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Dienstag, 9. Oktober 2012

Waves Vienna Tag eins, Wien, 04.10.12

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Waves Festival
Ort: verschiedene Locations am Donaukanal
Datum: 04.10.12
Zuschauer: viele und angenehme


Das Ende der Suche nach einem neuen Synonym für mörderdichtes Programm und dennoch entspannter Stimmung hat einen Namen: Waves Festival. Nach einem teilweise durchwachsenen Start letztes Jahr ist der erste Tag der heurigen Ausgabe hervorragend gelaufen. Viele Leute, gutes Wetter und prächtig gelaunte Bands haben dafür gesorgt, dass ich mich richtig ärgere, an den beiden anderen Tagen nicht dabei sein zu können.



Der - jedenfalls für mich - beste Tag der drei Festivaltage war jedoch die beste Entschädigung. Ein Eis in der Hand den Donaukanal entlang zum Clubschiff geschlendert, dort das Ticket eingetauscht, einen gratis Kaffee abgestaubt und solcherart endorphin- und koffeingeladen ab zum Brandwagen am Praterstern. Dort sollten Dust Covered Carpet spielen, eine hervorragende Wiener Truppe mit Hang zu hochmelodiösen Songwriting/Folk.
Der Brandwagen wiederum ist ein von einem Getränkehersteller umgebautes ehemaliges Feuerwehrfahrzeug, das zur mobilen Bühne wird. Und so konnten sich Passanten am belebten Platz des unerwarteten Anblicks einer Band auf einem Auto erfreuen, Schlagzeuger und Bassist nämlich sogar am Dach. Guitarstring marked fingerprints eröffnete das Set, etwa 100 Leute tummelten sich auf dem Gelände vor der ausgefallenen Bühne. Allerdings wurden es konstant mehr und auch die Besucher der "Wiener Wiesn" (über solche Festivitäten und deren Relevanz für Wien hüllen wir mal elegant den Mantel des Schweigens) bereicherten mit ihren Dirndl und ihrer Tracht den Anblick zumindest optisch.

Hautattraktion blieb jedoch weiterhin die Musik des Vierergespanns, die einen - ihrem Namen entsprechend - hübschen Klangteppich über dem Praterstern ausbreiteten, in dem die Hauptstimmte häufig wechselte. Cello, Gitarre, Trompete... es fehlte an nichts. Nicht an "Hits" wie Because gravity overpowers me, an Tanzeinlagen von Sänger Volker mit einer Kugellampe und an Zugaben auch nicht. Was aber keineswegs selbstverständlich war, denn "wir haben nur begrenzt Zeit, die Wiesn hat sich beschwert."
"Scheiß auf die Wiesn", stellte ein älterer Herr am Rand der Bühne, der sichtlich begeistert vom Set war, fest. Ein Kenner! Und ein vollkommen berechtigter Einwand.
Zwei Songs gingen sich dann für Dust Covered Carpet noch aus, die Ankündigung, spontan noch irgendwo (place to be announced) Merch zu verkaufen, hielt in weiterer Folge einen Security auf Trab: Eine durch einen fetten Spalt im Holz sehr mitgenommen wirkende Bierbank (vielleicht gar vom Nachbarfest?) wurde hastig mit Mineralwasser und einer Küchenrolle gesäubert und an den Rand des Zauns gestellt. Erster Gast an diesem Stand war dann ein Ex-Bandmitglied, das zu dem Auftritt gratulierte. Wahrlich ein sehr schöner Start ins Waves, vor allem die Kulisse war höchst stimmig: an einem belebten, bisweilen etwas verrufenen Ort aktuelle Kunst vor bunt durchgemischtem und interessierten Publikum zu bieten, das dürfte (neben einigen anderen Motiven) die Idee hinter dem Festival sein.

Eine zweite des Absicht des Waves: die Szenen der jeweiligen Gastländer zu präsentieren und dabei unbekannte Bands auftreten zu lassen. Also ab ins Café Dogenhof, ein - dem Äußeren nach - klassisches Wiener Kaffeehaus mit hoher Decke, Stuckverzierungen und Kristallluster, in dem die polnische Band Twilite auftrat. Zugeben, das Café ist eines von der Sorte, derer es in Wien wohl hunderte gibt. Eine Institution ist es wegen seiner Inhaberin, einer urigen alten Dame, die ehemals an einem Würstelstand bediente und bei der die im Gastronomiegeschäft vielzitierten goldenen Regeln "Wer zahlt, schafft an" und "Der Kunde ist König" keine Gültigkeit haben. "Der Dogenhof ist ein Ort autonomen Herrschens. Die Wirtin bricht keine Regeln, aber definiert sie."
Meine Bestellung (saisonbedingt: Sturm) wurde daher mit dem Klassiker "Hamma net" zurückgewiesen, drei weiße Spritzer in legendär schlecht ausgewaschenen Gläsern dienten als Ersatz. Man kann Frau Elenis Gastronomiepolitik lieben oder nicht (ich bin da hin und hergerissen), Style hat sie schon!
Dem Sänger von Twilite stieß jedenfalls sauer auf, dass die Gastgeberin während des Konzerts ununterbrochen herumkommandierte und die sowieso schon wenigen Gäste einer akustischen Multitaskingbelastung aussetzte. "Could somebody ask the lady to be quiet?"
Frau Eleni nahm es ihnen jedenfalls nicht übel, mäßigte ihre Lautstärke und ließ Twilite ihre Arbeit verrichten. Das Duo spielte netten, harmonischen Pop mit zwei Gitarren, der teilweise frappant an Kings of Convenience erinnerte und auch gut ins Ohr ging, ansonsten eher nicht so bleibende Erinnerungen hinterließ. Ich muss allerdings zugeben, dass meine Aufmerksamkeit stets zwischen Bühne und Schank hin- und herwechselte...
Als dann Frau Elenis Hund von seinen Dogsittern auch noch zurückkehrte, war es Zeit zu gehen: Soviel Legenden auf einem Haufen!

 

Abermaliger Standortwechsel jedenfalls: Dillon hatte sich für das Odeon Theater angesagt. Dieses alte Theater wird gelegentlich auch für Konzerte genutzt, wobei in der marmorbödigen Halle eine Tribüne errichtet wird. Die Kombination Dillon plus exquisites Ambiente lockte jedenfalls massig Leute an, viele mussten stehen. Im Dunkeln, da Dillon offensichtlich das Licht scheut (oder einfach nur Show machen wollte). Jedenfalls gabs zwar genug Nebel, jedoch nur vereinzelte Lichtkegel, was sich für Dillons Musik natürlich anbot. Düster und entrückt klingt ihr Sound, so gab sie sich auch. In der Mitte Ms. Dillon an Mikro und Keyboard, am Rand ein Mann an Synthies und sonstigen elektronischen Gerätschaften.
Schon der zweite Song war Thirteen thirtyfive, was durchaus die Wünsche des Publikums bediente. Recht unterhaltsam gab sich die Deutsch-Brasilianerin aber vorerst nicht, ein Fotografenfreund erzählte auch, dass sie recht zickig bei den Vorgaben für die Fotos gewesen sei.
Gegen Ende des Konzerts aber kam jedenfalls Tip Tapping und Dillon startete einen kollektiven Gesang, ermunterte das anfangs vorsichtige Publikum und schaffte es schließlich, einen sehr schönen Wechselgesang zwischen Männern und Frauen zu installieren.
Ohne größere Vorankündigung verschwand das Duo dann aber und konnte erst durch wirklich vehemente Comeback-Forderungen der Zuhörerschaft auf die Bühne zurück gebracht werden.
So toll das Konzert in manchen Momenten auch war, so bemüht wirkte es teilweise auch. Ganz konnte ich der gefeierten Dillon ihre Düsterheit nicht abkaufen. Aber eh egal, sehr gut war das Konzert allemal und vor allem ein großes Erlebnis, das sich von "normalen" Konzerten deutlich abhob.

Es folgte der obligatorische Marsch zu einer neuen Location, diesmal dem Flex. Ich hatte mich schon ziemlich auf Wedding Present gefreut, die gleichzeitig spielenden Tu Fawning hatte ich glücklicherweise bereits gesehen, im Flex angekommen tat sich aber erst mal eine Viertelstunde nichts, bis die Band leicht verspätet auf die Bühne kam.
Viel los war nicht im Flex, 200 Leute vielleicht, die die alten Herren sehen wollten. Wesentlich mehr dürften sich am Fm4 Riverboat getummelt haben, wo Tu Fawning gerade spielten. Zuvor getätigte Äußerungen eines Freundes, Wedding Present live seien etwas fad, muss ich hiermit leider bestätigen. Zwar war das Konzert relativ laut (gut so!) und die Band durchaus gewillt, die Leute für sich zu gewinnen, am Ende wollte der Funken dann aber doch nicht so recht überspringen. Ein bisschen schade.

Die letzten zwei Songs von Tu Fawning gingen sich dann noch aus, gestärkt durch Kaffee des höchst spendablen Waves-Teams und die euphorischen Kurzrezensionen der Konzertbesucher. Schon das Konzert im Mai war sehr toll gewesen, nunmehr dürften Tu Fawning aber eine richtig große Nummer in Wien geworden sein. Schöne Sache!

