Donnerstag, 1. April 2010

Tocotronic, Wien, 29.03.10


Konzert: Tocotronic, Dillon
Ort: Arena, Wien
Datum: 29.03.2010
Besucher: ausverkauft, also 1000 (gefühlt warns noch ein paar Hundertschaften mehr)
Dauer: Dillon 30 Minuten, Tocotronic 100 Minuten


- von Julius aus Wien -

Von den viel beschworenen Trainingsjacken zu leger geknöpften Hemden, von „Drüben auf dem Hügel“ zum „Graf von Monte Schizo“. So sieht Evolution aus, wie Tocotronic sie leben. Vermutlich die Band Deutschlands, auf die sich vielleicht nicht alle, aber wohl doch die meisten einigen können. Von den Feuilletons der renommierten Qualitätspresse ebenso wie von den Covers aller namhaften Musikzeitschriften, als auch von der Titelseite der Gratiszeitung in der U-Bahn blickte einem ein Quartett, angeführt von Dirk von und zu Seitenscheitel mit seinen drei Bandkollegen, die sich einander an den Händen hielten, entgegen. Tocotronic sind zur Institution im deutschsprachigem Kulturbetrieb geworden, ihre Songs zu Standards. Eine ganze Generation ist mittlerweile mit Tocotronic sozialisiert worden, ich zähle mich dazu.„Sag alles ab“ war eine zentrale Ansage des „Schall und Wahn“-Vorgängeralbums „Kapitulation“ und ich gehorchte. Auch wenn meine Schwester Geburtstag hatte und ich abends eigentlich hätte arbeiten sollen, der Pflichttermin 29.03 blieb unumstößlich. Geschenke, sofern man sie zeitgerecht besorgt, kann man schließlich auch beim Frühstück überreichen, Arbeitsstunden durch Zeitausgleich sausen lassen. Als ähnlich obligatorisch sahen sehr schnell auch 999 andere Toco-Fans den Besuch des Gastspiels der Hamburger Schüler (o welch Wortspiel) an, womit bereits Anfang Jänner ein zweiter Konzerttermin nötig wurde. Gemeinsam mit Berlin und –eh klar- Hamburg, war Wien in der glücklichen Lage, Tocotronic im Doppelback zu bekommen.

An diesem ersten Abend standen schon gut 200 Leute vor den noch geschlossenen Toren der Arena, als ich gegen acht dort eintraf. Ein Potpourri verschiedenster Slogans der gesamten Tocotronic-Geschichte bot sich einem, wenn man sich die T-Shirts der Besucher besah. Von „Let There Be Rock“ bis zum bereits erwähnten „Sag alles ab“ reichte diese alternative Diskografie auf Textil, aber auch das neue, auf blutrotem Stoff prangende „Die Folter endet nie“ fand sich bereits in großer Zahl.

Eine Stunde später war die Arena schon längst geöffnet, bummvoll und von Dillon bespielt. Phonetisch dem großen Namen Dylan ähnlich, musikalisch eher Vertretern wie Dear Euphoria
oder Lykke Li zuzurechnen, hatte das Mädchen-Bursche-Duo etwas Probleme mit der offensichtlichen Gesprächigkeit des Publikums, spulte aber solide das recht hübsche Set herunter, bis sie den, Dillon gegenüber etwas unhöflichen, Tocotronic-Sprechchören nachgaben und Platz für Schall und Wahn.

„Ihr habt mir viel zu oft auf die Schulter geklopft und ich glaub nicht daran, dass ich ohne das Klopfen noch kann“ hieß es einst in „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“, im neuen Stück „Eure Liebe tötet mich“ findet man diese Zeilen: „Eure Liebe tötet mich und doch bin ich unersättlich“. Ähnliche Thematik also, etwas feinsinniger gestaltet vielleicht, aber mit demselben Potenzial zum Tocotronic-Klassiker.„Ein Stück über Sprache, über Töne, über Musik selbst“ sei „Ein leiser Hauch von Terror“, kündigte von Lowtzow an, eine weitere Bestätigung des Weges, den Tocotronic mit dem neuen Album eingeschlagen haben: artifizieller, philosophischer, aber mit dem gleichen Hang zu einprägsamen Slogans wie immer.

