Dienstag, 24. Mai 2011

Maifeld Derby, Mannheim, 21. & 22.05.11


Neulich beim Festival der kurzen Wege
von Ursula von neulich als ich dachte

Nach zwei Jahren Planung findet gerade zum ersten Mal das Maifeld Derby Festival im Reitstadion auf dem Maifeld-Gelände in Mannheim statt. Mehr als 20 Bands spielen auf drei Bühnen, dazu gibt es ein von Philipp Käßbohrer kuratiertes Kurzfilmprogramm und Autoren-Lesungen (Lena Gorelik, Sabine Scholl u.a.).

Obwohl ich nicht allzu viele der auftretenden Bands kannte, war allein die Aussicht, Diego, Get Well Soon und Slut zu sehen, bereits den „Frühbuchertarif“ (hier „Early Horse“ genannt) von 25 Euro mehr als wert. Und von Frankfurt aus kann man auch nach Mannheim pendeln, ohne auf den Zeltplatz angewiesen zu sein.

Im Vorfeld zeigte sich dann an der einen oder anderen Stelle, dass hier ambitionierte, aber möglicherweise nicht unbedingt routinierte Festivalplaner am Werk waren: Immer wieder wurde ohne Folgen ein Zeitplan der spielenden Bands angekündigt, und auch die Campingsituation blieb so lange ungeklärt (und funktionierte letztendlich nur bei Voranmeldung der Interessenten), dass bei mir ein paar Zweifel daran aufkamen, ob der sonstige Ablauf einigermaßen klappen würde.

Gestern, am ersten Tag des Festivals, wurden allerdings die meisten Sorgen ausgeräumt. Sicher, das Parken kostet 5 EUR extra, und das Gelände ist sogar im Vergleich mit dem ebenfalls kleinen Haldern-Festival geradezu mikroskopisch, aber Letzteres hat eigentlich nur Vorteile: Vom Parkplatz zur Bändchenausgabe läuft man drei Minuten und wartet dort weitere zwei, die Security besteht aus zwei Personen und ist freundlich (und verabschiedete uns später höflich in die Nacht), und dann wäre da noch der Ablaufplan: Die Bands treten auf einer Hauptbühne im Zelt auf, direkt davor befindet sich die zweite, „Open Air“-Bühne. Die Künstler spielen auf beiden Bühnen abwechselnd, und das direkt hintereinander. Man läuft also nach Beendigung eines Konzerts draußen einfach ohne Schlange stehen nach drinnen, und dort beginnt innerhalb von fünf Minuten der nächste Auftritt. Gegenüber der mit der Zeit doch etwas zermürbenden Warterei bei größeren Festivals ist das einfach genial.

Andere Dinge sind dann nicht ganz so super, so ist das Gelände sehr sandig und ohne Wiesen. Es ist von den angekündigten LED-Luftballons im Zirkuszelt nichts zu sehen, stattdessen gibt es später dann leuchtende Farbwürfel auf einer Pferdekoppel. Das ebenfalls angekündigte „Cateringdorf mit Leckereien aus der Region“ entpuppte sich als EIN Essensstand, der von einer Landmetzgerei namens Kumpf (Get Well Soons Bassist heißt übrigens Timo Kumpf) geführt wird. Für Nicht-Fleischfreunde gibt es immerhin Käsebrötchen, Pommes Frites und eine Gemüsepfanne, was für zwei Tage mehr als ausreichend sein sollte. Dennoch wäre ein zweiter Stand sicher kein Luxus. Und die bis vor Kurzem auf dem Gelände vorhandenen Pferde kann man zwar nicht mehr sehen, aber sehr gut riechen.

Und was ist nun mit dem Musikprogramm? Nachdem wir gleich schon wieder los nach Mannheim müssen, folgt der Bericht von Tag 1 morgen.

Neulich beim Festival der kurzen Wege (Teil 2)

Kommen wir heute endlich zur Musik beim Maifeld-Derby, und zwar zunächst zu der von Tag 1.

Für uns war die Karlsruher Band Diego einer der Gründe, zum Maifeld Derby zu fahren, sie erreichte leider aber im Lineup nur einen Platz unter „ferner liefen“ und eröffnete die Zeltbühne am Freitag um 18:20 Uhr. Der nur 30 Minuten lange Auftritt fand vor kleinem, aber engagierten Publikum statt (das immerhin auf den parallel stattfindenden Extra-Überraschungsauftritt des Tages-Headliners Katzenjammer verzichtete).

