Dienstag, 4. Februar 2014

Oile Lachpansen, Stuttgart, 02.11.2013


Konzert: Oile Lachpasen
Ort: ein Wohnzimmer in Halbhöhenlage, Stuttgart
Datum: 02.11.2013
Dauer: vielleicht 90 Minuten
Zuschauer: um die 40

Bericht und Fotos von Fabian (gefuehlsbetont):


Wohnzimmerkonzerte sind für Musiker wohl das Schönste und gleichzeitig Schwierigste überhaupt. Einerseits macht die Intimität solche Konzerte besonders einzigartig, da im Wohnbereich der Zuhörer gespielt wird und die Band näher am Hörer ist. Da berührt einen die Musik beinahe wörtlich. Andererseits ist es eine neue Erfahrung, anders als in einem öffentlichen Club, auf die Leute einzugehen und ihr Zuhause samt Freunden, Nachbarn und Familienmitgliedern mit einem Konzert zu bereichern. Da kommt es tatsächlich darauf an, wie gut der Musiker auf ein eingeschworenes Kollektiv wirkt, es überzeugt und sich in das traute Heim einfügt. Wer das schafft, hat gewonnen, es wäre die Krönung. Einer, der dies ohne Zweifel beherrscht, ist der Dresdner Akustikpunk-Singer-Songwriter Oile Lachpansen. Anfang November 2013 trug ihn ein gefülltes Stuttgarter Wohnzimmer mit einem Ausflug nach Lachpansia beinahe auf Händen. Und das wundert im Prinzip überhaupt nicht. Dieser Samstagabend in Stuttgart ist der Abschluss einer zweiwöchigen Tour, die den 34-jährigen von Ü50-Konzerten bis zu Homecomingshows führte. Mit Bart, Koffer und Gitarre fuhr er allein mit dem Zug durch’s Land, seine Tour hat er selbst gebucht. Musiker, Mercher, Produzent, Fahrer und Manager in einem – und dabei keinen Schweiß auf der Stirn, sondern ein gelöstet Lächeln im Gesicht, als er seine Koffer ins Zimmer hieft und die heutige ‘Bühne’ neben dem Kamin begutachtet. 

