Samstag, 15. Februar 2014

Erdmöbel, Stuttgart, 13.02.2014


Konzert: Erdmöbel
Ort: Schauspiel des Staatstheaters, Stuttgart
Datum: 13.02.2014
Dauer: 114 Minuten
Zuschauer: bedauerlich wenige; vllt. 200



Ja, dieser eklige Februarregen, irgendwie möchte man ihn für die vielen leeren Reihen im Schauspiel des Stuttgarter Staatstheaters verantwortlich machen. Da spielt die Kölner Indie-Pop-Institution Erdmöbel nach Jahren wieder in der Schwabenmetropole und kaum einer geht hin. Ein trauriges Bild, das Mastermind, Sänger und Gitarrist Markus Berges, Bassist Ekki Maas und Co allerdings nicht weiter zu stören scheint. Man vermisst zwar Die Röhre, jenen legendären Club in einem Tunnel, der Stuttgart 21 weichen musste, spielt aber ein derart mitreißendes Set, dass man glaubt, in einem vollen Saal zu sitzen. Es wird gesungen, rhythmisch geklatscht, und ja, hier und da auch getanzt. All das Ausdruck der Wertschätzung, die der Band entgegenschlägt. Knapp zwei Stunden lausche ich aus bequemen Theatersitzen wunderbar 60s infiziertem Pop mit Bläserunterstützung und kryptischen Versen voller Sätze und subtiler Weisheiten, die man am liebsten auf Postkarten oder Tassen drucken möchte. 


Nachdem mir die Musik Erdmöbels auf dem Sampler zum 15. Geburtstag des deutschen Rolling Stones im Herbst 2009 erstmals begegnete und die ich mit der Veröffentlichung von „Krokus“ wenig später zu lieben begann, verstrichen einige Jahre bis zu meiner ersten Live-Begegnung. Wie gut, diese ausfallen würde, konnte ich im Vorfeld freilich nicht ahnen, und so bin ich verblüfft, wie kurzweilig das fast zweistündige Set ist. 

In annähernd 20 Jahren Bandbestehens beschenkte Erdmöbel Pop-Deutschland reich mit erfüllenden Alben, die von der überschäumenden Kreativität Markus Berges' nur so strotzen und von Ekki Maas' feinem Händchen für die passende Produktion veredelt wurden. Mittlerweile auf einem eigenen Label veröffentlichend, begeisterte vergangenen Herbst „Kung Fu Fighting“ als harmonisch stimmiges, stilsicheres Album. Passend zum pinkem Kirschblüten-Cover erscheint die Gruppe auf der dazugehörigen Tour geschlossen in rosa gekleidet. Das reicht von Ekki Maas' Sakko bis zum Pullunder des Posaunisten Henning Beckmann, ist konsequent und passt zur gerne ins Groteske abdriftenden Lyrik von Markus Berges. Im Hintergrund prangt in heller Beleuchtung das flamingofarbene Blütenmeer. Auf der Setlist stehen neben Klassikern und Fanfavoriten viele Stücke der aktuellen Platte und schon die Eröffnung mit „Peng“ strahlt in den sattesten Farben. Berges, Maas, Wolfgang Proppe (Keyboards), Schlagzeuger Christian Wübben und die ergänzende Bläsersektion um Beckmann und Christa Becker an der Querflöte schöpfen aus einem großen Soundregister und nutzen die akustischen Vorteile eines Theaters für einen Abend im Zeichen des Wohlklangs. „Ausstellung über das Glück“ und „77ste Liebe“, es sind Lieder, die man im Kopf mitsingt, die glücklich machen.
Harmonisch, unheimlich melodiös ist das alles und mit einer intensiven Spielfreude serviert. Dazu singt Markus Berges mit seiner sonoren Stimme seine fantastischen Texte und nimmt den ganzen Saal ein. Ob dort 600 oder nur 150 Zuschauer sitzen, ist völlig egal. Alles umgreifend, nimmt einen die Präsenz des Sängers ein. „Wer will geschenkt ein Herz aus Herzmaterial? / Ich! meins flackert so fatal / Wie Neon vorm kaputtgehen / Deshalb, Süße, und trotzdem heirate mich.“ Die Liebeslieder kommen ohne Kitsch aus, nichts ist hier plakativ. Das subtile Spiel mit Worten und Bildern ist das Geheimnis der Lyrik. Ohne je ins Dadaistische zu verfallen, umschifft Berges gängige Konzepte. Die Rechtfertigung aller Lobeshymnen der Musikpresse schwingt in jeder Zeile mit. 