Der Kreis schloss sich, es ging zurück an den Praterstern: Letze Station für diesen Abend war das Fluc. Ghostpoet durfte man da bewundern, was durchaus das Gedrängel wert war.
Fast faszinierender aber war es, vor dem Fluc zu stehen und den Gesprächen der Ansammlung der Menschen dort zu lauschen: von Bands, Leuten aus dem Musikbusiness, guten Freunden und Wiesn-Besuchern war da alles dabei, es brachte den Charakter des Waves perfekt auf den Punkt: Ein urbanes Festival mit allerlei hochinteressanten, unbekannten, aufstrebenden Band, mit dem intellektuellen Diskurs der Musikkonferenz und doch ein wenig mit Dorffestcharakter, wo man von der Bierbar zum Grill spazieren kann und überall auf bekannte Gesichter trifft. So gut die Bands an diesem Tag auch waren - das Beste am Waves ist die Atmosphäre, das fröhliche Treiben am Donaukanal, das Hin- und Her-Schlendern zwischen den einzelnen Locations und der von Festivalteam, Künstlern und Publikum gelebte Anspruch, neue Horizonte zu erreichen. Man kann eigentlich nicht froh genug darüber sein, dass Wien endlich ein Clubfestival dieses Formats hat. Und nicht nur die, die großen Durst an den Tag gelegt hatten, spürten am nächsten Tag noch den ambitionierten Wellengang des Waves... Waves ahoi!


aus unserem Archiv: 
- The Wedding Present, Köln, 23.09.12
- The Wedding Present, Barcelona, 30.05.12 (Seamonsters)
- The Wedding Present, Köln, 15.10.10 (Bizarro)
- The Wedding Present, Köln, 15.11.07 (George Best)
- The Wedding Present, Paris, 02.11.07 (George Best)

- Dillon, Dortmund, 28.07.12
- Dillon, Paris, 24.03.12
- Dillon, Paris, 19.11.11
- Dillon, Wien, 29.03.10
- Dillon, Köln, 04.03.10
- Dillon, Köln, 17.05.08

Dank für die Fotos an:
Nr. 1: Richard Taylor
Nr. 2: Patrick Münnich
Nr. 3: Richard Taylor

Montag, 17. September 2012

Tu Fawning, Köln, 16.09.12

1 Kommentare

Konzert: Tu Fawning
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 16.09.2012
Zuschauer: gut 100
Dauer: Tu Fawning 70 min, Empire Escape 30 min



Ach, das war heute nicht leicht... In Köln spielte Graham Coxon, in Brüssel Malcolm Middleton das einzig halbwegs erreichbare Konzert seines Projekts Human Don't Be Angry (und am Tanzbrunnen die Brings zum Jubiläum des Verkehrsverbunds). Gesetzt waren aber Tu Fawning im Gebäude 9, weil ich die Auftritte der Amerikaner liebe, und weil mich ihre Vorgruppe Empire Escape aus Berlin extrem gereizt hatte.

Seit ich vor ein paar Wochen das Video ihres Stücks Magnolia gesehen habe, geht mir das Lied nicht mehr aus dem Kopf. Die großartigen Gitarren und der düstere Grundton erinnern mich an die frühen Editors oder I Like Trains. Also war die Berliner Band Entscheidungshilfe für mein Sonntagsprogramm und damit gegen Graham Coxon (man kann wohl wieder "Ex-Blur" schreiben?), zumal ich Empire Escape 2011 schon einmal hätte sehen können, als sie die großartigen Pete & The Pirates im Studio 672 supportet hatten. Da kam ich zu spät und hatte nur die letzten Reste ihres Sets mitbekommen.

Die starke Konkurrenz des Abends machte sich leider am Zuspruch bemerkbar. Als wir in Deutz ankamen, war es in meinem Lieblingsclub noch sehr übersichtlich. Um kurz vor zehn, als Tu Fawning auf die Bühne kamen, mögen 100 Zuschauer dagewesen sein, viel zu wenig für das exzellente Programm (und Muse war innerhalb von vier Minuten ausverkauft...).

Kurz nach neun begannen aber zunächst Empire Escape. Die Band besteht aus vier Musikern (Hendrik Schäfer, Gitarre und Gesang, Julius Rothlaender, Gitarre, Micha Jobs, Schlagzeug und Ihno Homma, Bass) und wird live von Keyboarderin Katja Hubrich begleitet. Wegen einer katastrophalen Stau-Anreise blieb der Gruppe keine Zeit für einen Soundcheck, was sich bei den ersten beiden Stücken und später immer mal wieder rächte, wenn der Bass kurz brummte. Das beeinträchtigte das halbstündige Konzert aber wenig, abgesehen davon war es nämlich hervorragend und kurzweilig und kam sehr gut an. Neben Magnolia gefiel mit Depart ganz besonders. Die Stücke - und auch der Rest des Programms - klangen ganz und gar nicht nach einer Band, die seit 2011 besteht. Die Lieder sind hochmelodiös, haben tolle Gitarren und klingen catchy. Mittlerweile finde ich Vorgruppen meist lästig, wenn sie so gut wie Empire Escape oder Ahuizotl (bei Bleech neulich) sind, komme ich sehr gerne pünktlich!

Ich hoffe sehr, daß es bald Platten oder EPs von Empire Escape zu kaufen gibt und werde sie mir ganz sicher wieder ansehen!

Setlist Empire Escape, Gebäude 9, Köln:


01: Oui
02: Silhouettes
03: New York movie
04: Divine
05: Magnolia
06: The chemistry of colours
07: Depart

Tu Fawning kannte ich im Gegensatz zum Support schon besser, es war heute mein fünftes Konzert der Band aus Portland. Ich war vorher nicht ganz sicher, ob sie mir nicht langsam aus dem Hals raushängen würden, wurde aber schnell beruhigt. Tu Fawning hatten mich sofort wieder!

Vor meinem ersten Tu Fawning Konzert vor anderthalb Jahren in Duisburg hatte ich noch Bedenken, die Band könne mir zu anstrengend arty sein, solch gewollte Kunststudenten-Musik, die alle gut finden wollen, insgeheim aber als schrecklich nervtötend empfinden. Die Portlander bringen alles dafür mit, in diese Schublade zu fallen. Sänger Joe Haege trägt immer bunte Hochwasserhosen und gerne ein kleines Strickmützchen und tänzelt komisch über die Bühne, als habe er in die knallige Hose gemacht. Keyboarderin Liza, im Nebenberuf Modedesignerin, macht gerne Ausdruckstänze hinter ihrem Instrument, Sängerin Corrina hat eine doofe Vornamen-Schreibweise und wirkt immer wieder angsteinflößend, wenn sie singt oder trommelt und Trompeter Toussaint spielt alle Streberinstrumente dieser Welt, als wolle er sich für Other Lives oder Efterklang bewerben. Blöderweise ist das aber alles gar nicht nervend, es ist bezaubernd und macht, daß ich diese Band immer wieder sehen muß. 2012 habe ich sie beriets beim hervorragenden Maifeld Derby und kurz danach in Frankfurt gesehen, trotzdem war vieles heute wieder komplett neu.

Tu Fawning scheinen ihr Set etwas sortiert zu haben. Die Wechsel am Schlagzeug waren seltener, dadurch ging weniger Fluß verloren. Erstdrummer ist Joe, immer wieder tauscht er aber den Platz mit Corrina. Ich habe Konzerte in Erinnerung, während denen die beiden häufig wechselten, heute dauerte es fünf Lieder, bis Corrina erstmals trommelte.

Nicht neu war die Großartigkeit des zweiten Stücks Diamond in the forest (von der ersten EP ursprünglich), das immer wieder einer meiner Lieblinge ist. Daneben gefielen mir heute Wager, Anchor und Skin & bone (mit Toussaint an der Gitarre) besonders gut. To break into, das ich bisher nicht als Knüller wahrgenommen habe, war es - und wie! Das sehr ruhige Stück (Rockballade!) wurde immer lauter und intensiver, und war grandios! Dabei spielten Joe und Corrina Gitarre. Der große Sänger (mit großer Nase) tanzte am Ende immer enger um seine Kollegin herum, als wolle er Regen beschwören - einer von vielen wundervollen Momenten! Wenn ich das hier so nur lesen würde und dabei das Bild der beiden extravagant gekleideten Musiker vor Augen hätte (er mit senfgelber Hose, sie mit blaßgelben Leggins), ich würde ausschließen, daß mir das gefallen könnte. Es gefällt mir aber überaus gut!

Ganz ganz toll war auch eine weitere Kleinigkeit. Bones fängt mit einem von Klanghölzern erzeugten Rhythmus an. Diesen erzeugte Liza, sie schlug die Hölzer allerdings abwechselnd auf beiden Seiten an und erzeugte mit solch einem einfachen Instrument einen echten Hingucker!

