Mittwoch, 12. Februar 2014

Karl Bartos, Stuttgart, 26.01.2014


Konzert: Karl Bartos
Ort: Wagenhallen, Stuttgart
Datum: 26.01.2014
Dauer: 100 Minuten
Zuschauer: 250-300



Fragen nach der Relevanz eines Künstlers, einer Band sind eine heikle Angelegenheit. Im Falle der Düsseldorfer Electro-Pioniere Kraftwerk sind sich Kritiker wie Musikhörer weltweit weitgehend einig. Kraftwerk schufen aus Krautrock, Beat, einer Prise Stockhausen und einem Faible für Synthesizer und moderne Technik ein neues Genre, waren innovativ, sind eine der bedeutendsten Gruppen der Popgeschichte. All das steht außer Frage und so ist der Grammy für das Lebenswerk, der der Band in Los Angeles gleichzeitig mit den Beatles verliehen wird, rundum gerechtfertigt. Während der kühl kalkulierende Vorlassverwalter Ralf Hütter mit musealen Inszenierungen an der eigenen Kanonisierung schon zu Lebzeiten arbeitet, gelingt es Ex-Mitglied Karl Bartos, seinerzeit verantwortlich für dutzende unsterbliche Melodien, auch als Künstler der Gegenwart relevant zu bleiben.


Es mag ungerecht erscheinen, dass Bartos am gleichen Tag, an dem Gralshüter Hütter im Staples Center stellvertretend den Grammy entgegennimmt, in den spärlich besuchten Wagenhallen am Stuttgarter Nordbahnhof spielt, doch manifestiert er mit einem beeindruckenden Konzert das Kunstwerk Kraftwerk und legt mit einem großartigen Auftritt eindringlich frei, wie Kraftwerk 2014 klingen könnten, wären sie heute mehr als eine museale Sensation. Im vergangenen Jahr überschlug sich die Musikpresse anlässlich der beim ambitionierten Hamburger Indie-Label Bureau B erschienenen Veröffentlichung „Off the Record“ mit Lobeshymnen. Die ZEIT konstatiert euphorisch und doch mit analytischer Berechtigung, Bartos habe „die Platte gemacht, die Kraftwerk nicht mehr hinkriegen“
Warme Heizungsluft strömt den Besuchern beim Eintritt in die Wagenhallen entgegen. Draußen prasselt der Regen, es ist ein unangenehmer Sonntagabend. Auf der Bühne stehen jede Menge Mischpulte, Macbooks vor drei großen Bildschirmen. Das Zusammenspiel von Visualisierung und Musik war stets elementar für das künstlerische Selbstverständnis, für die kühle Kraftwerk-Ästhetik. Bis heute leben Konzerte der großen Hütter-Show von Projektionen. Legendär sind die gefeierten 3D-Konzerte und Auftritte in den wichtigen Kunstgalerien dieser Welt. Die künstliche Verknappung der Kapazität möglicher Konzerte steigert den exklusiven Charakter des Ganzen. Die für das zweite Jahrzehnt dieses Jahrtausends so sinnbildliche Eventisierung wird auf den Punkt gebracht. Selbstredend kann Bartos da nicht mithalten, den pompösen Kraftwerk-Inszenierungen nicht gerecht werden. Aber genau das ist sein großer Trumpf. Schon Stockhausens „Gesang der Jünglinge“, polyphon vom Band, ist als Intro kurios wie stringent. Im Gegensatz zu Tocotronic, die Konzerte ihrer „Wie wir leben wollen“-Tour damit begannen, wirkt das bei Bartos überhaupt nicht prätentiös, ist vielmehr naheliegende Referenz auf einen wichtigen Einfluss des eigenen kreativen Schaffens. 


Der klassisch geschulte Schlagzeuger weiß mit Anfang 60 in einer Art zu überzeugen, die seine Relevanz als legendäres Kraftwerk-Mitglied und hervorragender Solokünstler verrät. Dabei nicht nur eine nostalgische Hit-Revue zu feiern, sondern eindrucksvoll den eleganten Bogen zum erstaunlichen Solowerk zu spannen, gelingt äußerst würdevoll: Zwischen all den unsterblichen Klassikern fallen die eigenen Stücke keinesfalls ab. 

