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12:52
Konzert: Waves Vienna Festival
Ort: verschiedene Locations am Donaukanal
Datum: 03.10.2013
Was für so ziemlich jede mitteleuropäische Stadt gilt, trifft auf Wien besonders zu: Winter sind nicht so lustig. Kann natürlich sein, dass ich bei der Kleidungswahl noch ein wenig in Sommernostalgie schwelgte (ein komisches Präteritum) und gleich zum Island-Pullover hätte greifen sollen, aber so oder so sind 5° ein bisserl wenig.
Nur gut, dass sich mittlerweile schon fast alle Festivitäten ins Innere verzogen haben und Festivals auch wenn sie so heißen, nichts mehr mit Outdoor zu tun haben. Das erste Oktoberwochenende wartet da traditionell mit großem Veranstaltungsgebot auf, wenn man will, kann man es gar auf zwei Großereignisse reduzieren: das höchst originäre Konstrukt "Wiener Wiesen" und das "Waves Vienna". Beide betonen im Namen schon den Bezug zur Hauptstadt, doch die jeweils transportierten Weltvorstellungen liegen eher weit auseinander, einzig die Liebe zum Bier eint die beiden Zielgruppen. Den Raum zwischen Donaukanal und Prater dominieren ein Wochenende lang also Dirndl, Lederhosen, Waves-Umhängetaschen und Timetable-Booklets.
Warum ich hier so herumschwafle über die Wiesen, wo doch eh jeder weiß, dass es nicht um Bierzeltbelustigungen gehen wird? Weiß ich auch nicht so genau. Wohl deshalb, weil Kollegin Ursula in ihrem Bericht über das Waves schon einiges erzählt hat. Und weil ich heuer keine lustigen musikalischen Sozialisierungsversuche von angeheiterten Wiesenbesuchern vorm Fluc und Beschwerden über die Lautstärke (von der Wiesen ans Waves wohlgemerkt) erleben durfte, aber doch so gerne darüber schreiben würde. Und natürlich auch, um einfache Dichotomien herzustellen, á la Orwells "Vierbeiner gut, Zweibeiner böse". Alle Vierbeiner lesen also bitte trotz langatmiger Einleitung weiter, es wird nämlich endlich musikalisch.
Dem Manchester-Boy Magic Arm war nämlich die Ehre (oder Bürde, je nachdem) überlassen, den Abend im Odeon zu eröffnen, einem wunderschönen, sehr großen Theater, das zu der frühen Uhrzeit (dreiviertel sieben) erst eine Handvoll Early Birds angelockt hatte. Wie durch Zauberhand allerdings hatte der bärtige Kollege schnell eine atmosphärische Dichte geschaffen, in den Pausen zwischen den Songs glänzte er zwar nicht als großer Erzähler, vermittelte aber das Gefühl, sich gerne mit dem Publikum auszutauschen und sich über jeden einzelnen zu freuen. Die zu erzählenden Geschichten nahmen sich in musikalischer Form sowieso ganz hervorragend aus, wurden von sehr verspielten Arrangements begleitet und ein besonderes Faible hatte der hinter dem Alias steckende Marc Rigelsford fürs Loopen. Bisweilen erinnerten die Klangwelten des Magic Arm da stark an jene von A Thousand Fuegos.

Die Kurzweiligkeit des Konzerts ist zum Teil sicher auch auf die Spontaneität des Künstlers zurückzuführen, der in den Pausen oft umdisponierte, andere Songs als geplant spielte und seinen Mitstreiter Ben, der nach drei Songs erstmals die Bühne betreten hatte, abwechselnd auf die Bühne zitierte und wieder wegschickte. Auf nette Art und Weise natürlich, der Typ ist grundsympathisch, aber doch irgendwie verwunderlich, dass er seinen Kollegen nicht auf der Bühne haben wollte, wenn ein Song ohne dessen Beteiligung auskam. Platz wäre da jedenfalls genug gewesen. Ob die acht Tage, die die beiden zu diesem Zeitpunkt schon gemeinsam auf Tour waren, bereits Abnutzungserscheinungen verursacht hatten? Am Tag zuvor hatten die beiden jedenfalls in München in einer Garage oder Werkstatt gespielt, was Ben zu dem berechtigten Kommentar hinriss, das Odeon sei doch ein wenig ein anderes Kaliber. Ziemlich genau nach 45 Minuten war das Konzert jedenfalls vorüber, eine kurze Verbeugung und weg waren sie. Ein schöner Start ins Festival, recht lange sacken konnte ich diesen aber nicht, da im doch ein Stückchen entfernten Flex Amatorski anstanden.
