Samstag, 15. Februar 2014

Bill Callahan, Paris, 12.02.14


Konzert: Bill Callahan
Ort: La Cigale
Datum: 12.02.14
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: gut 100 Minuten



Sehr unterschiedliche Meinungen zum Konzert von Bill Callahan hinterher. Die einen wollten ein durchgängig großartiges Konzert gesehen haben, andere bemängelten die ausufernde Länge der Stücke und das Fehlen von alten Klassikern (vor allem von Smog), die Qualität der Begleitband (einer redete gar von Dilettanten die auf unerträgliche Weise die begnadeten Jazmusiker raushängen ließen), wieder anderen lästerten, jedes Lied hätte eigentlich gleich geklungen und das Set sei monoton und repetitiv gewesen.

Und wer hat recht?

Hmm. So etwas gibt es in der Populärmusik nicht. Niemand hat das alleingültige Urteil. Natürlich wiegt die Meinung eines Oliver Peel zum Beispiel wesentlich schwerer als die eines dahergelaufenen Hipsters (hahaha!), aber ansonsten darf hier jeder nörgeln oder loben wie er will.


Außerdem: was heißt schon monoton? Bill Callahan war immer schon monton. Er ist der Meister der gepflegten Langeweile, jawohl. Ähnlich wie Lambchop. Deshalb ist er ja so genial. In der heutigen Welt werden ja die beknacktesten Bands und Acts dafür gelobt dynamisch und unterhaltsam zu sein. Dynamisch und energiegeladen, pahaha, das ist nicht lache! Ist das eine Qualität? Palma Violet sind das auch und trotzdem scheiße. Unterhaltsam? Wer braucht das? Geht doch besser zu Beyoncé oder Lady Gaga!

Nein, bei Bill geht es nicht um Hipness, Rumgehampel und Show, bei ihm zählen nur Stimme und Texte. Die musikalische Untermalung ist fast nebensächlich. Callahan ist in erster Linie Geschichtenerzähler und wer keine Lust hat zuzuhören, schlittert halt eben am Konzert vorbei. Ich hingegen war von Anfang an "voll drin". Schon als er The Sing, den genialen Opener des aktuellen Albums Dream River anstimmte und croonte: the only words I've said today are beer and thank you" glänzten meine Augen und stiegen Glücksgefühle in mir auf. Wie cool er da stand. Kerzengrade mit ernstem trockenem Blick. "Beer and thank you" wiederholte er. Seine
Hand flog über die Gitarrensaiten, die dreiköpfige Begleitband spielte ihren Part mit Feuereifer. Meine Welt war in Ordnung. Zwar hatte ich einen wirklich nervigen Pfeiler in meiner Blickrichtung zur Bühne, aber das war zu verschmerzen, die Sessel waren bequem. Die Veranstalter hatten entschlossen, die Cigale komplett zu bestuhlen. Eigentlich nicht so mein Fall, diese "gesetzten Konzerte", aber aufgrund meiner üblen Frühjahrsmüdigkeit (ich Optimist, es ist noch tiefster Winter!) fand ich es in diesem Falle gar nicht mal so schlecht. Ohnehin war ich froh, noch in letzter Sekunde eine Karte für dieses ausverkaufte Konzert bekommen zu haben. Bill Callahan ist in den letzten Jahren die Karriereleiter nach oben geklettert. Bei seinem Konzert im Européen 2008 waren wir vielleicht 400, hier sicherlich 1200, eine schöne Steigerung. Die Aktie Bill Callahan ist rentabel und ich würde sie auch jetzt nocht nicht abstoßen, ich denke da ist mittelfristig noch mehr drin. Kursziel: 2500 Leute.

Zu gut ist einfach das Songmaterial von Bill, zu stark und klug seine Texte, zu charismatisch dieser Musiker, obwohl er stets unterkühlt und sehr reserviert wirkt. Nur ins Ausnahmefällen sagt er mal ein zwei Sätze, ansonsten schweigt er und blickt sauertöpfisch drein. Eine Art James Dean der Folkmusikszene. Ein gut aussehender Mann mit seinen grauen Haaren und dem hübschen Gesicht und somit ganz anders als die ganzen anderen Folkbarden mit ihren langen Bärten und ihren hippiesken Klamotten. Callahan ist eben eine Klasse für sich, jemand mit vielen Alleinstellungsmerkmalen, der keinen besonderen Moden folgt, keinen Stil spielt, bei dem Schreiberlinge von Pitchfork eine feuchte Hose bekommen, keiner der um Aufmerksamkeit heischt. Jemand, der 10 glänzende, von Kritikern überschwänglich gelobte Alben unter dem Moniker Smog gemacht hat, ohne daß sich ein größeres Publikum dafür interessiert hätte. Wofür ein mittelmäßig talentierter Grünschnabel wie Jake Bugg ein Album brauchte, nämlich eine 1000 er Venue zu füllen, hat Callahan 14 Alben und ebenso viele Jahre gebraucht. Bei ihm ist der Erfolg gewachsen, man vermeide also das Wort Hype in seinem Zusammenhang.

Sicherlich, er wird heuzutage auch ein gewisses Eventpublikum anziehen, das sich immer blicken lässt, wenn irgend jemand angesagt ist. Die meisten Leute heute in der Cigale schienen aber dennoch Kenner zu sein. Man sah so einige Vertreter von hochrangigen Labeln, sei es Domino, City Slang oder EMI France, aber auch altgediente Bogger und Folkmusikfans. Das Fachpublikum war also in der Überzahl und honorierte die Brillanz von Callahan und seinen Mitmusikern.