Wie zum Beispiel „Die Folter endet nie“, den von Lowtzow in direkten Bezug zu Tocotronics mittlerweile mindestens 15-jährige Karriere stellte. „Die Folter endet nie, wir sind für sie geboren.“ Nicht ernst gemeint, natürlich nicht, denn was die Hamburger (und mittlerweile auch Berliner) Band entscheidend mitgeprägt hat, ist ja die enorme Unterstützung von den Fans. Was sie als durchaus nicht selbstverständlich ansehen und so gibt’s nach beinahe jedem Song eine Begeisterungsbekundung von der Bühne herab. Keiner kann so überzeugend und unumstößlich „Wien“ sagen, und auch wenn wohl Unterstinkenbrunner und Mürzzuschlager mit von der Partie waren, war die Arena für heute ein einziges Wien, generell ist ja Tocotronic ja eine Band, die sich die Heimatlosigkeit und die Freiheit als höchstes Gut auf die Fahnen (und T-Shirts) geheftet hat, und da ist es gar nicht mal so schlecht, wenn man daran erinnert wird, was das Hier und jetzt betrifft.

Drei Songs später manifestierte sich diese Haltung mit Mitteln, die für gewöhnlich eher patriotischen und simplen Ideologien eigen sind. Aufgerufen zum Mitskandieren ragten geballte Fäuste in die stickige Luft, „Aber hier leben…Nein Danke!“ schallte es, wie im Stadion. Es herrschte beinahe Festivalstimmung, als mit „Imitationen“ mein persönlicher Favorit des Abends nachgereicht wurde.

Es folgte im Wesentlichen der Rest des aktuellen Albums, inklusive des Mega-Schrammel-Songs „Gift“, der mit acht Minuten die Grenzen der Belastbarkeit auslotete.

Weitere Längen hatte der Abend stellenweise während der älteren, aber überaus hörenswerten Songs aus den 90ern, mit einer solchen Länge traten Tocotronic dann ab, nicht ohne nochmal ihre Wien-Affinität (besonders das Nachtleben betreffend, so munkelt man) bekundet zu haben: „Wir sind, waren und bleiben in Wien. Und das nicht zu knapp!“

„Mein Ruin“ eröffnete den ersten Zugabenblock und sofort herrshcte wieder blendende Stimmung. Trotz mäßiger Kritiken scheint „Kapitulation“ für die Fans ein hochsympathisches Werk gewesen zu sein. Nicht zu diskutieren ist über die Beliebtheit des Klassikers „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“, der ja bereits zu Anfang angesprochen wurde.

Mit „Sag alles ab“ endete die erste Zugabe.

Der wesentlich kürzere zweite Zugabenblock bestand aus „Die Idee ist gut, doch Welt noch nicht bereit dafür“, ebenfalls ein Oldie und ebenfalls ein Song (auch) über Einsamkeit.

Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten, dieser Fußballweisheit sind schon viele zum Opfer gefallen, die wie aus dem Nichts in der Nachspielzeit einen Gegentreffer hinnehmen mussten. Ebendies gilt für Konzerte. Und so wagten sich Tocotronic nach etwa 15 Minuten hoffnungsvoller Sprechchöre noch einmal auf die Bühne und gaben „Pure Vernunft darf niemals siegen“ zum Besten. Wunderbare Momente waren das.Wien liebt Tocotronic und Tocotronic lieben Wien. Mit dieser banalen, an TV-Melodramen erinnernde Feststellung schließe ich. Denn wenn auch nicht die Vernunft den Siegeskranz bekam, durften sich doch alle anderen Beteiligten als Sieger betrachten. Eine Band auf der Höhe ihrer Kunst und gewohnt stark in der Livedarbietung. Und ein Publikum, das sich hingeben will und es auch tut. „Keine Meisterwerke mehr?“ Der Gegenbeweis wurde erfolgreich angetreten.

Setlist Tocotronic, Arena, Wien:

01: Eure Liebe tötet mich
02: Ein leiser Hauch von Terror
03: Die Folter endet nie
04: Die Grenzen des guten Geschmacks
05: Verschwör dich gegen dich
06: Schall & Wahn
07: Aber hier leben, nein danke
08: Imitationen
09: Jenseits des Kanals
10: Ich werde nie mehr alleine sein
11: Bitte gebt mir meinen Verstand zurück
12: Jungs, hier kommt der Masterplan
13: Let there be rock
14: Macht es nicht selbst
15: Drüben auf dem Hügel
16: Keine Meisterwerke mehr
17: Stürmt das Schloß
18: Gift

19: Mein Ruin (Z)
20: Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen (Z)
21: Sag alles ab (Z)

22: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit (Z)
23: Outro: (Ingrid Caven - Die großen weißen Vögel) (Z)

24: Pure Vernunft darf niemals siegen (Z)



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