Im Publikum versammeln sich gerade einmal um die 300 Zuschauer, die weitgehend mit Kraftwerk aufgewachsen sein dürften, um ein Konzert zu sehen, dessen Klasse sich bereits beim energischen Start mit „Numbers“ und „Computerwelt“ abzeichnet. Bei Kraftwerk war es Standard Songs in verschiedenen Sprachen für verschiedene Märkte aufzunehmen, live spielt Bartos gekonnt mit dem Wechsel zwischen Deutsch und Englisch, reizt den internationalen Charakter eines deutschen Klischees aus, während der lyrische Gehalt auf den Bildschirmen passend illustriert wird. Mit Szenen aus Antonionis „Blow Up“ gewinnt der Solosong „The Camera“ zunehmenden Reiz. Überhaupt sind es die poppigen, dabei jedoch häufig härteren Stücke aus der Zeit nach Kraftwerk, die zwischen weltbewegenden, kanonischen, natürlich ekstatisch gefeierten Electro-Pop-Hymnen wie „Heimcomputer“, „Das Model“ und „Trans-Europe-Express“ mit einer überraschend feinfühligen Neujustierung des altbekannten Schemas punkten. Das klingt dann mitunter mehr nach London und den Pet Shop Boys als nach Düsseldorf und Kraftwerk, ist definitiv tanzbar und von höchster Qualität. Die Nähe zum Pop ist bei einem Mann, dessen Lobhymnen auf die Beatles überschwängliche Oden an perfekte Musik sind, signifikant. 

Als Bartos und seine Mitstreiter Robert Baumanns und Mathias Black schließlich „The Robots“ spielen und sein Alter Ego Herr Karl aus der großen Zeit in den späten 70ern über den Schirm flackert, ist man umgeben von tanzenden Beinen. Jeder tanzt für sich, Platz ist schließlich genug. Danach folgt ein angenehmer Streifzug durch das neue Album mit dem treibenden „Atomium“, „Nachtfahrt“, mit seiner gefälligen Melodie, das in seinem gesamten Erscheinungsbild das Zeug zum Kraftwerk-Klassiker haben könnte, oder „Musica Ex Machina“, bei dem wie im Video verschiedenste Figuren des Hamburger Kosmos um die Schwesterlabel Bureau B und Tapete Records zu sehen sind, Dirk Darmstaedter, Gunther Buskies und Carsten Friedrichs zum Beispiel, die das Stück durch Kopfhörer hören. Viele dieser neuen Lieder bauen auf Soundskizzen aus den 15 Jahren mit Kraftwerk auf, sicherlich auch das ein Indikator für die Aussage der ZEIT, doch wirken sie erstaunlich frisch. „Without a Trace of Emotion“ ist keine Ausnahme und als nach „Life“ und „Rhythmus“ dann „Computer Love“, „Pocket Calculator“ und „Tour de France“ gespielt werden, fällt qualitativ kein signifikanter Unterschied auf, man kennt die Stücke nur besser. Futuristisch mutet das heutzutage freilich nicht mehr an. Und spätestens hiermit lässt sich der Einfluss beweisen: Der einst innovative Klang Kraftwerks ist im allgemeinen popmusikalischen Gehör als klangästhetischer Standard integriert. 


Wie grandios dieses Konzert ist, wird mit zunehmenden Verlauf immer deutlicher. Bartos spricht mit den Zuschauern, etwas wozu sich Hütter heutzutage wohl nicht herablassen würde, er bewegt sich und dankt den wenigen Besuchern ihre Treue mit purem Electro-Pop. Mit „Neonlights“ und einer der schönsten Melodien Bartos' verabschieden sich die drei Musiker. Dass es tatsächlich eine Zugabe geben wird, hätte wohl kaum einer gedacht. Dann kehrt man nach einigen Minuten mit „TV“ und seinen Nachrichtenschnipseln zurück. Große Verneigungen eines der größten Popmusiker dieses Landes beschließen einen wahrlich denkwürdigen Abend. Bartos hat sich nie auf den Glanztaten der 70er ausgeruht und blieb immer ein Getriebener auf der Suche nach großartigen Popsongs. An die Beatles würde er, das war ihm immer klar, damit niemals heranreichen. Anders als Hütter punktet Bartos, der auch vor einem gemeinsamen Projekt mit Johnny Marr und Bernard Sumner und einer Kollaboration mit Neil Tennant nicht zurückschreckte, folglich mit gelebten Understatement. Und das wiegt bei aller Liebe zur Selbstkanonisierung schwerer als der Versuch sich zu Lebzeiten museal zu verewigen. 


Setlist Karl Bartos, Stuttgart:

01: Numbers (Kraftwerk-Song)
02: Computerwelt (Kraftwerk-Song)
03: The Camera
04: Das Model (Kraftwerk-Song)
05: I'm the Message
06: Heimcomputer (Kraftwerk-Song)
07: Reality
08: Trans-Europe-Express (Kraftwerk-Song)
09: The Robots (Kraftwerk-Song)
10: Atomium
11: Nachtfahrt
12: Musica Ex Machina
13: Without a Trace of Emotion
14: Rhythmus
15: Life 
16: Computer Love (Kraftwerk-Song)
17: Taschenrechner (Kraftwerk-Song)
18: Tour de France (Kraftwerk-Song)
19: Interview
20: 15 Minutes of Fame
21: Ultraviolet
22: Neonlicht (Kraftwerk-Song)

23: TV (Elektric Music-Song) (Z)


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