Samstag, 8. Februar 2014

Mary Ocher, Berlin, 7.2.2014


Konzert: Mary Ocher
Ort: HO-Berlin
Datum: 7.2.2014
Dauer: 45 Minuten
Zuschauer: geschätzt 200




Sweet charity
Will you come on down
When I most need thee?


Je mehr ich an Konzerten gesehen habe, umso wichtiger wird für mich das Überraschende, das Unvorhersehbare. Berlin Anfang der 90er - als Friedrichshain noch eine Spielwiese für allerlei verrückte Ideen war - und es auf Pioniergeist ankam. Rustikaler Ostcharme vs. Paradiesvögel. Mittlerweile ist das "Verrückte" mehr und mehr den Cafes, Bars und Spätkaufs (für das Wegebier des gestressten Touristen) gewichen. Umso dankbarer bin ich, wenn  Künstler wie Mary Ocher diese besondere Energie wieder nach Berlin führen.


Auf Mary Ocher wurde ich das erste Mal dank Sybille Berg aufmerksam, die einen Tag im Haus der Berliner Festspiele gestaltete. Das damalige Konzert war schon interessant, aber leider auch recht kurz. Es dauerte nun eine Weile, bis ich wieder die Gelegenheit bekam Mary Ocher live zu erleben. Dieses Mal im Rahmen des Festivals des Palais Wittgenstein im HO-Berlin. HO-Berlin? Eine von außen abgerockte ehemalige Kaufhalle (auf westdeutsch: Supermarkt), die nun für unterschiedlichste Veranstaltungen genutzt wird.

Als ich ankomme, ist der riesengroße Raum noch ziemlich leer. Die bereitgestellten Bierbänke und Klappstühle fast unbenutzt. Das Angebot der Bar und auf der Bühne gleich. Es stehen vier Getränke auf der Karte und vier Künsterinnen auf dem Programm: Tonia Reeh, Justine Elektra, Ofrin und Mary Ocher, die nach Tonia Reeh gleich als zweiter Act auftreten darf.


The android sea
Knows not to beg for anything
like humans do
Don´t punish me for what i want


Mary Ocher betritt die Bühne in einem langen weißen Kleid. War das wohl mal ein Hochzeitskleid? Oder hat Dracula in eben diesem einer Jungfrau ihr Leben ausgesaugt? Ein Rätsel, dass ungelöst bleiben darf. Als ihre Musik beginnt, fühle ich mich auf der Bierbank sitzend irgendwie wunderlich. Das macht aber nichts, denn Mary Ocher hebt das wieder auf. Ihre Blicke durchstreifen den Raum und haben dabei etwas von überheblichem Erschrecken. Dann widmet sie sich wieder völlig ihrer Musik. Mittels einer lustigen und selbstgebastelten Konstruktion, lässt sie ihre Stimme verzerren. Das gelingt ihr ohne ins Lächerliche abzugleiten. Dabei sagt sie mit einem Augenzwinkern:  I´m not a comedian. I´m dying. Und das auch nur, weil ein kleiner Witz nicht sofort zünden will. Sie spielt einige meiner Lieblingslieder - darunter Sweet Charity an der Gitarre und das großartige The android sea (am eigens für die Show geliehenen Flügel). Und eben diesen Flügel würde sie zu gerne mit heim nehmen. In den 90ern habe ich noch Kohlen am Bahnhof geklaut - von mir aus klaue ich heute mit Mary Ocher gleich einen ganzen Flügel. Es wäre mit Sicherheit ein großartiger Spass. Stimmlich und musikalisch ist es eine Freude ihr zuzuhören. Ob sie nun zu (As free as) The great outdoors pathetisch wird oder bei Baby Indiana orienalisch: Sie schafft den Wechsel der Genres spielend leicht.


So richtig geheuer ist ihr dieser Abend wohl nicht. Das Publikum reagiert teils euphorisch Mary - I love your music! und teils paralysiert. Aber das wird sie schon kennen. Nach dem dramatischen On The Streets Of Hard Labor noch Synthi-Rythmen mit Thunderbird, Eden.

Wen CocoRosie mittlerweile schon langweilen, der ist bei Mary Ocher in allerbesten Händen. Aufregendere und spannendere Musik auf so hohem Niveau, bekommt man selbst in Berlin nur selten geboten. 
Bitte weiterhin verrückt bleiben!

http://www.maryocher.com/
https://www.facebook.com/MaryOcherMusic




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