Eine Viertelstunde deren Konzerts hatte ich bei Ankunft zwar schon verpasst, die restliche halbe Stunde war aber so dermaßen gut, dass sie dieses kleine Ärgernis schnell vergessen ließ. Dabei hatte ich mich erst am gleichen Tag zum ersten mal mit Amatorski beschäftigt, war zufällig auf den Namen im Timetable gestoßen und natürlich gleich an die kürzlich im Konzerttagebuch verfassten Lobeshymnen auf eine Band dieses Namens gedacht. Amatorski klingt ja sprachlich ziemlich slawisch eigentlich, hatte ich mir gedacht, und einen musikalischen Import Olivers von seiner Russlandreise vermutet. Im Timetable stand allerdings ein (BE). Belgien und Slowenien waren nämlich die heurigen Gastländer im Rahmen des Veranstaltungscredos "East meets West".
Für Amatorski gilt "Post-Rock meets Schüchter-Pop", zwei musikalische Hängematten, in die ich mich besonders gern flausche. Wie ein Mangalitza-Schwein (einfach weils ein schöner Name ist) suhlte ich mich im musikalischen Schlamm der Belgier und verlor dabei jeglichen Bezug zum Rundherum. Wobei der Begriff Schlamm die Tonart, die Amatorski anschlagen, ja gänzlich verfehlt. Aber in der Konsistenz gleicht er dem Konzert gewissermaßen, so dicht und einhüllend, richtig wärmend war es. Außerdem haben Amatorski spirituell angehauchte Metaphern wie "engelsgleich" und "überirdisch" sicher schon hundert Mal gehört. Also passt Schlamm irgendwie doch ganz gut. Heißt ja außerdem auch "Perlen vor die Säue" oder? Und ich glückliche, tagebuchschreibende Sau, die dieses Konzert fast verpasst hätte, erlebte also eine sphärische Welt aus Glockenspiel, samten vorgetragenem Schlagzeug, komplex ineinandergreifender Instrumentierung und gehauchtem Gesang.
Dadurch, dass die Band rund um Sängerin Inne zwischen den Songs kaum zum Publikum sprach (dafür oft Instrumente bzw. Plätze wechselte, die Bühne war wohl zu viert mit soviel Equipment doch etwas eng), entwickelte sich eine ganz eigene Atmosphäre, die man nicht zwangsläufig mögen muss. Für viele ist ein Konzert ja erst dann richtig gut, wenn möglichst viel interagiert wird und der Kontakt zwischen Publikum und Band ausgereizt wird, aber ich habs halt hin und wieder gern so schwelgerisch, weltvergessen. Und die Leute rundherum - auffallend viele ältere und professionell wirkende, mit Akkreditierungen ausgestattete Männer übrigens, wohl Leute aus dem Business - schienen mehrheitlich diesen Ansatz zu teilen, den filigranen Songs wurde durch äußerstes Schweigen Respekt erwiesen, ganz am Ende bei Never Told tänzelten glückselige Gesichter durch den Raum (also die Körper zu den Gesichtern), durch die nebelverhängte Bühne verabschiedeten sich die etwas schüchternen Belgier leider schneller, als man überlegen konnte, was "Zugabe" wohl auf flämisch heißen möge. Zauberhaft gutes Konzert, das Hunger auf sehr viel mehr macht, heißt in diesem lustigen Kauderwelsch jedenfalls Amatorski, das steht schon mal fest. Zum Glück hatte die Band in einem Anflug auf Gesprächigkeit vor dem letzten Song schon versprochen: "See you very soon!"
Schauplatzwechsel und raus in die Kälte once again. Zum Glück nur zehn Minuten lang im Eilschritt und nicht länger - so wie die Bands auf dem Red Bull Brandwagen, der hundert Meter vom Flex positioniert war. Der hatte letztes Jahr (damals am Praterstern aufgestellt) gar nicht so schlecht funktioniert, allerdings war da auch das Wetter besser und der Platz doch deutlich belebter als der Donaukanal, wo die Leute vorbeieilten, um schnell wieder ins Warme zu kommen.
