("wir sind jetzt im Jahr 1999" oder "wir kommen jetzt zum ersten Lied, das wir als Tocotronic geschrieben haben, glücklicherweise gleich eines der besten Stücke aller Zeiten! Die Idee ist gut, die Welt noch nicht bereit"), dirigierte viel, was ich anfangs als Aufforderung verstand, aufzustehen. Bei einem der letzten Konzerte hatte die Band aber wohl darauf hinweisen müssen, daß das Publikum sich wieder setzen müsse. 

Auch wenn Konzerte im Sitzen die Pest sind (Seuchenvergleiche aber auch), haben sie einen Vorteil: das Publikum ist aufmerksamer. Das dämliche Quatschen mit dem Nachbarn, das noch dämlichere Zusammenschlagen von Flaschen vor jedem Schluck waren nicht zu hören. Wie bei Fußballgeisterspielen hört man plötzlich Dinge, die sonst untergehen. Hier waren es ein paar schöne Reaktionen des Publikums. Dirks "wir spielen jetzt einen postmodernen Song" kommentierte jemand mit "die sind doch alle postmodern!" "Ja, scheiße!" Oder - mein Liebling - nach der Ansage "es folgt ein selten gespielter Protestsong" ein von Herzen kommendes "oh!"

Mehr kann ich mir ein Konzert im Sitzen aber nicht schönreden. In einem Club oder auf einer matschigen Wiese stehend hätte ich den Auftritt geliebt. So war es ein DVD-Abend auf einem unbequemen Stuhl. Das coronabedingte Konzept Großkonzert sitzend funktioniert bei mir nicht. Oder richtiger: ich funktioniere da nicht. Band, Songs, Wetter, Bandlaune, Publikum, Organisation (von der 3G-Sache und der Kommunikation abgesehen), alles perfekt! An mir ging das aber leider komplett vorbei. Wie Prince 1992. 

Setlist Tocotronic, The Hamburg years, Trier:

01: Freiburg 
02: Digital ist besser 
03: Drüben auf dem Hügel 
04: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit 
05: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein 
06: Du bist ganz schön bedient 
07: Michael Ende, du hast mein Leben zerstört 
08: Die Welt kann mich nicht mehr verstehen 
09: Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst 
10: Nach Bahrenfeld im Bus 
11: Sie wollen uns erzählen 
12: Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen 
13: Let there be rock 
14: Die neue Seltsamkeit 
15: Jackpot 
16: Die Grenzen des guten Geschmacks 2 
17: Jenseits des Kanals 
18: Das Geschenk 

19: This boy is Tocotronic (Z) 
20: Hi freaks (Z) 
21: Neues vom Trickser (Z) 

22: Hoffnung (Z) 

23: Letztes Jahr im Sommer (Z)

* Das Antwortmail kam um 21:15.








Montag, 5. August 2019

Heimspiel Knyphausen Festival, Eltville, 26.-28.07.19

2 Kommentare

Konzert: Heimspiel Knyphausen Festival
Ort: Eltville/Rhein
Datum: 26.07.-28.07.2019
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: ca. 2.000 ausverkauft



Die Nachlese zum Heimspiel Knyphausen 2019:  Bekanntermaßen flippe ich nicht gerade vor Freude aus, wenn es heißen würde: „...willst du mich auf einem 80.000er Festival vertreten?“ Von "Roskilde" oder auch dem "Sziget" mal abgesehen. Aber wenn die Frage kommt: "Hättest du Lust und Zeit zum Heimspiel nach Eltville zu fahren ?", dann geht mir schon das Herz auf. 

Mein inneres musikalisches Kind jubelte sehr. Bedeutet es doch, eines der sympathischsten, kleinen Genießerfestivals zu besuchen, die Deutschland zu bieten hat. Einerseits so groß, dass namhafte Künstler vors Ohr kommen, aber doch so klein und fein, dass sich Neues und Interessantes entdecken lässt.



Das Ganze zu einem fairem Preis und mit einem absoluten "Genußrahmen" versehen, wie es sich sonst nur noch beim "Kaltern Pop Festival" finden lässt. Ach ja, und im Oktober 2018 bereits innerhalb von 36 Stunden ausverkauft zu sein, könnte ja auch ein Qualitätsmerkmal sein.

Das Festival blickt auf eine noch junge Tradition zurück. Es begann mit Solokonzerten des deutschen Singers Gisbert zu Knyphausen, der auf dem Hof aufgewachsen ist, der jetzt das Festivalgelände darstellt.

Draiser Hof,  auf der Grenze zwischen Eltville und Erbach im Rheingau, erster Wirtschaftshof des Zisterzienserklosters Eberbach, und heute Sitz des Weingutes Baron Knyphausen. Jährlich kehrt Gisbert zu Knyphausen in den Rheingau zurück und begeistert dann mit seiner Musik und seiner Musikauswahl. 



Es entstand der Wunsch auch befreundete Bands und Solokünstler einzuladen. Damit war das Heimspiel zu Knyphausen geboren. Im Jahr 2014 wurde aus der eintägigen Veranstaltung erstmals ein ganzes Festivalwochenende. Der Draiser Hof wurde um eine bedeutende Tradition reicher. In den vergangenen Jahren hat sich das "Heimspiel Knyphausen" einen exzellenten Ruf als Musikfestival erworben und zieht seither Jahr für Jahr Musikfans aus dem ganzen Bundesgebiet auf das wunderschöne Weingut am Rhein. 

Eine charmante Familie und ein sehr nettes Team verwandeln den Familiensitz in eine kleine Oase ohne den üblichen Festivaltrubel. Gerade in den vergangenen Jahren hat sich mit dem erweiterten Line up (u.a. waren Element Of Crime, Kettcar, Olli Schulz, Sophie Hunger, Kante und die irischen Villagers zu Gast), der Kreis der Fans dieses Festivals auch musikalisch stark erweitert. 

In diesem Jahr präsentierten die Heimspiel-Organisatoren um Gisbert ein spannendes Line Up. Das Ganze wurde flankiert: zum Beispiel mit Pre-Festival Dinner oder auch Lunch, einer maritim musikalischer Bootsfahrt, oder der exklusiver Frühstückstüte. 

Dazu beste Weine und einfach ein gewisser Chic. Apropos: beste Weine - als Biertrinker musst du dich auf diesem Festival schon umstellen, sprich: es gibt nur Wein. 



Freundlich begrüßt wird man am Eingang mit dem obligatorischen, ersten von drei Tagesgläsern. Und wo Menschen zusammenkommen ist auch Gelegenheit Gutes zu tun. Was für die einen "Sea Watch" oder "Viva von Aqua" ist, ist für das Heimspiel die lokale "Philipp-Kraft-Stiftung".

Ziel war die Sammlung von 1000€ für den Jugendpark der Kulturen. Der JuPaKu bietet einen Begegnungsort für junge Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, mit und vlt. (noch) ohne Heimat. Vorbehalte abbauen und um Verständnis und Vertrauen aufzubauen. 

Eine sinnvolle und tolle Aktion. Weitere Infos unter www.philip-kraft-stiftung.de Eine entspannte Eröffnung durch Gisbert, den Bruder und den Vater, der noch ein wenig Historie zum Draiser Hof besteuert und dann ging es auch schon los mit Ilgen-Nur.

Der Sound der Hamburger war anfänglich noch ein wenig schwach auf der Brust. Der präsentierte Indie-Pop wirke etwas gefällig, jedoch gebührt der ersten Band des Festivals bei weit, weit über 30‘ dann doch aller Respekt. Zumal alles entspannt und freundlich ablief.