Nach einer guten Stunde war Schluß mit dem eigenen Programm. Als Zugabe kündigte Joe ein Cover an, auch das war mir neu, bisher hatte ich nur Tu Fawning Lieder gesehen. Love will tear us apart war dieses Cover, für mich zum dritten Mal in diesem Jahr live (nach Peter Hook und New Order). Die Tu Fawning Version hatte auch Charme, war aber wegen der starken Samba Schlagzeugrhythmen bei weitem nicht so gut wie die, die New Order zur Zeit spielen. Trotzdem war das Stück ein perfekter Abschluß eines tollen Konzertabends.

Setlist Tu Fawning, Gebäude 9, Köln:


01: A pose for no one
02: Diamond in the forest
03: The felt sense
04: Anchor
05: Bones
06: Sad story
07: I'm gone
08: Wager
09: To break into
10: Skin & bone
11: Blood stains

12: Love will tear us apart (Joy Division Cover)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Tu Fawning, Frankfurt, 27.05.12
- Tu Fawning, Wien, 21.05.12
- Tu Fawning, Mannheim, 19.05.12
- Tu Fawning, Paris, 16.05.12
- Tu Fawning, Berlin, 05.05.12
- Tu Fawning, Köln, 21.07.11
- Tu Fawning, Duisburg, 08.03.11
- Tu Fawning, Paris, 19.02.11



Montag, 28. Mai 2012

Tu Fawning, Frankfurt, 27.05.12

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Konzert: Tu Fawning
Ort: Zoom, Frankfurt
Datum: 27.05.2012
Zuschauer: gut 100
Dauer: 75 min


Beim ersten Festival des Jahres, dem Mannheimer Maifeld Derby, begeisterten mich Tu Fawning ganz besonders. Die Band aus Portland macht das zwar regelmäßig, mein erstes Konzert mit der zweiten Platte war aber wegen der herausragenden neuen Stücke ganz besonders gut. So ein Festivalauftritt hat aber bekanntlich den Nachteil, zu kurz zu sein, also gab es keine Alternative dazu, am Pfingstsonntag ins Zoom in Frankfurt zu fahren.

Das Zoom ist kein neuer Club, es ist der neueröffnete Sinkkasten, direkt an der Fußgängerzone. Der alte Laden war sehr speziell. Mit seinen Sitzecken und der tieferliegenden Tanzfläche erinnerte er an das, was man eine Erlebniskneipe nennt (sofern man auf merkwürdige Erlebnisse steht). Der umgebaute Laden ist dunkel angestrichen und sieht schon damit viel mehr nach einem Musikclub als nach einer Engtanz-Disco aus. Mir gefiel es da wirklich gut.

Als ich ankam, war bereits für Tu Fawning aufgebaut - keine Vorgruppe also. Im Sinkkasten hatte man uns vor Malajube vor ein paar Jahren zwei sehr anstrengende lokale Supports vorgesetzt, vor denen ich heute noch Angst habe. Sie blieben mir also diesmal erpart.

Eine halbe Stunde später trat das Quartett aus Oregon auf. Tu Fawning bestehen aus Corrina Repp (Gesang, Gitarre, Schlagzeug), Joe Haege (Schlagzeug, Gitarre, Gesang), Liza Rietz (Geige, Keyboard) und Toussaint Perrault (Blasinstrumente, Gitarre, Schlagzeug, Synthie).* Das inoffizelle "fünfte Mitglied"** Fritz Brückner (Tourmanager, Soundmann...) spielte erst später eine tragende Rolle.

Vor leider nur gut 50 Zuschauern begannen die Amerikaner mit A pose for no one vom aktuellen (zweiten) Album A monument mit Corrina an der Gitarre und Joe am Schlagzeug. Auch wenn auch Toussaint beide Instrumente spielt, finden die meisten Wechsel zwischen Drums und Gitarren zwischen der kleinen blonden Sängerin und dem 31knots Mann Haege mit dem altbackenen Kleidungsstil statt. Die ersten beiden Lieder trommelte Joe, danach übernahm Corrina für zwei Titel, bevor Joe wieder übernahm.

A pose for no one ist vielleicht nicht das auffälligste Tu Fawning Lied, es ist aber sehr typisch für die Band, weil es alle Elemente enthält, die ihren nicht sinnvoll zu beschreibenden Stil prägen. So viele Instrumente und kleine Effekte entdeckt man, wenn man die Albumversion des Songs intensiv hört. Dabei aber live zuzusehen, macht den wahren Reiz aus. Liza Rietz steht sicher hinter ihrem Keyboard im Schatten der Bühnenpräsenz der beiden Frontleute Corrina und Joe, sie trägt aber mit allerlei Geigentricks und Klanghölzern faszinierend zum Auftritt bei, statt nur ein paar Pianoklänge zu spielen. Bei Toussaint fällt die Beobachtung schwerer, weil er hinten oben aufgebaut ist und vieles im Verborgenen bewegt. Das muß man wirklich live gesehen haben (ruhig immer wieder!).

Bei meinen bisherigen Konzerten der Amerikaner haben sie nicht viel gesprochen zwischen den Stücken. In Frankfurt waren sie in Plauderlaune. Joe stellte erst fest, daß sein Dank an uns, an einem Sonntagabend gekommen zu sein, etwas übertrieben wäre, weil Montag Feiertag sei und unser Besuch dadurch weniger eindrucksvoll wäre. Liza, die sonst sehr zurückhaltend war, bemerkt wie unglaublich ruhig wir zwischen den Liedern seien. Samstag bei einem Zeltfestival in Österreich (Seewiesenfestival) war das wohl anders. Toussaint bedankte sich bei uns, daß wir keine jungen, sehr betrunkenen Österreicher seien. Joe erkärte das genauer: einer der besonders betrunkenen Zuschauer hatte seine nicht mehr ganz schöne Unterhose auf Corrinas Mikro geworfen. "The direct way into a woman's heart!" - "We went out on a date later!" Glücklicher betrunkener Österreicher.

Kurz danach beim zum ersten Mal auf Tour gespielten Skin & bone schlug Joe die Snaredrum kaputt. Offenbar stellte das ein so großes Problem dar, daß es ein wenig hektisch wurde. Fritz kam nach vorne, nahm die Trommel und suchte Ersatz oder Reparaturmöglichkeit. To break into war danach wohl geplant und kam ohne Schlagzeug aus. Im Anschluß wurde die Setlist dann aber umgestellt. Trommelfrei (bzw. vom Drumcomputer erledigt) konnte Multiply a house gespielt werden. Während des Lieds kam Fritz mit funktionierender Snare zurück. "He's amazing, he's a miracle, he's Fritz!"

Die nächste Pause nutzte Liza zu einer Bandbesprechung. Breit grinsend fragte sie Joe: "What else did you break on tour?" Ein Thema, daß dem trommelnden Sänger wohl nicht sehr angenehm war. Wie schade, daß die Musiker bei den vorherigen Konzerten so wenig geredet haben, denn das zwischen den Liedern machte fast genauso viel Spaß wie die Musik!

Aber es geht ja vor allem um die Musik und die ist bei Tu Fawning schlichtweg grandios! Weil die zweite Platte auch mindestens genauso großartig wie das Debüt ist, wird sich daran auch sehr wahrscheinlich zukünftig nichts ändern. Tu Fawning haben ihr Feuer noch nicht verschossen und werden auch bei uns weiter eine riesige Rolle spielen.

Setlist Tu Fawning, Zoom, Frankfurt:

01: A pose for no one
02: Diamond in the forest
03: Wager
04: I'm gone
05: Blood stains
06: Anchor
07: Skin & bone
08: To break into
09: Multiply a house
10: I know you now
11: The felt sense
12: Bones

13: Sad story (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Tu Fawning, Wien, 21.05.12
- Tu Fawning, Mannheim, 19.05.12
- Tu Fawning, Paris, 16.05.12
- Tu Fawning, Berlin, 05.05.12
- Tu Fawning, Köln, 21.07.11
- Tu Fawning, Duisburg, 08.03.11
- Tu Fawning, Paris, 19.02.11

* für die, die bisher - wieso auch immer - keinen unserer Tu Fawning Berichte gelesen haben.
** laut Joe




Mittwoch, 23. Mai 2012

Tu Fawning, Wien, 21.05.12

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Konzert: Tu Fawning
Ort: Chelsea, Wien

Datum: 21.05.2012

Dauer: 60 min



Es gibt Geschichen, die schreibt nur der Fußball. Unglaublich gemeine. Das Champions League-Finale am letzten Sonntag in München zwischen Bayern und Chelsea war so eine. Drückend überlegen, stehen die Rot-Weißen am Ende mit leeren Händen dar. Manch vergaß aus lauter Frust sogar, seinem Staatsoberhaupt die pokallose Hand zu reichen, der Frieden "Dahoam" (was für ein grindiges Wort eigentlich!) war nachhaltig erschüttert. Auch wenn der Titelgewinn von Chelsea alles andere als verdient war, ich fand dieses ganze Trara in München doch sehr unterhaltsam. Den größten Spaß bereitete mir aber die Nachricht, dass die Sportfreunde Stiller, fußballaffine Gute Laune-Musiker und erklärte Bayern-Fans, nur einen Tag später im Wiener Chelsea ein Konzert spielen sollten. Fieser konnte es das Schicksal nicht mit der bayrischen Band meinen: einen Tag nach der Riesenenttäuschung in einem nach dem Gegner benannten Lokal spielen zu müssen, ist echt hart.