So allerdings spielten die zwei für diesen Tag angesetzten Bands in ziemlicher Kälte und vor publikumstechnischer Minimalbesetzung. Vielleicht hätte man da einfach schon am Nachmittag beginnen sollen, wo die Konkurrenz der anderen Bühne sich noch in Grenzen gehalten hätte...
Im Odeon ist es aber schön warm und Frida Hyvönen konnte also in einem sehr luftigen, farbenfrohen Kleid auftreten. Von der schwedischen Songwriterin erlebte ich nur mehr die letzte Viertelstunde, die zwar musikalisch nicht ganz meinen Nerv traf (oder Amatorski zuvor waren einfach zu gut, auch möglich), aber dafür ein wenig mehr auf der Entertainment-Schiene unterwegs war als die Belgier.
Ein Apfel, der auf ihrem Klavier lag, dürfte als Running Gag eine große Rolle gespielt haben, auch mit ihrer Begleitung an den Backvocals erlaubte sie sich den einen oder anderen Scherz, der letzte Song Dirty Dancing blieb mir auch spaßig in Erinnerung. Er handelte von der alten Jugendliebe, die man irgendwann aus den Augen verliert und dann plötzlich als Rauchfangkehrer vor der Tür steht. Erinnern an vergangene Zeiten - Dirty Dancing mit dem kohlschwarzen Homie, schönes Wortspiel. Vergangene Zeiten müssen aber gar nicht so lang her sein, es reicht auch das Jahr 2007, als Frida Hyvönen mit Au Revoir Simone in den USA unterwegs gewesen sei und die nachfolgende Band sehr schätzen gelernt habe, man möge doch bitte bleiben.

Kein Problem - von denen hatte ich mir sowieso sehr viel versprochen. Viele andere taten das ebenfalls, denn der Saal füllte sich deutlich und bald waren alle Sitzplätze besetzt. Die Umbauphase bescherte der Bühne eine auf drei Pulte reduzierte Möblierung, die dann bald von den drei Mädchen in Beschlag genommen wurden. Die im Hintergrund montierten Leinwände wurden (im Unterschied zu farbenfroheren Visuals bei den Künstlern zuvor) anfänglich hauptsächlich grau-weiß bestrahlt, das weiße Bühnenlicht tauchte die Bühne in eine etwas düstere Atmosphäre und dürfte ein schönes Fotomotiv abgegeben haben. Ich fand den Anblick der fünf Fotografen, die am Steinboden vor der Band im Halbkreis saßen, lagen und sich verrenkten, sehr unterhaltsam. Wie fünf Raubtiere, die potenzielle Beute belagern. Rein fotografische Beute natürlich...
Optisch ansehnlich, rissen mich Au Revoir Simone jedoch nicht völlig mit, das Konzert geriet deutlich beatlastiger als ich es von den CDs gewohnt war und generell regierte etwas mehr die hippe Coolness als die Spielfreude, schien mir. Trotzdem bleiben die Songs der Brooklyner Band ausgesprochen gut, treibend und ausgelassen zugleich, gehen leicht ins Ohr und die abwechselnd eingesetzten Stimmen sorgen irgendwie für den Eindruck, bei jedem Song eine neue Person entdecken zu können.
Relativ am Ende gabs dann ein Cover von Mazzy Star, war halt kein ausgefallenes, sondern Fade into You, eh klar. Das war eigentlich recht gut und damit, die leicht distanzierte oder entrückte Coolness des Songs zu transportieren, taten sich die New Yorker auch nicht allzu schwer. Generell finden sich zwischen diesen beiden Bands einige Parallelen bzw. gemeinsame Vorlieben, Mazzy Star sind halt im Endeffekt doch gitarrenlastiger. Und eigentlich gefiel mir dieses Cover fast am Besten am gesamten Konzert, denn das abschließend präsentierte Shadows, auf das ich mich sehr gefreut hatte, erfasste mich nicht völlig. Soundtechnisch war das Konzert gegen Ende hin dafür nach einigen Adaptierungen sehr überzeugend und auch nicht mehr ganz so dumpf und unausgewogen wie zu Beginn.