Danach folgten die Damen von Gurr. Das Grungepostpunkkollektiv (oder kennt jemand tatsächlich Slacker-Pop?) zündet den ersten Turbo. Als Intro wurden Nirvana Tribut gezollt und die Besucher wurden freundlich aber bestimmt von ihren Picknickdecken gebeten und los ging’s. Überhaupt , die Picknickdecken. Diese gehören wohl zum Heimspiel wie ein Schwarm Mücken zu einem stehenden Gewässer - So will es das Gesetz! 



Was in früheren Jahren sicherlich gut funktioniert hat, kommt so langsam aber sicher an die Grenze des Belastbaren. Denn sofern man nicht ganz stumpf die Decken quert, muss man schon genau hinsehen, wohin man hier tritt. Der Einladung zum Crowdsurfen an Gisbert und den ein oder anderen Mutigen aus dem ersten Reihen folgten pogende Eltern, deren Kinder Hunger hatten, und diese öffentlich ausgerufen ließen. Was für ein Spaß! 

Das gesamte Set wechselte zwischen eigenen Stücken und den zum Teil genial interpretierten Covern, z.B. Fettes Brot mit ihrem „Jein!“ Es machte eine Unmenge Spaß und zum Ende wurden dann nochmal Ilgen-Nur auf die Bühne gerufen. Die Vorfreude wächst auf das Haldern Pop Festival. Gurr werden dort die HaldernPopBar abbauen.



Tocotronic. Einer der Gründe, warum ich an diesem heißesten Wochenende überhaupt das Wohnmobil bewegt habe, überzeugen restlos. Weit über 20 Jahre Bühnenerfahrung und unzählige herausragende Songs begeistern hier spielend die versammelten Musikenthusiasten. 



Und das ist dann auch die Zeit, zu der die Generationen zusammenrücken, die Weingläser klingen lassen und den Abend gemeinsam "electroguitarmässig" erklingen lassen. Was du auch machst - mach es nicht selbst! 

Kein wirkliches Motto für diesen Abend, aber dennoch genial einfach getextet und wie gemacht für ein Festival, das alle mit Gisbert zu Knyphausen verbinden, aber alles läuft nur, weil viele tolle Menschen sich so sehr engagieren.

Nullmillimeter als Opener und Orientierung für den Samstag, Tag 2. Teilweise langjährige Freunde und Weggefährten Gisberts finden sich zu einem neuen Bandprojekt zusammen und zelebrieren Texte über die Liebe und das Leben. Herausragend liebevoll und treffend. Tja, und wer’s nicht hören mag - „...Stell dich in die Ecke und heul doch!...“ Alleine der Name ist schon genial - Theodor Shitstorm. 

Imposanter Auftritt des Duetts mit tiefen, nicht nur eigenen, Texten. Es scheint zudem eine besondere Beziehung zu Reinhard May zu geben, dem Liedermacher aus, man höre: (West)Berlin. Immer wieder wird er bemüht. Dabei erscheint der Tiefgang der Texte mal verspielt, mal packend. Und nix für ungut, aber am Schlagzeug sitzt heute die beste Vertretung der Welt.

Sie hat sich anscheinend aushilfsweise eingearbeitet und spielt alles so sauber, dass es eine Freude ist. Am Ende entscheiden aber die Kinder. Oder eher die Kinderlieder. „...Ich habe keinen Hunger, ich habe keinen Durst - ich will einfach meine Extrawurst!...“ Wer weiß schon, dass diese Band auch Kinderlieder auf CD einspielt oder beim WDR an einem Kinderliedercontest mitgewirkt hat.

ClickClickDecker - schlichter, schön schnörkelloser Deutschsprech. Und seit Udo Lindenberg endlich auch mal wieder Kinder auf der Bühne. Es waren die Kinder des Drummers. Sehr schöne Hamburg-Berliner Kombination. Und der Geburtstag vom Bassmann wurde auch noch besungen. 

Another Sky - Vergleiche hinken ja bekanntlich, aber wer die Briten bisher noch nicht auf dem Zettel hatte und sich fragt, wo lassen sie sich einnorden,  muss dann zwangsläufig die Line zu London Grammar ziehen. Ein wunderbares Konzert mit ganz eigenem Charme und stimmlichem Zauber !

Es war das erste Deutschlandkonzert der vier Londoner*innen und es wird mit Sicherheit nicht das Letzte bleiben. (Auch beim Halder Pop noch zu bestaunen).



Genau wie Brandt Brauer Frick - die herausragenden Elektrospezialisten bilden den grandiosen Abschluss des heutigen Tages. Stimmungsvoll knallen die Beats über das Anwesen und bis in die letzte Reihe wird getanzt, gewippt oder zumindest technokratisch der Fuß bewegt. Der abendlich stimmungsvolle Gig war ein grandioser Tagedeckel. Der Tag geht zu Ende wie er begonnen hat - mit Schweiß und Regen auf der Stirn. 



Der Tag 3 beginnt in der Nacht wieder mit Regen. Es wird "ein Tag wie ein Schwein". Nur nochmal zur Erinnerung: Fortuna Ehrenfeld gehört nicht nur für mich zum Besten, was die deutschsprachigen Bühnen derzeit zu bieten haben. Die Knyphausens Matinee startet mit den Kölner Textpoeten und auch wenn ich mittlerweile schon einigen Konzerten lauschen durfte, ich werde dieser Musik wohl nicht so schnell überdrüssig. 

Während Jenny Thiele und Paul Leonard Weißer bereits am Samstag anreisten, bretterte Martin Bechler in der Nacht aus Hamburg heran. Alles kein Zuckerschlecken. Fortuna Ehrenfeld sehen sich ja selbst noch als sehr junges "Unternehmen" und das führt dann auch schonmal dazu, sich viel Stress anzutun. 

Das anschließende meet and greet dauert fast 1,5 Stunden und immer noch schweißnass gebadet verabschiedet sich Martin, nicht ohne ein Merci mit seinem Edding auf meinem Shirt zu hinterlassen. Ich werde es wohl nie wieder waschen.... ?!



Nils Frevert. Dem deutschen Singer/Songwriter gebührt der Abschluss eines insgesamt tollen Festivals. Doch zunächst fällt erst einmal der Strom aus. Die  Akkorde waren gespielt und dann Stille auf dem Platz. Wer in der ersten Reihe stand konnte zumindest noch ein improvisiertes Akustikset verfolgen. 



Nils Frevert versucht die Zeit irgendwie entspannt zu füllen, während im Hintergrund die Stromversorgung wieder hergestellt wird. Frevert textet und spielt sicherlich in der Tradition der Hamburger Schule, der nicht nur seine frühere Band Nationalgalerie angehörte, sondern auch der Headliner vom Freitagabend, Tocotronic. Klein ist die Welt, aber denke daran - du kannst nicht immer 17 sein. 



Mit zwei Kisten Knypausener Riesling unterm Arm ging es beseelt und doch auch ein wenig müde zurück auf die Autobahn. Das „bis nächstes Jahr!“ ging mir beim Verabschieden dann doch recht leicht über die Lippen....

Bericht und Fotos: Denis Schinner 


Dienstag, 7. Mai 2019

Tocotronic, c/o pop Festival, Köln, 03.05.19

0 Kommentare

Konzert: Tocotronic
Ort: Philharmonie, Köln
Datum: 03.05.2019
Dauer: 105min
Zuschauer: 1800 ausverkauft


Alles neu bei der c/o pop. Der Termin im Mai ist gut gewählt, die Konzentration auf Ehrenfeld, mit einem breiten Kultur- und Musikprogramm sinnvoll. So ist der Weg geebnet, fast ohne Pause im Jahr, Monat für Monat Festivals besuchen zu können. 