Er ist ein Profi im ‘Business’ des DIY-Punks, in dem es kein Business gibt, aber Strukturen und ein Netzwerk, das er aus langjähriger Szene-Beteiligung mit Selfmadelabel Katze Platten oder als Songwriter und Gitarrist unzähliger Bands wie den Deutschpunkkombos Sichelzecken und MOFA gut kennt. Mit letzteren war der eigentliche Kölner schon in den MTV-Videocharts, als er mit seinen drei Freunden und Mitmusikern in Tennisanzügen ihren Hit Tiger performten. Bis vor kurzem wurde es dann lange still um MOFA und Oile, der neben den Bands immer eigene Songs schrieb und Konzerte spielte. Nun ist er wieder in voller Fahrt mit zwei (!) neuen Alben im Gepäck. Der heutige Gig kommt ihm in vielen Dingen gelegen: Ein Wohnzimmerkonzert als Tourabschluss klingt gemütlich, so anstregend eine Tour auch ist. Doch Oile beklagt sich nicht, lernt seine Gäste kennen, stößt auf einen guten Abend an. 
Er sieht die guten Dinge zuerst, auch heute wird er sein Bestes geben. In einem familiären Umfeld zu spielen ist sein Vorteil, da genau diese Werte auch für ihn wichtig sind. Knapp 40 junge und ältere Leute sind gekommen, sitzen auf dem Boden, stehen in der Küche, trinken Bier dabei. “Noch 5 Minuten!”, hört man’s durch den Raum schallen, die liebevollen Ausrichter und Gastgeber haben wie immer alles im Griff. Oile nimmt einen letzten Zug an der Zigarette, schnappt sich einen Stuhl und spielt den passendsten Song um ein Konzert zu beginnen: Lachpansia. “Guten Abend, da bin ich mal wieder, wie geht’s, seid ihr auch so gespannt? Was heut abend aus uns noch so wird, wie wir klarkommen und wie wir uns verstehen, ob am Ende noch irgendwer stehen kann.” Es ist nicht nur sein Konzertintro, sondern auch das Introlied seiner vorletzten und gleichnamigen Selfmadeplatte Lachpansia, die im Februar als Download über Bandcamp erschien. Sofort hat der Abend ein Rahmen, die Gespräche verstummen, es ist ein gelungener Kniff, so einen Eröffnungssong. Das ist vielleicht nicht nur ein Konzert, das ist vielleicht schon eine Show. Mit dem Intro begrüßt er die Gäste in seiner Welt Lachpansia, die nicht als verschlossener Kokon zu verstehen ist, vielmehr beschreibt sie den Zustand während eines Oile Lachpansen-Konzerts. Höflicher Applaus folgt zugleich, Oile schrammelt umgehend Feld. Das ist es, was mit Akustikpunk gemeint ist, denn diese Powerchords könnte er auch locker bei MOFA zocken, deren Songs heute auch eine Bühne bekommen. 
Er ist der erste ‘Punk’ im Stuttgarter Wohnzimmer. Wer jetzt klischeehaft an Anarcho, Iro und Krach denkt liegt falsch, Oile schrammelt und wird manchmal mit der Stimme lauter. Die Toten Hosen haben Wohnzimmer professionell zerlegt. Oile bringt die Menschen zusammen, es sind offene Musikfreunde, die mit Eifer und Leidenschaft sich heute versammeln, Leute wie Oile, die hier schon Indie, Deutschpop oder Jazzkünstler sahen. 
Doch bevor er die spielt, löst Oile eine Frage, die einigen Zuschauern auf der Zunge brannte. “Ich heiße Sebastian.”, erklärt er, Oile Lachpansen sei aus diffusen Gründen entstanden und blieb dann einfach, den Punk im Oi! behalten und einen Eulenkopf trägt er auf den Tourplakaten. Mittlerweile spielt er immer mehr mit dem Begriff und die Skeptiker, die sich erstmal weniger unter einem ‘Oile’ vorstellen konnten, steckt er zugleich mit den nächsten Nummern in seine Tasche. 
Nach ‘Familienzukunftssong’ With Kid, Wir haben eins gemeinsam (für Leute, die etwas haben, was andere nicht haben, z.B. Wohnzimmerkonzerte) und Minirock, der bockstarken Hymne darüber, dass man Liebe nicht mit Lippenstift, Selfies in der Vogelperspektive und Netzstrümpfe kaufen kann, tragen sie nun das Lachen wie Oile selbst im Gesicht. Eine gewisse Unsicherheit kann bei Künstlern, die Wohnzimmerkonzerte spielen durchaus bestehen. In dieser Intimität wird man angreifbarer, doch Oile braucht nicht mal eine Rüstung. Das liegt nicht nur an seiner Art, die Menschen gut zu verstehen, sondern auch, ihnen im Konzertmoment die Hand zu reichen. Denn wer kennt diese Situationen wie in Kommunikationsproblem nicht? Oile steht, abgedroschen gesagt, mitten im Leben und hat als Musikfan mit Label und hunderten Konzerten genug erlebt, um sein erfahrungsreiches Leben in bildhafte Worte zu packen, die zu authentischen Songs werden, zu denen man anerkennend nickt und bestätigend grinst. Deren Witz und Nonchalance hält das ganze Set über an. Oft sind sie lustig, aber wenn, dann nie von der Ernsthaftigkeit entfernt, was der ‘Protestsong’ Opa und die Lieder kurz vor der Pause zeigen. Es ist wohl Oile’s sozialkritischstes Lied, das in direkter Sprache die Missstände der Welt aufzeigt. Auch hier kein Widerspruch, man ist sich einig, Zeit um darüber zu reden haben alle in der obligatorischen Wohnzimmerkonzert-Pause. 