Nach einem kurzen Besuch im Flex, um jemand abzuholen und 10 Minuten CSS (been there, done that), ging es dann ins Fluc, wo eine Labelnight anstand und die heimischen Velojet ihr mittlerweile viertes Album, glaub ich, vorstellten. Die Location war relativ voll und die Sicht auf die Bühne daher für mich eher eingeschränkt, ich hatte die Band aber zwei Wochen zuvor schon in ihrer Heimatstadt bei einem bumvollen Konzert - Heimspiel nennt man sowas wohl - erlebt und daher auch eine ungefähre Ahnung, was sich da so abspielt. Die vier wagen mit dem neuen Album Panorama nämlich gewissermaßen einen Neuanfang, allerdings eher in vermarktungstechnischer Hinsicht, das Album erscheint nämlich auf einem neuen Label, ist in Finnland aufgenommen worden und besonderer Wert wurde diesmal auf Vinyl gelegt. Die Songs sind von gewohnt hoher handwerklicher Qualität. Mit ihrer Mischung aus Indie-Rock, leicht melancholischem Songwriting und eingängigen Vocals werden Velojet zwar vermutlich nicht reich und berühmt, aber das Herzblut und die Energie, die sie in Musik und Liveauftritte stecken, macht die Band höchst sympathisch. Mit einer guten Stunde Auftrittszeit zwischen dreiviertel elf und dreiviertel zwölf hatten sie auch einen der besten Slots des ganzen Festivals und aufgrund geografischer Lage des Fluc auch kaum Konkurrenz zu dieser Zeit.
Vor allem Sänger Réne nutzte diesen Umstand und feierte mit dem Publikum ein Freudenfest, animierte es zum Mitsingen, der Schweiß rannte ihm von der Stirn und so erging es auch dem Publikum. Neben neueren Songs wie Angeldust, Cold Hands und Away! Away!! kamen gegen Ende hin auch einige wenige Stücke älteren Datums hinzu. Irgendwann kam dann mein Lieblingssong vom neuen Album, The Sea is the Ocean is the Sea. Eine interessante Gleichung!
Mathematisch auf einen Nenner kam ich allerdings nicht mit der Vorliebe der Band, die schönen gelben Vinyls wie beim Diskuswurf durch den Raum zu schleudern und derart zu verschenken, wie sie es schon beim erwähnten Konzert in Steyr geschehen war. Ein bissi mehr Liebe, herst!
Zu Ende ging das Konzert dann mit dem Klassiker I follow my Heart, das zu einer etwa zehnminütigen Version ausgebaut wurde und zur Manifestation der Livequalitäten der Band geriet. Alles in allem ein sehr gelungenes Release-Konzert der Band, für mich auch gleichzeitig das letzte des Abends.
Leider hat mir einmal mehr die Arbeit einen Strich durch ein vollständiges Waves-Wochenende gemacht, das Erlebte hat aber einmal mehr von der ambitionierten Umsetzung des Festivals überzeugt. Schlicht großartig, was da jedes Jahr auf die Beine gestellt wird - und jährlich kommt etwas dazu. Für Musikdiskurs-Interessierte sei daher auch gleich die superb besetzte Konferenzschiene des Festivals herausgehoben, von Panels zum slowenischen Musikmarkt, Feedback-Sessions mit Musikexport-Chefs aus ganz Europa (und Island vor allem ♥) und Diskussionen zu Vermarktungsstrategien von Indielabels war da so ziemlich alles dabei. Sollte man sich alles im Hinterkopf behalten - es muss ja nicht jedes Jahr das Primavera sein! (Also eigentlich schon, aber das Waves kann man als ideale Ergänzung ja trotzdem dazunehmen!) Das nächste Waves kommt nämlich ganz bestimmt. Aber bis dahin fließt noch ein wenig Wasser die Donau hinunter...
aus unserem Archiv:
- Frida Hyvönen, Fontenay-Sous-Bois, 18.12.12
- Frida Hyvönen, Rennes, 21.03.09
- Frida Hyvönen, Paris, 08.12.08
- Frida Hyvönen, Paris, 12.12.06
- Au Revoir Simone, Paris, 20.04.09
- Au Revoir Simone, Paris, 18.04.09
- Au Revoir Simone, Paris, 26.02.07
- Amatorski, Stuttgart, 04.10.13
- Amatorski, Frankfurt, 30.09.13
- Amatorski, Wiesbaden, 07.02.13 (Christoph)
- Amatorski, Wiesbaden, 07.02.13 (Gudrun)
Vielen Dank für die Fotos vor allem an Patrick!
um
10:27
Waves Festival
Ort: verschiedene Locations am Donaukanal
Datum: 04.10.12
Zuschauer: viele und angenehme
Das Ende der Suche nach einem neuen Synonym für mörderdichtes Programm und dennoch entspannter Stimmung hat einen Namen: Waves Festival. Nach einem teilweise durchwachsenen Start letztes Jahr ist der erste Tag der heurigen Ausgabe hervorragend gelaufen. Viele Leute, gutes Wetter und prächtig gelaunte Bands haben dafür gesorgt, dass ich mich richtig ärgere, an den beiden anderen Tagen nicht dabei sein zu können.