"Neu ist immer besser" sagt schon Barney Stinson, aber Gutes muss auch bewahrt werden. So sind Konzerte in der Kölner Philharmonie immer etwas besonders. Vor allem, wenn es sich um Künstler handelt, die sich sonst vornehmlich in dunklen Clubs und Hallen die Zeit vertreiben. 

Tocotronic für diesen Rahmen zu wählen, war jedenfalls für beide Seiten ein großer Gewinn. Die Band genoss das ausverkaufte Haus in vollen Zügen, die Zuschauer dankten es mit träumerischer Stimmung unter dem riesigen Diskoball des hohen Hauses. 


Der Aufbau des Konzertes ist nicht weniger berührend. Nach dem soften Opener "Die Idee ist gut..." folgt zunächst Hit auf Hit, Single auf Single. Zunächst überlegt man, was soll da später noch folgen, als Dirk Solo an der Gitarre das todtraurige "Unwiederbringlich" präsentiert.

Der Song ist bereits während der ganzen Tour im Set, aber so emotional habe ich es noch nie erlebt. Die Halle ist stumm, keine Zwischenrufe stören den Moment, danach minutenlanger Applaus und eigentlich ist damit der offizielle Teil bereits beendet, so hat man den Eindruck. 

Denn jetzt folgt ein ausuferndes "wie spielen, worauf wir Lust haben", angeführt von zwei punkigen Songs, über ein minutenlanges Solo von Rick bei "Nach Bahrenfeld im Bus", bis zu einer schnelleren Version von "Mein Ruin" und den Postrockanleihen von "Explosion". 


Viele verlassen bereits den Saal, als nach drei Zugaben bereits die betörende Ingrid Caven ihre Ballade der "großen, weißen Vögel" anstimmt, als die Band erneut für "Die Unendlichkeit" die Bühne betritt. Ein großer Abend.      

           


Freitag, 13. November 2015

Tocotronic, Köln, E-Werk, 11.11.2015

0 Kommentare

Konzert: Tocotronic
Ort: Köln, E-Werk
Datum: 11.11.2015
Dauer: 90min
Zuschauer: ca.2000



Sich am 11.11. auf den Weg nach Köln zu begeben ist ein Abenteuer das man nicht unterschätzen sollte. Aus dem Nichts tauchen am Wegesrand kostümierte Gestalten auf, alles scheint erlaubt und darf heute ausgelebt werden. Eigentlich ein guter Start für ein Tocotronic Konzert, denke ich und erinnere mich zurück an den Clubgig im Stadtgarten zu Beginn des Jahres. 

Heute fand das ganze im E-Werk statt, und über 2000 Leute waren wohl anwesend. Das ist insofern erstaunlich da die letzte CD (Rotes Album) noch mehr polarisierte als alle anderen zuvor. Nun ist es seit Jahren schon nicht mehr witzig bei Toco-Konzerten "Arne" oder "Freiburg" zu rufen, trotzdem hatte ich im Freundeskreis eher den Eindruck als würde das Album der Band live nicht mehr Fans bescheren als sonst.

Dies liegt aber wahrscheinlich nur am Alter meiner Freunde und mir, im Publikum waren nämlich seit langem auch wieder sehr viele junge Menschen anwesend, die sich mit den "früher war sowieso alles besser" Diskussionen überhaupt nicht beschäftigen. Gut so. Das Bühnenbild gefiel mir außerordentlich gut, ein auffälliger Glitzervorhang am hinteren Bühnenende, ansonsten sehr wenig Licht von der Decke, dafür große Strahler an der Bühnenseite die ein sehr schönes, weil direktes Licht auf die Band gaben.



Das Konzert beginnt pünktlich um 21:00 Uhr mit "Prolog" und dem meiner Meinung nach tollsten Stück der neuen CD "Ich öffne mich", das hier mit treibendem Bass und schönen Gitarrenläufen vorgetragen wird. Leider wird es danach nicht besser. Die Setlist auf dieser Tour ist ja fast in Stein gemeißelt. Dass muss nicht schlecht sein, aber heute fehlt mir irgendetwas. Vielleicht war jemand verschnupft, vielleicht war das Catering kalt, keine Ahnung. Aber die Versionen sind allesamt sehr kurz, selbst von "Jungfernfahrt" und "Explosion", die im Stadtgarten noch epische Ausmaße hatten. 



Auch die Ansagen der Band bleiben, bis auf die üblichen Dankesbekundungen von Dirk, kurz und bündig. Getanzt wird ebenfalls spärlich, und wenn dann in den hinteren Reihen. Klassiker wie "Hi Freaks" und "Jackpot" bleiben außen vor, dafür werden "Sag alles ab" und "Macht es nicht selbst" seit Jahren fast ständig gespielt. 



"Neues vom Trickser" überrascht als Zugabe dann doch noch mit tollem Finale bevor mit "Let there be rock" und "Pure Vernunft.." nochmal zwei alte Bekannte vorbeischauen. Die besten Songs des Abends bleiben für mich das anders arrangierte und hier viel rockigere "Zucker" und die perfekte, kurze und knackige Version von "Drüben auf dem Hügel".


Für die nächste Tour wünsche ich mir einfach wieder Mut zu Fehlern und mehr Spontanität sowie einige Songs, die schon seit Jahren kein Chance mehr bekommen haben. Es war ein gutes Konzert aber eben kein überragendes. Und für mich auf jeden Fall besser als Karneval im November. 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Tocotronic, Köln, 27.04.15
- Tocotronic, Großpösna, 18.08.13
- Tocotronic, Erlangen, 11.04.13
- Tocotronic, Stuttgart, 12.03.13
- Tocotronic, Wien, 29.03.10
- Tocotronic, Köln, 04.03.10
- Tocotronic, Köln, 07.06.08
- Tocotronic, Hohenfelden, 17.08.07








Dienstag, 28. April 2015

Tocotronic, Köln, 27.04.15

3 Kommentare

Konzert: Tocotronic
Ort: Stadtgarten, Köln
Datum: 27.04.2015
Dauer: etwa 95 min
Zuschauer: ausverkauft



Als Dirk von Lowtzow die letzte Zeile des besten Stücks der am Freitag erscheinenden neuen Tocotronic-Platte sang - "ich bin leicht zu haben" - antwortete jemand im Publikum "juchuuu!" Es war der schönste Moment des kleinen und schon dadurch besonderen Clubkonzerts der Band. Aber es war nicht der einzige Juchuuu-Augenblick. 

Tocotronic hatten sich für die kleine Tour zur Veröffentlichung des roten Albums in Köln den Stadtgarten ausgesucht. Zuletzt hatte ich die Hamburger Band im E-Werk gesehen und war nur halb angetan nach Hause gefahren. Wenigstens sagt mir das meine Erinnerung jetzt. Irgendwann habe ich einmal bemerkt, daß mir jedes zweite meiner Tocotronic-Konzerte Spaß gemacht hat, ich wollte also nicht schon vorher wissen, wie das Konzert im Stadtgarten sein würde und habe nicht nachgeguckt. Sicher weiß ich aber, daß das gestrige mein mit Abstand bestes von Tocotronic war, nicht nur, weil ein guter Teil des Sets aus alten Perlen bestand, sondern vor allem auch, weil das neue Album eine ganze Reihe künftiger Lieblinge ins Spiel bringt.

Um zwanzig nach acht begannen die vier Musiker ohne Vorgruppe. Nach zu theatralischer Einzugsmusik spielten sie die ersten beiden Lieder des roten Albums, Prolog, das bereits vor einigen Wochen als Single erschienen ist, und Ich öffne mich. Beim zweiten hatte ich fiese Assoziationen, die ich schnell verdrängen werde (bin schon dran, daher hier kein Wort dazu), Prolog überzeugte live sehr!