Im Vergleich zum Nachtleben-Auftritt vor einigen Monaten wurde hier ein reduziertes „Best of“-Set inklusive unserer Lieblingstitel „September March“, „Lucy“ und „Grizzly Bear“ gespielt. Diego ist eine tolle Band mit schönen Songs, der man viele, viele Fans wünscht. Die ähnlich klingenden Editors und Interpol haben die ja auch in Massen.

Wegen des straffen Zeitplans musste das Publikum am Ende zwischen zwei möglichen Schluss-Songs wählen: Zur Auswahl wurden entweder ein schnelles, rockiges Lied mit orientalischem Zwischenspiel („Metz“) oder ein etwas Langsam-Pathetisches gestellt. Hätten wir gewusst, das Letzteres sich auf der Setliste als „She is“ entpuppen würde, hätten wir anders votiert.

Setlist Diego, Maifeld Derby, Mannheim:

01: The Distance Between Us
02: Echoes
03: Lucy
04: Connected
05: September March
06: Grizzly Bear
07: Galama
08: Metz
09: She Is (wurde weggelassen)

Kurz sahen wir nach dem Verlassen des Zeltes den Auftritt von Slaraffenland, die uns aber trotz Kritikervergleichen mit Efterklang nicht in ihren Bann ziehen konnten, dafür fielen uns angesichts des Bandnamens lustige Bonmots zum doch sehr überschaubaren Fresstand-Angebot (siehe gestriger Beitrag) ein.

Zurück im nun deutlich volleren Zelt spielte nun mit Ra Ra Riot eine Band aus New York, die laut Programmheft in den USA bereits überaus erfolgreich ist. Die Jungs sahen alle wie nerdige, hippe Studenten aus, die beiden weibliche Bandmitglieder warteten mit Glitzergeige und einem Bass-Skellett auf. Geboten wurde ansonsten Indiepop, der angenehm klang, aber auch nicht sonderlich gut im Gedächtnis haften blieb. Den muss man vielleicht noch einmal auf Platte nachhören.

Setlist Ra Ra Riot, Maifeld Derby, Mannheim:

Link01: Too Too Too Fast
02: Shadowcasting
03: Oh, LA
04: Do You Remember
05: Run My Mouth
06: You And I Know
07: St. Peter’s Day Festival
08: Can You Tell
09: Boy
10: Too Dramatic
11: Dying Is Fine


Unsere erste Band auf der „Open Air Bühne“ vor dem Zelt waren Flashguns. Angesichts der Festivalgröße fühlte man sich hier eher wie bei einem Stadtfest, was eigentlich ganz schön war: Man fand ohne große Probleme einen guten Stehplatz. Das Gewitter des Freitagabends war dankenswerterweise gerade vorbei, allerdings war dabei wohl irgendetwas Technisches feucht geworden: Als Flashguns die Bühne betraten und zum ersten Song „Come and see the lights“ ansetzen, fiel nämlich nach wenigen Sekunden erst einmal der Strom aus und alles stand im Dunkeln (und Leisen). Angesichts des Songtitels eine eher lustige Situation, die der Sänger mit der Verabschiedung „We’ve been Flashguns!“ kommentierte. Bevor die Band aber auch nur Anstalten machen konnte, die Bühne zu verlassen, hatte schon jemand den Sicherungskasten gefunden und alles lief wieder ohne Probleme.

Das junge Trio aus London machte laute Indierock-Musik und beherrschte aus meiner Sicht schon etwas zu viele Bühnenposen. Da hat wohl jemand eifrig bei „Guitar Hero“ geübt oder schon oft Matt Bellamy von Muse gesehen.

Die Band gab viele Titel ihres noch nicht erschienenen Debütalbums zum Besten und entschied sich dabei stets für lautere und gitarrigere Versionen.

Und im nun endgültig dicht, aber keineswegs unangenehm gefüllten Zelt wartete schon wieder die nächste Band, nämlich der Hauptact dieses Abends: Katzenjammer. Die vier Norwegerinnen spielten Balalaika, Banjo, Ukulele, Schlagzeug, Akkordeon, Mundharmonika, Hackbrett, Keyboard und Xylophon, und nach jedem Lied wurde die Instrumenteverteilung und Bühnenpositionierung neu durchgewechselt, wobei eine der Damen einmal drei Instrumente gleichzeitig bediente.

