Sonntag, 22. Mai 2011

13 & God, Paris, 21.05.11


Konzert: 13 & God (Saroos)

Ort: La Maroquinerie, Paris

Datum: 21.05.2011
Zuschauer: gut gefüllte Ränge, etwa 400

Konzertdauer: Saroos eta 35 Minuten, 13 & God, gut 100 Minuten


Hip Hop mag ich in etwa so gerne wie Fußpilz oder Hämorriden. Also gar nicht. I hate that shit, you know?!


Keine guten Vorraussetzungen für einen gelungenen Konzertabend, wenn der Hauptact auf dem Programmzettel der Maroquinerie unter dem Label "Hip Hop" vermarktet wird...

Dennoch bereiteten 13 & God mir und etwa 400 anderen Zuschauern vorzügliche 100 Minuten, gespickt mit knackigen, tanzbaren Songs, die zum Glück nicht nur Rap, sondern auch jede Menge melancholischen Indierock und experimentellen Elektropop intus hatten. Held des Abends war für mich Markus Acher, der stoische, immer so verträumt wirkende Sänger mit Brille, den die Musikwelt als Frontmann von The Notwist kennt. Mit seiner himmlisch weichen und sehnsuchstvollen Stimme und seinem dezenten Gitarrespiel verzauberte er mich von der ersten bis zur letzten Minute. Immer wenn er intonierte, war die Welt in Ordnung, Alltagssorgen weit und das Herz geöffnet wie eine Schleuse. Wenn aber der Raper Doseone (Adam Drucker) zum Zuge kam, wurde es ziemlich nervig. Hü und Hott, Hip und Hop, da stand ich noch nie drauf und das wird sich in diesem Leben wohl auch nicht mehr ändern. Klar, bei 13 & God war das Ganze natürlich wesentlich besser als bei Jay-Z oder 50 Cent , dafür sorgte allein die innovative und abwechslunsgreiche Instrumentierung, aber fürchterlich war der abgehakte Sprechgesang trotzdem. Hätte ich eine Fernbedienung gehabt, ich hätte die Passagen mit Doseone nach vorne gespult und erst angehalten, wenn Markus Acher wieder am Mikro war.



Wobei natürlich auch ich nörgelnder Miesepeter anerkennen muss, daß Doseone ein Performer vor dem Herrn ist, was man von den Acher Brüdern ja nur bedingt sagen kann. Er hatte einen enormen Aktionsradius, baute sich oft direkt vor den Zuschauern auf und schwitzte bereits nach wenigen Miuten wie ein deutscher Tourist in der Wüste. Und ziemlich witzig war er auch. Gleich am Anfang erzählte er etwas über das Ende der Welt (sollte das wirklich heute sein?) und Jesus (logisch, bei dem Bandnamen!), der angeblich die Schwarzen und die Armen hassen würde. Irgendwie seltsam, wenn man weiß, daß in der Bibel immer die Reichen besonders schlecht weg kommen. Heißt es nicht im Neuen Testament: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt"? Anyway, amüsant war die Einleitung trotzdem...

Um den innovativen, mal agressiven, mal sanftmütigen, oft bedrohlichen und stets sehr lauten Sound (Ohrenstöpsel waren Pflicht!) von 13 & God hinzubekommen, bedurfte es fünf Musiker. Markus Acher an der Gitarre und am Schlagzeug (und zwar dann, wenn Doseone rapte), Micha Acher an Bass und Keyboard, Jordan Dalrymple an den Drums und Jeffrey "Jel" Logan ebenfalls am Keyboard.

Das Quintett wußte von Anfang an zu überzeugen. Sie spielten mit Schärfe und Power auf, rüttelten noch den müdesten unter den Zuschauern wach und verblüfften durch viele Brüche und überraschende Wendungen. In vielen Stücken gab es mittendrin ein Wechsel am Mikrofon, Archer begann melancholisch und traurig und Doseone setzte zornig und aggressiv nach. Das Publikum johlte und war aufmerksam und tatkräftig bei der Sache. Viele tanzten zu den zackigen Beats und nach den Songs brandete regelmäßig heftiger Jubel auf. Die Band goutierte diese famose Unterstützung sichtlich und gab zur Belohnung ihr Bestes. Selbst Markus Archer, den ich eher als zurückhaltenden und etwas steifen Musiker in Erinnernung hatte, sprang in einen fetzigen Passagen mit seiner Gitarre in die Luft, stand aber in punkto körperlicher Einsatzfreude doch deutlich im Schatten von Adam Drucker.

Letztgenannter war am Ende so pitschnass, daß er zum zweiten und letzten Zugabenblock mit nacktem Oberkörper zurückkam und den Blick auf seinen gut durchtrainierten Body freigab. Ein paar Weiber im Publikum bekamen Stielaugen und glotzten unverhohlen auf die fein definierten Muskeln des Amis.

Eines Striptease hätte es zur Steigerung der Stimmung aber eigentlich gar nicht bedurft, denn der Saal kochte auch schon vorher. Alles Bestes also und zu meinem persönlichen Glück fehlte schließlich nur eine Setlist, an Hand derer ich hätte nachvollziehen können, welche Stücke mir am meisten zusagten. 13 & God scheinen Liedtitel im Kopf zu haben, eine Gedächntisstütze durch einen getiptten Zettel brauchten sie wohl nicht. Nun gut, bei zwei Alben (von denen sie hinterher so einige verkauften, vor allem auf Vinyl) ist das Repertoire ja auch noch überschaubar.

Ein starkes Konzert! "Thank you fucking Paris!", so drückte es Doseone am Ende aus.

Ach, eine Vorgruppe gab es auch und zwar Saroos aus Berlin und München. Ein sympathisches Trio, bestehend aus den vielbeschäftigten Florian Zimmer (Iso 68, Jersey), Christoph Brandner (Lali Puna, Console) und Max Punktezahl (The Notwist, Contriva), die einen düster-minimalistischen Elektrosound kredenzten. Eine sperrige, nicht leicht zu konsumierende Geschichte, aber spannend und innovativ allemal. Ich bräuchte mehr Zeit, um mich da einzuarbeiten, aber den Parisern hat das Konzert auf jeden Fall schon einmal gut gefallen und es wurde verdienter Beifall gespendet. Auch für die Versuche, in französischer Sprache zu kommunizieren im Übrigen. Franzosen lieben es, wenn Ausländer sich die Mühe geben, ein paar Brocken in der Sprache Molières zum Besten zu geben.


Ähnliches aus unserem Archiv:

The Notwist, Köln, 14.04.09
The Notwist, Hamburg, 23.08.08
The Notwist, Melt!, 19.07.08
Jersey, Köln, 22.01.09
Lali Puna, Frankfurt, 22.05.10
Masha Qrella, Paris, 07.11.09

Ausgewählte Konzerttermine von 13 God (ohne Gewähr):

22.05.2011: Das Bett, Frankfurt am Main (mit Saroos)
23.05.2011: Lido, Berlin (mit Saroos)
24.05.2011. Ampere, München
14.07.2011: Dour Festival, Belgien
17.07.2011: Uebel & Gefährlich, Hamburg
23.07.2011: Puch Open Air, Puch




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