Die gute Stimmung bleibt bestehen, alle sind mit neuen Bier in der Hand beim ‘Fliegersong’ Auf 3, einer sehr alten Nummer, die später von MOFA in laut gespielt wurde, wieder voll dabei. Gerade Auf 3 beschreibt eine dieser typischen Stimmungen in den Songs von Oile Lachpansen. Diesmal ist es Leichtigkeit, das neben nachdenklichen, traurigen und lustigen Darbietungen das Liedgut grob beschreibt. Denn so sehr sein Künstlername manchmal durchschimmern lassen könnte, dass es hier nur um Witzeleien geht, hat Oile Lachpansen einige tiefgehende, ruhige Nummern dabei, die im Wohnzimmer nochmals mehr wirken. So zum Beispiel Red Lodge und vor allem Irgendwo, das er für seine Eltern schrieb. Inspiriert wurde er durch die Fernsehsendung Die strengsten Eltern der Welt. Lachen füllt den Raum, Sendungen wie diese kennt und erträgt man im Privatfernsehrprogramm zu oft. Im nächsten Moment tritt der starre Blick und glasige Augen ein, als Oile in rührender Weise seine Eltern ehrt. Zum Tränenabwischen gibt es den Mofa-Klassiker Aufgebaut und nachdem Oile für einen Gefühlscrashkurs in zwei Stunden sorgte, krönt er das Konzert mit einem Mitsing-Lied. Dafür eignen sich gerade Wohnzimmerkonzerte super, denn dort wirken solche Aktionen niemals aufdringlich. So gleicht die Bitte bei Es geht mir gut miteinzusteigen und zum Song nicht nur Spaß und Melodik zu addieren keiner Aufforderung, denn die Herzen sind schon längst erobert. Oile wird von den begeisterten Gästen aufgefangen. Konzerte, bei denen alles stimmt, sind nicht nur eine Sache von perfektem Musizieren. Es ist die allumfassende Atmosphäre, wenn Publikum und Musiker eins sind. Selbst den etwas unangenehmen Part, als der Hut zur Bezahlung rumgeht, löst Lachpansen äußerst galant. Kurz bevor der Gastgeber seinen vorbereiteten Hut durch die Runde gibt, grätscht Lachpansen sanft ein und zieht seinen, eine blaue Minnesota Timberwolves-Cap, und leitet zu seinem Klassiker Zahltag über. Es könnte kaum passender sein, auch für diese Situation hat er einen Song. Im Volksmund heißt es, bei Geld hört die Freundschaft auf. Gerade im Schwabenland, das den Ruf des gemeinen Sparers hat, schafft es Oile Lachpansen diesen Schritt binnen Sekunden im Konzertverlauf glanzvoll zu meistern. “Auch Oile will mal seine Kinder ernähren”, singt er, während die Kasse klingelt. Ein früher Kinderwunsch, der Song ist von 2006, heute knüpft With Kid konkret an das Thema an. Kein Wunder, dass das gesamte Wohnzimmer nun lautstark eine Zugabe fordert, die Oile mit Magnet, einem äußert speziellen Song, auch gibt. Es ist der wohl älteste an diesem Tag, er stammt von den Sichelzecken, man hört einen Rundumschlag seiner Karriere. 
“Ich weiß gar nicht, was ich noch spielen kann” lacht er und spielt mit Durchgeknallt zu Zweit einen allerletzten, den er von seinen eigenen Tracklisten aussucht. Es tritt dieselbe lebhafte Stimmung ein, die schon den ganzen Abend anhält, nur Lachpansia ist bis zum nächsten Konzert erstmal ein Reich der Stille, nur auf den CDs ist es erhalten, die er mitsamt Layout alle selbst gebastelt hat und nun am Merchtisch verkauft. Gelernt haben heute 40 mehr als zufriedene Konzertbesucher, dass Lachpansia bei weitem kein künstlich aufgeladener Emotionsbegriff ist, sondern Leidenschaft. Vom Manager zum Fahrer, dann Musiker und nun Mercher – nun ist der Allrounder Oile geschafft, nippt am Bier, der Schweiß perlt auf der Stirn. Doch der zeigt diesmal ausschließlich, wie gut die Show war. Er ist einer von den Guten, würde er bei MOFA wohl abgewandelt singen.


Setlist Oile Lachpansen, Stuttgart:

01: Lachpansia
02: Feld
03: Kommunikationsproblem
04: With Kid
05: Wir haben eins gemeinsam
06: Minirock
07: Opa und die Lieder 
08: Das sind so Sachen
- Pause -
09: Auf 3
10: Mangel an Softskills
11: Red Lodge
12: Aufgebaut (MOFA-Song)
13: Zahltag
14: Irgendwo

15: Magnet (Sichelzecken-Song) (Z)
16: Es geht mir gut (Z)

17: Durchgeknallt zu Zweit (Z)

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