Dazu waren sie allesamt noch sehr speziell angezogen: Wir sahen eine gigantische Afroperücke, blonde Zöpfe mit Silberstern auf der Stirn, ein an das „Lady Marmelade“-Video erinnerndes Kurtisanenkostüm und überall schwingende Röcke und Schnürstiefel.

Obwohl Katzenjammer in Deutschland noch nicht in großen Hallen auftreten, merkt man ihnen zum einen an, dass sie bereits einiges an Bühnenerfahrung und –routine haben, andererseits scheint das Publikum auch zahlreiche textsichere Fans aufzuweisen. Dem begeisterten Auftritt mit engagiert vorgetragenen Folk-, Polka, Rock- und Countrysongs, dramatischen Bühnenkostümen, verrückten Frisuren und immer neuen Instrumenten kann man sich auch schwer entziehen. Dennoch: Meinen Musikgeschmack traf die durchaus sympathische Band nicht so recht, immerhin konnte ich mich aber an der riesigen Katzen-Balalaika erfreuen.

Neulich beim Festival der kurzen Wege (Teil 3)

Eigentlich war der Samstag der interessantere der beiden Festivaltage, denn nun spielten mit Slut, Get Well Soon und Hundreds gleich drei Bands, die wir tatsächlich sehen wollten. Da wir ja in Frankfurt bequem bei Bett, Dusche und Frühstückstisch genächtigt waren, reisten wir auch erst am späten Nachmittag wieder nach Mannheim und sahen dort als erste Band zunächst Mikroboy.

Die deutsche Band nahm letztes Jahr am Bundesvision Song Contest teil und kann deshalb als halbwegs bekannt eingeschätzt werden - auch, wenn ich vorab keines ihrer Lieder kannte. Für Gala-Leser wäre noch zu erwähnen, dass Sänger Michael Ludes der Freund von "unserer Lena" sein soll. Im Publikum befand sie sich dennoch nicht, dafür aber zahlreiche andere junge und vor allem weibliche Fans mit beeindruckender Textsicherheit.

Ich schätze, dass Fans von deutschsprachigen Bands Virginia jetzt! oder Fertig! Los! auch an Mikroboy gute Seite würden entdecken können. Ich konnte zumindest live an ihren Songs wenig Gefallen finden, die Interaktion mit dem Publikum wollte nicht so recht klappen, und ich und war zusätzlich noch dadurch abgelenkt, dass der Sänger und der Gitarris offenbar extradünne, weiße T-Shirts aus Mehrerpacks bevorzugen. Ja ja, ich bin oberflächlich, war aber auch zusätzlich abgelenkt: Während des Mikroboy-Auftritts traten auch die bei diesem Festival sehr spärlich vorhandenen besoffenen Idioten erstmalig in Erscheinung.

Die nächste Band (Abby) verpasste ich und schlenderte zum Essensstand, wo ich eine katastrophale Entdeckung machte: Das Veggie-Gericht des Metzgereistands (der, wir erinnern uns, der einzige Essensstand war), eine Gemüsepfanne, wurde nicht mehr angeboten. Auch die am Freitag noch vorhandenen Käsebrötchen waren nicht mehr vorhanden. Ich kaufte mir mangels Alternativen also zwei Schalen Pommes, um dann festzustellen, dass auch das Ketchup mittlerweile aufgebraucht war.

Na ja, wir waren ja auch nicht zum Essen gekommen, und im Zelt stand nun der Auftritt der tollen Ingolstädter Band Slut an. Endlich fühlte ich mich kompetent, denn ich hatte die Gruppe bereits vor einigen Jahren live gesehen und kannte auch alle ihre Alben - dachte ich zumindest, bis mich mein Freund darauf aufmerksam machte, dass ich offenbar erst bei der dritten Platte eingestiegen bin.

Verglichen mit dem Frankfurter Auftritt vor etlichen Jahren erschien mir die Band dieses Jahr selbstbewusster. Sänger Christian Neuburger erklärte mehrmals, dass es der Band (obwohl man Festivals sonst nicht sonderlich möge) großen Spaß mache, heute vor uns aufzutreten, und anders als bei Mikroboy nahm das Publikum die Komplimente auch begeistert an.

Setlisten-technisch haben wir bei diesem Konzert leider versagt, es wurden aber definitiv gespielt:

Staggered and Torn
Easy To Love
Still No one
If I Had A Heart
Die Ballade von Mackie Messer
Reminder

Leider ausgelassen wurde "Why Pourquoi".