Mit Du bist ganz schön bedient von vor 20 Jahren beendeten Tocotronic schnell alle Gedanken, es könne ein reines Rotalbum-Promo-Konzert mit ein, zwei Hitzugaben sein. Es war ein im besten Sinne normaler Auftritt, nur eben in einem viel kleineren Rahmen als üblich. Und je länger es dauerte, umso ausgelassener wurde es. Ob die steigende Hitze die Leute in der Mitte zum Tanzen brachte oder das Tanzen die Saaltemperatur erhöhte? Ich weiß es nicht. Aber es wurde wärmer und bewegter, je näher sich Tocotronic dem Konzertende um fünf vor zehn näherten. 

Die anderen neuen Stücke - es waren insgesamt sechs im Programm - gefielen mir gut. Die nächste Single Die Erwachsenen mit singender Geige (leider nur von einer Gitarre nachgemacht. Oder vom Band) und vor allem Jungfernfahrt waren die besten neuen Lieder. Vor Rebel Boy erklärte Dirk von Lowtzow, die Welt habe das Album "das schwulste der Welt" genannt. Da sei wohl etwas dran. 

Die letzten 30, 40 Minuten - ab Mach es nicht selbst - waren phänomenal toll. Und zwischen all die Freiburgs und Mein Ruins passte eben auch Jungfernfahrt rein, als gehöre es schon ewig auf den Platz vor den Zugaben. 

Ein herrlicher Fast-Abschluß waren die My Bloody Valentine Momente bei Explosion, bevor Kapitulation pünktlich kurz vor zehn abschloß.

Hätte ich nicht gedacht, daß mich Tocotronic noch einmal so begeistern könnten. Aber das haben sie nachhaltig. Und das Album wird es wohl auch. Um den Typen im Publikum zu zitieren: "juchu!"

Setlist Tocotronic, Stadtgarten, Köln:

01: Prolog
02: Ich öffne mich
03: Du bist ganz schön bedient
04: Ich will für dich nüchtern bleiben
05: Hi Freaks
06: Die Erwachsenen
07: Aber hier leben, nein danke
08: Samstag ist Selbstmord
09: Die Grenzen des guten Geschmacks 2
10: Rebel Boy
11: Zucker
12: Mach es nicht selbst
13: This boy is Tocotronic
14: Jungfernfahrt
15: Freiburg

16: Mein Ruin (Z)
17: Let there be rock (Z)
18: Explosion (Z)

19: Kapitulation (Z)

rotes Album

Links:

- aus unserem Archiv:
- Tocotronic, Großpösna, 18.08.13
- Tocotronic, Erlangen, 11.04.13
- Tocotronic, Stuttgart, 12.03.13
- Tocotronic, Wien, 29.03.10
- Tocotronic, Köln, 04.03.10
- Tocotronic, Köln, 07.06.08
- Tocotronic, Hohenfelden, 17.08.07

Tourdaten Tocotronic:

28.04. München - Strom
01.05. Berlin - SO36 

01.08. Karlsruhe - Tollhaus 08.10. Leipzig – Haus Auensee 
09.10. Hannover – Capitol 
10.10. Erfurt – Stadtgarten 
11.10. Mannheim – Alte Feuerwache 
14.10. Saarbrücken – Garage 
15.10. Dortmund – FZW 
16.10. Bielefeld – Ringlokschuppen 
17.10. Hamburg – Sporthalle 
21.10. Bremen – Schlachthof 
22.10. Rostock – Mau Club 
23.10. Berlin – Columbiahalle 
06.11. Dresden – Alter Schlachthof 
09.11. Erlangen – E-Werk 
11.11. Köln – E-Werk 
12.11. Wiesbaden – Schlachthof 
13.11. Stuttgart – LKA Longhorn 
14.11. München – Zenithsfasfa



Samstag, 24. August 2013

Tocotronic, Großpösna, 18.08.2013

0 Kommentare

Konzert: Tocotronic
Ort: Großpösna, Störmthaler See (Highfield Festival)
Datum: 18.08.2013
Dauer: etwa 50 Minuten
Zuschauer: mehrere 1000



„Wir möchten diesen Song einer guten Freundin und langjährigen Weggefährtin widmen, die vergangene Woche verstorben ist, Almut Klotz.“  
Dirk von Lowtzow im äußerst stilvollen blau-weißem Polka-Dot Hemd schließt ziemlich genau in der Mitte des Sets die Augen, dann folgt „Drüben auf dem Hügel“, der gehetzte Schlüsselsong des unschätzbaren Debütalbums „Digital ist besser“
Die Hommage, das würdevolle Andenken an das charismatische Lassie Singers-Gründungsmitglied, das nach kurzer schwerer Krebserkrankung mit gerade einmal 50 Jahren verstarb, treibt Tränen in die Augen. Von Lowtzow schreit ein markerschütterndes „Almut“, während die ersten Reihen geschlossen unvergessliche Zeilen mitsingen. 
Bei „Ich warte dort auf dich weil ich dich mag / An unserm letzten Sommerferientag“ muss meine kleine Schwester auf ihrem ersten Festival grinsen. Am darauffolgenden Tag beginnt für sie wieder die Schule, Cro am Vortag fand sie – selbstredend zurecht - doof, Tocotronic toll - selbstredend zurecht. 
Von vornherein stand widerspruchsresistent fest, dass es einer der besten Auftritte des diesjährigen Festivals sein würde, dass Tocotronic ein Juwel im kümmerlichen Line-Up des traditionsreichen ostdeutschen Rockfestivals sind. Damit, Zeuge eines schier rauschartigen Konzerts auf der kleineren Bühne zu werden, konnte ich jedoch nicht rechnen: 
Tocotronic gelingt es mit einer nahezu perfekten Setlist, Wut, Spielfreude und Trauer die besten 50 Minuten des Festivals zu kredenzen; mehr noch, das beste Konzert zu spielen, das ich bisher von dieser Band erleben durfte. 
Enttäuscht dürfte zum Schluss nur Thees Uhlmann gewesen sein, der sich gegen Ende seines eigenen Auftritts auf der Hauptbühne unmittelbar vor Tocotronic wünschte, sie mögen doch „Jenseits des Kanals“ spielen. Die Hoffnungen des ehemaligen Roadies der Band auf den „K.O.O.K“-Song erfüllen sich nicht, stattdessen gibt es nach dem wunderbar behäbigen Beginn mit „Wie wir leben wollen“ „Let There Be Rock“ und jedem Menge gereckte Fäuste.  
„Wir haben gehalten in der langweiligsten Landschaft der Welt / Und festgestellt, dass es uns hier gefällt“, transferiert auf die sächsische Provinz vor den Toren Leipzigs, erscheinen mir die Zeilen passender denn je. Dirk von Lowtzow singt nicht, er skandiert im ihm eigenen Timbre und verstört sichtlich diejenigen, die für Frida Gold(!!!) kamen oder auf den Auftritt der megaerfolgreichen Mumford & Sons – Trittbrettfahrer The Lumineers aus Colorado warten. 
Mit „This Boy Is Tocotronic“ fortzufahren, erfreut die Fans, und während Arne Zank (Schlagzeug) und Bassist Jan Müller einen soliden Rhythmus liefern, glänzt Rick McPhail im großkarierten, roten Hemd, in dem ich ihn schon mehrmals gesehen habe, als musikalische Geheimwaffe des wichtigsten Kollektivs der Hamburger Schule. Ohne den amerikanischen Multiinstrumentalisten wäre der musikalische Fortschritt der Band in den letzten Jahren undenkbar gewesen. Seit knapp 10 Jahren ist der ehemalige Roadie Teil der Gruppe und machte mit musikalischer Perfektion Tocotronic reif für weitere Dekaden. 