Der - jedenfalls für mich - beste Tag der drei Festivaltage war jedoch die beste Entschädigung. Ein Eis in der Hand den Donaukanal entlang zum Clubschiff geschlendert, dort das Ticket eingetauscht, einen gratis Kaffee abgestaubt und solcherart endorphin- und koffeingeladen ab zum Brandwagen am Praterstern. Dort sollten Dust Covered Carpet spielen, eine hervorragende Wiener Truppe mit Hang zu hochmelodiösen Songwriting/Folk.
Der Brandwagen wiederum ist ein von einem Getränkehersteller umgebautes ehemaliges Feuerwehrfahrzeug, das zur mobilen Bühne wird. Und so konnten sich Passanten am belebten Platz des unerwarteten Anblicks einer Band auf einem Auto erfreuen, Schlagzeuger und Bassist nämlich sogar am Dach. Guitarstring marked fingerprints eröffnete das Set, etwa 100 Leute tummelten sich auf dem Gelände vor der ausgefallenen Bühne. Allerdings wurden es konstant mehr und auch die Besucher der "Wiener Wiesn" (über solche Festivitäten und deren Relevanz für Wien hüllen wir mal elegant den Mantel des Schweigens) bereicherten mit ihren Dirndl und ihrer Tracht den Anblick zumindest optisch.
Hautattraktion blieb jedoch weiterhin die Musik des Vierergespanns, die einen - ihrem Namen entsprechend - hübschen Klangteppich über dem Praterstern ausbreiteten, in dem die Hauptstimmte häufig wechselte. Cello, Gitarre, Trompete... es fehlte an nichts. Nicht an "Hits" wie Because gravity overpowers me, an Tanzeinlagen von Sänger Volker mit einer Kugellampe und an Zugaben auch nicht. Was aber keineswegs selbstverständlich war, denn "wir haben nur begrenzt Zeit, die Wiesn hat sich beschwert."
"Scheiß auf die Wiesn", stellte ein älterer Herr am Rand der Bühne, der sichtlich begeistert vom Set war, fest. Ein Kenner! Und ein vollkommen berechtigter Einwand.
Zwei Songs gingen sich dann für Dust Covered Carpet noch aus, die Ankündigung, spontan noch irgendwo (place to be announced) Merch zu verkaufen, hielt in weiterer Folge einen Security auf Trab: Eine durch einen fetten Spalt im Holz sehr mitgenommen wirkende Bierbank (vielleicht gar vom Nachbarfest?) wurde hastig mit Mineralwasser und einer Küchenrolle gesäubert und an den Rand des Zauns gestellt. Erster Gast an diesem Stand war dann ein Ex-Bandmitglied, das zu dem Auftritt gratulierte. Wahrlich ein sehr schöner Start ins Waves, vor allem die Kulisse war höchst stimmig: an einem belebten, bisweilen etwas verrufenen Ort aktuelle Kunst vor bunt durchgemischtem und interessierten Publikum zu bieten, das dürfte (neben einigen anderen Motiven) die Idee hinter dem Festival sein.
Eine zweite des Absicht des Waves: die Szenen der jeweiligen Gastländer zu präsentieren und dabei unbekannte Bands auftreten zu lassen. Also ab ins Café Dogenhof, ein - dem Äußeren nach - klassisches Wiener Kaffeehaus mit hoher Decke, Stuckverzierungen und Kristallluster, in dem die polnische Band Twilite auftrat. Zugeben, das Café ist eines von der Sorte, derer es in Wien wohl hunderte gibt. Eine Institution ist es wegen seiner Inhaberin, einer urigen alten Dame, die ehemals an einem Würstelstand bediente und bei der die im Gastronomiegeschäft vielzitierten goldenen Regeln "Wer zahlt, schafft an" und "Der Kunde ist König" keine Gültigkeit haben. "Der Dogenhof ist ein Ort autonomen Herrschens. Die Wirtin bricht keine Regeln, aber definiert sie."