Weiter ging es nun mit den Headlinern und, wie sich anhand der Bemerkungen während ihres Auftritts herausstellte, Organisatoren des Festivals, Get Well Soon.

Ich habe die Band in den letzten Jahre dreimal live gesehen, und es macht immer wieder Spaß. Die Arrangements von Konstantin Gropper sind stilistisch fast ebenso vielfältig und streckenweise theatralisch wie der Katzenjammer des Tages zuvor, aber hier führen musikalische Richtung und Grund-Düsterheit zu einem für mich viel angenehmeren Ergebnis.

Leider führte anscheinend weder die Tatsache, dass Get Well Soon der Festival-Headliner waren, noch der Status als Mannheimer "Lokalband" dazu, dass alle Besucher die Band auch tatsächlich sehen wollten. Zwar war das Zelt rappelvoll und der Applaus enorm, aber wann immer eine leisere Liedpassage kam (und die gab es oft), zeigte sich, dass der Gesprächs-Geräuschpegel im Publikum ohrenbetäubend war. Warum Menschen zu einem Konzert gehen, um sich dort gegenseitig ins Ohr zu brüllen, wenn sie dasselbe Gespräch auch in normalerer Lautstärke zehn Meter weiter weg führen könnten, muss man wohl nicht verstehen.

Die Band selbst hätte diesem Problem sicher mit einer etwas lebhafteren beziehungsweise lauteren Setliste bekämpfen können, andererseits hatten wohl auch die Künstler mit einem etwas aufmerksameren Publikum gerechnet.

Schwamm drüber, die Groppers haben mir auch dieses Mal wieder Freude bereitet. Lustig war auch Konstantins Ankündigung von zukünftigen Maifeld-Derbys, die von seinen Kollegen (den Festival-Organisatoren) mit einem panischen Grinsen nach dem Motto "Ach, wir machen das nochmal??" quittiert wurde.

Setlist Get Well Soon, Maifeld Derby, Mannheim:

01: We are safe inside while they burn our house
02: Seneca's silence
03: People Magazine front cover
04: We are free
05: 5 steps/7 swords
06: A voice in the Louvre
07: Listen! Those at sea sing a song on christmas day
08: Good Friday
09: Werner Herzog gets shot
10: We are ghosts
11: A burial at sea
12: Tick Tack! Goes my automatic heart
13: Angry young man
14: I sold my hands for food so please feed me

15: Red nose day (Z)
16: If this hat is missing I've gone hunting (Z)

Als letzte Band nicht des Festivals, aber unseres Besuchs trat anschließend auf der extra schwarz abgehängten Bühne Hundreds auf, ein Elektronik-Bruder-Schwester-Duo (live mit zwei Extraschlagzeugern unterwegs) aus Hamburg. Als Sängerin Eva Milner, die als einzige beim Kurz-Soundcheck die Bühne nicht betreten hatte, mit einem recht seltsamen Cape-Konstrukt erschien und abgehackte Ausdruckstanzbewegungen machte, befürchtete ich zunächst, dass dieser Auftritt für meinen Geschmack zu zickig-durchinszeniert sein würde. Neben der teils traurig-betörenden, teils auch tanzbaren Musik traten solche Überlegungen, wie auch die zum unterm Cape getragenen Sack-overall sehr bald in den Hintergrund. Hundreds machen outfitunabhängig sehr mitnehmende elektronische Musik, und wer The Notwist mag, wird hier sicher auch Gefallen, aber keine Nachahmung finden.

Schön waren auch die Lichteffekte auf der schwarzen Bühne, die bei uns zu einer großen Auswahl hübscher Silhouettenfotos führte.

Setlist Hundreds, Maifeld Derby, Mannheim:

01: Intro
02: Wait For My Raccoon
03: Machine
04: Fighter
05: Grab The Sunset
06: I Love My Harbour
07: Song For A Sailor
08: Rabbits (schien zumindest so auf der handschriftlichen Liste zu stehen)
09: Let's Write The Streets

Das war's also mit dem insgesamt durchaus erfolgreichen ersten Maifeld-Derby. Heute stand bei Facebook zu lesen, dass zu wenig Leute zum Abbauen anwesend seien und dass man sich über freiwillige Helfer freuen würde - als Gegenleistung wurden T-Shirts und Verpflegung geboten. Wetten, letztere war wieder 'ne Wurst?



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