Für viele Kritiker und Fans jüngerer Generation ist „Kapitulation“, das 2007 erschienene, achte Studioalbum, das größte Meisterwerk. Und ja, natürlich ist es ein Meilenstein deutscher Popmusik. Der härteste Song der Platte, „Sag alles ab“, reicht als Beleg und fordert das grundsätzlich eher US-Punk affine Highfield-Publikum förmlich zum Pogen auf. Wütend ausgespuckte Zeilen, townshend'eske Bewegungen Lowtzows und Müllers setzen ein visuelles Ausrufezeichen hinter den wütenden Refrain, bevor „Die Revolte ist in mir“, einer der besten Songs des aktuellen Albums „Wie wir leben wollen“ folgt. 
Obwohl mir der Zugang zum jüngsten Werk eher schwer fällt, muss ich anerkennen, dass gerade von diesem Song mit seinen offensichtlichen Smiths-Verweisen eine angenehme Anziehung ausgeht. 
Kurz fällt von Lowtzows Gitarre aus, technische Probleme durchziehen das ganze Festival, doch den 42-jährigen gebürtigen Badener lassen derartige Kleinigkeiten kalt. Lächelnd wird das Problem behoben, bevor mit ernster Miene Almut Klotz gedacht wird, deren Tod zum Zeitpunkt des Tocotronic Auftritts noch keinen Weg in die Medien fand, der einen umso härter trifft. 
Nach „Drüben auf dem Hügel“ gibt es mit „Ich will für dich nüchtern bleiben“ einen dritten neuen Song. Auch ohne projeziertes Straight Edge X auf der Leinwand wie bei vorangegangenen Konzerten kommt von Lowtzows berüchtigter Zynismus gut zur Geltung, der bei der Ankündigung des politisch brisanten „Aber hier leben, nein Danke“ noch weiter ausgereizt wird: Sorgte beim brandenburgischen Greenville Festival sein „Möge jedes gottverdammte Nazikaff hier in der Gegend erzittern“ noch für einen mittelgroßen Aufschrei eines Springer-Blatts widmet er es diesmal den Köchen des Festivals. 
Zeiten ändern sich und so fordert der grau melierte Sänger mit Dreitagebart bei „Macht es nicht selbst“ vom vorletzten Album „Schall und Wahn“, das Tocotronic 2010 als deutsche Crazy Horse auswies, die Zuschauer zum Klatschen auf. 
Ob es sich wieder um einen Akt ironischer Selbstkarikatur handelt oder einfach ehrlicher Spielfreude geschuldet ist, kümmert hier niemanden. Tocotronic gelingt es ein musikalisch eher fremdes Publikum für sich zu gewinnen, dafür gebührt dem Hamburger Quartett ehrlicher Respekt. 
Zum Abschluss folgt mit „Hi, Freaks“ noch ein heimlicher Klassiker der Bandgeschichte, bevor Stockhausens „Gesang der Jünglinge“ vom Band das Ende markiert. 
„Macht's gut, bis bald!“ Tocotronic verneigen sich, Daphne das Plüschmaskotchen schnattert. 
Ich bin dankbar für den besten Auftritt des Festivals und erschüttert vom Tode Almut Klotz'. 


Setlist Tocotronic, Großpösna:

01: Wie wir leben wollen
02: Let There Be Rock
03: This Boy is Tocotronic
04: Sag alles ab
05: Die Revolte ist in mir
06: Drüben auf dem Hügel [Almut Klotz gewidmet]
07: Ich will für dich nüchtern bleiben
08: Aber hier leben, nein danke
09: Macht es nicht selbst
10: Hi, Freaks 


Links:
- aus unserem Archiv:
- Tocotronic, Erlangen, 11.04.2013
- Tocotronic, Stuttgart, 12.03.2013 
- Tocotronic, Wien, 29.03.2010
- Tocotronic, Köln, 04.03.2010
- Tocotronic, Köln, 07.06.2008
- Tocotronic, Hohenfelden, 17.08.2007



Samstag, 27. April 2013

Tocotronic, Erlangen, 11.04.2013

0 Kommentare
Konzert: Tocotronic
Vorband: It's a musical
Ort: E-Werk, Erlangen
Zuschauer: voll, ca. 800
Datum: 11.04.2013
Dauer: Tocotronic 110 Minuten, It's a musical 35 Minuten

von Fabian von Gefuehlsbetont aus Stuttgart

 


Tocotronic mögen es üppig. Das zeigt nicht nur das neue Album Wie wir leben wollen, das Ende Januar erschien und wegen seiner Aufmachung und seinem Klang zurecht für erneutes Staunen sorgte, sondern auch wegen der langen Tour durch viele Konzertsäle in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ich kann mich kaum über mangelnde Termine in Süddeutschland beschweren, erstreckt man diesen Begriff über ein weites Feld. So waren für mich Besuche in Heidelberg, Stuttgart, Erlangen, Offenbach, Freiburg, München und Würzburg möglich – mangels Zeit- und finanziellen Gründen schaffte ich es ‘nur’ nach Stuttgart und Erlangen.
Nachdem ich schon in Stuttgart die Ehre hatte, diese großartige Band unter neuem Motto „Wie wir leben wollen“ zu erleben, trat ich den Weg nach Erlangen an. Das Stuttgarter Konzert musste sich erstmal setzen, Tocotronic im “neuen” Gewand zu erleben ist immer eine interessante Erfahrung. Das, was man schätzt, also vor allem Dirk von Lowtzows Bühnenauftritt, den Pathos und das Überschwängliche, war nie fort. Das verzaubert jeden Auftritt, das will man auch, das kickt. Doch Tocotronic meinen es ernst mit der Tour und mit ihrem neuen Werk. Die neue Platte ist nicht einfach nur ‘die neue Platte’, es fühlt sich wie ein neuer Abschnitt an, ein neuer Meilenstein, den Tocotronic dementsprechend gestalten und auf Tour präzise umsetzen. Sie zeigen damit, wie wichtig ihnen das jetzige Werk ist – das erneut beweist, dass Tocotronic keine schlechten Alben schreiben können. Das, was ich an der „Schall & Wahn“-Tour schätzte, nämlich eben genau das: Die vielen in sich verschmolzenen Songs, die Wut und der Lärm, wird bei der jetzigen „Wie wir leben wollen“-Tour deutlich wärmer und biegsamer. Mit dem ersten Konzert nach der Festivaltour im letzten Sommer, die vom Set eher ein Potpourri an Hits aus 20 Jahren war, musste ich mich bei Vorfreude, Krankheit und schwierigem Publikum erst einer neuen, fordernden Tocotronic-Platte und ein eben solches Konzert noch “gewöhnen” und erstmal finden. Die Entscheidung, nach Erlangen für ein zweites Konzert der Tour zu fahren, entschied sich als goldrichtig. Es war ein großer Genuss zu wissen was passiert und das schon ein Monat verstrichen war.
Die Distanz zwischen München und Erlangen habe ich maßlos unterschätzt, so wunderte ich mich stark, als ich bemerkte, dass dies über 200km sind. Dennoch lohnte sich die Reise, beschwingt mit einem tollen Element of Crime-Konzert im Kopf empfängt mich die Studentenstadt Erlangen mit Regen. Das E-Werk, in dem das Konzert stattfindet, ist ein super Laden. Tolles Programm, guter Sound, schöner Raum, nicht zu groß und nicht zu klein – und einen Balkon gibt’s auch. Ich bin gerne dort, weil diese Stadt nicht erschlägt und vollgestopft ist und mit vielen interessanten Ecken einlädt. Das E-Werk ist das Highlight und eine Anlaufstelle vieler toller Bands.
Auch freute ich mich tatsächlich über ein Wiedersehen der Vorband It’s a musical, die auf der gesamten Tocotronic-Tour Support sind. Das Elektropop-Duo aus Berlin machte es mir in Stuttgart noch ein wenig schwer, in Erlangen wirken sie frisch und nehmen mich offen in den Arm, spielen insgesamt vom Gefühl her befreiter. Ich spüre, wie sie sich über den Auftritt freuen. Das Publikum ist wohl wie jeden Abend: Zwischen Ultras, die nur Tocotronic sehen wollen und interessiertnickenden Indie-Menschen ist alles dabei. Hinten viel Gerede, vorne wird mehr zugehört. Als dann mitten im Song Rick McPhail auf die Bühne schlurft, um Gitarrensoli zu spielen, gibt es natürlich großen Jubel. (Ja, ich war logischerweise auch begeistert) Auch Ella Blixt und Richard Kretzschmar können sich nur fasziniert kopfschüttelnd angucken. Dieser Mann ist der helle Wahnsinn. Als wäre nichts gewesen, schlurft er wieder zurück. Legende da, Legende weg. It’s a musical kicken heute einfach. Das macht Laune, dieser 80′s-Sound. Schlagzeuger Robert grüßt zudem einen David im Publikum, dessen Band Wyoming man auf seinen Rat auschecken sollte. Gesagt, getan und Recht gegeben: Die sind wirklich gut! (Hier klicken) Das ist eine Sache, die ich weiterhin an Tocotronic schätze: Sie laden grundsätzlich Bands ins Vorprogramm ein, die sie selbst auch mögen. Mit Dillon auf der letzten Tour bekam das Publikum einen Popdiamanten zu hören, mit It’s a musical nun eine Band, die definitiv Qualität hat und Freude macht. Der Abend fängt gut an!