Allerdings waren die Meinungen zu den Begleitmusikern wie oben geschildert gespalten. Der Gitarrist sei mies, oder auch: der Drummer taugte nichts, solche Kommentare hörte und las man hinterher. Ich persönlich konnte da keine handwerklichen Schwächen ausmachen, für mich klang das erlesen. Allerdings stimme ich zu, daß die Instrumentalparts teilweise zu lange ausgedehnt wurden und es zu viele freejazzige, improvisierte Passagen gab, vor allem gegen Ende. Da wurde es in der Tat etwas zäh (vor allem bei Please Send Me Someone To Love und dem scheinbar nie endend wollenden Seagull), fehlte die Zeit für Zugaben, in denen man gerne alte Perlen von Smog oder auch Stücke wie Eid Ma Clack Shaw oder den Diamond Dancer gehört hätte.

Dafür war allerdings der Beginn fulminant. Nach The Sing kamen hintereinander weg Javelin Unlanding und America und gleich danach Dress Sexy. Eine fulminante Phase. Javelin ist mit seiner famosen Gitarrenmelodie ohnein das markanteste Stück des aktuellen Albums und die Liverversion des zynisch bitteren America (von Apocalype) hatte mächtig Druck unterm Kessel und klang metallisch, noisy, und feeback geschwängert. "I watch David Letterman in Australia, oder what an army, what an air force... I never served my country, america america ... ain't enough to eat" diese Textzeilen sind bereist jetzt Kult. Der Gitarrensound hierzu war wirklich unfassbar. Überhaupt klang das ganze Set wesentlich lauter und rockiger als die ruhigen Alben (und es gab auch keine Flöten wie auf Dream River) und wäre der Drummer nicht fast durchgängig mit Schneebesen und Bongos zu Werke gegangen, wären manche Titel regelrecht explodiert.

Der Mittelteil mit Spring, Dover und einem furiosen Ride My Arrow waren ebenfalls spektakulär, bevor mit One Fine Moment erstmals ein sehr langatmiges (15 Minuten!), wenngleich schönes Stück kam. 



Mit der von Sometimes I Wish I Were An Eagle entlehnten Too Many Birds wurde es wieder erstsahnig. Eine herzzerschmetternde Ballade voller Poesie und Wehmut, die bei manchen Weinkrämpfe auslöste. "Too Many birds in one tree" if you could only stop your heart beat for one heartbeat" intonierte Bill mit seiner Baritonstimme und man schmolz dahin.


Tja und danach zerfaserte das Ganze etwas, wurden die Instrumentalpassgen zu lange ausgekostet, fast nicht endende wollende Soli angestimmt und beinahe freejazzig musiziert.


 

Interresanterweise wurde der sonst so statische Amerikaner gerade in dieser Endphase etwas beweglicher. Er wippte ab un an dazu leicht auf der Stelle, poste bei den langen Gitarrenparts ein wenig und kam auch näher an den Bühenrand. Seine Mimik wurde leicht expressiver und er redete sogar ein wenig. Daß es schön sei, an einem "rainy day in old Paris" zu spielen, in diesem herrlichen Theater La Cigale. Er habe sich immer gefragt was das heiße: Cigale? Das sei nicht mit Seagull (= Möwe) zu verwechseln, ja? Eine Cigale sei ein Insekt, das habe er inzwischen gelernt. Diese Geschichte schien in sehr zu belustigen, er integrierte sie in das letzte Lied Winter Road ein und sang: "La seagull eats La Cigale", oder auch "Steven Seagul eats La Cigale, La Cigale eats us all." Ein Beweis dafür, daß der Bursche durchaus Humor hat, selbst wenn er auch in dieser Phase nicht lächelte und sein Pokerface behielt.


Etwas nervig war allerdings die langatmige Vorstellung der  Begleitmusiker, die in bester (bzw. schlechtester ) Jazz/Blues-Musiker-Manier lange Soli dazu spielten.

Zeit die fehlte, denn es gab keine einzige Zugabe, obwohl die Zuschauer langanhaltenden Applaus spendierten. Über ein Stunde für lediglich 12 Lieder, abgesehen von Postrockkonzerten wo das üblich ist, eher eine ungewöhnliche Sache.

Mein fünftes Konzert von und mit Bill Callahan war unter dem Strich vielleicht nicht das Beste von ihm, aber trotzdem überdurchschnittlich gut. Bis zu Too Many Birds war es geradezu perfekt und hätte eine 10/10 verdient. So war es letztlich eine satte 8/10.


Auch sein Support, der Schotte Alaisdar Roberts, wusste zu gefallen zumindest mir. Die meisten anderen Leute lästerten über den schottischen Barden, seinen Akzent und seine mittelalterliche Weise zu singen. Nur mittelmäßig war in der Tat sein Maler. Maler? Ja richtig gelesen, Alasdair hatte einen Freund auf die Bühne eingeladen, der Zweige und Blätter auf eine Leinwand pinselte, ohne daß ich da besonderes Talent entdecken konnte. Wer brauchte das?

Setlist Bill Callahan

01: The Sing
02: Javelin Unlanding
03: America
04: Dress Sexy For My Funeral
05: Spring
06: Drover
07: Ride My Arow
08: One Fine Morning
09: Too Many Birds
10: Please send Me Someone To Love (Percy Mayfield)
11: Seagull
12: Winter Road

Konzerttermine Bill Callahan 

14.02.2014: Kulturkirche, Köln
15.02.2014: Heimathafen, Berlin
16.02.2014: Freiheiz, München


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