Samstag, 28. Januar 2012

Mo' Fo' Festival, Saint Ouen bei Paris, 27.01.12, mit Loney, Dear u. Radical Face


Konzert: Mo' Fo' Festival 2012 mit Loney, Dear, Radical Face u.v.a.
Ort: Mains d'Oeuvres Saint Ouen bei Paris
Datum: 27.01.2012
Zuschauer: relativ gut besuchte Veranstaltung
Konzerte von 18 Uh 30 bis 24 Uhr


Och, menno! Verpennt! Da lege ich mich abends noch für 10 Minuten aufs Bett, lese ein wenig und aus den 10 Minuten wird ein 90 minütiger Tiefschlaf. Resultat: ich breche viel zu spät zum Mo' Fo' Festival vor den Toren von Paris auf und verpasse ausgerechnet meinen Liebling Loney, Dear! Aber die Müdigkeit, die ich durch die unzählbaren nächtlichen Konzertbesuche in den letzten 5 Jahren aufgebaut habe, ist nun nur noch schwerlich zu kaschieren und kompensieren. Ich bin oft platt wie 'ne Flunder, ausgelaugt, kraftlos. Eine Runde Mitleid? Nö, ist schon ok. Denn der Spaß, den die Konzertbloggerei nach wie vor macht, wiegt die Nachteile locker wieder auf. Dennoch frage ich mich manchmal, ob es sich wirklich lohnt, so viel Energie in die Sache zu investieren. Fast immer beantworte ich mir die Frage allerdings nach 10 Minuten selbt: ja, es lohnt sich!

Gedanken dieser Art gehen sicherlich nicht nur Bloggern, sondern auch sehr vielen Indiemusikern durch den Kopf. Lohnt es sich wirklich für solch kleine Gagen und solch mickrige CD-Verkäufe durch die ganze Welt zu touren? Massenweise Kraft zu lassen, in schäbigen Hotles, oder im Tourbus zu pennen, ständig müde und ausgepowert zu sein?

Fragen, die sich Emil Svanängen aka Loney Dear sicherlich auch schon gestellt hat. Bei seinem letzten Konzert in Paris hatte er wirklich schwer zu kämpfen. Er war nur mit seiner Backgroundsängerin Susanna erschienen, musste selbst neben der Gitarre die Trommel betätigen und die für ihn ungewohnte Looptechnik verwenden. Dabei unterliefen ihm viele Fehler und er tat mir fast ein wenig leid. Heute in Saint Ouen bei Paris hatte er aber immerhin wieder eine richtige Band am Start. Drummer Ola Hultgren (Ane Brun, Thus:Owls. etc.) war genauso an Bord wie Susanna und ein Bassist. Von dem Set der vier Musiker bekam ich aber durch meine Pennerei auf dem Bett nur noch zwei Lieder mit. Wengistens erklag noch Violent (I knever knew one like you"), eine funkelnde Perle von Dear John (2009), bevor I Dreamed About You das nicht sehr lange (nur 9 Lieder) Konzert beschloß.

Setlist Loney, Dear, Mo' Fo Festival 2012:

01: Name
02: I Was Only Going Out
03: My Heart
04: Everything Turns To You
05: Young Hearts
06: Loney Blues
07: D Major
08: Violent
09: I Dreamed About You




Nach kurzem Umbau nahmen drei Amerikaner die Bühne ein. Ihr Name: Radical Face. Live eine Band, ansonsten aber eher das Projekt des Singer/Songwriters Ben Cooper. Ein kräftiger, erdig wirkender Bursche mit Karohemd, uncoolen Turnschuhen und Beinahe-Glatze. Man hätte ihn bedenkenlos für einen Kanadier halten können, aber er kommt aus Jacksonville, Florida, einer Stadt, zu der er trocken bemerkte: "there are a lot of alligators and old people. That's it actually."

Nun ja, nach dem heutigen Konzert konnte man hinterher gut und gerne sagen: aus Jacksonville kommen blutrünstige Alligtoren, unter Rheuma leidende Rentner mit ordentlich gefülltem Geldbeutel und ... Radical Face! Der Auftritt war nämlich spitze und zwar durchgängig! Wer das 2007 er Album Ghost (erschienen auf dem tollen Berliner Label Morr) kannte, erwartete verhuschten, melancholischen Dream Pop mit folkiger und bisweilen leicht experimenteller (die Geräusche) Note, wurde aber mit einem im Vergleich zur Konserve erfreulich knackigen und indierockigen Auftritt beglückt. Ohne das melancholische Element zu verlieren, gingen die drei Amerikaner beherzt zur Sache und ließen es ab und an richtig krachen. Ben sang auch fester und eindringlicher als auf den Studioversionen und das fetzige Schlagzeug sorgte zusätzlich für Dynamik. Dennoch war das Konzert vor allem eines: nahegehend. Man spürte viel Verletztlichkeit im Gesang und den Texten von Cooper, obwohl er bei den Ansagen zwischen den Liedern immer mal wieder Witzchen machte* und oft lächelte, hatten wir es hier mit einem schwermütigem Zeitgenossen zu tun, der sich durch seine Musik vermutlich selbst therapiert. Weinerliche und gerade deshalb hochgradig tolle Musiker wie Elliott Smith, Bright Eyes oder Villagers kamen einem in den Sinn, aber auch amerikanische Collegerockbands standen Pate für den Sound von Radical Face.

Songtechnisch wurden sowohl Stücke von Ghost als auch von The Family Tree: The Roots und den EPs gebracht. Am stärksten fand ich Winter Is Coming, weil es da einfach alles gab, was das Herz begehrte. Melodica, eine wunderschöne sanft-traurige Melodie, einen gefühlvollen Gesang und furiose Gitarren.