Doch es wird noch besser, oder: Noch krasser und abstruser. Bereits mit der heutigen Bühnenorganisation erlebe ich eine gewisse Unordnung, da sich die Crew bei Showbeginn immer noch beratend auf der Bühne befindet, während der Pro Asyl-Imagefilm beginnt und vom Publikum überhaupt nicht wahrgenommen wird. So wird auch nicht nach Ende dieses wichtigen Films wie in Stuttgart geklatscht, sondern nur gewartet, bis das Licht ausgeht. Schade. Mit dem Konzertintro „Gesang der Jünglinge“ von Stockhausen sorgen Tocotronic auch heute wieder für große Verwirrung im Saal. Während ich mich darüber amüsiere, ärgere ich mich im nächsten Moment abermals über Proleten. Diesmal schreit jemand “Haltet die Fresse und spielt Gitarre” durch den Raum. So sehr ich auch abgöttischer Fan dieser Band bin, werde ich solches Verhalten nie verstehen können. Dafür gibt’s keine Anerkennung, das ist auch keine Frage der Ungeduld oder des Geschmacks, sondern des Anstands. Zwei Minuten später stehen die vier Männer “aus Hamburg und Berlin” lächelnd einem vollen E-Werk gegenüber, das sie mit großem Jubel empfängt. Kapellmeister Lowtzow begrüßt Erlangen, Fürth und Nürnberg (!) gewohnt schwungvoll und enthustiastisch. Mit Opener „Im Keller“ beginnt ein furioses Konzert wie eine Fahrradtour: Fährt man gerade noch die Faulenzerroute mit schönem Landschaftsblick, wird der Boden plötzlich ruppiger. Mountainbike.
Rock ‘n’ Roll will never die.
Denn Tocotronic stellen ihr Set im Gegensatz zu Stuttgart vor einem Monat an einigen Stellen um: Mit „Macht es nicht selbst“ findet nun doch ein Song des sehr guten „Schall & Wahn“ einen Platz im Set und auch zu Beginn gibt es eine entscheidende Veränderung: Mit den drei ersten Stücken entzünden sie die Ekstase: Die neue Single „Ich will für dich nüchtern bleiben“ haut nicht nur auf Platte gut rein, sondern ist auch Wegbereiter für einen ersten Klassiker-Befreiungsschlag im Publikum – die Freude schwappt mit dem ersten Akkord förmlich über, nachdem Dirk von Lowtzow “Rock ‘n’ Roll will never die” ins Mikrophon säuselt und die Fotografen aus dem Graben verscheucht. Er guckt zornig aber bestimmt und will jetzt nur noch sein Publikum sehen. Es strahlt ihn an und singt „Drüben auf dem Hügel möcht’ ich sein im letzten Abendsonnenschein.“ Es ist ein Moment, in dem man die Welt umarmen könnte. Es gibt nur diesen Moment und die Musik, das vollkommene Glück, die Faust in der Luft und die Stimme überschlägt sich. Tocotronic haben alles richtig gemacht. Nachdem es den ‘Hügel’ in Zürich nur als Bonbon nach dem Outro (!) gab, bauen sie es nun direkt zu Beginn ein. Weil’s im Freudentaumel der alten Zeit so schön ist, bleiben sie mit „Meine Freundin und ihr Freund“ gleich dort. Das Publikum nimmt dankend an. Danach ist erstmal Ruhe und Zeit für großes Drama und das “tuntigste Lied” „Vulgäre Verse“.
Schließlich soll das Publikum ja auch nicht verwöhnt werden – obwohl sich der Besuch jetzt schon für die meisten gelohnt hat. Doch Tocotronic präsentieren natürlich ihr neues Werk: Da ist „Vulgäre Verse“ ein Lied, das aneckender nicht sein könnte. Kaum ein Song auf dem neuen Album sticht so heraus wie dieses. Lotzows feminine Stimme besingt eine Diva auf großer Bühne – „Ich geistere zurückgezogen / In möbliertem Revier / Keinem Fuß mehr auf deutschem Boden / Nur nächtliches Telefonieren“ – die Worte könnten es nicht besser beschreiben, der Hall strotzt, die Stimme schwebt, der Schatten schwindet. Mit dem Wegfall von „Exil“, das in vorigen Sets noch enthalten war, bei dem It’s a musical nochmals für die Background-Chöre auf die Bühne durfte, erschlägt das Set nicht allzu sehr mit Songs des neuen Albums. Das Set ist ausgeglichen und hat dennoch eine erkennbare Note. Mit „Abschaffen“, zu dem die Müncher Elektropunkband Frittenbude einen Remix baute, „Die Revolte ist in mir“ und „Warm und Grau“ formt das Konzert den Rahmen der „Wie wir leben wollen“-Tour.