Tu Fawning hatten da schon mehr Spaß mit ihrem Konzert in dieser Hütte, Joe Haege (der mit Menomena und 31 Knots schon öfters dagewesen war) meinte sinngemäß, er würde als Wiener jeden Tag hierher kommen. Von der Hand zu weisen ist das auch nicht wirklich, wenn nur der Sound ein bisschen besser wäre... Die Band aus Portland hatte da Glück (oder einen sehr fähigen Techniker), denn an diesem Abend erlebte das bestens gefüllte Lokal einen sehr ausgewogenen Sound mit überraschend klarer Stimme.

Aber alles von Anfang an. Gegen halb elf waren auf einmal perkussive Klänge aus dem hinteren Bereich des Chelseas zu hören, aufgereiht wie im Kindergarten marschierten Tu Fawning ein und spielten die Instrumente über ihren Köpfen. Diese Entscheidung für einen demonstrativen und kollektiven Einzug nahm irgendwie auch schon den Charakter des Konzerts vorrweg: sehr gemeinschaftlich und von Freude an der Sache geprägt.

Der erste Song war dann A Pose for No One, ein Song, der ja auch stark von der Rhythmussektion bestimmt wird und somit den Bogen zum eben erfolgten Einmarsch spannte. Außerdem hatte ich das Gefühl, die Band spiele eine deutlich längere Version des Songs, immer wieder mit kleinen ausschweifenden Momenten versehen.

Überhaupt passt die Bemerkung eines Freundes, Tu Fawning würden sich sehr viel instrumentalen Spielraum lassen, einzig die Stimme sei sehr exakt angelegt, ganz gut auf die Live-Darbietung der neuesten CitySlang-Entdeckung. Immer wieder tauschten die Personen auf der Bühne ihre Instrumente, doch selbst wenn sie Schlagzeug saß vernahm man Corinna Repps Stimme eindrucksvoll klar und dunkel.

Besonderen Spaß an dieser Art eines Auftritts hatten die Zuschauer in den vordersten Reihen, die während der Instrumentenwechsel immer wieder zu kleinen Gespräche und Witzchen mit der Band kamen. Ich als notorisch "pünktlich" Kommender hatte da weniger Glück und konnte das meiste davon nur über die kleine Leinwand an der Seite verfolgen. War mir aber eh fast lieber so, denn das Chelsea war schon gesteckt voll, hinten wars da noch ganz angenehm. Außerdem war es ganz interessant, ständig aufregende Geräusche zu hören, ohne viel von ihren Verursachern zu sehen. Besonders gefiel mir das Vogelgezwitschere zwischen zwei Songs, das einen Hauch von extravaganter Urwaldstimmung in das doch recht schäbige Chelsea brachte.

Kurz darauf folgte Bones, dann kündigte Joe Haege, der in seinen Bewegungen auf der Bühne frappant an Win Butler erinnert, den letzten Song an. Unmissverständlich begeisterter Applaus nach eben jenem (ich bin ein wenig aus der Übung mit dem Setlist-Mitschreiben) brachte die Band dann aber nochmals zurück auf die Bühne. "You gave us no choice", meinte Haege, der offensichtlich Alleinunterhalter ist, was die Ansprachen angeht. Ich fragte mich erst, ob das nicht "left us no choice" heißen müsse, dann kamen aber schon die ersten Töne von Anchor, der Single, die zurzeit auf Fm4 rauf und runter gespielt wurde, wofür sich die Band auch ("very generous") bedankte. Der Radiostation ist es vermutlich auch zu verdanken, dass der Abend so toll besucht war, wobei natürlich die Musik von Tu Fawning als wahre Größe gesehen werden muss: Dunkel, geheimnisvoll, elegant und wahnsinnig energisch - die größte Stärke ihrer Musik ist wohl ihre Qualität, sich schwer in Worte fassen zu lassen. Diese Beobachtung hatte ich letzthin auch in einem Interview, das ich mit Corinna Repp von Tu Fawning geführt habe. Wir einigten uns schließlich darauf, dass das Jenseits einen großen Einfluss auf die Portlander habe.

Der Abend endete dann damit, dass sich die Band wieder ihre Instrumente schnappte und ins Publikum hüpfte, um dort den Song fortzusetzten. Die Zuschauerschaft sprang auch sofort darauf ein, sang mit und klatschte, dass es eine Freude war. Und so zog die Band wieder von dannen, so wie sie gekommen war: Greifbar und triumphal zugleich.

Aus unserem Archiv:

- Tu Fawning, Mannheim, 19.05.12
- Tu Fawning, Paris, 16.05.12
- Tu Fawning, Berlin, 05.05.12
- Tu Fawning, Köln, 21.07.11
- Tu Fawning, Duisburg, 08.03.11
- Tu Fawning, Paris, 19.02.11

Vielen Dank an Shirin Omran für die schönen Bilder!



Dienstag, 22. Mai 2012

Tu Fawning, Mannheim, 19.05.12

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Konzert: Tu Fawning
Ort: Maifeld Derby, Mannheim
Datum: 19.05.2012
Dauer: 48 min


Tu Fawning gehören ohne jeden Zweifel zu den aufregendsten Bands der letzten Jahre. Ihre Musik zu beschreiben, gestaltet sich als ähnlich spannend, weil sie so eigen ist, daß übliche Kategorisierungen nicht funktionieren. Das Eröffnungsstück Diamond in the forest klingt für mich nach New Orleans Beerdigungsmusik (so wie das wundervolle Strange Fruit von Siouxsie & the Banshees; bisher der einzig mir bekannte Vertreter dieses unterschätzten Genres), womit wohl deutlich ist, daß eine Einordnung von Tu Fawning in übliche Indie-Rock Schubladen Unsinn ist. Wer kennt sich schließlich mit Bestattungszeremonien in Louisiana aus?

Zu einen Tu Fawning Konzert gehört aber nicht alleine die Musik, ähnlich aufregend ist nämlich die Band selbst. Corrina Repp und Joe Haege sind die Gründer der Gruppe, sie sind aber auch die verhaltensauffälligsten Beteiligten der Shows. Toussaint Perrault an Keyboard (und vielem mehr) und Liza Rietz (Keyboard und Geige) stehen Corrina und Joe musikalisch sicher in nichts nach, sie agieren aber weit weniger exzentrisch. Alleine Joes Outfit! In Mannheim trug er Hochwasser Hosen, gehalten von Hosenträgern und ein kleines Wollmützchen. Dazu hampelt und tanzt er urkomische Bewegungen, während er Gitarre spielt oder ins Verzerrmikro singt. Joe und Corrina teilen sich den Schlagzeug-Job, Joe eröffnete, Corrina trommelte die nächsten Lieder. Nur bei I know you now spielte Toussaint die Drums.

Obwohl ihre Musik sich aus so vielen kleinen Effekten und Klängen zusammensetzt, sticht selbstverständlich Corrinas fabelhafte Stimme heraus. Wie toll die bei Sad story zum Beispiel ist! Dabei sitzt sie bei diesem Walzer am Schlagzeug und sieht dabei aus, als müsse sie sich auf das Trommeln ganz extrem konzentrieren.

Wir hatten hinterher eine Diskussion (Außenstehenden auch wieder nicht zu vermitteln), ob bei den ersten Konzerten mehr Geigen im Einsatz waren. Beim Maifeld Derby gab es aber sicher weniger Blasinstrumente als bei meinen beiden vorherigen Clubkonzerten. Natürlich blieb auch der Ausflug von Toussaint mitFanfare ins Publikum aus, dafür war die Bühne zu weit weg.

Tu Fawning spielten je vier Lieder von beiden Alben und dazu I'm gone von ihrer Secession EP. Neben Sad song waren Blood stains, Anchor und I know you now die herausragenden Lieder der 45 minütigen Auftritts.

Anders als bei Filmen ist es bei Musk glücklicherweise so, daß man nicht immer alles kapieren muß, um es hochspannend zu finden. So geht es mir mit Tu Fawning. Und das macht unendlich viel Spaß!

Setlist Tu Fawning, Maifeld Derby, Mannheim:

01: Diamond in the forest
02: Sad story
03: Wager
04: I'm gone
05: A pose for no one
06: Blood stains
07: Anchor
08: I know you now
09: The felt sense

Tourdaten Tu Fawning:

22.05.12: Chelsea, Wien
25.05.12: Palace, St. Gallen, Schweiz
26.05.12: Seewiesenfestival, Österreich
27.05.12: Zoom, Frankfurt
28.05.12: La Péniche, Lille
31.05.12: Kampnagel, Hamburg
02.06.12: Botanique, Brüssel

Links:

- aus unserem Archiv:
- Tu Fawning, Paris, 16.05.12

- Tu Fawning, Berlin, 05.05.12
-
Tu Fawning, Köln, 21.07.11
- Tu Fawning, Duisburg, 08.03.11
- Tu Fawning, Paris, 19.02.11


Sonntag, 20. Mai 2012

Tu Fawning, Paris, 16.05.12

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Konzert: Tu Fawning

Ort: l'Espace B, Paris

Datum: 16.05.12

Zuschauer:etwa 80
Konzertdauer: gut 45 Minuten



Mein Konzertmarathon des 16. Mai 2012 ging erst mit Tu Fawning im Espace B zu Ende. Am Mittag hatte ich bereits Grimes & Chevalier Avant garde bei Colette gesehen, dann Haight-Ashbury & Arlt im Café de la Danse und nun gegen 22 Uhr 15 also Tu Fawning aus Portland.