Dabei war das später gespielte Welcome Home der eigentliche Hit (eine folkige Mitsinghymne), für den wohl viele gekommen waren. Aber streiten wir uns nicht, das Konzert war gleichmäßig gut und hinterher brauchte ich unbedingt das mir fehlende Album The Family Tree: The Roots, das es für schlappe 10 Euro am Merch zu erweben gab.


Wo wir wieder bei der eingangs gestellten Frage wären: warum machen Musiker das? Um drei CDs bei einem kleinen Festival zu verkaufen nach Europa zu kommen und eine Gage einzustreichen, mit sie vielleicht gerade ein mittelmäßig prickelndes Hotel bezahlen können? - Weil sie Idealisten sind, genau wie wir Blogger (ich lob mich gerade selbst, habt ihr's gemerkt?). Schön, daß es solche Lebenskünstler gibt, sonst wäre die Welt voller Steuerberater und Anwälte. Oder so.

Setlist Radical Face, Mo' Fo' Festival 2012:

01: A Pound Of Flesh
02: Wrapped In Piano Strings
03: Ghost Towns
04: Black Eyes
05: Doorways
06: Winter Is Coming
07: Severus And Stone
08: Always Gold
09: Welcome Home


* "Mo' Fo' Festival? I thought it meant Mother Focker Festival. But I learned that it stands for More Folk Festival."

Aus unserem Archiv:

Loney, dear, Paris, 19.11.11
Loney, dear, Paris, 03.07.10
Loney, dear, Paris, 02.07.10
Loney, dear, Haldern, 14.08.09
Loney, dear, Paris, 03.03.09
Loney, dear, Paris, 18.01.09
Loney, dear, Köln, 12.11.08
Loney, dear, Haldern, 08.08.08
Loney, dear, Frankfurt, 11.05.08
Loney, dear, Paris, 12.11.07
Loney, dear, Haldern, 04.08.07
Loney, dear, Paris, 15.05.07

Konzerttermine Radical Face:

01.02.2012: Paradiso, Amsterdam (mit Benjamin Francis Leftwich)
02.02.2012: Vera, Groningen
(mit Benjamin Francis Leftwich)
03.02.2012: Prinzenbar, Hamburg (mit Benjamin Francis Leftwich)
04.02.2012: Nordportal, Baden, Schweiz, One Of A MillionMusikfestival
04.02.2012: Roter Salon, Berlin
(mit Benjamin Francis Leftwich)
05.02.2012: Stadtgarten, Köln (mit Benjamin Francis Leftwich)
07.02.2012: Atomic Café, München (mit Benjamin Francis Leftwich)



3 Kommentare :

spoxlei hat gesagt…

herr oliver konzerttausendsassa,

mit immenser begeisterung, quer schielender inspiration und großem respekt folge ich fortwährend den schier unendlichen humorbespickten konzertabenden im täglichen pariser mmusikdschungel.

einstweilen recht vielen dank für einen der wenigen augenzeugen eines ben cooper abends, solche sollen ja rar gesät sein im europäischem kosmos. ich wusste, dass er was aufm kerbholz hat, aber wenn herr peel das momentum unterstreicht, kann es einem ja nicht open genug sein! ich erwarte demnächst ebenfalls brilliantes tennis...
daher werde ich den kerl und seine zwei gefährten ebenfalls auf herz, ohr und gespühr prüfen in muc!

herzliche grüße von der isar an die seine,
bandscheibenspox,

rein interessehalber mal hier entlang...
http://bandscheibenrecords.blogspot.com/

ach: ich habe mich mal wieder dabei ertappt, einen meiner persönlichen ami-lieblingskünstler erneut lobzuschätzen und hochzuhudeln.

wo, dürfte ja klar sein.

Oliver Peel hat gesagt…

Danke für die netten Worte!

In der Tat kreuzt Ben Cooper sehr selten in Europa auf, möglicherweise war es seine ersten Tour durch den alten Kontinent überhaupt.

Zu erwähnen ist vielleicht noch, daß sich Ben kurz vor Tourstart im Fitnesstudio verletzt hat und im Sitzen performen musste. Man kann das alles auf seiner Homepage nachlesen.

Beste Grüße an die Isar, deinen Blog schaue ich mir gerne an :)

spox hat gesagt…

gern geschehen. bitte sehr. die schreibzunft weiß das ja zu würdigen...

insgeheim hatte ich ja gehofft, die band in eurer auflistenden empfehlung `angehende konzerte` jan,feb,märz untergejubelt zu finden. das neulich mehr als zufriedene musische beiwohnen rechtfertigt nun den gedanken in voller länge.

von ben`s anhaltender unglückssträhne wusste ich. daran und an solch spezifischen dingen erkennt sich wohl unsere `besessenheit`oder zumindest versiertheit im fach. scheinbar funktioniert auch sitzkunst.

anfangs kam mir bei "unter rheuma leidende rentner" buchstäblich das in den sinn und musste sofort schmunzeln, da weiß aber jmd wieder bescheid! nur ein rentner ist ben ja beileibe noch lange nicht, da war das rheuma leidend eindeutig stärker assoziiert...

by the way: clap your hands say yeah? ja. nein. sehen und sichten. danach gewichten. bin ziemlich unschlüssig...

deren erste lp funkrtioniert sehr gut, davon auch viel in ihrer momentanen setlist, jedoch etwas lahm umarangangiert, habe ich teilweise den eindruck. `let the cool godess rust away` ist zum teil ja nicht mehr wiederzuerkennen, dessen treibende dynamik wirkt arg ausgebremst und beinahe langweilig im vgl zu früherem. muss irgendwie mit dem neuen longplayergerdankengut zu tun haben, das einen ja nicht unbedingt vom sockel heben mag.

gruß retour,
beatspox.

 

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