Neben mir boxt sich ein jüngerer Kerl mit konstant grimmigen Gesicht durch die Masse, in dem die Revolte scheinbar tatsächlich steckt. Ich kenne das und fühle mit, lächle aber lieber. Dirk von Lowtzow schreit heute lieber, was mich kurz aus der Fassung bringt. Wer schon auf einem Tocotronickonzert war, kennt die große Sympathie und Wertschätzung von Dirk von Lowtzow gegenüber dem Publikum, der ständig dankt und ausschweifend erzählt. Heute ist tatsächlich irgendwas in der Luft, dass diesen Abend eine sehr raue, aber interessante Note gibt. Denn Lowtzow bricht während „Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools“ kurz vor dem ersten Refrain ab und schimpft laut auf den Tonmann. Bevor alle sich kurz ungläubig ansehen, entschuldigt er sich beim Publikum und spielt den Song nochmals. Generell spürt man heute mit dem Verscheuchen der Fotografen, eben genannter Aktion und einem “Halt’s Maul, Deutschland!”-Ruf passenderweise nach „Aber hier leben, nein Danke“ eine besonders ausgeprägte Wut bei Lowtzow. Diese gibt dem Konzert aber den gewissen Arschtritt. Tocotronickonzerte bringen auch immer wieder neue Erfahrungen mit sich.
Danach gibt es nur noch einmal einen finsteren Blick Richtung Tonmann, als dieser die Monitorboxen nach Punkexzess wieder korrekt platziert. Jan Müller bedankt sich mit einem Lächeln um den Frieden wiederherzustellen. Das ‘Vampir-Lied’ „Auf dem Pfad der Dämmerung“ muss ebenfalls wiederholt werden – Musikgott McPhail sitzt nicht an der Orgel und schlägt nach Beginn die Hände über dem Kopf zusammen. “Er wird halt überall gebraucht” – wie wahr, was Arne Zank da anmerkt.
Kurz vor Ende des Hauptteils sorgen Tocotronic dann nochmals für große Gänsehaut. Dirk von Lowtzow, wieder strahlend, grüßt mit Übersong „Hi Freaks“ alle Fans bis Bamberg. Sechs Minuten weitere Ekstase. Hi. Freaks. Look. at. me. Die Fortsetzung offener Münder, glücklicher Gesichter, gereckter Fäuste und einem lauten “Jaaaa!”-Schrei folgt mit der ersten Zugabe: Aus einer herrlich großen Lärmwolke formt sich „Freiburg“ – Erlangen kollabiert und ist alleine, weiß es und findet es sogar cool. Es ist das Dankeschön einer Band, die es seit zwanzig Jahren verdient hochgelobt zu werden. Der Titelsong des neuen Werks schließt die Zugabe ab, bevor Dirk von Lowtzow seine Zigarette mit der ersten Reihe teilt, wieder lächeln kann und Frieden mit Erlangen schließt, einatmet und nein, nicht den Tod besingt, sondern “einen Engel”. „17“. Das melancholische Finale eines großen Konzerts, „17“ entlässt mit einem doch sehr abschließenden Gefühl, das mich immer wieder mitnimmt. Keine Ekstase, nur für ein paar Sekunden still stehende Herzen und innere Leere.


Setlist, Tocotronic, Erlangen: 

01: Im Keller 
02: Ich will für Dich nüchtern bleiben 
03: Drüben auf dem Hügel 
04: Meine Freundin und Ihr Freund 
05: Vulgäre Verse 
06: This Boy is Tocotronic 
07: Sag alles ab 
08: Aber hier leben, nein Danke 
09: Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools 
10: Abschaffen 
11: Alles wird in Flammen stehen 
12: Auf dem Pfad der Dämmerung 
13: Die Revolte ist in mir 
14: Macht es nicht selbst 
15: Jackpot 
16: Hi Freaks 
17:Warm und grau 

18: Freiburg (Z) 
19: Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen (Z) 
20: Wie wir leben wollen (Z) 
21: 17 (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:
- Tocotronic, Stuttgart, 12.03.2013
- Tocotronic, Wien, 29.03.2010
- Tocotronic, Köln, 04.03.2010
- Tocotronic & Klee, Köln, 07.06.2008
- Tocotronic, Highfield Festival, 17.08.2007 





Freitag, 15. März 2013

Tocotronic, Stuttgart, 12.03.13

0 Kommentare

Konzert: Tocotronic
Vorband: It's A Musical
Ort: LKA Longhorn
Zuschauer: 1.400 
Datum: 12.03.2013 
Dauer: Tocotronic 110 Minuten / It's A Musical 31 Minuten 


von Jens aus Stuttgart


Lachend hält Dirk von Lowtzow Daphne, das neue Plüschmaskotchen der Band, vor das Mikrophon. Kuscheltiere haben bei Tocotronic Tradition. Eine Konstante, die sich durch nunmehr zwanzig Jahre Bandgeschichte gezogen hat. So mussten sie sich bereits Mitte der 90er süffisante Fragen zu ihren Bandmaskotchen in Bernd Begemanns damaliger NDR-Fernsehsendung „Bernd im Bademantel“ gefallen lassen.  Schon damals hielt von Lowtzow eine Ente in die Luft – und auch Daphne ist fraglos ein entenähnliches Wesen. Niedlich, keine Frage. Als der Frontmann einen Knopf drückt beginnt es seltsame Töne auszustoßen. Noch niedlicher. „Karl-Heinz Stockhausen, meine Damen und Herren“, sagt der 41-jährige Sänger und sein Lachen breitet sich aus. 


Tocotronic waren schon immer eine prätentiöse Band, das aber auf eine äußerst sympathische Art. Im LKA Longhorn im Industriegebiet Stuttgart-Wangens müssen von Lowtzow, Jan Müller (Bass), Arne (Zank) und Rick McPhail (Lead-Gitarre, Orgel, Harmonien) noch nicht einmal die Bühne betreten, um diesen Ausnahmestatus in der deutschen Bandlandschaft zu verteidigen. Es reicht ein wenig Stockhausen vom Band, um einsehen zu müssen, ja, diese Band hält sich für intellektuell, sie hält sich für avantgardistisch, aber all das immer mit einem Augenzwinkern versehen. Zur elektronischen Soundcollage von „Gesang der Jünglinge“ aus den 1950ern sieht man, wie sich Irritation in Teilen des Publikums ausbreitet. Ein fantastischer Moment, der mit der Erwähnung Stockhausens im Maskottchen-Kontext noch an Klasse gewinnt.


Als die Band schließlich die Treppe zur Bühne hinabgestiegen kommt, bricht tosender Applaus aus, der große Auftritt gelingt. Dirk von Lowtzow, – wie so oft – im rosa Hemd, die Ärmel bis zu den Ellbogen aufgerollt, hat gute Laune und begrüßt Stuttgart frenetisch, während sich die übrigen Bandmitglieder positionieren. 

„Wie wir leben wollen“, das neue, eher durchwachsen rezipierte aktuelle Album der erfolgreichsten Band der Hamburger Schule, mochte mir bisher auch nicht wirklich gefallen, wobei ich dem fast 80-minütigen Opus auch etwas Reifezeit zugestehe, sodass ich gespannt war, wie mir die neuen Songs wohl live zusagen werden. 


Wenig verwunderlich beginnt der Auftritt mit dem Opener des neuen Werks. „Im Keller“, das mit seiner ungezwungen Selbstironie und dem ungewohnten Popappeal, beim ersten Hören bereits keinen schlechten Eindruck hinterließ. Mit sonorer Stimme gibt es herrliche Zeilen zu hören, die nur auf dem ersten Blick naiv wirken können: „Hey hey hey, ich bin jetzt alt / Hey hey hey, bald bin ich kalt / Im Keller wartet schon der Lohn.“ Während „Eure Liebe tötet mich“, der erste Track des letzten Albums „Schall und Wahn“ noch in seiner Soundästhetik an Neil Young & Crazy Horse erinnerte, ist es an dieser Stelle der Text, der an den großen, alten Mann aus den kanadischen Bergen erinnert. „Hey, hey, my, my“ und so weiter, „It's better to burn out than to fade away“, bei Tocotronic heißt es dann, „Hey hey hey, ich hab mich nie bemüht / Hey hey hey, jetzt bin ich verblüht“. Das ist dann gar nicht einmal sonderlich subtil – dafür aber schön. Live passt es umso besser, auch wenn von Lowtzow bei den hohen Tönen seine Schwierigkeiten hat. Die Probleme bleiben auch beim zweiten Song des Abends, „Ich will nüchtern für dich bleiben“. Eine mediokre Nummer, bei der allerdings immer wieder der Lowtzow'sche Zynismus aublitzt, während im Hintergrund das „Straight-Edge-X“ über die Leinwand flackert. 