Die exquisiten und bei City Slang gesignten Musiker um die blonde Schönheit Corrinna Repp hatten es in Paris in diesem Jahr wahrlich nicht leicht. Ihr für das kleine aber feine Hausboot Le Petit Bain vorgesehene Konzert wurde wegen zu schwacher Vorverkaufszahlen gecancelt und in letzter Minute packte man sie dann zwischen zwei andere Bands ins Espace B. Sie hatten sich also quasi in letzter Minute in ein bereits fertiges Line Up geschlichen, das aus Acts (U.S. Girls, Basketball) bestand, die kein Mensch kennt. Eine ziemlich räudige Angelegenheit, aber immer noch besser als überhaupt kein Paris-Konzert.


Entsprechend froh und dankbar äußerten sich dann auch die Musiker. Sie seien so unbeschreiblich traurig gewesen, daß ihre Show in der Seine-Metropole ausfallen sollte und nun umso glücklicher, daß sie doch noch die Gelegenheit bekamen, vor Leuten aufzutreten. Viele Leute waren es freilich nicht, die sich im Espace B eingefunden hatten. Meine Schätzung von 80 ist sicherlich nicht zu pessimistisch.

Umso bemerkenswerter, daß die zumindest in Deutschland so erfolgsverwöhnten Amerikaner aufspielten, als seien sie auf der Hauptbühne des Coachella Festivals.

Im überwiegenden Falle stammten die performten Songs vom Neuling A Monument, es gab aber auch zwei Nummern vom Vorgänger Hearts On Hold.



Tu Fawning boten ein fetziges Konzert, bei dem nicht nur die knallige gelbe Strumpfhose von Corinna in Erinnerung blieb. Allein das unfassbar ohrwurmige Anchor war nämlich das äußerst geringe Eintrittsgeld wert. Stark von den 80 ern angehaucht klang das, war aber dennoch kein x-ter Abklatsch irgendwelcher 8oies Ikonen, sondern eine euphorisierender Track mit einem packenden Trommelsound, schönen Chören und der divenhaften Stimme von Fräulein Repp.

Der Schlagzeugrythmus war neben dem verführerischen Gesang Repps der Hauptpfeiler des Sounds am heutigen Abend. Joe Haege (Menomena, 31 Knots) und auch Toussaint Perrault trieben mit wahnsinnig viel Einsatz nach vorne, trommelten und klöppelten wie Besessene und besonders Joe schwitzte wie ein Gewichtheber.


Die spektakulärste Sezne war trotzdem seiner Lebensgefährtin vorbehalten. Corinna hatte sich (ich glaube es war bei Bones) die Cowbell geschnappt und rannte damit rumpelstilzchenlike durch das Publikum. Dabei kam sie mir so nahe, daß wir uns fast gerammt hätten. Wow!

Die Stimmung war zu diesem Moment exzellent und auch deshalb war es wahnsinnig schade, daß kurze Zeit später schon Schluß war. Viele Zuschauer forderten vergeblich eine Zugabe, die die Band aber mit dem Hinweis verweigerte, daß man nun Platz für Basketball (?!) die letzte Gruppe des Abends, machen müsse. Auf diese experimentelle Truppe hätte ich nur allzu gerne verzichtet, stattdessen mehr von Tu Fawning gesehen, vor allem auch mehr Stücke mit Geige, die die bildhübsche Brünette Lisa Rietz für meinen Geschmack zu selten zum Schwingen gebracht hatte.


Aber meckern wir mal nicht, wir in Paris konnten auf Grund der Umstände froh sein, überhaupt Tu Fawning sehen zu können.

Demnächst dann bitte länger und in einer besseren Location!

Aftershow:


Eine unglaublich gut gelaunte und herzliche Band präsentierte sich mir hinterher bei einem kleinen Bier. Dorothée, die Sängerin von The Rodeo, hatte mich mit Corrinna und Joe bekannt gemacht und gemeinsam plauderten wir über die Liebe und das Leben. Nach Berlin wollen sie ziehen, die Portlander, zumindest denken sie laut darüber nach. Sei ja so günstig dort, zudem eine gute Ausgangsposition für Konzerte in Europa, ließen sie verlauten, fragten sich aber auch, ob es keine Sprachprobleme geben würde. In diesem Moment stieß auch Fritz Brückner, deutscher Soundtechniker, Tourmanager und Musiker (u.a. von Laura Gibson ) mit hinzu und nun wurde es noch lustiger. Fritz ist ein durfter Typ und immer für ein Späßchen zu haben. Gerne hätte ich mit den Sympathen noch die ganze Nacht gefeiert, aber Frau und Katze erwarteten mich zu Hause und so zog ich nach einem anstrengenden Tag brav ab, nicht ohne die Truppe noch von dem Tour Van abgeknispt zu haben.

Setlist Tu Fawning, Espace B, Paris
01: Sad Story
02: Wager
03: I'm gone
04: Camera
05: Anchor
06: The Felt Sense
07: Bones

Aus unserem Archiv:

Tu Fawning, Mannheim, 19.05.12
Tu Fawning, Berlin, 05.05.12
Tu Fawning, Köln, 21.07.11
Tu Fawning, Duisburg, 08.03.11
Tu Fawning, Paris, 19.02.11

Restliche Konzerttermine von Tu Fawning:

21.05.2012: Hansa 39, München
22.05.2012: Chelsea, Wien
25.05.2012: Palace, St. Gallen, Schweiz
26.05.2012: Seewiesenfestival, Österreich
27.05.2012: Zoom, Frankfurt
28.05.2012: La Péniche, Lille
31.05.2012: Kampnagel, Hamburg
02.06.2012: Botanique, Brüssel



Maifeld Derby, Mannheim, 19.05.12

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Konzert: Tu Fawning und andere
Ort: Maifeld Derby, Mannheim (Tag 2)
Datum: 19.05.2012
Zuschauer: rund 2.000
Dauer: Me And My Drummer 40 min, Dear Reader 45 min, Tu Fawning 48 min, We Invented Paris 45 min, John K Samson 52 min, Blood Red Shoes 60 min


Viel Musik, viel Regen, wenig Schlaf. Nach und nach folgt hier mehr.

Tag 2 des Maifeld Derby begann für mich bei strahlendem Sonnenschein und Sommer-Temperaturen mit Orph. Ich habe nur einen Teil des Konzerts der Band aus Weimar mitbekommen, der gefiel mir aber sehr gut. Bei Platten vor Gericht heißt es:

Doch vor allem liefert das Quartett um Marco De Haunt und Hendrik Winter mit dem Debüalbum “Poems for Kui” das für mich bislang die überraschendste Album des Jahres. Reif und vielschichtig präsentiert sich die Band. Geschmackvoll ausgewogene Folk- und Elektronikklängen die stellenweise in schwer zu umreißende Klangmeere ausufern bilden den roten Faden des Werks. Darüber hinaus werden diverse Indiespielarten angerissen.

Warum sich die Musiker allerdings damit bestraft haben, in dieser Hitze die Kostüme des Drehs des Kuriers des Zaren aufzutragen, bleibt ihr Geheimnis.

Danach kam mit Me And My Drummer (nein, noch nicht die Blood Red Shoes sondern die aus Berlin) die erste Band, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Das vierzigminütige Konzert im warmen Zirkuszelt war auch ok, allerdings waren meine Erwartungen wohl zu hoch. Irgendwas fehlte dem Auftritt.

Setlist Me And My Drummer, Maifeld Derby, Mannheim:

01: Rain kids
02: Down my couch
03: Freak (neu) (Joel Silbermann?)
04: Don't be so hot
05: The wings
06: Call me a friend
07: Heavy weight
08: Phobia
09: You're a runner

Im Parcours d'amour (also auf der Tribüne des Reitstadions) verfolgten wir ein paar Lieder von I Am Poet aus Mannheim, die vielverprechend waren. Aber weil Dear Reader warteten, blieb es bei ein paar Eindrücken. Dear Readers Cherilyn mit Harlekin-Hose und dem üblichen Schalk im Nacken spricht mittlerweile akzentfrei Deutsch (keine Witze über Mannheim jetzt). Ihr Set war nicht sehr überraschend, dafür habe ich Dear Reader zu häufig in unterschiedlichen Konstellationen gesehen. Aber es war eben auch nicht in die falsche Richtung überraschend. Eine kleine Überraschung gab es schon: Dearheart spielte die Band in einer neuen, sehr viel ruhigeren Version.

Die Band bestand heute übrigens aus Cherilyn, Jean-Louise und den beiden Schweden Eric und Jacob (Marching Band).

Setlist Dear Reader, Maifeld Derby, Mannheim:

01: Never goes
02: Bear (Young's done in)
03: Dearheart
04: Mole (Mole)
05: Man (Idealistic animals)
06: Whale (BooHoo)
07: Camel (not black or white but camel)
08: Bend
09: Great white bear
10: Monkey (You can go home)

Nach Dear Reader spielte draußen Muso, ein Heidelberger Hip Hop Künstler, der von Konstantin Gropper co-produziert wird. Der Get Well Soon Sänger hatte auch einen Gastauftritt beim Konzert, denn habe ich aber schon verpasst. Hip Hop ist nichts, womit ich mich beschäftige oder wovon ich Ahnung habe, also kann ich nicht beurteilen, ob Muso jetzt aufregender als Casper oder andere ist. Es klang ähnlich, aber das kann ja jetzt alles bedeuten.

Und dann kam das Tageshighlight. Tu Fawning aus Portland hatte ich vorher zweimal gesehen, beide Konzerte waren wundervoll. Beim Maifeld Derby war es genauso. Durch das neue Album ist das Repertoire der Amerikaner um einige riesige Hits erweitert, keine Wunder, daß der Auftritt also grandios war!

Setlist Tu Fawning, Maifeld Derby, Mannheim:

01: Diamond in the forest
02: Sad story
03: Wager
04: I'm gone
05: A pose for no one
06: Blood stains
07: Anchor
08: I know you know
09: The felt sense

Auf der Openair-Bühne begannen We Invented Paris aus der Schweiz noch bei schönem Wetter. Allerdings wurde der Himmel immer düsterer. Dazu passte die Musik von We Invented Paris nicht, denn die ist fröhlicher Indiepop (auch wenn ein Lied die Zeile Soon I die enthält). Ich mochte das Konzert auch, würde es gerne lieben, dafür fehlte aber etwas. Das fällt mir vielleicht im Laufe des Tages noch ein.

Setlist We Invented Paris folgt!

Der Regen war noch nicht zu schlimm, um trockenen Fußes ins Zelt zu John K Samson zu kommen. Während der Weakerthans Sänger, den ich Mittwoch schon im Gebäude 9 gesehen hatte, spielte, ging über Mannheim ein enormes Unwetter nieder. Einer der Blitze schlug so nah ein, daß der Ton kurz ausfiel. Die Blitzableiter des Zeltes funktionieren aber, so daß das Zelt meteologisch der beste Platz des Geländes war. Musikalisch natürlich auch, denn John war hervorragend! Es waren aber wohl auch viele im Zelt, die ihn und seine Musik nur regenbedingt verfolgten, die Stimmung war nämlich eher mau. Das Konzert war ähnlich dem in Köln, es war aber die abgespeckte Festival Version. Zu Reconstruction site kam Tourbuspassagier Sir Simon mit auf die Bühne, der im Gebäude 9 das Vorprogramm bestritten hatte.

Weil wegen des Unwetters dann die Openair Bühne ausfiel (und damit Sizarr gestrichen wurden), durfte John zwei Zugaben spielen (Gifts und Anchorless von Propagandhi).

Hinter mir verfolgten die Blood Red Shoes das Ende des Konzerts. Besonders Steven hatte Spaß am Kanadier; er brüllte nach dem Ende "yeah!" und "this rules!"

Setlist John K Samson, Maifeld Derby, Mannheim:

01: One great city! (Weakerthans) (solo)
02: Heart of the continent
03: Cruise night
04: When I write my master's thesis
05: Letter in Icelandic from the Ninette San
06: Bigfoot (Weakerthans)
07: Pamphleteer (Weakerthans)
08: www.ipetitions.com/petition/rivertonrifle/
09: Longitudinal centre
10: The boat dreams from the hill (Jawbreaker Cover)
11: The last and
12: Highway 1 West
13: Reconstruction site (Weakerthans)

14: Gifts (Propagandhi) (Z)
15: Anchorless (Propagandhi) (Z)

Die Blood Red Shoes ruleten dann auch, auch wenn auch hier die Stimmung sehr gedämpft war (daß es anders geht, merkte ich dann bei Frittenbude; sowas - und Pandakostüme funktionieren wohl immer). Die Blood Red Shoes hatten wenige Lieder ihrer neuen Platte im Programm, es war aber trotzdem wie immer. Langsam lssen die beiden mich daher ein wenig kälter als früher, obwohl sie live eine Bank sind. Es war trotzdem toll!

Setlist Blood Red Shoes, Maifeld Derby, Mannheim:

01: It' s getting boring by the sea
02: Don't ask
03: Cold
04: Say something
05: Heartsink
06: In time to voices
07: This is not for you
08: Light it up
09: Keeping it close
10: You bring me down
11: Lost kid
12: It is happening again
13: Colours fade
14: I wish I was someone better
15: Je me perds

Frittenbude danach wollte ich mir für zwei, drei Lieder noch ansehen. Das war aber weniger spannend als gedacht. Musikalisch grob in der Kategorie Deichkind oder Bonaparte - allerdings ohne deren Shows. Zumindest am Anfang. Danach mochte ich aber nicht mehr. Nicht meine Musik. Und nichts, was ich mir mitten in der Nacht noch komplett ansehen wollte.




Sonntag, 6. Mai 2012

Tu Fawning, Berlin, 05.05.12

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Konzert: Tu Fawning
Ort: Hebbel am Ufer (HAU 2), Berlin
Datum: 05.05.2012
Zuschauer: zwischen 200 und 300
Konzertdauer: 60 Minuten


von Markus aus Berlin

Samstagabend – ein sehr kalter Wind bläst durch die Hauptstadt – dazu noch leichter Nieselregen. Kein Vergnügen, bei dem Wetter aus dem Haus zu gehen. Gelockt haben mich Tu Fawning, die ihre neue CD vorstellen möchten. Ein etwas ungewöhnlicher Veranstaltungsort – das Hebbel am Ufer (HAU 2) – wurde dazu auserwählt. So mache ich mich auf den Weg nach Kreuzberg.

Dort angekommen trennen mich nur noch ein paar Treppenstufen und die Umbauzeit vom Betreten des Konzertraumes. Im Vorraum tummeln sich schon viele andere Musikliebhaber – und viele verschiedene Sprachen durchmischen sich. Ich würde den Anteil ausländischer Gäste auf sicherlich 30 bis 40 Prozent schätzen. Der Konzertraum selbst ist unspektakulär. Eine recht große Bühne und mehrere langgezogene Stufen bis zum Ende des Saals. Vor der Bühne gibt es noch eine
Freifläche. Als „Vorband“ ist The Caretaker angekündigt. Ich habe mich darüber im Vorfeld nicht weitergehend informiert. Das war vielleicht auch besser so, denn sonst wäre ich erst deutlich später zum Konzert erschienen.

Das was von James Kirby – alias The Caretaker –
dargeboten wurde, beschränkte sich auf die Projektion eines Videokunstfilms untermalt mit Elektro-Audiomüll. Ach – ich sollte nicht unterschlagen, dass sich Herr Kirby auf den Boden vor den Tisch mit dem Laptop hinsetzte und sich langsam mit Alkohol abfüllte. Dazu sang er in der einstündigen Videopräsentation drei Stücke Playback. Das Highlight war wohl am Ende die Liveversion von Robbie Williams Stück Angels. Ich kann so eine Vorführung locker 15 bis 30 Minuten recht regungslos und kommentarlos über mich ergehen lassen – aber eine geschlagene Stunde war eindeutig zu viel für mein Gemüt. Gott sei Dank hatte ich Ohrstöpsel dabei und konnte die Zeit anderweitig nutzen. Vielleicht bin ich auch nicht Kunststudent genug, um solche Darbietungen wirklich schätzen zu können.

Wie man das Bohren beim Zahnarzt ohne Betäubung aussitzen kann, so habe ich auch auch diese Stunde irgendwie ausgehalten und währenddessen von blühenden Landschaften und glücklichen Menschen geträumt.


Nach einer erneuten Umbauphase, kamen endlich Tu Fawning auf die Bühne. Die vier Musiker haben sich einen Abend zuvor in Leipzig warmgespielt und begannen ihr Set mit I’m Gone – eines meiner Lieblingslieder der 2008er-EP. Ein Stück, was bei der Darbietung sofort deutlichst machte, wohin der Hase an diesem Abend laufen sollte. Volle Aufmerksamkeit auf die sehr lebendigen Musiker. Was ich beim Anhören der CDs nicht geahnt hätte, ist, dass die Bühnenpräsenz der Band so stark ist. Es wird mit Leidenschaft, viel Kraft und Energie die Musik aus den Instrumenten und den Kehlen herausgeschunden. Corinna Repps Stimme ist die Idealbesetzung rund um die von Joe Haege erdachten Lieder. Komplettiert werden Tu Fawning durch Toussaint Perrault und Liza Rietz. Alle vier Musiker stammen aus ganz unterschiedlichen Musikstilen, und genau das macht die Musik aus – sie bringen viel zusammen, und es entsteht eine kaum zu bändigende Energie. Diese Energie wird auf der Bühne besonders spürbar. Sowohl Joe Haege als auch Corinna Repp geben im Wechsel dem Schlagzeug ihre volle Kraft. Selten war ich so gefesselt von der Wucht des Auftritts wie bei Tu Fawning.

Schon als drittes Lied wird Anchor, die aktuelle Singleauskopplung, gespielt. Fantastisch. Bei The Felt Sense wird wie selbstverständlich auf Kuhglocken geschlagen. Ganz groß auch Wager, das trotz der ganzen Brüche einen Kreis um alles geschlossen hat.
Das ist das, was für mich die Musik von Tu Fawning ausmacht. Düster-schön war das ruhige To Break Into bei dem ich noch am ehesten die nachgesagte Nähe zu Portishead erkennen würde. Nach dem starken Bones wird der Abend mit Sad Story als einzige Zugabe beendet. Mein persönlicher Favorit des Abends. Wunderschöner Moment des Konzerts war, als Toussaint Perraul bei Sad Story die Bühne verließ, um mit seiner Posaune mitten im Publikum aufzutauchen und dort lautstark auf sich aufmerksam zu machen.

Statt sich mit dem neuen Album dem Mainstream und dem damit verbundenen finanziellen Erfolg anzubiedern, ist es schön, dass sich Tu Fawning auf dem Album und auch auf dem Konzert ihre Komplexität und ihre Unberechenbarkeit erhalten haben. Nein – viel mehr sogar: Sie machen die Musik, die sie wollen, und spielen sie so, wie sie sind. Chaotisch, gruselig und eine melancholische Leichtigkeit, die für mich ihresgleichen sucht.

So – nun kommen wir zum Abschluss noch zum Wermutstropfen. Die Akustik des Saales war nicht sonderlich gut. Es hallte und verzerrte. Das will ich der Band nicht anlasten, deswegen will ich das an dieser Stelle auch nicht unnötig auswalzen. Ich würde mir für ein nächstes Konzert einen geeigneteren Veranstaltungsort wünschen: einer, der den hochkarätigen Musikern gerechter werden würde.

Aktuelle Tourdaten (Auszüge)
:

15.05.12 Dortmund, FZW
16.05.12 Paris, Le Petit Bain
19.05.12 Mannheim, Maifield Derby
20.05.12 München, Feierwerk
21.05.12 Wien, Chelsea
27.05.12 Frankfurt, Zoom
31.05.12 Hamburg, Kampnagel


Setlist, Tu Fawning, Berlin:


01: I´m Gone
02: Camera
03: The Felt Sense
04: Blood Stains
05: Wager
06: To Break Into
07: I Know You Know
08: Bones

09: Sad Story (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Tu Fawning, Köln, 21.07.11
- Tu Fawning, Duisburg, 08.03.11
- Tu Fawning, Paris, 19.02.11






Freitag, 22. Juli 2011

Tu Fawning, Köln, 21.07.11

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Konzert: Tu Fawning
Ort: Blue Shell, Köln
Datum: 21.07.2011
Zuschauer: rund 60
Dauer: 65 min


Puh, Konzert-Sauregurkenzeit... Wer als Musikjunkie im Juli keine Festivals sieht, ist gekniffen, denn in Clubs ist jetzt gerade wirklich nicht viel los. Da ich mir nach den besten drei Festivals meines Lebens, die geballt 2010 stattgefunden hatten (Primavera, Latitude und Bowlie), geschworen hatte, nie wieder zu Festivals zu gehen*, bieten die letzten Wochen Gelegenheit zur Entschleunigung, zur Suche nach der inneren Mitte, dafür die Seele baumeln zu lassen.

Done.

Jetzt möchte die innere Mitte aber gefälligst wieder laute Musik hören und sich ein neues Plätzchen suchen.

Glücklicherweise machen sich in dieser schrecklich langweiligen Zeit nicht alle Bands rar. Mittwoch waren die Indelicates in Mainz (die allerdings auch feststellten, daß gerade keine gute Saison für Konzerte sei), heute die tollen Tu Fawning, die ich im März in Duisburg gesehen hatte, und die mich da restlos überzeugt hatten.

Tu Fawning hatten in Roskilde und auf einem Festival in Belgien gespielt und die Zeit dazwischen für eine kleine Europatour genutzt. Kölner Station war das Blue Shell, denn obwohl die Band größere Clubs verdiente (und sicher souverän bespielte), reicht das potentielle Publikum noch nicht für mehr. So war es auch noch gähnend leer, als wir in der blauen Bar ankamen. Bis es eine halbe Stunde später als angekündigt losging, hatten sich aber noch gut 60 Zuschauer eingefunden, wonach es um neun wirklich nicht ausgesehen hatte.

Tu Fawning stammen aus Portland und sind ein Quartett: Joe Haege (31knots) begann am Schlagzeug, Corrina Repp an der Gitarre, Toussaint Perrault an Glöckchen und Pauke und Liza Rietz am Keyboard. Allerdings wechseln die vier ihre Positionen immer wieder, ohne daß dabei der Fluß des Konzerts gestört würde. Die Musik der Amerikaner einzuordnen, ist schwer. Um Corrinas ganz hervorragende Stimme herum bauen Tu Fawning experimentell scheinende Melodien auf, denen allerdings das Anstrengende solcher Lieder fehlt. Anspruchsvoll aber eingängig, mit Hilfe experimenteller Mittel. Oder ähnlich.

Das Eröffnungsstück Hand grenade beispielsweise fängt mit einem eintönigen Keyboard Akkord an, der später von Trommeln unterstützt wird, bis Corrinas Gesang
einsetzt, der da an Beth Gibbons von Portishead erinnert. Dazu kommt später Toussaints Posaune - und ein vollkommener Melodiebruch. Das liest sich schrecklich, ist in Wahrheit - und auf Bühne und Platte - aber hervorragende Kost.

Tu Fawning setzten neben Schlagzeug, Gitarre, Keyboard, die immer vorkommen, so viele Percussionintrumente, Glöckchen oder anders gespielte klassische Instrumente ein, geklopfte Geige, Windspiel, Klanghölzer. Auch wenn vieles davon seine Überraschung beim zweiten Mal verloren hat (zum Beispiel der Ausflug von Toussaint mit Fanfare ins Publikum
bei Sad story - was im kleinen Blue Shell einen irren Rundumklang-Effekt erzeugte), machte das das Zusehen keinen Deut unspannender.

Das Stück mit dem Fanfarenzug war auch eines der besten des Abends, allerdings nicht nur wegen des Ausflugs. Sad story war auch das erste Lied, bei dem Corrina am
Schlagzeug saß. Ihr Trommeln ist unglaublich sehenswert. Ich kann nicht beurteilen, ob es technisch gut ist, es klingt zumindest nicht falsch. Aber ich habe nie einen Drummer gesehen, dem man ansieht, wie die eigene Kraft eingesetzt wird, um Töne zu erzeugen. Wenn Corrina das Bassdrum-Pedal tritt, wirft sie sich richtig gegen das Gerät. In den Instrumental-Passagen schlug sie schräg von oben nach unten die Trommeln und sah dabei wie eine Kanu-Sprinterin aus. Spektakulär!

Wundervoll auch, als bei
Multiply a house alle vier standen und sangen, und mit Tamburinen den Rhythmus machten.

Tu Fawning spielten Lieder ihres Albums Hearts on hold, sowie der Secession EP. Auch ein neues Stück der im Frühjahr erscheinenden zweiten Platte war im
Programm, das habe allerdings noch keinen Namen. Außer, daß Liza dabei Geige spielte, unterschied es sich weder stilistisch noch qualitativ vom Rest.

Tu Fawning waren toll! Sie ertrugen auch die aufgezwungenen Dialoge über das Highsein mit den beiden Frauen in der ersten Reihe mit Würde.

Auch außerhalb der Sauregurkenzeit wäre das Konzert aus der Masse herausgestochen. Tu Fawning tauchen definitiv in meiner Jahresbestenliste auf!


Setlist Tu Fawning, Blue Shell, Köln:

01: Hand grenade
02: Diamond in the forest
03: Out like bats
04: Sad story
05: Just too much
06: Multiply a house
07: I know you now
08: neu (noch namenlos)**
09: I'm gone
10: The felt sense

11: In silence we reach the palisades (Z)
12: Mouths of young (Z)

Links:

- Tu Fawning, Duisburg, 08.03.11

* außer Primavera und Haldern in diesem Jahr
** (Textzeilen: "Cover your eyes" und "I want you, you want me")




Mittwoch, 9. März 2011

Tu Fawning, Duisburg, 08.03.11

3 Kommentare

Konzert: Tu Fawning & Boduf Songs
Ort: Café Steinbruch, Duisburg
Datum: 08.03.2011
Zuschauer: 120 vielleicht (sehr voll)
Dauer: Tu Fawning knapp 60 min, Boduf Songs 45 min


Mit Pete Doherty ist es immer das gleiche. Kaum entscheide ich mich, zu einem seiner Konzert zu gehen (diesmal Köln), erscheinen die Vorboten einer Absage am Horizont. Diesmal ist es eine echte Räuberpistole, die mich fürchten läßt, daß Peter, der durch das zusätzliche R ja wohl seriöser wirken wollte, kurzfristig absagen wird. Der Libertine dreht nämlich gerade einen Film in Regensburg. Gemeinsam mit Charlotte Gainsbourg und August Diehl steht der Engländer für eine Verfilmung des Buchs Confessions d'un enfant du siècle des französischen Poeten Alfred de Musset vor der Kamera. Offenbar passierte während dieser Dreharbeiten in Bayern in den letzten Tagen ein kleines Malheur. Es wurde in einen Musikladen eingebrochen, eine Gitarre und anderer Krimskrams gestohlen. Dabei hatte eine wackere Regensburgerin offenbar drei englisch sprechende Männer beobachtet und in einem von ihnen Pete erkannt. Die Regensburger Polizei ermittele gegen einen "Prominenten", hieß es gestern ergänzend im Radio.

Was das nun alles mit meinem Konzertabend zu tun hat?

Nun, sollte im Laufe des Wochenendes irgendwo auf ihrer Strecke ein Musikfachgeschäft überfallen sein worden, waren es diesmal ganz sicher Tu Fawning
aus Portland. Denn woher sonst sollte dieser atemberaubende Fundus aus Instrumenten, Glöckchen, exotischen Tröten, special edition schwarz-roten Melodicas, Klanghölzern, weiteren Glöckchen und bunten Trommeln stammen? Im Flugzeug mitgebracht? Na klar...

Bevor Tu Fawning aber ihre Beute zeigten, spielte erst einmal Boduf Songs aus England. Es war vorher nicht ganz ersichtlich, wer nun Vor- und wer Hauptgruppe sein sollte. Die Reihenfolge auf Ticket und Club-Website deutete auf Boduf Songs als Hauptgruppe hin. Unsere Absprache war folglich, nach Tu Fawning zu fahren (und sehr früh zu Hause zu sein). Als der Kartenkontrolleur mitteilte, Boduf Songs fingen an, ärgerte mich, daß diese Pläne durchkreuzt wurden.

Hinter Boduf Songs verbirgt sich Mat Sweet aus Southampton, der mit Gitarre auf einem Stuhl in Bühnenmitte Platz nahm. Da wir hinten standen und das Licht bis auf eine zarte Rotfärbung aus ging, fiel es schwer, viel mehr zu erkennen. Daß diese düstere Ausleuchtung zum Konzept gehört, wurde schnell klar, zunächst waren nämlich nur sehr leise akustische Gitarren- und Bass-Klänge und ein paar Glöckchen vom dritten Mann (der auch eine Trommel bediente) zu hören. Dazu sang dann irgendwann Mat leise und sehr ruhig, und ab und zu kam die Stimme seiner Kollegin ganz unverstärkt dazu. Ganz selten einmal wurde es etwas lauter, höchstens die Instrumente zogen kurzfristig ein wenig an, die Grundstimmung war leise und dunkel. Meine Genervtheit über eine Vorgruppe war ganz schnell andächtigem Zuhören gewichen. Offenbar nicht nur mir ging es so, Mat stellte irgendwann fest, daß wir sehr leise seien und unser Atem zu hören sei.

Lagerfeuermusik empfinde ich nicht als etwas schrecklich Tolles. Dies hier musste man aber wegen der Beleuchtung zwangsläufig mit Draußen und Flammengeflacker verbinden. Als ich mir dann noch vorstellte, statt des schwarzen Saals wäre da ein schwarzer Wald drumherum, wurde es gruselig.

Boduf Songs waren eindrucksvoll! Vielleicht zwei Lieder zu lang, aber sehr sehr gut. Und immer wenn die zweite (weibliche) Stimme einsetzte und auch ein paar Takte hauchte, wurde es ganz besonders gut!

In der Pause gingen wir nach vorne, jetzt wollten wir etwas sehen. Beim Umbau fiel zunächst einmal eine dicke Trommel mit Bandbemalung in Bühnenmitte auf. Ganz rechts stand nämlich ein ausgewachsenes Schlagzeug. Zusatztrommeln sind ja wahrlich nichts Neues, diese war aber zum einen hübsch dekoriert, um sie herum hingen aber auch noch einige Glocken, u.a. solch eine Windspiel-Röhre. Ganz links standen allerdings die richtig aufregenden Dinge: ein Metallkoffer mit Rasseln und Rasselartigen und zwei sehr exotische Blasinstrumente. Das eine, eine Posaune, wurde erst beim Spiel exotisch, sie ließ sich nämlich unendlich lang ausziehen. Das zweite schien mir eine Fanfare zu sein, auf der ein Schalldämpfer steckte.

Irgendwann nach halb zehn ging es los. Tu Fawning kommen aus Portland und bestehen aus Joe Haege, Corrina Repp, Liza Rietz und Toussaint Perrault. Mastermind der Band ist 31knots Mann Joe Haege, auf der Bühne allerdings bestimmte die blonde Sängerin Corrina Repp das Geschehen. Keyboarderin Liza Rietz (die eigentlich Modedesignerin zu sein scheint - es gibt sicher keine zwei Liza Rietzes in Portland) und Trompeter Toussaint Perrault waren weniger extrovertiert, spielten aber die deutlich spannender anzusehende Parts während der Lieder.

Ich war vorher nicht sicher, ob mir das Konzert nicht zu "arty", sprich anstrengend sein würde. Als das erste Stück aber damit begann, daß alle vier Musiker mit Tambourin in der Hand "oh oh oh" sangen, fühlte ich mich sehr richtig - und das sollte auch so bleiben.

Tu Fawning zuzuhören ist alles andere als anstrengend. Wie alle, die bisher über die Amerikaner geschrieben haben, tue ich mich schwer, die Musik einzuordnen. Beach House fiel mir als Vergleich ein - aber Tu Fawning sind besser. Charakteristisch sind der mehrstimmige Gesang und die vielen kleinen Glöckchen und Effekte. Die Standardinstrumentierung ist Schlagzeug, Gitarre, Keyboard und Trompete. Keyboarderin Liza spielte (soweit ich mich erinnere) nur bei I'm gone Geige und mehrfach Klanghölzer. Klanghölzer! Ein weiteres dieser unzähligen tollen Instrumente, die die Amerikaner einsetzten.

Meinen Pariser Kollegen Oliver hatten die Instrumentenwechsel während des Konzerts genervt, mich störten sie überhaupt nicht. Ob so etwas nötig ist, weiß ich nicht, es schadete dem Fluß aber nicht. Das Schlagzeug bedienten Joe und Corrina, im Stil höchst unterschiedlich, aber beide aus Laiensicht hervorragend, obwohl es nicht ihr Erst-Instrument ist. Toussaint war zuständig für die Blechbläser, bediente aber auch die dekorierte Trommel und viele kleine Effekte. In einer meinen zahllosen Lieblingsszenen spielte er gerade auf dem Dings, das ich für eine Fanfare halte, und schlug deren Spitze (mit Dämpfer) gegen das neben der Trommel hängende Windspiel! Lizas hatte ihre wundervollste musikalische Szene vor Mouths of young, als sie sich Drumsticks griff und auf Toussaints Rücken trommelte! Toussaint hatte während Mouths of young keinen anderen Einsatz und spielte daher kleine Fingerbecken (Zills, wie ich gelernt habe) - der Musikladen muß gut sortiert gewesen sein.

Irgendwie anstrengend war das Konzert also doch, man mußte dauernd nach links und rechts gucken, um nichts zu verpassen. Etwa Toussaints kurzen Ausflug mit Posaune ins Publikum bei Sad story, dem an die Dresden Dolls (Tu Fawning sind besser) erinnernden Stück. Er war allerdings höchstens 30 Sekunden unten und ging dann wieder auf die Bühne.

Einzig Corrinas theatralische Kniefälle mochte ich nicht. Aber wie sie da Joe anspielte, hatte auch irgendwie Stil.


Musikalisch wie visuell ein ganz großartiger Abend! Tu Fawning sind ein echter Knüller und gehören in den Himmel gelobt! Vielleicht spricht sich dann auch bis zum Ticketgestalter rum, daß die Band nicht Fu Fawning heißt. City Slang hat wieder einmal ein extrem gutes Händchen bewiesen, als sie die Oregoner verpflichtet haben.

Die großartigste Szene des Abends hatte aber wieder einmal nichts mit Musik zu tun. Joe merkte an, daß die schwarze Bühne mit ihren schwarzen Stufen im abgedunkelten Saal lebensgefährlich sei und witzelte: "there's a force that wants us dead!" - sehr zum Entsetzen von Liza, die ihn mit geschocktem Gesicht zurechtwies: "please! That's too dark!"

Tu Fawning - bisher das beste Konzert des Jahres!

Setlist Tu Fawning, Café Steinbruch, Duisburg:

01: Multiply a house
02: Diamond in the forest
03: Out like bats
04: Sad story
05: Just too much
06: I'm gone
07: In silence we reached the palissades
08: I know you now
09: Mouths of young
10: The felt sense

11: Hand grenade (Z)

Links:

- Tu Fawning, Paris, 19.02.11




 

Konzerttagebuch © 2010

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