 Die augenzwinkernde Hommage an die Ruhrpott-Satirepunks von Eisenpimmel aus Duisburg in „Bewegliche Ferien“ kommt in einem chicen Theater ausgezeichnet zur Geltung. Als der Sänger mit der bekannten, großen Brille vor dem Titeltrack des aktuellen Albums, „Kung Fu Fighting“, den Zuschauern „Knutschzwang“ auferlegt, tauen diese langsam auf. „Stuttgart ist nicht nur die Stadt der Wut, sondern auch die Stadt der Zärtlichkeit“, scherzt Berges am Vorabend des Valentinstags und erntet Applaus. Ohnehin sind seine und die Ansagen seines Bassisten stets sympathisch, häufig von angenehmer Komik.
„Wir dachten immer, es würde sich bei ihr um eine Erfindung handeln“, berichtet Ekki Maas, bevor „Vivian Maier“, die Songhommage an die gleichnamige Hobby-Fotografin, gespielt wird. „Jetzt lief ein Dokumentarfilm über sie auf der Berlinale an, sie war echt.“ Der anschließende Anti-Oktoberfest-Song „Wurzelseliger“ in der vermutlich einzigen deutschen Stadt ohne Oktoberfest ist mit seinen grandiosen, satirischen Versen ein Höhepunkt. „Immer, wenn wir so weit in den Süden fahren, denken wir, es wäre Bayern. Aber das ist ein Irrtum. Ihr habt kein Oktoberfest hier? Ihr habt den Cannstatter Wasen. Stimmt.“ 


Die Bläser tun ihr übriges für den voluminösen Sound, der jedes Lied zur fantastisch klingenden Ode verzaubert, selbst, wenn es sich um bittere Abrechnungen handelt. Akademiker lieben, so das gängige Klischee, den Scharfsinn in Erdmöbel-Stücken. Und das zurecht. Fraglos ist „Gefäße“ einer der besten Songs des aktuellen Albums und auch live kann er seine treibende Qualität entfalten. Ekki Maas, derzeit mit beeindruckendem Vollbart und Hut, konterkariert mit melodiösen, vordergründigen Spiel das gängige Vorurteil des einfältigen Bassisten und wechselt immer wieder zwischen vier Instrumenten – vom Höfner Violinbass hin zur Gibson.
Zu „Im Club der senkrecht Begraben“ werden die Zuschauer zum kollektiven Mitsingen der Refrain-Zeile aufgefordert und spätestens jetzt verzeichnet die Aufforderung zum Tanzen im bestuhlten Saal erste Erfolge. Bandklassiker wie „In den Schuhen von Audrey Hepburn“ und „Das Leben ist schön“ beschließen das reguläre Set. „Blinker“ mit stroboskopartigen Blitzen ist großartig. „Schadensersatzschreiben, dann bitte per Mail“, entschuldigt sich Berges bei potentiellen Epilepsie-Patienten. 


„Vergnügungslokal mit Weinzwang“ und vor allem mein liebster Erdmöbel-Song „Dreierbahn“ sind großartige, würdige Zugaben bevor „Nah bei dir“ zur garantiert kitschfreien Mitsinghymne erhoben wird. Erneut kehrt die Band – diesmal ohne Bläserverstärkung – für eine letzte Zugabe zurück. „Anfangs Schwester heißt Ende“ ist der angemessene Schlusspunkt. Ein schönes Lied. Vertraut, verspielt, verspielt, vertraut und nicht zu laut. Wirklich. Erdmöbel ist am Ende so viel mehr als Indie-Pop für Studienräte. Es ist die deutsche Band auf die man sich im Zweifelsfall einigen kann. Draußen hat es aufgehört zu regnen. Das Leben ist schön und wird schöner mit jedem neuen Song des großartigen Markus Berges, mit jedem Konzert seiner Gruppe.



Setlist Erdmöbel, Stuttgart:

01: Peng
02: Ausstellung über das Glück
03: 77ste Liebe
04: Cardiff
05: Bewegliche Ferien
06: Jetzt
07: Kung Fu Fighting
08: Vivian Maier
09: Wurzelseliger
10: Dawai, Dawai
11: Wort ist das falsche Wort
12: Gefäße
13: Jede Nacht
14: Im Club der senkrecht Begrabenen
15: In den Schuhen von Audrey Hepburn
16: Erster Erster
17: Blinker
18: Das Leben ist schön

19: Vergnügungslokal mit Weinzwang (Z)
20: Dreierbahn (Z)
21: Nah bei dir (Z)

22: Anfangs Schwester heißt Ende (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- 13.12.2013, Erdmöbel, Köln 
- 30.10.2013, Erdmöbel, Frankfurt am Main
- 08.09.2012, Erdmöbel, Köln
- 03.12.2011, Erdmöbel, Frankfurt am Main
- 30.10.2011, Erdmöbel, Hachenbuch
- 10.10.2010, Erdmöbel, Frankfurt am Main


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