Dass man bei bei Tocotronic-Konzerten keine gesanglichen Großleistungen zu erwarten hat, ist hinreichend bekannt, und fällt auch nicht störend ins Gewicht. Erst recht nicht, wenn man den Gesang in der Gegenwart mit jenem auf „Digital ist besser“, anno 1993, vergleicht. Besonders deutlich wird das bei „Meine Freundin und ihr Freund“, der ersten Single, ein echter Klassiker, die Freude ist deutlich zu spüren. Meine Lieblingszeilen des Songkanons gröhle ich beglückt mit: "Und im Leben geht's oft her wie in einem Film von Rhomer. / Und um das alles zu begreifen / wird man was man furchtbar hasst, nämlich Cineast, / zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen.“ 


Im vorderen Bereich wird wild gepogt, Fäuste werden gereckt, während Rick McPhail Orgel spielt. Was wäre diese Band heute nur ohne diesen großartigen Richard Arthur McPhail, der seit Mitte der 00er Jahre offizielles Bandmitglied ist. Der Amerikaner ist fraglos der musikalische Großmeister der Band, dem man zutrauen könnte, ganz alleine für den großen musikalischen Wandel seit „Pure Vernunft darf niemals siegen“ von 2005 verantwortlich zu sein. Ich bin sicherlich nicht der einzige, der sich vorstellen kann, dass McPhail alle Instrumentalparts der „Berliner Trilogie“ und des aktuellen Albums selbst eingespielt hat. Aber Verschwörungstheorien sind in diesem Kontext vollkommen unnötig. Danach gibt es „Vulgäre Verse“, das genauso prätentiös und langweilig ist, wie der Titel vermuten lässt. Dirk von Lowtzow spielt akustische Gitarre und ich frage mich, ob er Song in seinem operettenhaften Klang nicht besser in das Nebenprojekt Phantom/Ghost gepasst hätte, jenem Duo aus von Lowtzow und Thies Myther von Superpunk. 

„This Boy is Tocotronic“ erhöht wieder die Stimmung und legt nahe, dass mehr alte Songs, dem Konzert gut tun würden. Am Ende sind elf von 20 gespielten Songs vom aktuellen Album, die meisten davon funktionieren live leider überhaupt nicht wie auch „Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools“, „Abschaffen“ oder „Wie wir leben wollen“, das es als letzten Song des ersten Zugabenblocks gibt. „Die Revolte ist in mir“ hinterlässt einen weit besseren Eindruck. Ein vorantreibender Rocker, der unter anderem bei Morrissey abkupfert und sicherlich die Gedanken einiger alter Weggefährten aus der Anfangsphase der Band ausdrückt: „Erfolgreiche Freunde / Geißel der Menschheit / Erfolgreiche Freunde / Pest der Existenz“. Auch die Single „Auf den Pfad der Dämmerung“ funktioniert einigermaßen. Zumindest langweilt sie nicht unnötig.  

Höhepunkt des regulären Sets werden so folgerichtig ältere Songs aus der „Berliner Trilogie“. „Sag alles ab“, das bedauerlicherweise das einzige Stück vom Überalbum „Kapitulation“ bleiben sollte und „Aber hier leben, nein danke“ glänzen direkt hinter einander in ihrer ganzen Qualität. Tocotronic waren schon immer höchst politisch, was sich heute Abend bereits im „Pro Asyl“ - Imagefilm zeigt, den es bereits vor dem Intro zu sehen gab. „Aber hier leben, nein Danke“ wird wieder als Kampfsong gegen „alles Reaktionäre“ angekündigt. Linke Fäuste werden gereckt. Es ist das gleiche Feindbild, das auch in „Freiburg“ besungen wird, wie mir scheint. Auch der Klassiker, den es erst in den Zugaben gibt, ist eine wütende Ode gegen Reaktionärismus – und aktuell wie eh und je. 

Jan Müller post in altbekannter Manier im blauen Fred-Perry-Poloshirt, während McPhail unfassbar filigrane Gitarrenarbeit leistet und Harmonien singt, wie sie einst der Band gelangen, die sein T-Shirt schmückt: Crosby, Stills, Nash & Young. Von Lowtzow stümpert mit eleganten Verrenkungen an seinen tot chicen E-Gitarren umher, stampft mit Doc Martens – Boots auf den Boden. Die Wut ist echt. Arne Zank trommelt sich die Seele aus dem Leib, das buntkarierte Hemd ist schon früh Schweiß durchdrängt. 

Zu „Exil“ werden Ella Blixt und Robert Kretzschmar auf die Bühne gebeten, die als Electro-Pop-Duo It's A Musical im Vorprogramm in einer halben Stunde eine fähige Show abzogen, die angesichts der Musik des Hauptacts jedoch ein wenig deplatziert wirkte. Blixt erwähnte, dass der erste Stuttgart-Auftritt des deutsch-schwedischen Projekts letztes Jahr als Support von The Whitest Boy Alive stattfand, was mit Sicherheit besser passte und vermutlich nicht von störenden Publikumsverhalten erschwert wurde. 

Überhaupt ist das Publikum heute Abend anstrengend. Prolls, die in jeder Pause zwischen zwei Liedern „Hi, Freaks“ fordern und diesen großartigen Song, dann leider auch tatsächlich bekommen. Es sind dieselben, die sich während des It's A Musical Auftritts schlecht benahmen. Ein Steve van Zandt Lookalike von Anfang 30, barfuß, und mit Piratenkopftuch verhält sich besonders aggressiv und hüllt sich dabei in großes Fantum. Es gibt es sie tatsächlich, jene Tocotronic-Ultras, die auf Konzerten nerven. 

Aber so ist das eben. Als Zugaben gibt es neben dem erwähnten „Freiburg“ den Klassiker „Ich bin viel zu lange mit euch gegangen“ und das enttäuschende „Wie wir leben wollen“. 

Als die Band zum zweiten Mal zurückkehrt folgt „17“, „ein Song über den Tod“. Der zehnminütige Song ist der einzige, den es vom fantastischen Album „K.O.O.K“ heute Abend gibt. Die lange Nummer wird zur großen Rick McPhail – Show, während sich der Rest der Band verausgabt. Hier ist sie wieder, die intensive Kraft, die live in Deutschland kaum eine Band zustande bringt. Darf ich vorstellen, Neil Young & Crazy Horse.

Setlist Tocotronic, LKA Longhorn, Stuttgart: 

01. Intro (Gesang der Jünglinge) 
02. Im Keller 
03. Ich will für dich nüchtern bleiben 
04. Meine Freundin und ihr Freund 
05. Vulgäre Verse 
06. This Boy Is Tocotronic 
07. Sag alles ab 
08. Aber hier leben, nein danke 
09. Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools 
10. Abschaffen 
11. Alles wird in Flammen stehen 
12. Auf dem Pfad der Dämmerung 
13. Die Revolte ist in mir 
14. Exil 
15. Jackpot 
16. Hi, Freaks 
17. Warm und grau 

18. Freiburg (Z) 
19. Ich bin viel zu lange, mit euch mitgegangen (Z) 
20. Wie wir leben wollen (Z) 
21. 17 (Z) 

Links:

- aus unserem Archiv
- Tocotronic, Wien, 29.03.10
- Tocotronic, Köln, 04.03.10
- Tocotronic, Köln, 07.06.08
- Tocotronic, Hohenfelden, 17.08.07


 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates