Montag, 17. Februar 2014

I Like Trains, Brüssel, 16.02.14


Konzert: I Like Trains (10th Birthday Tour)
Ort: Botanique (Rotonde), Brüssel
Datum: 16.02.2014
Dauer: I Like Trains gut 85 min, Her Name Is Calla 40 min
Zuschauer: ca. 150 (wohl ausverkauft)



Vor zehn Jahren hießen I Like Trains aus Leeds noch iLiKETRAiNS und spielten ihre ersten Konzerte. Das Bandjubiläum nutzen die "guys in trains" (Her Name Is Calla Sänger Tom Morris) für eine kurze Tour durch Großbritannien und ausgewählte Orte auf dem Festland. Gottseidank gehörte Brüssel zu diesen und in Brüssel mit der Rotonde im Botanique der wohl schönste Konzertort, den ich kenne. Wir wären also vollkommen verrückt gewesen, uns dies entgehen zu lassen, obwohl I Like Trains in den letzten Jahren nicht mehr den gleichen Stellenwert für mich hatten wie am Anfang.


Mein erstes Konzert der Nordengländer war 2007 im Gebäude 9, es war bereits ihr zweiter Auftritt in Köln. Damals waren iLiKETRAiNS-Konzerte ein ganz besonderes Spektakel. In der Anfangszeit gehörte der Hornist und Videokünstler Ashley Dean noch zur Band, dessen Hauptaufgabe Filmprojektionen zu sein schienen, die die Geschichten, die die Lieder erzählen, optisch unterstützen. Jedes Video begann mit einem Ort und einer Jahreszahl, beispielsweise "Belgrade, 1992" vor A rook house for Bobby und erklärte, worum es in den Liedern geht, und das lohnte sich! Die Titel des Debütalbums Elegies to lessons learnt und der grandiosen EP Progress reform erzählen vom großen Feuer in London, vom Pestausbruch in Derbyshire oder vom mißglückten Attentat auf König George III (der die amerikanischen Kolonien verloren hat und den die Briten uns wegen seiner Herkunft aus dem Hause Hannover heute noch übel nehmen). Diese Kombination, die historischen Hintergründe, düster vertont und durch Filme erklärt, machte die ersten iLiKETRAiNS Konzerte zu Ereignissen. Als die Band Anfang 2008 Get Well Soon in Frankfurt supportete, sagte Konstantin Gropper anschließend, er komme sich mit seiner Musik nach der Vorgruppe wie eine Mallorca-Band vor.


Nachdem der Hornist die Band verlassen musste und die nächsten Platten mehr und mehr von der tiefschwarzen Melancholie einbüßten, ging die Faszination für I Like Trains (so heißen sie seitdem) bei mir ein wenig flöten. Die Band aus Leeds ist weiterhin überdurchschnittlich gut, sie ist aber nicht mehr im wahrsten Sinne des Wortes herausragend. Allerdings ist dies eine unter Umständen ungerechte Kritik, denn Auftritte wie der im Sonnenschein in Haldern vor ein paar Jahren oder der I Like Tea als Band-Merch oder die Option, mit der Band im Rahmen einer Crowdfunding Aktion Scrabble zu spielen, machen sie auch ohne die besonderen Konzerte zu einer außergewöhnlichen Band.


Als vor einigen Tagen angekündigt wurde, im Rahmen der Geburtstagsshows die Debüt-EP komplett zu spielen, strahlte mein Herz. Diese erste längere Veröffentlichung enthält einige wundervolle Perlen, und ein paar von denen hatte ich bei meinen bisher sieben Konzerten noch nicht sehen dürfen. Und so standen wir um kurz nach neun in der Rotonde des ehemaligen botanischen Gartens Brüssels, hatten das sehr gute Vorprogramm von Her Name Is Calla gesehen und bekamen mit Terra Nova das erste Stück der EP um die Ohren gespielt! 


Terra Nova erzählt die Geschichte des tragischen Rennens zum Südpol aus der Perspektive des Briten Robert Scott - "exploration's last great prize". Scott erreichte den Pol, kam aber einen Monat nach dem Norweger Amundsen an und starb mit seiner Crew auf dem Rückweg. Auch das zweite Stück No military parade handelt von diesem furchtbaren Scheitern und vertont dies fabelhaft. Terra Nova allerdings mit seinem dramatischen Aufbau, mit den vielen Gitarren gehört zu den besten Stücken Musik, die ich kenne. Das in diesem wundervollen Raum mit seiner Hörsaal-Charakteristik, seinem tollen Licht und der hervorragenden Akustik war einzigartig! Aber Terra Nova gehört zum Standard-Repertoire der Band und war daher bei weitem nicht das spannendste Lied des Abends.


Nach No military parade kam getreu der Albumreihenfolge A rook house for Bobby, das auch immer gespielt wird und die Geschichte des ehemaligen Schachweltmeisters (und Wirrkopfs) Bobby Fischer erzählt, der 1992 während des Bosnienkriegs einen Rückkampf gegen seinen alten Rivalen Boris Spasski im mit Sanktionen versehenen Belgrad spielte und seitdem ´nicht mehr in seine amerikanische Heimat einreisen durfte. Auch A rook house for Bobby endet in herrlichen Gitarrenwände und gehört zu meinen großen Lieblingen. Danach begann der besonders spannende Teil des Abends.


Keines der nächsten Lieder hatte ich bisher live gesehen, nicht Citizen, nicht The accident und vor allem nicht die beiden Oberknüller Stainless steel und The Beeching Report. Während Citizen und The accident sehr schön aber im Vergleich unspektakulär sind, ist Stainless steel mit seinen Anfangszeilen "Please don't go into the kitchen. That's where the knives are" der düstere Höhepunkt der EP. Das lang ausgedehnte Instrumentalfinale war atemberaubend schön! Aber es wurde noch besser...

Absoluter Höhepunkt des Abends war nämlich The Beeching Report. Dr. Beeching war Chef der British Railways, der in den 60er Jahren von der Regierung beauftragt wurde, die hoch dezifitäre Eisenbahngesellschaft zurück in die Erfolgsspur ('tschuldigung) zu bringen. Sein "Beeching Report" von 1963 führte zur Schließung tausender Kilometer Bahnstrecke (und zu sehr schönen I Like Trains Jutetaschen, auf denen diese gestrichenen Linien den Umriß Großbritanniens nachzeichnen). Das Mantra "Reform, reform" macht das Lied seit jeher zu einem Highlight. Die Liveversion unter Einbindung der Her Name Is Calla Musiker war unvergleichbar schön!

Nach knapp 40 Minuten war die EP gespielt - und ich restlos begeistert.

Der Kür-Teil des Abends bestand - auch das war zu schön, um wahr zu sein - ausschließlich aus Liedern vom Debütalbum! Twenty five sins machte den Anfang. "This time the French are not to blame" - für das große Feuer in London zwischen dem 2. und 5. September 1666. Dieses Stück hatten I Like Trains in Brüssel geschrieben. Es folgte The deception mit meiner Lieblingsgeschichte (hier ganz kurz: Ende der 60er Jahre fand ein Segelrennen um den Globus statt, bei dem einer der Teilnehmer durch die Durchsage falscher Standortdaten betrügen wollte und sein Scheitern mit Selbstmord beendete - auch die Geschichte zweier anderer Teilnehmer erzählen I Like Trains in Liedern). Death of an idealist handelt von einem britischen Parlamentarier, der seinen Tod vortäuschte, um in Australien zu leben.

Die letzten beiden Stücke spielte I Like Trains ohne Pause. A voice of reason (über das gescheiterte Attentat auf George III.) und Spencer Perceval (über das gelungene Attentag auf den britischen Premier Minister - letzte Worte: "I am murdered") gehören immer zu den Höhepunkten eines I Like Trains Konzerts! 

Ich hätte danach gar nicht mehr gebraucht. Alles war gesagt. Der Rest konnte nur eine Fußnote sein. 

Drei Fußnoten wurden es. A father's son vom zweiten Album und Mnemosyne und Reykjavik vom dritten (und aktuellen). Jedes ist für sich gesehen gut. Aber im Vergleich zum düsteren, überragenden Frühwerk sind die eher fröhlichen späteren Stücke fallen sie ab.

Here's to ten more years, I Like Trains! Normalerweise bekommt zwar das Geburtstagskind die Geschenke, in Brüssel fühlte ich mich reich beschert! Das Konzert war atemberaubend schön und wird hoffentlich auf DVD erscheinen. Und wenn mich noch mal jemand müde belächelt, daß ich sonntags nach Brüssel fahre, um eine unbekannte englische Band zu sehen, statt vor dem Fernseher den 90000. Tatort zu gucken, werde ich zurücklächeln und "Reform, reform" vor mich hinsingen.

Setlist I Like Trains, Botanique, Brüssel:

01: Terra Nova
02: No military parade
03: A rook house for Bobby
04: Citizen
05: The accident
06: Stainless steel
07: The Beeching Report
08: Twenty five sins
09: The deception
10: Death of an idealist
11: The voice of reason
12: Spencer Perceval

13: A father's son (Z)
14: Mnemosyne (Z)
15: Reykjavik (Z)


Ein Bericht über Her Name Is Calla und Fotos folgen! 

Setlist Her Name Is Calla, Botanique, Brüssel:

01: Pour more oil 
02: The roots run deep 
03: Meridian arc 
04: I was on the back of a nightingale 
05: Navigator 
06: New England

Links:

- aus unserem Archiv:
- I Like Trains, Köln, 29.10.12
- I Like Trains, Wien, 24.10.11
- I Like Trains, Köln, 19.01.11
- I Like Trains, Haldern, 15.08.09
- I Like Trains, Köln, 06.03.09
- I Like Trains, Düsseldorf, 28.11.08
- iLiKETRAiNS, Frankfurt, 15.04.08
- iLiKETRAiNS, Paris, 08.04.08
- iLiKETRAiNS, Köln, 16.11.07
- iLiKETRAiNS, Paris, 31.10.07
- iLiKETRAiNS, Paris, 12.10.06




2 Kommentare :

Dominik Schmidt hat gesagt…

Schöner Text, bin ein bisschen neidisch das ich nicht auf dem Konzert sein konnte. Aber im Kontext von I like trains von fröhlichen Liedern zu sprechen erscheint mir etwas merkwürdig, auch wenn sie nicht mehr ganz so düster wie zu Beginn sind. Für mich war das zweite Album das bisherige Highlight der Band, aber so unterscheiden sich Geschmäcker..

Christoph hat gesagt…

Fröhlicher! :-)
Ich mag mittlerweile auch das dritte Album gerne, das zweite habe ich sehr selten gehört. Im Zweifel ist es dann eben immer wieder Progress Reform oder die erste Platte.

 

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