Meine Bestellung (saisonbedingt: Sturm) wurde daher mit dem Klassiker "Hamma net" zurückgewiesen, drei weiße Spritzer in legendär schlecht ausgewaschenen Gläsern dienten als Ersatz. Man kann Frau Elenis Gastronomiepolitik lieben oder nicht (ich bin da hin und hergerissen), Style hat sie schon!
Dem Sänger von Twilite stieß jedenfalls sauer auf, dass die Gastgeberin während des Konzerts ununterbrochen herumkommandierte und die sowieso schon wenigen Gäste einer akustischen Multitaskingbelastung aussetzte. "Could somebody ask the lady to be quiet?"
Frau Eleni nahm es ihnen jedenfalls nicht übel, mäßigte ihre Lautstärke und ließ Twilite ihre Arbeit verrichten. Das Duo spielte netten, harmonischen Pop mit zwei Gitarren, der teilweise frappant an Kings of Convenience erinnerte und auch gut ins Ohr ging, ansonsten eher nicht so bleibende Erinnerungen hinterließ. Ich muss allerdings zugeben, dass meine Aufmerksamkeit stets zwischen Bühne und Schank hin- und herwechselte...
Als dann Frau Elenis Hund von seinen Dogsittern auch noch zurückkehrte, war es Zeit zu gehen: Soviel Legenden auf einem Haufen!
Abermaliger Standortwechsel jedenfalls: Dillon hatte sich für das Odeon Theater angesagt. Dieses alte Theater wird gelegentlich auch für Konzerte genutzt, wobei in der marmorbödigen Halle eine Tribüne errichtet wird. Die Kombination Dillon plus exquisites Ambiente lockte jedenfalls massig Leute an, viele mussten stehen. Im Dunkeln, da Dillon offensichtlich das Licht scheut (oder einfach nur Show machen wollte). Jedenfalls gabs zwar genug Nebel, jedoch nur vereinzelte Lichtkegel, was sich für Dillons Musik natürlich anbot. Düster und entrückt klingt ihr Sound, so gab sie sich auch. In der Mitte Ms. Dillon an Mikro und Keyboard, am Rand ein Mann an Synthies und sonstigen elektronischen Gerätschaften.
Schon der zweite Song war Thirteen thirtyfive, was durchaus die Wünsche des Publikums bediente. Recht unterhaltsam gab sich die Deutsch-Brasilianerin aber vorerst nicht, ein Fotografenfreund erzählte auch, dass sie recht zickig bei den Vorgaben für die Fotos gewesen sei.
Gegen Ende des Konzerts aber kam jedenfalls Tip Tapping und Dillon startete einen kollektiven Gesang, ermunterte das anfangs vorsichtige Publikum und schaffte es schließlich, einen sehr schönen Wechselgesang zwischen Männern und Frauen zu installieren.
Ohne größere Vorankündigung verschwand das Duo dann aber und konnte erst durch wirklich vehemente Comeback-Forderungen der Zuhörerschaft auf die Bühne zurück gebracht werden.
So toll das Konzert in manchen Momenten auch war, so bemüht wirkte es teilweise auch. Ganz konnte ich der gefeierten Dillon ihre Düsterheit nicht abkaufen. Aber eh egal, sehr gut war das Konzert allemal und vor allem ein großes Erlebnis, das sich von "normalen" Konzerten deutlich abhob.
Es folgte der obligatorische Marsch zu einer neuen Location, diesmal dem Flex. Ich hatte mich schon ziemlich auf Wedding Present gefreut, die gleichzeitig spielenden Tu Fawning hatte ich glücklicherweise bereits gesehen, im Flex angekommen tat sich aber erst mal eine Viertelstunde nichts, bis die Band leicht verspätet auf die Bühne kam.
Viel los war nicht im Flex, 200 Leute vielleicht, die die alten Herren sehen wollten. Wesentlich mehr dürften sich am Fm4 Riverboat getummelt haben, wo Tu Fawning gerade spielten. Zuvor getätigte Äußerungen eines Freundes, Wedding Present live seien etwas fad, muss ich hiermit leider bestätigen. Zwar war das Konzert relativ laut (gut so!) und die Band durchaus gewillt, die Leute für sich zu gewinnen, am Ende wollte der Funken dann aber doch nicht so recht überspringen. Ein bisschen schade.
Die letzten zwei Songs von Tu Fawning gingen sich dann noch aus, gestärkt durch Kaffee des höchst spendablen Waves-Teams und die euphorischen Kurzrezensionen der Konzertbesucher. Schon das Konzert im Mai war sehr toll gewesen, nunmehr dürften Tu Fawning aber eine richtig große Nummer in Wien geworden sein. Schöne Sache!
Der Kreis schloss sich, es ging zurück an den Praterstern: Letze Station für diesen Abend war das Fluc. Ghostpoet durfte man da bewundern, was durchaus das Gedrängel wert war.
Fast faszinierender aber war es, vor dem Fluc zu stehen und den Gesprächen der Ansammlung der Menschen dort zu lauschen: von Bands, Leuten aus dem Musikbusiness, guten Freunden und Wiesn-Besuchern war da alles dabei, es brachte den Charakter des Waves perfekt auf den Punkt: Ein urbanes Festival mit allerlei hochinteressanten, unbekannten, aufstrebenden Band, mit dem intellektuellen Diskurs der Musikkonferenz und doch ein wenig mit Dorffestcharakter, wo man von der Bierbar zum Grill spazieren kann und überall auf bekannte Gesichter trifft. So gut die Bands an diesem Tag auch waren - das Beste am Waves ist die Atmosphäre, das fröhliche Treiben am Donaukanal, das Hin- und Her-Schlendern zwischen den einzelnen Locations und der von Festivalteam, Künstlern und Publikum gelebte Anspruch, neue Horizonte zu erreichen. Man kann eigentlich nicht froh genug darüber sein, dass Wien endlich ein Clubfestival dieses Formats hat. Und nicht nur die, die großen Durst an den Tag gelegt hatten, spürten am nächsten Tag noch den ambitionierten Wellengang des Waves... Waves ahoi!
aus unserem Archiv:
- The Wedding Present, Köln, 23.09.12
- Dillon, Paris, 24.03.12
- Dillon, Paris, 19.11.11
- Dillon, Wien, 29.03.10
- Dillon, Köln, 04.03.10
- Dillon, Köln, 17.05.08
Dank für die Fotos an:
Nr. 1: Richard Taylor
Nr. 2: Patrick Münnich
Nr. 3: Richard Taylor
um
02:08
Konzert: Oh No Oh My & R/V/LT/D
Ort: Fluc Wanne, Wien
Datum: 13.02.2011
Zuschauer: 50?
Dauer: Oh No Oh My etwa 60 Minuten, R/V/LT/D 30 Minuten
"Nice day for a walk in the park", beginnt einer der bekannteren Songs der fröhlichen Indie-Truppe von Oh No Oh My (ja genau, die, die früher Ausrufezeichen im Namen trugen) und ein wenig abgeändert behaupte ich jetzt mal: Nice day for some amazing music!
Sonntage sind wirklich nicht gerade ereignisreiche Höhepunkte der Woche, da ist es schön, wenn man sich auf die Abendgestaltung freuen kann. Die da eben lautete: Oh No Oh My im Fluc.
Das Fluc - ein klassisches Undergroundlokal und zwar wortwörtlich. Als ehemalige Fußgängerunterführung nimmt man die Gäste wahrlich mit in den Untergrund, möchte man es in schönem Alternative-Vokabular sagen: mit ins Jenseits des Durchschnittslevels. Es ist schmuddelig und dunkel, und genau deshalb mag man es.
Am Anfang des Abends standen dann nicht die Pilots, die musikalisch durchaus in der Nähe der von den zwei !-Zeichen emanzipierten Band zu verorten wäre, aber abgesagt hatten, sondern R/V/LT/D. Klingt sehr nach einer Abkürzung, aber damit kann ich leider nicht dienen. Mit einer annähernden Beschreibung der Musik dagegen sehr wohl: Der Mann auf der Bühne, der an Gitarre und Laptop werkt, heißt Harald Keller (schöner Name, fast programmatisch) und braucht Vergleiche mit namhaften Industrial-Projekten nicht zu scheuen. Auch wenn die Zeit, als ich mich mit derartiger Musik beschäftigte, eigentlich vorbei ist, hat mir das Klanggebilde, das ebenso wie der Bühnennebel waberte, mal dichter, mal durchlässiger wurde und Augen und Ohren richtig reizte, gut gefallen.
Ein Kritiker tätigte den Griff in die Referenzschublade und brachte Xiu Xiu ins Spiel und damit kann man sehr gut leben. Einzig die Frage, ob dieses Projekt im Vorprogramm von Oh No Oh My gut aufgehoben ist, lässt sich eher negativ beantworten. War aber vermutlich auch schwer, nach der Pilots-Absage so kurzfristig eine andere interessante Band zu bekommen und (Genre-)Grenzen sind ja grundsätzlich auch dazu da, überschritten zu werden. (In Anlehnung an Kellers T-Shirt: Obstacle successfully cleared!)
Und so bekam Keller nach erfolgter Aufwärmphase des Publikums den verdienten Applaus, räumte die Bühne und machte Platz für neue Fragen. Zum Beispiel, wieso so wenig Leute an diesem Abend in die Fluc Wanne gekommen waren. Dürfte wohl auch daran gelegen haben, dass das einflussreiche Radio FM4 im Vorfeld wenig über das neue Album der Texaner gebracht hatte, während es anderen Veranstaltern in dieser Hinsicht oft viel weiter entgegenkommt. Das ist natürlich eine Unterstellung, aber subjektiv hätten sich Album und Konzert definitiv mehr Presse-Resonanz verdient!
Gegen intime Konzerte lässt sich aber eigentlich gar nichts sagen, die besten Abende finden in kleinstem Rahmen statt und genau für dieses Format sind die dendritic shows, so der hübsche Name der Konzertreihe, bekannt. Ein paar mehr Leute wären zwar auch kein Beinbruch gewesen, aber so betraten die vier Amerikaner eben vor einer eingeweihten und freudigen Schar die Bühne und ohne große Umschweife stimmte man The Party Punch an, ein Stück aus der allerersten EP der Band.
In weiterer Folge wurde eifrig zwischen neuem und altem Songmaterial gewechselt, ebenso wie die drei gesanglich aktiven Mitglieder ohne mir erkennbaren Hintergrund die Gesangparts untereinander aufteilten, mal alle drei gemeinsam, mal nur Greg, mal nur Daniel... einmal sogar nur Tim... Dieser Umstand wäre mir auf den Alben jedenfalls nicht aufgefallen!
Guter Laune war man auf der Bühne, kleine Späßchen mit Besuchern waren auch drin, Song für Song bekam man eine Portion Fröhlichkeit und Lebenslust serviert. Was dabei ein wenig störte: der Sound, dieser war nämlich etwas dumpf, vor allem von die Höhen gerieten sehr leise. Das ist aber generell ein Problem der Location und sollte das Wohlgefallen nicht erheblich stören.
Ich könnte jetzt noch einzelne Songs (Reeks & Seeks z.B.) hervorheben, ich könnte aber auch einfach sagen, dass Oh No Oh My ein äußerst kurzweiliges Konzert ablieferten, in dem die eine Stunde Spielzeit hocheffizient genutzt wurde, um einen fast vollständigen Überblick über das Schaffen abzuliefern und geneigte Tanzbeine das Wochenende ausklingen zu lassen.
Man sollte allerdings auch betonen, dass sich ein Konzert der Band durchaus von den Tonträgern entfernt, live wird noch mehr die Spielfreude als handwerkliche Perfektion forciert. Wer sich also vor dem Konzert der Band nicht wirklich mit der Musik auseinandergesetzt hat, könnte als durchaus vergebens das Besondere an der Band suchen, so wie es Oliver vor zwei Wochen hier ergangen ist. (Glücklicherweise hat ihn Eike nochmal auf die Fährte angesetzt!)
Mit Farewell To All My Friends, einem klassischen Verabschiedungssong, endete dann ein hübscher Abend, den auch die Band als "amazing" (dem inflationären Gebrauch dieses Wortes ist natürlich kritisch gegenüberzustehen) bezeichnete und dabei recht zufrieden wirkte. "Farewell to all my friends, who I will never see again, who made me who I am." Baba, liebe Oh Nos, aber über das mit "never see again" sprechen wir noch!
Setlist Oh No Oh My, Wien:
01: The Party Punch
02: You Were Right
03: Again Again
04: Walk In The Park
05: Walking Into Me
06: No Time For Talk
07: Brains
08: Be A Star
09: Wham Bam Thank You Spaceman
10: Circles And Carousels
11: There Will Be Bones
12: Reeks And Seeks
13: Should Not Have Come To This
14: So I Took You
15: Summerdays
16: Farewell To All My Friends (Z)
Fotos einmal mehr von Patrick - danke!